Es ist ein

komisches

G e f ü h l

 

Eine Erzählung

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2016.)

 

Peyton Farquhar war tot; sein Körper
schaukelte mit gebrochenem Hals sanft
von einer Seite zur anderen unter den
Schwellen der Owl-Creek-Brücke.

Ambrose Bierce, Ein Vorfall an der

Owl-Creek-Brücke

 

*

Die Leere sang, schwer waren die Glieder,
aber leicht und schwebend das Leben, Flügel
bekam das Herz wie in der Stunde besiegten
Sterbens. Fernab flatterten schwarze Ängste
nieder, kein Dunkel drohte mehr, es wartete
keine Gewalt, keine Furcht zuckte auf am
weiten, glücklichen Horizont eines
wunderbaren Tages.

Joseph Roth, Der blinde Spiegel

 

*

A) Plötzlich

 Es ist ein komisches Gefühl, denkt er, plötzlich auf seine eigene Leber zu steigen und kurze Zeit später sein nicht minder eigenes Herz zu zerquetschen. Übrigens – ohne Füße, weil einem die abgehackt worden sein müssen; wie auch die Hände, hält man sich doch die Armstummel betreten vor die geblendeten Augen. – Wie bitte?! – Ach so, man ist ja auch taub zu allem Überfluss …

Ja, es ist ein komisches Gefühl, zu merken, man müsse vor kurzer Zeit (oder auch schon vor längerer, wie auch immer) umgebracht worden sein. Das Gefühl für den Begriff Tempus fehlt nämlich auch. Temporär ist (zumindest temporär) nicht vorhanden … Die Zeit ist weg.

Also: Umgebracht. Geschändet. Totgemacht. Vernichtet. Entzeitet.

Das alles zeitigt ein komisches Gefühl.

Es ist zudem bedrückend, das (ohne jegliche Vorbereitung noch dazu) einfach zu merken.

Oder dessen gewahr werden zu müssen; nämlich, dass es so ist; oder dass zumindest einiges dafür spricht.

Nun denn.

*

In der Tat. Da muss etwas Gröberes geschehen sein in der Nacht, die jetzt vermutlich schon vorbei ist. (Schwer zu sagen – ohne Augen, Ohren und Zunge. Und ohne Zeit.)

Da muss einiges geschehen sein. Aber – was?!

Das schlechthin Komische am Tod-Sein, so kann man annehmen, ist eigentlich das Paradoxon: Tod-Sein. Da man als Mensch fast automatisch davon ausgeht, dass Tod (also Nicht-Leben) und Sein (Leben) Widersprüche darstellen.

So muss es das jedoch nicht spielen. Nein.

Zweite Irritation: Beim Leben wie beim Tod weiß man (also er) im Grunde nicht, wie es sein oder werden würde. Diese große Unbekannte bleibt in beiden Fällen bestehen. (Und war vermutlich, schon allein aus Kostengründen, identisch.)

Noch etwas: Dass nach dem sogenannten Leben – und da mochte das noch so inferior, mickrig oder mittelmäßig verlaufen sein – der Tod kommen werde, das musste er als gegeben annehmen. Nolens volens akzeptieren. Freudig oder mit den Zähnen knirschend. Egal.

Und auch, dass vor dem Tod ein Leben stattgefunden habe (wie auch immer qualitativ ausgestattet, immerhin indes: sein Leben!), schien ihm soweit verständlich. Ja, ein Tod setzte geradezu ein Leben davor voraus. (Während ein Leben ohne Tod zumindest ebenfalls denkbar gewesen wäre; aber unüblich schien. Mehr als unüblich.)

Er befand sich immerhin in einem Dilemma. (Und das bleibt so. Wir können also ohne weiteres auch formulieren: „Er befindet sich immerhin in einem Dilemma.“)

Leber- und herzlos, ohne Hände und Füße, blind, des Geschmacks beraubt und taub. (Alles andere hatte er noch gar nicht überprüfen können. Wie auch?!)

Und in einem Dilemma.

Aber, vielleicht noch entscheidender: Wer war er – gewesen?

Und wer war er jetzt?

(Oder war er nur tot. Und das genügte?! – Respektive: „Ist er nur tot. Und …“ Et cetera.)

 

*

Man kennt das ja (oder glaubt zumindest, das zu kennen; was indes ziemlich auf dasselbe hinausläuft): Da knarrt eine Diele, knackst ein Schalter, birst eine Fensterscheibe et cetera. Da fingert sich ein Schatten das Stiegengeländer hinauf, unaufhörlich; während ein wenig weiter unten lautlose Schuhe aus Dunkelheit Stufe für Stufe nehmen.

Angst.

Der, um den es später dann gehen wird, wenn es sich also endlich ums Ermordet-Werden dreht, der liegt im Bett und wiegt sich, schlafend, in Sicherheit. Oder aber er hockt, so er über einen solchen verfügt, in seinem düsteren Weinkeller und besäuft sich lustvoll beim Schein irgendeiner Wachsfunzel am süffig-herben Grauburgunder. Vielleicht sitzt er aber auch im Lichtkegel einer adretten Stehlampe in der wohlbestückten Bibliothek und liest wieder einmal in Montaignes „Essais“. Oder er hängt, schmerzgebeutelt und hautkrank wie üblich, in der Badewanne wie der gute alte Jean Paul Marat, bevor ihn die Charlotte de Corday d’Armont anno 1793 abmurkst. Wer weiß.

Alles ist möglich, bevor der Tod kommt.

Nur dass er nie kommen würde, ist allem Anschein nach unmöglich. (Obwohl wir uns leider immer auf den Anschein, fremde Überlieferung und andere Fallbeispiele verlassen müssen. Und vielleicht, so die Hoffnung, doch die Ausnahme sind – nämlich unsterblich …)

*

Er möchte die leidige Sache mit Gott auch gleich wieder hinter sich bringen. Diese Frage aller Fragen, wie oft pathetisch gesagt wird. Jetzt, da er bibbernd und kalt-schwitzend im Bett liegt, aufgeschreckt durch – ja: wodurch denn eigentlich?! Da bei ihm längst schon jeder huschend-irrende Lichtstrahl, wenn ein solcher in die sonstige Finsternis bricht, nackten Schrecken auslöst; da er angstvoll auf jedes Knacksen der alten Dielen lauscht und ihm jeder unbekannte nächtliche Laut, der aus dem gewohnten akustischen Teppich fällt, so, wie ein Faden aus einem leider doch nicht ganz vollkommen gewobenen Gobelin absteht, seinen Grund-Horror noch verstärkend, im Wortsinn auf die Nerven geht. (Und er hat eben nur die, die er hat!)

Er scheißt sich fast an: Jetzt, plötzlich aus der Idylle seiner Besoffenheit und seines schier antiken, dunklen Weinkellers gerissen; ohne die vorgetäuschte Sicherheit der altvertrauten niedrigen Bögen und Gewölbe mit den nachgedunkelten Ziegeln; und, wenn es sein müsste, kaum Halt zu finden auf dem fettigen Lehmboden, der alles an Schatten verschluckt und jedes Geräusch absorbiert, bevor es erst entsteht, und befangen in den satt-derben Gerüchen von strenger Gärung, süßlicher Umwandlung und saftiger Wallung hier, in den verschieden weit fortgeschrittenen Verwesungs- und Alkoholisierungsstufen. Jetzt, zurückgeworfen jäh in einen beinahe schon katatonischen Zustand völliger Bewegungsunfähigkeit und weitestgehend außerstande zu jeglicher Abwehr, da auch alles an Grauburgunder, süffig-herb wie auch nur, nichts nützt und ihn mitnichten beschützen kann vor der elementaren Angst!

Auch all die Vieltausend Bücher vermögen ihm, der er mit einem Mal, verdutzt, wie er merkt und quasi aufgeschmissen, in der riesigen, mit Büchern aller Art bestens angefüllten und vollgestellten Bibliothek sitzt im Schein der adretten Stehlampe, jetzt nicht mehr zu helfen, da sich das Unausweichliche nun einmal angekündigt und wortlos angesagt hat.

In der Badewanne wäre es ohnedies a priori ungemütlich gewesen. Ob mit der Corday oder ohne dieses fanatische Weib mit dem Messer.

Bleibt also die (zugegeben, ein wenig kindisch anmutende) Frage nach Gott.

Ob der, Gott also, schon vor dem Universum (irgendwie muss er, unser Angsthase und Toter in spe [in spe?! Haha!], das alles ja – und nach Möglichkeit: neutral – benennen und klassifizieren), ob Gott also vor dem Universum oder erst im Zuge der Evolution (vielleicht auch: als es oder sie, somit in Gestalt des Universums oder der Evolution selbst?) auftaucht; oder später dann, im Zuge der sukzessiven Entwicklung. Wie ein unwirscher, misstrauischer Bauherr, der die vermutlich wieder einmal hingeschluderte Arbeit der womöglich fehlerhaft werkenden Professionisten vielleicht ein-, zweimal wöchentlich streng überprüft und schlimmstenfalls als Pfusch in Grund und Boden kritisiert und grimmig-unversöhnlich rascheste Verbesserungen anordnet und befiehlt! Und keine noch so inferiore Gehirnwindung opfern würde für den Gedanken daran, dass womöglich sein, des (als Schöpfer bloß dilettierenden) Bauherren Plan grundverkehrt und somit die eigentliche Fehlerquelle aller folgenden Irrtümer sein könnte?!

 

Angenommen: Dieser Bauherr sähe im Licht eines kurzen Geistesblitzes ein, dass manches an dem, was ER hier so alles erschaffen oder ausgelöst oder in die Wege geleitet hat, zu komplex, zu fehleranfällig und zu empfindlich (weil schlichtweg zu überkandidelt) ist? Was tun, sprach Zeus … Wäre eine einfachere Variante nicht vielleicht die bessere gewesen (wenn auch nicht so elegant), eine ohne Chlorophyll und Photosynthese, ohne das leidige Essen, Verdauen und Scheißen? Eine weniger umständliche Regelung der Fortpflanzung, der Aufzucht und dieses ganzen eher heiklen Gebiets? Eine, die weitgehend ohne Krankheiten, ohne Ängste, ohne angebliche Sünden und deren Bestrafung, ohne Gnade beziehungsweise Verdammnis auskommen könnte? Praxisnäher, funktionabler, schlichter …

*

Aber und um es auf die wenig originelle Konstellation von Henne & Ei (und die unausbleibliche saublöde Frage, wer denn zuerst da gewesen sei von den beiden?) herunterzubrechen: Wer war tatsächlich zuerst da, Gott oder der Mensch? (Abgesehen davon, dass es womöglich kein Zuerst gibt, weil die Raum-Zeit-Achse – oder so ähnlich – wieder einmal gebogen ist zu einer Kurve [zu einem Kreis] oder überhaupt ein absonderliches, noch dazu elementar: dreidimensionales, räumliches Knäuel bildet …)

Oder anders herum: Haben sich also die Menschen ihre Götter selber ausgedacht und folglich geschaffen, wie es die diversen kuriosen Menschheits- und Gottheits-Geschichten nahelegen, so stellt das bestenfalls ihrer opulent-abwegigen Phantasie und unter Umständen ihrer skriptoralen Fähigkeit ein immerhin eigenartiges Zeugnis aus.

Verfügte indes der angeblich so liebe Gott über Hände und hatte er die schöpferisch im Spiel gehabt, so degradierte er sich ziemlich hinunter mit der Brut, die er aus sich und Seinesgleichen (in vielen literarischen Fällen – sozusagen: menschgleich) anfertigen hatte lassen … Kein so besonders bewundernswertes Design jedenfalls.

Sollte es indes tatsächlich etwas Gottgleiches geben, so legte das, angesichts der von diesem Un-Wesen offerierten Schrecklichkeiten, manchen Zweifel nahe, betreffend diesen angeblich liebenden Gott, der sich indes hauptsächlich als ein rächender Gewaltherrscher geriert; und sich, mehr noch, als ein ziemlich hinterhältiger Lustneider und Kriegsschürer abbilden (sic!) und schildern lässt von seinen hominiden Historiographen. Von diesen, seine imaginären Fußabdrücke schleckenden Schönschreibern, die da bestenfalls dem Wort, nicht jedoch der Wahrheit hinterher hecheln und sich stets aufs Neu bei ihm anbiedern. Selbst im schönfärberischen Spiegel dieser nichtsnutzigen Speichellecker und Afterliteraten hätte dieser Gott dann nichts an sich, was irgendwie anheimelnd und Zutrauen erweckend in der ohnedies schon hoch-komplexen und überaus sensiblen Situation zwischen Leben & Tod zu wirken imstande wäre. (Erwähnen wir hier besser erst gar nicht die waghalsige Theodizee; oder -)

Warum der ganze Aufwand, stellte sich auch schon die nächste Frage. Warum einerseits der sogenannte freie Wille, wenn andererseits ohnedies längst schon alles vorbestimmt war?! Warum ein Leben – dieses Leben – als Prüfung, als Test? Weil, zum Exempel, zu wenig Platz zur Verfügung steht in dem zum Zwecke der Ewigkeit entsprechend adaptierten Jenseits? Weil nur so und so viele hineinpassen in den Himmel (übrigens auch die Höllenplätze reichen vermutlich nicht ad infinitum aus. Wobei, zugegeben, ad infinitum in diesem Zusammenhang ein wenig kurios klingt.)

Warum die Unabwendbarkeit des Todes als permanente Drohung? Warum nicht alles gleich wie bei den Tieren und Pflanzen? Also, wenn es schon einmal so sein muss: Geboren werden – leben – sich vermehren – sterben. Und irgendwie weiterexistieren im All, als Staubkorn, Atom oder Photon (et cetera) oder sonst als was Hübsches …

Denn Individualität ist unter den obwaltenden Umständen in Wahrheit eine schiere Zumutung. (Respektive, vom Menschen aus betrachtet, eine Anmaßung …) Zudem bloß eine schwache Umschreibung für das Feuer, das, der antiken Sage nach, der kecke Prometheus den unaufmerksamen Göttern listig entwendet hat!

Und wenn Gott schon war, und sich dann erst die Schöpfung vollzog – dann warum so?!

Mit Kriegen, Krankheiten, Nöten – und das alles im ständig drohenden Schatten des Todes?

Wenn da nicht Menschen-Quälerei im Spiel ist …

Und dann: Zu allem Überfluss werden die Befehle und Losungen auch nicht persönlich ausgegeben. Zu den oben erwähnten Afterliteraten, Schönfärbern und schreibenden Speichelleckern gesellen sich dann auch noch Propheten, Visionäre, Hysteriker und andere Gemütskranke. Sie spielen die Postboten. Kuriere und Botschafter, vielleicht um so auch ein bisschen Ruhm abzubekommen, wie er in Gottesnähe eben so anfällt, damit sie ihr kaputtes Ego sanieren können. Oder aus Wichtigtuerei heraus.

Zusätzlich haben dann, wohl um die Quellenlage noch mehr zu verdunkeln, je nach Zuschnitt der betreffenden Glaubensgemeinschaft Interpreten und Dolmetscher, Märtyrer und Blutzeugen, Deuter, Patrone und Überwacher ihre Hand im dunklen Spiel. Überdies schneiden Kirchenväter, Pseudo-Gelehrte, Hohepriester und Inquisitoren mit, kurz, um ein Bild aus dem Sport zu verwenden: Funktionäre.

Fazit: So kann wohl keine Rettung in Sicht sein. Allein der Apparat schon ist zu aufgebläht.

*

Wie sagten wir vorhin: Warum nicht alles gleich so wie bei den Tieren und Pflanzen? Geboren werden – leben – sich vermehren – sterben. Ganz einfach. (Anders vielleicht nur bei Gestein und diversen rein anorganischen Formen respektive biologischen Zwischenstufen.) Man würde sich als Mensch im Grund genommen eine Menge ersparen; denken wir doch nur an die übertriebene Hygiene. Ans Rasieren, Schminken, Deodorieren, ans Enthaaren und Frisieren; und wie die Prozeduren alle heißen mögen. (Allein schon sozusagen: haarfeine Unterscheidungen wie Epilation und Depilation müssten einem dann erst gar nicht einfallen.) Nicht, dass wir Menschen die Tiere um ihre – größtenteils ohnedies vom Menschen und seiner Habgier sowie seinem Profitdenken gelenkten – Lebensform beneiden sollten, nein; dazu geht es Legehennen und Stopfgänsen, Mastferkeln und Laborratten, Pharma-Schimpansen, Film- und TV-Viechern, Versuchskaninchen und Rennpferden in der Tat schlecht genug! Indes würden wir uns ziemlich viel an falschen Hoffnungen ersparen, wäre ein Leben, reduziert rein auf seine biologischen Abläufe, für uns vorstellbar und akzeptabel.

Dann hätte die Sache zudem eine gleichsam kompakte Form: Geburt, Leben, Fortpflanzen, Sterben als natürliche Stationen. (Egal übrigens, ob es danach tatsächlich endgültig aus sein sollte, oder ob da irgendwer – aus Gnade oder Gehässigkeit – eine Coda anhängen wollte.)

Schon der gute alte Goethe lässt in seinem „Faust I“ den rhetorisch recht gut ausgestatteten Mephisto vom „Schein des Himmelslichts“ sprechen, den der dafür von ihm, dem Teufel, auch heftig kritisierte Gott dem Menschen (dem kleinen Gott der Welt), dem ansonsten ziemlich unbedarften Bewohner der Erde also, „gegeben“ habe; und den dieser „Vernunft“ nenne, um, ungeachtet dessen, „tierischer als jedes Tier“ zu leben … Ja. Was ist wirklich damit? Unter welchen Scheffel hat (und:) wer es gestellt?!

Klar. Es geht da natürlich nicht vorrangig ums zeitraubende Rasieren, um die Verwendung eines entsprechend wohlriechenden Deodorants oder ums Herausputzen des ohnedies sukzessive dahinsiechenden und verfallenden Körpers. Es geht vielmehr um eine höhere Idee, die sich möglicherweise dahinter befindet; um einen (Schöpfungs-)Plan.

Um ein Konzept, das nun einmal, unterteilt in die Abschnitte Zeugung (respektive Empfängnis), Aufzucht, Dahinsiechen und Absterben, ein durchaus kompaktes Programm umfasst; und das – zumindest in groben Zügen – einem gewissen Plan entspricht.

Und den hat man uns immerhin eingeredet – nach allen Regeln der Marketing-Kunst.

Wobei die Religionen als probate Vermittler und Anpreiser fungier(t)en. Zunächst als Reisende in Sachen Seelen-Verunsicherung, leise vorfühlend und das Terrain sondierend. In der zweiten Stufe dann, um mit Nachdruck entsprechende Versicherungspolicen für die Seele und für deren komfortables Weiterleben an den Mann und an die Frau zu bringen.

Die Schöpfung hat da, gewissermaßen, den Schuh in der Tür, um es im Jargon der Reisenden zu sagen.

Ja, so funktioniert das.

Übrigens: Das ganze Brimborium gerät, weil das wohl besser so ist, möglichst rasch (bedingt durch den Geburts-Stress oder so) im Nu wieder in Vergessenheit. Das Neugeborene weiß also nichts von dem Kuhhandel.

Ja, wie gesagt, so funktioniert das.

Bis es plötzlich und mit einem Mal nicht mehr funktioniert.

Dann ist der Versicherungsnehmer nämlich tot.

Egal, wie.

Hauptsache: tot.

Verreckt im weitesten (oder sogar im engsten Sinn) durch Mörderhand. Ob im Bett erstickt; ob im Weinkeller verröchelt; in der Bibliothek hingemeuchelt; in der Badewanne aufgeschlitzt.

Tot.

Ach du liebe Zeit.

*

So viel zum solistischen Abgang.

Doch versuchen nicht viele Menschen, sich vor so viel finaler Einsamkeit zu schützen – nämlich durch die Bindung an ein anderes Wesen? Werden da nicht Unmengen an echten (oder eingebildeten) Gefühlen akkumuliert, sodass (unter Umständen) ganze Gefühls-Haufen und Emotions-Halden entstehen? Deponien so gar?

Nicht zuletzt wohl mit dem Hintergedanken, am Ende nicht allein ins Grab fahren zu müssen … (Was einem, nebenbei, ohnedies nicht erspart bleibt, konsequent durchdacht. Denn auch manche Pharaonen, chinesische Großkaiser oder sonstige Potentaten, die sich da in der Geschichte gemeinsam mit ganzen Heerscharen – ob aus Ton, Stein, Metall oder Mensch – eingraben haben lassen, mussten letztlich allein abkratzen … Doch das nur so nebenbei …)

Beim gemeinsamen Altern sollte man sich nur ja nicht allzu romantischen Vorstellungen hingeben; etwa dahingehend, als dass dieser sukzessive Vorgang des Verwelkens, wie man es uns im Fall des entzückenden antiken Pärchens Philemon & Baucis geschildert hat, in der Realität dann tatsächlich so besonders reizvoll sei.

Nein, nein.

Das paarweise Vergreisen, diese korporative, pärchenweise Obsoleszenz, hat in Wahrheit nicht allzu viel Erstrebenswertes an sich. Um aus ihr tatsächlich Vergnügen zu ziehen, bedürfte es schon eines sehr speziell ausgeprägten Gusto. (Oder, in die Gegenrichtung gedacht, des raschen Aussetzens möglichst am besten aller Sinnesorgane …)

Ja, gewiss, das gemeinsam vor sich hindämmernde greise Ehepaar vermag sich vielleicht, eine Zeit lang an den duettistischen Reminiszenzen zu ergötzen; so sie den beiden überhaupt noch rückbesinnbar erscheinen … Da in aller Regel jedoch die Hinfälligkeit – geistig wie körperlich – trotz aller Liebe und lange schon eingelernten Synchronität nicht unbedingt bei beiden betroffenen Partnern parallel verläuft und vor sich geht, erscheint das Siechtum nicht selten eher ungerecht verteilt: auf einen Partner, der dahinsiecht, und einen, der zu pflegen hat. Auf einen, der vergisst, und auf einen, der nicht vergessen darf …

Doch wer sich als menschlicher Solist auf der sichereren Seite wähnt (zumindest, was etwaigen solcherart umgangenen Schmerz durch Verlust betrifft) und lieber bei Zeiten unter die Haustierhalter gegangen ist, muss später möglicherweise die Hinfälligkeit seines treuen animalischen Gefährten und so positiven (wie possierlichen) Begleiters seiner späten Tage bedauern. Wobei die zusätzliche Erschwernis hinzukommen kann, aufgrund der weitgehenden Sprachlosigkeit der Tiere (auch bei größtmöglicher Nähe und Vertrautheit) um deren tatsächlichen Krankheitszustand nicht sogleich Bescheid zu wissen.

Ob Gemeinschaft mit einem Ehegespons, der sukzessive zum Ehegespenst mutiert, Lebensbund oder enge, von Liebe bestimmte Gemeinschaft mit einem, dem Halter längst ans Herz gewachsenen Tier – es rundet sich, einmal allmählich, dann wieder plötzlich – die Menge von Einzelanzeichen letztlich zum bitter-traurigen Resümee: Wenn der Tod sich final ankündigt, müssen zwar zwei von einander Abschied nehmen; die Frage, wen es nun schwerer erwischt dabei, die bleibt indes offen.

Können die erinnerten schönen Momente für den bitteren Nachgeschmack, der sich da stetig schon angekündigt hat, tatsächlich entschädigen?

Vermutlich müssen wir noch froh sein, wenn uns überhaupt solche Erinnerungen bleiben. Noch schlimmer nämlich dürfte es wohl sein, wenn nicht nur die Menschen und Tiere stürben, sondern auch der Geist der angeblich (eine Zeitspanne lang noch) Überlebenden …

Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben …

Aber: Sollte es dieses DU erst gar nicht geben – wäre dann alles wirklich leichter?!

An diese insgeheime Offenbarung war er zu glauben allerdings auch nicht in der Lage.

 

B) Anfangs

 Jetzt haben wir die Bescherung. Und er muss sich erst einmal daran gewöhnen. Er muss sich daran gewöhnen, tot zu sein. Denn wie es für das Neugeborene (das – Neutrum!) einiges an Gewöhnungsbedürftigkeit bedeutet, neugeboren zu sein, ist es auch für den Neugestorbenen gar nicht so leicht, seinen aktuellen Zustand in der ganzen Tragweite (obwohl er, der Tote, nicht der Zustand, noch gar nicht auf der Bahre respektive im Sarg an den letzten Ort getragen worden ist …) richtig einzuschätzen.

„Aha“, sagt der Tote, leicht verwirrt. „Das ist gewöhnungsbedürftig.“

Und er sieht fragend schräg nach oben, wo ihm – je nach Veranlagung und Temperament – vielleicht ein Lichtschimmer zu glimmen scheint; oder auch nicht. (Samtene Dunkelheit? Kelleratmosphäre? Gruftschwärze? Egal …)

Er hätte, ähnlich dem neugeborenen Rehkitz, natürlich auch von der Mähmaschine zermalmt werden können, dort im hohen Gras und in unmittelbarer Nähe des hübschen Wäldchens. Vielleicht wäre es dann leichter gewesen – alles … (Wir wollen hier einmal außer Acht lassen, wie die Rehmutter reagierte auf sein Ableben; ob überhaupt und zu wie viel, zudem: zu welcher Form von emphatischer Empathie fähig?! Ob sie sich, zum Beispiel, Vorwürfe gemacht hätte, ihrer Absenz wegen?! (Nein, so weit wollen wir nicht gehen. Die nächste Unterstellung sähe womöglich einen ungehörig in die Länge gezogenen Plausch mit Artgenossinnen in einer Konditorei für Wildtiere vor et cetera. Nein. Das nicht, bitte!)

Er hätte allerdings auch, und das dann schon im Erwachsenen-Zustand, als längst ausgewachsener Rehbock also, auf – angeblich so hehre – weidmännische Art und nach den goldenen Regeln der Jagdkunst (sic!) erlegt, sein Leben aushauchen können. Egal.

Tot wäre er in jedem Fall.

*

Nun hat man uns allerdings (weil wir es uns aber schon so was von wert sind!) außerdem noch daran gewöhnt, ein schier barockes, von Gold durchwirktes und aus edlem Stoff gewebtes Angstkleid um uns herum und an unserem Körper zu spüren; als eine Art zweiter Haut. Als eine Art Horrorhaut, sozusagen. Die lässt uns – bei aller Kompaktheit – schlottern. So richtig bibbern und in Zuckungen verfallen wie das berühmte Espenlaub.

Dann erst, nämlich, können wir uns so richtig wohl fühlen im Unwohlsein.

Unsere Ängste wären nämlich nicht in der Tat unsere Ängste, lenkten wir sie in Wahrheit nicht selber. Und wir tun es zu unserem Schlechtesten.

Ja, wir entwerfen uns die Geisterbahn höchstpersönlich, auf der wir uns später dann fürchten. Wir vergessen nur (wie die Babys, woher sie gekommen seien …) dummerweise die Konstruktionspläne des Folterwerkzeugs.

Wenn wir dann vor den sich automatisch öffnenden Toren (die zwar aus Pappmaschee gefertigt sind, aber so echt aussehen, wie in unseren ärgsten Angstträumen!) kurz halten und gewahr werden, dass wir uns gerade angepisst haben aus Furcht, wenn uns also, egal wie alt geworden wir aus sein mögen, kleinen Kindern gleich vor den eigenen Horrorprodukten so richtig die Haare zu Berg stehen und die Knie schlottern: Dann ist es an der Zeit, für Nachschub an Glaubensbrennholz zu sorgen. Denn der Kamin muss stets aufs Neue befeuert werden, damit wir uns gruseln können bis zum Wahnsinn! Damit wir sogar annehmen, nur in der Hölle (die haben wir, richtig!, auch erfunden zu diesem Zweck) könne es ärger sein …

Doch die Hölle bedarf wiederum anderer – wenn auch durchaus ähnlich gelagerter – Begründungen. (Und da erweist sich erneut die Kirche als verlässlicher Einflüsterer.)

Doch hier, das war unsere Königsidee!, kommt (unter Fanfarenstößen) der eigentlich liebende Gott ins Spiel, dem nur vor unserer Schlechtigkeit derart graust, dass er flugs schweren Herzens zum strafenden Gott mutiert. Und wenn so ein Gott ein schweres Herz hat, dann wiegt das einiges. Dieses schwere Herz zieht ihn, den Gott, der wie sein – zugegeben: eher schwach reimeliger – Freud der Tod, ohnedies ein Wiener sein muss, Wein-selig zu Boden.

Ja. Der Gute ist in der Tat beinahe überfordert.

(Ich weiß, das geht natürlich nicht; denn überfordert kann er gar nicht sein, weil er nun einmal als allmächtig gedacht und angelegt worden ist – vor Zeiten und von uns! Als allwissend, allgegenwärtig, was weiß ich, als allenthalben all- … O. K.)

Ja, kurz und gut: Das System, unser System, es funktioniert. Tadellos. Also, wenn es dazu nicht wiederum einer gewissen Genialität bedurft hatte, fresse ich einen Besen!

Fazit: Ich schaffe mir am besten selbst einen Gott, der mich geschaffen hat.

*

So kurz das Leben auch immer erscheinen mag – manche halten es sogar für viel zu kurz, im Vergleich zum Aufwand, vorher und nachher -, so kurz also dieses Leben auch immer erscheinen mag, es gibt durchaus noch zusätzliche Tendenzen zur tatkräftigen und effektiven Verkürzung desselben.

Die an sich schon gegebene Obsoleszenz (er liebt das Wort heiß!) wird zum Beispiel durch die Verwendung des Menschen für den Krieg unter Umständen erheblich beschleunigt. Kaum ins Gewicht fällt dabei, ob der betreffende Betroffene selbst überhaupt bei einem Krieg mitmachen möchte. Und auch, ob er sich zum Helden (oder bloß zum Kollateralschaden) eignet, spielt keine Rolle. Denn der Krieg ist ja in erster Linie überhaupt keine Frage der Begabung. Nicht einmal der strategischen übrigens, von der angeblich seine Oberbefehlshaber erfüllt sein sollen; was indes vermutlich ein Mythos ist – wie das blöde Wort, das dem Heraklit angedichtet wird, nämlich das vom „Krieg als Vater aller Dinge“.

Ja, doch! Den Krieg habe, so verkünden es immer noch die diversen Lexika (und das Internet), der griechische Denker Heraklit allen Ernstes als Vater aller Dinge bezeichnet! Das ist jedoch stark anzuzweifeln. Und weniger dem Umstand, dass irgendein alter Grieche etwas derartig Schockierendes vor sich hin gebrabbelt haben könnte, gilt unser Misstrauen (nein!, darin waren die Kerle ganz gut …!), sondern der Inhalt des Gebrabbels an sich scheint mehr als fragwürdig! Denn abgesehen davon, dass man – zumindest vor der Entdeckung der DNA (desoxyrbonucleic acid; oder DNS, Desoxyribonukleinsäure) – vom alten römischen Rechts-Spruch pater semper incertus est auszugehen sich angewöhnt hatte, ist dem antiken Griechen-Kalauer nur bedingt zu trauen: Riecht er doch schon meilenweit gegen den Wind nach allzu gern benützter Ausrede für Blutrünstigkeit, Rachedurst und Lust am Töten, für das der Mensch leider alle Zeit bekannt war; und immer noch ist.

Wieder einmal also fungiert vermutlich der Wunsch als Vater (schon wieder!) des Gedankens.

Alles müsse stets im Fluss sein (oder Panta rhei, wie – ebenfalls diesen Heraklit zitierenden – die zu sagen pflegen, die als besonders gebildet gelten wollen). Folglich sei einzig und allein die Veränderung der Motor des Fortschritts. Ergo – sei es der Krieg, auf den es zu setzen gälte. Denn der Friede führe höchstens zu Bequemlichkeit, Muskelschwund und Verfettung. (Eine Einsicht, die sogar Adolf Hitler überkam; angeblich, als er seine eigene Nichtigkeit im Spiegel und seine Führungsgenossen um sich herum gewahrte.)

Da lobe man sich doch den frühen Heldentod – quasi als Gesundheitselixier.

Es sei hier, sozusagen: nur als Fußnote, vermerkt, dass auch gerade Autoren im Gefolge des arischen Überdenkers Adolf Hitler und seinem literarischen Kolossal-Machwerk „Mein Kampf“ ordentlich Tribut zollend, auf den ach so schlechten Einfluss des Wohllebens und die Vorzüge der Entbehrung im Zusammenhang mit dem notwendigen Kampf um Blut, Boden und Ehre hinweisen. Und mögen diese braunen Brüder literarisch noch so inferior gewesen sein, sie fanden allem Anschein nach ihr willfähriges Publikum; oder die Elaborate wurden bloß gekauft und nicht gelesen, was bei Hitlers Millionen-Reichsmark-Bestseller ja vielleicht auch der Fall war. Und eben diese Leserschaft (oder Käuferschaft) dachte allenthalben, wenn es den eigenen Vater, Sohn oder Bruder als Gefallenen zu betrauern galt, vielleicht auch nicht mehr ganz so positiv und dankbar vom Krieg als väterlichem Sinnstifter.

Ganz besonders penetrant trieb es, merken wir es als weitere Fußnote an, der fürchterliche NS-Propagandaschriftsteller, Dramatiker, Rundfunksendeleiter und Zuständige für Feiergestaltung im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, Kurt Eggers. Er schrieb in seinem unsäglichen Hetzbuch „Vater aller Dinge“ (Berlin 1942): „Die Bürger Deutschlands sind oft genug in Gefahr gewesen, in satten Zeiten die Maßstäbe für den Wert des Lebens zu vergessen oder gegen schwärmerische Ideen einzutauschen. Der Deutsche neigt zur weltfremden Schwärmerei, die allerdings besonders auf dem Gebiet der Kunst sehr viel unbestreitbare Schönes geschaffen hat.“

Weiters heißt es in Eggers‘ schalem pseudo-philosophischen Geschwafel: „Das Leben baut aber nicht auf der Schönheit, sondern auf der Wirklichkeit auf. Die Maßstäbe des Schönen sind nur von Menschen erdacht worden!“

Dann kommt es: „Der Kanonendonner des Krieges zerreißt den Wahn des Friedens und den Traum der Schönheit, und die Menschen, die sich mit ihrem Willen dem Krieg verschrieben haben, erleben durch den Krieg die Wandlung zu einem bewussten Dasein.“

(Nach dem Verfasser dieser grenzwertigen Stilblüten, der 1943 in Russland fiel, wurde übrigens von der Waffen-SS jene Einheit, in der ihre Kriegsberichterstatter zusammengefasst waren, SS-Standarte Kurt Eggers benannt.)

*

In der Tat liegt allerdings darin tatsächlich eine gewisse, wenn auch einigermaßen verquere Logik, dass nämlich erst die Zerstörung eine spätere Erneuerung oder Weiterentwicklung ermögliche. (Auch hier krempelte übrigens die Kirche immer wieder tatkräftig die Ärmel hoch, ging es etwa darum, die Stil-klare Romanik durch die weit verspieltere Gotik und die dann durch das überladene Barock zu ersetzten …)

Ob das mit dem Archimedischen Prinzip der physikalischen Verdrängung zu tun haben könnte? Wer weiß?!

Immerhin schaffen es zwei Gegenstände (angeblich) nicht, sich zur selben Zeit an ein und demselben Ort zu befinden; egal, ob solches nun mit dem Spezifischen Gewicht oder mit dem Auftrieb zu tun hat. (Aber, wie gesagt: Wer weiß?!)

Indes, er, der da durch die Zeilen geistert, vermag ja auch nicht zur selben Zeit an zwei (oder mehreren) verschiedenen Orten zu sein, da er nun mal nicht über die Fähigkeit der Bilokation oder gar der Multilokation verfügt.

Ehrlich!

Beim finalen Erscheinen des oben erwähnten heraklitischen Vaters aller Dinge, wenn also der angeblich so heiß herbeigesehnte Krieg ausbräche, könnte ihm diese Eigenschaft freilich gute Dienste erweisen; vermöchte er sich dann doch – sozusagen: multipliziert – aus dem aktuellen Gefahrenbereich zu begeben … Im Doppel- oder Mehrfachpack vorhanden also …

Oder, er gäbe, solcherart vervielfacht und zu verschiedenen Zielscheiben mutiert und entsprechend aufgeteilt, zumindest seine Überlebenschancen um einiges zu steigern … (Denken wir nur an Larry und Andy Wachowskis zwar metaphysisch überfrachtete, doch in gewisser Hinsicht nichts desto weniger stilbildende Film-Trilogie The Matrix von 1999 ff.)

Doch das ist naturgemäß graue Theorie. Feldgraue Theorie sogar.

*

Weil jedoch immer irgendwer an einem solchen oder schlichtweg: an jedem Krieg verdient, gibt es eben immer irgendeinen solchen Krieg. Und im Zusammenhang mit besagtem Krieg sterben irgendwelche Menschen, sozusagen vor der Zeit. (Diese Angabe ist freilich unsinnig, weil ja niemand weiß, wann er auch ohne Krieg gestorben wäre. Angenommen, jemanden, der erst irgendwohin hat fahren müssen, um dann von dort in den Krieg zu ziehen, in dem er dann ein paar Wochen später sterben würde, hätte, nicht in den Krieg abkommandiert, an Ort und Stelle ein vom Dach fallender Ziegel erschlagen, er wäre somit sogar schon ein paar Tage vor dem Einrückungstermin getötet worden. Oh, welch ein Glück für ihn, dass er nicht daheimgeblieben war …!)

Also, fassen wir uns und zusammen. Der Krieg verlängert unter Umständen das Leben.

Doch gilt das nur in einer ausgewachsenen Farce.

Aber was anderes als eine Farce ist das Leben?

Denn der, dem nächtens der Tod die Kehle zuschnürt (oder die Angst, was jedoch durchaus ähnlich wirken kann), kann das Leben kaum als etwas anderes vorkommen als eine ausgewachsene Farce. Oder ein eingewachsener Zehennagel.

 

C) In der Folge

 Ja, mach nur einen Plan

Sei nur ein großes Licht!

Und mach dann noch ’nen zweiten Plan

gehen tun sie beide nicht. (…)

 

So heißt es im Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens in Bertolt Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ (uraufgeführt 1928 im Schiffbauerdammtheater, Berlin).

Wie recht er doch hat, der BB!

Und weil die eigenen Vorstellungen und Pläne nicht funktionieren, muss, unweigerlich, ein höherer Plan her! Als Ausrede (fürs Scheitern der eigenen Vorstellungen) und als Surrogat (fürs somit erwiesenermaßen weitgehend sinnlose Streben) in einem.

So einfach ist das.

Und weil wir schon im Erschaffen sind: Entwerfen wir doch eine höhere Instanz gleich dazu! Am besten: eine Planungs- und Stabsstelle, die dann alles festlegt und bestimmt.

Macht sich als Denkmodell wirklich fast schon zu gut: Sollte etwas im Kleinen nicht funktionieren und daher scheitern, so ist es, dieses Scheitern, wiederum Teil eines größeren Ganzen! (Das universelle Scheitern als endgültiges Ziel, als Zweck und Ab- wie Aussicht.)

Übrigens: Nach einer entsprechenden Zeitspanne und wenn wir glücklich vergessen haben, dass diese angeblich höhere Instanz in Wahrheit auf unserem eigenen Mist gewachsen ist, dürfen wir in Sachen der von uns begangenen Fehler und all der uns immanenten Unzulänglichkeiten sogar vor ihr Buße tun und brav zu Kreuze (!) kriechen. Auf dass sie uns die entsprechenden Strafen androhe oder (Gnaden-halber erlasse, je nachdem), die wir selber zuvor dafür festgesetzt hatten.

Denn unsere Regeln sind ja jetzt ihre …

So fabrizieren wir uns das Kaisertum, das Papsttum und unser Canossa auf einen Streich und in einem Aufwaschen! Unsere Demokratien, Diktaturen, Volksrepubliken, Nationen-Vereinigungen, unsere Trusts und Kolchosen …

Wir tun es in einem Schritt möglichst umfassender Verblödung!

*

Um nochmals (aber wirklich ganz kurz, versprochen!) auf Hitler zurückzukommen: Sein Aufstieg wäre unzweifelhaft (hier nochmals, aber ganz minimalistisch, versprochen!, ein Hinweis wiederum auf Brecht!) ein aufhaltsamer gewesen. (Eben wie der des hinterhältig-bösen Arturo Ui, dieses durchaus bloß eindimensionalen Verbrechers.) Er wurde indes von den anderen Verantwortungslosen ignoriert. Die Auswirkungen waren somit – gottgewollt (oder zumindest von Gott zugelassen. Warum auch immer …). Ja, das musste Gottes Wille gewesen sein, die Welt auf diese oder jene Weise (bei den einen sogar durch Sieg!) zu bestrafen … Oh, heiliger Bimbam! Welche Logik!

Herr, in Deine Hände lass uns alles legen!

Ein schwaches Resümee der endlich akzeptierten Ausweglosigkeit …

Die (Beinahe-)Unmöglichkeit, sich damit abzufinden, es gäbe keinen Sinn …

Alles geht weiter, aber auch das muss deshalb noch lange nicht sinnhaft oder gar gewollt sein.

Von wem auch?!

Ursachen (auch gern wahre Gründe genannt) und Wirkungen.

Unwahre Gründe und falsche Reaktionen.

Zudem: später dann als Anlass missverstandene Handlungen (oder bloße Fehlleistungen).

Un-Taten und Ab-Folgen et cetera.

Denn auch die Folgen des ins Nagelbett gewachsenen Nagels sind äußerst unangenehme und oft sehr schmerzhafte. Und so wie der Krieg erst einmal nirgendwo hingehört, macht sich auch der eingewachsene Zehennagel nicht unbedingt gut, just dort, wo er gerade einwächst. (Oder gar krumm.)

Das zumindest sagen die Kriegsgegner. Denkt er.

Ja, Kriegsgegner.

Denn auch die gibt es: Menschen, die am liebsten Krieg gegen den Krieg führen würden. (Krieg führen – aus Liebe zum Frieden. Und ausschließlich gegen den Krieg!)

Ähnlich denjenigen, die grundsätzlich für das Üben von Toleranz eintreten, aber keinerlei Toleranz zuzulassen bereit sind gegenüber den Intoleranten – was, streng genommen und in sich, wohl auch den Sachverhalt eines Paradoxons darstellen mag -, sind auch die Kriegsgegner nicht selten bis auf die Zähne bewaffnet und durchaus auf der Hut. Sie mögen ihm (allein schon in ihrer quasi ausschließlichen Haltung der Selbstverteidigung, die nichts desto trotz auch so etwas wie eine martialische Armierung bedeutet), sie mögen ihm zwar immer noch wesentlich sympathischer sein als die blöden Kriegsbefürworter oder gar -hetzer!, doch mit Vorsicht seien wohl auch sie, denkt er zumindest, zu genießen.

Denn: Schließlich wisse man leider auch bei ihnen nie so genau, woran man im Ernstfall sein und wann das Fass überlaufen werde.

Im Vertrauen: Er hat etwas gegen Fanatiker. Deshalb sind ihm auch die allzu überzeugten Marien-Verehrer irgendwie suspekt. Da mag ihm die Gottesmutter von allem, woran man glauben könnte (oder auch nicht), immer noch und relativ am sympathischsten sein; wenn die wackeren Marien-Adoranten indes erst mit den heiligen Fahnenstangen so richtig zuschlagen, einem womöglich ihre gebenedeiten Monstranzen in den empfindlichen Unterleib rammen und ohne Unterlass ihr Meerstern, ich Dich grüße! in den unschuldigen Äther erschallen lassen mit ihren blechernen Altsopranen – ach Gott (?!), wer soll denn das aushalten?!

Ihre Überzeugung und ihr tiefer Glaube in Ehren (mag er nun naiv oder berechnend sein, egal). Aber – bitte, lasst sie weit weg von ihm singen und säuseln!

Auch der Rosenkranz, von einer Horde alter Betschwestern in Fast-Ekstase geratscht, gebrabbelt oder sonst wie verbal malträtiert, er kann leicht zur Tortur werden. Oh, ja.

Und wenn alles (oder auch bloß manches) so wäre, wie es die ganz Frommen so gern auslegen, und die Heilige-Mutter-Gottes tatsächlich eine noch so patente Fürbitterin, was hülfe es ihm? Hätte er durch seinen Nichtglauben nicht ohnedies alles längst verspielt?!

Was brächten ihm die womöglich gewährten Stufen der Läuterung à la Dante Alighieris „Divina Commedia“? Was hätte er von Inferno, Purgatorium und Paradies – wenn ihm der Glaube fehlte?!

Wie könnte er sich , selbst wenn er wollte, beim lieben Gott einschleimen?!

Es knackst in der dunklen Ecke dort. (Übrigens: Alle Ecken sind dunkel …)

Bett, Weinkeller, Bibliothek und Bad mag er meiden. Doch es nutzt nichts.

Denn der Tod, das ist ausgemacht, trifft ihn.

Und sei es auf dem Dachboden droben. Wo er (er – nicht der Tod) sich schließlich aufhängt.

 

Und so muss auch er das Ganze als das sehen, was es ist.

Nämlich, dass es war.

 

 

E N D E

 

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