Die Ziege, die

ausschließlich

vierblättrigen

Klee fraß

Ländliches Idyll

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

Voller Sanftmut sind die Mienen

und voll Güte ist die Seele,

sie sind stets bereit zu dienen,

deshalb nennt man sie Kamele.

Heinz Erhardt, Tierisch-Satirisches

*

Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde,

Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg.

Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso

*

Zu Mariae Geburt fliegen die Schwalben furt.“

Nichts ist mehr, wie es einmal war. Auf nichts ist mehr ein Verlass. Nein, auf rein gar nichts mehr. So hat die alte Gretl, die Lockenbäuerin, gehadert. (Mit sich, mit der Welt und mit dem lieben Gott. Akkurat in dieser Reihenfolge).

Kein Halt, kein Anhalten. Nichts gilt noch, heut. Nirgendwo ist da ein Hort der Sicherheit. Eher schon wird alles zu einem Stein des Anstoßes. Und niemand da, an den man sich hätt wenden können. Auch der Herr Pfarrer hätt ihr nicht helfen können in ihrer übergroßen Not; stammt der doch gar aus Polen.

Wo hätt es denn so etwas gegeben, früher einmal? Ein Pfarrer aus Polen, der kaum Deutsch kann? Und sie, die alte Gretl? Allein ist sie gelassen worden, allein in ihrer übergroßen Seelenpein. Gelobt sei –

So! Jetzt ist der Schmarrn auch noch angebrannt!

Und dann, zu allem Überfluss, das mit der Ziege Olga!

Nein, vorher noch: Muss die alte Lockenbäuerin doch glatt erfahren, dass ihr Lieblings-Urenkel, der Olaf, mit einer um etliches älteren Indianerin aus Peru zusammen ist! Er hat sie aufgegabelt – oder sie ihn? (Mit solchen grammatikalischen Nebensächlichkeiten will und kann sich die alte Gretl jetzt nicht auch noch abgeben!) -, also, kennengelernt haben sich die beiden in Chile (oder in Peru?). Und aus ist es gewesen und geschehen, geschehen mit dem und um den Olaf. Jetzt hat er sie hierher mitgebracht; hierher, auf den Hof, nach St. Anna, der Olaf, seine Peruanerin (oder Chilenin?) …

Was die jungen Leute heute auch herumreisen müssen, und gleich um die ganze Welt! Früher, da sind sie höchstens einmal nach Wien gefahren …, oder in den Krieg gezogen, wenn grad einer war … Aber heut?! Und dann kommen sie zurück mit einer Chilenin aus Peru!

Und jetzt ist er also zusammen mit diesem indianischen Schlampen!

Und dabei ist der Olaf gerade erst zwanzig geworden!

Man hätt dem Buben, damals, wie er noch ein Bub gewesen ist, eben keine Negerpuppen zum Spielen geben sollen! Sie, die Gretl, hat es ja alleweil gesagt! (Aber wer hat schon auf die alte Ur-Oma gehört?! Ha?! Niemand!)

Wenn’s nach ihr gegangen wär, hätt er ja überhaupt gar keine Puppen bekommen zum Spielen, der kleine Olaf; nein, sondern Zinnsoldaten. Und dem Zinnsoldaten-General hätte er dann auch ihr Mutterkreuz umhängen dürfen, mit dem zu spielen sie ansonsten den Kindern Enkeln und Urenkeln strengstens verboten gehabt hat all die Zeit hindurch! Wäre ja noch schöner! Ist doch immerhin – ihr Kreuz gewesen, das Mutterkreuz vom Adolf …!

Und jetzt noch das mit der Ziege. Mit der blöden Geiß Olga.

Frisst dieses Biest doch seit einiger Zeit ausschließlich vierblättrigen Klee!

Gut, Ziegen gehören der Ordnung der Paarhufer (oder Artiodactylae) an, zählen zur Familie der Hornträger (Bovidae) und sind Wiederkäuer (Ruminantiae). Eine solche – von der Bezoarziege abstammende – Hausziege (Capra aegagrus hircus) ist auch die an sich hübsche, nun schon etwas in die Jahre gekommene Olga. Feldklee (Trifolium bolanderi, aus der Gattung der Schmetterlingsblütler) oder Wiesenklee (Trifolium pratense), der, wie der lateinische Name schon sagt, zumeist dreizählig gefiedert ist, gehört zwar an sich zu ihrem Lieblingsfutter (neben anderen Kräutern, Flechten und Gräsern); doch dass sie sich plötzlich just auf vierblättrige Exemplare vom Klee kapriziert hat, ist äußerst verwunderlich gewesen. Das hat sogar der alte Tierarzt, der Dr. Eduard Birnstingl, gesagt, äußerst verwunderlich. Und: wahrscheinlich senil, hat er auch gesagt, der Veterinär Birnstingl. Senil. Obschon es, überlegte man’s recht, immerhin von einem gewissen Feinschmeckertum zeugen würde … Doch hat die alte Gretl die Ziege Olga ja nicht so sehr wegen dem Renommee gehalten, sondern mehr aus Gewohnheit heraus.

Wie ja überhaupt die Gewohnheit etwas sehr Wichtiges ist. Ohne Gewohnheit würde einer womöglich plötzlich zum Atmen aufhören. Und – aus wär’s. Oder er tät nicht mehr aufwachen in der Früh und fürderhin tot sein …

Gewohnheit. Sogar die Vögel wissen, wann sie fortfliegen müssen, wenn der Herbst kommt: nämlich am 8. September. Zu Mariae Geburt fliegen die Schwalben furt, heißt es im Bauernkalender. Die wissen das aus Gewohnheit, die Vögel, schon seit ewigen Zeiten …

Freilich, mancher hat irgendwann einmal etwas gemacht, was ganz gegen jede Gewohnheit gewesen ist. Und irgendwann ist es dann trotzdem allen als normal vorgekommen. Weil man sich halt daran gewöhnt hat … Ja, auch das ist vorgekommen.

Wie jetzt eben das mit der Ziege Olga und dem Klee.

Vierblättriger Klee. Seltsam. Und: äußerst verwunderlich.

Jetzt will die Olga also, aus lauter Sturheit (oder aus Altersstarrsinn, oder weil sie eben wirklich senil geworden ist?), nur mehr vierblättrigen Klee fressen! Ausschließlich und akkurat vierblättrigen Klee! So eine blöde Geiß das!

Oder – ist die Olga jetzt zu einem Glückssymbol geworden? Vom vielen Vierblättrigen-Klee-Fressen? Früher hätt man das alte Ziegengestell geschlachtet, das wär am End ihre Berufung und Bestimmung gewesen! Aber heut soll sie plötzlich ein neues Symbol für’s Glück sein?!

Da mag sich einer auskennen!

Die alte Gretl hält inne in ihrem Olga-Denken und schaltet hinüber ins Xandl-Denken. Der alten Gretl ihr verstorbener Mann, der Xandl Taucher – sie hat ja zum Hof dazu geheiratet und ist eine geborene Flachsinger aus St. Peter in der Kanten gewesen, Jahrgang 1912 -, der Xandl also hat nämlich die ganze lange Zeit gut auf sie geschaut. Deshalb denkt sie auch immer wieder recht gern an ihn, an den Xandl. Recht gern. Im Jahr 1910 ist er auf die Welt gekommen, der Xandl. Und Zehn Kinder haben sie später dann miteinander gehabt. Alles Lebendgeburten. Zehn Kinder – deshalb hat sie, die Gretl, zuletzt auch noch das Mutterkreuz bekommen, in Gold! Vom Adolf (nach Nummer acht, 1941) …

Jaja, es sind keine leichten Zeiten gewesen, damals. Der Xandl, wenn der nicht ein krummes Bein gehabt hätte, rechts – nichts wär es gewesen mit dem stolzen Bauerndasein und mit dem Hof für ihn; und mit ihnen beiden, mit ihm und der Gretl; und mit den zehn Kindern, wohl auch nicht! In den Krieg ziehen hätt er müssen, der Xandl! In den Krieg! Marsch, Marsch!

Aber so, mit dem untauglichen Fuß, hat er keine Karriere machen können beim Militär.

Aber dafür eine bei der NSDAP. (Dort hat man was übrig gehabt für Fußkrüppel …) Immerhin, Ortsgruppenleiter ist er später geworden. Und nach 1945 dann Gemeinderat – bei der ÖVP.

Ja, zehn Kinder: Ein Kind nach dem andern, Jahr für Jahr. Praktisch jedes Jahr ein neues! Erst der Xandi, noch im Jahr der Hochzeit (naja, es war halt so …), im Jahr 1933; dann die Rosa, die ist vor ein paar Jahren erst gestorben (1992); wie auch der nächste Sohn, der Georg (schon 1987). Dann ist der Siegfried gekommen; die Hermine, die Johanna, die ist auch schon tot (1972); darauf der Horst; die Reingard, ebenfalls gestorben – mit fünf Jahren am Scharlach (1945) -; die Irene und der Toni …

Der Georg wär damals beinah erstickt, Anfang der 1940er war das, an einem großen Mantelknopf …! Ja, und der Toni, der ist im Jahr 1951 fast in die Mähmaschine hineingekommen, in die neue …

Jaja, es war immer was los …

Der Xandi hat dann im Jahr 1965 den Hof von seinem Vater Xandl übernommen, denn dem sein krummes Bein ist mit fortschreitendem Alter immer schlimmer geworden. So gut es sich in der Jugend bewährt hat, das schlechte Bein, zu so einer Belastung ist es später dann geworden … Das nennt man wohl die ausgleichende Gerechtigkeit, oder?! Der Xandi hat schon 1955 die Marianne Flechtenmacher geheiratet, die ist jetzt mit einem Mal die Jungbäuerin gewesen! Na, die hat dir vielleicht ein Regiment geführt! Frage nicht!

Und sie, die Gretel? Sie hat plötzlich zum alten Eisen gehört.

Grad, dass sie sich noch um den kleinen Gemüsegarten mit ihren Kräuteln und ums Kleinvieh hat kümmern dürfen, um ihre paar Hühner, um die Schafe und Ziegen. Jaja …

Ihr Enkel, der Kurt, der erstgeborene Sohn vom Xandi und von der Marianne, ist im Jahr 1956 auf die Welt gekommen und hat später dann die Maria-Theresia Kleindienst zur Frau genommen. (Ihr, der alten Gretl, wär ja die Sylvia Krautwaschl lieber gewesen. Aber die hat blöderweis schon ein uneheliches Kind gehabt; vom Lehrer Oberländer, vom Stefan, ja. Da wollt sie der Kurti dann doch nicht haben.)

Und knapp darauf hat dann auch schon der kleine Olaf das Licht der Welt erblickt, wie man so schön sagt. Das ist im selben Jahr gewesen, nämlich 1977, in dem seinen Vater, den Xandi, der Traktor zermalmt hat. Traurig, ja, sehr traurig! Da ist dann der Kurt selber Vater und Bauer geworden, beides mit 21 Jahren! Lebt auch nicht mehr, der Kurt. Krebs (ganz jung noch, im Jahr1988). Ja, und jetzt? Jetzt regiert die Maria-Theresia über allem. Und herrscht unbegrenzt und ungeniert …

Naja, sie ist ja eigentlich ganz tüchtig, die Mary. So mit Urlaub am Bauernhof, mit sanftem Tourismus, Frühstück, Streichelzoo und so … Aber – naja …

Und jetzt auch noch das mit der Olga!

Oh, du lieber Augustin!“

Früher ist alles besser gewesen! Wer hat in diese Leier nicht schon einmal eingestimmt? Besonders für die alten Leute hat ganz einfach so ziemlich alles, was früher gewesen ist, besser sein müssen, als es heute je hätte sein können. Oder?!

Immerhin sind ja ihre Sonnentage (zumindest die Zeiten ihrer Kindheit und Jugend) nun einmal in der alten Zeit verankert. Und so hart das Leben damals – oder gerade damals – auch gewesen sein mag, im Nachhinein lässt das löchrige Gedächtnis es anstandslos zu, dass man‘ s schönfärberisch hintergeht, das Gedächtnis …

Sonst hätten sie, die Alten, vermutlich gar nichts gehabt, um daran inneren Halt finden zu können, nachher. (Und das Schimpfen über die furchtbaren Zeiten, wie sie jetzt gerade herrschen, hat zudem etwas Tröstliches an sich. Auch wenn das Gold von früher in Wahrheit meistens ebenfalls bloß Talmi und Plunder gewesen ist.)

Die alte Lockenbäuerin, hier, in St. Anna, die Gretl, wenn sie sich so erinnert im schäbigen Jetzt – wir schreiben das Jahr 1997 und sie ist fünfundachtzig –, wenn sie sich erinnert an ihre harte Jugend und all das Schwere, das sie erleben hat müssen, so scheinen ihr manche Entbehrung und manches Unglück von früher dennoch wesentlich erträglicher gewesen zu sein, als es der heutige Kram ist. Kunststück: Sie hat die Entbehrung und das Unglück eben ertragen und glücklich überstanden … Vom heutigen Zustand weiß sie nicht viel. Und der Ausgang ist allemal ungewiss.

Damals ist ein vierblättriger Klee noch ein Symbol des Glücks gewesen! Den hat man ausgerupft, mit Freuden angeschaut und vielleicht sogar ins Gebetbuch getan, gepresst; aufgehoben, für später, hat man ihn. Für später, wenn man das Glück womöglich hätte beschwören müssen damit …

Aber heute?

Wer kein Geld hat, nimmt die Plastikkarte zu Hilfe. Oder er holt sich einen Kredit.

Und wer kein Glück hat, der borgt es sich. Ganz einfach …

Nur: Der vierblättrige Klee, der ist für die Geiß …

Na, wenn’s nützt?!

Seit sie nicht mehr die Bäuerin ist – jetzt ist das auch schon ein paar Jahrzehnte her, exakt: Seit ihr verstorbener Mann, der Xandl, den Hof im Jahr 1965 an den jungen Xandi und die Marianne übergeben hat -, seit damals hat sich natürlich auch allerhand geändert. Der sogenannte Strukturwandel hat sich da ereignet. Allgemein. Und auch bei ihnen auf dem Lockenbauern-Hof. Maschinenring. Genossenschaft. Milchabgabestelle. Dann fast kein Vieh mehr, keine Rinder, keine Schafe, nur eine alte Ziege. Kaum mehr Schweine, dafür mehr Kukuruz, Raps et cetera …

Das Glück is‘ a Vogerl, hat es früher geheißen.

Und meistens ist es weit, weit weg von einem geflogen. Oder es ist gekommen und hat einen angekackt; ein kleines Patzerl zumindest hat man abgekriegt vom Spatzerl …

Aber –

Die Ziege kapriziert sich auf vierblättrigen Klee, und auch sonst ist alles ganz aus der Art, denkt die alte Gretl. (Vielleicht hat die alte Geiß, die Olga, als einzige Recht damit, dass sie ab jetzt nur noch vierblättrigen Klee frisst? Wer weiß … Am End sollte auch sie, die Gretl, vierblättrigen Klee verlangen vom lieben Gott? Sie müsst einmal den Herrn Pfarrer fragen – aber mit dem ist ja nicht zum Reden; deutsch, und auf Polnisch, das kann sie wieder nicht …)

Es ist schon alles ein Unglück!

Und dann auch noch das – ihr Mutterkreuz, es ist weg! Das Mutterkreuz, vom Führer verliehenes Zeichen und heiliges Symbol einer schweren, aber auch einer großen Zeit (wie zumindest die alte Gretl geglaubt hat), es ist verschwunden. Verflixt und zugenäht!

Sie sucht bangen Herzens und durchforstet das ganze Haus, auch die Nebengebäude und sogar die Scheune und den Stall sowie die ganz neue Riesenanlage, wo die 10.000 Legehennen untergebracht sind – seit dem Strukturwandel. Überall kraxelt sie hinauf mit ihren dünnen alten Beinen, und überall steigt sie hinunter. Nichts! Kein Mutterkreuz!

Sie hätt ja den Hl. Antonius bitten können … Nein! Noch nicht!

Zuerst einmal selber suchen! Den Antonius besser noch in Reserve halten …

Was sie nicht alles findet, wie sie so nach dem blöden Orden sucht! Zum Beispiel: den alten Taufschein vom Xandl, ausgestellt am 5. Juli anno Domini 1910, Pfarre St. Anna am Engelsbach, gezeichnet: der Pfarrherr, Dominik Pfuster. Den Totenschein vom Xandl. Und seinen Führerschein – fürs Fahren mit dem Motorrad, mit dem Auto und mit dem Traktor … Aber kein Führerkreuz für die deutsche Mutter!

Jessas na! Das alte Liederbüchel! Ganz vergilbt und fleckig … Oh, du lieber Augustin! Jaja: Alles is hin … Wirklich alles?!

Ein paar Feldpostkarten – aus dem Ersten Weltkrieg, von irgendwelchen Onkeln (oder Brüdern vom Xandl); Herzliche Grüße vom Isonzo! … Dann welche aus dem Zweiten Weltkrieg, auch von Onkeln und Brüdern und so … Liegen hier vor StalingradGrüße aus Paris! Im Lazarett geht es uns einigermaßen gut Bis Neujahr!

Dann noch ein paar andere, auch wieder eher amtliche Papiere: ungültige Reisepässe, Zeugnisse von den Kindern aus der Volksschulzeit, dazu noch vergilbte Fotografien mit Leuten drauf, die alle längst unter der Erden sind … Aber kein verflixtes Mutterkreuz!

Schau da, ein altes gesticktes Deckerl von der Anna-Tant! Die alte Anna-Tant! Zwirblinger hat sie geheißen, und ihr Mann, der Theo, der ist ein Schneider gewesen … Die Anna-Tant hat ja so schöne Handarbeiten gemacht …, bis ins hohe Alter; ja, bis zum Sterben sogar. Knapp vorm Tod noch hat sie ein Deckerl gestickt: Üb immer Treu und Redlichkeit!

Dann – ein altes Mensch, ärgere dich nicht-Spiel, dem ein paar Kegeln fehlen, mit drei verschieden großen Würfeln, einem schwarzen, einem roten und einem grünen …

Sie hat, so weit sie sich erinnern hat können, nie Glück gehabt im Spiel, die alte Gretl. Nie.

Drum hat sie die Suche nach dem Mutterkreuz schließlich auch aufgegeben. Und was an sich selten vorgekommen ist: Die alte Gretl hat resigniert.

Das Kind adelt die Mutter!“

Da ist sie also drei Tage krank und apathisch da gelegen auf dem Stroh in ihrem Stallabteil, die alte Geiß. Der Blick der Ziege ist trüb gewesen, und sogar den besten vierblättrigen Klee hat sie verweigert. Es ist ihr gar nicht gut gegangen, der alten Olga.

Und auch der alten Gretl ist es nicht gut gegangen; gar nicht gut.

Nicht etwa, weil sie so besonders gehangen wäre an dem Viech. Nein, so sentimental ist die alte Lockenbäuerin nie gewesen. Tierschutz – ja, aber alles mit Maß und Ziel. Tierliebe? Doch, doch! Aber übertreiben soll man das, bitte, auch nicht …!

Nein, aber sie ist es gewohnt gewesen, tagtäglich die Ziege zu sehen und zu hören. Ihr braunweißes Fell und ihr Meckern. Und ihre Milch hat sie immer gern getrunken, früher, als die Olga noch Junge gehabt und entsprechend auch über die nötige Milch verfügt hat.

Überhaupt: Die Olga hat für die alte Gretl ein Relikt von früher dargestellt. (Oder ist das schon die Vorgängerin gewesen von der Olga, die sie eigentlich gemeint hat? Oder deren Vorgängerin? Ja, und ist sie, die Gretl, nicht auch irgendwie schon längst ihre eigene Vorgängerin gewesen …?!)

Jetzt ist sie da, im Stall, auf dem gelbbraunen Stroh gelegen, die Ziege. Sie hat aus glanzlosen Augen stumpfsinnig vor sich hin gestiert und den Eindruck vermittelt, als würde sie es nicht mehr allzu lang machen wollen …

Doch dann –

Was Marisol, Olafs peruanische Indianerfrau und Lebensgefährtin, ihr da wirklich eingegeben hat, der Olga, ist auch später dann nicht von ihr zu erfahren gewesen. Sie scheint aber einerseits gewusst zu haben, was im Fall Olgas zu tun sei; anderseits dürfte sie mit den Haustieren ihrer Breiten, nämlich mit den Lamas, entsprechende Erfahrung haben. Und immerhin besteht eine gewisse Verwandtschaft zwischen Ziegen und Lamas, die dort, in Peru (oder doch in Chile?), woher die Indianerin kommt, als nützliche und genügsame Haustiere durchaus Ansehen genießen. Indes gehören die Lamas nun einmal zu den Kamelen (Camelidae), auch wenn sie keinen Höcker aufweisen. Und obschon sie auch Paarhufer sind wie die Ziegen, zählen sie ihrerseits zu den Schwielensohlern (Tylopodae); außerdem sind die Lamas, wenn auch ihr Magen ebenfalls gekammert ist, keine ausgesprochenen Wiederkäuer. (Ach ja, das Spucken!)

Jedenfalls hat die Arznei (vermutlich ein traditioneller, entsprechend zubereiteter Wurzelsud) auffallend rasch die gewünschte Wirkung getan! Die arg aufgeblähte Ziege hat sich – zunächst noch schwach auf ihren vier dünnen Beinen balancierend -, vom Krankenlager erhoben und dankbar zu ihrer indianischen Retterin hochgeschaut.

Dann, in die allgemeine Aufmerksamkeit hinein (alles steht um sie herum), scheißt sie mit einem Mal einen schier phantastischen Haufen! Ja, Olga scheißt, was das Zeug hält!

Und mitten drinnen in den übel riechenden, ganz- und halbverdauten Rückständen des farblich ziemlich bizarren Pflanzenbreis – das Ehrenkreuz der deutschen Mutter in Gold!

Jetzt sind aber alle ziemlich baff. Auch der Dr. Birnstingl.

Das also ist der Grund für Olgas arge Verdauungsprobleme gewesen: das Mutterkreuz der alten Lockenbäuerin! Der Nazi-Orden, den die Gretl knapp vor dem Zusammenbruch noch als Dank und Anerkennung bekommen hat: Dafür, dass sie einen ganzen Haufen Kinder empfangen, ausgetragen und für den Führer in die Welt gesetzt hat! Der Orden, auf den sie alle die Zeit stolz gewesen ist! Jetzt ist das ansonsten so nostalgisch gleißende Stück, blau emailliert, weiß gerändert und mit goldfarbenem Strahlenfeld sowie mit dem zentralen Medaillon, in dem das Hakenkreuz prangt, da gelegen – inmitten von Ziegenscheiße.

Alle sind froh, und auch die alte Gretl vermöchte kaum, ein paar Zehren der Freude zu unterdrücken. (Ob wegen der Ziege, die wieder wohlauf zu sein scheint, oder wegen des glücklich wiedergefundenen Mutterkreuzes, sei dahingestellt.)

Der vom Totengräber Franz Sulzinger auf Geheiß von dessen überaus neugieriger Frau Zenzl zur ganzen wunderlichen Sache befragte Pfarrer Bronisław Vižańžłinski (oder so) schweigt. Oder aber: Er sagt etwas Polnisches, was man nicht verstehen kann.

Die Ziege Olga bekommt wieder ihren Klee, vierblättrig, versteht sich! Und sie scheint durchaus glücklich zu sein. Auch wenn der angebliche Glücksklee ab nun ein gezüchteter ist, aus der nahen Großgärtnerei vom Johann Spiegelmayer stammt und im Allgemeinen hauptsächlich zum Jahreswechsel angeboten und verkauft wird; eben vierblättrig.

Doch seien wir ehrlich: Ist nicht auch sonst so manches Glück ein wenig künstlich?

Eben.

E N D E

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