Die zweite Chance

Eine himmlische Überlegung

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2011

(ENDFASSUNG 2012)

 

Fluctibus et fremitu resonans Benace marino.

(Der du von Meereswogen und Meeresbrausen

erklingst, o Benacus.)

Vergil, Georgica II, 160

(zitiert von Johann Wolfgang von Goethe,

Italienische Reise 1, Torbole, 1. 7. 1786)

*

 

Als man diesmal Im Himmel, naturgemäß in der Registratur, drauf kommt, dass schon wieder zwei Leben (und damit:) zwei Schicksale miteinander vertauscht worden sind, ist alles in ganz unhimmlischem Aufruhr.

„Wann? – Vor achtzig Jahren? Naja … Und welche Schicksale, welche Leben? – Ah, das von einem gewissen Michael Propper und das von einem Machail Proppow. Soso … Der erstere: ein Wiener, Nummer zwei: aus Bulgarien. Schlamperei, vermaledeite!“

Petrus ist saubös.

„Vertuschen!“, stößt er zwischen den heiligen Zähnen hervor.

„Mit Verlaub“, der Engel neben ihm, in Blond gehalten und leicht errötend, verdreht ein wenig die hübschen blauen Augen, „das geht diesmal leider nicht ...“

„Warum geht das diesmal leider nicht?! Alles geht, wenn man nur will!“, knurrt der missgelaunte Oberheilige. Und leiser fügt er hinzu: „Warum also soll das diesmal leider nicht funktionieren?!“

„Bitte … ER weiß es schon …“ Der Blondengel blinzelt vorsichtig schräg nach oben, wo es, in altbekannter Weise, immer lichter und lichter wird; bis es ordentlich zu blenden beginnt …

Allwissend, denkt Petrus. Warum nur ausgerechnet allwissend …

„Also – was tun wir?! Vorschläge, bitte!“ Der Heilige zieht mit den Augen eine Rund und besieht sich seine treue Schar.

Ein langgedienter himmlischer Regierungsrat tritt mit Würde, gepaart mit Respekt, fast schon devot vor und rät dazu, den beiden Schicksalsgenossen eine zweite Chance zu gewähren.

„Eine zweite Chance?!“, wiederholt der Heilige. „Naja … Warum eigentlich nicht …?! Ist wahrscheinlich ohnedies unsere letzte Möglichkeit.“

„Zeitschleife?!“, wagt der Blondengel, sich erneut einzumischen.

„Über die Details müssen wir noch reden. – Sind die beiden Propp-“

„Propper und Proppow, Chef!“, beeilt sich der hübsche Engel unauffällig zu soufflieren.

„Ja, also, sind die schon gestorben? – Nein? Na, gut, dann stoppen wir den Vorgang. Bis –“ Er lässt das Ende des Satzes offen. – „Aber, wenn ich heraus bekomm’, wer das wieder verbockt hat, damals, vor achtzig Jahren …, Also …, der fliegt!“ Petrus entfernt sich mit wehenden Sakkoschlitzen.

,Wie er sich das wieder vorstellt, der Chef! Ts, ts! Ein Erzengel’, denkt sich der blonde Vorzimmerengel leicht amüsiert und nimmt wieder hinter dem himmlischen Computer Platz, ,ein Erzengel – und fliegen …’

*

Innengeschichte

Keine zweite Chance“

Gabriele Solerno, wohlhabender Endvierziger, und seine aktuelle Liaison, die hübsche und überaus adrette Mitzwanzigerin Annexa, unternehmen eben einen Ausflug nach Riva. Bei ihren Unternehmungen hängt sich immer ein ganzer Schweif diverser junger Leute an, Freundinnen und Freunde Annexas auf Vespas und in klapprigen Gebrauchtwagen, eine Entourage, die ihr alternder Amant, gutmütig, wie er ist, aushält – in ihrer Dummheit, Lautstärke und natürlich auch finanziell bei solchen Anlässen. Auch sonst steht seiner Mätresse und den Ihren seine Villa am Gardasee stets offen, und die junge Meute nutzt das auch nach Un-Gebühr aus. Doch Solerno ist das egal.

Erstens hat er genug Geld, und zweitens – sollen sie doch ihren Spaß haben. Zu mehr reicht es bei den meisten von ihnen ohnedies nicht.

Er verwöhnt Annexa. Und sie ist ihm auf ihre Weise auch zugetan. Nicht nur im Bett. Überhaupt. Das hat, nennen wir es beim Namen, alles etwas Romanhaftes, sogar ein bisschen Kitschiges an sich: hier der erfolgreiche und wohlhabende Privatier, Ex-Naturwissenschaftler und in Maßen sogar bekannte Schriftsteller – zugegeben, am besten verkaufen sich seine oberflächlichen Romane, verfasst in einem Stilmix aus Rosamund Pilcher und Schlimmerem – und da das bisher hauptsächlich gescheiterte Unterschichtmädel aus dem nahen Verona. Wenig gebildet, kaum an anderem interessiert als an schönen, teuren Kleidern, auffallendem, echtem Schmuck und üppigem Kitsch und jener allzu bekannten Art von dumpfem Lebensgenuss, der nun einmal primitiven Schönheiten gerne eignet; und solcherart ein durch die Tatsachen selbst erzeugtes Klischee bedient.

Reich geworden durch einige geglückte Erbschaften und durch Rück- beziehungsweise Restitutionszahlungen nach einem – nicht von ihm verursachten – großen Unfall, führt der ehemalige Cheftechniker eines Großkonzerns Gabriele Solerno das Leben eines durchaus mäzenatisch angehauchten Privatgelehrten und Lebemannes. Er bewohnt eine alte, jedoch auf das Beste hergerichtete und stilsicher renovierte Villa in Malcesine am Gardasee, nicht allzu weit vom ehemaligen Sitz des übel-schwülstigen Neoromantikers, skandalträchtigen Dekadenzdichters und dumpfen Mussolini-Gefolgsmanns Gabriele D’Anunzio entfernt und auch quasi in Nachbarschaft zum Latifundium des aus Wien stammenden, international überaus rührigen Allround-Künstlers André Heller.

Unter Annexas Anhang befindet sich auch der Nichtsnutz Carlo, ein dunkler Schönling, der ihr ziemlich ungeniert den Hof macht. Sogar in Solernos Villa und vor den Augen des Geliebten. Obwohl den älteren Mann die Unverfrorenheit Carlos ärgert, schweigt er anfänglich dazu und tut so, als ob er nichts vom Getändel, da, vor seiner Nase, bemerke.

Solerno hat Annexa den kleinen süßen Hund Pandolfo geschenkt, den sie sehr liebt.

Kurz vor dem oben angerissenen Ausflug nach Riva hat der Romancier nun Hinweise und Spuren entdeckt, die darauf hindeuten, dass seine Geliebte mit diesem Carlo offenbar tatsächlich ein Verhältnis begonnen hat. Und so kommt es nun im Gastgarten einer Osteria zur Aussprache in großer Runde: Gabriele Solerno knallt Annexa den wohlvorbereiteten und gepackten Koffer vor die Füße, der ihre geringe Habe enthält, und beendet ohne Wenn und Aber das Verhältnis. Bevor er Carlo tatsächlich eine Ohrfeige verpasst (was er sich eigentlich vorgenommen hatte), verlässt er, die Rechnung begleichend und reichlich Trinkgeld zurücklassend, mit seinem Geländewagen den Parkplatz vor der Osteria. Pandolfo, der kleine Welpe, ist dem reichen Privatgelehrten, Schriftsteller und Lebemann schwanzwedelnd in den Wagen gefolgt, wo er sich in seinem Körbchen zusammenrollt. Nicht aus Mangel an Charakter hat auch das Hündchen Annexa verlassen, sondern, im Gegenteil, weil es welchen hat. Sehr viel sogar.

Solerno macht sich zusammen mit Pandolfo nach Wien auf, wo er in Döbling eine ererbte Villa besitzt, und avisiert ihr Kommen unterwegs per Mobiltelefon dem alten Diener Jean.

Seinem Bedienten in der Villa am Gardasee, Michele, erteilt er Instruktion, Annexa und ihren unnötigen Anhang, die lauten jungen Leute also, die sich alle mit Sicherheit bald einfinden würden, nicht mehr einzulassen. (Nie mehr!) Wenn es sein muss, solle er die Carabinieri zu Hilfe rufen. Für Michele sei zudem ein Brief vorbereitet, den er Annexa aushändigen solle.

Die junge Frau steht einige Zeit später, assistiert von ihrer liederlichen Entourage, tatsächlich vor der Villa – und wird, obwohl sie, mit tränenschwerer Stimme und wenig diskret, äußert, schwanger zu sein, entsprechend den Instruktionen Solernos abgewiesen. Michele überreicht Annexa, zugebeben: nicht ohne Arroganz in Auftreten und Stimme, das vorgefertigte Schreiben seines Dienstgebers, aus dem die Tatsache von dessen Unfruchtbarkeit hervorgeht, begründet durch die Folgen eines Unfalls vor einigen Jahren, bei dem Radioaktivität freigesetzt worden und ausgetreten sei. (Die ziemlich hohen Zahlungen von Schmerzensgeld nach diesem Unfall bildeten, neben einigen Erbschaften, die Basis für Gabriele Solernos Reichtum.) Sie, Annexa, solle sich von ihm nichts erwarten und sich besser mit ihrem Schnösel Carlo arrangieren – „falls das in Euren Kreisen überhaupt möglich ist. Du hättest ein ganz gutes Leben führen können mit mir; denn wenn meine Spermien auch abgestorben sind, sonst ging (und geht) da doch alles immer noch ganz gut, oder?! Und mein Geld wäre ja auch weiterhin nicht zu verachten gewesen … Noch dazu, wenn man bedenkt, dass Du nichts gelernt hast, nichts bist und über keine nennenswerten Aussichten, Talente und geistige Ressourcen (= Erwerbsquellen) verfügst. Nur: Man – verzeih’: frau – darf mich nicht bescheißen! Verschwinde also aus meinem Leben, Du kleines Luder! Eine zweite Chance gibt es nicht …

G. Sol.

*

„Also, ich finde diese Haltung zu hart“, sagte Michael Propper, indem er das Buch beiseite legte. „Warum nicht doch – verzeihen?!“

Dr. Proppow, der alte bulgarische Oberarzt im Krankenhaus von Malcesine am Gardasee, erhob sich langsam und stellte den Sessel, auf dem er zuvor gesessen war und seinem greisen Patienten gelauscht hatte, zurück zum Tisch an der anderen Zimmerseite.

„Sie sollten lustigere Dinge lesen, Herr Propper, nicht immer die desillusionierenden Romane dieses Gabriele Solerno aus unserem schönen Malcesine! Da ist übrigens Goethe einmal beinahe eingekerkert worden, wussten Sie das?“ *)

„Goethe? Johann Wolfgang von Goethe?!“, fragte Propper, einigermaßen überrascht.

„Ja, Goethe. Er wäre anno 1786, von Lemone kommend, spät abends und bei Sturm hier beinahe gestrandet! Der Dichter wusste am nächsten Morgen nichts Besseres zu tun, als die Befestigungsanlage mit dem pittoresken fünfeckigen Turm abzuzeichnen, und da hat man ihn für einen österreichischen Spion gehalten … – Was ist es denn diesmal überhaupt?“ Und er drehte das Buch, das ihm der Patient gereicht hatte, um und beäugte die Vorderseite eingehend. „,Keine zweite Chance rund um den Gardasee’. So ein Dreck, mit Verlaub …!“ **) Und etwas sachlicher fügte er hinzu: „Aber wussten Sie, dass unser schöner Gardasee vor fast vierzig Jahren tatsächlich knapp vor dem ökologischen Kippen war und, sozusagen, keine Chance mehr zu haben schien?!“

„Ah, ja …“, erwiderte Michael Propper aus den weißen Kissen heraus. „Übrigens: Wie schaut es mit meinen Chancen aus – und den Ihren, Herr Doktor Michail Proppow?!“, fragte er listig.

„Hm. Ja, recht gut, recht gut … Wollen sehen …“

Der Mediziner verließ mit einem leichten Lächeln um den alten Mund das Zimmer.

Draußen kräuselte der See, zwischen blau, grün und grau changierend, geheimnisvoll seine Oberfläche.

E n d e

*) Johann Wolfgang von Goethe, Erste Italienische Reise. In: Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. 14. Bd. Leipzig und Wien o. J., S. 42 ff.

**) Gabriele Solerno, Keine zweite Chance rund um den Gardasee. Milano 2009; deutsch: München 2010.

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