Die kleine Tasche

Eine vielleicht lehrreiche Geschichte

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2011

 

Das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln muss nicht unbedingt als gefährlich eingestuft werden. Unter bestimmten Umständen jedoch kann man nachher zur Erkenntnis gelangen, just damals nicht mit Bus oder Straßenbahn gefahren zu sein, wäre besser gewesen.

Jetzt, als ich vor der ermittelnden Polizeibeamtin saß, angestrahlt vom grellen Scheinwerferlicht, war es freilich zu spät für solche Überlegungen.

Wie sich das Alles denn überhaupt abgespielt habe, wollte die Dame wissen. (Ich nenne sie für mich jetzt, im Nachhinein, Profilerin, weil sie ein ausgesprochen hübsches Profil hatte … Zudem sprach sie das Wort abgespielt wie abgespült aus; dies alles trug sich nämlich in Wien zu. Und dieses Abgespült initiierte bei mir die Idee, es handle sich insgesamt um einen Film, der sich nun vor meinem geistigen Erinnerungsauge abspulte.)

Da saß ich also in einem Straßenbahnwagen der Linie Wasweißich und war innerlich ein bisschen stolz auf mich, aus einem eher Bediener-unfreundlichen Automaten die richtige (wie mir schien) Fahrkarte herausgeholt zu haben. Geht ja! Der Wagen war ziemlich voll. Auf meinem Platz merkte ich erst jetzt, da ich saß, eine kleine Tasche, ähnlich einem Toilettenbeutel, nur steifer und viereckig, wenngleich die Ecken rund abgesteppt waren. Leider hatte sich einer der Knöpfe meines Frühjahrsmantels in die schlaufenförmige Verlängerung des Taschenreißverschlusses verheddert, so dass ich jetzt unwillkürlich, doch sozusagen: innigst, mit dem wildfremden Accessoire verbunden war. Wie ich auch zerrte und zog, es half nichts, die kleine braune Tasche mit dem leichten, in Rot und Grün gehaltenen Schottenmuster, war in kürzester Zeit zu einem Teil von mir geworden. Daran ließ sich hier, in der Enge und Unbequemlichkeit des Straßenbahnzuges, kaum etwas ändern. Also beschloss ich, bei der nächsten Station auszusteigen; noch dazu durchfuhren wir ein mir zwar kaum bekanntes, doch parkreiches Gebiet, wo ich alsdann hoffen durfte, mich, auf einer Bank sitzend, in aller Ruhe von meinem unangenehmen Anhängsel befreien zu können.

Ich stieg also aus und wandte mich nach rechts, dem erstbesten Beserlpark zu.

Ein Blick auf die Armbanduhr bestätigte meine Schätzung: Es war frühsommerliche fünf Uhr abends. Die Luft war wienerisch lau. Und ich strebte hoffnungsvoll einer Bank entgegen, um mein Werk der Befreiung in Angriff zu nehmen.

Indes taten sich auch schon unerwartet Hindernisse auf. Die erste Bank war von einem ziemlich eindeutig zur Sache gehenden Liebespaar belegt, und auf Nummer zwei saß ein etwa dreißig Jahre alter Mann, in Reichweite ein behinderter Bub in einem Spezialrollstuhl, vermutlich, wie ich dachte, Vater und Sohn. Einige Meter entfernt, auf einer schmalen Straße, raste ein in schwarzes Leder gekleideter Rocker mit dunklen Sonnenbrillen auf einer schweren Maschine vorbei. Zwei Eichhörnchen sprangen indigniert auf, und eine Saatkrähe stieß – vermutlich eine russische – Verwünschung aus, wobei ihr eine zapfenähnliche Frucht (oder war es eine Nuss?) aus dem Schnabel fiel und tuckernd über den Asphalt des Weges kullerte.

Endlich hatte ich meine Bank entdeckt, gleich neben einem fast mannshohen, ziemlich dichten Gebüsch. Ich setzte mich erschöpft hin und begann erneut an der unseligen Verbindung zwischen Tasche und Mantelknopf zu nesteln, bis ich tatsächlich frei von diesem – für mich – nutzlosen, ja störenden Angebinde war.

Ich hätte jetzt die Tasche einfach auf der Bank liegen lassen können und weggehen. Doch immerhin interessierte mich, nach all dem Aufwand, der unterbrochenen Fahrt, dem mit großer Wahrscheinlichkeit versäumten Treffen, dessentwegen ich überhaupt in Wien war – ich musste gleich einmal mein Mobiltelefon zur Hand nehmen und anrufen und mich entschuldigen! -, was es überhaupt mit diesem Gegenstand auf sich hatte.

Also öffnete ich ihn vorsichtig.

In der kleinen Tasche befand sich eine noch kleinere, in der wiederum ein Knirps, also ein zusammenlegbarer Minischirm, ruhte. Das Design von Schirm und Futteral passte zu dem der Tasche, alles ein wenig schottisch. Ich hatte selbst einen ähnlichen Kleinschirm daheim. Das Dumme an den eigentlich praktischen Geräten ist ja gerade, dass man sie, wenn es regnet, meist daheim und nicht mit hat. (Mein Knirps stammte im Übrigen aus Hamburg, wo man den Schirm allerdings ohnehin die meiste Zeit bei der Hand haben sollte, um gegen das sogenannte Schmuddelwedder einigermaßen gefeit zu sein.)

Dann war da noch ein rotbackiger Apfel und ein Jausenbrot in einem Plastikgeschirr mit hellgrünem Deckel sowie ein Zwerg-Fläschchen, gefüllt mit billigem Wodka.

Äpfel mag ich nicht besonders, und auch dem Brot (vermutlich mit Wurst, Käse oder irgendeinem Aufstrich belegt oder beschmiert) vermochte ich, ohne weiteres zu widerstehen. Beim Fläschchen Wodka zögerte ich erst noch.

Ganz unten, am Boden der Tasche, befand sich ein Brief, den ich, im Allgemeinen ein diskreter Mensch, ungelesen ließ. Adressiert war er an eine Frau Irene Irgendwie.

Das wäre es an sich gewesen.

Ich hätte aufstehen, die Tasche einfach liegen lassen und weggehen können. (Vielleicht wäre sogar mein Gesprächspartner noch am ausgemachten Treffpunkt, einem Kaffeehaus in einem Vorstadtbezirk, gewesen; ich war nämlich gar nicht so besonders über der Zeit.)

Doch ich musste, ja, ich musste!, noch etwas tun. Zwanghaft!

Also nahm ich die Tasche nochmals zur Hand und versuchte, sie – sozusagen auf alle Fälle – zu entsorgen. Dazu wühlte ich im Buschwerk neben der Bank, dabei bestrebt, das möglichst unauffällig zu machen. (Gerade fuhren nämlich der Vater und sein behinderter Sohn mit dem Spezialrollstuhl vorüber, und auch zwei tratschende ältere Frauen kamen des Weges und stierten neiderfüllten Blicks auf meine Bank …)

Und wie ich die Zweige auseinander breitete, um die vermaledeite Tasche hier irgendwo zu deponieren, sah ich sie: die offensichtlich tote halbnackte Frau, die hier am Boden lag, gebrochenen Blicks mich anstarrend.

Im Nu war die Hölle los. Eine Menschentraube, als wenn es etwas umsonst gäbe, und – erstaunlicherweise – auch Polizei.

Wie die DNA der Ermordeten, einer gewissen Irene Irgendwie, an meinen Mantel, wie meine Fingerabdrücke an die Leiche (und natürlich auch an die Tasche) und ich auf die Parkbank gekommen seien, werde ich bei der anschließenden peniblen Untersuchung gefragt. Und meine Antwort, ich wisse nichts, was die Tote beträfe, scheint weder der Frau Profilerin noch sonst jemandem zu genügen. (Die Geschichte von dem Mantelknopf, der sich in der Straßenbahn in der Reißverschluss-Schlaufe des Täschchens verheddert habe, würde allerdings vermutlich auch mich nicht restlos überzeugen …)

Dass ich die Ermordete nicht gekannt hätte, steht natürlich auch bloß als meine Aussage im Raum.

Noch dazu stammt der Brief im Täschchen unseliger Weise von mir.

E N D E

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