Donnerstag

oder

Trink nicht zu viel

Hoppel-Poppel! *)

Eine Kurzgeschichte

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt,

Graz, 2002 ff.

(ENDFASSUNG 2013)

 

Es ist ein Brauch von alters her:

Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

Wilhelm Busch, Die fromme Helene

*

Irgendwas von seinen früheren Gewohnheiten muss man sich einfach ´rüber retten in eine schlechtere Zeit. Wenn man, wie ich, bessere Zeiten gesehen hat, wesentlich bessere sogar, mit Beluga und weißen Trüffeln, Champagner und eingeflogenem Fresszeug en masse, wenn man also bessere Zeiten gesehen hat, in denen man kaum hätte glauben können, sie würden eines Tages vorbei sein, ist so eine Gewohnheit, so eine luxuriöse Attitüde, zum Überleben richtiggehend wichtig. Lebensnotwendig. Egal, was war, egal, was ist. Außerdem: Jetzt hat sich ja alles wieder gefügt. Ganz ausgezeichnet.

Meine diesbezügliche Leidenschaft ist der Donnerstag. Exakt: der letzte Donnerstag jeden Monats. Da gehe ich in den Puff.

Schon seit gut dreißig Jahren. Damals, ich war erst kurz verheiratet … Sie, meine Frau: aus angesehener Familie, Vater Hofrat im Landesdienst; noch dazu ziemlich reich. Und ich? Ich hatte eben einen ansprechenden Posten ergattert (zugegeben:mit entsprechender Protektion,; aber, was erzähle ich …?! Recht dotiert war der, immerhin. Du verstehst?). Und damals hab´ ich sie kennen gelernt: Anita.

Jetzt ist es Anita III.

Ich nenne sie alle immer Anita. Auch die legendäre erste Anita hat in Wahrheit nicht Anita geheißen. Nein. Im schummrigen, inzwischen zweimal renovierten, aber immer noch schummrigen „Chez Babsie“. – Wie? – Sie ist durch die Straßenbahn umgekommen, Anita I. Der Siebener war es. Und Verspätung hat er gehabt.

Anita II. – oh, nimm doch noch ein Messino …, passen gut zum Kaffee, die Messinos, oder?! Ich vertrage leider keinen Kaffee – der Magen. – Ja, dann Anita II: die hat Krebs gehabt; also, Krebs bekommen …, ja. – Noch einen kleinen Hoppel-Poppel? Ist doch angenehm, dieses Gesöff …?! – Das Rezept? Hab´ ich aus einem alten „Conditoreibuch“. – Wie? Ja. „Zu einem Eigelb rührt man so viel Zucker als möglich“, heißt es da, „schlägt die Mischung recht schaumig und rührt ein Weinglas voll Arrak oder Madeira hinzu“. Ich mach´ für zwei Personen natürlich mehr. Angeblich kommt das Rezept ursprünglich aus der Gegend um Florenz. Du, die haben dort früher – hast du das gewusst? sicherlich nicht! –, die haben in fast allen guten Lokalen einen Suppenspucker gehabt?! Ja, einen, der in die Suppe spuckt! – Wie? – Nein, der durfte kein Frustspucker sein. Kein Heruntergekommener! Aber ein Lokal, das auf sich hielt, brauchte einen in der Küche, der in jede vierte, fünfte Suppe spuckte. Das sollte angeblich Glück bringen – zumindest den anderen, die eine unbespuckte Suppe serviert bekamen. Im Vertrauen, mir hat das ein Freund aus dem Männerheim erzählt, in dem ich umständehalber einige Zeit lang logiert habe. Der war noch bis vor kurzem Suppenspucker. Lungenkrank. Die lungenkranken Spucker sind nämlich – wiederum: angeblich – die besten. Überhaupt die mit rötlichem Auswurf – für Gulaschsuppen. Die bringen es jetzt noch auf gut 800, 900 Euro pro Monat. Schwarz. Plus Notstand. (No, da lässt es sich immerhin leben …)

Warum, fragst du mich, warum diese unappetitliche Spuck-Episode? – Mundus vult decipi …, du verstehst …?! – Nein …?! – Auch gut. Das Aroma muss stimmen! Wie bei Anita III. Die Frau strömt ein Odeur aus, besonders zwischen den Schenkeln, wo dann das eigentliche Himmelreich beginnt …

Ja, früher – noch Kaffee? Bitte sehr! Und einen Hoppel-Poppel? So. – Früher, wie ich noch Senatsrat war und im Rathaus ein- und ausgegangen bin, vor dieser leidigen Sache also … Ach, lassen wir das lieber …, bitte! Also, damals – immer in Boss, Baldessarini, Valentino, Gard et cetera, kurz: in teures Tuch gehüllt. Ja, da bin ich also jeden letzten Donnerstag im Monat ins Puff „Chez Babsie“ zu Anita. Anita …

Nach dem Desaster dann, da hab‘ ich beim Bruno, einem ehemaligen Schulfreund, meinen letzten eleganten Anzug deponiert. Wie gesagt, nach dem Desaster; nach der Scheidung und dem unschönen Hinauswurf aus dem Dienst; nach diesem alles verändernden Eklat … Auch zwei Hemden – topfein, Krawatte, schwarze Schuhe, geputzt, glänzend …, Wäsche und Socken. Du verstehst? – Alles feinst! Also, die Sachen zieh´ ich an bei Bruno. „Chez Bruno“, hab´ ich zwischendurch sein Domizil scherzhaft genannt. Und sieht doch ordentlich aus … hier …, oder?!

Bruno? – Hodenkrebs. Seine Frau hat sich vor vier Jahren in die Ewigen Jagdgründe abgesetzt. Armer Teufel, der Bruno. Ein lieber Kerl, doch. Ja … Guten Weinbrand, oft sogar Cognac bereitgestellt, wenn ich mich kostümieren gekommen bin – mit Baden und Reinigen und so …, vorher. Sogar sein Joop! hab´ ich mit benützen dürfen … Nach der Anita hab´ ich den Anzug immer wieder zu ihm zurückgebracht, dann haben wir noch einen gesoffen. Einmal hat er mir seine Schrumpfhoden gezeigt. Will, dass ich sie anfasse – nicht, dass er schwul gewesen wäre! Oh, Gott, mit den Eiern …! Nein, Mitleidsmasche. Versteht man doch …

Und ein Monat später bin ich wieder da. Kleide mich an. Anita III.

*

Klar“, sagt Kommissar Gerd Knilch, an seinen Assistenten Paulaner gewandt. „Klar, wir verfügen über eine Leiche. Wie meistens, wenn wir zu agieren haben … Eine nackte, verstümmelte männliche Leiche. Gleichsam: ohne jegliche Identität. Ohne Fingerabdrücke, weil ohne Hände … Mit total zermatschtem Kopf … Sogar ohne Geschlechtsteile … Scheußlich!“

Ja, Chef“, pflichtet der Jüngere eifrig bei (als hätte er in gut fünf, sechs Kurzgeschichten und Erzählungen,in denen er bisher schon vorgekommen ist, immer noch nichts dazu gelernt. Nun ja, ein bisschen, vielleicht …). „Wes Nam´ und Art er sei, ist uns nicht bekannt.“

O?!“, stutzt der Vorgesetze. „Wohl inzwischen Wagnerianer geworden, Paulaner?!“

Ich bitte Sie, Chef!“ Paulaner wird rot.

Keine Papiere. Und die Mädchen hier im Puff kennen ihn zwar – aber nur unter dem nicht allzu viel sagenden Namen ,Bruno´“, schaltet sich Bezirksinspektor Haberfellner kurz ein.

Hm.“ Knilch wirkt zerknittert. Er zündet sich einen Cigarrillo an.

Und die, die ihn bedient hat, diese hübsche blonde …, wie heißt sie nur?“, Paulaner durchblättert sein Notizbuch, „ich finde jetzt den Namen nicht … Egal, ich frage sie nochmals …, die also schwört, dass er immer wieder und nur zu ihr kommt …“ Paulaner wischt sich den Schweiß von der niedrigen Stirn.

*

Du kannst dir vorstellen, wie erschrocken ich war, als ich davon erfahren habe. Sogar im Männerheim hat die Sache die Runde gemacht! – Oh, nimm noch einen Kaffe – ja, so ist es gut! Und einen Hoppel-Poppel! Ist doch delikat, nicht wahr?! Natürlich, ein Messino – auch zwei! – Also, dass einer im Bordell „Chez Babsie“ ermordet worden war, der angeblich Bruno hieß, war schon erstaunlich. Und wie ich am nächsten Tag, es war ein letzter Donnerstag im Monat, hier auftauche und erfahre, dass mein Bruno nicht da ist – – – Also, da geht mir ein Licht auf! Da ist mir mit einem Mal alles klar!

Nicht, dass mir solcherart meine Bleibe – exakter: die meiner letzten besseren Klamotten – fürderhin fehlen würde. Auch um Bruno, meinen Bruno, auch um meinen Freund Bruno tat es mir leid. Ehrlich. Irgendwie …

Und da fällt es mir eigentlich erst so richtig auf; und ein. Ja, Bruno, mein alter Schulfreund Bruno, und ich sind nicht nur gleich alt, sondern auch fast gleich groß. (Er hat meinen Anzug und meine Schuhe einmal des Spaßes halber anprobiert – passt alles wie angegossen.)

Genau, jetzt hast Du´s: Der angebliche „Bruno“ aus dem „Chez Babsie“ ist mit meinem Bruno identisch! Donnerwetter, gute Kombinationsgabe! Perfekt! Er ist in Wahrheit – was freilich niemand ahnt, auch die Polizei nicht -, er ist der „unbekannte“ Ermordete im Puff!

Ist es – nimm noch einen Hoppel-Poppel, bitte! Ich hab´ jetzt jede Menge von dem Zeug! -, also ist es mir unter diesen Umständen zu verdenken, dass ich in seine Rolle, in Brunos Rolle, geschlüpft bin?! Und dass ich – ich als ich – verschollen bin?! Die zwei Jahre im Männerheim, du, die haben mir wirklich genügt …! Das kannst du mir glauben!

So bin ich jetzt Bruno. Ich beziehe seine Pension – die gar nicht so übel ist -, und bin hier eingezogen. – Genau: als er, als Bruno. Gleich nach ein paar Tagen, die er weg war. Und bin hier inzwischen ordnungsgemäß gemeldet. Als Bruno …, sozusagen:wieder

Ob ich ihn -?!

Hör´ einmal, diese Frage ist kühn …

Wie? – Warum ich dir das Alles erzähle? Nun, sehr einfach: Weil du diesen Raum nicht lebend verlassen wirst.

Richtig, Gift. – Nein, nicht im Hoppel-Poppel … – Genau, im Kaffee! – Nein, auch nicht in den guten Orangen-Keksen. Im Kaffee. Schädlich, dieser Kaffee …

Wie ich dich entsorgen werde? – Keine Angst, da hab´ ich schon meine Methoden.

Also, Prost! Prost auf Anita IV.!

E N D E

*) „Hoppel-Poppel“ in: Carl Krackhart, „Neues illustrirtes Conditorei-Buch. Ein praktisches Hand- und Nachschlagebuch für Conditoren, Fein-, Marcipan- und Pastetenbäcker, Zubereiter von Gefrorenem, Lebküchner, Chocolade- und Liqueurfabrikanten, Köche, Gasthofbesitzer, sowie auch für jede Hausfrau“. Ausgabe B. Dritte vermehrte Ausgabe. Mit einem Nachtrag von neu eingeführten Recepten. München 1898. S. 156.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*