Die

Bildungsreise 

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

(ENDFASSUNG: 2015.)

 

 

 

Nec temere nec timide.

Devise der Stadt Danzig/Gdańsk

*

Es gibt Stockflecken der Seele. Feinere

Leute pflegten das vor einiger Zeit

noch „Komplexe“ zu nennen.

Heimito von Doderer, Ein Mord

den jeder begeht

*

„[Wir Kaschuben] missen immer

dableiben und Koppchen hinhalten,

damit die anderen drauftäppen

können […]“

Oma Mazerath in: Günter Grass,

Die Blechtrommel

*

 

 

Vorbemerkung

Am 13. April 2015 ging die Meldung durch die Medien, dass Günter Grass gestorben sei.

Meine fiktive Geschichte „Die Bildungsreise“ wurde vor diesem – medientechnisch übrigens gehörig kommentierten – Ereignis geschrieben, und ihre Handlung spielt überhaupt im Jahr 2007; ein Jahr also nach dem Grass-Outing betreffend seine Rekrutierung und Zugehörigkeit zur Waffen-SS (ab Herbst 1944), die er in seinem autobiographischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ (und in mehreren Interviews) erwähnt hatte.

Ob man in Zukunft in Günter Grass (16. Oktober 1927 – 13. April 2015) den deutschen Großdichter und Nobelpreisträger für Literatur (1999), das prominente Mitglied der Gruppe 47, den effizienten Wahlhelfer der SPD (besonders Willy Brandts), den vielgelobten politischen Mahner und hochgeachteten Schreiber gegen das Vergessen oder den selbstgefälligen Vertuscher eigenen Fehlverhaltens sehen wird, mag die Zukunft zeigen.

Am Tag seines Todes und dessen medialer Veröffentlichung gab es außerdem Berichte über den weiterhin brüchigen Waffenstillstand im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, darüber, dass die Terrormilizen des selbsternannten Islamischen Staates wieder ihr Un-Wesen trieben (das anscheinend ihr Wesen ist), und über Hillary Rodham Clinton, die endlich über Twitter bekannt gegeben hatte, bei den Wahlen im Jahr 2016 um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika antreten und das Amt anstreben zu wollen.

B.S. 2015

 

 

Die Fahrt nach Danzig

Er fühlte sich elend. Wie alle die letzten Tage und Wochen. Ohne entsprechende Portionen von Alkohol, die er in ordentlichen Einheiten, meist in Wodka der Marke Smirnoff gehalten, zu sich nahm und seinem wunden Körper zuführte, ging gar nichts mehr. Sein wunder Körper …, ja, so dachte er von dem. Und: Ganz zu schweigen von der Seele.

Weil er sich so elend fühlte, hatte er beinahe schon seine Teilnahme als Reiseleiter an der geplanten Bildungsfahrt nach Danzig absagen wollen. (Zu matt. Zu schwach. Zu sehr neben der Spur.)

Absagen. Beinahe.

Allerdings reizte ihn diese Exkursion auf den Spuren des deutschen Literaten Günter Grass und dessen Danziger Trilogie dann doch wieder zu sehr. Außerdem hatte er sich noch nie in „Polens deutschen Wurzellanden“ befunden, wie es sein Vorgesetzter, der alte Dr. Fritz Drumbl, gleich unsinnig wie blumig auszudrücken verstand. Und dass die wissenschaftliche Reiseleitung dem ihm weitgehend verhassten Kollegen Dr. Roland Holunder zufiele, just das hatte Dr. Hans Fürnschuss eigentlich auch nicht zulassen wollen. Dann schon lieber leiden. Leiden und saufen. Saufen in Polens deutschen Wurzellanden.

(Holunder würde übrigens drei Jahre später, 2010, und am Rande einer eskalierenden Demonstration über Familienrechtsfragen von einer Horde wildgewordener Kinderwägen in der Nähe eines Einkaufszentrums überrollt werden. Pech. Pech für Leisetreter Holunder. Und Günter Grass? Der stirbt am 13. April 2015 in Lübeck.)

Nein, diesem stets blöde lächelnden Streber, diesem Dr. Roland Holunder, wollte er die Danzig-Fahrt auf keinen Fall überlassen. Besonders jetzt, wo nach dem Erscheinen der Grass’schen Erinnerungen, „Beim Häuten der Zwiebel“, vor einem Jahr, 2006, eine immer noch ziemlich hitzige Debatte über den Nobelpreisträger für Literatur von 1999 und deutschen Gesinnungsdichter im Gang war; und durchwegs Verwirrung herrschte in den sogenannten gebildeten literarischen Kreisen.

Da erwog man unter anderem, was von dem, was Marcel Reich-Ranicki zur Causa so absonderte, zu halten sei; wie sich die übrige Schar der deutschen Großkritiker wohl verhielte; wie die (bei Grass durchaus nicht unberechtigt) am Rande involvierte Politik reagierte.

Also hatte Hans dem (bei aller Freundschaft: schön langsam senil werdenden) Chef der Bildungsvereinigung „Thalia“, besagtem Dr. Drumbl, schließlich doch zugesagt, wieder einmal eine wissenschaftliche Reiseleitung zu übernehmen: nämlich die der Danzig-Fahrt.

Sich auf die Spuren von „Blechtrommel“, „Katz und Maus“ sowie „Hundejahre“ zu begeben – Hans konnte sich weit weniger Interessantes vorstellen; auch wenn Grass nicht sein ausgesprochener Lieblingsautor war. Und das eben nicht erst, seit der Hochgeschätzte und Vielgepriesene, zugegebenermaßen einer der deutschen Nationaldichter nach 1945, eingestanden hatte, in braunen Urzeiten als junger Mann zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein. (Recte: Sich nicht allzu ungern dazu einziehen hatte lassen …)

Mein Gott! War es vielleicht an Hans, über andere, damals noch junge Leute zu richten, die in, zugegeben: politisch schwierigen Zeiten den Weg des geringsten Widerstands eingeschlagen hatten? War es just an Hans – mit seinen zwei, drei Nazi-Onkeln und den dazu gehörenden ehedem tiefbraunen Tanten, die vermutlich dereinst mit glühenden Herzen und vor Aufregung rot-erblühten Wangen sowie freudig erregt beim Bund Deutscher Mädchen mitgetan hatten –, war es an Hans, sich da zum Richter aufzuspielen?!

Gut, sein Vater war in der Tat politisch sauber geblieben; diese Haltung hatte ihm freilich auch nichts eingebracht, nach Kriegsende, 1945 … Und auch die aufrechte österreichische Gesinnung Großvaters, seines Vaters Schwiegervaters also, blieb weitgehend unbelohnt. Während sich, wie man, nicht zu Unrecht in der (übrigens biologisch langsam schrumpfenden) Familie meinte, just die alten Nazis in der Umgebung wieder (wie vor 1938, als sie als Illegale aktiv gewesen waren) die fetten Pfründe unter sich aufteilten. Diese Sicht der Dinge war freilich insofern einseitig, als sich naturgemäß nunmehr auch die wendigen Jüngeren unter den Roten und Schwarzen alsbald groß-koalitionär ans Besetzen der besseren Posten machten. Und irgendwer musste schließlich durch den Rost fallen …

Doch zurücj zu Grass. Dieser hatte, so seine Darstellung der Dinge, als 14-, 15-jähriger Bursche in erster Linie von daheim, aus der Enge der elterlichen vier Wände, weg- und hinausgewollt. Am besten – zur Marine! Ja! Dass er dann, mit 17, tatsächlich zu einer SS-Einheit eingezogen wurde – vermochte das im Nachhinein, viele Jahrzehnte später, seine Integrität zu beschädigen? Stieß ihn das womöglich gar vom Sockel eines der wenigen deutschen Vorzeigeschriftsteller der Gegenwart? Hatte er nicht außerdem alles Diesbezügliche ohnehin schon brav den Amerikanern gebeichtet, gleich, als er damals gefangen genommen worden war?

Und, vor allem: Vermochte seine völlig ineffektive Zugehörigkeit zur Waffen-SS in den letzten Kriegsmonaten, als ohnedies alles schon in Auflösung begriffen war, tatsächlich seine literarische Qualität zu mindern?

Nein. Nein. Grass blieb für Hans weiterhin einer der handverlesen wenigen von den kritischen und authentischen Schilderern der Hitler-Zeit, des sogenannten Dritten Reichs und seiner banalen wie barbarischen Präsenz gerade auch dort, dort im Osten, oben, im deutschsprachigen Polen; im kaschubischen Polen auch; im polnischen Polen sogar; in diesem für Mitteleuropäer (und Hans fühlte sich als Mitteleuropäer) ohnedies kaum durchschaubaren, x-mal geteilten und zerschlagenen Völkerkonglomerat Polen.

Vielleicht mochten sich da am ehesten noch Vertreter seiner, der Fürnschuss-Verwandtschaft zurechtzufinden, die, wenn auch schon knapp vor dem Ersten Weltkrieg, aus Österreichs Osten, genauer: aus der Bukowina, nach Wien und Graz geflüchtet waren … Doch auch von ihnen, den damals aus Czernowitz Aus- und ins bald schon arg kleingewordene Österreich Zugewanderten, lebte klarerweise niemand mehr; und ihre Nachkommen? Die hatten wohl andere Sorgen, als im Grass’schen Sinn ihre familiäre Lebenszwiebel zu häuten …

Doch um noch etwas für ihn Bedeutenderes ging es Hans, nämlich um die Beurteilung des Schriftstellers Günter Grass im germanistischen Sinn. Da neigte er – obschon (oder vielleicht weil) selbst vom Fach – zur Kritik, was diese spitzfindige, das Sprach- und Schreibleben eher bedrohende als befördernde Wissenschaft betraf. Und wie schrieb Grass höchstpersönlich in „Rückblick auf die Blechtrommel – oder Der Autor als fragwürdiger Zeuge. Ein Versuch in eigener Sache“ (2007): „Geradezu Inkompetenz gestehend, kann ich allenfalls Restbestände zuhauf kehren und versuchen, jene konstruktiven Lügen zu vermeiden, die als Stecklinge das Treibhaus Germanistik produktiv machen.“

Es war lange, sogar schon während des Studiums, das Unbehagen am Fach, das den Jung-Germanisten Fürnschuss letztlich den ursprünglich geplanten Weg in den Schuldienst verlassen ließ. Über das eher stumpfsinnige Lektorat in einem (leider ziemlich inferioren) österreichischen Verlag kam er dann schließlich zu seiner Stelle bei der „Thalia“ und somit in die sogenannte Volksbildung. Und unter anderem auch zu den nicht selten recht interessanten Aufgaben als wissenschaftlicher Reiseleiter bei Bildungsausflügen mit mehr oder minder kompetenten Interessierten im Vorrentner- und Pensionisten-Modus.

Ihn hatte bald schon besonders die abweisende Haltung zu stören begonnen, die von den meisten Germanisten der Satire und der humoristischen Literatur gegenüber an den Tag gelegt wurde. Selbst, zugegeben, nur mäßig humorvoll – zynisch, ja; aber humorvoll? Dass ich nicht lache! -, selbst also alles andere als ein Witzbold, haderte Hans alsbald mit seiner Wissenschaft, der Germanistik; nicht zuletzt eben wegen dieser eigenartigen Position den diversen Ausformungen der sogenannten humoristischen, ja, sogar der satirischen Literatur gegenüber.

Da rümpfte die Germanisten-Schar nämlich tatsächlich größten Teils die hochgetragen Nasen, sollte sich auch nur irgendwo eine winzige Pointe am Manuskript-Horizont zeigen. Lieber gab man vor, sich an papieren raschelnden Langweiligkeiten à la Peter Handke zu begeilen.

In seiner Reserviertheit Handke gegenüber stand Dr. Hans Fürnschuss allerdings nicht so ganz allein da. Ein guter alter Bekannter und Studienkollegen, ein gewisser Dr. Hanns Albrecher, bekannte sich sogar zu noch fundamentalerer Ablehnung des gespreizten Autors aus Kärnten. Ja, für Albrecher war der sich gern weltabgekehrt gebende, in der Folge dann so larmoyant-ungeschickte Serbien-Verteidiger – auch wenn man naturgemäß „Die Hornissen“, „Publikumsbeschimpfung“ (1966), „Kaspar“ (1968) oder „Wunschloses Unglück“ (1972) als Literatur von gewissem Rang gelten lassen musste – von lediglich marginaler schriftstellerischer Bedeutung; und stelle, so der Freund, „insgesamt eher ein Ärgernis dar“. Dass ausgerechnet der noch ganz junge Handke den quasi gestandenen – wenn auch schon ein wenig im eigenen Saft überdünsteten – Kollegen von der Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz“ vorgeworfen hatte, wie anno 1966 in Princeton geschehen, verwunderte in der Tat sowohl Freund Albrecher als auch Fürnschuss selbst einigermaßen. (Nur, dass Handke in einem Aufwaschen die Kritiker der Unfähigkeit zieh, mochte dagegen immerhin einiges für sich haben …)

Nein, kein Peter Handke. Freiwillig.

Jetzt, im Juni 2007, sollte Fürnschuss also wieder als literarischer Reiseonkel möglichst gute Figur machen; kompetent, eloquent und – tolerant. Letzteres in Hinblick auf die ziemlich unterschiedlichen Voraussetzungen, die von den reiselustigen „Thalia“-Mitgliedern (und -Freunden) mitgebracht wurden; auf die Schwankungen im Niveau und betreffend den jeweiligen Wissensstand. Es galt nun einmal, den guten Ruf der immerhin quasi offiziösen Kulturinstitution auch auf dieser Fahrt mit ein paar halb-vertrockneten Oldies nach Danzig zu bestätigen. Wohl präpariert durch Lektüre und Internet im vollklimatisierten Luxusbus und im 5-Sterne-Bequemlichkeitsmodus. Mit zwei gewiegten Chauffeuren und diversen (alkoholischen) Annehmlichkeiten. Auf den Spuren des Blechtrommlers Günter Grass.

Circa vierzig zumindest mittelmäßig Gebildete auf engstem Raum. O ja, das war immer wieder eine Herausforderung! (Und allein die lange An- wie Heimreise barg einige gruppendynamische Klippen. Doch es gab auch da Etappenziele, Restaurationen, Hotels. Und Alkohol.)

Hans erinnerte sich noch gut an die erste dieser Reisen, irgendwann in den späten 1970er Jahren. Es war gen Holland gegangen, und das eigentliche Ziel waren die ganz wichtigen und die weniger wichtigen niederländischen Maler gewesen, zeitlich vom 15. Jahrhundert aufwärts. Und er, damals Anfang Dreißig, war, als Philologe, zugegeben: auch nur angelernter Weise kunsthistorisch bewandert.

Seither leitete er beinahe nur mehr und fast ausschließlich literarische Fahrten.

Zu enervierend war es ihm erschienen, sich vor irgendwelchen Hobby-Kunstgeschichtlerinnen, die in Wahrheit vielleicht begabte Strudelbäckerinnen oder Suppenköchinnen waren, und einer Handvoll halbseniler ehemaliger Amtsvorsteher, Finanzreferenten und Volksschul-Direktoren mit dummen Fragen zum Delfter Jan Vermeer, zu den so exzellenten, zeitlich früher angesiedelten Brüdern Jan und Hubert van Eyck und dem wesentlich späteren genialen Peter Paul Rubens löchern zu lassen in Hinsicht auf Maltechnik, Bildinhalte und historisches Umfeld. Es stand zudem ja ohnedies alles Wissenswerte in den Katalogen; freilich nur für die, denen die Gabe des Lesens (und des Verstehens von geschriebenen Worten) gegeben war …

Da erfüllten die Fahrten auf den Spuren bedeutender Literaten schon eher die Wünsche des Herrn Dr. Fürnschuss. Etwa: Johann Wolfgang von Goethe – Zwischen Frankfurt und Weimar. Oder: Auf der Fährte Franz Kafkas nach Prag. Oder: Die Schweiz, von Friedrich Dürrenmatt bis Urs Widmer. Und besonders, wenn es um die Hochburgen der deutschen Romantik ging, war er in seinem Element. Heinrich Heine – von Düsseldorf bis Paris; Wilhelm Hauffs Stuttgart – von Jud Süß bis zum Kleinen Muck; oder Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns Erzählwelten, einschließlich einer ausgiebigen Einkehr im berühmten Berliner Weinkeller von Lutter und Wegner. Eichendorff; Tieck; Novalis …

Doch,wie angedeutet, auch in der Gegenwartsliteratur fühlte sich der gleich belesene wie eloquente Reiseleiter durchaus zuhause. Und hier führte für ihn nun einmal kein Weg an Günter Grass vorbei, dem in so vielerlei Hinsicht missverstandenen Dichter, Künstler und politischen Menschen.

Er mochte Grass, ohne ihn zu verehren.

Hans verehrte überhaupt kaum jemanden. Vielleicht besonders exzellenten Wodka, trefflich pointierte Bemerkungen und sehr schöne Frauen; aber meist auch nur kurz. (Wobei der Wodka fast immer ein Freudenspender war, pointierte Bemerkungen, die Leute aus seiner Umgebung von sich gaben, langsam zur Rarität wurden; und es mit den sehr schönen Frauen überhaupt bald seine Besonderheit hatte … Entweder wurde Fürnschuss mit zunehmendem Alter immer kritischer, oder es ließen die Damen tatsächlich nach?!)

Doch retour zu Hans und seinem literarischen Gutso (oder seinen diesbezüglichen Abneigungen). Dr. Fürnschuss konnte beispielsweise auch dem sprach-quirligen Satiriker und kritischen – wenn leider auch nicht selbstkritischen – Philosophen Eckhard Henscheid, der ihm nicht selten auf die Nerven ging, bei dessen Grass-Be- oder Ver-Urteilung nicht zustimmen; der laut Henscheid „altbackenste, penibelste, moralinhaltigste, vereinsmeierlichste, autoritätsfixierteste und ängstlichst hierarchiebedachteste Schriftsteller der zweiten Jahrhunderthälfte“ sollte doch um Himmels Willen nicht „als barock und berserkerhaft, als üppig und revoluzzig, als anarchisch und häretisch, in summa: als humoristisch fehlkatalogisiert“ werden. („Humor. Ein ewiges Trauerspiel“. In: „Kulturgeschichte der Missverständnisse“, Stuttgart 1997.) Herr Henscheid, was sollte denn dieser Unsinn?!

Nein. Nein. Da hielt er, Fürnschuss, es schon eher mit Hans Magnus Enzensberger. Dieser der spitzen Feder ebenfalls durchaus mächtige Autor prophezeite schon im Entstehungsjahr der „Blechtrommel“, 1959, dem Werk „Schreie der Freude und der Empörung“ von Seite der Kritik her. Für Enzensberger war der Erfinder dieses obskur-anarchistischen Blechtrommlers und Wachstumsverweigerers Oskar Mazarath „ein Realist“. Er, Enzensberger, kenne „keine epische Darstellung des Hitlerregimes, die sich an Prägnanz und Triftigkeit mit der vergleichen ließe, welche Grass, gleichsam nebenbei und ohne das mindeste antifaschistische Aufheben zu machen, in der Blechtrommel liefert.“ Und: „Grass ist kein Moralist. Fast unparteiisch schlitzt er die ,welthistorischen‘ Jahre zwischen 1933 und 1945 auf und zeigt ihr Unterfutter in seiner ganzen Schäbigkeit.“ (Hans Magnus Enzensberger: „Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt“. In: „Die Blechtrommel“, 20. Aufl. München 2013.)

Gut. Fürnschuss mochte Grass. Und Fürnschuss, der noch nie in Danzig/Gdańsk gewesen war, freute sich – nicht zuletzt als Historiker (Geschichte war immerhin sein zweites Fach gewesen) – auf diese so prominente Kommune: die so lange Zeit deutsche, nun freilich schon seit Jahrzehnten polnische Hafenstadt; als solche mal prosperierender, dann wieder weniger blühend. Hans war neugierig auf die schmucke, westlich der Weichselmündung gelegene Metropole der Woiwodschaft Pommern.

Gegründet im Jahr 997 nach Christus, unterstand Danzig eine Zeit lang dem Deutschen Orden, war seit 1361 Hansestadt und kam im Zuge der Zweiten Polnischen Teilung unter die Herrschaft des Königreichs Preußen. Danzig gerierte sich dann von 1803 bis 1813 als Napoleonische Freie Stadtrepublik, bevor das Gemeinwesen 1815 erneut an Preußen fiel, wo es bis nach dem Ersten Weltkrieg blieb. Nach der Trennung vom Deutschen Reich im Vertrag von Versailles (1919) galt Danzig von 1920 bis 1939 als Freie Stadt, dann, von 1939 bis 1945, fungierte es als Regierungssitz des Nazi-Reichsgaues Danzig-Westpreußen.

Dann, im Jahr 1980, blickte die Welt auf Lech Wałęsa und seine unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarność: Der spätere Träger des Friedensnobelpreises (1983) und Staatspräsident (ab 1990) erwirkte die Legalisierung der Werftarbeiter-Vereinigung, die maßgeblichen Anteil am Sturz des kommunistischen Systems und am Umbau Polens zur Demokratie hatte.

Die Devise Danzigs, auf einer Schleife unter dem Stadtwappen, den beiden goldenen Löwen, rechts und links vom roten gotischen Schild mit der offenen goldenen Krone und den zwei gleicharmigen silbernen Kreuzen: Nec temere nec timide.

Hat doch was, oder?!

 

Ein verhangener Morgen

Düster war der frühe Tag gewesen, und auch jetzt, um 6:30 Uhr, am Busbahnhof, dem Treffpunkt der „Thalia“-Literaturfahrt nach Danzig, sah es längst nicht nach frühsommerlichem Juni-Morgen, sondern eher oktober- oder gar novembermäßig aus. Nebelig. Kalt. Dunkel.

Das alles wirkte nicht so recht nach Aufbruch zu einer interessanten Bildungsreise.

Nein. Mitnichten.

Und doch: Man würde erst im Bus eines Partnerunternehmens nach Wien fahren und von dort dann per Flugzeug nach Warschau gebracht werden; von da ginge es dann via Inheimischen-Bus nach Danzig und Umgebung.

Umständlich? Nun ja .

Doch welche Reise wirkt nicht umständlich, wenn ihr morgendlicher Beginn schon nebelig und kühl ausfällt; und dunkel?

Hans kamen (woher wohl?) die Verse aus Joseph Viktor von Scheffels Sang vom Oberrhein, betitelt „Der Trompeter von Säkkingen“ (so lautete die Schreibweise in seinem alten, ererbten roten Büchlein mit Goldschnitt [Verlag Adolf Bonz & Comp., 195. Auflage. Stuttgart 1891]), in den Sinn: „Die Wolken flieh’n, der Wind saust durch die Blätter, / Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld, / Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter, / Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.“ Warum gerade diese Gedichtzeilen? Warum der „Trompeter“? Warum Scheffel, der wackere Butzenscheibenpoet und Romantiker-Epigone? Hans vermochte sich keinen Reim darauf zu machen … (Doch hing das alles vermutlich gar nicht so sehr mit den tatsächlichen meteorologischen Gegebenheiten zusammen als vielmehr mit seiner eigenen bewölkten Disposition.)

Vor einem knappen Monat hatte der Lungenfacharzt Dr. Ambrosius Schleichenzauber, den zu konsultieren ihm sein alter Freund und Hausarzt, Dr. Hubert Reuss, Monate zuvor schon dringend empfohlen hatte, sein Urteil gefällt: Lungenkrebs. Nach den komplizierten und zum Teil alles andere als angenehmen Untersuchungen sowie anhand der ausführlichen Laborberichte war festgestanden, dass, wenn überhaupt etwas, dann eine Chemotherapie, so rasch wie nur möglich eingeleitet, vielleicht noch eine Besserung seines Zustands bringen würde können. Wie gesagt: Wenn überhaupt etwas. Noch.

Es war nun einmal in der Tat – eine bösartige Sache.

Die machte zunächst einmal aus dem Kettenraucher Fürnschuss einen bösartigen Kettenraucher Fürnschuss. Der Zyniker in ihm blieb ohnedies ein solcher. Sein Schnaps-Konsum stieg zudem gewaltig. (Was Hans freilich weiterhin nach außen geschickt zu verbergen wusste.)

Noch etwas: Sein Entschluss stand auch gleich fest: Er würde sich, wenn es schon sein sollte, selbst hinüber-expedieren. (Wohin das auch immer sein mochte.)

Jetzt, mit knapp sechzig – war das nicht ohnedies passend?!

Nur: Zuvor, die Grass-Reise nach Danzig, die hatte er dann doch übernommen. Allein schon, weil er sie dem Kollegen Holunder missgönnte, diesem Arschloch. Sehr einfach. (Der würde ohnehin sein Nachfolger werden, in Kürze; und vermutlich bald auch der des alten Direktor Drumbl. Doch das ginge ihn, Fürnschuss, dann längst nicht einmal mehr einen feuchten Dreck an und konnte ihm folglich schon so was von scheißegal sein!)

Dann dieser erstaunliche Traum, unlängst, dieser äußerst skurrile. Von Kriemhild hatte ihm geträumt und vom zahmen Falken, von dem wiederum just Kriemhild geträumt hat (wie sie ihrer Mutter Ute verstört erzählt); und dass zwei wilde Adler vom wilden Himmel ganz wild herabgestoßen seien; dass sie Kriemhildens Spielkameraden und Partner, besagten edlen Falken, gekillt hätten (mir nichts, dir nichts); und dass dabei nur so die Federn gestoben wären und das Blut gespritzt hätte … Und von den übrigen Nibelungen hatte ihm geträumt: vom schwach-wankelmütigen Gunther und vom gemein-hinterhältigen Hagen von Tronje, von der unberechenbaren isländischen Starkfrau Brünhild, vom ach so blond-heldenmütigen Siegfried und vom listigen Zwerg Alberich et cetera; kurz: von der Nibelungen Schatz, nôt und Tod und Untergang …

Kunststück, hatte er doch zuvor in Heinrich Steinfests witzig-gescheiter Prosa „Der Nibelungen Untergang“ (mit Robert de Rijns exquisitem Storyboard!) geblättert. Und seine irgendwann ererbte alte Ausgabe des „Nibelungenliedes“ von Brockhaus, 1886, hatte er außerdem, quasi parallel dazu, durchgeschaut, besser: ein paar Stellen des mittelhochdeutschen Textes nachgeschlagen und die Einleitung gelesen. (Karl Bartsch [Hg.], „Das Nibelungenlied“. Leipzig 1886; Heinrich Steinfest/Robert de Rijn, „Der Nibelungen Untergang“. Stuttgart 2014.)

Träume, Träume …

Eine notwendige Erläuterung: Ich weiß, die Haupthandlung dieser Geschichte spielt im Jahr 2007; und Steinfests „Nibelungen“-Buch ist erst im Jahr 2014 erschienen. Also, wie soll der krebskranke Dr. Hans Fürnschuss sieben Jahre vor Erscheinen das Buch gelesen haben?

Ich gebe es zu, da liegt wohl ein gröberer Anachronismus vor …

Aber so spielt das Leben. Eben.

Der Autor

 

In seinem – also nicht in Kriemhildens Traum, der dem Ganzen (als Innentraum gleichsam) eingeschrieben war – verwandelten sich (nach einigen Traumschleifen, vielleicht in der vierten oder fünften) dann allerdings die blutrünstigen gemeinen Adler in gerupfte Brathendln vom Grill; und Gunther gab sich dem Suff scheußlichen, süß-pickigen Mets hin, während der düstere Hagen ordinäre Witze erzählte. Was den auch schon einigermaßen illuminierten Siegfried dazu veranlasste, den hinterhältigen Einäugigen keck zu fragen, ob der Herr Graf nicht ein Tänzchen wagen wolle … Kurz und gut: Es entspann sich binnen traumhaft kurzer Zeit eine handfeste Wirtshausrauferei (ohne Wirtshaus, weil sich das alles doch im Freien abspielte). Bis dann der Zahlkellner, ein gewisser Prof. Dr. Sigmund Freund, erschien und streng, aber ganz im Hans-Moser-Tonfall, erklärte: „Sperrstund‘ is‘!“

Träume, Träume …

Hans Fürnschuss hatte inzwischen den Bus erreicht, begrüßte die beiden Chauffeure – Burghardt Wetzelberger und Michael Roschitz. Die wechselten sich bei längeren Fahrten immer ab, waren jedoch allem Anschein nach aus sonst unzertrennlich und deshalb auch beide für die verhälnismäßig kurze Fahrt zum Flughafen Wien-Schwechat ausgerückt. Castor und Pollux, dachte Dr. Fürnschuss und musste lächeln. (Oder waren die beiden schwul? Auch egal.)

Roschitz hatte sich eben noch eine Zigarette angesteckt und verstaute nun mit Wetzelbergers Hilfe den kleinen hellbraunen Lederkoffer des Reiseleiters im dunklen, ein bisschen geheimnisvoll wirkenden Rumpf des wuchtigen Gefährts (es hätte Siegfrieds Drache sein können, ausgestopft oder entsprechend präpariert vielleicht; oder der Wal des biblischen Jonas …). Dann steckte sich auch Hans noch eine Zigarette an.

Vor dem Luxusschlitten (airconditioned, mehrere Sterne, Luxusklosett und mit überreicher Bar am Bord!) standen bereits die durchwegs weißhaarigen Bildungsbeflissenen in Grüppchen bei einander; ein paar Übereifrige hatten sich sogar schon – sicherheitshalber – in den Wagen begeben. Seinen Aufzeichnungen folgend, die er in einer Mappe bei sich trug, kannte er einige der Danzig-Adepten sogar von früheren Fahrten her: so die ewig schnatternde Dr. Mathilde Silbenzeder, eine pensionierte ziemlich dünne Bibliothekarin, mit ihrer ebenfalls mageren Freundin Henriette Muffel (oder Maulfeil?, wie auch immer); den emeritierten Maschinenbau-Ordinarius Univ.-Prof. DI Dr. Siegfried Martens („Sag doch Siggi zu mir!“) und Ehefrau Gerda; das doppelte Ehepaar Jürgens – doppelt, weil jeder von den beiden in Wahrheit mit wem anderen verheiratet war und man sie eigentlich besser als die doppelte Affäre Jürgens bezeichnen hätte sollen (Jürgens war ein Deckname); dann die beiden alten Fräulein Ernestine und Georgine Ebenreuth-Hasy, ihrerseits höchst-interessierte Zwillingsschwestern; und auch der betagte Ingenieur Robert Wrumst mit seiner asthmatischen Gattin Sybille.

Angesichts der wandelnden Skelette und hinfälligen Figuren dachte Hans zwischendurch immer wieder, dass es jedes Mal ein Glück sei, wenn es keinen Hugo an Bord gäbe; so drückten sich die Touristiker gern aus, ging es sich um die Umschreibung mobiler Todesfälle …

Ja, das musste sie sein. Irene. Donnerwetter: Gut konserviert hatte sie sich! Das sollte ihr der Neid lassen! Und ihr zur Seite, klar doch: Benno. Benno Klopp. Dieser Schnösel.

Hans sah rasch noch einmal in seinen Reiseaufzeichnungen nach. Aha, AHS-Direktor in Gleisdorf, Hofrat, Oberstudienrat, Magister und Doktor phil. Hatte nichts ausgelassen, der alte Sack. Und jetzt? Jetzt ging es wohl auch bald in die Pensionsgerade, wie? Und da machte man einen kleinen Ausflug auf den Spuren des ehemaligen Bürgerschrecks und angeblichen Linkslinken, des deutschen Großromanciers und Träger des Nobelpreises für Literatur Günter Grass? Oder hatte sich Irene diesen Bildungsausflug gewünscht? Die musste jetzt doch auch bald einmal ihren Sechziger feiern?!

„Ja, schau einmal! Hans!“ Und die gepflegte, bestens, nämlich weitgehend unauffällig aber teuer, gekleidete (und bloß ein klein-wenig überschminkte) Frau schlang auch schon ihre Goldketten-bewährten Arme um seinen Hals. „Wie lang ist das her – dass wir einander nicht mehr gesehen haben? Jahrzehnte!“

„Jahrhunderte sind es zumindest nicht“, schaltete sich der graumelierte Benno jovial baritonierend ein. „Altes Haus! Hans! Wie geht es immer?!“ Die beiden Männer schüttelten einander die Hände und versuchten, sich im Grinsen zu übertreffen.

„Ich darf nicht klagen. Und selber, Herr Hofrat?“ Hans maß den ehemaligen Kontrahenten streng, doch lächelnd durch seine goldgeränderten Brillen.

„Das ist doch ein schöner Zufall, dass ausgerechnet du unser Reiseleiter bist!“, flötete Irene aus ihrem etwas zu grellrot bemaltem Mund heraus und enthob ihren Gatten fürs Erste der Beantwortung der Frage nach seinem Befinden. (Es war natürlich kein Zufall.)

„Unser wissenschaftlicher Reiseleiter, Schatz“, verbesserte Benno seine Frau. Und Hans wusste nicht recht, ob das tatsächlich Ironie war, was er da aus der Redeweise des anderen herauszuhören glaubte, oder ob es sich bloß um den Ausdruck dummer Pedanterie handelte. Nun, ja.

Nun, ja: So pingelig war Benno nämlich immer schon gewesen. Oder besser: Früh schon hatte sich dieser penetrante Drang zum Peniblen bei ihm gezeigt (ähnlich, so musste Hans Fürnschuss jetzt plötzlich denken, ähnlich wie bei Dr. Roland Holunder, dem allzu strebsamen Kollegen mit dem halbschattigen Dauergrinser); und das, obwohl Benno Klopp weder besonders ordentlich noch außergewöhnlich fleißig oder strebsam gewesen wäre. Auch mit seiner Bildung und mit der Intelligenz war es, nach Fürnschuss‘ strenger Meinung, nicht allzu weit her. Nein, vielmehr verstand der andere es, den Eindruck des Ordentlichen, Fleißigen und Strebsamen zu erwecken; auch wenn er in Wahrheit ganz gern dritte für sich arbeiten ließ …

Und das mit der Intelligenz? Hans glaubte, dem anderen – zumindest nach dem, was er da noch so bruchstückhaft in Erinnerung hatte aus ihrer gemeinsamer Studienzeit – auch nicht allzu viel zumuten zu sollen. Nein, eine Leuchte war dieser Benno Klopp wohl eher nicht gewesen. Dann schon eher pingelig; zwischendurch, wenn es galt, schnell aufzuholen, was man zuvor versäumt hatte et cetera.

Ja, in manchen Dingen (und wenn es weiters eigentlich um gar nichts Besonderes ging) konnte Benno diesbezüglich nachgerade enervierend sein. Etwa beim Spielen. Und sie spielten damals, in den Uni-Zeiten, viel; in Gasthäusern und so, privat: Karten – meist Schnapsen, auch Preference – oder Scrabble. Beim Scrabble verbat sich Benno zum Beispiel durchwegs etwas gewagtere, phantasievolle Wörter; über ein von Hans freudestrahlend platziertes Kugelbart, dass Spaßverderber Benno auf das Energischste monierte und nicht zulassen wollte, waren sie einmal beinahe ernstlich in Streit geraten. (Wie hatte sich eigentlich Irene damals entschieden? Mit wem hatte sie gehalten in der Kugelbart-Frage? Hans wusste es nicht mehr …)

„Ich fürchte, wir müssen unseren Tratsch auf später verschieben …“, mahnte Fürnschuss die beiden (nach einem prüfenden Blick auf seine Uhr) zum Einsteigen. „Also, erstmals gute Fahrt und viel Vergnügen!“

Den Bus erklimmend, ertönte von Hofrat Klopp her ein für Hans einerseits zwar altbekanntes, doch anderseits fremd und wie aus irgendwelchen dunklen Kellerverliesen des Gedächtnisses stammendes Andiamo!

Hans Fürnschuss warf den Stummel seiner Zigarette leicht ärgerlich zu Boden, trat darauf und stieg nach dem Ehepaar Klopp als letzter in das wuchtige, doch durchaus elegante Fahrzeug. Ein Drachen-Schiff, das; eines mit Rädern eben. Immerhin hätte man durchaus sagen können, dass er etwas von einem Kapitän an sich hatte, der Herr wissenschaftliche Reiseleiter Dr. Hans Fürnschuss. Ja, doch. Durchaus.

Dann rollte der eine der beiden Fahrer, nämlich Burghardt Wetzelberger, auch schon, den Motor des Mercedes-Busses gekonnt auf Touren schraubend, mit seiner bildungsscheckigen Fracht los in Richtung Nord-Osten. Grass. Wien. Danzig.

 

Hingedämmerte Literaturgeschichte

Jetzt fuhr Hans Fürnschuss gut und gern schon an die drei Jahrzehnte immer wieder in einem der vom Institut „Thalia“ gecharterten Busse durch die Lande; oder führte seine Schäfchen per Eisenbahn an ihre Bildungsziele; mitunter, wie diesmal, sogar mittels Flugzeug und Bus. Immer aber betrieb er mit ihnen – Bildung. Seinen angewandten Bildungskindergarten nannte er diese Exkursionen bei sich gern. Und nicht selten gestalteten sich die Missionen unter Umständen und zwischendurch wohl auch durchaus schwierig. Doch überwog letztlich meist das Positive. So verhielt es sich im Übrigen auch bei seinen sonstigen Tätigkeiten im Rahmen der Kulturvereinigung, deren Angestellter er war. Immerhin hatte man einen Auftrag. Und einen Ruf. Und ging (im Allgemeinen) ja auch mit Ambition an die Aufgaben heran; und das angesichts einer schier galoppierenden Bildungsschwindsucht, wie er den allgemeinen Zustand in Fragen der Kunst, der Kultur und der angewandten Intelligenz allenthalben gerne nannte. (Darüber konnte Direktor Dr. Fritz Drumbl immer noch herzlich lachen beim einen oder anderen Glas Wein zu viel; und sogar die Kollegen applaudierten Dr. Hans Fürnschuss, sonderte er eine seiner meist treffenden Äußerungen ab, besonders der so fürchterlich strebsame Dr. Roland Holunder; aber auch die schon ziemlich verwelkend wirkende Sekretärin, Frau Genoveva Blaas, stimmte meist in den Chor der ob seines in der Tat witzig klingenden Pessimismus Begeisterten mit ein. Freilich, was anderes als Pessimismus blieb einem denkenden Wesen in dieser Situation?)

Die – zu allem Überfluss und aus biologischen Gründen auch noch zusehends schrumpfende – Klientel war, und daran ließ sich nichts beschönigen, ja tatsächlich – auch was die Bildung betraf, auf ein erschreckendes Niveau herabgesunken. Da tummelten sich, deutlich mehr als noch vor zwanzig, dreißig Jahren, nur so die Kretins und Nebochanten; da gab es, bei (wie gesagt) an sich schon rückläufigen Mitgliederzahlen, kaum mehr wirklich Wissende oder wenigstens Wissenshungrige. Und dass die – nennen wir sie: Interessierten – ein überalterter Haufen und ohne Aussicht auf rechten Nachwuchs waren, ließ sich auch nicht leugnen.

Nein. Das geistige Mittelmaß regierte auch schon die Bildungsinstituionen wie diese „Thalia“. Und die meisten der Besucherinnen und Besucher von Vorträgen, Ausstellungen und sogar von speziellen Themenabenden wussten vermutlich auch gar nicht, dass diese Thalia im alten Griechenland noch als eine der neun Musen gegolten hatte; wie Erato, Euterpe, Kalliope, Klio, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore und Urania

Doch: Ähnlich wie in der Wirtschaft, wo (ein paar Jahre später) beispielsweise gut ein Viertel der Banken den von der EU angeordneten Stresstest nicht schafften, verhielt es sich auch auf dem Sektor Bildung. Da glich mancher sogenannte Gesundheitscheck auch eher einer vorverlegten Leichenbeschau. Ja, es lag im Argen mit Bildung, Kultur und Kunstverständnis.

Zwar sollte man zum Beispiel bei Menschen, die immerhin freiwillig an solchen (nebenbei: gar nicht so billigen) Bildungsreisen teilnahmen, ein gewisses Interesse voraussetzen können; doch von welchem Niveau aus sich die Herrschaften dann dem jeweiligen kulturellen Angebot näherten, erwies sich immer wieder und aufs Neu als erstaunlich vielfältig. Beschämend. Erschütternd geradezu. Nein, allzu hohe Erwartungen durfte der wissenschaftliche Reiseleiter in sein pädagogisches Unterfangen a priori ohnedies nicht hineinlegen. Sonst konnte er selbst sich zuletzt in der Rolle des Hineingelegten wiederfinden …

Die Klientel war denn auch zu bunt. Da tummelten sich ambitionierte Hausfrauen, beteiligten sich mit Vorliebe pensionierte Lehrer und Schuldirektoren an den Exkursionen und interessierten sich gesetzte Ärzte, höhere Beamte und gewesene Notare für spezielle Angebote künstlerischer, musikalischer oder literarischer Art; aber auch die eine Studentin und der andere Student – insgesamt, zugegeben, nur wenige – drängten in diesen Pool der angeblich Bildungswilligen nach. Manche davon wohl auch, weil ihnen selbst der Job als Reiseleiter mit Bildungspfiff vorschwebte, unter Umständen; und wenn alle anderen Stricke reißen sollten … Und da wollte man eben einmal hautnah erleben, wie das denn so vor sich gehe. (Besser als ein saublödes Praktikum nach dem anderen, wie es Jungakademikern in aller Regel angeboten wurde, oder irgendeine prekäre Anstellung würde das doch allemal sein, oder?!)

Nun, die Arbeit als verantwortlicher wissenschaftlicher Reiseleiter war, zugegeben, grosso modo auch nicht allzu anstrengend. Und die Attraktionen, Inhalt und Ziel der Fahrten, die gab es ohnedies, die waren längst schon da: alte schöne Städte mit interessanten Wehranlagen und gepflegten Parks, renovierten Schlössern und herausgeputzten Opernhäusern; gute Hotels und Restaurants. Für die hatte zudem nicht der Herr Reiseleiter zu sorgen; das erledigten Agenturen. Also, was sollte da noch Unangenehmes passieren?

O ja, es passierte. Beinahe jedes Mal hatte man zumindest mit einem schwierigen Fall zu rechnen. Doch, ja, es gab sie, die Kalamitäten; wie das Amen im Gebet.

Freilich, ein lästiger Idiot, eine dumme Pute auf dreißig bis vierzig grosso modo pflegeleichte Teilnehmer – mit dieser Statistik konnte man als ambulanter Pädagoge und mobiler Praktiker der Volksbildung immerhin leben. Zudem war Hans längst schon eine entsprechend harte Haut zuwachsen; auch wenn er nicht unbedingt in germanischem Drachenblut gebadet hatte.

Die literarisch bestimmten Bildungsreisen waren Dr. Hans Fürnschuss mit Abstand die liebsten. Denn die Musikfahrten, deren wissenschaftliche Begleitung er gern dem eifrigen, ja, zugegeben: schon penetrant streberischen Kollegen Dr. Roland Holunder überließ, waren ihm zu stressig. Da verstrickten die Teilnehmer den Reiseleiter nicht selten in hoch-emotionale Streitigkeiten über Gesangsglanz, Klangzauber und die Kultur (oder Nicht-Kultur) der Interpretationen, und es wurden blödsinnige Rankings der besten Stimmen und trefflichsten (oder missglücktesten) Inszenierungen etwa von Wagner- oder Verdi-Opern erstellt. Zudem musste auf der Hin-und Rückreise entsprechendes Musikmaterial per Bord-Stereoanlage ausgewrungen werden, als handle es sich um musik-theatrale Schmutzwäsche … (Für Hans, der Musik nur ausgewählter Weise und in entsprechend kleinen Dosen zu sich zu nehmen gewohnt war, glich das dann schon eher einer Gehirnwäsche.) Nein. Nein. Da hieß es für den verantwortlichen Reiseheini in erster Linie – Ruhe bewahren, diplomatisch sein und sich, wenn es darauf ankam, auch mal für einen Dummkopf halten zu lassen.    

Die Fahrten und Flüge an die Stätten wichtiger Namen und Ereignisse auf dem Gebiet der bildenden Kunst sowie zu hervorragenden Museen und außergewöhnlichen Kunsttempeln hatten allerdings auch ihre Tücken, wovon anfangs schon kurz die Rede war. Auch hier gab Fürnschuss den Zeigestab gern an den jüngeren Kollegen ab; oder er überredete den lange gedienten Chef und quasi väterlichen Freund, Dr. Fritz Drumbl, doch selbst der einen oder anderen Reise seinen höchst-eigenen Stempel aufdrücken zu wollen. (Der weißbärtige „Thalia“-Boss Drumbl hatte vor Urzeiten Kunstgeschichte studiert, war längst freilich zum Quartalssäufer geworden und ansonsten ziemlich eitel. Er ließ sich zudem gern überreden. Und er reiste immer noch gern. Vermutlich nicht zuletzt seiner als ziemlich griesgrämig und zänkisch verschrieenen Gattin Elfriede wegen, deren jedoch kaum jemand in der „Thalia“ je ansichtig geworden war; auch Hans konnte sich nicht erinnern.)

Doch, wie gesagt, die Literatur war das Metier von Dr. Hans Fürnschuss; und das nicht nur, weil er dereinst das Studium der Germanistik betrieben hatte, sondern – obwohl. Fürnschuss stand dieser – in der Tat fragwürdigen – Wissenschaft nämlich mehr als bloß skeptisch gegenüber. (Nicht zuletzt deshalb fühlte er sich auch Günter Grass so verbunden, dessen Anmerkung zu den diesbezüglich Forschenden wir anfangs schon zitiert haben.)

Hans war als Leser allerdings (auf seine Weise) recht selektiv. So mied er in aller Regel dickleibige Romane, weil seiner Erfahrung nach die meisten Autoren im Allgemeinen nicht so viel zu sagen hatten, um damit tatsächlich Wälzer zu füllen. Außerdem musste der heutige (besonders der urbane) Mensch, der also nicht einschichtig gelegen lebte, fernab jeglicher Zivilisation, sicherlich keine erbärmlich verschneiten, sonnenlos düsteren und an Tageslicht armen Wintermonate überbrücken; wobei sich zweifelsfrei extrem dicke Druckwerke immer wieder bewähren mochten.

Wenn man jedoch wie er kaum jemals zur Immobilität verurteilt und in irgendwelchen vom Schnee verwehten und für Monate vielleicht von der Außenwelt abgeschnittenen Almhütten zuzubringen hatte, schienen dickleibige Folianten fragwürdigen Inhalts durchaus obsolet … Denn ausschließlich in der oben erwähnten ländlichen Einschicht wäre ohne Frage auch der Griff zum langweiligsten Schmöker noch eine Hilfe gewesen, knapp vorm Überschnappen …

Nein, Hans hielt es da eher mit dem US-amerikanischen Nobelpreisträger für Literatur russischer Abstammung, mit dem originellen Joseph Brodsky. Der wusste schon, warum er meist Lyrik schrieb; und beklagte zurecht die Weitschweifigkeit der Prosa-Schriftsteller, die viel zu wenig auf die große Zuchtmeisterin hörten, die Lyrik: „Man muss jedoch zugeben, dass gerade in dieser Hinsicht die Prosa sich als ziemlich faule Schülerin erwiesen hat.“ (J. Brodsky, „Wie Bücher zu lesen sind“, in: Der sterbliche Dichter“. Frankfurt am Main 2000.)

Hans las mit Vorliebe Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen; wobei ihm, was letztere Gattung anbelangte, die Franzosen etwa des 19. Jahrhunderts, bei den Short Storys die aktuellen US-Amerikaner näher waren als die deutschsprachigen Autoren. (Da wirkte einerseits manche Erzählung wie ein zu kurz geratener Roman; wie anderseits mancher Roman den Verdacht nicht entkräften konnte, eine ausgewalzte Erzählung zu sein …)

Doch fanden alle diese Regeln immer wieder ihre Ausnahmen – nicht nur in den langen Prosastücken beispielsweise eines Günter Grass: Besonders die Romane T. C. Boyles oder John Irvings trafen meist durchaus auf seine Zustimmung. Und sie dankten ihm ihrerseits durch manches Lektüre-Abenteuer und Lese-Vergnügen.

Gerade bei Irving gefiel ihm das Zeitübergreifende: Da hörte eine Prosa nicht schlagartig mit der Pointe auf; der Autor nahm sich im Gegenteil auch der kurzen Beschreibung dessen an, was danach noch passieren würde. In „Garp oder Wie er die Welt sah“ (oder in „Witwe für ein Jahr“, doch auch in anderen Romanen des einfallsreichen Schriftstellers) schildert John Irving über das physische Ende des (oder der) Helden hinaus auch noch, was mit den Personen des näheren und weiteren Erzähl-Umfelds in Zukunft so geschieht und geschehen wird; kurz und bündig, quasi in einer Art pointierter Vorschau, eines Trailer. So wird das vom Märchen her bekannte „Und wenn sie nicht gestorben sind …“ ersetzt durch den bitteren, sozusagen realen und realistischen Nachsatz: „Und sie sind gestorben. Aber auch der und die …“

Irving und auch der in dieser Hinsicht durchaus ähnlich agierende Boyle erweisen hierin, weitgehend im Sinne Kurt Tucholskis, dem Danach die Ehre; wie es der große deutsche Satiriker in seinem Gedicht mit eben diesem Titel so prägnant ausdrückt. In „Danach“ (1930) heißt es am Ende der treffenden Beschreibung dessen, was nach dem Insert Ende im Kino zuletzt noch so alles anhebt und sich ereignet, von Babygeschrei, überlaufender Milch bis hin zu Streitigkeiten, Liebesverlust und Alltagseinerlei: „Und darum wird beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Es wird also nicht bloß ein den Helden der (Entwicklungs-)Geschichte betreffendes Zeitfenster aufgetan, die literarische Untersuchung geht nicht nur in die Vertikale, sie eröffnet sich sehr wohl auch eine erzählerische Horizontale. (Freilich nur, wenn die Autoren über genug geistigen Horizont verfügen …)

In John Irvings frühem Roman „Garp oder Wie er die Welt sah“ werden auf diese Weise zuletzt die meisten der zuvor angesprochenen recht divergenten Erzählstränge, jeder für sich und alle miteinander, verknotet. Irgendwie liest man da, um Ausdrücke aus dem Film- oder Fernsehjargon zu verwenden, einen Cliffhanger; nur dass uns der Autor dankenswerter Weise mit einem Sequel verschont. (Während allerdings schon Papa Alexandre Dumas, der überaus erfolgreiche Erfinder der „Drei Musketiere“, wusste, dass doch just die Nachfolgebücher das Geschäft bedeuteten …)

Bei seiner Lektüre ging es dem Ex-Germanisten Dr. Fünschuss auch kaum um den Zweifel an der Sprache, wie ihn Hugo von Hofmannsthal in seinem berühmten „Chandos-Brief“ von 1902 artikuliert hatte; dieser betrüblichen Sorge angesichts des Auseinander-Triftens von Natur und Kunst, der Entfremdung von Körper und Seele wie auch von Sprache und Empfindung. Kurz: Hans sorgte sich nicht um die unsagbare Trauer des Dichters über die innere Entfernung vom eigenen Werk; und auch nicht um die von Hofmannsthal erkannte Notwendigkeit eines neuen Poetik-Verständnisses. Obschon das im Fall des vielseitigen Wieners, folgt man dem Schweizer Germanisten-Kapazunder Walter Muschg, möglicherweise auch Ausdruck des Gewahrwerdens der eigenen Epigonalität hätte sein können: „Als Mann, der die Träume seiner Jugend überlebte, vermochte er seine Not zu einer Tugend zu machen.“ (W. Muschg, „Tragische Literaturgeschichte“, Zürich 2006.)

Das klingt zwar recht hart; doch war es nicht unüblich für den Schweizer Sprachwissenschaftler, bedenkt man etwa seine Attacken auf den letzten deutschen Dichter des sogenannten Bildungsbürgertums, auf Thomas Mann. Der letzte Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters habe im amerikanischen Exil erst „seinen wahren Stil [gefunden]: die Parodie.“ Und die sei „die List, mit der er sein Unvermögen verdeckt, die Sprache des Dichters zu reden.“

Nun, Hans verspürte keine Lust, der skriptoralen Malaise, nämlich des Nicht-Schreiben-Könnes, oder dem Umstand, nicht so schreiben zu können, wie man gerne wollte, noch eine – potenzielle – philosophische zuzufügen, nämlich Ludwig Wittgensteins Schluss-Sentenz seines „Tractatus“ (1918): „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (L. Wittgenstein, „Tractatus logico-philosophicus“, Frankfurt am Main 2003.)

Nein, Fürnschuss glaubte auch das nicht so ganz. Denn: Warum sollte, was Sprechen und Denken – und Schreiben – ermöglichte, nicht just auch dessen Gegenstand sein?!

„Thalia“-Reiseleiter Hans Fürnschuss ging es in der Literatur um Kürze und um Prägnanz; wenngleich ihn zwischendurch lustvoll-barocke Ausschmückungen und verbale Schnörkel auch durchaus ergötzen konnten. Und bewegte sich das ins Satirische hin, so traf die Lektüre zumeist ohnehin vollens seinen Geschmack. Dass er, den schon Adalbert Stifter kaum fesseln hatte können und der sich mit den Wälzern des Thomas Mann auch nicht immer so ganz leicht tat, mit Peter Handke nicht viel am Hut hatte, versteht sich eigentlich von selbst. (Dies galt übrigens sowohl für Handkes zähe Prosa als auch für seine handlungsarme Dramatik.)

 

Im Café in Danzig (oder Gdańsk)

Da sitzen sie also, im „Café Greff“, einem kleinen, gemütlichen Kaffeehaus in der Nähe der Marienkirche in Danzig/Gdańsk, das Hans von seinem schon etwas senilen, jedoch in Sachen Lokal-Tipps immer noch beinahe weltweit unschlagbaren Chef, dem alten Dr. Drumbl, empfohlen worden ist. Sie: Irene, Benno und Hans.

Sie haben zuvor, wie die anderen knapp vierzig übrigen Teilnehmer dieser speziellen „Thalia“-Fahrt auch, im „Radisson Blu Hotel“ eingecheckt, einem durchaus gefälligen Haus (Dlugi Targ 19, Powroznicza), das mehr als bloß einen soliden Eindruck macht; auch wenn Hofrat Benno Klopp ihm freilich die fünf Sterne nicht ohne Bedenken zugesprochen hätte, die es im Verzeichnis der Danziger Unterkünfte (und sogar im Internet) trägt.

Für Hans war Danzig ohnedies in erster Linie durch den von Grass gleichsam literarisierten Stadtplan geortet (geographisiert). Und da ging es wohl um das ausgedehnte Hafenviertel mit seinen architektonischen und technischen Anlagen, um das von halbkahlem Strauchwerk, borstigem Gras und Sand dominierte nahe Hinterland mit dem unleugbar brackigen Geruch und dem typisch salzigen Geschmack vom Meer her, den ein mal eher lauer, mal wieder ziemlich kräftiger Wind herüberwehte; um prominente Gebäude wie etwa das imposante Hauptpostamt (wo der geliebte Onkel des das Wachstum verweigernden Oskar Mazerath von den Kugeln der deutschen Soldaten durchsiebt werden würde) und die eindrucksvolle Marienkirche (Stätte von Oskars kurzfristigem Rollentausch mit dem Jesuskind im Halbdunkel des Kirchenraums unter den bunten Glasfenstern) …

Doch jetzt: im „Café Greff“. Leises Gemurmel rundum. Geruch von immerhin mittelgutem Kaffee und sogar recht ansehnliche Süßspeisen, Kuchen und Torten (für den, der solches mochte) im Blick. Das alles zudem aufdringlich unaufdringlich arrangiert, touristisch-werbewirksam platziert und bunt-glasiert in Szene gesetzt, sozusagen.

Wann war es das letzte Mal, dass sie, Irene, Benno und er, Hans, solcherart zu dritt in einem Lokal zusammengesessen waren? Damals, in Paris vielleicht, am Montmartre …? Man ist tatsächlich, vor Ewigkeiten einmal, gemeinsam an die Seine gereist. (Eigentlich nach Deutschland, zu Irenes Vater in Heidelberg, dann über das Elsass nach Frankreich; und über die Schweiz zurück nach Österreich.) Das musste Ende der 1960er Jahre gewesen sein. Und knapp bevor Hans und Irene sich recht plötzlich trennten … Dann heirateten Irene und Benno ebenso schnell, und auch die Kinder, Sabine, Gerhard und später Bruno, kamen … Und Benno machte zwischendurch zielstrebig Karriere als AHS-Lehrer; während ihm Irene, wie es so blöd heißt, den Rücken frei hielt. Ja, brave Hausfrauen, die als treue Vestalinnen das Herdfeuer hüten, halten ihren Männern, diesen umsichtigen Jägern und Sammlern, brav den Rücken frei …! Bitte schön, was braucht ein junger Mittelschullehrer wohl einen freien Rücken?!, dachte Hans schon damals, als er von einem gemeinsamen früheren Studienkollegen gehört hatte, wie Benno sein junges Ehe-Weibchen umhätschelte, während dieses, das Studium alsbald endgültig an den Nagel hängend, glücklich den bevorstehenden Mutterfreuden (und -pflichten) entgegen-lächelte … (O welches Bild, immerhin!)

Aber egal. Irene war nun mit einem Mal avanciert zur Hausfrau und bald schon zum Muttertier; sang nach Kräften im Kirchenchor und spielte sogar ein paarmal in der Laientheatergruppe. Carl Morré und so. (Er, Hans, arbeitete damals noch im mehr oder weniger stagnierenden Verlagshaus Brunner, bevor er sich dem Bildungsverein „Thalia“ zuwendete.)

„Ihr kennt vielleicht das Grass-Wort zu Danzig aus der ,Blechtrommel‘?“ Hans hält, um Wirkung bewusst, kurz inne.

„- ? -“, lautet die Nichtantwort von Irene und Benno.

„,Zuerst kamen die Rugier, dann kamen die Goten und Gepiden, sodann die Kaschuben -‚“

Irene unterbricht Hans: „Deshalb sind wir ja hier! Ja, deshalb -“

„Nota bene“, ergänzt ihr Mann, in der üblichen Art des gewohnheitsmäßigen Besserwissers und notorischen Wichtigtuers.

Nota bene, ja“, fügt Irene schon leicht grantig an. „Hans, du weißt vielleicht noch, dass mein Vater Konrad -“

„- der bekanntlich die Familie verlassen hat, als Irene noch ein Kind war, und zurück nach Deutschland gegangen ist -“, glaubt Benno erneut, seiner Frau erzähltechnisch beispringen zu sollen, indem er sie unterbricht. (Was sie wiederum leicht gereizt hinnimmt.)

„- dass Vater, der ja aus Deutschland gekommen war, über kaschubische Wurzeln verfügt hat, oder? Kannst du dich vielleicht noch erinnern? Meine Mutti hat doch immer so witzige Anspielungen darauf gemacht …“

„Genau.“ Hans nickt. Ein Schimmer einer Ahnung hat ihn gestreift. „Ja.“

„Es müsste hier, in Danzig, immerhin einen kaschubischen Friedhof geben, und den möchte ich finden …“, sagt Irene. „Vielleicht stehen ja auch noch ein paar von den mir bekannten Namen aus Vaters Verwandtschaft auf den Grabsteinen …“ Und sie zieht einen Zettel hervor, auf dem sie in ihrer ihm immer noch vertrauten Handschrift einiges notiert hat.

„Du meinst: familiengeschichtlich relevante Namen, nicht wahr, mein Schatz?“, fragt, gleich überflüssiger wie aufgezwirbelter Weise, der insgesamt so überflüssige wie aufgezwirbelte Hofrat Klopp seine ohnedies schon leicht nervöse Gattin, der ein paar kleine Liköre zudem zu ein wenig Vernebelung verholfen haben. Irene ignoriert den Einwurf schmallippig.

„Wir können dann die Frauengasse hinuntergehen“, schlägt Hans vor, „in Richtung Frauentor. Und wir werden einfach wen fragen. Hier sprechen doch angeblich viele Leute deutsch.“

„Fragt sich nur, wie gern …“, wirft Benno ironisch ein. „Aber erzähl‘, Hans, seit wann gibst du überhaupt den wissenschaftlichen Reiseleiter bei der ,Thalia‘?“ (Ist da ein wenig Ironie?!)

Und bald sind sie in einem recht angeregten Gespräch.

Wie lange es wohl her ist, dass sie so, so zu dritt in einem Lokal …?

Wie kleine Blitze zucken ein paar Erinnerungen an ähnliche Sitzungen vor urdenklichen Zeiten in Gasthäusern und Cafés im heimatlichen Univiertel durch das immer noch recht taugliche Fürnschuss-Gehirn und fahren zum Teil sogar ziemlich krass hinein in seine Ganglien. Besonders beim dritten, vierten Schnaps, dessen Konsum er mit seinen grandiosen Magenproblemen („die nicht aufhören wollen …, diesmal …“) rechtfertigt.

Irene und Kaffeetrinker Benno sehen einander mehr oder minder verstohlen an. (Oder irrt sich Hans da? Hm.)

Dann brechen die drei Menschen auf.

Zuvor fühlt sich der Schuldirektor bemüßigt, wie in alten Zeiten als junger Studiosus, sein ein wenig angeberisches Andiamo! loszuwerden. (Benno ist schließlich mit seinen Eltern vormals immer wieder an der italienischen Adria auf Urlaub gewesen; auf irgendwelchen Campingplätzen …) Und sie finden nach einer ziemlichen Odyssee sogar zum gewünschten Friedhof, wo hauptsächlich kaschubische, aber auch jüdische Knochen unter schlichten, nicht selten ein wenig windschiefen Grabsteinen vor sich hin modern.

Die letzten Mohikaner der Kaschubei, denkt Hans. Und auch einige aus der Sippe Moses‘, Isaaks und Abrahams. Ein paar kleine Steine, auf den einfachen Grabstätten deponiert; wie Sinnbilder des Wandels aller Zeiten. Zeichen des Vorübergehens, des Vergehens …

Nein, sie finden niemanden von denen, die auf Irenes Notizzettel stehen. Vielleicht aber sind die Namen auch falsch geschrieben worden – oder alles ist längst schon durch den Rost der Zeit gefallen. Oder aber sind die Schriftzüge nicht leserlich für sie? Die hebräischen Zeichen, die stumm von den alten jüdischen Grabsteinen blicken, sind ihnen ja auch nicht verständlich. Doch die Kaschuben schreiben immerhin die lateinische Schrift des Polnischen …

Vielleicht liegen die Verwandten des Vaters jedoch auch irgendwo anders begraben? Wer weiß … Vielleicht jedoch sind sie längst schon weggeschafft worden. Die Reste. Oder sie sind bloß eine Art Mythos?! Eine Art von Familiensaga …

Wahrscheinlich sind die toten Verwandten von Irenes Vaterseite her auch nicht so besonders wichtige Vertreter der Danziger Bürgerschaft gewesen. Egal, ob deutsch, polnisch oder kaschubisch, ob jüdisch oder –

Mein Gott, wer ist schon wichtig?! Besonders, wenn er erst einmal ein paar Klafter tief eingebuddelt worden ist … Und außerdem, das Vergessen wirkt waagrecht wie senkrecht … Das ist nun einmal so …

Diese Kaschuben interessierten Hans indes auch selbst (ohne Irene), und nicht nur, weil Grass gerne auf seine mütterlichen kaschubischen Wurzeln verwies. Die Kaschuben. Ein westslawisches Volk, so hatte ihm unter anderem das Internet Auskunft gegeben, heute in Polen angesiedelt, in der Woiwodschaft Pommern – oder: Województwo pomorskie. Aus Kaschubien (oder der Kaschubei, auch Pommerellen genannt) waren im Laufe der letzten Jahrhunderte viele Bewohner ausgewandert: nach den USA, nach Kanada, aber auch nach Deutschland. Die Sprache, das Kaschubische (oder kaszëbsczi jäzëk) – heute mögen sie vielleicht noch an die 250.000 Menschen gebrauchen –, gehört zu den westslawischen Idiomen und stammt aus dem sogenannten Lechitischen, angereichert mit deutschen und altpreußischen Lehnwörtern. Der Name kommt möglicherweise von Kasub, dem Mantel der berühmten Kaschubentracht. Die Bevölkerung blieb, sowohl unter der deutschen als auch unter der polnischen Herrschaft, stets eine vorwiegend ländliche Minderheit. Die Schrift, die sie verwenden, kam im 15. Jahrhundert auf und ist eine Lateinschrift nach dem Vorbild der polnischen Orthographie. In der „Blechtrommel“ verwenden Oaskar Mazaraths Mutter und der Onkel, das Liebespaar also, das Kaschubische gleichsam als recht praktische Geheimsprache … Und Oskars Oma sagt im Roman über ihr Volk, es müsse „immer dableiben und Koppchen hinhalten, damit die andern drauftäppen können, weil unsereins nicht richtich polnisch is und nicht richtich deitsch jenug, und wenn man Kaschub is, das reicht weder de Deitschen noch de Pollacken.“

Obwohl es eigentlich um Gdingen (Gdynia) herum den größten kaschubischen Bevölkerungsanteil gibt, sehen die Kaschuben immer noch Danzig als ihr Zentrum an.

Ach ja: wichtige Leute, die mit Danzig zu tun gehabt hatten und noch haben, die hat es quer durch die Geschichte gegeben. Und es gibt sie sogar heute noch. Donald Tusk zum Beispiel, er wird ab 16. November dieses Jahres, 2007, der neue Regierungschef von Polen werden und im Herbst 2014 sogar zum EU-Ratspräsidenten avancieren; ja, Tusk, selbst kaschubischer Abstammung, ist in Danzig geboren. Die Stadt ist auch der Geburtsort von Daniel Gabriel Fahrenheit und Arthur Schopenhauer. Aber auch der legendäre „Solidarność“-Gründer, Gewerkschaftsführer und spätere polnische Premierminister Lech Wałęsa kommt aus Danzig. Und natürlich – Günter Grass.

 

Rückgleitende Gedanken

Damals. Er muss es sich noch heute eingestehen: Irene war eine der wichtigsten Frauen in seinem Leben. Ohne Zweifel. Und wohl sein Lebensmensch – zumindest durch eine schöne und aufregende Zeit hindurch. Jugendzeit! (Die wird, bekanntlich, auch mit jedem Jahr, das man sich von ihr zeitlich weg begibt, immer schöner und prächtiger. In Wahrheit strotzte sie – zumindest seine Jugend – in erster Linie von diversen Hindernissen wie ein verwahrloster Sportplatz oder von allerlei Gerümpel wie der unaufgeräumte Keller einer Messie-Kommune. Kurz: Es war da wohl auch nicht alles Gold, was so verführerisch geglänzt hat … Ja, und das quasi: noch dazu – sie waren damals, als ihre Liebe anhob, kaum mehr als zwanzig Jahre alt. Irene und Hans. Und: Einerseits glaubte er, sie seien für einander geschaffen; obwohl er anderseits sein Glück eigentlich nicht fassen konnte … Und deshalb wohl auch nicht so ganz an die Realität dieses Glücks glaubte. (Oder war Glück überhaupt nie so ganz real?!)

Dabei hatte sich auch bisher schon alles bloß als halb so leicht erwiesen.

Die Mutter Irenes war von ihrem deutschen Mann, Konrad, einem eher mittelmäßigen Bühnenschauspieler (der da über kaschubische Vorfahren in Danzig sowie immerhin über ein erstaunliches Sprachtalent verfügte) schon bald nach Irenes Geburt verlassen worden. Die Ehe wurde geschieden, und Konrad Aislingen zahlte zwar pünktlich seine Alimente, kümmerte sich ansonsten jedoch kaum mehr um die heranwachsende Tochter, um die Frucht der Zuneigung, die er vermutlich ja doch einmal für Mathilde, Irenes Mutter, empfunden haben musste.

Erst später, als Irene die Matura bestanden hatte und gerade Romanistik zu studieren anfing, wurde sie für den Herrn Papa, der sich in Deutschland, genauer in Heidelberg am Neckar, eine neue Lebensgrundlage in einem Übersetzungsbüro geschaffen hatte, wieder interessant. Da lüde er sie gern mal zum Urlaub zu sich (und einigen anderen hiesigen Verwandten) ein, so schrieb er ihr jedenfalls sehr freundlich; ja, er sähe sie in den Sommerferien gern für eine Zeit lang und wolle sie um sich haben, hier, wo er jetzt schon Jahre hindruch hindurch hauste, lebte und mit einigem Erfolg arbeite. Alle würden sich über ihr Kommen freuen.

Nun ja, Konrad war nicht so ganz einfach. Davon hätte besonders Irenes Mutter ein Lied singen können. Freilich, auch diese Mutter, Mathilde, konnte nicht unbedingt als unkompliziert bezeichnet werden. Ganz und gar nicht; und davon hätte wiederum Hans ein Lied singen mögen … Zwar geistig eher einfach gestrickt, wachte Mutter Mathilde ziemlich Argus-äugig über dem hübschen Töchterlein, und es erforderte Fünschuss‘ ganze Überredungskunst und bedurfte seiner gesamten Liebenswürdigkeit, die hübsche Jungstudentin sukzessive loszumachen von den Fesseln des mütterlichen Gefängnisses. Zudem verfügte die Mama, die als Sekretärin in einem größeren Reisebüro arbeitete, über jede Menge Intuition, ging es darum, ihrer schönen Tochter nachzuspionieren, was so gut wie flächendeckend und in Permanenz geschah.

Es hatte also einiger Charme-Offensiven des Studiosus Hans Fürnschuss bedurft, bis er den Widerstand des überaus seetüchtigen Kreuzers Mathilde (und ihr noch massiver ausgebildetes Misstrauen) auf ein wenig hinterhältige, doch vordergründig überaus freundliche und liebenswürdige Art und Weise derart geschwächt hatte, dass es für die Mutter seiner Angebeteten praktisch keine Chance mehr gab; und sie kapitulierte. Man verlobte sich.

Bald schon sollte freilich Benno, der bisher so harmlos wirkender Freund und Studienkollege, nun eindeutiger Absichten voll, andampfen. Und da es mit ihm erst gar keine Seeschlacht gab, war für Hans die Sache Irene verloren, schon bevor er dessen so richtig einsichtig wurde.

Er zog sich denn auch, weitestgehend dem bekannten begossenen Pudel gleichend, zurück; sehr zur Freude seiner Eltern, die mit der Wahl des Sohnes ohnedies nicht besonders glücklich gewesen waren und sich (unausgesprochen, versteht sich) nicht recht abfinden wollten mit der Schwiegertochter in spe; insbesondere mit Mathilde, diesem unnötigen Beifang.

Jetzt hatten sie für die nächste Zeit ihren Filius wieder für sich; da nahm man schon in Kauf, dass der Frustrierte zum veritablen Trinker zu werden Anstalten machte.

Doch auch Hans Fürnschuss schaffte, freilich wiederum erst nach einiger Zeit, die dem ausgiebigen Lecken der aus heiterem Himmel so grausam erfahrenen seelischen Wunden und dem Konsumieren hochprozentiger Elixiere gewidmet war, den Lebens-Bauchaufschwung. Mittels Eva-Maria, Annabelle, Nelly und noch einiger anderer, zum Teil recht geschmackiger Weibspersonen meldete er sich erstaunlich klarsichtig wieder im Hier und Heute zurück. Zwar hielten seine Beziehung ab nun in aller Regel kaum je länger als ein paar Monate; doch waren sie immerhin durchaus intensiv und größtenteils befriedigend. Er studierte außerdem weitgehend zielstrebig zu Ende und fand in der Folge dann sogar zu den alkoholischen Getränken eine Art von pragmatischem Abstand … So schien allen geholfen.

Irene und Benno? Die heirateten bald darauf. Folglich sah Hans die Ex-Verlobte und den Ex-Freund höchst selten. Und wenn, dann bloß en passant.

Dass er hin und wieder etwas von ihnen und ihrem familiären Glück (gesunde Ankunft der Kinder, Übersiedlung in immer schönere Wohnungen beziehungsweise noch prächtigere Häuser, Karrieresprünge des Herrn Professors et cetera) durch gemeinsame Bekannte erfuhr, ließ sich kaum vermeiden. Doch hatte Fürnschuss letztlich zu seinem eigenen neuen Lebensrhythmus gefunden, und dazu benötigte er just diese beiden Liebenden nicht.

 

Trommel, Katze und Hund

Hans Fürnschuss hatte sich für die Busreise nach Wien-Schwechat und dann für die Weiterfahrt von Warschau an den Zielort sowie für die Ausflüge, die man – entsprechend den Angaben in der Danziger Trilogie des Günter Grass – zu unternehmen vor hatte, alles ziemlich genau zurechtgelegt. Dazu gehörten auch Überlegungen zum fachlichen, zum literarischen Bereich, also etwa, was er grosso modo zum Erstlingsroman „Die Blechtrommel“, zur Novelle „Katz und Maus“ und zum Abschlussroman „Hundejahre“ anzumerken gedachte und womit er seine Klientel in Sachen Grass, Kaschubei, aber auch betreffend die deutsche Nachkriegsliteratur (einschließlich Aufarbeitung der NS-Zeit) überhaupt traktieren wollte.

Da es sich immer wieder als nicht besonders günstig erwiesen hatte, lange Original-Passagen im Bus (und per Mikrophon) zu deklamieren, sprach Hans meist frei über das Werk oder die Werke. Allerdings drückte er, klugerweise erst nach Beendigung der betreffenden Bildungsexkursion, dann den Teilnehmern, quasi als Aufmerksamkeit und geistiges Zubrot, ein kleines Dossier in die müden Hände. Darin waren, in wohlgesetzten Worten, seine meist recht griffigen Anmerkungen zum Thema, zu den betreffenden Autoren und zu den Orten des Wirkens oder des Geschehens verzeichnet.

In der Folge wollen wir hier der Einfachheit halber die Stationen der Anreise und den Flug nach Polen, auch wenn sie durchaus ihren Reiz hatten, aussparen. Außerdem kann freilich bloß eine kleine Zusammenfassung dessen geboten werden, was Dr. Fürnschuss in Sachen Grass und Danzig während der Busfahrten und auch abends, meist in kleiner Runde, so von sich gab. (Außerdem widmete er sich, umständehalber sozusagen, diesmal privat in erster Linie seinen special guests, Irene und Benno.

Doch auch das, was Dr. Fürnschuss über die Grass’schen Figuren-Kontsellationen, wie sie die Danziger Trilogie bestimmen, über Schreibweise und literarische Bedeutung des Autors und grundsätzlich über die geo-skriptorale Situation zu sagen wusste, soll hier – allein schon aus Platzgründen – nur gestreift werden.

Angefangen beim neurotischen, weitgehend egozentrischen sowie hellsichtig-pessimistischen Trommler und sarkastischen Beobachter aus der „Blechtrommel“, diesem aus eigenem Willen und Wollen heraus klein gebliebenen Antihelden Oskar Mazarath, und dessen bunter Sippschaft und skurriler Personage; über die bizarre Jugendrunde im Bann des übergroßen Adamsapfels des mageren Joachim Mahlke, des ausdauernden Onanisten und Skeptikers in „Katz und Maus“; bis zu den Mädchen Tulla und Jenny sowie ihrer Umgebung und, nicht zu vergessen: der Schäferhundezucht, aus der sogar des Führers Lieblingshündin hervorzugehen das Los getroffen hatte, die den dreigeteilten Roman „Hundejahre“ ausmachen …

Wichtig war es, bestimmte Angelpunkte herauszuarbeiten, Tendenzen zu klären und auf Zusammenhänge hinzuweisen. Auch Schuld und Sühne sprach Fürnschuss gekonnt an, indem er etwa die Chronisten Eddi Amsel, Harry Liebmann und Walter Matern, die gleichzeitig das Opfer, der Zeuge und der Täter in ihren den Groß-Roman ausmachenden drei Erlebnis- und Erzählsträngen sind, entsprechend vorstellte. Dass schließlich der deutsche Schäferhund (zumal eine Hündin Adolf Hitlers!) von einer litauischen Wölfin abstammte, war es nicht die satirische Krone schlechthin? Ein Geniestreich dieses Günter Grass!

Hans lag daran, möglichst die Leselust seiner Klientel anzustacheln. Da sollten, psychologisch geschickt verteilte Appetithappen genügen, Grass-Zitate als Appetizer sozusagen; essen sollten die Damen und Herren dann gemütlich bei der Lektüre (die, wie er hoffte, ohnedies schon eine zweite oder dritte sein möge) gefälligst daheim.

Er, der wissenschaftliche Reiseleiter, wollte bloß Impulsgeber sein. Impulsgeber an Ort und Stelle. In der Folge könnte sich dann (das war zumindest die Fürnschuss-Absicht), sozusagen, die Normalität des Kuriosen offenbaren, die vielleicht mehr zum Erstaunen beitrüge, als es eine – ach so hochtrabend, geistreich und hehr – angestrebte Hermetik des Absurden, Abnormen oder Außernormalen je zustande brächte. (Nun …, ja. Eben.)

Zudem verstand es Dr. Fürnschuss, immer wieder, die so notwendigen Verbindungen herzustellen und die geistigen Brücken zu schlagen zwischen dem Schriftsteller und seinem gewählten Sujet. Und eben dieses Sujet hebe, das sei zumindest seine, Fürnschussens Meinung, das Grass’sche Œuvre nun einmal aus der sonstigen deutschen Nachkriegsliteratur heraus und mache es so einzigartig; was jetzt freilich gar keine Wertung sein solle. Denn immerhin wäre es unsinnig, Grass etwa mit Siegfried Lenz, Heinrich Böll oder dem delikaten sprach-surrilen Arno Schmidt – um nur einige der wichtigsten Vertreter der Literatur Deutschlands bald nach 1945 zu nennen – vergleichen zu wollen; allein schon, weil sich durch einen solchen Vergleich für den Leser oder Betrachter der Werke kaum etwas Ersprießliches oder gar Nützliches ergäbe. Ganz abgesehen davon, dass da auch gar kein Ranking (das ohnedies und überall, in allen Belangen unsinnig sei) angestrebt sein könne. Und außerdem gelte auch hier die schöne alte lateinische Spruchweisheit (deren Ursprung allerdings im Unklaren liege): De gustibus non est disputandum

Beginnen wir unsere Betrachtung mit Oskar Mazerath, diesem teilweise penetranten, anarchischen und bösartigen Kleingebliebenen; denn Oskar ist mitnichten ein Kleinwüchsiger im herkömmlichen Sinn, ein Zwerg oder Liliputaner. Allein schon, dass er sein Kleinbleiben mit drei Jahren im Sinne eines höchst-eigenen Beschlusses und ergo eines Auftrags sieht, macht diese literarische Figur so interessant wie weithin interpretierbar.

Ist Oskar ein neuer Alberich? Dieser Gnom, der um 1200 – und später dann lautstark in Richard Wagners Kolossalwerk „Der Ring des Nibelungen“ – in Erscheinung tritt als Protagonist des „Nibelungenlieds“ (den es jedoch auch im Ornit-Gedicht gibt): Der Plot geht auf den Nibelung beziehungsweise Niflung der germanischen Heldensage zurück, der sich mit seinem Bruder Schilbung nicht über die Teilung des vom Vater ererbten Schatzes einigen kann; worauf man Siegfried zum Schiedsrichter bestimmt und das ganze gierige Gerangel seinen blutigen Anfang nimmt. Denn der blonde kühne Recke erschlägt mit dem Schwert Balmung als erstes gleich ein paar Hundert Nibelungen – und das Zwergen-Brüderpaar gleich mit … Mit Grausen sieht es Alberich, den die beiden, Niflung und Schilbung, zuvor noch zum Wächter des unermesslichen goldenen Horts bestimmt hatten. Zwar greift er, vermöge seiner Tarnkappe unsichtbar, den starken Siegfried (Drachentöter!) an, doch kann ihn dieser besiegen.

Nun erklärt wiederum der blonde Held den Kleinen zum Wächter des Goldes; und bedenkt man alles, was da noch folgt, so hat er irgendwie doch den Bock zum Gärtner gemacht. Denn immerhin ist Alberich nur solange friedlich, wie man a) den Schatz und b) ihn selbst in Ruhe lässt. Und dazu sind die gierigen Recken allesamt unter Garantie die Falschen!

Überhaupt zählt es zu den besonders praktischen Eigenschaften der diversen Zwerge, ihre Gestalt und ihre Gemütslage nach Belieben ändern zu können. Mal sind sie artigen vierjährigen Kindern gleich, dann wieder mutieren sie zu bärenstarken kleinen Biestern …

Ist es der Wodka? Plötzlich schlich sich Perkeo, der prominente, aus Tirol stammende Hofzwerg, der auf dem Altheidelberger Schloss seines Amtes waltetet und das Riesenweinfass zu bewachen hat, in die Gedankenwelt des Hans Fürnschuss ein. Und Hans erinnerte sich an Irenes Vater, Konrad Aislingen, mit dem er damals, im Vorfeld der Verlobung, einmal zusammengetroffen war. Da hatten Irene und er den alten Aislingen in Heidelberg besucht; und der grosso modo eher wenig erfolgreich gewesene Mime kaschubischer Abstammung, der zu dieser Zeit längst – wie schon ausgeführt – in einem Übersetzerbüro untergekommen war, gab beim guten Moselwein (zugegeben: recht theatralisch sogar) seine skurrile Version vom Tod des gleich eigenwilligen wie trinkfreudigen Zwerges zum Besten: Dass Clemens Perkeo, der beliebte Hofnarr des Kurfürsten Karl III. Philipp von der Pfalz um 1720, dass also Perkeo, der angeblich Unmengen von Wein saufen konnte, ohne betrunken zu werden, und auch tagtäglich die Probe aufs Exempel lieferte, einmal verhängnisvoller Weise von einem Glas Coca Cola gekostet habe. Daran sei der trinkfeste Hofzwerg binnen kürzester Zeit gestorben …

Allein schon der Anachronismus hatte Hans damals gefallen. Und überhaupt, die aufs erste Hinhören so hanebüchene Geschichte war eigentlich ganz nach seinem Geschmack gewesen. (Man denke an seine Vorliebe für die deutsche Romantik! Zudem war einer ihrer [wenn auch eher trivialen] Vertreter der aus dem nahen Mannheim stammende Joseph Viktor von Scheffel, der uns früher schon einmal untergekommen ist. Hier sei noch erinnert an „Alt Heidelberg, du feine“ aus dem Liedrepertoire des beliebten Butzenscheibenpoeten …)

Dass ihnen Aislingen fruchtig-süffigen Moselwein angeboten hatte und nicht den eher süßlich-lauen Pfälzer (übrigens auch keinen durchaus empfehelenswerten herben Franken!), kam Hans jetzt erst so erstaunlich klar zu Bewusstsein. Warum nur Moselwein? Komisch … (Irenes Vater war zudem ein ausgesprochen mäßiger Trinker und mit Sicherheit kein Connaisseur, was Weine betraf. Warum also just Moselwein?! Hm. Ein Entgegenkommen dem neuen Gast aus Österreich gegenüber?! Doppelt-Hm. Man schrieb Ende der 1960er Jahre, und besonders der Weißwein made in Austria war – mit gewichtigen niederösterreichischen Ausnahmen – nicht selten gepantscht, sauer oder sonst wenig ratsam. Hmhmhm.)

Doch jetzt – Oskar. Der Adamsapfel. Tulla und der Fressnapf des Schäferhundes.

Man sieht, die Arbeitsweise des Kultursachverständigen und diesbezüglich geeichten Reiseleiters Dr. Hans Fürnschuss glich sich weitgehend seinem Trinkverhalten an. Und dem in seinen Träumen. Nur dass er, wenn es darauf ankam, daraus auch gültige und wissenswerte Referate zu formen durchaus in der Lage war. Ein erstaunlicher Mensch, dieser Fürnschuss.

Der Autor

 

Braune Schatten

Die sogenannten alten Nazi schafften so gut wie jede Camouflage, dachte Hans Fürnschuss bitter und mit einem elementaren Brummschädel kämpfend, der Nachwirkung der am Vorabend in geradezu sündhaften Mengen im Restaurant und später noch, an der Hotelbar, genossenen Alkoholika. Warum also nicht auch Benno Klopps Vater, von dem der pingelige AHS-Direktor da so böse, schreckliche Dinge erzählen zu müssen geglaubt hatte?

Angeregt worden war das Besäufnis wohl durch den zwar irgendwie ergreifenden, in der Sache jedoch erfolglosen Streifzug vor zwei Tagen, der Irene, Benno und Hans durch mehrere meist kleine protestantische, katholische, jüdische und kaschubische Friedhöfe geführt hatte. Geschuldet war die Suche nach potenziellen Vorfahren von Irenes Vater, die hier möglicherweise begraben waren, Irenes Neugier. Doch hatte Benno, der enervierende Ex-Kommilitone und erfolgreiche Schulmann, allem Anschein nach dadurch angeregt, auch in seinem Familiengedächtnis gegraben … Und, im Unterschied zu den drei Leuten da auf ihrer erfolglosen Exkursion zu diversen Grabhügeln, war er sehr wohl fündig geworden.

Trug vermutlich doch einiges vom Spürsinn seines alten Herrn in sich, dieser pedantische Lehrer Benno Klopp. Vermutlich richteten sich diese Typen ohnedies fast alles, wie sie es gerade brauchten … (Hans meinte mitunter [doch nur für sich, privatim], warum sich die Nazi-Bande später dann nicht auch noch – zum Beispiel – die verstärkte Pflege der Klezmer-Musik zugute gehalten habe: Denn ohne die Verbrechen des Holocaust wäre die weltweite Renaissance der jiddischen Musik nach 1945 vermutlich erst gar nicht zustande gekommen … Ach, waren das abscheuliche Ausgeburten!)

Vielleicht war dem Herrn Hofrat indes der Friedhofsbesuch doch näher gegangen, als er es sich zunächst hatte anmerken lassen? (Erstaunlich, den Irene schien nicht allzu beeindruckt zu sein von den verblassten Grabsteinen mit den ebenfalls längst vergilbten Aufschriften.) Nur warum er ausgerechnet jetzt das traurige, erschütternde und beschämende Geheimnis rund um seinen Vater, den alten Egon Klopp, preisgab? Keine Ahnung. (So etwas erzählte man immerhin nicht zum Pläsier, oder?!)

Hans wunderte sich, wenngleich ihm das alles eigentlich irgendwie wieder einmal typisch vorkam. Typisch für Klopp und seine Sippschaft zumindest, von der er, zugegeben, nie allzu viel gehalten hatte. Instinktiv. Und ohne die Zusammenhänge gekannt zu haben. (Vom politischen Kontext einmal ganz abgesehen.)

Jedenfalls, Benno erzählte mit einem Mal (und die Worte schossen aus ihm hervor wie lang aufgestaute, plötzlich aber ungezähmt hervorbrechende Wassermassen), er erzählte von der Vergangenheit. Nicht so sehr von der eigenen freilich, nein; hauptsächlich von der seines alten Herrn, den Irene (und sogar Hans) kennengelernt hatten als umgänglichen Mittfünfziger, damals, in der Studienzeit. Benno erzählte, dass sich ein Teil seiner Familiengeschichte (und nicht der rühmlichste!, das müsse er zugeben …) auch hier, hier in Danzig, abgespielt habe.

Ja, Benno schob mit einem Mal den dichten Vorhang beiseite, der lange genug den Blick auf den alten, kürzlich erst und hochbetagt verstorbenen Egon Klopp verdeckt hatte; den Blick auf seinen angeblich immer, ein langes Leben lang, so korrekten Vater; den honorigen und als penibler Kaufmann bekannten, den zudem recht erfolgreichen Importeur und Exporteur in Sachen Südfrüchte; den Experten schlechthin und überhaupt, betreffend Gemüse und Gesundheit. Denn mit Obst und Grünzeug aller Art, natürlich Bio-zertifiziert, hatte der Alte gehandelt, beinahe aus und mit aller Welt. Unverfänglich. Ehrlich. Gesund. (Wenn es sein sollte sogar grün …, nach außen. Denn inwendig galt immer noch: Schwarzbraun ist die Haselnuss …)

Jetzt, hier in Danzig, wurde alles öffentlich. Vom pingeligen Sohnemann (Andiamo!) gleichsam ans Licht gezerrt. Mit schier masochistischer Lust, wie es schien. Oder zumindest mit einer gewissen Bußbereitschaft.

Klopp senior war nämlich Mitglied einer berüchtigten Einheit der Waffen-SS gewesen und als solcher an üblen, unmenschlichen Schweinerein beteiligt; an sogenannten Strafaktionen an der Zivilbevölkerung im deutschen Osten; an Verbrechen also, begangen an Frauen, Greisen und Kindern; darüber hinaus an Deportationen oder an Erschießungen gleich an Ort und Stelle; und noch an anderen Nazi-Gräueltaten.

Beteiligt? Ja! Und zwar – in führender, in verantwortlicher Position!

Und es ging unter anderem um Kaschuben, um Juden, auch um Roma und Sinti, um Homosexuelle, um politische Häftlinge, um unwertes Leben wohl auch; hier, hier, an der Mündung der Weichsel, hier, im Reichsgau Danzig-Westpreußen, in den Kriegsjahren knapp vor 1945.

Somit war es gut möglich, dass der alte Klopp unter anderem auch den Befehl gegeben hatte, die Verwandtschaft des alten Aislingen auszurotten (soweit die potenziellen Opfer des Nazi-Terrors sich nicht hatten vorher retten können durch Übersiedlung – etwa nach Heidelberg, Mannheim und so weiter). Sehr wahrscheinlich war das alles sogar. Auf Linie, sozusagen. Denn Egon Klopp befand sich damals, schon im Rang eines Majors, in dieser Gegend und war von Mitte 1943 an sogar direkt in Danzig stationiert gewesen.

Na, und der Zweck seines Tuns war kein humaner, bestimmt nicht. Der alte Klopp, wie er von seinen Leuten weniger freundschaftlich als vielmehr mit viel Respekt und beileibe nicht ohne Furcht genannt wurde (obwohl er eigentlich noch ein junger Spund gewesen war, damals), stand nämlich im Ruf, ein ganz Harter zu sein, ein Zweihundert-Prozentiger.

Später dann wirkte der Gemüsehändler, der die Entnazifizierung nach 1945 erstaunlicherweise so glimpflich, wie es nur möglich war, überstanden hatte, freilich alles andere als martialisch. Ganz im Gegenteil. Doch wie hatte er es geschafft, weitestgehend ungestraft – und das Register seiner Vergehen war zweifellos ein üppiges und langes! – sich aus diversen Verhören und peinlichen Untersuchungen herauswinden zu können?

Nun, da hatte es schon wieder gewiegte Helfer gegeben. Leute, die man sich Jahre zuvor gewogen gemacht oder verpflichtet hatte, auf die eine oder andere Weise. Ein paar Juristen, die kaum belastet waren, weil noch zu jung und an weitgehend inferioren Stellen im System beschäftigt; sogar ein paar Verschonte, die für einen auszusagen bereit waren; denn auch hier galt nicht selten die alte lateinische Redewendung: Manus manum lavat. Ja, auf die Gefahr hin, dass danach beide schmutzig waren: Eine Hand wusch (wieder einmal) die andere …

Naturgemäß war Klopp senior längst nicht der Einzige aus der tiefbraunen Schar der Mieslinge, Verbrecher und Unmenschen (mit Übermenschen-Attitüde), die weitgehend ungeschoren davon kamen, nachdem das nationalsozialistische Imperium des Unrechts einem gigantischen Kartenhaus gleich in sich zusammengefallen war. Er hatte es sich indes außerordentlich gut zu richten vermocht. Ob aus Gründen der perfekten Camouflage, aus solchen der Resignation oder womöglich gar tatsächlich durch späte Einsicht bekehrt und gleichsam geläutert – das alles sei dahingestellt. Wie hier auch nicht der Frage nachgegangen werden soll, wie er sich und sein Tun im Einzelnen zu rechtfertigen versucht hatte und ob denn überhaupt alles über seine Verbrechen aktenkundig war. (Vielleicht stilisierte er sich zum verblendeten, einfältigen und leichtgläubigen Mitläufer, indem er sich – indirekt – auf Adolf Hitlers Wort berief, das der Führer im Zusammenhang mit den Journalisten und der Masse in „Mein Kampf“ abgesondert hatte: „Heute […] liegt der ausschlaggebende Wert eben bei der zahlreichsten Gruppe, und diese ist […]: der Haufe der Einfältigen und Leichtgläubigen.“)

Fest steht jedenfalls, dass Egon Klopp nach kurzer Zeit aus der Haft der britischen Besatzer, die ihn überdies weitgehend korrekt behandelt hatten, entlassen wurde. Danach konnte der durchaus geschickte Mann zielstrebig sein nächstes Lebensprojekt in Angriff nehmen: den Aufbau einer ordentlichen Familie und den in Zukunft dann so prosperierenden Gemüsehandel. Eine grün-gesunde Zukunft entspross dergestalt tief-braunem Wurzelwerk. Mahlzeit!

Seiner Frau, Bennos Mutter Martha, war Egon jedenfalls stets ein treusorgender Ehemann und für die Kinder, neben dem erstgeborenen Benno waren das die beiden Brüder Erwin und Rudolf sowie die kleinere Schwester Jolanthe, ein überaus umgänglicher Vater. Sein Hang zur Übergenauigkeit und mitunter sogar zum Drill wurde von der Familie gutmütig und willig hingenommen als Marotte. Wie auch die Lust an eher spartanischen Camping-Urlauben. Vorzugsweise an der italienischen Adria.

Jedenfalls blieb die Vergangenheit weitestgehend ein Tabu, und Kommerzialrat Egon Klopp äußerste sich auch kaum je zu politischen Themen (höchstens im engsten Freundeskreis). Dass hier die dunkelsten Seiten seines Lebens doch noch vor den Schleier des allgemeinen Vergessens geholt worden sind, verdanken wir einerseits schriftlichen Unterlagen, die nach Egon Klopps Tod auf seinen Sohn übergegangen waren; anderseits dem übermäßigen Alkohol, einer ansonsten für Benno durchaus unüblichen Besäufnis also im Kreise seiner Frau und des quasi wiedergefundenen alten Freundes … (Warum Klopp senior an seine Taten überhaupt in schriftlicher Form – und just dem Sohn zugeeignet – erinnern zu müssen glaubte, wissen wir nicht. Es wäre daher reine Spekulation, sagen zu wollen, es sei aus dem Stolz des Unverbesserlichen heraus geschehen. Mit Buße wird es indes kaum viel zu tun gehabt haben.)

Man war an diesem Abend, wie gesagt: mit relativ viel Alkohol – sogar Benno, an sich alles andere als ein wackerer Schnapstrinker, schüttete ausnahmsweise ziemliche Mengen Wodka in seinen ohnedies diffusen Lehrerkörper – zusammengehockt und zuletzt dementsprechend hergerichtet auseinandergegangen. Nicht ohne sich gegenseitig zuvor noch hoch und heilig zu versprechen, ab nun wieder öfter etwas gemeinsam zu unternehmen. Gemeinsam! Ehrenwort!

Andiamo!, hatte Benno, leicht schwankend seiner ebenfalls nicht mehr so ganz nüchternen Frau Irene zugelallt, als sie sich von den Hockern vor der Theke der Hotelbar des Radisson Blu mit seinen fünf Sternen möglichst mehr oder minder elegant zu erheben bemühten.

„Andiamo!“, hatte Hans, auch nicht gerade besonders aufrecht, dann doch leicht belustigt (obwohl ihm ganz und gar nicht zum Lachen zumute war) repliziert.

*

Hans glaubte Stunden danach, am Morgen also und wieder einigermaßen klar im Kopf, sich recht gut vorstellen zu können, worum es in dem auf das trinkfreudige Zusammensitzen folgenden Gespräch des Ehepaares Klopp noch gegangen sein mochte; denn dass Irene und Benno nach diesen hier eben eröffneten Ungeheuerlichkeiten ein solches führen würden, stand für den „Thalia“-Reiseleiter fest und außer Frage. Und: Wie könnte auf die beiden (und das Verhältnis zwischen ihnen) der Nachklang dieser ganzen Danzig-Reise in Zukunft weiter wirken? Welche Qualität hatte das? Und vor allem: Wie belastend würde sich das alles womöglich auf das Zusammenleben künftig auswirken? Oder drang das Ganze gar nicht wirklich zu diesen beiden Menschen vor? (Obwohl es immerhin auch um Irenes kaschubische Vorfahren ging; und, vor allem freilich, um Bennos Vater und das Bild, das Irene sich künftig von ihm zu machen hatte.)

Nun ja. Diesem penetranten Hofrat Benno Klopp vergönnte Hans das Ungemach eigentlich; diesen seelischen und beziehungstechnischen Kollateralschaden; ja, doch … Schließlich hatte der eingebildete Schulmann, Karrierist und Quatschkopf es sich größtenteils doch selber eingebrockt. (Wie Siegfried die Kalamitäten mit Alberich …)

Irene? Hm. Das mit ihren Vorfahren und der Verwandtschaft von Vater Konrad Aislingen her …, gut, das tat dem wissenschaftlichen Reiseleiter in der Tat leid.

Aber dass sie sich damals für Benno und gegen ihn, Hans, entschieden hatte …?!

Das – – – war ja nun tatsächlich wahnsinnig lang her. Hm.

Jedenfalls, beschloss Hans Fürnschuss, wieder ziemlich nüchtern und erstaunlicherweise weitgehend unverbittert, dass er sich nicht das Leben nehmen werde; egal, wie sich die Dinge bei ihm gesundheitlich (und überhaupt) auch immer weiterentwickeln sollten.

Ja, er würde die Chemo-Therapie machen. Bestimmt.

Wenn es schon nichts nützte, so konnte es zumindest auch nichts mehr schaden.

Hans trank seinen morgendlichen Kaffee im Radisson Blu. Auch wenn das dunkelbraune Gebräu nicht besonders gut schmeckte. Und er rauchte seine Frühstückszigarette mit einigem Genuss.

Immerhin – er selbst war guter Dinge.

Ja.

 

E N D E

 

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