Die Lysistraten

Episoden-Prosa mit

anachronistischem

Einschlag von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

LYSISTRATE:

und wenn man dir nicht die Hand gibt,

führ‘ sie am Schwanz her.

Aristophanes, Lysistrate

*

Man ist Mann, oder man ist Weib, je

nachdem, ob man wer ist oder nicht.

Otto Weininger, Geschlecht und Charakter

*

PAUL:

Sehen Sie – für mich, ich kann mich kaum

anders fassen – für mich ist die Blasiertheit,

wie ich sie eben nehme – ein Glaube, eine

Religion – ich bin mit Inbrunst blasiert – –

Arthur Schnitzler, Die Blasierten

*

Denn diejenigen, die da herrschen und

unterdrücken müssen, um zu herrschen,

sind gezwungen, vernünftig zu handeln;

überschreiten sie aber, mitgerissen von

ihren Leidenschaften oder getrieben vom

Gegner, die Grenzen des vernünftigen

Verhaltens, so geraten sie auf einen

abschüssigen Pfad und läuten damit selbst

den Anfang ihres Untergangs ein.

Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina

*

I.

Der Linzi-Dings, der Eduard, is heut wieder so ulkig, denkt die kleine Grienling zu Kullershausen und errötet dabei, leicht, die Dosy. Und sie gluckst voll Vergnügen in ihr hübsches Halserl hinein, das 18 Jahr junge Ganserl. Dann lässt sie ihren Blick weiterschweifen, neugierig und erlebnishungrig. Doch bald sind ihre schönen blauen Augen auch schon wieder beim Linzburg-Pfeiffenstein angelangt, beim schönen Edi. Und sie denkt: Aber so ein Feschak, das auch! Oh, mit dem einmal – – –

Im Weiterschauen, einen Schluck vom Champagner nippend („Ihr tut’s ja gurgeln, Mäderln! Trinken sollt’s!“, sagt der Onkel Hans immer …) und dem Ferry zunickend, ihrem Cousin, trippelt sie weiter. Schaut auch nicht schlecht aus, der Ferdinand. Gar nicht schlecht – – –

Also, wie sie heut wieder majestätisch dreinblickt, unsre schöne, geistreiche Gastgeberin, ihre Position quasi unterstreichend …, mit jedem Atemzug, die Olga. So denkt seinerseits der weiter oben schon kurz ins Visier genommene Leutnant von Linzburg-Pfeiffenstein, der schöne Eduard. Ein Bild von einer Frau, oder, wie der Hauptmann von Tuschgarten zu sagen pflegen: „A Prachtweib! Rasse halt …“ (Jaja, da hat er schon Recht, der Anatol. Durchaus. A Prachtweib … Ins Schwärmen könnt man kommen …)

Und der Linzburg schwärmt in der Tat. Dann nimmt er sich noch ein Glaserl vom Champagner. Jaja – – –

Da, der hausherrliche Herr Bankier, Henry von Sonnenberg-Luna … Eigentlich heißt er ja Salomon mit Vornamen, denkt derweil besagter Hauptmann Anatol von Tuschgarten, der ein paar Schritte weiter, gegen den bauen Salon hin, sein Revier markiert hat. Aber mein Gott: Mammon adelt – und macht das Konvertieren umso glaubhafter, gelt ja?! (Hahaha …) Eigentlich auch eine imponierende Erscheinung, der Sonnenberg-Luna, mit seine Millionen … Also, ich mein, auf seine semitische Weise, natürlich. Ja, eine imposante Erscheinung: mit dem leicht gekräuselten grau-schwarzen Haar und dem Gold-Zwicker, der schweren Goldkette mit der dicken goldenen Uhr um den dicken Bauch … Also, dieser Sonnenberg-Luna – – –

Und Jetzt: Der Roderich-Georg von Spindelburg-Alsternau, genannt Schorschi, grüßt gar mit dem Champagnerglas in die Richtung vom Hausherrn! Sonst freilich immer die ärgsten Juden-Witz reißen! Aber, wenn’s dafür steht, schön charmant sein … Jaja, man weiß ja nie. Und wir schreiben ’s Jahr 1910 – – –

Der Dr. Hugo von Krapfensteiner aus der Kanzlei Nabelrück, Krapfensteiner & Partner, schaut missmutig drein, angesichts all dieser Nebochanten. Und: Wen hat denn der Schorschi, dieser Windhund, da heut wieder neben sich? Ah, die kuriose Ernestine Rülpsi von Mohnstau-Wellershoff. Auch schon a bisserl, no ja: angejahrt, nicht wahr?! Quasi: a Runzel-Funzel

Hm … Aber, die Olga, die schießt halt allemal den Vogel ab, gelt ja?! Nicht einmal die allgemein als überaus liebreizend beschriebene neue Dritte Liebhaberin am Burgtheater, die Fanny Schratzinger, kann da mithalten; obwohl die um gute 15 Jahr jünger ist, wenn nicht gar um 20 … Jaja, die Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna, das ist eben ein Prachtweib! (Da hat er vollkommen recht, der Hauptmann von Tuschgarten, der Anatol. Ja, und der kennt sich aus bei die Weiber – Pardon, bei den Damen! -, aber schon wie … Doch bei der Olga, da fügt sich eben das sagenhaft Schwere, das Melancholisch-Polnische, mit dem Leichten, dem Wienerischen, optimal zusammen zum Bouquet … Ins Schwärmen könnte man kommen, direkt …)

Schön und gut. Aber wo ist da der Bezug zur Lysistrate und zum Sex-Entzug als Mittel zur Friedensstiftung? Wo bleibt da überhaupt das Antike, wofür just diese Lysistrate ja auch nur eine Art Synonym ist, bitte?

Schon da.

Aus einem Brief, den Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna an eine Freundin, die Gräfin Trixy von Otternschlag zu Teuxenbach-Laye schreibt: „Liebste Freundin! Wir müssen unbedingt was tun! Aus welchen Gründen immer (und wenn nötig, dann sogar aus ganz unterschiedlichen!), müssen und wollen wir doch den Krieg verhindern! Oder? Meine Liebe Trixy, den Großen Krieg, der da quasi schon vor der Tür steht! (Zumindest sagt das mein Mann, der Henry, immer wieder … Und der muss es doch wissen als Bankier, nicht wahr?!)

Denken wir doch an die Lysistrate!

Also müssen wir auch die Bertha einbinden. Ja, doch! Ich mag die Suttner auch nicht, bitte sehr. Aber – es geht nicht ohne sie! Noch dazu, wo das unsägliche Buch vom Otto Weininger immer noch quasi in aller Munde ist! Überhaupt, der Selbstmord dieses wirren jungen Mediziners (am 4. November 1903, 1. Anm.), noch dazu (sinniger Weise?, 2. Anm.) exekutiert in Beethovens Sterbehaus, hat die Bekanntheit von „Geschlecht und Charakter“ ja regelrecht beflügelt! Das Büch’l macht immer noch Furore! (Eine durchaus lesenswerte Conclusio des sperrigen Weininger-Elaborats findet sich übrigens in Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“, München 1927 ff., 3. Anm.)

Und der Karl Kraus hat sich zu allem Überfluss so lobend über den Burschen äußern müssen in seiner Fackel … Ja, und dann auch noch der August Strindberg! Naja.

Jetzt heißt es wohl wieder einmal: Über alle Schatten springen! Auch über den eigenen – und wenn der zufällig Suttner heißt!

Ich sage nur noch einmal: Lysistrate! …“

*

Aus dem Antwortschreiben der von Otternschlag zu Teuxenbach-Laye: „Genau, liebste Olga! Wir werden in der Tat nicht umhinkommen, die Bertha von Suttner einzubeziehen! Und mit der Kathi Schratt muss man auch noch reden – allein schon wegen dem Kaiser … Mir ist auch klar, dass seine Majestät – immerhin als oberster Kriegsherr (!!!), aber auch aus diversen anderen Gründen – recht wenig werden anfangen können mit dem Lysistrate-Teig, wie wir ihn uns da zusammenkneten … Aber, die Katharina, die brauchen wir allemal!

Ich hab, Dein Einverständnis voraussetzend, schon die Kranichfelden zu Wasserlohe instruiert, die Agy. Die kennt ja die hochberühmte Frau Hofkammerschauspieler angeblich so viel gut … Aber – es pressiert halt alles ganz extraordinär!“

*

Zweiter Brief der Baronin Trixy Otternschlag zu Teuxenbach-Laye an die Gräfin Agathe von Kranichfelden, Freifrau zu Wasserlohe: „Liebe Agy, entschuldige wenn ich nochmals und so direkt mit der Tür ins Schloss falle …, aber in Ergänzung meines Schreibens, betreffend die Katharina Schratt, hier noch was: Liebste Freundin, Du musst unbedingt auch den Gabriele D’Annunzio und den Luigi Pirandello kontaktieren! Gerade die Italiener! Zieh sie auf unsere Seite, bitte! – Doch! Dass die Faschisten sind, weiß ich auch! Wir haben eben keine anderen Italiener als italienische Faschisten …“

(Aufschrei: O welch ein Anachronismus! Hilfe! Benito Mussolinis Marsch auf Rom erfolgt doch erst Ende Oktober 1922! – Gemach, gemach! Aber glauben Sie, das interessiert die Wiener kleinadelige respektive großbürgerliche Gesellschaft knapp vor dem Großen Krieg [der später der Erste Weltkrieg genannt werden wird]?! Na, eben! Anm.)

*

Da flattert der Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna ein recht umfangreicher und inhaltlich erstaunlicher Brief eines guten Bekannten auf den Schreibtisch. Ein gewisser Dr. Philibert A. Moebius, Privatgelehrter und wohlhabender Rentier sowie gerne gesehener Gast ihres Salons, schreibt: „Hochverehrte Gräfin! Gnädige Frau Olga! Ich habe naturgemäß von Ihren Unternehmungen in Sachen Friedensbemühungen (Stichwort: Lysistrate!) und auch über ihre – meiner Meinung nach überaus lobens- wie unterstützenswerten – Bestrebungen zur Stärkung der Frauenrechte Kenntnis erhalten.

Ihre Bestrebungen also in Ehren! Ich darf indes doch devotest etwas einwerfen: Man möge, bitte, um Himmels Willen den guten alten Aristophanes nicht im feministisch-pazifistischen Sinne über-interpretieren. Der Mann war ohne Zweifel ein kluger Kopf, ein mutiger Satiriker und ein schlauer Dramatiker, zudem einer mit politischer Kompetenz! Aber – dieser Mann war immerhin ein Grieche des 5. vorchristlichen Jahrhunderts; außerdem ein vollkommen im patriarchalen System sozialisierter Geist. Einer, der dem Krieg zwar nicht lüstern anhing, indes freilich auch keiner, der den Kampf rundweg abgelehnt hätte. Kein Friedensengel!

Und, vergessen wir nicht, der für Athen so verlustreiche Peloponnesische Krieg (431 – 404) befindet sich, wenn Aristophanes seine Komödien schreibt und aufführen lässt (elf sind übrigens erhalten), in seiner zweiten, überaus heißen Phase. Und nur wenige Jahre vor der Aufführung dieses Aristophanes-Lustspiels, im Winter oder Frühjahr 411 (ganz genau lässt es sich nicht eruieren), bekommt der geschundene Stadtstaat im desaströsen Sizilien-Feldzug (415/413) gewaltig eines aufs Haupt. Ach ja: Zu allem Überfluss hat sich Sparta, der hochgerüstete Gegner Athens und des Attisch-Delischen Seebundes, mit dem Erzfeind der Griechen, mit den Persern, verbündet!

In dieser Situation erhalten auch die Kritiker der Demokratie, die immer wieder die unleugbare Schwerfälligkeit dieser Regierungsform bekritteln, erneut Auftrieb: Die oppositionellen Kräfte formieren sich, und Athen tendiert ohnedies die ganze Zeit schon in Richtung Oligarchie. Just im selben Jahr, im Sommer 411, erfolgt dann prompt der Putsch der Oligarchen. (Streitigkeiten zwischen oligarchischen und demokratischen Kräften haben den Peloponnesischen Krieg 20 Jahre zuvor [damals allerdings in Epidamnos {heute: Durrës/Durazzo}, einer Kolonie des blühenden Korkyra {Korfu}] überhaupt erst ausgelöst …) Fazit: Die politischen wie die strategischen Situationen sind also höchst brisant.

Und deshalb siegen Lysistrate und die Frauen ja auch ausschließlich auf der Bühne, im Aristophanes-Lustspiel. (Dazu am besten die aktuelle Reclam-Ausgabe [Nr. 18664] mit der Neuübersetzung von Niklas Holzberg, der auch Wesentliches im Nachwort festhält, „Aristophanes: Lysistrate“ [Stuttgart 2009], Anm.) In Wahrheit geht der Krieg jedoch bis zum Jahr 404 weiter. Er endet zwar mit einem Friedensschluss und dem Bündnis zwischen Athen und Sparta; doch Athens Macht zu Lande wie zur See ist gebrochen, und der Attisch-Delische Seebund ist zerschlagen.

Athen hat verloren.“

In einem P. S. fügt der allem Anschein nach recht belesene Dr. Moebius noch an: „Ganz allgemein waren die griechischen Frauen der Antike in der Realität, also abseits der Bühne (auf der sie zudem im Allgemeinen als von Männern gespielte Rollen agierten …), mit keinerlei politischer Macht ausgestattet. Ihr Herrschaftsgebiet war ganz eindeutig mit dem Haushalt umzirkelt … Für den Abschluss eines Friedens – egal ob eines einigermaßen dauerhaften oder auch bloß eines kurzen – hätte ihr Einfluss nie ausgereicht. Leider.

Hüten wir uns daher, in der schönen Lysistrate etwas Ähnliches zu sehen wie die Bildungs-Fata Morgana des verdienstvollen, doch einigermaßen beschränkt-engstirnigen Johann Joachim Winckelmann, der uns das Märchen von den Marmor-weißen Tempeln und Statuen des antiken Griechenland überliefert hat!“ (Übrigens: Auch über den an sich ja hochgelehrten Prof. Winckelmann, der angesichts lauter vermeintlich weißer, steinerner, alt-griechischer Männerkörper vermutlich rote Backen der Erregung bekommen hat, findet sich in Egon Friedells famoser Kulturgeschichte recht Hübsches verzeichnet, Anm.)

Und in einem Moebius-Post-post-scriptum heißt es: „Außerdem, mit einem Wort gesagt, das freilich erst noch geprägt – und dann zunächst in der Ökonomie angewandt und solcherart approbiert – werden wird: Auch die Entwicklung in Athen wie in Sparta (und hier wie dort und anderswo, also überhaupt) ist letzten Endes eine durchaus antizyklische.

Nichts für ungut, gnädige Frau!“

Und der mehr als kuriose Moebius-Brief an Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna schließt – richtig: auch – völlig anachronistisch!, nämlich mit einem sogenannten emoticon (exakt: emotional icon), diesmal mit einem Smiley:

🙂

Doch der bildungsbürgerliche Wahnwitz, der sich, besonders in den Wiener Salons und Ateliers, in den Literaten-Cafés und Kabaretts, vom Fin de Siècle wie spielerisch in die Secession und in den Jugendstil hinüber-gerettet hat, überlebt schlecht und recht sogar den Großen Krieg, den Austrofaschismus und den bisherigen absoluten Tiefpunkt der Menschheitsentwicklung, die Zeit eines größenwahnsinnigen Kleingeistes namens Adolf Hitler.

Ja, trotz diverser, durchaus ehrlich und reinen Herzens von ihrer Sendung überzeugter Lysistraten bleibt er darüber hinaus weiterhin – mal stärker, mal schwächer – wirksam.

Wie hat der kuriose Dr. Moebius sein Schreiben an Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna beschlossen? Genau: Nichts für ungut, gnädige Frau! 🙂

II.

… und dann die blässliche Marie, auch eine Mancini, eine von den vielen Nichten des Kardinals. O Gott!“, gibt Brief-Vielschreiberin Liselotte von der Pfalz, als zweite Frau Philipps von Orleans eine Schwägerin Ludwigs XIV., des sogenannten Sonnenkönigs, gereizt von sich. Die pointierend bis zur Beleidigung hin alles festhaltende (und sodann aller Welt mitteilende) Herzogin ist den sogenannten Mazarinetten, den ob ihres Lebenswandels eher berüchtigten sieben Nichten des Kardinals Mazarin, nämlich alles andere denn grün. Verwandeln doch just diese Biester mit einer Reihe von gleichgesinnten aus der Jeunesse dorée den königlichen Hof im Pariser Schloss Louvre gleichsam in eine permanente Party-Meile.

Des jungen Königs Vater, der dreizehnte Ludwig, hat auf Kardinal Richelieus Betreiben hin den Adel entmachtet. (Und wer etwas auf sich hält [und es sich, oft mühsam genug, leisten kann], muss bei diesem bizarren höfischen Zirkus mitmachen. Daran finden zwar nicht alle Gefallen, manchen indes macht es sogar Spaß. So auch den oben erwähnten durchaus aufgeweckten Nichten von Richelieus Nachfolger als erstem Minister des Staates, die Brut des Onkels Kardinal Julio Mazzarini, alias Jules Mazarin.)

Liselotte von der Pfalz ist, wie angedeutet, die gern ein wenig überzeichnende, doch an sich glaubwürdige Porträtistin all der höfischen Begebenheiten. Ja, und der allseits bewunderten (und beneideten) Olympia von Soissons, der Mutter des Prinzen Eugen von Savoyen, und diesem selbst gilt Liselottes besondere Abneigung. An dem kleingewachsenen Eugen, der später dann als genialer Stratege und prominenter Türken-Bezwinger – allerdings nicht im französischen Heer, sondern unter Habsburgs Krone -, zudem als Spitzendiplomat, ruheloser Bauherr und namhafter Förderer von Wissenschaft und Kunst zu Ruhm gelangen wird, lässt die spitzzüngige Beobachterin überhaupt kein gutes Haar. Sie findet somit allerhand zu bekritteln an einer ganz außerordentlichen Persönlichkeit; denn – abgesehen vom Prinzen als exorbitantem Heerführer und geschicktem Politiker – macht er sich just um Wissenschaft und Kunst verdient, wie Egon Friedell hervorstreicht, und das „nicht aus leerer Prunksucht wie die meisten anderen Machthaber seiner Zeit, sondern aus echtem Bedürfnis und tiefem Verständnis“ (Friedell, „Kulturgeschichte der Neuzeit“, a.a.O.).

Doch zurück zur bösartig-treffenden Karikaturistin ihrer Zeit am Pariser Hof, zu Liselotte mit der spitzen Schreibfeder: Nicht nur Eugens „kurz aufgeschnupftes Näschen“, sein „ziemlich langes Kinn und so kurze Oberleffzen“ und der angeblich stets halboffene Mund missfallen der Pfälzerin, auch seine – angebliche – Homosexualität findet vor ihr keine Gnade, wenn sie schreibt: „Er incommodiert sich nicht mit Damen, ein paar schöne Pagen sind besser seine Sache.“ (Liselottes Unmut ist indes wenig verwunderlich, hat sie doch unter den Eskapaden, die sich ihr Gatte, Ludwigs Bruder Philipp von Orleans, leistet, diesbezüglich schon genug Unbill am Hals …) Kurz: Eugen, der Neffe der „blässlichen Marie“, gilt der kritischen, politisch durchaus unkorrekten Herzogin als „ein schmutziger, sehr debauchierter (dreckiger, Anm.) Bub, der gar keine Hoffnung zu nichts Rechtem“ gebe. (Zitiert nach Max Braubach, „Prinz Eugen von Savoyen“, 1. Bd. Wien 1963; siehe dazu auch: Konrad Kramar/Georg Mayrhofer, „Prinz Eugen. Heros und Neurose“, St. Pölten – Salzburg – Wien 2013.)

Nun, mit diesem ihrem Urteil liegt sie, wie sich schon bald zeigen wird, freilich völlig falsch.

Auch Eugens Tante, besagte Marie Mancini, selbst kommt also bei Liselotte schlecht weg. „Ein schwärmerisches Teufelchen“, sei sie, konstatiert die spitzzüngige Chronistin angesichts der Tatsache, dass sich die sanfte Marie – nach ihrer draufgängerischen Schwester Olympia – vom König der Franzosen ebenfalls gleich ins Bett holen hat lassen.

Im Grund findet Liselotte es auch nur als gerechtfertigt, dass man die damals 22jährige Nichte Mazarins auf dessen Betreiben im Jahr 1661 einem zwar reichen, doch ungeschlachten italienischen Kleinadeligen, nämlich Lorenzo Onofrio Fürst Colonna, dem Großkonnetabel von Neapel, zur Gemahlin gibt. Und quasi in die Bettstatt wirft.

Obschon die Ehe im römischen Palazzo der Colonna recht vielversprechend anhebt, spricht die scharf beobachtende Umgebung bald schon von dem Paar als von La Belle et la Bête (siehe Hermann Schreiber, „Mätressen der Weltgeschichte“, Augsburg 2003). Zwar schenkt Marie ihrem Gatten (laut Internet, Anm.) drei Söhne, nämlich Filippo II. Colonna, den Herzog von Paliano, sowie Marcantonio und Carlo, versagt sich ihm jedoch danach gänzlich.

Anno 1672 nützt Marie dann die Abwesenheit ihres Mannes und flieht, gemeinsam mit ihrer just in Rom zu Besuch weilenden hübschen blonden Schwester Hortense, außer Landes – nach Frankreich. Doch verweigert ihr der ehemalige Liebhaber, König Ludwig XIV., sogar die Audienz. So starten die aufgekratzten Schwestern eine Irrfahrt durch Savoyen, die Schweiz, die Niederlande und Spanien. Zumal in Südfrankreich klappern sie diverse Klöster ab, da Marie ihr künftiges Leben möglicherweise überhaupt ausschließlich dem Glauben zu weihen gedenkt. Doch erst nach dem Tod ihres abgelegten Gemahls, des aufbrausenden Lorenzo, im Jahr 1689 wieder in Italien, wird Marie im selben Jahr wie ihre Lebensliebe Ludwig, 1715, zu Pisa ihr Leben aushauchen.

Doch noch ist es längst nicht so weit …

Ludwig XIV., der sexsüchtige König der Franzosen, immer noch angenehmer Erinnerungen voll an intensive Liebesnächte (aber, zugegeben, auch an interessante Gespräche) mit Marie, die beide erlebt haben, als die Kardinals-Nichte Ludwig im Jahr 1658 ein Stück auf seiner Werbefahrt (zum Treffen mit der als wenig attraktiv beschriebenen Marie-Thérèse von Spanien) begleitet hat, würde späterhin zwar auch dieses Flämmchen gerne wieder anfachen; doch seine Maîtresse de titre, die gleich umsichtige wie eifersüchtige Françoise de Montespan, vermag ihm, gemeinsam mit Finanzminister Jean-Baptiste Colbert, solche Gelüste auszureden.

Marie? Ihr bleibt immerhin die Gewissheit, dereinst eine so wichtige Rolle im Leben des Mannes gespielt zu haben, den sie insgeheim immer noch liebt; und sie wird Ludwig, den Sonnenkönig, bis zu ihrem Tod lieben. Denn sie hat sich als junge Frau für ihn willig eingegliedert ins Heer seiner Mätressen, zu denen – wie erwähnt – auch (mindestens noch) eine ihrer Schwestern gehört hat, Olympia, die anno 1657 mit dem angesehenen Berater des Königs und recht erfolgreichen Feldherrn, mit dem Herzog Eugen Moritz von Carignan-Savoyen, Grafen von Soissons, verheiratet worden ist und diesem 1663 den Sohn Eugen schenkt.

Um nochmals daran zu erinnern: Eugen wird sich zwar bei Ludwig um einen Offiziersposten beim französischen Heer bewerben, doch der Sonnenkönig wird ihn aus diversen Gründen, auch sehr privaten, auf wenig schmeichelhafte Art abweisen. (Was er und Frankreich später zu tiefst bedauern werden müssen.)

Ein pikantes Detail am Rande: Etwa 20 Jahre, bevor der frustrierte Prinz Eugen, von Ludwig, der ihn überhaupt lieber als Priester sähe denn als Franzosen-Offizier, abgewiesen, 1683 an den Habsburger-Hof flieht, ist schon einem anderen damals jungen Militär ein ähnliches Schicksal beschieden gewesen: Eugens späterer Oberbefehlshaber Karl von Lothringen muss ebenfalls von der Seine Reißaus nach Österreich nehmen, um hier immerhin unter Kaiser Leopold eine beachtliche Karriere im Kampf gegen die Türken zu starten. Und: Just dieser Karl ist kurz im Gespräch als potenzieller Gatte für Marie Mancini gewesen …

Immerhin: Sowohl Marie als auch Olympia haben sich zwischendurch nicht ganz unberechtigte Hoffnungen machen dürfen, nämlich auf den ersten Mann Frankreichs selbst – nicht nur als Liebhaber, sondern als Gatten! Doch auch die übrigen Mazarinetten, obschon sie fürderhin nicht mehr mitmischen werden im ganz großen Weltgeschehen, bekommen zumindest durchwegs gute Partien zugeschanzt. (Oder sterben früh.)

Von Olympias Karriere ist schon die Rede gewesen. Und fiele sie nicht – zunächst Mitte der 1660er Jahre für kurze Zeit und später dann, im Zusammenhang mit der peinlichen Giftaffäre – für immer in Ungnade, diese Tochter der Hieronyma Mazzarini und des Michele Lorenzo Mancini hätte quasi ein Leben wie eine Göttin in Frankreich führen können! Doch dann, anno 1980, muss sie das Land tatsächlich fluchtartig verlassen.

Eine begnadete Selbstdarstellerin, diese Madame la Comtessa, eine trinkfeste Spielerin, eine in Liebesdingen durchaus erfahrene Dame der Gesellschaft und eine gewitzte Intrigantin, wirkt sie immerhin durch Jahre als quasi unersetzbare Surintendante, also als oberste Kämmerin, der allgemein wenig beliebten Königin Marie-Thérèse, der Gattin Ludwigs.

Dumm nur, dass Olympia sich just mit den Favoritinnen des geilen Königs anlegt, besonders mit Louise de La Vallière und hernach mit Françoise de Montespan. Jedenfalls steht sie, die stets alle Fäden so geschickt zu ziehen gewusst hat, nunmehr sogar erneut im Verdacht, womöglich den nie aufgeklärten Tod des eigenen Mannes, Eugen Moritz von Soissons-Carignan, im Jahr 1673 in Auftrag gegeben zu haben …

Ihr unstetes Leben hernach, pendelnd zwischen den spanischen Niederanden (dem späteren Belgien, Anm.) und Spanien selbst, und ihr letzter Aufenthalt – wiederum in Brüssel – sowie ihr recht einsamer Tod anno 1708 zeichnen das Bild eines die meiste Zeit doch unerhört grell-bunten Frauenlebens.

Wobei der wirklich große Fehler der tatkräftigen, zielstrebigen und klugen Olympia vermutlich der gewesen ist, sich ein Leben lang mehr Feinde als Freunde gemacht zu haben.

Doch das ist beim wild-wuchernden Intrigieren nun einmal so.

Einige der übrigen Geschwister: Hortense liebäugelt zwischendurch sogar mit dem englischen Thron und seinem Inhaber, Karl II., ehelicht dann allerdings den vornehmen und reichen Armand Charles de Meilleraye, der leichter zu haben ist und sich dann sogar Duc de Mazarin nennen darf. Dass sie sich nebenher mit anderen Männern vergnügt, so auch mit einem überaus schönen Berberjüngling, wird – außer von ihrem gehörnten Ehemann – weitgehend toleriert. Insgesamt ist auch diese Ehe als eher turbulent zu bezeichnen.

Eine weitere Schwester, Laura, bringt es zur Herzogin von Mercoeur, und Maria-Anna, Marianne genannt, heiratet Godefroi-Maurice de la Tour d’Auvergne, den Herzog von Bouillon, einen Neffen des berühmten Generals Henri de la Tour d’Auvergne, Vicomtes de Turenne; der übrigens der Vorgesetzte ihres 1673 zu Tode gekommenen Schwagers Eugen Moritz ist.

Maries Lieblingsbruder Philipp, mit dem beide Schwestern, Marie wie auch Hortense, recht intimen Umgang gepflegt haben sollen, steigt („ohne eigenes Verdienst“, wie Max Braubach anmerkt) zum Herzog von Nevers auf, indem er das Herzogtum von Onkel Mazarin erbt.

Es zahlt sich letzten Endes aus, zur Junesse dorée zu zählen – und zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Fazit: Marie hat Ludwig quasi den Übergang ins Verheiratetsein versüßt; just dort, im verschlafenen Städtchen Brouage in der Charente, bei den Salzsümpfen und in ihren Nebeln. Bevor er die allgemein als eher farblos beschriebene Infantin Marie-Thérèse von Spanien ehelicht, hat sich der überaus virile Bräutigam nochmals den Freuden einer freieren Sexualität hingegeben. Mit der versonnenen, klugen, anziehenden Marie Mancini. Da haben die beiden jungen Leute ihre intensive Zeit der Liebe verlebt. Und Ludwig spielt, wie angedeutet, sogar mit dem Gedanken, die gleich kluge wie anziehende Marie zu seiner Gattin zu machen.

Das wissen indes einerseits der aufmerksame Oheim Kardinal und anderseits die nicht minder akkurate Königinmutter Anna von Österreich zu unterbinden. Da nützen dem jungen König nicht einmal Weinkrämpfe und ein hoch-dramatischer Fußfall.

Eine Illusion findet ihr jähes Ende. Übrigens sehr zur Genugtuung Olympias, die sich immer noch im Rennen wähnt – zumindest als Mätresse des Königs, den sie schon immerhin von Kindesbeinen an kennt …

Dass übrigens der ganze Mancini-Clan dem strengen Onkel nicht sonderlich nachtrauert, als der anno 1661 das Zeitliche segnet, darf nicht weiter verwundern: So sehr der enorm geltungssüchtige und zielstrebige Kardinal Jules Mazarin einerseits seine Mischpoche auch immer wieder fördert, so sehr verhindert er anderseits manche persönliche Entfaltungsmöglichkeit. Die Gefühle ihm gegenüber bleiben aus verständlichen Gründen gemischte.

Und so weint man ihm innerfamiliär nicht allzu viele Tränen nach.

Doch wieder müssen wir fragen: Wo ist da der Bezug zur gezielt den Sex verweigernden antiken Lustspielfigur, zur Lysistrate des Aristophanes von 411 vor Christus? Zur erfolgreichen Revoluzzerin und frühen Athener Emanze?

Genau! Anno 1672: Marie Manzini, so ist ausgeführt worden, sieht sich auf den diversen traurigen Erinnerungsreisen quer durch Frankreich und Umgebung sowie eingedenk ihrer immer noch – wenn auch auf Sparflamme flackernden – Liebe zum König verschiedene Klöster als künftige Bleibe an. (Ihre Ehe mit dem aufbrausenden Lorenzo di Colonna wird von Rom, nach vielen Querelen und nach Bezahlung entsprechend hoher Summen, annulliert werden.)

Zunächst also eher ruhelos herumirrend, findet Marie in der Nähe von Chartres endlich, bei den barfüßigen Dominikanerinnen zu St. Cathérine sur Boille, was sie gesucht hat. Und hier behagt es der gewesenen Mätresse des Franzosenkönigs, die vermutlich eine Zeit lang (wie kaum eine andere Frau) auch die Seele dieses unverbesserlichen Womanizer für sich eingenommen hatte, auch einigermaßen. Ja, doch.

Hier ernennt man sie, die dreifache Mutter und auch sonst nicht Unerfahrene, wie es sich in ihren Kreisen gehört, auch bald darauf zur Äbtissin.

Und erst nach dem Tod ihres Ex-Mannes, des Fürsten Lorenzo von Colonna, wird sie sich nach 1689 dann in Richtung Pisa und somit wieder nach Italien begeben.

Noch im beruhigend romanisch-gotisch, jedenfalls: kühlen Kloster zu St. Cathérine sur Boille hat sich Marie Mancini jedoch langsam zu einer – sogar in Fachkreisen angesehenen – theologischen Gelehrten entwickelt; und hier verfasst sie denn auch ihr Hauptwerk und legt darin ihre Gedanken nieder. Das in (wenig elegantem) Spät-Latein abgefasste dreibändige Opus über theologische Fragen, aber auch speziell über Lustminderung und Lustgewinn im Glauben, über Liebes- und Sex-Verweigerung et cetera trägt den etwas komplizierten Titel – wir befinden uns schließlich im Barock: „De recusatione sexuale sive memoria recordatioque ad Lysistratem Aristophanis []“ (Über die geschlechtliche Verweigerung oder Zu Gedächtnis und Erinnerung an die Lysistrate des Aristophanes []).

(Anmerkung des Autors: Das in Paris verlegte Werk aus den Jahren 1683 bis 1688 ist über den verdienstvollen Jesuiten und Altphilologen P. Agathon Fultbiegler und seine [leider ziemlich entschärfte] zweisprachige Ausgabe aus den 1890er Jahren auf uns gekommen.)

Freilich, bei Marie Mancinis Lysistrate-Paraphrase geht es weniger um die Frieden-spendende Kraft, die der – angeblich zutiefst – weiblichen Idee der sexuellen Verweigerung innewohnen könnte, als vielmehr um ein Plädoyer gegen den Sex schlechthin.

Insofern beeindruckt das heute in der Tat einigermaßen verzopft wirkende Werk weniger durch pazifistische Sentenzen, als es vielmehr (in gewisser Weise fast in erster Linie) durch ziemlich ur-reaktionäre, stur-emanzipatorische und unversöhnlich-männerfeindliche Tendenzen erschreckt; ja, es schäumt gleichsam über von purer Suffragettenhaftigkeit.

In theologischen Fachkreisen, in denen – wie angedeutet – Marie Mancini durchaus respektvoll anerkannt wird, eckt das übrigens nicht allzu sehr an; in Wahrheit scheren sich die Kirchenmänner nämlich auch zu dieser Zeit kein bisschen um das, was ihre weiblichen Collegae da so absondern an geistigem und geistlichem Kram. (Von Augustinus ist – wenn auch anekdotisch – das recht bezeichnende Scherzwort überliefert, mit dem er sogenannte Erkenntnisse von Kolleginnen abzutun pflegte: Hat halt ihre Tage, die ehrwürdige Tochter …)

Ja, in Marie hat sich da handfester Männerhass manifestiert.

Aber so kann es eben kommen, wenn große Lieben zerbrechen.

Übrigens, dass just Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), dieser Inbegriff des barocken Universalgelehrten, in seinem philosophisch-theologischen Werk „Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal“ (Versuche in der Thodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels, 1710) einige Passagen aus Marie Mancinis „Lysistrate“-Elaborat zitiert, mag durchaus in einem diesbezüglichen Gespräch mit seinem Förderer, dem Prinzen Eugen von Savoyen, begründet sein. Denn obschon der Savoyer spätestens seit seiner Flucht aus Paris im Jahr 1683 mit Frankreich und somit grosso modo auch mit seinen französischen Verwandten (samt seiner Mutter Olympia und Tante Marie!) innerlich abgeschlossen hatte, wird dem belesenen und viel-lesenden Hagestolz mit der internationalen Vernetzung das erstaunliche Werk seiner Tante nicht unbekannt geblieben sein. Auch wenn er dessen zumindest in Spuren irgendwie pazifistischen Inhalt – sagen wir es vorsichtig – kaum so recht goutiert haben wird.

Leibniz wiederum, laut Bertrand Russell bekannt für seine opportunistische Ader, mag seinerseits versucht haben, dem (um 17 Jahre jüngeren) noblen Gönner mit der kurzen Erwähnung eines Traktats von dessen Tante zu schmeicheln; immerhin rittert der Deutsche als Mathematiker mit Isaac Newton über die Urheberschaft der Infinitesimalrechnung: Leibniz‘ Arbeit wird 1675/76 in Paris ediert, ohne dass er Newtons zeitlich frühere, aber noch unveröffentlichte Abhandlung kennt … Dass der (philosophisch interessierten) Nachwelt in erster Linie Leibniz‘ Monadologie haften geblieben sein mag, ist eine andere Geschichte.

Russell verweist übrigens darauf, dass der aus Leipzig stammende Gelehrte, der hauptsächlich im Sold des Hofes zu Hannover wirkt, just die Monadenlehre oder die Schrift „Principes de la Nature et de la Grâce“ im Auftrag des Savoyers verfasst habe; welche stehe jedoch nicht fest (Bertrand Russell, „Philosophie des Abendlandes“/A History of Western Philosophy, 1945).

Ach, ja: Die Leibniz-Abhandlung über die Theodizee verdankt ihre Entstehung nicht zuletzt brennenden Fragen der Prinzessin Sophie Charlotte von Brandenburg zum Thema, die durch die Lektüre der aktuellen Schrift Dictionaire historique et critique (1697) des – übrigens: erst zum Katholizismus übergetretenen, dann zum Protestantismus rekonvertierten – Calvinisten Pierre Bayle (1647 – 1706) in ihr ausgelöst worden waren. Und besagte Dame war die wissensdurstige Tochter des Kurfürstenpaares Ernst August und Sophie von Hannover, somit der Brötchengeber des umtriebigen und geschickten Universalgelehrten.

*

Für den Lysistrate-Stoff des Aristophanes spielt aber auch die Kritik an der Demokratie eine Rolle, nicht wahr? Immerhin, wir schreiben 411 vor Christus und stehen am Ende des 2. Peloponnesischen Kriegs, da vollzieht sich just in Athen ein Wandel der Demokratie hin zur Oligarchie. Daher sei hier an den Brief unseres Freundes Philibert A. Moebius erinnert, den wir schon im ersten Teil dieser Prosa erwähnt haben und in dem er eben diesen zweiten Gedanken des Aristophanes aufgreift.

III.

Von welchem Teufel war er da wohl just geritten worden, vor einem knappen Jahr, unser bisher so korrekter, ja: direkt zur Pingeligkeit neigender und beinahe schon pensionierter Gymnasialprofessor Dr. phil. Gregor Xaver Prinz (Deutsch, Geschichte)? Verschaut der alte Trottel sich doch ausgerechnet in eine kleine Schlampe namens Petra Lötschinger, die sich, zu allem Überfluss und weil’s angeblich so schön klingt, Petra La Fournier zu nennen beliebt. Denn so ein Künstlername stünde diesem blonden Dummchen, konkreter und korrekter: dieser immerhin recht aparten Endzwanzigerin (mit Kleinkind, angezahlter Eigentumswohnung und klapprigem Riesenauto vom Ex-Lebensgefährten) immerhin zu; hat sie doch vor einem halben Jahr am Stadttheater in einer eher belanglosen, angeblich erotisch angehauchten Lustspiel-Produktion als textlose Statistin mitgewirkt.

Von welchem Teufel …?! Sie war der Teufel!

Davon war zumindest Gregor X. Prinz alsbald überzeugt.

In Wahrheit war sie natürlich nicht der Teufel; ob es den nun gibt oder nicht (was hier, nebenbei, überhaupt keine Rolle spielt). Nein: Er, Gregor, war eben ein Idiot!

Mit guten sechzig Jahren noch so verbohrt – ins Bohren!

Wenn er sich nur nicht überhebt!“, witzelten Kollegen und Freunde, schwankend zwischen Neid und Missgunst, aber immerhin mit satter Belustigung in der Stimme.

Die Gebildeteren unter ihnen erinnerten sich an Heinrich Manns satirischen Roman „Professor Unrat“, der bekanntlich auch als Film („Der blaue Engel“, 1930) dereinst Furore gemacht und der jungen Dietrich zum beruflichen Durchbruch verholfen hatte. (Wenn auch Bewunderer und Jubel-Biograph Alfred Polgar [1873 – 1955] einschränkt: „Im ,Blauen Engel‘ werden einige Elemente der besondern Begabung und Wirkung Marlene Dietrichs offenbar. Die ganze Spannbreite ihres schauspielerischen Talentes ließ sich aus dieser ersten, großartigen Probe noch nicht erkennen.“ [Alfred Polgar, „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, {posthum} Wien 2015.])

Glich er, Prinz, nicht in gewisser Weise diesem ach so peniblen, gestrengen und entsprechend gefürchteten Professor Unrat bei Mann? Hatte er sich, ähnlich dem schlechten Vorbild, schließlich die spätere geile Schadenfreude der anderen nicht redlich verdient?

Aber: Geschah diesem Mannschen Gymnasial-Fuzzi nicht wirklich Recht? Unrat, dem nun einmal gewaltig auf Abwege geratenen weltfremden Akademiker? Ihm, dem alten Narren, der da a tempo dieser Lola, dem grell-ordinären (wenn auch in gewisser Weise herzensguten) Tingel-Tangel-Mädchen aus dem Milieu, verfällt mit Haut und Haar? Was konnte man denn anderes tun angesichts so eines sozialen Zwitterwesens wie dieses bizarren Wolpertingers da, der zusammengeflickt war aus einem bornierten Bildungsbürger und einem gestrengen Lehrertyrannen sowie aus einem geilen, alten Lustmolch, als lauthals über ihn lachen? (Wenn man ihn vielleicht auch eher bedauern sollte …)

Nein, Gregor schlittert nicht ganz so elementar in die Sache mit dieser kuriosen Petra La Fournier hinein wie sein vergleichsweise berühmterer literarischer Kollege. Zudem gleicht er nicht dem Darsteller Emil Jannings, der hier, filmisch gekonnt, auf der Schleimspur der jungen Dietrich (noch im Vor-Diva-Stadium) ausrutscht, sondern ist bloß der ein bisschen zu biedere Prof. Dr. Prinz. Und der erliegt einmal dem Parfüm der Gewöhnlichkeit, wie es dieses kleine Luder aus der Comparserie einer billigen Stadttheater-Produktion einigermaßen penetrant verströmt. Nicht mehr und nicht weniger. (Und seine Schülerinnen und Schüler nehmen zudem kaum Notiz von des alten Lehrers Privatleben. Zudem mag man Prinz, wenn manche ihn auch für einen kleinen Pedanten halten und er, nicht zuletzt seiner knapp 165 Zentimeter Körpergröße wegen, insgeheim überhaupt gern als der kleine Prinz tituliert wird …)

Doch peinlich ist die ganze leidige Affäre immerhin.

Und kostspielig.

Aus einem E-Mail, das Petra Lötschinger/La Fournier an ihre Cousine Chantal Wimmler absondert – einige Tage, nachdem sie im Bett des alternden Prof. Prinz gelandet war (Anm.: Die Rechtschreibung wurde behutsam den üblichen Normen angeglichen, der Stil blieb allerdings der ihre …): „Hi, Chantal! Ich hab‘ ihn an der Angel! Für seine vielen Jährchen funktioniert der alte Sack noch recht gut. Ich glaub‘, dass dieser lustige Grufty keine Probleme machen wird. Ich muss ihn nur bei Laune halten, den alten Prof. Jaja. Aber über Geld verfügt er, und freigiebig ist er soweit auch. Muss ihn und die Lage erst einmal ein bisschen ausreizen …

Wie geht’s dir mit deinem Hellmuth, diesem gichtigen Hofrat? Unter uns gesagt: Der wär‘ mir zu hinfällig! Pass auf, dass dir der nicht noch unter den Händen sein bisschen Restleben aushaucht! Meld‘ dich wieder – zumindest per Handy oder smse mir! Petra. :-)“

*

Aus einem Brief, den Prof. Prinz einem alten Schulkameraden schreibt, einem Juristen im Landesdienst, übrigens: „Lieber Freund Stephan! Vielen Dank für die prächtige Ansichtskarte von deinem Aufenthalt mit Deiner Frau Gemahlin, Louise (die ich Dich bitte, von mir herzlich zu grüßen!), im Pariser Louvre! Es stellt sich immer wieder als eindrucksvolle Kulisse heraus, dieses alte Gemäuer! Und dann noch die Kunst, nein, vor allem die Kunst!

Mir persönlich scheint überhaupt dieser Louvre – auch in seiner Funktion als königliches Schloss, im 17. Jahrhundert noch – wesentlich vornehmer gewesen zu sein als das völlig überladende Ambiente von Versailles, dem Sitz des Hofes dann ab den 1680er Jahren.

Im Louvre, da hat noch einigermaßen schlichte Eleganz geherrscht, nicht wahr?!

Aber der Sonnenkönig konnte eben in keiner Beziehung jemals genug bekommen … Obwohl Ludwig XIV., dieser exorbitante Hurenbock und Womanizer, ja recht gebildet gewesen sein muss. Dazu von Musik begeistert, gemeinsam mit seinem einzigartigen Hofkompositeur Jean-Baptiste Lully aus Italien et cetera; gleichzeitig voller Poesie – er hielt sich bekanntlich sogar den genialen Molière als Hofdramatiker; und dem Tanz gegenüber so aufgeschlossen, aufgeschlossen und geneigt, bis hin zum Selbertun … Ballett!

Aber die Weiber …! (Erzähl das nicht Deiner Gattin!)

Apropos: Ich bin gerade, glaube ich, dabei, den Fehler zu begehen, den ich an anderen, etwa gleichaltrigen Männern bisher immer so belächelt habe. Ja, Du wirst es nicht glauben, aber ich habe mich in ein nicht einmal ganz dreißig Jahre altes Dämchen verschaut! Lach nicht! Und dabei hat sie wirklich einiges von einer Dame an sich – zunächst habe ich sie nämlich rundweg für dämlich gehalten …! (Nochmals: Lach nicht!)

Aber sonst ist sie einfach superb! Sie hört auf den Vornamen Petra und nennt sich La Fournier … Doch demnächst mündlich mehr! Apropos: mündlich …

Dein alter Freund Gernot Xaver.“

*

Doch dann wurde sie ihm zur Last.

Nicht bloß lästig, tatsächlich zur Belastung, diese Petra La Fournier/Lötschinger.

Dabei wog nicht der Umstand, dass sie ihn finanziell auszusaugen versuchte, so besonders schwer (denn Prof. Prinz verfügte durch eine recht üppige Erbschaft nach seiner verstorbenen Lieblingstante immer noch über nicht unbeträchtliche finanzielle Mittel), als ihm vielmehr ihre Präsenz überhaupt bald schon total zuwider war.

Ja! Bald genügte für Gregors Unwohlsein allein schon der Umstand, dass es Petra gab. Petra war ihm so was von über! Petra, die bisher in allem, was sie versucht hatte, mehr oder minder kläglich gescheiterte Petra, und ihr armer, weil total gestresster und entsprechend verhaltensauffälliger kleiner unehelicher Sohn, Maurice, dem sie – warum auch immer – zusätzlich noch sieben weitere (zumeist fremdländisch klingende) Vornamen verpasst hatte. Gescheitert.

Auch in der Aufzucht des Knaben, der aus einer längeren Beziehung mit einem (ebenfalls wesentlich älteren) Mann stammte, einem gescheiterten (sic!) Unternehmer übrigens, war sie – gescheitert.

Sogar pädagogisch schien sie also eine Niete zu sein.

Als Egomanin spielte sie freilich alle Stückerln.

Und ihm Bett war sie – zumindest nach eigenem Dafürhalten – ohnehin Spitze!

Da lebte sie also, die über keine besondere Ausbildung verfügende, wenn überhaupt, dann halbgebildete Lola – nein, Pardon: Petra! – mit diesem bedauernswerten, bloß an kuriosen Vornamen überreichen Kind in einer angezahlten Eigentumswohnung des Ex, die der ihr, gleichsam als Ersatz für normale Alimente, zu überlassen bereit war. Außerdem kreuzte sie mit dessen uraltem, schon reichlich derangiertem Auto mal da, mal dort auf und ging diversen Gelegenheitsjobs nach.

Um solcherart effektiv etwas gegen ihre ziemlich erdrückende Schuldenlast tun zu können, reichte es von vorn bis hinten nicht. Und so fand sie sich gelegentlich dann auch in diversen Betten wieder, was indes zumeist auch keine länger-währende Verbesserung ihrer tristen finanziellen Situation und insgesamt ihrer eher beschissenen Lebensaussichten bedeutete.

So war sie, weil sie einen popeligen Regieassistenten kannte, auch als Statistin in einem mittelprächtigen Theaterstück am städtischen Schauspielhaus untergekommen. Und hier hatte sie Dr. Gregor Xaver Prinz, der penible Gymnasialprofessor (wie angedeutet: Deutsch und Geschichte), dann auch gesehen und anschließend, bei der Premierenfeier, kennengelernt.

Zu dieser Feier hatte ihn eine befreundete Familie, das Ärzteehepaar Medizinalrat Dr. Arthur Trichter und Dr. Ingrid Trichter-Kramer, unvorsichtigerweise mitgenommen, obwohl ihm solche Festivitäten im Allgemeinen eher zuwider waren; kannte er doch kaum jemand vom ehemals fahrenden Volk der Bühnen-Heroen und -Heroinen. Aber so hatte es eben begonnen. Denn dann war Lola II, sein persönlicher Blauer Unglücks-Engel, sozusagen, aufgetaucht (freilich nicht das Etablissement, sondern dessen Star); nein – erschienen. Ihm, dem zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig illuminierten AHS-Lehrer. Und auf für ihn unbekanntem Terrain.

Sein Pech.

Nun, anfänglich hatte sich die Geschichte mit dieser Petra (aus Prinzens Blickwinkel betrachtet) gar nicht so übel angelassen. Und wie Gregor seinem Freund aus gemeinsamen Tagen, aus der Gymnasialzeit also, wie erwähnt, brieflich andeutete (und später dann auch persönlich etwas genauer schilderte), ließ die aparte junge Frau die schon ziemlich verdickten Säfte im alternden Hagestolz immerhin wieder einigermaßen rumoren.

Dazu muss, dem leichteren Verständnis dienend, angemerkt werden, dass unseren Prof. Dr. Gregor Xaver Prinz alles andere denn ein leichtes Händchen in den Dingen auszeichnete, die mit Frauen zu tun hatten. Schon von Anfang an waren daher auch seine Beziehungen mehr oder weniger alle zum Scheitern verurteilt gewesen. Ob das ausschließlich an Prinz lag, dem reichlich egoistisch veranlagten gewesenen Einzelkind, oder ob er bisher bloß stets an die falschen Objekte der Lust und Begierde geraten war, bleibe dahingestellt.

Schuldlos an seiner Misere war der auch mit knapp sechzig Jahren und trotz aller diesbezüglichen sexuellen Erfahrungen, die er immerhin hatte machen können, letztlich doch immer noch reichlich naive Prinz mit Sicherheit nicht.

Dass er immerhin noch gewisse Hoffnungen in die Zukunft (und eine mögliche Zweisamkeit) legte, sollte man ihm freilich nicht als absoluten Fehler auslegen. Denn wenn er im Allgemeinen und quasi philosophisch auch einem recht gesunden Pessimismus anhing, so ganz ohne Schimmer freudvoller Alternativen wollte er anscheinend sein Leben halt auch nicht dahindämmern lassen. Der Hagestolz als Verglühstrumpf, sozusagen …

Und da glomm mit einem Mal also ein Flämmchen namens Petra La Fournier mitten in seiner besonders in amourösen Bezirken so dürren Lebenswüste. Eine Oase tat sich da gleichsam auf in Prinzens erotischem Brachland.

Und im Nu hatte sich der alternde Junggeselle die Finger verbrannt an der Falle, die zugleich ihr eigenes verlockendes Stück Speck war. Ein recht appetitliches zudem.

Also beriet sich Prof. Prinz mit einem anderen Freund, auch einem Juristen (wie Louvre-Kenner Stephan [Korbach]), der jedoch als Rechtsanwalt arbeitete, nämlich mit Dr. Richard Nimmsegel; der hatte ihn schon einmal, vor einigen Jahren, in einer Causa recht tauglich beraten. Und Prinz bot – nach eingehender Rücksprache mit dem angeblichen Experten der Jurisprudenz – seiner aparten Untergangsbotin namens Petra Lötschinger/La Fournier folgenden Deal an: Er würde sie künftig ausschließlich dafür bezahlen, dass sie ihn sexuell und überhaupt nicht mehr belästigte!

Ja, Gregor Xaver Prinz kehrte das Lysistrate-Prinzip sozusagen um in sein Gegenteil. Er pervertierte solcherart zwar die ganze Frauen-Emanzipation (vielleicht korrumpierte er sogar den Demokratiegedanken?); und er entzog dem angeblich ältesten Gewerbe der Welt außerdem eine elementare Säule seiner sozialen Berechtigung, indem er auf die übliche sexuelle Leistung a priori ausdrücklich verzichtete. Oder, anders gesagt: Er reduzierte die Kompetenzen einer potenziellen, gewöhnlichen Dirne aufs rein Psychologische, aufs Zuhören (wenn überhaupt). Und von Prinzessin Petra wollte Prinz Gregor nicht einmal diese Gegenleistung.

Nun war Petra allerdings keine gewöhnliche Hure, nicht mal eine Nobelnutte. Freilich war sie auch keine von denen, die gegen entsprechendes Geld einfach brav zuhörten, was bekanntlich gar nicht so selten vorkommt im angesprochenen Metier; also eine, die quasi bloß dem Seelensperma ihrer gestörten Klienten beim Herausrinnen zusieht.

Nein, er arrangierte sich mit ihr dahingehend, dass sie ihn schlicht und ergreifend in Ruhe ließ. In Ruhe. Punkt um.

Und dazu hatte sie den alten Sack nicht mal erpressen müssen mit irgendwas. Doch – was sollte es?!

Petra wusste zwar nicht, wie ihr geschah, aber sie willigte ohne viel zu überlegen ein. (Viel zu überlegen hätte zudem nichts gebracht bei ihrer diesbezüglichen Disposition.)

Vielleicht hätte auch alles funktioniert, entsprechend dieser Abmachung. Er hätte monatlich pünktlich fürs Nicht-Geliebtwerden und Nicht-Ficken bezahlt. Und irgendwann wäre dann sein (verbliebenes) respektables Vermögen an sie vererbt worden. Und auch der – vermutlich auch dann immer noch verhaltensauffällige – Maurice hätte etwas davon gehabt.

Aber Petra Lötschinger war eine gierige Person.

Und: Sie machte die Bekanntschaft eines gewissen Boris.

Nun, dessen Schwanz war, ganz ohne jeden Zweifel, besser in Schuss als sein Hühnerhirn. Aber auf dieses kam es ohnedies nicht an. Doch, was soll es?! Immerhin beendete er (Boris – nicht sein Penis) ohne großen Aufwand und auch recht diskret Gregors Leben.

Dass daraufhin die Sache mit der Erbschaft dennoch ohne jede Schwierigkeit funktionierte, war zwar einem Fehler von Gregors juristischem Freund Richard zu verdanken. Aber, wie schon weiter oben gesagt, was sollte es?!

Dann machten sie, Petra und ihr Boris (ohne den gestörten Maurice, den sie ihrer Mutter, Sophie Lötschinger, überantwortet hatte), sich auf in die Karibik.

Doch sie kamen dort nie an, da ihre Boeing 777 unterwegs abstürzte.

*

Die Zeit leidet unter Gedächtnisbrechdurchfall. (Früher war’s eher der Gedächtnisschwund, der ihr zu schaffen gemacht hat.) Einerseits kommt ihr alles, was schon war, und alles, was noch sein wird, gleichermaßen unvermittelt hoch; anderseits vergisst sie es möglichst rasch wieder, kackt es als grauslichen Dünnschiss ‚raus. Und das quasi gleichzeitig.

Ja, die Zeit scheißt sich ständig die Hosen voll, während sie sich ordentlich auszukotzen versucht.

Im Salon der Olga Walewskaja von Sonnenberg-Luna zu Wien wie am Hof zu Paris (egal ob noch im Louvre oder schon auf Schloss Versailles). Um 1910 wie um 1660. Auch beim Dionysosfest der Lenäen im Winter (oder bei den Großen Dionysien im Frühjahr des Jahres 411 vor Christus, wann genau, ist unklar), wenn die „Lysistrate“ des Aristophenes ihre Uraufführung in Athen erlebt. Oder im primitiven Ambiente anno 2015 in Graz, Altbau, Loft oder angezahlte Sozialwohnung.

Egal, ob laut, zart oder leise und grob, ob grell, pastos oder pastellig hin-laviert, ob expressiv oder impressionistisch, ob saumäßig dick-aufgetragen oder hauchig-transparent: alles in ein- und demselben Moment.

Und verweht sogleich, die Zeit.

Zu Asche geworden.

E N D E

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