Eigen

oder

Bisanners

Träumereien

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

(ENDFASSUNG: 2016.)

 

 

 

 

Es handelte sich übrigens gar nicht darum,

ob ich die Trauben für süß oder sauer

erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für

mich hingen.

Sigmund Freud, Die Traumdeutung 

*

Die Frage nach dem Werthe des Weibs ist

eine der zweiseitigsten, die es gibt. Der

Mann ist weit commensurabler.

Friedrich Theodor Vischer, Auch Einer

*

 

Emanuel

Es sei alles etwas eigen. Das pflegte der alt gewordene Bisanner zu sagen. (Da nannte man ihn selbst in seiner näheren Umgebung längst ganz allgemein den Eigen; wie übrigens schon einmal, in seiner Kinderzeit [was die nähere Umgebung seines Alters freilich nicht wissen konnte], die nun in der Tat ein gutes Zeitstück hinter ihm und den anderen lag, die mit ihm alt geworden waren; die nur mehr dünngesät waren und von denen es immer weniger gab.) Er äußerte sich, wenn ihn überhaupt jemand fragte, schon quasi gewohnheitsmäßig so: Das ist schon eigen. Das ist eigentlich eigen. Et cetera.

Aber sowohl die Zahl der Frager aus seiner (sozusagen:) neuen, also jetzigen, wie aus der alten, der urspünglichen Zeit-Umgebung schrumpfte. Ja, tatsächlich, sogar auch letztere. (Doch das haben alte wie neue Umgebungen nun einmal so an sich.)

Im Übrigen hatte seine Antwort auch keinerlei besonderes Gewicht. Mehr. (Womit nicht behauptet werden soll, dass sie früher so besonders wichtig gewesen wären, die Antworten Bisanners auf die mehr oder weniger brennenden Fragen [der Zeit] … Zudem: Was konnte jemand auch schon mit einer so vagen Antwort – Das ist schon eigen – überhaupt anfangen?!)

Manche, viele waren es außerdem – wir erwähnten es schon, weiter oben – nicht mehr, die meisten ohnedies schon gestorben, manche also meinten, e i g e n sei eher der Dr. Bisanner selber als das, was er da gerade als eigen bezeichnete. (Oder, wenn er sich die verbale Vollständigkeit eigenartig leisten zu müssen glaubte, eben e i g e n a r t i g .)

Eigen war in der Tat schon sein Name: Bisanner. Wer hieß denn wohl Bisanner? Freiwillig …

Bisanner, den man insgeheim, aber auch halb-öffentlich bald schon gern Eigen nannte, war früher Notenwart gewesen und Klavierstimmer. Das freilich, Notenwart wie Klavierstimmer, eher so nebenbei und ehrenamtlich. Im Hauptberuf hatte Dr. Bisanner bis zu seiner Pensionierung vor ein paar Jahren als Archivar gearbeitet. In der Abteilung für Musik, Musikalien und Noten-Autografe im bestens beleumundeten Landesarchiv „Elisabethinum“.

Als junger war Eigen, wie man ihn (siehe oben!) in Wahrheit schon damals mehrheitlich genannt hatte, angeblich selber ein hochtalentierter Musiker gewesen. Einer mit durchaus bedeutenden Karriereaussichten. Vor allem an diversen Streichinstrumenten hatte der noch kleine Emanuel bereits, noch früher als früher, nämlich: als Kind, mehr als bloß sein Glück versucht. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass … Das war seine Klangwelt gewesen in dieser – vom jetzigen Standpunkt aus – so weit entrückten Zeit.

Dann hatte (ebenso angeblich wie alles bisher Ausgeführte sich angeblich so ereignet oder abgespielt hat) jedoch den jungen Bisanner, der damals, in den späten 1960er Jahren gerade einmal zwanzig Jahre alt gewesen war, ein an sich eher geringfügiger Unfall die Beweglichkeit dreier Finger seiner linken Hand gekostet. Und das war es auch schon, das Ende einer, wie man zu sagen pflegte, vielversprechenden Karriere als Geiger.

Nun weiß man ja, dass von vor der Zeit beendeten Karrieren immer ziemlich leicht zu sagen ist, sie seien vielversprechend gewesen. Denn was aus einer solchen Laufbahn tatsächlich geworden wäre, verläuft sich irgendwo und irgendwie im Konjunktiv; und ist Sache der Träume. (Übrigens: Auch darin war Emanuel Bisanner zeitlebens gut.)

Bisanner selbst war übrigens über den plötzlichen Abbruch seiner Hoffnungen – denn aus mehr als aus Hoffnungen hatte seine Laufbahn damals längst noch nicht bestanden! – nicht sonderlich überrascht; seine weitestgehend pessimistische Grundhaltung legte ihm nämlich von Haus aus die Überlegung nahe, dass prinzipiell nicht allzu Großes für seine Vita zu erwarten sei.

Eigen war quasi auf Unglücke vorbereitet und gegen sie gewappnet durch eine Art von Phlegma, das seiner sonstigen Sensibilität im Grunde widersprach. Nun ja.

Freilich, glücklich war er auch nicht gerade darüber, dass er künftig (und vermutlich für alle kommenden Zeiten) mit der weitgehend kaputten Linken, mit der er zur Not gerade einmal eine Gabel zu halten, ein Notenheft oder ein Buch aufzuheben oder seinen Mantel aufzuhängen imstande war, zum Beispiel nicht mehr den schlanken Hals der Violine umgreifen werde können, nicht die Viola spielen oder das Cello und den Kontrabass. Ohne Verlass auf seine Greifhand, deren schlanke Finger die Saiten aus Darm, Nylon oder Stahl niederdrückten mit Gefühl, Kraft und Ausdauer.

Ja, versuchten einige der behandelten Ärzte ihn und die besorgten Eltern zu beschwichtigen, ja, möglicherweise würde es in ein paar Jahren oder Jahrzehnten Methoden geben, auf neurochirurgischem Weg eine Änderung seiner jetzigen Disposition (die ihm allerdings eher als Indisposition erschien) herzustellen.

Doch das erinnerte an Wahrsagerei und Kaffeesudlesen. (Einziger Lichtblick: An dieser positiven Weiterentwicklung würden die Ärzte, die eine solche heute vage in Aussicht stellten, dann vermutlich längst nicht mehr aktiv beteiligt sein.)

Als der früher angeblich so hochbegabte Musiker Emanuel Bisanner schließlich als Notenwart und Klavierstimmer – letztere Kunstfertigkeit hatte er sich selber beigebracht – beim Städtischen Symphonischen Orchester unterkam, schien ihm immerhin einiges gewonnen. Hatte er auf diese Weise doch weiterhin auch praktisch mit Musik zu tun und konnte in ihrem Bann verbleiben, ohne besondere Gefahr des Scheiterns; denn dass er falsche Noten auf falsche Pulte legte, war bei der ihm angeborenen Sorgfalt nicht wahrscheinlich; und auch den Steinway zu stimmen hielt für ihn einiges an Freuden parat, ohne just besonders aufregend zu sein.

Außerdem hatte er noch sein Studium der Musikwissenschaft.

Und: Emanuel Bisanner, den man gern Eigen nannte, komponierte. Recht Taugliches.

Später dann – also jetzt – sein Alter (oder das Alter überhaupt), das interpretierte Bisanner als persönliche Zumutung. Wie er als Junger etwa den Starkregen, der ihn durchnässte, oder sommerliche Schwüle als Impertinenz empfunden hatte; eigens geschaffen, um ihn zu ärgern.

Also dachte er lieber an seine Kindheit zurück und an sich als deren unbestrittenen Hauptakteur in dieser Ära. (Freilich, ohne sich, quasi mit Goldquasten und plüschig-roter Phantasie-Uniform [samt weißen Lackstiefeln!], als einen musikalisch-instrumentalen Helden darin zu sehen. Er erinnerte auch kein imposantes Noten-Schlachtfeld oder keine prächtige Parade; nicht einmal ein lächerliches Manöver, bei dem Kaskaden von Achtel- und Sechzehntel-Noten wie Konfetti aus den dicken Musik-Haubitzen prasselten. Oder gar eine fette Generalpause, ein paar schon leicht rachitische Fermaten oder ein verwackelter Tenorschlüssel für Heiterkeit bei der Scherzo-Abteilung sorgten … Nein, keine Paraden mit blitzblanken Geschützen, geputzten Säbeln und trügerischem Stiefelglanz!)

Überhaupt herrschte, wenn Bisanner an seine Kinderzeit und deren Musik zurückdachte, keineswegs Kriegerisches vor. Er vermochte, sich vielmehr jederzeit an besonders Schönes und – in gewisser Weise sogar – Hehres zu entsinnen, an Lustiges und schier Burleskes nicht minder. An Tänzerisches genauso wie an Getragenes. Und, wie gesagt, jederzeit.

Besonders freilich in seinen Träumen.

Da rekapitulierte er, durchaus mit den üblichen Retuschen zum Schönen hin, seine Kindheit und Jugend. Die Volksschulzeit etwa, das Zusammensein mit den Freunden von damals; die Zeit mit den gefürchteten (nun ja, zumindest: respektierten) Mitgliedern der sogenannten Stockinger-Bande, einer von einem Repetenten angeführten Gruppe von Schülern, die schon ein wenig am sozialen Abstieg balancierten; oder an die Stunden mit dem gewieften Charly Zimmermann und seiner Gang, den Schmalen …, alles in den mittleren 1950er Jahren.

Dann die Erinnerungen, betreffend die Ära des Gymnasiums, einer reinen Bubenschule übrigens. Da war er meist zusammen gewesen mit dem Erik Peintinger, dem Michael Soucek, auch mit dem Gernot Trittenwein und dem Reinhard Pfisterer, diesem leicht nebulösen Burschen, den sie alle Guggi nannten und der ihnen bald irgendwie abhanden kam … Ja, und da war der Paul Entenhaus, der ziemlich verschrobene Sohn eines Architekturprofessors und einer Pianistin. (Frau Eliette Entenhaus hatte als eine der ersten das herausragende musikalische Talent des jungen Bisanner erkannt und als der Förderung würdig bezeichnet!) Mit Paul, der damals selbst schon in durchaus beachtlicher Weise das Klavier beherrschte, hatte es auch immer wieder – sogar recht tiefschürfende – Gespräche über Musik gegeben. Auch später noch, als sie alle studierten und zu den alten bereits neue Eigenarten einübten.

Alles so weit … so weit … so weit …

Er hatte sich damals indes gar nicht mittels Traum aus der Realität des familiären Alltags stehlen müssen, etwa, weil die womöglich so entsetzlich gewesen wäre. Nein, denn seine Eltern, Hans und Grete (die hießen tatsächlich so, exakt: Johann und Margarethe, eine geborene Röhrling), waren durchaus gut zu ihm, zum kleinen Emanuel/Eigen; und auch seine Erziehung empfanden sie weitgehend als ernstes Anliegen und als etwas Wichtiges, dessen sich mit Bedacht zu unterwinden durchaus lohnend sei … (Wie es Vater Hans, halbwegs bestallter Beamter beim Magistrat, wenn er sich, wie es öfters der Fall war, in einer verbal ausschweifender Stimmung befand, reichlich poetisch zu formulieren pflegte. In seiner Ausdrucksweise schwang nicht selten die leicht Meistersinger-artige Kunstfertigkeit des Großvaters, also seines Vaters, eines rührigen Friseurmeisters mit Namen Franz Xaver Bisanner mit. Lediglich Oma Ingolde, eine geborene Jaeggerlin [deren Sippe ursprünglich aus der Schweiz gekommen war], tarierte den großväterlichen, ein bisschen an Hans Sachs gemahnenden künstlerischen Überschwang erdig aus. Und Grete tat Ähnliches bei Hans. Zu den Großeltern vom Vater her bestand indes, da sie in einer größeren Stadt in Oberösterreich lebten, kein so ausgeprägter Kontakt wie zu denen von Mutters Seite her, zu den Röhrlings.)

Doch wartete das Innerfamiliäre sehr wohl auch mit diversen Belastungen auf. Denn während Manuel mit den Großeltern väterlicherseits, wie oben gerade angedeutet, eher bloß sporadisch und bei großen Familientreffen zu tun hatte, traf er mit den Eltern der Mutter Margarthe praktisch tagtäglich zusammen; denn immerhin wohnte man in einer gemeinsamen, durchaus schmucken Zweifamilien-Villa aus der Gründerzeit, die dem Opa, Gymnasialdirektor Dr. Raimund Röhrling, und seiner Gattin, Gisela, einer geborenen Prunk-Zirbler, gehörte und mitten im Grünen lag; genauer gesagt: am östlichen Rand der Stadt, in der Nähe eines waldigen Hügelausläufers. Dort, wo sich die Natur damals gleichsam noch in Sanftmut übte …

Das Zusammenleben in der Villa „Hermine“ – benannt angeblich nach der Frau des Erstbesitzers – verlief im Allgemeinen durchaus harmonisch. Zudem gab es immer wieder Hausmusik, die, wenn auch nur auf frisch-dilettantischem Niveau exekutiert, alle daran Beteiligten durchaus erfreute; und die passiven Zuhörer (etwa den angeblich mit Schweineohren gesegneten Opa) nicht weiter störte.

Da kam dann der Onkel Ferry mit seinem alten Violoncello, von dem er immer wieder steif und fest behauptete, es sei eines aus dem Hause Stradivari; zumindest jedoch auch aus Cremona; und die Tante Ingrid, eine wackere Bratschistin; Emanuels etwas älterer Cousin Engelbert trug mittels seiner Geige zur musikalischen Belustigung teil; Cousine Beate hand- und mundhabte recht effektiv die Querflöte; und noch ein paar andere Verwandte und Bekannte kamen, in der Regel mit tauglichen Instrumenten und mit entsprechender Spiellaune ausgestattet. (Wären es allesamt Jazzer gewesen, die da strichen, pfiffen, klopften und pianierten, man hätte fraglos von recht flotten Jamsessions sprechen dürfen.)

Einmal abgesehen vom musikalischen Element, gab es natürlich auch einige verschrobene Onkel und Tanten (von beiden Linien her) sowie eine leicht abartige Großtante im Familienverband. Doch Elvira Prunk-Zirbler, die ältere Schwester von Oma Gisela Röhrling, lebte – seit Emanuel denken und sich erinnern konnte – in einem streng-katholischen Seniorenheim und war, sozusagen, in Gewahrsam, wie Opa Raimund es auszudrücken liebte.

Wenn die alte Schreckschraube allerdings, was hin und wieder durchaus passieren konnte, aus Anlass von größeren Familienfeiern (oder eigener über-runder Geburtstage) ins Spiel kam, so half dem kleinen Emanuel nur mehr die Flucht in die sozusagen hermetische Eigen-Welt seiner Gedankengespinste und natürlich in die seiner Träume.

Und schon der kleine Eigen träumte viel.

Natürlich waren da auch noch die Haustiere. Seine geliebten Haustiere. Die waren zwar real vorhanden, denn Hans und Grete besorgten dem Einzelkind mit Freude, weil sie selber sehr tierliebend waren, Hunde und Katzen, Meerschweinchen und Wellensittiche, Goldfische und irgendwann einmal sogar zwei weiße, überaus zahme Ratten; das alles natürlich nicht zusammen, sondern nacheinander.

Es war immer etwas da im Hause Bisanner/Röhrling, was bellte, miaute oder tschilpte, was kratzte, knurrte oder zwitscherte. Ja.

In seinen Träumen waren die geliebten Tiere selbstverständlich auch der Musik mächtig. Sie hatten alle ihre – sozusagen: maßstabgetreuen – Instrumente und boten ein Traum-Charivari dar, das weit über dem Niveau gewöhnlicher Katzenmusik lag. Eine möglichst kühne und freie Harmonik war da gang und gäbe, Synkopen regierten und das Rubato war quasi das Maß aller musikalischen Dinge! Improvisation wurde zudem großgeschrieben.

Bei den Instrumenten herrschte die Farbe Mahagoni vor.

Doch vermochte Emanuel den wirklichen Eigenschaften seiner tierischen Lieblinge, träumend, sozusagen: noch spezielle Eigenschaften und Fähigkeiten hinzuzufügen, die weit über das rein Musikalische hinausreichten. (Und für ihn selber, er war ja der Spielgefährte seiner tierischen Freunde, waren solche zusätzliche Anlagen und Begabungen natürlich auch reserviert! O er war ein wahrer Tausendsassa und vermochte gleichsam jedem Instrument die elegantesten, passendsten und wohl auch überraschendsten Töne zu entlocken!)

Doch besonders die Tiere verfügten in seinen Träumen über allerlei außergewöhnliche Fähigkeiten; da war ihnen dann zum Beispiel die Möglichkeit des Sprechens – sogar in Sprachen, die er selbst und im Wachzustand nicht erkannt hätte! -, oder der Veränderung ihrer Größe gegeben. Auch vermochten die Nicht-Vögel unter ihnen zu fliegen, während die Gefiederten mit einem Mal über praktische Flossen geboten und – wie er, Eigen – nicht selten ausgiebig sagenhafte und überraschende Unterwasserreiche aufzusuchen beliebten. (In Wahrheit mied Emanuel das Wasser weitgehend, und alles Flüssige, das die Größe einer Badewanne überstieg, flößte ihm Furcht ein! Doch im Traum herrschten eben andere Gesetze.)

Manche seiner geliebten tierischen Gefährten konnten übrigens sogar ihren Aggregatzustand verändern. Sie verflüssigten sich also oder wurden gasförmig, vereisten et cetera. Ja, und im Unterschied zu den Lebensfristen, die es real nun leider einmal gab, mussten seine Traumtiere nicht sterben. Sie blieben – freilich, das war nicht ungewöhnliches für das Medium Traum – permanent auf einem ungefähr gleichen Stand, waren also nicht mehr die Jungtiere, als welche er sie im wirklichen Leben meist bekommen hatte, schienen aber auch nicht betagt zu sein und schon gar nicht krank oder hinfällig.

Sie blieben gesund. Sie starben nicht. Und sie waren nie tot.

Auch er blieb natürlich mehr oder minder auf einem Alterslevel.

Das war schön und angenehm – für alle Beteiligten. Natürlich auch für ihn. (Deshalb träumte er vermutlich so intensiv und ausgiebig.) Ja, in seinen Träumen hob Emanuel/Eigen Bisanner die Sterblichkeit der geliebten Hausgenossen einfach auf!

So ließ er einen – vermeintlichen – Glückszustand einkehren …

Eigen hob also die Sterblichkeit seiner Haustiere auf. Und damit auch seine eigene.

Alle Sterblichkeit.

Dafür, gleichsam im Gegenzug, ließ er die ungeliebte Großtante, die in Wirklichkeit partout nicht abkratzen wollte, in seinen Träumen mit Vorliebe schon in einer der üppig ausstaffierten Eingangsszenen ins Gras beißen.

Zugegeben, diese Elvira Pruck-Zirbler war auch eine fürchterliche Schreckschraube! Die bigotte, aber überaus herrschsüchtige Admiralswitwe hielt nicht nur das von irgendwelchen fromm-katholischen Schwestern geführte Seniorenheim, in das man sie vor Jahrzehnten schon und nicht ohne Grund gesteckt hatte, in Atem; sie nahm, um ihre skurrilen Forderungen und Wünsche durchzusetzen, zwischendurch und auf meist gefinkelte Art und Weise immer wieder auch die ganze Familie in Geiselhaft. (Zumindest musste man sich mit der alten Schabracke über Gebühr befassen.)

Elvira Prunk-Zirbler, die Admiralin, war ein Monster.

Sie möge doch bitte bald sterben, so bat Eigen den lieben Gott im täglichen Abendgebet.

Und in den folgenden Träumen geschah das Wunder denn auch immer wieder. (In natura dauerte es noch ein paar Krankheiten lang, bis es so weit war.)

Fortsetzung folgt!

 

Emma

Emanuel Bisanner hatte irgendwann in den späteren 1960ern (oder frühen 1970ern) seine spätere Frau, Emma, eine geborene Ehrenfreund, kennengelernt. Emma verfügte über einen schönen Mezzosopran, über blonde Haare und (vielleicht) über ein paar Kilogramm zu viel, die jedoch recht ordentlich über ihren jungen Körper verteilt waren. Den beachtlichen Mezzo hatte sie bei Esmeralda de la Sierra, einer alten Soubrette (die in Wahrheit Ernestine Einhorner hieß und dereinst hauptsächlich in Baden bei Wien ihre Triumphe auf dem Gebiet der goldenen, silbernen sowie bronzenen Operette gefeiert und vor der blechernen Ära der diesbezüglichen Kunstgattung aufgehört hatte) durchaus profund ausbilden lassen.

Dass der links gehandicapte Musik-Enthusiast bei der Wahl Emmas nicht danebengegriffen hatte, sollte sich eigentlich allein schon dadurch bald darauf erweisen, dass dem jungen Ehepaar eine Tochter, Elisabeth, und, ein knappes Jahr später, ein Sohn, nämlich Gabriel, geschenkt wurden. Das Glück schien weitestgehend perfekt. (Seine Haustiere bestätigten dies Eigen in den folgenden Träumen immer wieder lautstark und überschwänglich; auch wenn sie im Überschwang ihrer positiven Gefühle einen nicht unbedeutenden Umstand übersehen zu haben schienen: den der Vaterschaft …)

Um so tragischer, dass Emma, Lisa und Gabriel ein paar Jahre später bei einem fürchterlichen Autounfall ums Leben kamen. Dass diese Katastrophe ausgerechnet ein Bekannter aus frühen Studientagen, der junge Meisterpianist Waldemar Storm, total betrunken, mittels seines Sportwagens der Marke MG und seiner völlig verantwortungslosen Fahrweise hervorgerufen und verschuldet hatte, schien Bisanner zunächst lediglich ein zusätzliches Mosaiksteinchen im Bildnis des allgemeinen Unglücks (seines Unglücks) zu sein, als welches sich ihm die ganze Welt und das Leben – insbesondere: sein Leben – längst schon darstellten. (Denn zu viel Negatives glaubte er, bereits mitgemacht zu haben in relativ kurzer Zeit …)

Noch etwas: Er hatte also geglaubt, mit Emma nicht daneben gegriffen zu haben.

Bis er kurze Zeit nach dem oben angerissenen tragischen Unfall dann die Briefe fand, die besagter Pianist Waldemar an Emanuels Gattin, Emma, durch Jahre geschrieben hatte.

Und denen es in puncto Eindeutigkeit an nichts ermangelte.

Es konnte Emanuel indes kein Trost sein, dass der ihm aus verständlichen Gründen alles andere als sympathische Tastenvirtuose Waldemar Storm nunmehr, querschnittgelähmt, das Cockpit seines Sportwagens für immer gegen einen, zugegeben, weit weniger schnittigen Rollstuhl eintauschen werde müssen.

Nein, das ließ er nicht einmal als – sozusagen – ausgleichende Gerechtigkeit durchgehen.

Zudem interessierte ihn dieser Arsch nicht, wie er auch nicht im Entferntesten an Rache dachte für das, was ihm Waldemar und Emma angetan hatten.

Leid tat es Emanuel/Eigen Bisanner lediglich um seine Kinder, um Elisabeth und Gabriel. Ja, jeder Gedanke an seine Nachkommenschaft machte Eigen traurig, todtraurig.

Und von seinen Kindern träumte er (jetzt und auch später) sehr oft, obwohl sie – das wusste er inzwischen – genau genommen und genetisch gar nicht seine waren.

Seiner Frau hingegen verweigerte er standhaft den Zutritt zu seinen Träumen.

Wenn drinnen seine Tiere und er (vielleicht auch Elisabeth und Gabriel) musizierten, allerlei Unfug aufführten, schwammen oder gar herumflogen, musste sie draußen bleiben.

Übrigens: Etwas in Emanuel Bisanner hatte sich von Anfang an gesträubt, für seine Geliebte und spätere Frau Emma als Sängerin etwas zu komponieren. Einerseits waren es die verschiedenen stilistischen Ausrichtungen, denen sie verpflichtet waren, und die ganz anders gelagerten Vorlieben; anderseits hatte es, besondres von seiner Seite her, gewisse Berührungsängste gegeben. Ja, es war die Vorsicht des ausgewiesenen (sogenannten) E-Musiker der (sogenannten) U-Musik gegenüber, wie sie Emma betrieb. Auch wenn er nichts gegen diese Kunstgattung hatte, so ganz geheuer war sie ihm dennoch nicht …

Da half es, wie gesagt, wenig, dass Emanuel grundsätzlich gar nichts gegen Popularmusik hatte und auch manche Gedanken im Rahmen des Cross-Over durchaus goutierte; wenn sogenannte Spitzentenöre aus dem Opernfach schon Fußballfelder und Sportstadien beschallten, warum sollten sie dann nicht auch gängige italienische Kneipenlieder interpretieren?

Nein, es ging nur just mit Emma nicht.

Für sie fiel dem Komponisten Bisanner nichts Rechtes, nichts Massen-Taugliches ein. Sorry.

Doch ganz allgemein wurde Dr. Emanuel Bisanner früh schon in mancher Hinsicht ein bisschen eigener (so erschien es der restlichen Familie, seinen paar Bekannten und der Umgebung zumindest). Und das lange bevor sich die oben beschriebenen katastrophalen Dinge in seinem engsten Umfeld ereigneten.

Dann also die Katastrophe.

Doch nichts desto trotz erfüllte Emanuel seine Dienstpflichten im Archiv „Elisabethinum“ weiterhin aufs Beste und wirkte daneben ebenso als verlässlicher Notenwart und Klavierstimmer bei den Symphonikern.

Auch zu komponieren fing Eigen nach einiger Zeit wieder an. Meist waren es aufwendig gesetzte und raffiniert instrumentierte, hauptsächlich allerdings insgesamt traurig wirkende Stücke, die so entstanden. Düstere Suiten des Todes oder – bestenfalls – leicht makabre Divertimenti, dunkle Todesfugen und Edgar Allan Poe gewidmete Arabesken des Grauens.

Durch seine guten Beziehungen war es Eigen ein Leichtes, seine Musik aufführen zu lassen. In den Symphonikern und ihrem Chefdirigenten, dem alten Bisanner-Intimus Theophil Grienkastner, fand er zudem die Künstlerschaft, sein Werk in adäquater Wiedergabe hörbar zu machen. Und auch die Wirkung beim Publikum war eine denkbar intensive. Von Weinkrämpfen geschüttelt, verließen manche der Zuhörer den Konzertsaal. Auch ein paar Selbstmorde musste man nach der Aufführung eines besonders intensiv-traurigen Bisanner-Requiems verzeichnen. Doch große Kunst fordert nun einmal ihren Tribut.

Seine besondere Liebe freilich galt den musikalischen Träumereien.

Nein, Robert Schumann, diesen bedeutenden Komponisten der Romantik, den man geneigt ist für alles andere denn für rundum glücklich mit sich und seinem Leben zu erachten, Schumann kann man nun mit Sicherheit nicht als Vorbild für Emanuel Bisanner bezeichnen. Im Gegenteil. Eigen empfand sich – bei aller Vorliebe für allerlei Träumereien – zudem keinesfalls besonders zuhause in der Epoche der Romantik. Und schon gar nicht wollte er als Post-Romantiker gelten, was seine Kompositionsweise betraf. (Auch wenn er etwa Schumanns Einbeziehung der Fuge und des Kanons als quasi romantisches Prinzip zu schätzen wusste und besonders die tönenden Arabesken des genialen Kollegen durchaus bewunderte.) Aus Schumanns berühmter „Träumerei“ (Opus 15, Nr. 7, aus den Kinderszenen) womöglich Vorbildcharakter herauslesen zu wollen, hieße, sich die Sache nun denn doch zu einfach zu machen.

Diese Schumannsche Miniatur faszinierte, wie gesagt, den, zugegeben: ähnlich fühlenden Komponisten Bisanner ohne Frage (und trotz ihrer schon bedenklich ins Gebiet der penetranten Abgegriffenheit reichenden Popularität); vor allem in der geschliffenen Charakterisierung und in ihrer poetischen Grundhaltung: Ohne Programmmusik sein zu wollen, gestaltete sich da ein Werk starker Expression und mitteilsamer Haltung. Gerade in diesem speziellen Ausdruck von Emotion empfand Eigen eine große Nähe zu Schumann; und die Musik des deutschen Romantikers traf bei ihm somit durchaus auf Saiten der Resonanz, des Mitklingens.

Deshalb galt Emanuel/Eigen Brisanner Schumanns „Träumerei“ ein Musiker- wie ein Träumer-Leben lang als gern erinnertes Beispiel.

Nicht als Vorbild, wohlgemerkt, aber als Beispiel.

Während ihm die Geschichte mit seiner nunmehr toten Frau, mit Emma also, auch zu einem Beispiel (vielleicht sogar zu einem archetypischen Exempel) wurde.

Allerdings zu einem sehr schmerzhaften.

Mit den Frauen – mit ihnen hatte er immer schon eher Probleme gehabt – tat sich Eigen nämlich nach der mehr als schlechten Erfahrung mit Emma aus verständlichen Gründen später auch nicht gerade leichter. Zwar fand er sich immer wieder in mehr oder weniger aussichtsreichen und mitunter sogar irgendwie passend scheinenden Beziehungen wieder. Freilich, etwas wirklich Dauerhaftes wurde meist nicht daraus. Konnte daraus nicht werden. Nein.

Zu stark war Emanuels/Eigens Misstrauen, seine Geliebten, Freundinnen und Lebensabschnittspartnerinnen könnten ebenfalls ein falsches, ein doppeltes Spiel mit ihm spielen. Zu sehr wirkte das Gift aus Emmas Stachel immer noch nach in ihm.

Sogar mit Huren hatte er meist seine liebe Not. Denn so sehr ihn einerseits das Wissen darum beruhigte, dass sie es ohnedies bloß des Geldes wegen mit ihm trieben, so sehr bezweifelte er anderseits ihre aufrichtige Haltung: Wer weiß, vielleicht trachteten sie außerdem nach seinem Untergang?! Das Misstrauen überwog so allemal den an sich schon fragwürdigen Genuss.

Auch das war ein Grund für Emanuel, sich noch mehr in seine Traumwelten zu flüchten.

Und in seine wissenschaftliche Arbeit, die neben der praktisch-musikalischen, dem Komponieren, stets ein weiteres und zudem weites Spielfeld seiner Interessen gewesen war und blieb.

Fortsetzung folgt!

 

Das Elisabethinum

Kaiserin Elisabeth gilt als alles Mögliche. Vor allem aber: als eigen. Und das bis heute; obwohl sie immerhin schon von 1837 bis 1898 gelebt hat. Und nicht nur, weil man sie innerfamiliär gerne Sisi (in den berüchtigten Filmen der 1950er Jahre [mit Romy Schneider] zudem Sissi [und die Streifen daher „Sissi“-Filme] nannte.)

Bekannt als ein bis zum Exzess auf seine Schönheit und körperliche Spannkraft fokussiertes weibliches Wesen, stammte die geborene Herzogin von Bayern, eine Prinzessin aus der Nebenlinie Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen, aus dem Hause Wittelsbach. Ihre Mutter, Ludovika Wilhelmine, und ihre spätere Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie, waren Schwestern; die Ehe mit dem Habsburger-Kaiser Franz Joseph I., in die sie ihr Vater Max Joseph, Herzog in Bayern, und die Mutter mit einer durchaus ansehnlichen Mitgift entließen, hatte also etwas leicht Inzestiöses an sich.

Elisabeth war eine ehrgeizige (und ausdauernde) Reiterin, zudem eine weitgehend egomanische Neurasthenikerin. Sensibel bis zum Überschnappen, wähnte sie sich mit dem toten Heinrich Heine und mit den (naturgemäß ebenso toten) altgriechischen Heroen, besonders mit Achilles, in spiritistischer Verbindung. Darüber verfasste sie auch überaus feinsinnige bis rührselige Gedichte. Nicht von ungefähr empfand sie sich ihrem Cousin seelenverwandt, nämlich dem kunstsinnigen Bayernkönig Ludwig II., diesem gigantomanischen, schier besessenen Bauherrn und treuen Förderer des großspurigen Mehrfachgenies Richard Wagners.

Immerhin endete Ludwig in geistiger Umnachtung. (Übrigens hatten auch hier zu enge verwandtschaftliche Bande [im vorliegenden Fall zwischen den Wittelsbachern und den Hohenzollern] für die nicht unbedingt besten Erbanlagen gesorgt …)

Als Mädchen soll Sisi, zumal während der weitgehend unbeschwerten Sommeraufenthalte auf Schloss Possenhofen am Starnberger See, ein bayerisch-frischer Wildfang gewesen sein, bevor man sie am steifen Habsburger-Hof zu Wien mit seinem sinnentleerten Zeremoniell bis zur Frustration zu zähmen versuchte. Dem entzog sich die durchaus emanzipierte junge Kaiserin indes bald schon durch andauernde Reisen.

Alles in allem allerdings war Elisabeth eine Frau, der – wie ihrem Gemahl, Kaiser Franz Joseph I. – quasi nichts erspart blieb.

So verlor sie nicht nur den Sohn, den – allerdings eher als Ornithologe denn als potenzieller Feldherr und Kronprinz – hochbegabten Rudolf. Und der Thronfolger (obwohl jung verheiratet, ein unersättlicher Frauengenießer) nahm zu allem Überfluss seine blutjunge Geliebte, Mary Vetsera, mit in den Tod, wie die Nachwelt den prominenten Mord anno 1889 mit nachfolgendem Suizid Rudolfs euphemistisch umschrieb. (Damals freilich musste der unglückliche Kronprinz posthum sogar für geisteskrank erklärt werden, damit dem Selbstmörder überhaupt ein kirchliches Begräbnis ermöglicht werden konnte …)

Die erstgeborene Tochter, Sophie Friederike, war als Kleinkind gestorben. So blieben Elisabeth schließlich die zweite, Gisela, und als viertes Kind Maria Valerie Mathilde Amalie. Und ihre unstillbare Reiselust, die vermutlich Ausdruck ihres unruhigen Herzens war.

Neben ihren vielen exotischen Reisezielen – etwa der griechischen Insel Korfu, wo sie sich sogar das Achilleion als Palast erbauen ließ – gehörte Elisabeths besondere Zuneigung Ungarn. So hatte sie sich auch intensiv für das Zustandekommen des sogenannten Ausgleichs zwischen Österreich und Ungarn eingesetzt, dessen glanzvolles äußeres Zeichen die Krönung des Herrscherpaares im Jahr 1867 in Transleithanien war. Elisabeth war ab jetzt offiziell apostolische Königin von Ungarn.

Die schier rastlos Reisende, zu der sich die vom Wiener Hof endgültig frustrierte Sisi sukzessive entwickelt hatte, führte zuletzt ihrem Gatten auch noch die Hofschauspielerin Katharina Schratt als Freundin und Beraterin während ihrer vielen familiären Absenzen zu.

Elisabeth selbst, incognito unterwegs, fand im September 1896 unweit des Hotels „Beau-Revage“ in Genf durch die Hand des Anarchisten Luigi Lucheni und per Feile ein unverdientes Ende. (Doch welches Ende ist schon verdient?)

Immerhin richtete man ihr zu Ehren unter anderem auch das recht großzügig ausgestattete „Elisabethinum“ in G. als Aufbewahrungsort von alten Musikalien sowie diversen Autografen ein. Und besagtes „Elisabethinum“ wurde bald schon zu einem Ort der Musikwissenschaft und -praxis, durchaus passend also in der Folge für den verhinderten Musiker Emanuel Bisanner, dessen Traum-Vorlieben und Versponnenheiten …

Doch kam Kaiserin Elisabeth kaum in Emanuels Träumen vor. Ja, doch: Hin und wieder, alle heiligen Zeiten sozusagen, vielleicht. (Wie wenn sie sich, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht poetisch-weggetreten, hinein verirrt hatte … Und dann, in aller Regel, verkleidet als keltische Pferdegöttin Epona mit dem Füllhorn, als welche sie just die Weiten der Pannonischen Tiefebene durchritten hatte, schneidig und im Damensitz.)

Doch diese Träume waren, wie gesagt, eher selten.

Weit öfter umspielten da schon seine, bereits erwähnten: geliebten Haustiere den im Traum, wie ebenfalls schon erwähnt, ewig mehr oder weniger jungen Eigen. Seine Katzen und Hunde und Goldhamster, die Meerschweinchen und Goldfische, Wellensittiche und die beiden weißen Ratten. Und sie musizierten, spielten und redeten, dass es eine Freude war.

Solcherart fand Eigens Leben in zunehmendem Maß hauptsächlich nur mehr im Traum statt. Und nicht selten beschloss Emanuel, während noch etwas Traum- oder Zauberstaub um ihn herum funkelte (wie der, den die kleine Fee Tinker Bell [Glöckchen] um James Matthew Barries „Peter Pan“ verpulvert), doch endlich einmal eine Traumsuite oder ein Traumdivertimento zu komponieren. (Nein, natürlich keine zweite Träumerei!)

Warum es – zumindest bis dato noch – nicht dazu gekommen war? Irgendetwas schien den Komponisten immer wieder zu hemmen, seinen diesbezüglichen Ideen freien Lauf zu lassen.

Von einem Freund, seinem ehemaligen Kompositionslehrer Prof. Wendelin Frankenwaldner, der selbst ein durchaus bekannter Tonsetzer und ausübender Träumer war, hatte er einmal folgendes Histörchen vernommen: Er, Wendelin, so erzählte es dieser ihm, sei mit dem Finale einer seiner Symphonien (der 13. oder 14.) nicht so ganz zufrieden gewesen. Da habe ihm Folgendes geträumt: Er, Frankenwaldner, geht nervös vor dem Tonstudio auf und ab, in dem zur selben Zeit gerade sein betreffendes Werk aufgenommen wird. Doch man lässt ihn trotz aller Beteuerungen, wer er sei und so weiter, nicht ein. Da hört er notgedrungen bloß von draußen den Schluss seiner Symphonie, wie sie mit starkem Schlagwerkeinsatz und Königsgong, doppelter Paukenbesetzung, mit Effekten von Vibraphon, Marimbaphon und Xylophon et cetera wirkungsvoll zum Ende schreitet. Da – ein Becken-Crescendo! Und – Stille.

Das war es, meinte Wendelin Frankenwaldner nach Beendigung seiner Traumerzählung.

Er sei erwacht, aus dem Bett aufgestanden und hingegangen, die Partitur dementsprechend zu ergänzen.

Die Frankenwaldnersche Symphonie (war es jetzt die 13. oder die 14.?, egal!) war gerettet.

Und auch Frankenwaldner fühlte sich rundum wohl.

So möge es, hoffte Emanuel/Eigen Bisanner, doch auch ihm beizeiten ergehen.

Fortsetzung folgt!

 

Traumrettung

Doch bleiben wir noch kurz bei den Träumen des Emanuel/Eigen Bisanner. Es soll hier nämlich noch auf einen, laut Sigmund Freud („Die Traumdeutung“) sogenannten: perennierenden Traum eingegangen werden, ein Phantasie-Erlebnis also, das sich von Emanuels Jugend an sporadisch immer wieder bei ihm einstellte; übrigens, bis ins Alter. Das Traumgeschehen war dabei durchaus üppig und einigermaßen narrativ ausgestattet.

Also, der kleine (später auch der erwachsene Emanuel Bisanner) saß am elterlichen Sonntagstisch und harrte des in aller Regel ausgezeichneten Essens, das seine Mutter zuzubereiten so freundlich war. Doch dann geschah es: Mit einem Mal nahm seine Frau Mama Margarethe (wie man weiß, eine geborene Röhrling) die Gestalt einer Werkzeug-Mutter an, während sich Vater Hans Bisanner in eine längliche, phallische Schraube verwandelte. Über den beiden erschienen, irgendwie an zu alt geratene barocke Putten erinnernd, die Großeltern Röhling, mit denen sie bekanntlich in der Realität in einem großen Haus lebten, in einer geräumigen Gründerzeit-Villa. Übrigens, mitunter vervollständigten noch Vaters längst verstorbene Eltern das Bild, und um Weihnachten herum fettete es die fürchterliche Großtante mütterlicherseits zusätzlich auf, das früher schon erwähnte Ekel Elvira Prunk-Zirbler.

Das wäre noch nicht so arg gewesen, doch – ohne dass viel geredet worden wäre – entpuppte sich Mutter sukzessive als eine Reinkarnation der antiken Trauergestalt Iokáste (der Tochter des Menoikos und Schwester Kreons); während Vater immer wieder eindeutig zum unglücklichen, weitgehend passiven Laios wurde, zum unseligen König von Theben, dem das Orakel geweissagt hatte, sein eigener Sohn werde ihn ermorden. Ergo war Emanuel – Oidípus!

Während diese miese Traum-Erkenntnis ins Hirn des Jungmusikers sickerte, schwoll die Vater-Schraube immer stärker an und wand sich unter Ächzen und Stöhnen in die Mutter-Mutter hinein. Bis zum Anschlag.

Dann erst löste sich das schauerliche Bild (meist) auf, indem es allmählich verblasste. (Vermutlich hatten, durchaus Freud-affin, das Über-Ich und das Ich durch Vermittlung des neutralen Es die Beendigung der scheußlichen Kopulation bewirkt. Zeigte sich da die von Freud eingeführte Dreiteilung des Traumes – in Form nächtlicher Sinneseindrücke, dem Nachwirken von Tagesresten sowie der Kraft des Verdrängten? Oder war das alles weit weniger apo- als vielmehr interdiktisch? Allemal indes taktisch didaktisch …? Et cetera?!)

Aus verständlichen Gründen ließ just dieser perennierende Traum Eigen fast immer ziemlich zerknirscht und ratlos zurück, wenn es denn ans Aufwachen ging.

Und (ebenfalls kaum befremdlich) wäre ihm da der nach wie vor vorenthaltene Musik-Traum denn doch um einiges sympathischer gewesen.

Doch der blieb, wie gesagt (vorerst zumindest), immer noch aus.

Umso fruchtbarer erschienen ihm hingegen die Träume über seine Lieblingstiere. Und sann er genauer darüber nach, so fiel ihm alsbald die ihnen von ihm in so reichem Maß zugestandene Individualisierung als Begründung dafür ein. Natürlich!

Wer aus dem anonymen Volkskörper herausgehoben und zum Individuum erklärt wird, gewinnt nämlich einen ganz anderen Status als das namenlose Körperchen, das mit Tausenden anderen etwa den Leviathan bildet. Und im Tierreich, das sich der Mensch nur allzu gern als anonymes, einer unbekannten und unergründbaren Funktion unterworfenes Gewusel von weitestgehend Intellekt-losen, lediglich ihm zum Nutzen zur möglichst effizienten Bündelung ihrer Kräfte zusammen-gespannten Einzelwesen denkt, mag es noch düsterer aussehen, was den Wert des Individuums betrifft.

Hier schuf Eigen in seinen Träumen Abhilfe, nachdem er eine Denk- und Vorgangsweise gefunden hatte, die für ihn (und die betroffenen Tiere) hilfreich sein konnte. Wenn er sich nämlich auch im Ameisenhaufen oder im Bienenstock im weitesten Sinn lauter mit Individualität ausgestattete Einzelwesen vorstellte, war alles Weitere wesentlich leichter: Individualisierung half zu Personifizierung, und diese schließlich zum Überwinden der Endlichkeit (der Zeit also) als Vorstufe zumindest, wenn es zuletzt um die Überwindung des Todes gehen sollte.

In der Folge weitete Eigen diese Überlegung noch zielstrebig aus, bis sie auch die Pflanzen, ja: sogar die Mineralien und das Gestein einschloss. Aber – sachte. Und mit Vorsicht. Denn er wusste es genau: Da war noch ein weiter gedanklicher (und zunächst sogar ein nicht eben leicht einzuschlagender traumtechnischer) Weg bis dahin zurückzulegen.

Freilich, den Versuch war es allemal wert.

Doch die Träume Eigens verfügten, gerade, weil sie ihm so wichtig waren (und nachgerade bestimmend für sein Wach-Verhalten), durchaus auch über soziale, soziologische, ökonomische und ökologische Tendenzen und Auswirkungen. Unabhängig davon, dass diese Neigungen und Folgen bloß für ihn spürbar waren und die etwaigen daraus erfolgenden Reaktionen lediglich seine Denk-, Fühl- und Lebensweise beeinflussten.

Immerhin fanden in der Tat brennende Wirtschaftsfragen, dazu die bedrückenden Probleme des Klimawandels und der zu befürchtenden Übervölkerung (samt den vorauszusehenden Engpässen bei der Nahrungsbeschaffung sowie bei den verschiedenen lebensnotwendigen Ressourcen) ihren Niederschlag in Emanuels Traumgebilden. Nein, da ging es mitnichten bloß um Katzenmusik und lustiges gemeinsames Kreuchen und Fleuchen …

Auch die Veränderung von Lebensformen, Aggregatzuständen und Lebenszeiten – in einem quasi zeitlosen Raum – machten längst nicht die Hauptaufgabe seiner Träume aus, wenn wir sie uns denn als eine Art Fernsehstation mit Oberhoheit über entsprechende Programmschienen vorstellen wollen. Nein, da gab es sehr wohl noch gewichtigere Themen.

So träumte sich Eigen – wenn auch, zugegeben: als Fernziel – einen neuen Umgang der Menschen mit- und untereinander. Ohne Irritationen. Ohne Störfaktoren. (Deshalb untersagte er [vorläufig noch] Exemplaren wie der furchtbaren Großtante Elvira Prunk-Zirbel strikt den Zugang in sein Traum-Territorium!) Es hatte sich einiges, das war ihm, träumend wie wachend, klar, zum Besseren hin zu verändern – vor allem: im Verhalten zwischen den Menschen.

Die Wirtschaft musste so rasch wie nur möglich wieder vom hohen Ross einer Institution heruntergeholt werden, die mittels Banken- und Börsenunwesens alles beherrschte. Sie hatte zurechtgestutzt zu werden auf ihren ursprüngliche Status der bescheidenen Helferin. Ja: Sie musste erneut, wie es am Beginn vermutlich gewesen war, den Menschen dienen.

Die Flüchtlinge hatten (da man die politischen Gründe, aus denen heraus sie ihre Länder haufenweise verließen, nicht von Heute auf Morgen verändern konnte) selbstverständlich als Menschen betrachtet und in ihren Bedürfnissen akzeptiert und anerkannt zu werden; man musste sie zunächst nichts anderes als vorbehaltlos unterstützen! Und nichts anderes als Menschlichkeit sollte dabei als Maß aller Dinge gelten! (Wer da nicht gerne mittat, sollte sich zumindest vor Augen halten, dass mancher armer Teufel heute immerhin noch als Bittsteller kam; morgen indes würde er sich, der Not gehorchend, was er brauchte, einfach nehmen …)

In Eigens Träumen fiel es allerdings leichter, die in der Wirklichkeit herrschenden Zwänge wirtschaftlicher und dadurch politischer (aber auch die ideologischer, religiöser oder durch Traditionen und Riten bestimmter) Art abzuschütteln. Doch hieß das längst nicht, dass man in der Realität den oben genannten Zwängen hilf- und schutzlos ausgeliefert sein müsse.

Die Träume mögen, so dachte besonders der angejahrte Emanuel/Eigen Bisanner, uns vielmehr stärken für die Wirklichkeit des täglichen Lebens. Und Hoffnung geben.

Fortsetzung folgt!

 

Waldemar

Er galt (und das wohl zurecht) als hochbegabt, dieser fesche Waldemar Storm. Einen Tastenhengst hieß man ihn; einen – schon als noch verhältnismäßig Junger war das so – durchaus brillanten Techniker. Er sei bereits ein virtuoser Pianist, ein wenig unbekümmert vielleicht; mit einem merkbaren Hang zur Schlamperei, wenn man es genau nahm. Doch irgendwie ein Genie; und durchaus sympathisch. Ein Genie, das, wenngleich erst am Anfang seiner Karriere stehend, seine Lehrer und Instruktoren jetzt schon stolz machte. Dabei wort- wie weltgewandt und von Charme nachgerade sprühend. (Und das, obgleich Waldemar sich, bei näherem Hinsehen und etwas intensiverer Beschäftigung, rasch als ziemlicher Hohlkopf und großer Blender herausstellte. Und auch sein Spiel war in Wahrheit weit weniger beseelt als viel mehr – berechnend. Auf Wirkung aus. Auf Schein-Virtuosität. Und letztlich: absehbar.)

Doch was Storm ohne Zweifel war: der Schwarm der Damenwelt.

Wozu auch sein Sportflitzer keineswegs unbedeutend beitrug. Ein von Chrom strahlendes Vehikel der gehobenen Preisklasse, ein nagelneuer MG nämlich; das würdige Geschenk vor ein paar Jahren schon, genauer: aus Anlass der Matura (und mit Aussicht auf baldiges Ersetztwerden durch das neuere Modell). Eine Prachtkarosse. Nein, besser: ein Geschoss! Zugegeben: Ohne allzu große finanzielle Anstrengung hingegeben vom Herrn Papa, dem bekannten Autohändler Heribert Storm, dem Importeur und Fachmann für solche Flitzer und Edelkarossen.

Nur Mutter Roswitha, eine geborene Rübenlau, war anfänglich stets vor Sorge fast umgekommen, wenn der Sohnemann seine hochtourigen Spritztouren absolvierte. Noch dazu, was anfangs wohl nur sie wusste, in aller Regel nicht ohne entsprechende Mengen Alkohols intus zu haben … Denn an sich war Waldemar ein Schwächling und feig wie nur.

Und eine Schnapsdrossel. Obendrein.

Dem MG als seinem absoluten Wunschauto war der junge Storm allerdings über einen Umweg verfallen, nämlich über Vater Heriberts älteren Bruder, den angegrauten Operettentenor Enrico Storm. Und Onkel Enrico verstand es, ungeachtet seines merkbar längst schon ermatteten Stimmglanzes, nun eben per Automobilzauber, in einmaliger Weise repräsentiert durch seine englische Edelkutsche, immer noch williges Weibervolk genug um sich zu scharen. Denn so ziemlich alles, was da zwischen St. Pölten und Bad Ischl kreuchte, fleuchte, einen Rock an hatte und zu langsam zur zeitgerechten Flucht war, erlag tatsächlich allemal noch dem Rest-Charme des alternden Stimmbandakrobaten. (Auch wenn Kritiker Enrico Storm eher in der Kategorie Krawatteltenor führten. Was sollte es?!)

Der legendäre MG hatte seinen Siegeszug immerhin schon im Jahr 1923 in Oxford begonnen, als der Geschäftsführer der Morris Garages, Cecil Kimber, die Marke kreierte. Später begann die Zusammenarbeit mit Rover, noch später, 1994, wurde MG (gemeinsam mit der Rover Group) dann vom deutschen Autohersteller BMW übernommen, um nach dem Konkurs im Jahr 2005 an die Nanjing Automobile Group aus China beziehungsweise bald darauf an die Shanghai Automotive Industry zu gehen …

Waldemars Modell war damals, in den mittleren 1970ern, übrigens ein weiterentwickelter Midget, seinerseits abgeleitet vom Austin-Hearley Sprit der Schwestermarken Morris und Austin in den frühen 1960ern. Allein sein Spruch galt als legendär.

Zwar gingen die Jahre durchs Land, und die Beachtung, die man dem jungen Tastengenie und auf schier sagenhafte Weise Frauen-mordenden Musik-Exotikum Waldemar Storm allgemein entgegengebracht hatte, war vom konzertanten Alltag (und von besseren Pianisten, als er einer war) längst eingeholt und verdrängt worden. Doch über einen gewissen Anwert verfügte der Endzwanziger immer noch – als pianistischer Solist wie bei den brünstigen Weibern.

Zudem war er insgeheim und unter Ausschluss der Öffentlichkeit schon mehrere Jahre mit der Sängerin Emma Bisanner liiert. Und, wie man nachher wohl nicht zu Unrecht mutmaßen würde, sogar der Vater der Bisanner-Kinder Elisabeth und Gabriel.

Bis zum Unfall, ja – sieht man zunächst von Emanuel und dem Fund der Briefe einmal ab –, sogar darüber hinaus, ahnte allem Anschein nach niemand etwas von der so lange schon vor sich hin florierenden Liaison zwischen der fülligen blonden Sängerin und dem blendenden Klavierspieler; noch dazu einem Kollegen von Emmas Gatten Emanuel aus gemeinsamen Tagen am Konservatorium.

Und nunmehr, seltsam genug, hatte der bei weitem überschätzte Klaviervirtuose und unaufmerksame MG-Fahrer sturzbetrunken den Wagen seiner Geliebten, darin Fahrerin Emma sowie Tochter Lisa und Sohn Gabriel Bisanner, derartig furios touchiert, dass der Volvo der jungen Frau, gemeinsam mit dem zusammengestauchten Flitzer Storms, über eine Böschung kullerte, sich höchst unsanft überschlug und zu allem Überfluss alsbald in Flammen aufging.

Emma Bisanner, besser bekannt (besonders bei Anhängern der sogenannten Volkstümlichen Musik) unter ihrem Künstlernamen Gloriette Dumond, sei vermutlich auf der Stelle tot gewesen, hieß es von Seiten der Rechtsmedizin und der Forensik: Genickbruch. Innere Verletzungen. Et cetera. Et cetera.

Und Elisabeth und Gabriel? Denen war es nicht viel besser ergangen. Immerhin schienen sie kaum gelitten zu haben – oder nur kurz.

Sie waren tatsächlich statt in die Ballettstunde beziehungsweise zur Geigenlehrerin ins Jenseits befördert worden.

Waldemar Storms Pianisten-Karriere wie die als MG-Fahrer waren ebenfalls beendet. Der früher so flotte Waldemar saß bald schon – und mit ziemlicher Sicherheit für immer – in einem weit weniger schnellen elektrisch betriebenen Rollstuhl.

An pianistische Auftritte war nicht mehr zu denken, und auch Waldemars Laufbahn als lustvoll Weiber-mordender Lebemann hatte einen bedenklichen Knick erlitten.

Fortsetzung folgt!

 

Faszination Brief

Was Emma an Waldemar fasziniert hatte, wusste sie vermutlich selbst nicht so genau.

Und auch Eigen tat sich schwer bei der Beurteilung der über Jahre gehenden Affäre seiner nunmehr toten Frau mit dem Pianisten und Kommilitonen von dereinst.

Ein wenig Licht ins Dunkel dieser ominösen Beziehung brachten allerdings die erstaunlichen Liebesbriefe des moralisch so schlampigen Tastenvirtuosen an die sukzessive zur Fülle neigenden blonden Sängerin. Zuletzt wird man sehen, dass – grob gesagt – was für Emanuel seine Träume für den Klaviervirtuosen das Schreiben seiner durchwegs gefühlvollen und beinahe literarisch-formvollendeten Briefe war.

Ja, der ansonsten weitestgehend nichtsnutzige Pianist und Säufer darf als höchstgradig artifizieller Briefschreiber bezeichnet werden. (Und wenn wir es nicht längst anders geplant hätten [und für eine entsprechende grundlegende Änderung zu bequem wären], ließen wir uns womöglich dazu verleiten, diese ganze Prosa als verschachtelten Briefroman zu gestalten. Aber das hat eben nicht sollen sein. Wie so vieles andere auch nicht.)

Verglichen mit der Briefgestaltungskunst Waldemars waren Emanuels diesbezügliche Erzeugnisse weit ephemerer Natur. Wie seine damaligen Schulkollegen in der Gymnasialzeit (wie Peintinger also, Trittenwein oder Soucek sowie Pfisterer und wie sie alle geheißen hatten) hatte auch Eigen kleine, meist karierte Schmierzettelchen mit ungelenk hingekritzelten Liebeserklärungen an die Mädchen verfasst und in eigens dafür mit dem Taschenmesser (von ganzen Schülergenerationen vorher schon) geschaffenen Löchern und Hohlräumen in den alten tintenverfärbten und überhaupt recht unansehnlichen Bänken versteckt. Denn, es wurde schon kurz erwähnt, ihr Gymnasium war als eine reine Bubenschule geführt worden, hatte indes und geschuldet der allgemeinen Schulraumnot der 1950er und frühen 1960er Jahre (mit den geburtenstarken Jahrgängen der Nachkriegszeit!) den Besucherinnen einer Mädchenschule durch Jahre quasi als Unterschlupf gedient. Zumindest für die Zeit, bis den jungen Damen und ihren Professorinnen ein eigener neuer Schulbau zur Verfügung stehen würde.

Wechselunterricht lautete das animierende Stichwort: Wenn die Mädchen am frühen Nachmittag kamen, verließen die Burschen gerade johlend das Gebäude; und wenn die Schülerinnen es verließen, standen die Buben, durchaus mit kritischem Blick und zum Teil schon unverhohlener Lüsternheit in den Hosen, mehr oder minder brav Spalier …

Diese Botschaften, heimlich deponiert in den vergleichsweise inferioren, an Mauslöcher erinnernden Höhlungen der schäbigen, abgewrackten Schulbänke, hatten indes herzlich wenig mit den klassischen Briefromanen zu tun; weder mit Rousseaus „Nouvelle Héloïse“, noch mit Choderlos de Laclos‘ „Le liaisons dangereuses“ oder gar mit Goethes „Werther“. Immerhin war manches nicht Unoriginelle dabei, auch wenn vieles leicht zotig war und insgesamt nicht auf besonders hohem Niveau stehend. Mit Ausnahme der Zettelchen des Waldemar Storm vielleicht, deren stilistische Reife immerhin auf den sonstigen geistigen wie körperlichen Entwicklungsstand des Knaben, des jungen Mannes und späteren Klavier-Dompteurs hinwies.

Ja, Waldemar war ein Ass in Sachen Briefeschreiben. (Allerdings ging er in ein anderes Gymnasium.)

Waldemar Storms Passion in Sachen Briefeschreiben erhielt, wenn nötig, entsprechenden Nachschub an Motiven, Themen und Konstellationen nicht zuletzt durch reichliche Lesenahrung. Die wiederum erwuchs ihm in der Hinwendung zum Entwicklungsroman. Während sich gleichaltrige Buben und Mädchen noch vorwiegend an Beispielen spezifischer Kinder- und Jugendliteratur oft auch durchaus fragwürdiger Ausrichtung ergötzten (oder auch abquälten, je nach dem), griff Waldi, wie man den begabten Buben in der Familie damals noch nannte, schon mit Vorliebe zu Entwicklungs- und Ertüchtigungs-Geschichten wie Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“, Ludwig Tiecks „Franz Sternbalds Wanderungen“, Charles Dickens‘ „David Copperfield“ und sogar Goethes „Wilhelm Meister“. Aber, während sich Gleichaltrige beim Lesen von Karl Mays „Winnetou“ einen ‚runterholten, vertiefte sich der zukünftige Klaviervirtuose sogar in Adalbert Stifters „Nachsommer“ oder in Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ und Jean Pauls „Titan“, die zeitgleich Eingang in Waldemars diesbezügliche Lektüre fanden; knapp gefolgt von ein paar dickbäuchigen Russen.

Vielleicht inklinierte einer wie Waldemar (bestärkt durch solche Lektüre-Gewohnheiten) fast automatisch zum Briefeschreiben auf höherem Niveau?

Oder war alles bloß eine Marotte?

Bei der blonden Emma schlugen die beinahe schon literarisch zu nennenden Briefergüsse des Aufreißers, den sie zeitgleich mit dem vergleichsweise schüchternen Emanuel kennengelernt hatte, jedenfalls bombenmäßig ein. Und da Emma zwar damals schon gesanglich dick da war (und sich auch figürlich, wie erwähnt, zu einem stärkeren Auftreten hin entwickelte [sic!]), bildungstechnisch jedoch über keine nennenswerten Ressourcen verfügte, fielen bei ihr Waldemars Ergüsse auf durchaus fruchtbaren Boden. (Zumindest kamen ihr seine Briefe zunächst einmal exotisch vor.)

Im Hause Ehrenfreund, wie Emma und ihre Eltern mit Nachnamen hießen – ihr später gewählter Künstlername Gloriette Dumond war eindeutig ein solcher! -, wurde nämlich das Lesen nicht eben mit Hingabe gepflegt. Nein. Dazu waren Georg Ehrenfreund, der gewesene Gemischtwarenhändler und nachmalige Filialleiter einer Supermarktkette und seine permanent und rundum kränkelnde Frau Christina zu wenig kulturell interessiert; ihnen ging es, in einer (ohne ihr eigentliches Verschulden ausgelösten) Krise, lediglich ums tagtägliche Überleben unter nun so sehr geänderten Umständen.

Denn aus dem Greißler, in dessen Laden es – neben dem notwendigen Erwerb diverser Waren – vor allem um den regen Austausch oft recht unterschiedlicher Meinungen und um die Erörterung womöglich strittiger Standpunkte gegangen war, wollte partout kein anonymer Verwalter fremder Sonderangebote und Rabattschlager werden, der für den Handelskonzern, in dessen Fron er schuftete, irgendeinen Preishammer schwang.

Man erinnert sich vielleicht des eher skurrilen Vorstellungsgesprächs des nicht minder bizarren Hausknechts Melchior in Johann Nestroys Posse „Einen Jux will er sich machen“, geht es darin doch um die Standesehre und das aus ihr resultierende Selbstwertgefühl, wie es sich im Widerpart, dem von sich und seiner Bedeutung durchaus überzeugten und durchdrungenen Geschäftsmanns Zangler präsentiert. Auf Melchiors Frage: „I bitt, sein Euer Gnaden der Gewürzkramer?“, antwortet besagter neuer Prinzipal sehr dezidiert: „Eins zuwenig, ’s andre zuviel, ich bin nicht Euer Gnaden, sondern nur Herr Zangler, ich bin aber kein Kramer, sondern vermischter Warenhändler.“

Und aus so einem macht man nicht so leicht den lohnabhängigen Geschäftsführer zwischen gesichtsloser Diskontware und deprimierenden Einkaufswagenkolonnen.

Während also der unglückliche, gewesene Einzelhandelskaufmann Georg Ehrenfreund immer konsequenter zur Flasche mit Hochprozentigem griff, wurde seine Frau Christina sukzessive kleiner und kleiner, bis sie quasi eines Tages gänzlich verschwunden war.

Das Geschehen rund um Emmas Eltern entsprach daher auch weniger den Regeln eines Entwicklungs- oder Erziehungs- beziehungsweise eines Bildungsromans, sondern da schlug recht unliterarisch das Leben in seiner brutalen Ausgestaltung den Takt zum ewig traurigen Lied sozialen Abstiegs in der Folge eines vermeintlichen kapitalistischen Fortschritts.

Umso mehr lullten die – durch den hautnah erlebten gesellschaftlichen Abstieg im Elternhaus (samt Verschwinden der kranken Mutter im Schlepptau eines verkrachten Beiselwirts aus der Gegend, namens Siegfried Hollegger) geschockte und weitestgehend frustrierte – Tochter Emma Waldemars ach so hübsche Literatur-Briefchen ein. (Lediglich billige Liebes- oder Ärzteromane, vielleicht auch einschlägiger belletristischer Krankenschwestern-Kitsch hätten eine ähnliche Wirkung zu erzielen vermocht; oder, allenfalls, die jeglicher Psychologie abholden, weitgehend verklärenden Schilderungen vom Leben und Treiben in den europäischen Fürstenhäusern oder auf den vorgeblich so glamourösen Filmsets der späten 1960er, dargetan mittels bundesdeutscher, intellektuell eher grenzwertig ausgerichteter Illustrierten im wöchentlichen Lesezirkel.

Dann schon lieber Waldemars Briefe. Und die kamen oft ganz ohne Anlass.

Fortsetzung folgt!

 

Brief versus Traum

Der bald schon (freilich, ohne dass dies allgemein bekannt geworden wäre) ziemlich versoffene junge Waldemar Storm konnte sich nicht zuletzt deshalb großer Beliebtheit bei den jungen (und älteren bis ganz alten) Damen sicher sein, weil er imstande war, geradezu Unmengen an Süßholz zu raspeln. Allerdings nicht bloß im Gespräch, wenn er mit Komplimenten nur so um sich warf, sondern – und besonders – in seinen Briefen. Und hier wiederum im Speziellen in denen, die er seiner Dauer-Geliebten, der inzwischen einigermaßen füllig gewordenen blonden Sängerin Emma (alias Gloriette Dumond), der Gattin Emanuel Bisanners, schrieb.

Was heißt schrieb? Er überhäufte seine fette Herzensdame geradezu mit Poststücken intimster und schmeichelhaftester Art, in denen er quasi jedes Kilo des vorgeblich angebeteten Wesens in den höchsten Tönen besang. Und Emma/Gloriette, hauptberuflich zuständig für eben diese höchsten Töne, war entzückt und schwebte auf einer Dauerwolke des Wohlgefallens … (In Wahrheit lag Waldemar nicht besonders viel an Emma. Aber das nur so nebenbei.)

Gut, Mobiltelefon und Internet existierten noch nicht; und so gab es auch noch keine Möglichkeit, jemanden per SMS, also mittels short message service, zu kontaktieren. Nein, diese Formen der Kommunikation, die – wie wir heute wissen – nur allzu leicht zur Belästigung werden können und zudem im Allgemeinen mehr dem Missverständnis als der Information dienen, waren noch nicht im Schwange.

Also schrieb Waldemar. Und wie. Mit Ausdauer. Und Verve.

Emanuel Bisanner verstand im Grunde genommen nicht, warum ihm seine Frau mehr und mehr zu entgleiten schien. Er erforschte sein Gewissen, konnte indes keine gravierenden Fehler bei sich finden. Und so ließ er es resignierend.

Eigen versuchte, das inzwischen nur mehr wenig ersprießliche Zusammenleben mit der künstlerischen Belastung Emmas zu erklären, die sich, schwierig genug, in der Zwischenzeit, wie bereits erwähnt, in der Volkstümlichen Musik mit Ach und Krach einen Namen hatte machen können. Als Gloriette Dumond fand sie immerhin ihren Platz zwischen den diversen Schlagerstars und -sternchen der beginnenden Siebziger; auch wenn sie rein optisch ein wenig aus dem Rahmen des Gewohnten zu fallen drohte (um nicht zu sagen, dass sie ihn sprengte).

Weniger das in diesem Genre noch verhältnismäßig zurückhaltende Fernsehen, als nach wie vor das Radio kurbelte als Medium jedoch weiterhin auch den Verkauf der spärlichen Schallplatten an, die es von der langsam aber sicher zur Tonne anschwellenden Sängerin gab.

Hätte Emanuel vom bösen Konkurrenten Waldemar und dessen ungebremster Briefflut auch nur das Leiseste geahnt, er wäre nicht so überrascht gewesen, als er später, nach Emmas und der Kinder finalem Heimgang, vor dem Haufen Liebesbriefe stand, der zugleich der Trümmerhaufen seiner angeblich so glücklichen Ehe war …

Diese heißen Episteln der Liebe, sie hatten es in sich! Auch wenn Waldemar den ohnedies ständig und mit Leichtigkeit überflügelten Konkurrenten Emanuel darin kaum namentlich erwähnte, so stellten sie, als er sie nachher las, dennoch eine einzige Kränkung für den sensiblen Eigen dar. Denn der Ehemann schimmerte zumindest als lächerlicher Hahnrei, als betrogener Gatte und überdies als hintergangener Vater, der da zwei Kuckuckskinder aufzog und hätschelte wie ein Idiot, durch das quasi-literarische Geflecht der Stormschen Briefflut. Ja, Eigen wurde vom Nebenbuhler in einer Tour verhöhnt, allein schon durch das, was dieser der umturtelten Sängerin Emma so alles an Herzensschmus ums gierige Maul schmierte.

Bisanner freilich wandte sich letztlich ohne Rachegefühle ab. Und er träumte sich weiterhin seine bessere Welt. Mit seinen Tieren und mit einigen – seinen ausgesuchten – Menschen. Mit einer nächtlichen Auslese, sozusagen, die aus denen bestand, die er nun einmal mochte, die er leiden konnte, vielleicht sogar liebte; und, was die Tiere betraf, so liebte er sie wirklich. Und in Eigens Träumen hatten deshalb die Tiere eindeutig das Sagen. Ihnen galt seine Obsorge, sie bewirtete er – jede Art nach deren speziellem Gusto.

Und sie erwarben sich, ein besonderes Benefiz, in seinen Träumen Unsterblichkeit, da ihm, dem Träumenden, immer wieder, sozusagen: ein Kraut wuchs, immer wieder, ja, immer aufs Neu, gegen das Sterben; von dem er ihnen, um im Bild zu bleiben, etwas unter das Futter mischte …

Das half gegen das Sterben. Todsicher.

Im Sterben nämlich erkannte er die Beleidigung des Daseins; wenn auch auf meist geradezu fadenscheinige Art gerechtfertigt als Notwendigkeit und Voraussetzung für das folgende Neu-Erblühen und Auferstehen (et cetera).

Für ihn – ein tragischer Trugschluss.

Darin war Emanuel/Eigen Bisanner nämlich durchaus uneins mit vielen anderen. So auch mit Ivo Andrić, der in seinem Roman „Die Brücke über die Drina“ schreibt: „So lernte auf der Kapija (dem Tor, Anm.), zwischen Himmel, Fluss und Erde, Generation auf Generation, nicht im Übermaß zu beklagen, was das trübe Wasser forttrug. Dort nahmen sie die unbewusste Philosophie der Stadt (Višegrad, Anm.) auf: dass das Leben ein unfassbares Wunder ist, denn unaufhörlich zerrinnt und zerfließt es, und dennoch dauert es fort und steht fest, wie die Brücke über die Drina‘.“

Er, Emanuel/Eigen Bisanner, vermochte vielmehr den Fluss der Zeit zu stoppen, für Traumes Länge zumindest (wenn Träume überhaupt über eine Länge verfügen). Er, Emanuel/Eigen Bisanner, konnte seinen Tieren – und sich mit ihnen – für ein gewisses Spatium zumindest zur Unsterblichkeit verhelfen. Zur Unsterblichkeit.

Deshalb lebten seine geliebten Haustiere immer weiter. Und er mit ihnen.

Doch schon durch den eminenten Unterschied der beiden Medien – Traum und Brief – bedingt, war der quasi virtuelle Zweikampf der beiden Männer ein ausgesprochen ungleicher gewesen. (Noch dazu wusste zwar der Hallodri Waldemar von Emanuels Vorhandensein, dieser indes nichts von der Existenz des üblen Nebenbuhlers, außer dass er sich [eher unbestimmt und blass] an gemeinsame Studienzeiten zu erinnern glaubte.)

Waldemar hatte mit seinem Liebesgesülze eindeutig die Nase vorn gehabt. (Auch wenn das jetzt, im Nachhinein, längst ohne jede Bedeutung war.)

Noch etwas: Emanuel hatte es stets vermieden, der zusehends in die Breite gehenden Gattin seine Traumwelten zu offenbaren … Und: Wer weiß, wie schlecht der sensible Musikwissenschaftler und Komponist bei Emma angekommen wäre, hätte er ihr davon erzählt?!

War sie doch grosso modo nicht viel weniger oberflächlich beschaffen als die meisten ihrer in aller Regel kaum aussagekräftigen, eher flachen Liedtexte. Dieses ganze Umfeld bedenkend, musste man sich sogar darüber wundern, dass Waldemars doch einigermaßen taugliche Briefkultur eine so große Wirkung bei ihr hervorgerufen hatte …

Freilich, wer kennt die Frauen schon … Und wenn, dann zu welchem Vorteil?!

Was im Übrigen noch ziemlich erstaunt: Waldemar setzte sich, total betrunken (wir erwähnten das bereits), an jenem verhängnisvollen Frühnachmittag im Sommer des Jahres 1977 in seinen Sportwagen. Und auch Emma änderte die geplante Fahrtroute, ohne zu zögern, die sie mit ihren Kindern zum Ballettunterricht beziehungsweise zur Geigenstunde einzuschlagen gewohnt war.

So kam es überhaupt erst zum Crash der beiden Fahrzeuge, zudem an ungewohntem Ort.

Ein Anruf, daheim entgegengenommen, hatte alles ausgelöst.

Nur: Wer hatte die beiden Liebenden telefonisch kontaktiert? (Nein, diese katastrophale Verkettung ging nicht vom Autor aus!)

Es gab da einen gemeinsamen Bekannten, Hadubrand Uhmsacker, einen außerordentlichen Säufer vor dem Herren und einen, alles in allem, eher unbeliebten Zeitgenossen. Hadubrand war zwar ein entfernter Cousin Emmas, doch besonders gut verstand sich auch die Sängerin (und als solche Interpretin vorwiegend Volkstümlicher Musik), die immer mehr in die Breite tendierte, nicht mit ihm.

Und Waldemar? Der kannte Hadubrand von sporadischen Besäufnissen her, war indes auch nicht gerade eng befreundet mit dem lästigen Kerl, der sich im Grund permanent im Geld- wie im Alkoholnotstand befand.

Uhmsacker, der nunmehr eines frisch eingegipsten Knochenbruches des linken Unterschenkels wegen an seine Bruchbude gefesselt war, hatte vor langer Zeit als technischer Zeichner seine Brötchen in einem Architekturbüro verdient, bis er in sich, spät aber doch, eine pulsierende künstlerische Ader rumoren spürte. Da wandte sich der spätberufene Kreative der Malerei und Grafik sowie dem Anfertigen ästhetisch eher fragwürdiger Objekte aus Stein, Metallmüll und Glas zu. Schließlich lagerte er sein längst vom Alkohol gesteuertes künstlerisches Streben in der sogenannten Konzeptkunst zwischen.

Dabei schwebten ihm etwa gleich riesenhafte wie geschmacklose Beispiele von Environments vor, Land-Art oder Landschaftskunst, die nur einen einzigen Vorteil aufwiesen: kaum je realisiert zu werden. Ja, Hadubrand Uhmsacker galt – und das wohl zu Recht – als Konzeptkünstler ohne echtes Konzept. (Als solcher freilich machte er sich innerhalb der eigenartigen Künstlerschaft dieser eigenartigen Kommune ganz gut.)

Also, Hadubrand, arg im Trockenen befindlich und deshalb leidend, rief der Reihe nach einige Bekannte und Saufkumpane an, sie mögen ihm doch unbedingt Stoff bringen. Denn er, Hadubrand könne, wegen seines gebrochenen Fußes, nicht das Haus verlassen.

Und: Es gehe, sozusagen, um Leben und Tod!

Darum entschloss sich Emma, zuerst kontaktiert, nach einem nervösen Blick auf die Wohnzimmeruhr, einen beträchtlichen Umweg zu riskieren; sie musste ja eigentlich – wir erwähnten das bereits mehrmals – Lisa zum Ballettunterricht und Gabriel zur Geigenstunde bringen. Doch würde sie, so hoffte die dickliche Schlagersängerin zumindest, durch ausnahmsweise einmal besonders forsches Fahren die Zeit wieder ausgleichen. Und einholen. Ja.

Dann packte sie rasch die Kinder zusammen.

Waldemar, der sich von seiner Wohnung aus, wo ihn Hadubrands telefonischer Hilferuf erreicht hatte, in seinen MG schwang, hatte naturgemäß erst gar nicht vor, auf besonnenes Fahren zu achten. Selbst bereits ziemlich illuminiert, versuchte er vielmehr, den Auftrag des Säufergenossen möglichst rasch zu erfüllen, und brauste also in Richtung Autobahnabfahrt, wo sich Uhmsackers reichlich schmuddelige Behausung befand.

Fast schon in Sichtweite von Hadubrands Bruchbude krachten die beiden Autos mit großer Geschwindigkeit ineinander, verkeilten sich und waren in kürzester Zeit gleichsam zu einem tödlichen Haufen aus Blech, Knochen, Hirn und Blut amalgamiert.

Warum aber die Telefonate mit Emma und mit Waldemar? Hadubrand benachrichtigte, kaum war der Anruf an seine dicke Cousine abgesetzt, gleich auch noch Kumpel Waldemar (und noch ein paar andere Trunkenbolde), weil er in seinem Öl in der kurzen Zwischenzeit schon auf den vorhergegangenen telefonischen Hilfeschrei vergessen gehabt hatte.

Und der Auftrag? Der umfasste zwei Doppelliter-Flaschen Rotwein, eine Bottle Wodka sowie zwei Päckchen Zigaretten der Marke „Dames“.

Das Ende ist bekannt.

Wie wir besonders Emmas Verhalten moralisch einschätzen sollen, wissen wir freilich nicht. Aber, wie heißt es schon in Friedrich Theodor Vischers kuriosem Roman „Auch Einer“ so sinnig: „Die Frage nach dem Werthe des Weibs ist eine der zweiseitigsten, die es gibt. Der Mann ist weit commensurabler.“

Dann meint Vischer in seinem eigenartigen Mix aus Roman, Reiseschilderung, Aphorismen-Sammlung und Pseudo-Tagebuch weiter: „Mit diesem Wort ist sogleich der Grund der beunruhigenden Schwierigkeit in der Frage ausgedrückt. Incommensurabler ist das Weib im Guten; Großthaten des weiblichen Enthusiasmus leuchten in Menge wie Sterne am Nachthimmel der Geschichte, incommensurabler auch im Bösen …“ Und er zitiert sogar William Shakespeare: „,O, undistinguish’d space of woman’s will!‘ (König Lear IV, 6.) Wie sieht es mit der Geduld aus? Das Weib ist sowohl viel geduldiger, als auch viel ungeduldiger als der Mann. Jenes z. B. im Katarrh mit Zubehör und bei Krankenpflege, dieses bei Meinungs- und Willenskreuzungen.“

Jaja, die Inkommensurabilität der Frau. Die Unberechenbarkeit. Die Unvergleichbarkeit.

Wie leicht hatte man es in dieser Beziehung doch mit der schrecklichen Großtante Elvira Prunk-Zirbler (einer geborenen von Grambach) gehabt.

Die war eindeutig schrecklich.

 

E N D E

 

 

Quellen & Literatur (Auswahl):

Daron Acemoglu/James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014.

Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina. Eine Chronik aus Višegrad. 4. Aufl. München 2015.

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