Die Stadt

stinkt

Satirische

Bestandsaufnahme

eines Phänomens

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

(…)

Nicht noch einmal hat der Rabbi

Einen Golem sich geschnitzelt;

Jede Lust war ihm vergangen:

Allzu klug ist leicht zu dumm.

Detlev von Liliencron, Der Golem

*

Konrad! sprach die Frau Mama,

Ich geh‘ aus und du bleibst da.

Heinrich Hoffmann, Der Struwwelpeter

*

Zeit der Hitze

Es war einer der Tage gewesen, da die Sonne weniger heruntergeschienen hatte als vielmehr heruntergebrannt. Und ein tonnenschwerer, überheißer Hochsommertag, lähmend und alles zusätzlich belastend (was womöglich ohnedies schon beinahe unerträglich, zumindest ausgesprochen unangenehm gewesen war), zögerte immer noch, in eine vermutlich kaum weniger furchtbare Nacht hinüberzugleiten. Jetzt, es mochte gegen 21 Uhr sein, lag diese fast unverminderte, schier unerträgliche Schwüle immer noch über dem Moloch Stadt, der sich zäh nur wie schäbiger Pizzateig von der flirrenden Helle dieses so beschwerlichen Tages endlich doch noch trennen zu wollen schien. (Er, Till Brahms, mochte solche bizarre Bilder. [So wenig er freilich Pizza mochte.])

Und das, obwohl der jetzt dahinschwindende, üppig sonnendurchflirrte Hochsommertag gerade in der Dunkelheit der Nacht immerhin so manche Möglichkeit erwarten durfte, nun endlich einiges vom längst geplanten Schlechten tatsächlich in die Realität umzusetzen.

In eine Wirklichkeit, die solche Tage just deshalb kaum mehr erwarten können, weil sie sich, sozusagen, selber mitaufgeheizt haben. Und geil gemacht auf das Böse und seine Praxis.

Jetzt, am eigentlich schon späten Hochsommerabend, herrscht immer noch ein indifferentes Zwischenstadium vor. Ein weitestgehend unangenehmes: schweißtreibend, enervierend und an Folter erinnernd. (Zumindest findet er, der Till Brahms heißt, das so.) Aber ein Zwischenstadium ist es, immerhin; und nicht mehr das totale Extrem (oder?). Ein Zustand, der von Unentschlossenheit bestimmt ist. (Wie dies? – Die Folterknechte legen eine Pause ein und schnabulieren gemütlich ihre mitgebrachten Speckbrote; und sie trinken Bier oder Most, das Bier oder den Most des späten Abends also oder der frühen Nacht. Dazu erzählen sie einander lustige Foltergeschichten.)

Es ist ein Zwischenstadium, ja.

Und zu sehr scheint sich auch diesmal wieder das stinkende Etwas, diese ominöse Stadt, an den zusätzlich belastenden Mantel aus sengenden Sonnenstrahlen und pickigen Wellen von Hitzestau wie auch von sirrenden Hitzestaubkörnern gewöhnt zu haben. Ganz zu schweigen von den als Schicksal hingenommenen Abgasen und dem Feinstaub, der zur Stadt gehört wie das Sauerwerden zur Milch oder Hammerzehe und Nagelpilz zu den High Heels.

Und das nicht nur einen (in gewisser Weise: unendlich langen) Hochsommertag hindurch.

Doch nicht nur die unmenschliche Hitze hatte den Moloch Stadt eingehüllt in giftige Atmosphäre, sondern zugleich war das Potenzial des Ungreifbaren – des Unbegreiflichen: des Bösen eben – gestiegen. Und dieses Böse hatte längst aus dem merkwürdigen, scheußlich-pittoresken Gebilde Stadt, das da weniger Gemeinschaft als vielmehr Gemeinheit war, ein fiebriges Zerrbild geformt. (Und, fürwahr: nirgendwo anders roch das zoon politikon derart gemein … und wenig nach Tier!)

Beängstigend und im Horror letztlich dann doch wieder faszinierend war die Stadt: wie die glühende Herdplatte für noch ahnungslose Kinder, das zu hoch oben gelegene Fenster ohne Gitter für den Zufallsfall, die zum Halsbrechen animierende grob gehauene Kellertreppe aus Stein.

Nicht dass etwa auf dem sogenannten Land nichts Schlimmes passierte und die Moral unangetastet über allem thronte, aber das kommunale Kriminelle und die kommunalen Kriminellen weisen denn doch eine etwas andere, bedrohlichere Qualität auf. (Zugegeben, Serienmörder kommen auch in vergleichsweise lieblicher Landschaft mit viel Grün und guter Luft vor; und besonders Inzest und Sodomie werden in bukolischen Gefilden besonders gern ausgeübt. Dennoch muss der Kriminalitätspegel im Urbanbereich höher angesetzt werden als dort, wo Kuh, Schaf und Gans hausen, wo Bauersmann und Bauersfrau (zumindest im Nebenerwerb) Vieh, Kinder und Flur pflegen.

Insgesamt haben sich die ländlichen Strauchdiebe und Raubritter recht schnell urbanisiert und in städtische Wegelagerer und Groß- wie Kleinkriminelle verwandelt. Auch der Weg zur Kommunal-Verwaltung, die alles in der Stadt organisiert und regelt, ist meist ein kurzer. Doch – machen wir uns nichts vor – ein Fortschritt ist das nur bedingt. Im Gegenteil: Nicht selten bedeutet das eine Steigerung in der Effektivität beim Vorbereiten und Verüben von Verbrechen, besonders auf dem Sektor der Wirtschaftskriminalität.

Doch nicht nur auf dem lohnenden Gebiet der Kriminalität hat die stinkende Stadt im Allgemeinen das vergleichsweise langweilig-friedfertige Land bald überflügelt gehabt. (Wobei man auch hier nicht vergessen darf, auf das quasi typisch rustikale Verbrechensspektrum hinzuweisen. Wie weiter oben schon angedeutet, sind Inzest und Sodomie hier im Vergleich weiter verbreitet als in der Stadt, und auch der robust-unsentimentale Umgang mit älteren, womöglich als störend empfundenen Mitbewohnern gehört eher zum Alltag als in der diesbezüglich meist hellhörigeren Urbs. Man weiß, sich zu helfen; und tut es auch. [Und: Verbrechensbereitschaft herrscht wohl überall vor …])

Doch die Tendenz zu noch mehr Megacitys und Riesenstädten hält an. Wenn dann aus dem Speckgürtel um die Metropole schon die Nachbargroßstadt wächst, wird es in der Tat ungemütlich. Und schwerlich nur kann der mitdenkende Mensch auf Dauer den so entstandenen urbanen Dschungel für eine florierende Zukunftsregion halten. (Doch wer denkt schon mit?!) Und das sprichwörtliche Zurück zur Natur! Scheitert irgendwann ohnehin an der fehlenden Mobilität …

Die Stadt. Das Böse.

Es ist das Böse, das es gar nicht gibt! (Wie die ganz Gescheiten sagen.) Weder kollektiv, noch individuell. Das Böse, das gibt es gar nicht. Weil man es ganz einfach nicht braucht. Und was nicht gebraucht wird, gibt es nicht; das ist ganz einfach gar nicht vorhanden. Oder, noch fadenscheiniger argumentiert, mit ein paar abgerissenen pseudo-philosophischen Thesenfetzen verkordelt: Man (ja, wer denn, bitte schön?!) konnte das Böse – das es vielleicht irgendwann einmal gegeben hat erfreulicherweise längst überwinden! Man fand sich in die Lage versetzt, dieses blöde Böse auszumerzen; oder zu überspringen. Man vermochte, mit anderen Worten, das Böse sukzessive wegzumendeln. (Evolutionär, genetisch, idealistisch, rationalistisch, schamanistisch, politisch …)

Till Brahms freilich wusste es wieder einmal besser. Das Böse überwunden? – Ganz im Gegenteil!

Und: warum auch?! Weil dieses Böse doch notwendig war! Bedingungslos notwendig sogar!

Übrigens: längst nicht mehr nur als Kontrast zum angeblich Guten (von dem immer noch behauptet wurde, es gäbe es), sondern als Motor alles dessen, was geschah, was sich entwickelte, was fort schritt. Das Böse war, schlicht und ergreifend, der Motor des Fortschritts.

Und um Fortschritt drehte sich doch in Wahrheit alles. Nach wie vor. (Auch wenn – o welche contradictio in adiecto! – bald niemand mehr da sein würde und tatsächlich präsent zum Fort-Schreiten, Fort-Fahren, zum Fort-Bewegen oder Sich-Fort-Beamen et cetera; vor lauter Hast, Betriebsamkeit, Eile und Selbstaufgabe … Oder: Siehst du vielleicht noch irgend jemanden in den hitzeflimmernden Straßen der Stadt? Nicht einmal nachts, wenn die grauen Katzen den grellen Reklamelichtern in die dunklen Hinterhöfe hinein ausweichen … Siehst du da wen?!

Am ehesten konnte Brahms in dieser unerquicklichen Kommunikation über das Böse und ob es nun vorhanden sei oder nicht, am ehesten konnte er noch Wilhelm Buschs Onkel Nolte zustimmen, dieser selbstgefälligen Spießerfigur aus der Bildgeschichte „Die frommen Helene“ (1872), wenn der pointiert erklärt: „Das Gute – dieser Satz steht fest – / Ist stets das Böse, was man lässt!“

Ja, kommuniziert wird. Heftig sogar. Aber zumeist klingt das wie der Disput zwischen – was das Optische betrifft: noch einigermaßen konservierten – Leichen oder eloquenten lebenden Toten. Gespräche zwischen Stimmen ohne körperliche Verbindung zu irgendeiner möglichen Realität.

Denn sogar für die Kommunikation sind die technischen Gegebenheiten, das Equipment oder die Kompatibilität der Geräte längst schon wesentlich wichtiger (ja: entscheidend wichtiger!) als die Mitteilungsinhalte selbst. (Und den völlig unnötigen, total verspielten Verzierungen, den Smileys und anderen Emoticons, scheint mehr Bedeutung zuzukommen als den mageren Inhalten …)

Till Brahms nimmt sich als Beispiel die personelle Aufstellung des Goetheschen Faust (und lebt sie sogar, so halbwegs, immerhin und durch Phantasie gesteuert, in seiner Art von Realität). Jaja, vom alten Johann Wolfgang von Goethe kann man sich noch allerhand abkupfern. Donnerwetter!

Also: Egal, ob es die kindisch-kindlichen Wünsche des alten Faust sind, um die es dabei (vordergründig) geht, nämlich möglichst umfassendes Wissen, ewig anhaltende Jugend und Wohlgefälligkeit vor der Welt; oder ob es sich um die sanft beginnenden, sich später naturgemäß ebenso überbordend gebärdenden Begierden des in aller Unschuld letztlich ja doch (mindestens mit-)schuldigen Gretchen handelt; oder ob plötzlich die ständig auf die Inbesitznahme des Ganzen schielende Geilheit des stets verneinenden Geistes, Mephistopheles, in den Focus des Interesses rückt: Immer gibt es das ganze Menü. Nicht vegetarisch, schon gar nicht vegan. Ganz im Gegenteil: eine pralle, von Fleisch und durch Fleisch bestimmte Speisenfolge ist das. Mahlzeit, Leute!

Und noch etwas: Immer aufs Neue bietet das Kaleidoskop der Akteure, Protagonisten und Antagonisten, der Täter und Opfer also, ein unterhaltsam-buntes Arrangement, dem man längst nicht mehr anmerkt, eigentlich aus den Scherben geborstenen billigen Glases zu bestehen.

Da ringen Eros mit Geist, Lüge mit Wahrheit – und der Teufel mit Gott (egal, ob es sie nun tatsächlich gibt oder nicht). Die Erkenntnis, lange Lust auf Sex beweise sich zuletzt als stärker als der zu kurze Verstand, bedarf immerhin einiges bewegten Hin-und-Hers. Lange Zeit hindurch mag der Ausgang des Kampfes sogar ungewiss sein; doch die Dinge nehmen immerhin ihren Lauf.

Doch, einiges hatte diese (Bühnen-)Personage allerdings für sich, dachte er: Alle Beteiligten glaubten, als Träger (und Getragene [sic!]) des Fortschritts bestens getarnt zu sein. Und getarnt zu sein, war lebensnotwendig. Getarnt – vor wem? Vor Gott, vor IHM, dem angeblich Alles-Wissenden, Alles-Sehenden und Alles-Hörenden et cetera?

Aber, bitte schön, hatte ER sich nicht kompromittiert? War nicht gerade auch ER, durch die perfide Wette mit dem Teufel, zu einem ordinären part of the game geworden?!

Egal. Es ging darum, sich einerseits möglichst genussvoll ausleben zu können, zum anderen, Integrität (bis zu einem gewissen Grad wenigstens) vorzutäuschen und Biederkeit. Ja, sogar Empathie zu entwickeln. Zuletzt, in der Tragödie zweitem Teil, bereits von allerlei Altersweisheit erfüllt, macht Faust sich gar (ein bisschen von Reue bestimmt) für die Allgemeinheit stark, indem er – nicht etwa wie früher noch Geld und Gold herbeischaffen (oder per Teufel herbeigeschafft haben) will, sondern – einen Damm zu planen beginnt und auch sonst gar manch Gutes zu tun sich bemüht als geistig wenigstens halbwegs vollendeter Mensch. (Der Blick aufs Ganze, sozusagen, erwächst [sinnigerweise] just dem Erblindenden.)

Sicherheitshalber mehr oder weniger geschickt getarnt, geschieht vieles, was Faust tut (oder unterlässt): Am Anfang seine im Dunkel der Nacht betriebenen alchemistischen Übungen und obskuren Geisterbeschwörungen; später seine wenig ehrenvollen Ausritte und Auftritte, allesamt gemeinsam mit seinem diabolischen Diener und schlauen Gehilfen Mephisto. Und wohl auch die nächtlich-heimlichen Liebeseinschleichereien zum gleich schönen wie zunächst ahnungslosen, allemal: jungen Gretchen; samt Muttervergiftung und späterer Brudererstechung …

Gut getarnt meist – und sei es nur hinter mehr als bloß zweideutiger Sprach-Jonglierkunst sowie anderen semantischen Taschenspielertricks. Nein: Nicht unraffiniert agiert Faust da, wenn er auch de facto längst schon zum Bewerkstelliger des eigenen finalen Seelenverlustes geworden sein mag – den dann letzten Endes wiederum andere, himmlische Theater-Schmähs verhindern helfen.

Allgemein ist es freilich eine überspitzte Form der Arglosigkeit, die der a priori eher weltfremde und dem Jenseits zugewandte Gelehrte auch unter des munteren Teufels hinterlistiger Mitwirkung und fataler Lenkung beibehält; auch wenn er, verjüngt und hergerichtet, nach außen hin den alerten Bonvivant und unternehmungslustigen Draufgänger mimt. Diese Arglosigkeit und noch später dann: das Fehlen tatsächlicher Welt-Gewandtheit, sie dienen dem kauzigen Philosophen in Wahrheit zur weltlich-offenen Tarnung. (Eine eigenartige Parallele für dieses wackere Tarnen und Täuschen: Zum Beispiel verkleiden sich auch Fürchterliches planende Terroristen nicht selten als arglose Touristen … Für uns Heutige mischt sich da immerhin ein bitterer Bei- und Nachgeschmack in die ansonsten doch recht abwechslungsreiche faustische Speisenfolge. Nicht wahr?!)

Ein Lebensmodell für Till Brahms konnte das immerhin sein. Eine Art Aufschub mochte ihm das außerdem bringen; auch wenn es sich bei diesem Lebensmodell bloß um ein Imitat handelte: um ein Pseudo-Lebensvorbild. Oder um das Modell eines Pseudo-Lebens.

Ja doch: In der oben geschilderten Familienaufstellung faustischer Art schien ihm, Till Brahms, das Leben – trotz Tageshitze und Nachtschwüle – sukzessive einigermaßen erträglich geworden zu sein. Gerade in der ekelig beängstigenden Stadt (die der ausgemachte Träumer nichts desto trotz liebte, weil er sie brauchte), der er weiterhin in Hassliebe verbunden war. Nein, da gab es kein Entrinnen! (Aber im Zwischenraum der kontrastreichen Hell-Dunkel-Träume und der waghalsigen Doppellebenshälften, die da ineinander fielen, fand er zumindest eine Chance zum Verschnaufen.)

Kurz nach 21 Uhr: Till Brahms saß, jetzt wieder mehr oder weniger (auch mental, seelisch, gedanklich) hier, allerdings immer noch schwitzend und – das war immer gut für ihn – von Zynismus und Sarkasmus strotzend wie eine neuaufgeladene Elektrobatterie, widerwillig und ein bisschen arrogant sogar, auf einer schäbigen Bank. Dieser fragwürdigen Sitzgelegenheit fehlte zu allem Überfluss (und seinen Überdruss noch vermehrend!) der mittlere Sparren, wodurch sich sein Arsch schon nach kurzer Sitz-Zeit partiell durch den so entstandenen Spalt zu quetschen anschickte.

Alles das in einer kleinen, früher einmal vielleicht parkähnlichen, längst jedoch entsprechend verdreckten, vermüllten und stinkenden Anlage. (O Stadt, du Scheusal! Du Geruchs-Moloch!)

Da saß Till Brahms und machte einen gequälten Eindruck (begleitet von einem ausgesprochen bösen Ausdruck seines Gesichts, das in solchen Fällen zur Verzerrung neigte). Er besah sich, schwankend zwischen Verzagtheit und ohnmächtiger Wut, allemal indes: missmutig, die fahlen Farben des scheußlichen Spätabends (oder der Frühnacht, wie Sie wollen), die wie ausgekotzt wirkten und jetzt überall kontinuierlich die Schatten des Tages zu entschärfen begannen. Alles mutierte da kontinuierlich zu einem wenig attraktiven Gemälde. (Ölbild? Nein, es würde auch diesmal wieder bloß zum eher schäbigen, wenig überzeugende Aquarell reichen. Mittelmäßig.)

Übrigens: Obwohl jemand, wenn er denn überhaupt hier saß, nur von Nebenstraßen umgeben war, dominierte noch immer der enervierende Lärm der Stadt eindeutig alle anderen Höreindrücke. Doch Apathie hatte seit einiger Zeit schon begonnen sich auszubreiten. Und auch die Luft war längst zu etwas schier körperlich Spürbarem, zur belastenden Materie geworden.

Eine höllische Dreifaltigkeit aus übler Optik, beißendem Geruch und kakophonischen Klängen.

Luft? – Es atmete da nichts mehr tatsächlich. Alles schien nur etwas oder irgendwie zu sein.

Man befand sich (wenn man überhaupt da war) in einem allgemeinen Stadium einer der vielen städtischen Zwischen-Wirklichkeiten. (Wirklichkeiten, Plural: Es musste nämlich mehr davon geben. Das stand – warum auch immer – unumstößlich [und bei allem Defätismus] fest.)

Hätte es, nur so nebenbei, tatsächlich doch noch Luft gegeben, man hätte sie in der Tat schneiden können. (Doch wer würde schon Luft schneiden wollen, so oder so?!)

Er, Till Brahms (nein, nicht einmal weitläufig verwandt mit dem Komponisten Johannes Brahms), besah sich also missmutig die fahle Abendfarbe, die da an den Schatten des Tages herum-aquarellierte. Bald schon jedoch würde sie endgültig ins Schwarz der Nacht wechseln.

Doch dann träten – er vermochte es, nach x-maliger Wiederholung des scheußlichen Rituals durch alle die Jahre kaum mehr abzugrenzen von Beginn, Verlauf und Ende her -, dann träten also ohnehin schon in gewohnter Weise die knallig-hurigen Leuchtschriften und die irritierend-blinkenden, in Lichtfetzen zerhackten Reklamefelder in ihr vermeintliches Recht. Von Neuem gäbe es die gewohnte Beleidigung der noch intakten Sehorgane (trotz Abstumpfung und weitgehender Reiz-Ignoranz, erreicht durch die verbliebenen Kräfte gesundheitlicher Abwehrmöglichkeiten).

Sie begännen also wieder in gewohnter Weise ihr alles andere denn das Auge beruhigendes Wirken, und auch die blendend-hell erstrahlenden Fenster kämen bald wieder zum Zug. Und sogar jeder dunkle Hintereingang, der sich dem Zweck entsprechend eigentlich besser geheimnisvoll geben sollte, bemühte sich von Neuem um außergewöhnliche Beleuchtungseffekte. Billige Animation, exhibitionistische Anmache, das plumpe Erwecken von Aufmerksamkeit – so lautete die Parole!

Und auch das Verbrechen bereitete (freilich: weniger marktschreierisch) erneut seinen Auftritt vor.

Das war dann wohl auch Tills Zeit. (Warum auch immer [denn Brahms wusste nur, dass dem so war; nicht: warum …].)

Die Dunkelheit

Es ist an der Zeit, etwas über die Profession zu sagen, der Till Brahms nachgeht. Wenn wir schon gnädig davon absehen, ihn selbst – körperlich, physiognomisch, seine Augenfarbe, Haare et cetera – näher zu beschreiben. (Doch – wozu? Ist er doch in erster Linie ein Typus und daher weniger ein Individuum. Freilich, er ist das Symbol des sarkastischen, mitunter sogar zynischen Kritikers. Des treffsicheren und pointiert referierenden Rezensenten des ihn umgebenden Allzumenschlichen. Ein Beispiel also. Der ewige Nörgler und Räsoneur [irgendwo zwischen Friedrich Nietzsche und Karl Kraus]. Der passionierte Schwarzseher, der meist im Recht ist, wie sich später immer wieder herausstellt. Der aber sogar darunter leidet, im Recht zu sein …)

Gut. Seine Beschäftigung also. Ja, wenn es auch kein so besonders wichtiger, kein eminenter Job ist, den Till Brahms zu erfüllen hat, immerhin – es ist eine Aufgabe. Und bekanntlich liegt, wie so vieles andere auch, große oder geringe (oder gar keine) Bedeutung weitgehend im Auge des Betrachters, ist folglich subjektiv. (Er gibt sich zwar, was seine Wichtigkeit betrifft, erst gar keinen Illusionen hin; für so ganz unbedeutend hält er sich indes dann auch wieder nicht. Und das ist gut so; zumindest für ihn. Zudem ist doch die Ambivalenz quasi die Wegzehrung des Unschlüssigen.)

Was also hat Brahms zu tun? Nun, er muss – im Auftrag von oben – sein Augenmerk auf drei einschlägig bekannte Etablissements richten: auf das „Inferno“, das „Purgatorio“ und das „Paradiso“. Eingeschlossen die ganze Gegend, das Viertel oder Grätzel also. Den Stadtteil.

Sollte es in einem der Häuser Probleme geben, so ist er verpflichtet, sich umgehend an Frau Toifl zu wenden, die resolute Geschäftsführerin. Und die schafft dann allemal wieder Ordnung – entweder diplomatisch oder mit starker Hand und entsprechendem Durchsetzungsvermögen, je nachdem. Zumindest hat das die Erfahrung bisher so gezeigt.

Doch in aller Regel gehen die Geschäfte ohnehin ohne besondere Vorkommnisse vonstatten. Und dafür, dass die Geschäfte auch weiterhin so gut laufen, ist auch ein Mann wie Brahms vonnöten. Nicht als dumpfer Puff-Spion, sondern als gleich verlässlicher wie diskreter Beobachter. (Dies könnte jetzt den Verdacht nahelegen, dass die Toifl und der Brahms womöglich bloß als dekorative Instanzen [in einer, zugegeben: einigermaßen seltsamen Ikonographie] notwendig seien, um den reibungslosen Verlauf der Dinge zu garantieren; eine Art von Geßler-Hüten vielleicht … Doch nein, so einfach ist das alles selbstverständlich nicht.)

Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ verfügen – man erinnert sich da gleich an Dante Alighieris Divina Commedia – jeweils über eine streng von den übrigen getrennte Klientel. Kein Gast darf daher (offiziell) in eines der anderen Häuser gehen. Und im Allgemeinen wird diese eherne Regel auch eingehalten. Außerdem: Im Fall des Zuwiderhandelns muss jedermann mit der strengsten Bestrafung rechnen: Unter Umständen damit, in keines der drei Häuser mehr gehen zu dürfen.

Dieses Interdikt gilt als oberstes Gesetz. Ausnahmen werden da so gut wie keine gemacht. Und das, obwohl sonst durchaus Freiheit und Freizügigkeit herrschen. Fast echte Liberalität. (Und sogar ein entsprechendes Maß an Frivolität als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden darf.)

Till Brahms ist, dies wird aus dem eben Geschilderten klar, also nicht etwa als Türsteher oder Security-Mann engagiert; dafür verfügen Geschäftsführerin Toifl und die – quasi: gottähnlichen – Stellen ganz oben wiederum über andere Typen. Nein, Brahms‘ Aufgabe ist tatsächlich die eines genauen Beobachters und darüber hinaus eines peniblen Seismographen der just vorherrschenden Stimmungen und Schwingungen. Denn genaueste Informationen über alles, was so abläuft, sind für die Geschäftsführung enorm wichtig. Und ob sich irgendwo etwas anbahnt, etwas vielleicht aus dem Ruder laufen könnte; oder ob womöglich etwas gärt oder gar am Köcheln ist. Alles das könnte, so nimmt man zumindest an, große Bedeutung für den Verlauf der weiteren Entwicklung haben … (Der weiteren Entwicklung des schwülen Abends, der schwarz-schwitzigen Nacht, ja: des ganzen unheimlichen Gefüges da. In den Häusern. Urban. Universell.)

Till Brahms nimmt seine Aufgaben durchaus ernst. Und er erfüllt sie mit der Genauigkeit des dauernd räsonierenden Zynikers, der an kaum etwas ein gutes Haar lassen kann. Wie er ein Berufsleben lang als korrekter Inspektor des Städtischen Elektrizitätswerks jeglichen Betrug (und mochte der noch so geringfügig gewesen sein), jeden Versuch des Unterschleifs oder einer verbotenen Stromabzweigung, einer geheimen illegalen Leitung und dergleichen aufgespürt und unerbittlich geahndet hat, so entgeht den spähenden Blicken des Pensionisten auch jetzt so gut wie nichts. Unbestechlich und keinerlei Schmeicheleien zugänglich, versieht der kritische Brahms seinen Dienst. Nicht ohne Stolz, doch jeglicher Ruhmsucht abhold. Ein Beamter in Hitze und in Kälte, bei Tag und bei Nacht, immer im Dienst. Unsichtbar beinahe, zumindest aber unauffällig. Insgesamt einer, dem absolut nichts entgeht. Keine Kleinigkeit. Einer, vor dessen bürokratischer Erscheinung, sollte er seines Amtes walten, allerdings auch nichts so schnell Gnade findet.

Die sogenannten Graffiti-Künstler zum Beispiel können auf keinerlei Nachsicht von Seiten Tills rechnen. Denn was die tun – Kunst hin, Kunst her -, ist in seinen Augen zunächst einmal – Sachbeschädigung. Und die gilt für ihn grundsätzlich als Vergehen an fremdem Besitz; egal übrigens an wessen Besitz, ob an privatem oder öffentlichem. (Einem jungen, allem Anschein nach drogenabhängigen Sprayer, der in der Nähe des Hintereingangs [oder, besser: Ausgangs] zum „Paradiso“ eine ungelenkte Donald-Duck-Figur an die Wand sprühte, zog er ziemlich energisch die Ohren lang. Und einem, von einer Demonstration übriggebliebenen rechten Anti-Islam-Kämpfer, der bierselig hohle Parolen grölte und ungelenk ein Hakenkreuz malte, trat er kräftig in den Arsch. Andere komische Vögel wurden angezeigt oder von Ordnungskräften an Ort und Stelle speziell behandelt. (Was Till Brahms zwar auch missfiel, aber, bitte schön, was soll man machen?!)

Graffiti. Kunst? Ob das, was die Damen und Herren Sachbeschädiger da machen, gegebenenfalls als Kunst zu bezeichnen wäre (oder sogar über eine sozial-kritische Aussage verfüge), hat Brahms nicht zu interessieren. Und auch der mögliche politische Ansatz geht an ihm großbogig vorbei.

Sogar dass diese oder jene an sich scheußliche Architektur durch manche schwungvolle Graffito-Verunstaltung ästhetisch eher gewinnen kann, darf ihn nicht beeinflussen in der Erfüllung seiner Pflichten, nämlich die Veränderungen des Stadtbildes durch Unbefugte umgehend seinen vorgesetzten Dienststellen zu melden. (Auch wenn die Wandmalereien oder Besprühungen nicht unmittelbar mit „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ zu tun haben, müssen sie geahndet werden. Denn: Hier wird, wir führten das schon erschöpfend aus – öffentliches oder privates, immerhin – fremdes Eigentum beschädigt. [Warum wir so sehr darauf herumreiten? Wahrscheinlich sind wir vom unbestreitbaren Wert des architektonischen Normalzustands doch nicht so recht überzeugt. Und: Manches scheußliche Bauwerk erfährt tatsächlich allein schon dadurch eine vorübergehende optische Verbesserung, dass ein Stadtstreicher oder ein Junkie kurz hinscheißt.])

Ähnlich verhält es sich im Falle mutwilliger Verschmutzung der mickrigen Parkanlagen. (Und welche Beschmutzung des sogenannten öffentlichen Raumes wäre keine mutwillige?!) Wen immer Brahms beim Wegwerfen von irgendwelchen Dingen, seien sie noch so klein und unscheinbar, erwischt, der ist unweigerlich dran. Und, sozusagen: planmäßiges Bemüllen öffentlicher Plätze zieht überhaupt die empfindlichsten Strafen nach sich. Auch da kennt er keinen Pardon.

Übrigens, wenn es nach Till Brahms ginge, sollte man in das Beschmutzen des öffentlichen Raums auch das Fernsehprogramm einbeziehen. (Auch wenn sich die TV-Indoktrination in aller Regel im privaten [und privatesten] Zirkel, in den eigenen vier Wänden, vollzieht, sind – seiner Meinung nach – die Auswirkungen letzten Endes durchaus öffentliche.)

Was das betrifft, hatte er vor langer Zeit schon festgestellt, dass da ein ausgesprochen unrühmlicher Kreislauf das Niveau bestimmte: Erst wurden Sendeformate erfunden (oder von anderen TV-Anstalten abgeschaut), die an Primitivität kaum mehr zu überbieten waren; dann begann die Zuseherschaft, an diesem Schund von Mal zu Mal mehr Lust zu empfinden. Und schon avancierten die Scheußlichkeiten zu Fixpunkten des alltäglichen Fernseh-Ablaufs und eroberten sich ihre kuscheligen Stammplätze im weitgehend vom Medium bestimmten Leben des Fernsehpublikums.

Daraufhin konnten sich die – sogenannten – Verantwortlichen, wurden sie womöglich des schauderhaften Programm-Niveaus wegen zwischendurch gescholten, bequem darauf ausreden, lediglich Publikumswünsche zu erfüllen und allgemeinen Seher-Präferenzen nachzukommen.

Ein bewährtes Spiel, das jedoch zur sukzessiven Volksverdummung seinen Teil beitrug.

Doch was kann Till Brahms schon groß zur Hebung des Niveaus beitragen? Wo er doch letztlich auch in der Kommune kaum etwas zum Besseren zu verändern imstande ist … Obschon er natürlich weiß, wie stark, ja: wie elementar, Schmutz und Stadt miteinander verbunden sind. (Das dürfte von Beginn an so gewesen sein, spätestens aber seit die Stadt [althochdeutsch und mittelhochdeutsch: stat für Ort, Stätte] im frühen 13. Jahrhundert die heutige Bedeutung vom älteren Begriff Burg übernommen hat. Siehe dazu: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.)

Wie schon Johann Wolfgang von Goethe gibt Brams sich indes keinen Illusionen über das Wesen der Stadt hin: „Religion, Sitte, Gesetz, Stand, Verhältnisse, Gewohnheit, alles beherrscht nur die Oberfläche des städtischen Daseins.“ (Dichtung und Wahrheit.)

Die Stadt ist jedoch a priori auch ein Ort der Privilegien gewesen, und das geflügelte Wort, Stadtluft macht frei!, zeugt immer noch davon. Ja, doch: Bis heute ist die Kommune in gewisser Weise ein zentraler Punkt diverser Vorrechte geblieben. Es sind dies hartnäckig ersessene, schlau erworbene oder frech okkupierte Privilegien, für deren Vorhandensein zwar nicht selten recht fadenscheinig argumentiert wurde (und wird), die indes immer wieder durch irgendwelche Gesichtspunkte und Expertisen ihre (nicht selten fadenscheinige) Bestätigung erfahren …

Zwar fordert jeder heftigst Teilhabe an allem und jedem. Doch geht es da um eine Teilhabe, die er anderen – und wie selbstverständlich – verwehrt wissen möchte. Mit allen Mitteln.

Also dreht es sich in Wahrheit gar nicht so sehr um Teilhabe, sondern – genau, um Privilegien.

Ach ja: Auch das Anzeigen von ungebührlichem Lärmen – wenn solches nicht – etwa in Form spontan aufwallenden Jubels, vielkehliger Hoch!-Chöre et cetera – von ganz oben, womöglich: von der Spitze der stinkenden Kommune selbst, angeordnet ist – fällt in Tills Aufgabenbereich.

Und auch hier ist Fachmann Brahms überaus korrekt und streng.

Die Fragen

Warum das alles? Warum es „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ gibt, liegt auf der Hand. Sie dienen einer Art von – zugegeben: weitgefasster – zwischenmenschlicher Hygiene. Nicht anders als vergleichbare Puffs, Laufhäuser oder Bordelle anderswo auch. Wenngleich vielleicht auf wesentlich höherem Niveau und von um einiges exquisiterem Standard gekennzeichnet. Dem Zweck nach gleichen sie jedoch den oben erwähnten Einrichtungen: Sie sind auf Ficken, Blasen & Co., auf ein bisschen Sado-Maso et cetera eingerichtet. Auch sollen sie, wie die anderen Häuser (und besonders deren Personal!) auch, etwaige Aggressionen abbauen helfen und, im Falle von männlichen Gästen, (die ohnedies in der Überzahl sind) natürlich überschüssiges Testosteron in – wenn möglich – ungefährliche Bahnen lenken. (Bei weiblichen Besuchern ist die hormonelle Situation entsprechend anders und somit zu spezifizieren.)

Für uns hier weniger wichtig erscheint dabei die Frage, wie obsolet etwa die Aggressionstheorie des (übrigens schon in der Nazi-Zeit hochgeschätzten) Biologen Konrad Lorenz (Stichwort: „Das sogenannte Böse“ [zur Aggression, 1963; Arbeiten zur Prägung]) endlich geworden ist; und auch die in andere Richtungen tendierenden Überlegungen – etwa bei Sigmund Freud, Charles Darwin et cetera oder in de aktuellen Wissenschaften (besonders der Neurobiologie) – sollen uns hier nicht weiter interessieren. (Und Wilhelm Buschs Onkel Nolte haben wir bereits zitiert.)

Wir wollen einfach die drei Etablissements als soziale Gegebenheiten akzeptieren; wie wir etwa auch Dantes „Divina Commedia“ als literarische Realität hinnehmen; und als Zeit- und Geschmackszeugnis des Übergangs mittelalterlichen Denkens in solches der Renaissance. Oder den „Faust“ als literarisches Weltthema mit Variationen zuhauf. Oder den „Struwwelpeter“ als kurioses Anti-Pädagogikum des 19. Jahrhunderts (mit, erstaunlicherweise: trotzdem positiver Zielsetzung).

Grundsätzlich freilich stachelt die Frage nach dem Ursprung der Aggression unsere Neugier auch weiterhin an. Ob sie, wie Darwin meinte, als Reaktion auf Bedrohung (des einzelnen und der Gruppe) von außen entsteht – oder warum sonst. Jedenfalls glauben wir, dass es die so gern zitierte Anlage zum Bösen nicht gibt. Aggression lässt sich allerdings, wie figura immer wieder zeigt, von jedermann relativ einfach und schnell herstellen, auslösen und in die Welt setzen …

Genug. Auch Till Brahms schert sich weniger um die Ursprünge des Bösen, als dass er sich berufen fühlt, dessen Äußerungen nach Kräften zu unterbinden (oder zumindest seine diesbezüglichen Beobachtungen zu melden und weiterzugeben). Die Ausrede, dass der einmal aufgestachelte, sozusagen: boshafte Mensch womöglich nichts dafür kann, zu sein wie er nun einmal ist, lässt er – wie übrigens manche andere Ausrede auch – nicht gelten.

Philosophische (oder gar theologische) Tüfteleien – wie etwa betreffend den freien Willen, die Existenz Gottes oder quasi die Urfrage, nämlich: was sich tatsächlich in der Wurst befinde, interessieren Till Brahms, wenn überhaupt, dann nur außerhalb seines Jobs.

Nein, Philosoph ist Till Brahms keiner. Auch nicht Anthropologe oder sonst ein allzu ausgefuchster Denker. Mitnichten. Da kommt ihm (zum Beispiel) Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ gleich spanisch vor wie die keltische Mythologie. (Obschon naturgemäß die Logisch-philosophische Abhandlung ihren Reiz hat [auch wenn sie nicht explizit von der Stadt handelt]. Und auch die Beschäftigung mit Gwoddno, Elidor und Morfessa, aber ebenso die mit Brons [übrigens: dem Großvater Pazivals], Arthus und dem Druiden Sithchean können wir uns durchaus spannend vorstellen …)

Nein, Till Brahms träumt nicht einmal besonders philosophisch. Platon und Immanuel Kant, Sokrates und Jean-Paul Sartre suchen in seinen durchaus bunt-bewegten und handlungsprallen Träumen nicht Kontakt zu ihm. (Zumindest bemerkt er nichts davon.)

Seine – hauptsächlich: nächtlichen – Aktivitäten hindern den gewesenen Strom-Inkassanten indes keineswegs daran, noch wenn schon keinen philosophischen, so doch immerhin anderen Träumen nachzuhängen und weitere (durchaus auch hochtrabende) Wünsche zu hegen. (In den Träumen, die ihn als jungen Mann zeigen, spielen immer wieder hübsche junge Damen tragende Rollen, in seinen Wünschen nicht mehr.)

Egal, ob sie, die Wünsche, jemals erfüllt werden sollten, oder ob ihnen der ganz besondere Zauber der Illusion auf ewige Zeit innewohnt: Wünsche müssen es sein. Wünsche.

O ja, Wünsche! Ein ganz besonderes Faible hegt Till Brahms zum Exempel für die metaphysische Kunst der Alchemie. Wenn er sich da etwas wünschen dürfte (was auch einträfe) …! Und auf diesem Gebiet ist es vor allem die – zugegeben: nicht besonders originelle -, aber unbändige Lust, den legendären Stein der Weisen zu entdecken und natürlich: Gold herzustellen. Diese brennenden Wünsche vermögen es, ihn zwischendurch aller Wirklichkeit zu entfremden. Ihn für kurze Zeit sogar aus dem sonst beinahe alles dominierenden, meist mit urbanen Belangen eng verbundenen Pessimismus zu führen. (Wobei es ihm gar nicht [und schon gar nicht in erster Linie] um das Gold selbst und dessen Besitz geht. [Einen in gewisser Weise von der Natur gestohlenen Besitz.] Der interessiert ihn vergleichsweise kaum. Nein: Es handelt sich bei Tills Wunsch um den des Gold-Machens. Vielleicht – so weißt hat er noch gar nicht gedacht – würde er das Gold, hätte er es einmal erzeugt, den Menschen, den anderen Städtern also, geben; wie der antike Prometheus das Feuer gestohlen und weitergegeben hat …) Ja, doch! Die damit verbundene Lust beseelt ihn in gewisser Weise erst so recht und gestaltet aus ihm einen neuen Menschen. Einen neuen Städter.

Gold-Machen gilt ja vielen als Synonym für Glück-Finden. Schlechthin.

Doch so einfach ist das bei Till Brahms nicht. Und deshalb würde er auch niemals den fragwürdigen Erfolgsweg der Scharlatanerie wählen, wenn es sich zeigte, dass für ihn die Grenzen des Machbaren erreicht seien.

Parallel zur Vorstellung unendlichen Fortschritts (und des Glaubens an ihn), ewiger Prosperität und nie versiegenden finanziellen und monetären Gewinns mögen solche Hoffnungen bei anderen aufkommen, ihr weiteres Tun stark beeinflussend. Und um einmal kurz bei diesen Überlegungen zu verharren: Dazu gesellte sich womöglich noch die unglückliche Veranlagung (und der damit verbundene Drang zu gewagten [finanziellen und banktechnischen] Veranlagungen), zu glauben, was man nur allzu gern für wahr hielt.

Folglich: Der Kapitalismus, der sich meist so extrem hart gibt, wie sich seine Exponenten vom Image her dargestellt sehen wollen (also: extra dry!), errichtet seine bizarren Scheingebäude (auch seine Geldscheingebäude übrigens!) letztlich gern auf Gründen, die nur in äußerst geringem Maß über einen solide Grund verfügen. Und da sich diese Typen von Treibsand-Kapitalisten nun einmal gern treiben lassen, kann die Basis ohne weiteres sogar gefährlicher Treibsand sein …

Wo sowohl die reale als bald darauf auch die reelle Basis fehlen, gleitet der Geld- und Goldgierige dann jedoch recht rasch in nebulöse Sphären unausgegorener Obsessionen ab. Und das wiederum führt – angeblich, bitte! – manchen gar nicht so selten von der Wallstreet direkt ins Alchemisten-Laboratorium. Oder ins Gefängnis. Oder in den Suizid. (Mit der Goldmacherei [und der Alchemie ganz allgemein] im Zusammenhang mit Till Brahms beziehungsweise Frau Toifl wollen wir uns später nochmals genauer beschäftigen. Ist ja auch ein zu spannendes Gebiet …!)

Der Kapitalismus. Dazu gesellt sich dann oft noch die negative Seite des Spieltriebs. Übrigens, nicht die auf Friedrich Schillers These aufbauende Überlegung, nämlich nur dort spiele der Mensch, wo er „in voller Bedeutung des Worts Mensch“ sei; und nur da sei er „ganz Mensch, wo er“ spiele. (Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen.)

Ach ja: Auch das Haben, wenn es denn erreichbar ist, kommt nicht allein. Mit ihm gehen zumeist Geiz und Neid einher. Und die Parole gilt somit: Genug ist nie genug. (Und: Zufriedenheit ist fad.)

Alles in Frottee!

Alles in Frottee gehüllt!

Frottee: Unkratzig. Unrau – ohne freilich glatt zu sein. Frottee! Quasi das kontradiktorische Gegenteil von kratzig und rau: geradezu kuschelweich! Kindersonnenkuschelweich. Popomild wie Babycreme.

Frottee. Mit gelben Entchen oder rosa Schweinchen und gar nicht so bösen hinauf-applizierten blauen oder violetten Wölfchen. Mit Kuschelwald, Kuschelblümchen und Kuschelmond, mit Kuschelsonnenscheinchen und überhaupt allen erdenklich kuscheligen Dingchen. (Und seien es bloß Verstellungen, Imitate oder Staffagen und Camouflagen des Kuscheligen …)

Frottee: Urbild des Geheimhöhlenartigen, zugleich jedoch des Nichtdunklen, auch des Uneckigen. Des Warmen, allemal. Ja, sogar des ewig Erwärmenden. Des halbwegs schon Seligmachenden.

Alles in Frottee gehüllt. Alles! Bitte! Frottee!

So mag man sich, bei einiger Schlichtheit des Gemüts, dann vielleicht sogar den Himmel vorstellen. Ob barock, oder doch besser: etwas strenger, gotisch, oder gar im Rokoko, fließend aus jeder Menge von wohl-gefüllten Füllhörnern … Jedenfalls: Im Gegensatz zum nicht selten kratzigen Dasein könnten ein paar Frottee-Wölkchen schon ein ganz hübsches, vertrauenerweckendes Bild überirdischer Weichheit – oder zumindest der Weichgezeichnetheit (eben das oben zitierte Urbild des Geheimhölenartigen) – erwecken. O doch …

Sie würden einen womöglich sogar das Strenge der stinkenden Stadt – zumindest für kurze Zeit – vergessen lassen. Und ganz besonders romantisch Veranlagte könnten in diesem kuscheligen Zusammenhang sogar von einem Frottee-Tête-à-Tête träumen … (Vorausgesetzt, dass sie zugleich auch etwas für blöde Kalauer übrig haben.)

Aber, ohne Frage: Frottee hat einiges für sich.

Wer oder was einmal in Frottee eingehüllt ist – das ganze Baby, ein Beinchen oder ein Füßchen, ein Gesichtchen oder ein Öhrchen -, befindet sich gleichsam in Sicherheit.

Zumindest scheint das so zu sein. (Denn auch Frottee kann schwindeln, vermag, einem etwas vorzumachen, ist in der Lage, sich als durchaus hinterfotzig zu erweisen. O ja! Gaukler Frottee! Mitunter stellt sich Frottee am Ende [sic!] sogar als Leichentuch heraus.)

Doch – so weit sind wir lägst noch nicht.

Der Arztbesuch. Nein, er sei zwar der der-Nächste-bitte!, das wisse er, aber er überlasse gerne jemandem von den anderen Wartenden den Vortritt. Das Warten sei nämlich bei einem Arztbesuch überhaupt das Wichtigste; das Um-und-Auf, sozusagen. Das Warten, ja. Und somit habe sich seine Visite damit quasi auch schon erledigt.

Denn: Schmerzen könne er genauso gut daheim und für sich allein empfinden.

Und da – rein statistisch gesehen – gut jede zehnte Diagnose ohnehin falsch sei, erspare er sich unter Umständen, wenn er beim Arztbesuch das Gespräch mit dem Arzt selbst beziehungsweise eine etwaige Untersuchung ausließe, womöglich sogar noch gröbere Unannehmlichkeiten.

Nein, er werde jetzt noch ein paar andere Wartende vorlassen und, wenn eine weitere halbe Stunde verstrichen sei, wieder gehen. Ja, er halte das unter gewissen Umständen schon für eine Art Therapie. Danke.

Wir sehen, dass nicht immer etwas ausschließlich das sein muss, wofür es steht und folglich im Allgemeinen gehalten wird. Der Arztbesuch bedeutet längst noch keine, quasi: automatische Besserung des gesundheitlichen Zustands. (Notabene: weder beim Patienten noch beim Mediziner.)

Und laut Volksmund heißt es durchaus bedenkenswert: Etwas zu unterlassen ist nicht selten gescheiter, als es zu tun. Schließlich ist (wiederum laut Volksmund) nichts fix.

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass sich Till Brahms auch nicht immer so ganz sicher ist, ob sein Verhalten in Arztpraxen, wie er es in aller Regel praktiziert, tatsächlich sinnvoll ist. Aber – so ist Brahms nun einmal.

Mit Frottee hat das nur peripher etwas zu tun. Doch hängen, wie wir wissen, die Dinge nun einmal alle irgendwie zusammen. Und so gesehen, es muss wohl so sein, hat die Mitwirkung des Frottees – zumindest als Bild – sogar mit „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ etwas zu tun. (Obwohl hier dem Faktor Frottee keine so besonders wichtige Rolle beigemessen wird.)

In seiner allabendlichen, allnächtlichen Wirklichkeit ist Till Brahms, so viel wissen wir bereits, für die Betreiber der Etablissements „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ in einer recht verantwortungsvoller Position tätig. Doch gibt es, selbstverständlich, noch andere Wirklichkeiten.

In einer anderen Wirklichkeit, in einer, die abseits der angeblich allgemein gültigen vorherrscht, ist nämlich auch Till Brahms ein anderer. Da kreiert er sich ständig neu und – als Faust-Figur. Als stilechter Mephistopheles steht ihm – einmal helfend, dann wieder ihn behindernd – Frau Toifl zur Seite. Der oberste Boss, unter anderem auch Betreiber von „Inferno“, Purgatorio“ und „Paradiso“, eine Gestalt, in alle möglichen, auch halbseidenen, dunklen, mehr oder weniger kriminellen Geschäfte verwickelt und wahrscheinlich sogar als Bürgermeister unserer stinkenden Stadt fungierend, ist – wer hätte das geahnt? – seine, Tills, angebetete (naja, verehrte …) Margarete.

Zwar sagt der Boss als Gretchen nicht Goethe-Verse auf. Stammelt nichts von weder Fräulein weder schön. Oder dass er/sie ungeleitet nach Hause gehen könne … Doch eine gewisse, zugegeben: eine bloß entfernte Ähnlichkeit lässt sich durchaus feststellen. Zumindest in der Tillschen Obsession für dieses Wesen (halb von hier, halb von wo anders. Und, wenn es eine dritte Häfte gäbe: halb wohl auch literarisch …)

Frau Mephisto/Toifl wiederum gibt sich weltfraulich und eloquent, wie gehabt. Ihre Lazzi und ihr Wortwitz zünden zudem nach wie vor. Und auch Till Brahms steigert sich nicht selten ganz schön hinein ins Faustische. Da könnte einem angst und bange werden, allein beim Zuschauen. Hier wird die ganze Story des ersten Faust-Teils rund um die schüchterne Margarete und den zauberisch verjüngten alten Heinrich, den hinterhältig-witzigen Satan-Clown M. und die übrigen durchwegs schrägen Gestalten durchlebt in bester Puppentheatermanier. Von der Zitaten-trächtigen impertinenten Wette zwischen Gott und dem Teufel, über die (oben schon erwähnte) gleich bühnenwirksame wie fragwürdige Verjüngung des greisen Doktors und diverse nun anstehende Vergnügungen bis hin zur Verführung, Entehrung und Schändung Margaretes, darüber hinaus sogar noch zu Muttermord, Kindsmord, Fast-Schwager-Mord undundund.

Und doch: Wem, welchem Ort also, wenn nicht einem Etablissement der Lust, wäre all dieses halb-menschliche, halb-göttliche, halb-teuflische Getue wohl adäquat? Ohne lange herumzureden oder gar Gefahr laufen zu wollen, als Rabulist zu gelten: Hier sind die faustischen Geheimnisse, Spiegelfechtereien und Paradoxien allemal am besten aufgehoben.

Hier, wo sich jederzeit die Realität in die Irrealität umstülpen kann. Hier, wo Phantasie mit einem Wischer alles angeblich der Wirklichkeit Adäquate verschwinden lässt, wie ein feuchter Schwamm die Kreideschrift auf einer Schultafel.

Fragt sich nur: besser im „Inferno“? Oder doch im „Purgatorio“? Oder gar im „Paradiso“?

Uns, die wir draußen sind, könnte, so sagten wir, angst und bange werden. Doch – warum eigentlich? Und: Stünde es überhaupt dafür?

Eher nicht.

Und so kommt es, dass sich kaum jemand ernstlich damit beschäftigt. Oder auch bloß zusehen möchte dabei. Nein, im Grunde sieht jeder nur sich und das Seine.

Niemand achtet auf das sogenannte Ganze. (Warum auch?!)

Nicht einmal auf die Stadt sehen die meisten der Städter. Obschon sie doch nachweislich ein Teil von ihr sind. Mit ihr, dem Mutterorganismus, verbunden durch Kanülen, Schläuche und Adern. (Dass dieses Bild ein wenig an den armen Homunculus im Faust II erinnert, ist – denken wir – weiter nicht schlimm.)

So durchleben alle mit ihr so innig Verbundenen die Stadt dann erst recht bloß auf eine weitgehend oberflächliche Weise. Ob mit Unterstadt plus bühnenzauberischen Toten beim Tanz (über die noch kurz zu referieren sein wird) oder nicht. Und sie, die also die Stadt durchleben, welken dabei dahin – erst unmerklich, bald indes unaufhaltsam und sich dadurch eingeschränkt und davon bedrückt fühlend -, senden Gestank aus, ja: werden insgesamt zu Kompost. Zu stinkendem Müll.

Wenn sie sich zuletzt entkörperlichen, ist da nicht mehr viel, das sie abzulegen haben.

Der Rest ist Gestank.

Zeit der Frauen

Genug der Zärtlichkeiten. Zur Sache, Schätzchen!

Die Frau steht nicht nur ihren Mann, wie es so schön und abgedroschen heißt, sie bäckt ihn sich sogar (etwa aus Hefeteig), wenn es denn sein muss. Und wenn sie glaubt, nicht mehr länger warten zu können, dass ihr sonst wie einer erscheine; über sie komme; gegebenenfalls in sie eindringe.

Um ihn sich zu backen, da greift sie zu Mitteln aus der Tradition der ursprünglich-bäuerlichen Brotherstellung. Mit Mehl et cetera, und dem Trieb geschuldet wie auch den Triebmitteln.

Oder aber: Die Frau formt sich ihren Mann zur Not sogar aus simplem Lehm, aus Ton. Wie dereinst in Prag der berühmte Rabbi Löw den – wie sich allerdings alsbald herausstellen sollte: nicht so ganz ungefährlichen – Golem.

Der Golem, gedacht als primitiv-arbeitsamer, kräftiger, aber stummer Knecht und Vorläufer des Werktätigen in prekärem Dienstverhältnis, der Golem also mit einem Zettel an der Stirn, der die Schöpfungsformel Anmanth (Wahrheit) trug, begann indes rasch zu wachsen und an Kräften gewaltig zuzulegen. Die Emanzipation des tönernen Gesellen zu stoppen, musste die erste Silbe des Schemhamphoras gelöscht werden; stand dann bloß Manth (Tod) da, so zerfiel der Golem wieder zu Lehm. (Nach Clemens Brentano, Erklärung der sogenannten Golem in der Rabbinischen Kabbala.)

Nun, bei den Frauen ist das alles etwas anders. Sie schaffen sich also einen Mann; nicht gerade akkurat nach ihrem Ebenbild, aber immerhin: frauenähnlich. Und wundern sich später, dass dieses Wesen so seine Tücken hat. Dann wollen sie ihn (aus Unzufriedenheit heraus) neu-formen, verbessern, tunen und ummodeln. Doch ist der Lehmpatzen durch den Gebrauch einmal eingetrocknet, erweisen sich die Korrekturen als gar nicht so leicht durchführbar.

Haben die Damen ihren Golem dann endlich einigermaßen zurechtgeschustert, heißt es jedoch noch mehr aufpassen. Dass einem nämlich keine Konkurrentin das gute Stück abspenstig macht.

Doch auch der Golem – wir haben schon gehört, dass er wächst, an Eigensinn zunimmt und sich schließlich emanzipiert – entwickelt dabei eine gewaltige, sogar der Umwelt zuletzt durchaus furchteinflößende Eigendynamik. Und zu allem Überfluss ist er, der Golem/Mann auch noch der irrigen Meinung, seine Frau halte ihm den Rücken frei … (Eine der dümmsten Redewendungen der um dumme Redewendungen nie verlegenen Männer!)

Doch was tut er? Erst trifft er sich, das scheint noch harmlos zu sein, nach der Arbeit mit Kollegen zum Bier. Dann geht er gemeinsam mit anderen Golems auf den Fußballplatz. Schließlich lenkt er seine Schritte in Richtung „Inferno“, „Purgatorio“ oder „Paradiso“ – je nachdem, welcher Klub-Mitgliedschaft ihn die stinkende Stadt für würdig befunden hat.

Dort angekommen, kehrt er nicht selten den flotten Kerl und den smarten Burschen heraus. (Obwohl er weder ein flotter Kerl noch ein smarter Bursche ist; denn zu beiden Typisierungen mangelt es ihm – an Format! Und er erzählt allen, die es hören wollen [oder auch nicht], dass ihm, Gott sei es gedankt!, seine brave Frau ohnehin den Rücken frei halte [siehe weiter oben!].)

Also fängt er an, sich den Mädchen in den Etablissements gegenüber schlecht aufzuführen, ungebührlich herumzugrölen und auch sonst unangenehm aufzufallen. Der Mann benimmt sich insgesamt ungebührlich. Und hält das – für männlich. (Wenn sich Frauen ungebührlich [was immer das auch genau sei] benähmen, hielten sie das vermutlich für alles andere als für weiblich. Seltsam.)

In der Folge holt man dann den alten weisen Rabbi (oder sonst wen), dass er die Ordnung wiederherstelle. Und der Ordnungswiederhersteller tilgt, genau: das An, die erste Silbe der Schöpfungformel auf des Golem Stirn. Nun denn, das Manth wirkt sofort, macht den Lehmklumpen zu dem was er früher gewesen ist: zu einem Lehmklumpen. Und zerschmettert liegt der Kerl. (Detlev von Liliencron, Der Golem.)

Später kriegen die Ehefrauen ihre Eheklumpen (oder ihren Lehmstaub) wieder zurück. Und einen Verweis der Behörde.

Das Spiel freilich, das kann von Neuem beginnen. (Egal, ob sie als Spiel aufgefasst oder als Schweinerei enttarnt wird.)

Das kann allerdings nicht davon ablenken, dass auch die urbane Frau das Ihre zur städtischen Malaise beiträgt. Auch Eva, um es ein bisschen biblisch zu formulieren, leistet ihren nicht geringen Beitrag zum Gestank der Kommune. Zwar macht sie auch das tendenziell charmanter als Adam, im Effekt jedoch kaum weniger verderblich.

Eva und Adam ruinieren die Stadt. Und die Stadt selbst? Die stinkt.

Die Stadt stinkt. Zwischenfinale

Das Ende kündigt sich an. Der Gestank nimmt zu. Obwohl das niemand mehr merkt. Weil niemand mehr da ist, der es merken könnte. Die Stadt hat ihre Bewohner wieder einmal überlebt. Und jetzt? Jetzt ist sie menschenleer …

Doch weiß man – zumindest belegt das die literarische Tradition – auch von anderen Beispielen: Da leben mitunter sogar die Toten unter den Lebenden weiter. Auf gewisse Weise zumindest …

Und damit der Sprung vom Leben zum Tod weniger schroff ist, haben die Bewohner (Eusepias, Anm.) eine identische Kopie ihrer Stadt unter der Erde gebaut“, heißt es in Italo Calvinos „Die Städte und die Toten 3“ (aus der Prosa-Sammlung Die unsichtbaren Städte).

Die Leichen, so ausgetrocknet, dass von ihnen nur noch ein mit gelber Haut überzogenes Skelett übrigbleibt, werden hinuntergebracht, um sie in in ihren Beschäftigungen fortfahren zu lassen.“ (Auch wenn sie, aus verständlichen Gründen, ihren Professionen, sozusagen: nur andeutungsweise nachkommen können. Als eine Art lebender Bilder, gewissermaßen. Man stelle sich das einmal vor: Tote als lebende Bilder …!)

Calvino räumt ein: „Gewiss wünschen sich viele Lebende für die Zeit nach ihrem Tod ein anderes Schicksal als das, welches ihnen zuvor beschieden gewesen war: Die Nekropole ist voll von Löwenjägern, Mezzosopranistinnen, Bankiers, Geigern, Herzoginnen, Mätressen, Generälen, mehr als jemals eine lebende Stadt davon hatte.“

Uns fällt eventuell auch Ivo Andrić und sein Roman Die Brücke über die Drina ein. Hier ist es die Stadt Višegrad, in der sich Panoramen aus Vergangenheit und Gegenwart, Gestern und Heute, Tod und Leben bilden; wo jedenfalls die respektable steinerne Brücke und die gischtende Drina, als wichtiger Lebensfluss und dauernde Bedrohung in einem, das Leben der Kommune und der Menschen in ihr durch Jahrhunderte bestimmen.

So war die Brücke mit ihrer Kapija (Tor, Anm.) entstanden“, schreibt Andrić, „und so die Stadt um sie herum gewachsen.“

Anders hier. Ganz anders. Hier, wo sich die Hochsommertage so schwer damit tun, sich in die zu ihnen gehörenden Nächte zu verwandeln (und dabei noch zusätzlich zum sonstigen Gestank zu stinken beginnen); wo der Lärm nicht nachlassen will; die Reklameschriften hurig-bunt zu blinken anfangen als grell-geiler Ersatz des flirrenden Sonnenlichts. Hier, wo zwar keine Toten in der Unterstadt als lebensnahe Staffage zum bühnentauglichen Totentanz bitten, sondern, ganz im Gegenteil, die – angeblich – Lebenden ihren fragwürdigen Lüsten der Nacht nachgehen. (Ebenso stumpfsinnig, wie sie manchem fragwürdigen Gewerbe am Tag nachgegangen sind.)

Die Stadt als scheußliches olfaktorisches Monstrum. Als stinkender Dreckhaufen. Als Moloch und Summe der Ausdünstungen ihres Human-Innenlebens. Was am Einzelnen noch einigermaßen erträglich scheinen und auszuhalten sein mag, wandelt sich in der Masse zu den altbekannten und in der Antike schon gefürchteten giftigen Miasmen, zu den alles infizierenden Krankheitskeimen, ja: Todes-Bazillen (oder -Viren). Dem entsprechend dünstet der Gestank zum Himmel.

Freilich: So lange sie stinkt, so lange besteht sie noch. (Ein etwas anders formuliertes Dum spiro – spero, sozusagen: So lange ich atme, hoffe ich …) Doch lässt sich absehen, dass der Endpunkt nicht mehr fern ist, da sich dann ohnehin alles aufhört – sogar der Gestank. Egal, ob wir ihn nun ziemlich pathetisch Todeshauch nennen wollen oder anders.

Übrigens, Todeshauch: Die Geschichte der Städte ist zugleich letztlich immer eine des Gestanks. Dir mittelalterliche Stadt zum Beispiel, dieser von mehr oder weniger wehrhaften Steinmauern umfasste Komposthaufen, war allein schon der Ausdünstungen wegen eine Brutstätte weniger des Lebens (das hier folglich eher trotzdem weitergegeben wurde) als der Seuchen. Pest und Cholera rafften immer wieder beachtliche Anteile der städtischen Bevölkerung dahin. Weil es sich im Wortsinn um Biomasse handelte, konnte sie indes nachwachsen. Man erneuerte sich, Und ging wieder unter. Was übrig blieb, wurde immer wieder ein Raub der Flammen. Oder die Überschwemmungen forderten unerbittlich ihren Tribut.

Und dann? Dann fielen die nächsten bäuerlichen Abenteurer auf die verlockende Parole herein: Stadtluft macht frei! Und weitere Massen meist junger Burschen und Frauen strömten von Neuem aus Flur, Feld und Stall in den, weiß Gott!, alles Glück verheißenden Unglücksort Stadt.

Den Klubmitgliedern, egal ob Frauen oder Männern, ob im „Inferno“, im „Purgatorio“ oder im „Paradiso“, ihnen scheinen solche Überlegungen wohl eher fremd zu sein. Und wenn sie daran denken, so macht es ihnen allem Anschein nach nichts aus, welch fragwürdige Segnungen ihnen die Stadt zu bieten hat. Sie sind dereinst vom Land hierher geströmt; und nunmehr strömen sie immer noch, weitgehend unbeirrbar und einem innerem Drang oder Trieb folgend, den ihnen verheißenen, meist ziemlich eindeutigen Vergnügungen entgegen. Und noch etwas: Längst glauben sie, ohne diese Annehmlichkeiten gar nicht mehr existieren zu können.

Ist es Vergessen, was sie suchen? Ist es, im Gegenteil: überklares Bewusstsein?

Momente des Genusses? Orgasmen – sowohl körperlicher als auch seelischer Art?

Übrigens: Wie im Fall Gretchen/Faust: Das ewig gleiche Spiel mit ewig wechselnden Personen und Rollenbezeichnungen. Eine Offene Zweierbeziehung wird ja doch nie daraus, eine tatsächlich funktionierende. (Und das nicht nur, weil offene Zweierbeziehungen anscheinend nun einmal nicht funktionieren können; sondern prinzipiell. Sagen wir: der Evolution wegen oder aus irgendwelchen bürokratischen Gründen …)

Immerhin das Ewig-Weibliche darf seinen Zauber tun und nach entsprechender Mobilisierung diverser Botenstoffe et cetera die Gefühle (um nicht zu sagen: die Liebe) im Partner entfachen. Sodann muss es, entsprechend diversen Formeln, freilich leider im Allgemeinen die Zu-Boden-Werfung des Mannes bewirken. Um zuletzt, wenn wir schon weiterhin den Goetheschen Vorgaben folgen wollen, zur angeblich wahren Aufgabe (und Pflichterfüllung), zum eigentlichen Auftrag vorzudringen: Uns (wer immer das auch sei) zu erretten.

Heißt es doch am Ende von Faust II:

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.

Prost, Mahlzeit.

Finale

Die Stadt stinkt. De facto, aber auch metaphorisch.

Die Geschichte weiß darüber zu berichten, dass – zumal in Frankreich – das 18. Jahrhundert ein – zugegeben: kurzes – Zeitalter der Osmologie (der Lehre von den Riechstoffen und Gerüchen, Anm.) hervorgebracht habe. Kein Wunder: Just diese Zeit scheint unter den Eindrücken eines allgemeinen, besonders jedoch des urbanen Gestanks besonders gelitten zu haben. Paris kann da als warnendes Beispiel gelten. Und hier wiederum vor allem – der königliche Hof sowie die Gegend erst rund um den Louvre und später um Versailles. (Wir denken hier besonders an die Zeit Ludwigs XIII. und XIV. und bis zur Französischen Revolution.)

Größere architektonische Ansammlungen und frühe urbane Ballungsorte inklinieren naturgemäß am meisten zu übermäßiger Geruchsbildung und damit verbunden: zu Geruchsbelästigungen spezieller und allgemeiner Art. Allein schon die Ansiedlung auch und gerade geruchsintensiver Zünfte und Handwerksbetriebe – wie Gerber und Färber – an Flüssen und anderen Gewässern, die Ausbreitung von Fischmärkten, aber naturgemäß auch der mehr als bloß freizügige Umgang mit Fäkalien, der prinzipielle Mangel an Hygiene et cetera, all dies machte die großen Städte (etwa Paris) zu wahren Zentren des Gestanks. (Man lese Diesbezügliches zum Beispiel in Alain Corbins sachlicher Geschichte des Geruchs Pesthauch und Blütenduft oder in Patrick Süskinds originellem Riech- und Stink-Krimi Das Parfum nach!)

Doch stellte die permanente und enervierende Belästigung (und Belastung) durch den Gestank nicht den einzigen Druck dar, der auf der Stadt – als zudem bedenklich ent-individualisierter Form des Zusammenlebens vieler Einzelwesen – in Permanenz lastete. Obrigkeitswillkür, ein längst nicht mehr taugliches Steuer- und Abgabesystem und die der Zeit entsprechende undemokratische Staatsform schürten Unmut und Lust am Widerstand. Ein verkorkster, zweckfreier, nur der eigenen Nabelschau frönender Adel, eine nicht minder selbstsüchtige und ständig nach Machtvermehrung trachtende Kirche, aber auch ein nach außen hin zwar strahlendes, de facto indes weitgehend fremdgeleitetes Königtum mit seinem familiären und durch die Absurditäten des Hofrituals nur mühsam zusammengehaltenen gesellschaftlichen Rahmen, all das sorgte für ein ständiges Brodeln. Vergleichbar dem in den Kloaken und Sickergruben, die man (spät aber doch) anzulegen begonnen hatte.

Das war Paris.

Und das übrige Europa? Das bemühte sich, je nach Möglichkeit, dem angeblich ach so solennen Vorbild an der Seine nachzueifern, ja: es sogar zu imitieren, wenn dies überhaupt möglich war …

Die Stadt versank sukzessive im eigenen Dreck. Und strahlte dennoch im falschen Renommee ihres Glanzes. Zwar nannte man sie nicht so, aber auch an der Seine gab es bald schon Favelas und Slums. Ebenso in London, wo man sich im Geheimen sogar über Feuersbrünste freute (wenn man sie nicht sogar eigens legen ließ …), die in der Folge dann eine neue, florierende Bautätigkeit notwendig machten.

Dies musste naturgemäß über kurz oder lang zu Unruhen führen (und die Revolution dräute in der Tat bereits in allen dunklen Ecken). Die Stimmung war zudem längst aufgeheizt, vor allem dort, wo es nichts zu lachen gab, nichts zu essen – und zu heizen.

Dort, wo sich zur Bitternis der Armut noch der Gestank gesellte, der von der Tafel der reichen Müßiggänger und höfischen Parasiten impertinent herüberwehte.

Denn wie sich, laut neuesten neurobiologischen Studien, der verletzte, seinerseits ungerechter Weise angegriffene Mensch schließlich aggressiv zu verhalten beginnt, so reagiert auch die Stadt auf die ihr sukzessive zugefügten Schmerzen. (Siehe: Joachim Bauer, Schmerzgrenze.)

Die in ihr versinnbildlichte Gemeinschaft, verkommen zumeist längst schon zur Gemeinheit (wir deuteten das weiter oben bereits einmal an), antwortete ab einem bestimmten point of no return mit Gewalt, eben mit Aggressivität, auf das, was ihr von der Obrigkeit und von ihren Bewohnern selbst, die den zuerst selber empfangenen Druck weiterleiteten, in Permanenz angetan worden war.

So argumentierte zumindest Frau Toifl/Mephistopheles, wenn sie ihrerseits im Disput mit dem Boss/Margarete und mit Brahms/Faust auf ihr Lieblingsthema gekommen war. (Nein, Herr, ich find’s wie immer herzlich schlecht …) Ja, sie verstieg sich noch weiter. Die Stadt ist eigentlich gut, meinte sie mit Emphase, aber: Man lässt sie nicht in Ruhe! (Als wäre die Stadt eingerextes oder eingewecktes Obst oder Gemüse, das man lediglich rasten lassen müsse in seinem Sud, auf dass schließlich alles gut werde …)

Aber, wandte Brahms/Faust ein – sie, die Stadt, würde doch auch unangegriffen (ja, sogar: weitgehend geachtet und verehrt, geliebt womöglich …) immer noch stinken. Die Stadt sei nun einmal ein Selbststinker! Ein Selbststinker – und das sage doch eigentlich alles, oder?! Und ein Selbststinker sei die Stadt, so einfach das klinge und fast schon primitiv, weil sie eben im Stinken ihre eigentliche Aufgabe sähe!

So versuchte er (zumindest: halbwegs faustisch) zu argumentieren.

Wo siehst du noch Menschen? Schatten vielleicht. Aber Gerüche – überall Gestank! (Das dachte er freilich nur. Denn auf eine offene Konfrontation mit dem mageren Schlottergestell, zu dem Frau Toifl/Mephistopheles in Wahrheit [und in starkem Kontrast zu den von ihr/ihm immer noch und immer wieder abgesonderten verbalen Prallheiten] längst geworden war, wollte er sich lieber nicht einlassen. Nein, lieber keine offene Konfrontation …)

Ja, aber …, warf an diesem Punkt im ständig wiederkehrenden, schon reichlich enervierenden Disput der Boss/Gott/Margarete eigensinnig ein.

Mehr musste eigentlich nicht gesagt werden.

Im Grund genommen, wenn es denn einen Grund zum Nehmen gab, führte sich Frau Toifl/Mephisto, die wir – wie zuvor schon Till Brahms/Faust – nicht näher beschreiben wollen, dieser hyper-nervöse, weitgehend androgyne Zellhaufen, nicht selten so auf, wie man es sich am ehesten noch vom legendären Grafen von Saint-Germain erwartet hätte. Wie jemand also, auf dem die Mühsale und Beschwernisse von – angeblich – gut 2000 Jahren Erdendaseins lasteten. (Zumindest ließ der obskure, aber mit Sicherheit alles andere denn unbegabte Hochstapler, dieser glänzende Pseudo-Magier und Scharlatan sowie selbsternannte Alchemist solche Legenden um seine nebulöse Person ganz gern verbreiten wie den Duft von schwerem Parfum in der, wie schon ausgeführt, äußerst geruchsintensiven Zeit des 18. Jahrhunderts.)

Echauffiert und nervlich gleichsam: insuffizient, mitgenommen durch all den Schleim der Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende (und der teilweise miesen Nachrede), das war er, der Alchemist (oder Scharlatan?) und Meistermagier, der Musiker (Sänger, Geiger, Komponist) und Offizier, der erfolgreiche Stofffärber, Edelsteinklitterer und potenzielle Kenner der Geheimnisse des Goldmachens und der Universalmedizin. Der angebliche Graf von Saint-Germain – bei diesem Namen handelt es sich mit Sicherheit um ein Pseudonym -, bestens bekannt übrigens auch mit dem Abenteurer, Spion, Spieler und legendären Weiberhelden Giacomo Girolamo Casanova, dem selbsternannten Chevalier de Seintgalt, wie gesagt: Er war ein außerordentlich talentierter Mann der Gesellschaft. Wahlweise galt Saint-Germain als Italiener oder Spanier oder als Pole. Womöglich handelte es sich bei der schillernden Persönlichkeit sogar um einen illegitimen Spross der Königin Maria-Anna von Spanien (der Gattin des letzten Habsburgers auf Spaniens Thron, des debilen Karl II.); oder aber um einen Nachkommen des siebenbürgischen Fürsten Ferenc II., Rákoczy …, oder …

Jedenfalls sah sich der bizarr-obskure Bursche aus Gründen der Image-Pflege auch gezwungen, so manche eher haarsträubende Mär aufrecht zu erhalten und zu nähren, etwa die: Er sei schon zu Jesu Christi Erdenzeiten, damals in Jerusalem, an der Tafel des an höllischem Kopfweh laborierenden römischen Statthalters Pontius Pilatus zum Essen geladen gewesen. (Dass der Vertreter des Kaisers unter Migräne gelitten hat, haben wir übrigens Michail Bulgakows Roman Meister und Margarita entnommen. – Auf die Dinner-Anekdote weist auch Umberto Eco in seinem Roman Das Foucaultsche Pendel hin.)

Freilich, die von uns ebenfalls nicht genauer geschilderte Frau Toifl/Mephistopheles ist dann doch um einiges weniger glamourös, als wir uns den Grafen von Saint-Germain vorstellen wollen. Und auch auf Till Brahms/Faust macht sie/er kaum besonderen Eindruck. Wäre Frau Toifl nicht die Vorgesetzte und wäre sie nicht als Geschäftsführerin gleich unter dem Boss angesiedelt, so hätte Brahms denn doch manches deutlichere Widerwort gefunden. Aber wenn schon von ganz oben bloß ein weitgehend kraftloses ja, aber … zu vernehmen war, was sollte er, der Reserve-Faust, da hindonnern an Argumenten?!

Der Boss/Gott/Margarte – auch ihn/ihn/sie wollen wir (sei es aus Dezenz, sei es aus Bequemlichkeit, wer weiß?!) nicht näher beschreiben – beschränkt sich in der Tat weitgehend auf die Tatenlosigkeit dieses kraftlosen ja, aber … und konturiert seine/seine/ihre Funktion am ehesten noch im Geschäftichen, im finanziellen und merkantilen Bereich. (Dafür kommt von da auch kein banges Glaubst du an Gott?, auf das Brahms/Faust diverse Ausflüchte erfinkeln müsste: Mein Liebchen, wer darf sagen: / Ich glaub‘ an Gott? Magst Priester oder Weise fragen Wer darf ihn nennen? / Und wer bekennen: / Ich glaub‘ ihn …)

So begannen, so traurig das war, wie zuvor schon die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt (und der ganzen Welt) es getan hatten, nunmehr sich auch die – wenn man es recht betrachtet: eher skurrilen, wenn auch nicht uncharmanten Typen da, Brahms/Faust, Toifl/Mephistolpheles und Boss/Gott/Margarete, schön langsam in Geruch und Schatten hin aufzulösen. Geruch und Schatten, die alten Zwillingsgeschwister … Geruch und Schatten.

Zuletzt dann, wenn hier irgendwo übermäßig viel Staub gewesen wäre, hätte man sagen können: Jaja, sie haben sich aus dem Staub gemacht.

Aber es gab da keinen Staub. (Nicht einmal den, aus dem dereinst der vorwitzige Rabbi Löw den Prager Golem geformt hatte.)

So lösten sie sich also schließlich sogar die bizarren drei Wesen hier – Till Brahms/Faust, Frau Toifl/Mephistopheles und der Boss/Gott/Margarete – mehr oder weniger restlos (freilich: nicht wesenlos!) auf. Denn sie blieben naturgemäß im Kreislauf der Natur (wie schon Baruch de Spinoza … et cereta pp. es festgehalten oder zumindest gedacht hatten).

Ja, sie blieben vielleicht auch noch, quasi als Staubkörner der Universalgeschichte, hier und da ein paar Momente im Raum hängen; ohne allerdings just Professor Friedrich Schiller, womöglich gar als Grund für seine diesbezügliche (Antritts-)Vorlesung an der Universität Jena dienen zu können. (Doch besagtes Referat, unter dem grammatikalisch leicht defekten Titel Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, bleibt auch weiterhin, was es seit dem 26. Mai 1789, ab 18 Uhr, war und ist: gern zitiert und kaum gelesen [außer in den sogenannten Fachkreisen], eben deutsches Bildungsgut.)

Ganz nebenbei: Schiller stellt darin zunächst dem geistig eher trägen Brotgelehrten (als hätte er Goethes Faust-Famulus Wagner vor seinem geistigen Auge) den alerten philosophischen Kopf gegenüber. Um dann die Geschichte als eine Art Schmetterlings-Sammlung historischer Bilder und Exemplare zu schildern, anhand derer man den jeweiligen Standard der (versunkenen) Kulturen betrachten und mit anderen Stadien vergleichen kann.

Dass er sich dabei der Vorgangsweise des Entdeckers und forschenden Abenteurers bedient und quasi Vorstufen des europäischen Geistesmenschen der Aufklärung in aktuellen Wilden und eben erst vorgefundenen sogenannten Primitiven finden zu sollen glaubt, mag dem Bewusstsein der Zeit geschuldet sein. (Auch wenn es uns Heutige denn doch eher verstört. [Schiller steht freilich mit dieser Art der Kultur-Arroganz längst nicht allein da. Und in gewisser Weise ist sie sogar im 21. Jahrhundert noch immer, zumindest: unterschwellig, vorhanden. Ausdrücke wie Entwicklungshilfe, wo es eigentlich längst um Entwicklungs-Zusammenarbeit gehen sollte, beweisen es …])

Genug. Die urbanen Wesen also und ihre Beweggründe. Die Städter, die sich die Dunkelheit erwählt haben für viele ihrer Aktivitäten und die Nacht zu ihrer Lieblingszeit, zumal für ihre diversen Aktivitäten der Lust, der Begierde, des Vergnügens, vielleicht auch des Verbrechens …

Sie tun in Wahrheit alles, um die ständige Angst vor dem Ende – dem eigenen und dem der Zeiten überhaupt – zu übertünchen oder zu überspielen. Und die Furcht verlangt danach, betäubt zu werden. Alkohol, Drogen oder was auch immer müssen da her. Der Rausch des Vergessens soll solcherart zum Verbündeten des vor dem Alleinsein Zitternden werden.

Ja, das weiß Till Brahms: Sie, die urbanen Leidenden, haben stets das getan, was sie getan haben (und werden weiterhin das, was sie tun werden, tun), in der grenzenlosen Furcht, das ihnen – von wem auch immer – mehr oder minder dunkel prophezeite Ende könnte bald schon eintreffen.

Aber sie wissen immer noch nicht, dass es vermutlich längst schon eingetreten ist, das Ende.

(Oder sie vergessen, Zeitschleifen-geschädigt, darauf, dass sie es eigentlich längst schon wissen müssten …)

Nun denn. Und sei es bloß ein nächster heißer Tag, einer, an dem die Sonne nicht herunterscheint, sondern herunterbrennt: Er wird wohl noch kommen.

E N D E

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