Der Tod hat

schlechte Laune

Eine Farce

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2008 ff.

(ENDFASSUNG 2015)

Sterblichkeit – der uns bekannte Teil

der Unsterblichkeit.

Ambrose Bierce, Des Teufels Wörterbuch

*

Die Lebenden sind ein Augenblick gleich

der Gegenwart; die Toten aber sind die Unend-

lichkeit der Zeit und sind die Beständigen.

Heute ist ihnen wie gestern und morgen,

den Unterschied der Jahre kennen sie nicht,

und sie sind in einer großen Gelassenheit.

Werner Bergengruen, Der Tod von Reval

*

PERSONEN:

TOD

MADAME DE POMPADOUR

ALESSANDRO GRAF CAGLIOSTRO

GRAF VON SAINT-GERMAIN

GIACOMO CASANOVA

CHRISTIANE VULPIUS-GOETHE ERNA MÜLLER

TONI, ein Kind

KOMMISSAR KNILCH

PAULANER, sein Assistent

MAX, Requisiteur

STIMME Friedrich Johann Justin Bertuchs

STIMME Knilchs

VAMPIR THEO

ORT:

EIN „SALON“/FREIES FELD

ZEIT:

JETZT

KOSTÜME:

Ausgehendes 18. Jahrhundert, entsprechend der Epoche, in der die Pompadour,

Saint-Germain, Caligliostro, Casanova und Christiane gelebt haben; Anachronismen sind

indes erwünscht. Erna Müller und Toni sind der Mode der 1950er-Jahre adäquat

gekleidet, die „Gegenwärtigen“, das sind Knilch, Paulaner und Max,

im Stil der Jetztzeit. Der Vampir ist einer. Der Tod wirkt quasi zeitlos.

SPIELWEISE:

Das Spiel changiert zwischen Action- und Historienstück,

Kriminalgeschichte, Posse und Komödie.

Einigen Szenen wird eine Video-Kurzfassung, eine Art Trailer,

vorangesetzt. Während der an Comics gemahnenden Trailer wird die Musik

auf doppelte Geschwindigkeit geschraubt; dabei herrscht sehr helles,

irgendwie „frostiges“ Licht vor (Ausnahme: Szene 12). Diese Trailer werden über den

Großbildschirm an der Wand abgespielt. Ebenfalls über den

Bildschirm gehen die Porträts (Casanova, Saint-Germain et cetera).

ERSTE SZENE:

Tod (allein)

Gedämpftes Licht in einem an sich jedoch hellen Raum. Die Einrichtung ist nüchtern, doch nicht abweisend: Ein langer Tisch (in Wahrheit aus vier kleinen Tischen bestehend) mit acht Stühlen, ein Beistelltisch als Bar mit Getränken und Gläsern und einer dicken weißen Kerze, eine Chaiselonge, einige Bilder an den Wänden, eine Stehlampe, eine hohe Bodenvase, ein riesiges TV-Gerät mit Flachbildschirm an der Hinterwand. Leise Musik: ein argenti-

nischer Tango. Nach etwa zehn Sekunden Leere auf der Bühne tritt der Tod auf. Er ist zwar schwarz gekleidet, was ihn als Tod kenntlich macht, könnte indes auch ein (Innen-)Architekt sein oder ein Intellektueller der 1950er Jahre, als es noch Intellektuelle gegeben hat.

Der Tod ist zwar blass im Gesicht, aber nicht übertrieben weiß geschminkt.

Sein Gang ist vorsichtig, doch nicht langsam, auch ist weit

und breit keine Sense zu sehen. Er macht eine kurze, abweisende, energische Bewegung,

und die Musik bricht ab.

TOD (ärgerlich) Also, sie gehen mir auf die Nerven mit ihrer Gesundheit: wie braungebrannte Ferkel, immer wohlauf und alert. Voll Wellness und Sport vor sich hin hechelnd, von SPA-Bereich zu SPA-Bereich hastend! Wie junge Hunde. Ferkelhunde – Hundeferkel … Mit ihren verwegen verhuschten Weißschöpfen, diese in sündteuren Solarien gebräunten, zellerneuerten Senioren! Tattergreise und –greisinnen, denen man das Tattern weggefiltert hat durch Unmengen von Anti-Aging-Tinkturen! In ihren zu kleinen Badehosen und Minibikinis … Von Sonnencreme glitschend und von Öl … Unverschämte Kukident-Weißstrahlen aus ihren ewig grinsenden Mündern versendend – wie einsame Radiostationen im afrikanischen Busch. Und in dem führen sie auch etwas, im Busch nämlich. Ja, sie hecken unentwegt irgendwelche Unverschämtheiten aus, die allesamt nur eines zu sagen und auszudrücken scheinen: Wir wollen ums Verrecken nicht verrecken! – Und das zu mir, gerade zu mir, zum Tod! Zu sehr sind ihre Züge geliftet und von Botox geglättet, um noch an Lebendiges zu erinnern; wie ihre Gedanken – so sie überhaupt zu solchen fähig sind … Einfältiges Greisengesindel, das darauf hofft, dass auch die Einfalt möglichst wenig Falten wirft! Nein, keine Falten! Nur keine Falten! Um Gottes Willen – nur keine Falten! Lüsternheit, ja. Falten, nein. Greisengesindel, lüsternes! Mit Viagra halten sich die Pseudomänner oft über Jahrzehnte pseudomännlich, mit Gleitcreme die Pseudofrauen pseudogeschmeidig. Und mit siebzig sogar obliegen sie noch künstlich arrangierten Mutterschaften, auf dass die später dann solcherart ans Licht der Welt gezerrten Würmer Urenkel und Kind in einem seien, erstaunt bis selig umgafft von den lange vorher schon gezeugten Nachgeborenen! Ich verachte sie, sie alle! Unnötige Arbeit, zusätzliche, (kurz ans Publikum gewandt) glauben Sie mir! Und wenn sie dann endlich doch noch krank sind oder gar dahinzusiechen beginnen, gehen sie mir erst recht auf die Nerven. Allein schon ihre degoutante Ausdünstung, dieses infernalische Vor-sich-hin-Stinken … Und erst ihr unerfreulich irrer Blick aus den todestiefen Augen – (wieder zum Publikum) hören Sie, ich bin vom Fach! Ich weiß, wovon ich rede! – Ihres Siechtums allein wegen schon könnte ich mich ankotzen. Ja – und wie sie dahinschleifen auf ihren zu Nichts mehr verwendbaren dünnen Beinen in den überdimensionierten plüschenen Pantoffeln mit langohrigen, hellblauen Hasenköpfen oder pinkfarbenen Lämmerschädeln … Dabei könnten ihre blauen Krampfadern als Stützsysteme herhalten, wären sie dafür konstruiert! – Da schleifen sie dahin – oder sie werden dahingeschleift, noch scheußlicher …; von nicht minder scheußlichen Helferinnen und Helfern, denen schon jetzt davor graut, auch einmal so zu werden, wie die heute schon sind, so zu enden wie die, die sie heute hinter sich herschleifen oder vor sich herschieben … Und die sie eben darum hassen, weil sie wissen, dereinst mit größter Wahrscheinlichkeit e b e n s o zu enden, wenn es so weit ist – und es ist justament gar nicht so weit, bis es so weit ist …! Glauben Sie mir!

Oder die Behinderten, denen man – egal, ob sie es verstehen oder nicht – dauernd einzureden versucht, sie seien normal. Und sie sind es dennoch nicht. Weil sie behindert sind, verdammt noch mal! Die mit mir zu nehmen, ist immerhin nicht ganz so unerfreulich. Ja: Mit denen fühle ich mich irgendwie verbunden. Denn die können nichts dafür, dass das Alles so ist, wie es nun einmal ist …, nein, die können nichts dafür … So ein kleines Mädchen mit Glasknochen, die andauernd zu Bruch gehen; so ein Bub, der zehnmal schneller vergreist als sein Großvater; die mag ich. Die zu holen, macht wenigstens – und in Maßen – Freude. Da spüre ich Ähnlichkeiten zwischen ihnen und mir. Denn, glauben Sie mir, mein Job ist auch nicht ohne …!

Übrigens, am aller-ekligsten sind die sogenannten Sportlerinnen und Sportler. Diese Kretins. Die dumpfen Nordic-walkenden Walküren und ihre abgezehrten Rittersmänner – oh, ich hasse sie! Brechen mir in irgendeiner Zielgeraden zusammen! Benehmen sich wie die letzten Spastiker – und d i e können es wenigstens wirklich! Zappeln hin und her, ausschließlich trüben Blicks und dummer Glotzerei fähig wie die ersten Menschen, obwohl sie eindeutig das Letzte sind …! Igitt …

Und dann die Exemplare aus der Sonderabteilung. Die, die sich da hektisch an jedes Hoffnungsstrohhälmchen klammern, wie dünn auch immer es sei! Und die nicht und nicht den Löffel abgeben wollen …! Die kotzen mich einfach an, ja! Denen springe ich noch in alter Manier und tatsächlich ins Genick! Packe sie! Würge sie – und aus …

Und doch: Dann kratzen sie alle, summa summarum a l l e – nicht zuletzt dank meiner Hilfe und Kompetenz – endlich ja doch noch ab. – Und gehen mir erst recht auf die Nerven. Denn auch als Tote sind mir die Toten der Graus, der sie mir als angeblich Lebende zuvor schon waren … Nur eben anders. Weniger intensiv, doch, danke: Es reicht schon!

Notabene: Wer lebt denn t a t s ä c h l i c h , während er a n g e b l i c h lebt? Was spielt sich tatsächlich ab zwischen dem Sternchen vor dem Geburtsdatum und dem Kreuz vorm Todestermin? Ist d a s ein Leben?! In den meisten Fällen ist es – eine F a r c e . Und, Sie dürfen es mir ruhig glauben: Der Tod kriegt schlechte Laune beim Anblick dieses Elends …!

Denn zwischen dem, was erreichbar wäre und angestrebt wird, und dem, was zuletzt erreicht worden ist, klafft ein Loch. Und dieses Loch nennt man ziemlich schönfärberisch „Bilanz des Lebens“. Schöne Bilanz das, so im Allgemeinen … Aber nicht, dass Sie jetzt glauben, ich hätte es auf frisches Fleisch abgesehen! Mitnichten! Dralle, vollbusige Weiber oder vor Männlichkeit strotzende Athleten oder so … Nein! Ein athletischer Männerkörper oder ein weibliches Pin Up, sie kommen mir vor wie eine Fata Morgana, deren Schattenwurf, einem spielenden Hündchen nicht unähnlich, in der sirrenden Hitze um die aufgemotzten Gestelle huscht … Auch die strammen Säuglinge oder die rotbackigen Kinder, die jungen hübschen Mädchen und die angeblich so stahlharten Burschen gehen mir auf den Sack. Alle.

Die Neugeborenen, die alles frühere Wissen in den großen, ungläubigen Augen tragen. Die nicht sprechen können, weil sie nicht sprechen dürfen … Es vermöchte ja – um Gottes Willen! – irgendein Urgeheimnis preisgegeben werden! Ein Wissen, das gefälligst erst einmal vergessen werden muss im Lauf des sogenannten Lebens … Fragen Sie mich nicht, warum … Vielleicht – damit ein Teil, ein kleiner Teil davon, mühsam genug, neu oder wieder erworben werde … Illusionen, Illusionen …

Egal, wie alt, jung, gesund oder behindert, debil und siech sie sind, ich muss sie alle, wie es so schön heißt, holen. Streng nach Dienstplan. Und sie widern mich an. Alle. Ausnahmslos. –

Das war freilich nicht immer so.

(Der Tod greift sich einen Schwenker, schenkt Cognac ein, nimmt sich einen Sessel und rückt ihn vom Tisch weg. Setzt sich – fast gemütlich. Entzündet eine Zigarette. Wird quasi intim.)

Hören Sie, dazumal …, ich meine, man war ja auch einmal jung … und … (Wieder setzt die Musik vom Beginn ein) Also schön … Da habe ich einmal ein Mädchen gekannt, und war sozusagen, in Liebe entbrannt … Oh, jetzt werde ich noch poetisch! Also, eigentlich sollte ich sie holen, aber das entpuppte sich zunächst einmal als schier unmögliches Unterfangen – für mich. Ja, ja, genau: Zwei Seelen, ach … und so … Ein Kampf tobte in mir, demzufolge: ein innerer Kampf … Ich konnte nicht, ich wollte nicht – aber ich wusste, ich musste … Verflixt, schon wieder ein niedriger Reim … – (Als antworte er auf einen Einwurf aus dem Publikum) Wie meinen Sie? Ob die Liebe nicht stärker sei als der Tod?! – Also bitte, das dürfen Sie nun wirklich nicht ausgerechnet mich fragen … – Ich kann Ihnen sagen, damals, als ich so hin- und hergerissen war, da hat man mich „von oben“ ganz schön unter Druck gesetzt, bis ich dann endlich … Ich hab’ gesagt: „Muss es ausgerechnet d i e sein?! Ich hol’ euch sonst wen, gern sogar! Auch gleich mehrere …“ – „Ja, d i e !“, haben die Bürokraten dezidiert geantwortet, „und mach’ schon!“, haben sie gesagt. Ganz dringend getan. – No, habe ich eben gemacht, was ich gelernt hatte … Erna, Erna Müller hat sie geheißen … Und jung war sie, so jung … und schön … Erna …

(Der Tod trinkt aus, räuspert sich, stellt das Glas zurück. Nüchterner Ton, während der Tango ausklingt und neue, getragene Musik anhebt)

So, genug monologisiert! Jetzt wollen wir beginnen. (Zum Publikum gewandt, dienstlich) Wir werden die folgenden Szenen übrigens in deutscher Sprache spielen. Erstens, weil nicht alle Schauspieler-Kolleginnen und –Kollegen in Französisch, Englisch, Italienisch und Was-weiß-ich-noch-alles so besonders gut sind. Und zweitens, weil Sie, liebe Zuschauer, es vermutlich auch lieber simpel haben. Sie sind solches ja von der Mehrzahl der Filme und Fernsehspiele her gewohnt, die Sie sich tagtäglich, vor der Glotze hockend, `reinziehen … Ja, nicht zu vergessen: die Telenovelas! Da wird auch meist in einer Sprache gesprochen, auch wenn verschiedene Idiome im Spiel sind. So brauchen Sie sich nicht besonders anzustrengen beim Verstehen …, Pardon … Ja, und Unter- oder Obertitel erschienen dem Produktionsmanagement in unserem Fall zu aufwendig …

Ach ja, noch was: Wir spielen Ihnen ein paar Mal die dann jeweils folgende Szene zunächst in Kurzfassung über den Fernsehbildschirm vor. Wir servieren Ihnen sozusagen einen Trailer. Das kennen Sie ebenfalls vom TV her … Dann wissen Sie, worum es geht, und brauchen nicht mehr genau aufzupassen – wenn es Ihnen nicht konveniert, genau aufzupassen. Das ist unser spezieller Service … Also dann …

Musik aus

BLACK OUT

ZWEITE SZENE:

(TV-Trailer)

Saint-Germain, Cagliostro, Casanova; Erna Müller,

Toni; Tod; später M. de Pompadour, Christiane Vulpius-Goethe.

Frostiges Licht, fetzige Musik.

SAINT-GERMAIN (Hitzig zu Cagliostro) Das würde Euch wohl so passen, Schuft! Dahergelaufener sizilianischer Schuft! (verächtlich) „Alessandro G r a f Cagliostro“! Pah, sagt doch ehrlich: „Ich bin Giuseppe Balsamo, der bekannte Scharlatan!“ (Es entsteht ein Gerangel, Saint-Germain greift sich die Bodenvase und zerschlägt sie an Cagliostros Kopf – die Vase birst in Scherben)

CAGLIOSTRO (Stürzend) Was erlaubst du dir, du nicht weniger s o g e n a n n t e r G r a f Saint-Germain?! In Wahrheit bist du – ein kriminelles Nichts aus dem Piemont! Ich hingegen – (sieht sterbend auf die Scherben) oh, wenigstens Ming! Noblesse oblige …

CASANOVA (Durchbohrt Saint-Germain mit seinem Degen) Da! Da habt Ihr, falscher Graf! Wir hatten übrigens noch eine amouröse Rechnung offen … Entsinnt Ihr Euch?!

SAINT-GERMAIN (Stürzend) Von wegen: Noblesse oblige …! (Er haucht lautstark sein Leben aus) Pfff …

ERNA MÜLLER (Erschießt Casanova mittels Revolvers, der legendäre Frauenheld fällt röchelnd) So nicht, Sie …, Sie Don Juan!

CASANOVA (Sterbend) Da muss eine Verwechslung vorliegen: Gestatten, Casanova, Chevalier de Seingalt! Nicht Don Juan! Mit dem habe ich nichts zu –

ERNA MÜLLER – Seingalt?! Egal, verruchter Schürzenjäger!

CASANOVA (Weiter sterbend) „Ich gehe durch den Todesschlaf / Zu Gott ein als Soldat und brav.“ – Pfff …

TONI (Begeistert) Super! Das ist ja megaphat! Viel geiler als „Nitendo“! Echt klasse!

TOD (Zufrieden) So lob’ ich es mir!

POMPADOUR (Hereinstürzend) Igitt! (Exaltiert zur Vulpius, hinter sich) Christiane! Madame von Vulpius-Goethe! Ach! Weh! So sehen Sie doch!

CHRISTIANE (Steckt quasi den Kopf zur Bühne herein) Ohhhh! (Schwankt, hält sich an einem Sessel fest) Grauslich, das! (Fällt ohnmächtig in den Stuhl. Die Pompadour fächelt ihr Luft zu, reicht ihr ein Glas Wasser et cetera.)

TOD (In die Hände klatschend) Zu Tisch, meine lieben Herrschaften! Zu Tisch!

Die „Toten“ erheben sich, die ohnmächtige Christiane setzt sich bequem hin – wie auch die anderen. Man isst und prostet sich zu – alles war „Spiel“! … Dann:

Freezing!

Musik aus!

BLACK OUT

DRITTE SZENE:

(Normal)

Die Vorigen.

SAINT-GERMAIN, CAGLIOSTRO, CASANOVA, ERNA MÜLLER, TONI sitzen um den Tisch, dessen eines Kopfende unbesetzt bleibt. Auch zwei weitere Stühle sind noch frei. Die Vase aus der Einspielung ist klarerweise wieder ganz. Die Leute geben sich dem Essen und Trinken hin. Die Grafen verdrücken wenig stilvoll ihre Hühnchen und sprechen dem Wein beziehungsweise dem Champagner zu; Erna Müller schmaust Frankfurter Würstel mit Kren, Senf und Semmel und nippt an ihrem Glas Bier; Toni mampft Pommes frites mit Ketchup und trinkt Coca-Cola. Gedämpfte Konversation. Wenn die POMPADOUR erscheint, gibt es das entsprechende Sesselrücken und die obligaten Verbeugungen. Kurz ist zuletzt auch noch CHRISTIANE VULPIUS-GOETHE zu sehen. Der TOD steht fast unbewegt – und unbeweglich – am Bühnenrand. Das Licht strahlt voll, mit einem leichten Orangeton. Frühbarocke Musik, nicht zu laut.

CAGLIOSTRO (An die Runde gerichtet) Eine Frage macht mir in letzter Zeit immer wieder und immer stärker zu schaffen. Sie beschäftigt mich beinahe schon über Gebühr, und sie verhindert meinen gewohnten tiefen Schlaf, in den ich mit Leichtigkeit gelange nach einem arbeitsintensiven Tag.

CASANOVA (Gespielt interessiert) Nämlich, Graf Cagliostro? Welche Frage bewegt Euch so sehr, dass Ihr sogar der Schlaflosigkeit anheim zu fallen Gefahr lauft?! Erzählt es uns!

CAGLIOSTRO Nun denn, also … Die Frage, die mich so sehr bewegt, ist die: Warum schließen wohl die Katzen in aller Regel die Augen, wenn man ihnen seinerseits lange und intensiv genug in die ihren blickt?!

SAINT-GERMAIN (Eifrig) La Mettrie, der große Julien Offray La Mettrie, und wie ich zu behaupten wage: mein Freund, La Mettrie also sagt: Sie, die Katzen, wollen solcherart verhindern, dass der Mensch glaube, er sei ihnen ebenbürtig …

CAGLIOSTRO Ebenbürtig?! Und überhaupt: Graf Saint-Germain, Ihr F r e u n d La Mettrie, Ihr F r e u n d La Mettrie! Dass ich nicht lache! La Mettrie, der berühmte Arzt, Naturwissenschaftler sowie Autor und – S i e ! Wenn Julien Offray La Mettrie Sie sähe, würde er genauso die Augen schließen, wie die Katzen es tun. Und warten, bis sich das üble Trugbild Saint-Germain endlich, Gott sei’s gedankt!, endlich wieder verflüchtigt hat …! Messen wollte man lesen lassen …

TONI (Leise zu Erna Müller) Um welche Katze geht es da? Vielleicht um die Mimi von der Hausmeisterin Blaschke?! Die junge braune, die mit dem einen schwarzen Ohrwascherl und dem hellen Fleck über dem linken Aug’ –

ERNA MÜLLER (Ebenso leise) Pscht, Toni! Sei ruhig! Lass’ uns lieber zuhören!

TONI (Leise, doch insistierend) Eine Glückskatze, sagt die Frau Blaschke! Du, warum ist die Mimi eine Glückskatze?! Am Ende, weil –

ERNA MÜLLER (Fast ungehalten) Pscht! Sei endlich still, Toni! Sonst hören wir ja –

SAINT-GERMAIN Ach was! Aus Ihnen spricht doch bloß der Neid, der blanke Neid, Cagliostro! Der blanke gelbe Neid … Mein Freund La Mettrie –

CAGLIOSTRO Gelber Neid?! No, wenn schon, dann grüner Neid! Grün, gefälligst –

CASANOVA (Beschwichtigend) Aber bitte, meine Herren! Gelb oder grün – was spielt das denn hier für eine Rolle?! – Nun, La Mettrie wird in gewisser Weise Recht zu geben sein. Ist doch die Katze beispielsweise bei den Ägyptern quasi die Reinkarnation der Gottheit –

CAGLIOSTRO (Nun Casanova anfahrend) Ägypten! Ägypten! Reden Sie doch nicht über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben, Chevalier! Ägypten! Immerhin habe ich sehr lange in Ägypten gelebt und kenne das Ägyptische gleichsam in- und auswendig! Ja, wie meine Hosentasche …

CASANOVA Oh, welch reizender Anachronismus … „Die Hosentaschen des Grafen Cagliostro und ihr mannigfaltiger Inhalt in weitgehend hosentaschenloser Zeit“ …

TONI (Essend, zu Erna Müller) Übrigens, unsere Katze heißt Angelina – nach der Jolie …

ERNA MÜLLER (Tadelnd) Mit vollem Mund redet man nicht, Toni!

TONI (Trotzig) Blahblahblah … Und doch – sie heißt Angelina! Und hat solche Lippen (Bläht sich auf), ehrlich! Hat sie! Und –

CASANOVA (Zu Cagliostro, ironisch) Ach, Graf! Sie und Ihre Ägyptologie … So unausgegoren wie ihre ,,Ägyptische“ Freimaurerloge, was …?! Insgesamt eine geistige Zumutung – und für den Exponenten der galanten Welt ein Ärgernis! – (Zu Saint-Germain gewandt) Was sagen Sie, lieber Graf Saint-Germain?

SAINT-GERMAIN (Verlegen) Also, ich will mich ja nicht einmischen in Dinge, die nicht so ganz die meinen sind … Aber unser Collega Cagliostro neigt nun einmal nicht selten zu Übertreibungen, wenn ich das mal so sagen darf … Man schießt da bekanntermaßen leicht über das anvisierte Ziel hinaus! Wenn die Ladung nicht ohnehin nach hinten los geht …

CASANOVA … und allemal am Stein der Weisen vorbei!

CAGLIOSTRO (Ihn imitierend) Stein der Weisen! Stein der Weisen! – Was wissen denn Sie, Casanova, überhaupt von der edelsten der Künste, der Alchemie?! Chevalier, schweigen Sie lieber, bevor –

SAINT-GERMAIN Na, na, na! So viel wie Sie von der Alchemie verstehen, hat auch unser Freund Casanova drauf, glauben Sie mir! Bitte, nur keine Eifersüchteleien unter Goldmachern, Edelsteinschleifern und anderen Schönfärbern …, wenn ich das einmal so salopp formulieren darf!

POMPADOUR (Sie hat erst jetzt ihren großen, von einem Extra-Scheinwerfer [bläuliches Licht!] „verfolgten“ Auftritt, was zu entsprechendem Sesselrücken und zu diversen Höflichkeitsbekundungen Anlass gibt. Die Herren Grafen schenken ihr vom Champagner ein, was sie huldvoll quittiert) Messeurs! Meine Herren! Was Ihren Disput betrifft: Ich bitte – Contenance! Contenance! – (Zum leeren Platz der Vulpius gewandt) Immer so hitzig, diese Herren Kavaliere! Gelt ja, Frau Christiane?! (Gewahrt, dass die noch nicht da ist) Ah, die Frau Vulpius-Goethe ist ja noch nicht anwesend …

SAINT-GERMAIN (Deutet eine Verneigung gegen die Pompadour hin an) Außerdem vermag sich manches, uns heute noch als dubios erscheinend, alsbald im hellsten Licht des Wissens zu zeigen, strahlend und klar …

CASANOVA Und was heute strahlend und klar, wenn auch ein bisschen dubios erscheint, wird morgen, zumindest en detail, nicht selten als verbrecherisch eingestuft …

CAGLIOSTRO Was soll uns die krause Rede, Chevalier?! – Außerdem und überhaupt: Nichts gegen das Verbrechen … (Erschrickt über sein eigenes, ausgelassen gelassen ausgesprochenes Wort) Ich … meine …, es gehört … eben auch zum … Leben dazu, … nicht wahr?! Kein Licht ohne Schatten, keine Höhe ohne Tiefe …, keine Völlerei ohne Bauch …

CASANOVA (Nun dem Kontrahenten sogar kopfnickend teilweise zustimmend) Émile Durkheim wird dereinst feststellen, jede Stufe der Zivilisation habe ihre eigenen Normen, ihre Moralvorstellungen und ihre eigene Kriminalität. Und der französische Soziologe wird uns sogar mit der provozierenden These konfrontieren, ein bestimmtes Maß an Kriminalität sei integraler Bestandteil einer g e s u n d e n Gesellschaft. Denn erst durch das Verbrechen versichere sich die Gesellschaft ihrer Werte und Normen …

CALIOGSTRO Potz Tausend auch! Werte und Normen … – Werte, Normen – und Kriminalität … (Direkt an Casanova) No, Casanova, Sie müssten ja wissen, was es mit Kerker und Gefängnis auf sich hat! Ich sage nur: Venedig und seine Bleikammern …

CASANOVA (Lacht) Nun, ja, eine gewisse Bleikammernerfahrung eignet mir allemal! – (Zu Cagliostro gewandt) Aber so ganz ohne Eingriffe von Obrigkeitsseite verläuft es in Ihrer und (zu Saint-Germain) in Ihrer Biographie ja auch nicht, oder, meine Herren?! – (Direkt an Saint-Germain gewandt) Im Übrigen: Wir beide haben, streng genommen, ja noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen, wenn ich das mal so salopp sagen darf?! Wie hieß sie doch gleich? Maria Antonia – oder besser gesagt: Marie Antoinette, wie wenig später die unglückselige Habsburgerin auf dem Bourbonenthron, dieses unbedarfte Töchterl der angeblich so großen Maria Theresia von Österreich …?!

SAINT-GERMAIN (Kurz aufbrausend und sich an den Degen greifend) Erinnert mich lieber nicht an diese Sache, Giacomo …! Außerdem – hatte uns nicht unsere gemeinsame hochgestellte Freundin (er macht eine Verbeugung in Richtung der Pompadour), Madame de Pompadour, besagtes Mädchen vorgestellt?! Amalie, so glaube ich, hieß das gute Kind. Und bestimmt nicht Marie Antoinette, bitte! Amalie! (Ziemlich derb) Und Ihr, Casanova, musstet sie mir vor der Nase wegschnappen! – (Plötzlich beschämt, den philosophischen Gedanken von vorhin wieder aufnehmend) Hm. – Ach ja, Werte – gut, Normen – gut, Gesellschaft – gut. Auch Gut und Böse – gut. Aber, meine Damen und Herren, (an Toni gerichtet) liebes Kind: Worum geht es denn in Wirklichkeit?

CAGLIOSTRO Na, worum denn, Sie Dr. Allwissend?!

SAINT-GERMAIN Um Sein oder Nichtsein. (Cagliostro schaut belämmert, Casanova nickt indes lächelnd. Das Haupt-Licht flackert unruhig auf wie bei einer Stromschwankung)

TOD Sein oder Nichtsein. Das ist gewissermaßen mein Stichwort. Vielleicht – noch besser: Schein oder Nichtschein …?! – (An die Gesellschaft gerichtet) Nun, wie Sie wollen, meine Verehrtesten … (Er tritt in das Bühnenzentrum, während seines Monologs einmal mehr zum Publikum, dann wieder mehr zu den „Personen“ gewandt, die eher dezent reagieren. Zunächst an Cagliostro adressiert) Sie, Graf Cagliostro, mögen ja aus Ballaro bei Palermo in Sizilien kommen oder, wie Sie gerne erzählten: aus Neapel, und in Wahrheit Giuseppe Balsamo heißen, oder aber in Ägypten groß geworden sein …, wer weiß?! Vielleicht stammen Sie ja auch von den Eltern her aus Malta und sind tatsächlich hochedler Abstammung? Wie auch immer – es ist eigentlich egal. Oder: Hören Sie d o c h lieber auf den Namen eines Grafen Pellegrini? Als Balsamo wie als Caliostro/Pellegrini hat Sie – und Ihre liebreizende Gattin Lorenza Feliciani, vulgo Serafina, diese, pardon: ziemlich vulgäre Halbweltdame aus Rom – doch auch unser lieber Freund Casanova, abermals pardon: der selbsternannte Chevalier de Seingalt, damals in Aix-en-Provence kennen gelernt und beschreibt Sie, Cagliostro, als überaus begabten Zeichner und Urkundenkopisten … Freilich, so ganz geheuer waren sie ihm nicht: Mindestens hielt er Sie für einen Scharlatan … (Zu Casanova gewandt) Nicht wahr, Chevalier?! (Casanova nickt beifällig) (Wieder zu Cagliostro) Sie beide, Sie und Serafina, sind in Aix als armes Pilgerpärchen aufgetreten, das sich angeblich, von Santiago de Compostela kommend, auf dem Rückweg nach Italien befunden habe … (Cagliostro sitzt wie versteinert, löst sich erst langsam wieder. Er will etwas sagen, lässt es aber, die Faust ballend) Später wurden Sie dann sogar beschuldigt, in die berühmte „Halsbandaffäre“ verwickelt zu sein, rund um Königin Marie Antoinette – (kurz an Saint-Germain gewandt) die e c h t e Maria Antoinette, versteht sich! – und den Kardinal Louis-René Edouard de Rohan-Guémené, auf den Sie ja mächtig Eindruck gemacht haben …! Ach, ja, die „Halsbandaffäre“, die das Königspaar, das von der Masse ohnehin schon weitgehend abgelehnt wurde, bei Adel und Volk noch unbeliebter machte, diese „Halsbandaffäre“ brachte Ihnen immerhin die Ausweisung aus Frankreich ein. Auch wenn Sie in der Tat nichts mit dem teuren und exquisiten Stück der Pariser Prominenten-Julweliere Charles Auguste Boehmer und Paul Bassenge zu schaffen hatten, das ursprünglich Ludwig XV. für seine letzte Mätresse, (an die Pompadour gewandt) also für eine ihrer Nachfolgerinnen, kurz: für Madame Marie-Jeanne Dubarry, kaufen wollte. Doch der Preis war selbst dem König zu hoch … Nun war es, wie sich bald unter großem Getöse herausstellte, der bei Marie Antoinette schon in Wien in Ungnade gefallene gesellschaftlich nicht eben geschickt agierende Kardinal de Rohan, der sich bei der Königin mittels teuren Geschmeides aus 647 Steinen, wohlfeil um 1,6 Millionen Livres zu haben, erneut einschleimen wollte – aber leider einer Gruppe von Gaunern rund um die Hochstaplerin Jeanne de La Motte aufgesessen war, der dumme Mensch.

Wie auch immer, Meister Giuseppe Balsamo alias Graf Cagliostro, was das Datum Ihrer Geburt betrifft, herrscht größte Uneinigkeit vor – im Vertrauen, es war der 8. Juni 1743, als Sie im sizilianischen Kaff Ballaro das Licht der Welt erblicken. Ihr Todesdatum ist indes wiederum sogar für die ach so leicht blendbare und verblendete Allgemeinheit gesichert: In Rom werden Sie, nachdem sich Ihr Glücksblatt gewendet hat, durch das Heilige Offizium, die Inquisition also, zum Tod verurteilt. Doch man begnadigt Sie zu lebenslanger Haft. Übrigens: Ihre Gattin, die sogenannte Gräfin Serafina, in Wahrheit, wie schon erwähnt: Lorenza Feliciani, hat sich zu diesem Zeitpunkt schon von Ihnen getrennt und zu allem Überfluss am 26. September 1789 sogar gegen Sie ausgesagt. Sie, Graf Cagliostro – oder doch besser: Krämersohn Giuseppe Balsamo – sterben alsdann am 26. August 1795 in der berüchtigten Gefängnisfestung San Leone in der Nähe der Stadt Urbino in den Markhen. (Cagliostro stößt ein unwirsches „Hm“ aus. Der Tod indes hüstelt nicht ohne Stolz.)

(Dann zu Saint-Germain gewandt) Bei Ihnen, Graf Saint-Germain, verhält es sich nicht wesentlich anders. Auch über Ihr Alter herrschen, bis hin zu Ihrem Tod, anno 1784, der wiederum durchaus belegt ist, ziemlich kühne Spekulationen … Immerhin tauchten Sie anno 1748 in Paris auf, wo man alsbald von Ihnen als einem nicht unbegabten jungen Mann so um die dreißig Jahre sprach, auch wenn Sie gern über ihre angebliche Unsterblichkeit schwadronierten … (Saint-Germain trommelt nervös mit den Fingern der Linken auf dem Tisch, während er hastig trinkt) Waren Sie nun ein Italiener, bester Comte de Saint-Germain? Nein, doch eher ein Spanier? Vielleicht auch ein Portugiese adeliger Abstammung? Oh: ein Jude aus dem Elsass? Oder ein Pole? Ein Emporkömmling, der in Mexiko durch Heirat zu großem Vermögen gelangt war? Vielleicht indes – ein Arzt? Oder – ein berühmter Naturheiler? Nein, am ehesten: ein Musiker, zumal – Geigenvirtuose, und Komponist! Ja, ich hab’s: ein Musikgenie mit Namen – Catalani! Jedenfalls ein Mann, der es durch Kunstfertigkeit und Organisationstalent, zumal später dann, in London, zu einigem Ansehen gebracht hat? Oder – ein Abenteurer, lieber Graf? Ein Spion in Paris? – Fest steht, dass Sie ein Günstling der verehrten Madame de Pompadour waren (kurzes Kopfnicken gegen die Pompadour hin) … Immerhin hat s i e Ihnen, einem ihrer Protektionskinder, den Weg an den Hof von König Ludwig XV. geebnet, dessen mit Abstand einflussreichste Mätresse sie bekanntlich durch Jahre war. (Saint-Germain blickt unwirsch, die Pompadour schaut kurz indigniert auf.)

Doch weiter! (An Casanova gewandt) Sie, lieber Casanova, und Saint-Germain, Sie waren ja quasi Kollegen. Verbrachten doch auch Sie, verehrter Giacomo, eine Zeit lang in ähnlicher Mission wie er an der Seine. Zudem hatte Ihnen doch der Graf bei einem Zusammentreffen wenig diskret von seinen diversen Amouren erzählt … Und Jahre später, in London. haben Sie ihn, als er wieder mal als Wunderheiler ordinierte, in dieser Funktion sogar konsultiert. Hatten Sie sich doch bei einer charmanten hübschen Engländerin eine Krankheit geholt, „deren Namen“ – wie Sie in Ihren Memoiren schreiben – „in der guten Gesellschaft verpönt“ sei … (Casanova rutscht unruhig auf seinem Sessel herum und räuspert sich, bevor er hastig trinkt) – (Jetzt wieder an Saint-Germain gerichtet) Jaja, der zeitraubende Minnedienst hinderte Sie zwischendurch angeblich sogar daran, das Dampfschiff zu erfinden, was Sie doch eigentlich vorgehabt hatten. No, würde Ihnen diese Genialität eben ein Jahrhundert später einfallen! Zeit spielte doch bei Ihren diesbezüglichen Ressourcen kaum eine Rolle! Immerhin ging längst schon die Legende um, Sie seien ohnedies schon zweitausend Jahre alt …! Ach, und Sie verfügten zu allem Überfluss über ein magisches Elixier, das sie im beneidenswerten Zustand ewiger Jugend erhielte; quasi einem vorweggenommenen Oscar Wildeschen „Dorian Gray“ nicht unähnlich … Nun – jetzt ist der Lack auch schon allmählich ab, oder?! (Casanova grinst, und Sain-Germain ist böse) Immerhin, Sie rührten damals zum Unterschied von heute kein Essen an – das Elixier genügte, genau! -, hatten Sie doch angeblich höchstpersönlich am Hochzeitsmahl teilgenommen, das kein Geringerer als Jesus Christus zu Kanaan besuchte. Und ein Dinner, bei dem der Gottessohn selber zwischendurch den Sommelier macht, ist nun einmal schwer zu toppen! (Saint-Germain ist verlegen – schwankt zwischen geschmeichelt und unwillig) – Ach bleiben wir lieber bei der wahrscheinlichen Wahrheit: Sie waren und sind und bleiben ein – Alchemist! Nein, noch besser: ein Scharlatan! Ja, ein – Schurke, o. k.?! (Saint-Germain droht nun tatsächlich höchst aufgebracht mit der Faust) Vielleicht indes – ein besonderer solcher, nämlich auch feinsinniger Diplomat mit besten Verbindungen zu St. Petersburg? (Saint-Germain lächelt wieder geschmeichelt) Oder – ein bibliophiler Adeliger namens „de Saint-Germain“? Oder dann doch ein gewisser Graf Tzarogy oder Fürst Racoczy, nein, am Ende: der russische General Soltikoff? (Schüttelt zweifelnd den Kopf) Ah – Marquis de Montferrat …?! – Lieber Saint-Germain, eines sind Sie auf jeden Fall: ein wandelndes Pseudonym! – Oder ganz handfest – ein geschickter Chemiker und exquisiter Stofffärber? Ein innovativer Industrieller in Sachen Textilien also? Oder aber jemand, vor dem der große Voltaire den Preußenkönig Friedrich II. ausdrücklich warnen zu müssen glaubte, weil er so – ja: so gefährlich sei?! – Egal, wer immer Sie sind oder wie immer Sie heißen, noch ungewisser war für Ihre Epoche – Ihr Alter. Ich freilich lüfte das Geheimnis: Sie wurden im Jahr 1720 geboren und starben, wie ich schon sagte – und ich war schließlich anwesend! –, anno 1784. Übrigens im Dienst des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, für den Sie eine Farbenfabrik einrichten sollten. Dass Sie, Graf Saint-Germain, und Sie, Graf Cagliostro (er weist auf Cagliostro), im früheren Leben einmal, es heißt: in Deutschland, zusammengetroffen seien, will sogar ich dahingestellt lassen – aus Diskretion. Doch könnte ein persönliches Rendezvous vor Zeiten immerhin Ihre gegenseitige Abneigung erklären … – Ach, ja: Dass Sie unter anderem die arme Katharina von Medici, die Schwiegermutter Heinrichs IV., im Jahr 1589 zu Tode erschreckt hätten, ist wirklich eine unverschämte Unterstellung. Noch dazu in der Gestalt oder besser: in der Verkleidung eines Priesters … No, vielleicht waren Sie tatsächlich Jesuit? Jesuit, Freimaurer u n d Jude?! (Saint-Germain macht seltsamerweise bei jedem der Begriffe eine abwehrende Bewegung.)

Nun aber (an alle anderen gerichtet) …, aber kurz noch zurück zur angeblichen Unsterblichkeit oder zur unvergänglichen Jugend unserer widerborstigen Freunde hier: Die beiden Herren da strahlen doch, zugegeben, in gewisser Weise etwas Methusalemisches, etwas unerhört Greisenhaftes aus, auch wenn sie zugleich das Flair ewiger Jugend umgibt wie ein etwas zu aufdringliches Parfum. (Irritation bei beiden Angesprochenen) Eine Vorwegnahme späterer pharmazeutischer Anti-Aging-Erkenntnisse vielleicht?! Eine Diskrepanz, immerhin, die indes gar nichts so Unerklärliches ausdrückt. Denn was ist schon Zeit …?! – (Räuspert sich ein wenig verlegen, als hätte er sich eben dabei ertappt, etwas zu verraten, was besser geheim bleiben sollte.)

Die Zeit … (Zu Casanova) Sie, Monsieur Casanova, angeblicher respektive selbst-ernannter Chevalier de Seingalt, sind, was die Lebensdaten betrifft, auch für weniger Eingeweihte, als ich es – durch meinen Beruf bedingt – bin, fassbar und präsent: Geboren als Giacomo Girolamo Casanova am 2. April 1725 in Venedig, gestorben – mit Sicherheit – am 6. Juni 1798 im nordböhmischen Schloss Dux, wo sie seit dem Jahr 1785 und ihrer zweiten Flucht aus Venedig als Bibliothekar des Grafen Waldstein wirken. Schöngeist, Reiseschriftsteller, Abenteurer, Frauenheld, Spion – pardon: Diplomat, Überlebender der berüchtigten venezianischen Bleikammern, penibler Beobachter des gesellschaftlichen Geschehens … (Casanova nickt mit Bedacht, schenkt sich Wein nach und trinkt, allem Anschein nach, genüsslich; die anderen verharren gespannt.)

Doch nun, spät, aber doch (der Tod wendet sich, mit einer ironischen Verbeugung, zur Pompadour), zu Ihnen, Madame – korrekt: Jeanne Antoinette Poisson, Marquise de Pompadour –, Ihre Lebensdaten sind zwar bekannt, sollen hier indes diskret verschwiegen werden …, einerseits aus Rücksicht auf die Etikette, zum anderen auf Ihre hervorragende Stellung am Hof König Ludwigs des XV. et cetera. (Die Pompadour winkt gnädig mit der Hand und greift zum Glas, in das ihr die Herren Grafen, die sich nunmehr gegenseitig an Höflichkeit zu übertreffen suchen, Wein oder besser: Champagner einschenken.)

Ach … (der Tod weist auf den leeren Sessel der Christiane Vulpius), ach ja …, unsere gute Frau Christiane Vulpius-Goethe! (Trocken) Über sie können wir reden, weil sie noch nicht anwesend ist. Das ist zwar unfein, aber lustig. – Ihr Liebhaber und späterer Gemahl, der Dichter, dilettierende Wissenschaftler, der Tausendsassa und Politiker, kurz: das epochenübergreifende Genie Johann Wolfgang von Goethe, lernt die am 1. Juni 1765 geborene Putzmacherin am 12. Juli 1788, er war eben aus Italien zurückgekehrt, im Weimarer Park kennen. Da stellt sich die um 16 Jahre jüngere Vulpius dem Minister als Bittstellerin in Angelegenheit ihres Bruders Christian August in den Weg. Christiane ist damals eine der miesest bezahlten „Brigitten“, wie man die Arbeiterinnen in der Fabrik für Stoffblumen des Industriellen Friedrich Johann Justin Bertuch nennt, doch besticht die kleine, rundliche Person – Goethe nennt sie in der Folge immer wieder gerne und auch öffentlich seinen „Bettschatz“ – durch ihr forsches Auftreten. Übrigens, ihr Brötchengeber, dieser vielseitige Herr Bertuch, an sich eigentlich ein Gelehrter, anerkannter Cervantes-Übersetzer und später erfolgreicher Verleger literarischer Magazine, war zudem der effiziente Verwalter der Privatschatulle des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach … Dass Goethe seine Konkubine durch 18 Jahre schließlich, anno 1806, doch noch heiraten und den gemeinsamen Sohn August, das einzige überlebende von fünf Kindern, legitimieren wird, will man da in Weimar kaum mehr für möglich halten. Christiane, die eigentlich Christiana heißt, stirbt am 6. Juni 1816, vom angetrauten Dichtergenie ehrlich und schier unendlich betrauert, nach schwerem Todeskampf …

(Zu Erna Müller) Ja, Frau Müller … (Mit Wärme in der Stimme) Erna …, ein Kind der 1950er Jahre, nicht wahr?! Und – …, hm – (Erna Müller sieht ihn indifferent an)

(Zu Toni) Toni, du …, ja –

(Abruptes Ende der biographischen Details. Leichter, abstumpfender Lichtschwenk))

Sein oder Nichtsein. Zumindest für zwei von Ihnen ging es ihr gesamtes Dasein lang nicht zuletzt um die Suche nach dem „Ewigen Leben“ oder zumindest um Mittel, die das Leben verlängern könnten, Chemie und Alchemie, Hoffnung und Chimäre … Sein oder Nichtsein … Nicht wahr, Graf Saint-Germain, Graf Cagliostro?! (Die beiden sehen erst einander, dann den Tod an, nicken leicht verschämt) Sie versuchten krampfhaft, irgendwelche Elixiere herzustellen – und, klar doch, zu verkaufen. Wohlgemerkt: Zu verkaufen an andere, die ebenfalls nicht wahrhaben wollten, was nun einmal unabwendbar ist. (Sehr direkt) Aber zuletzt, wenn ich dann gekommen bin: Sagen Sie ehrlich, war es wirklich so schlimm?! War i c h wirklich so schlimm?! (Trocken) Gut, in der Tat: Überlebt haben Sie es alle nicht. (Kleine Kunstpause)

Sein oder Nichtsein. Immerhin blieb Ihnen so ein banales Gemetzel, wie wir es in unserem Trailer gezeigt haben, glücklich erspart … Oder – wollen Sie…?!

Weitere Szene – fast – wie im Trailer!

Auch frostiges Licht und fetzige Musik.

Saint-Germain, Cagliostro, Casanova; die Pompadour;

Erna Müller, Toni; Tod; Christiane V.-G.

SAINT-GERMAIN/CAGLIOSTRO/CASANOVA Und ob! – Nicht wahr, die Herren?! (Alle drei nicken) Klar!

TONI Sowieso! Gemetzel! – (Zu Erna Müller gewandt, leise) Was ist ein Gemetz-?!

ERNA MÜLLER Das, was jetzt kommt … (kramt in ihrer Tasche nach dem Revolver)

SAINT-GERMAIN (Hitzig zu Cagliostro) Das würde Euch wohl so passen, Schuft! Dahergelaufener sizilianischer Schuft! (Verächtlich) „Alessandro Graf Cagliostro“! Pah, sagt doch ehrlich: „Ich bin Giuseppe Balsamo, der bekannte Scharlatan!“ (Es entsteht ein Gerangel, Saint-Germain greift sich die Bodenvase und zerschlägt sie an Cagliostros Kopf – die Vase zersplittert in annähernd tausend Scherben)

CAGLIOSTRO (Stürzend) Was erlaubst du dir, du sogenannter „Graf Saint-Germain“?! In Wahrheit bist du – ein kriminelles Nichts aus dem Piemont! Ich – (sieht sterbend auf die Scherben) oh, wenigstens Ming! Noblesse oblige …

CASANOVA (Durchbohrt Saint-Germain mit seinem Degen von hinten) Da! Da habt Ihr, falscher Graf!

SAINT-GERMAIN (Stürzend, überrascht, dann sehr verärgert) Doch nicht – von hinten! – Von wegen: Noblesse oblige …! (Er haucht lautstark sein Leben aus) Pfff …

ERNA MÜLLER (Erschießt Casanova mittels Revolvers, der legendäre Frauenheld fällt röchelnd) So nicht, Sie Don Juan!

CASANOVA (Sterbend) Da muss eine Verwechslung vorliegen: Gestatten, Casanova, Chevalier de Seingalt, nicht Don Juan! Mit dem will ich nichts –

ERNA MÜLLER Sengalt?! Egal, Verruchter!

CASANOVA (Weiter sterbend) „Ich gehe durch den Todesschlaf / Zu Gott ein als Soldat und brav.“ – Pfff …

TONI (Begeistert) Super! Das ist ja megaphat! Viel geiler als Nitendo! Klasse!

TOD (Zufrieden) So lob’ ich es mir! (Er setzt sich, greift zum Wein)

POMPADOUR (Konsterniert) Igitt! – (In Richtung linker Tür, aus der Christiane kommen wird) Christiane! Frau Vulpius-Goethe! Ach weh! So sehen Sie doch! Hier, dieses –

CHRISTIANE (Eintretend) Ohhh! (Greift sich einen Stuhl) Grauslich das! – Aber in Ohnmacht falle ich trotzdem nicht. (Sie setzt sich zu Tisch und langt bei Essen und Trinken zu.)

TONI Megaphat! (Er lang erneut in die Schüssel mit den Pommes frites) ERNA MÜLLER (Zu Toni) Lass die Pommes frites! Du hast doch schon genug! Sonst wird dir wieder schlecht! TONI Die sind aber so geil!

TOD (In de Hände klatschend) Recht so, meine Herrschaften! Greifen wir zu!

(Die „Toten“ erheben sich wieder und reichen einander geschäftsmäßig und höflich die Hände. Casanova küsst Erna Müllers rechte Hand. Das Gelage geht mit leiser Konversation weiter, auch die Musik wird lauter, und das Licht steigert sich bis ins ganz Helle.)

Dann hört die Musik abrupt auf.

BLACK OUT

VIERTE SZENE:

Die Vorigen; Max; Stimme F. J. J. Bertuchs aus dem Telefon;

Stimme Knilchs aus dem Telefon

Licht und Musik wie in der Realszene zuvor.

TISCHGESELLSCHAFT (Noch heiterer als in der 3. Szene. Aus dem Off ertönt mehrmaliges Läuten des Telefons.)

MAX (Kommt mit Schnurlostelefon, händigt es dem Tod aus) Ein Anruf – für Sie.

TOD Danke, Max.

MAX (Bleibt im Hintergrund stehen und übernimmt den Apparat später wieder.)

TOD (Telefonierend) Ja, bitte, wer spricht? – Wie? – Ach, Herr Doktor Bertuch … (Stellt auf Lautsprecher.)

STIMME BERTUCHS Ja, Friedrich Johann Justin Bertuch, 1742 bis 1822, Jurist, Theologe, Verwalter der Privatschatulle des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, Fabrikant, Verleger, Buchhändler, Übersetzer und Literat –

CHRISTIANE (Fährt interessiert hoch und hört zu essen und zu trinken auf) Oh …

TOD Womit kann ich dienen, Herr Doktor?

STIMME Sie müssen mich entglimpfen.

TOD Ent- was?!

STIMME Entglimpfen. Sie haben mich nämlich vorhin verunglimpft!

TOD Ich – S i e ? Nicht dass ich wüsste …

STIMME Doch. Sie sagten, Frau Vulpius, spätere Goethe, sei „eine der miesest bezahlten ,Brigitten’“ in meiner Seidenblumen-Manufaktur zu Weimar gewesen. Das widerspricht indes den Tatsachen, geehrter Herr! Und dagegen muss ich auf das Energischste protestieren!

TOD Wollen Sie sagen, lieber, verehrter Bertuch, Sie hätten Ihre Angestellten g u t bezahlt?!

STIMME Papperlapapp! Gut bezahlt, gut bezahlt … Wer bezahlt seine Angestellten schon gut?! Ich war Entrepreneur und kein Trottel! Natürlich haben wir Fabrikanten und Industriellen auf unseren Reibach geschaut, klar … Aber sehen Sie sich doch das jetzige System an: Schwindlige Werkverträge, die sogenannte „Geringfügigkeit“, schier undurchschaubare Teilzeit-Arbeitsverhältnisse, kuriose Ich-AGen, slowakische Spargelstecher, kroatische Putzfrauen und türkische Müllmänner … Die Entlohnung in meiner Stoffblumenmanufaktur war nicht mies! (Christiane nickt beifällig) Sie war gering, ja, das schon, gering, doch nachgerade – gerecht. Aber die Mädchen, die bei mir und meiner Frau gearbeitet haben, konnten durch ihre Arbeit und den dafür ausbezahlten Lohn ein bisschen was beisteuern zum familiären Budget, nicht wahr …?! Waren ja alle mehr oder weniger aus der Unterschicht, ungelernt, „bildungsfern“ sagt man, glaube ich, heute …, ungelenk, ohne Perspektiven … (Verbessert sich) Na, ja – nicht alle … Meine Reverenz an Frau Vulpius-Goethe! Meinen ergebensten Handkuss! – Das wollte ich nur gesagt haben!

TOD Hm …

STIMME Ach ja, grüßen Sie mir auch den Grafen Cagliostro, ich habe zumal mit dem Geheimrat von Goethe des öfteren über ihn gesprochen – bei den legendären „Freitagsgesellschaften“ … Und Herr von Goethe hat ihn ja sogar in seinem Lustspiel „Der Groß-Kophta“ verewigt, den Herrn Grafen Cagliostro; wenngleich der Herr Minister eigentlich nicht viel von ihm gehalten haben … „Nun ja“, so pflegte er zusagen, „dieser Cagliostro ist immer ein merkwürdiger Mensch. Und doch sind Narr mit Kraft und Lump so nah verwandt …“ (Cagliostro ballt die Faust und lässt sie auf die Tischplatte donnern) – Tschüss, lieber Herr von Tod!

CAGLIOSTRO Zum Teufel mit dem Kerl!

TOD Auf Wiederhören! (Gibt den Apparat an Max weiter, dieser geht ab.) Ja, gut, soweit Friedrich Johann Justin Bertuch. Der hatte übrigens ziemlichen Einfluss in Weimar zur Goethe-Zeit. Immerhin verwaltete er – neben seinen anderen Geschäften –, wie wir gehört haben, auch die Privatschatulle des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, und das war bei der legendären Verschwendungssucht dieses kunstsinnigen Fürsten und dessen ausuferndem Mäzenatentum (Aus dem Off ertönt erneut Telefongeläute) sicherlich kein leichtes Unterfangen. Aber Bertuch war –

MAX Schon wieder ein Anruf für Sie! (Eilt erneut mit dem Schnurlostelefon zum Tod. Dieser schaltet diesmal gleich auf Lautsprecher) Die Polizei … (Alle blicken kurz hoch, essen und trinken dann indes weiter)

TOD Danke, Max! (Dieser bleibt wieder im Hintergrund stehen. – In den Hörer) Ja?

STIMME KNILCHS Guten Tag! Hier spricht Knilch, Kommissar Knilch.

TOD Ja, bitte? Tod hier …

STIMME Entschuldigen Sie die späte Störung, aber uns ist vorhin mitgeteilt worden, dass es bei Ihnen einen Tumult gebe …, ja, dass sich sogar mehrere Morde zugetragen haben sollen! Morde, ja?! Ist da was Wahres dran? Gibt es tatsächlich Tote?

TOD Lieber Kommissar Knilch, Tote gibt es letzten Endes immer und überall, wo ich mich aufhalte, nicht wahr … Also auch hier, klar doch. Doch mit Morden können wir wirklich nicht dienen, zumindest – noch nicht … Aber kommen Sie doch am besten in persona vorbei und überzeugen Sie sich selbst von der Richtigkeit meiner Aussage!

STIMME Ja, ist denn nun irgendwer tot – oder nicht?! Ich meine, das muss sich doch feststellen lassen …

TOD Hm …, das ist nicht immer so einfach … Doch das sollte gerade Ihnen als Fachmann bekannt sein … Nun ja: Es sah zwischendurch zwar so aus, als ob …, aber es war dann doch alles eher – T h e a t e r …, Sie verstehen?!

STIMME Kein Wort. Aber – wir kommen!

TOD Bitte darum! (Übergibt den Telefonapparat wieder Max, an diesen gewandt) Max, es kommen gleich ein paar Leute von der Kriminalpolizei. Führen Sie die dann bitte herein!

MAX Die Leute von der Kripo hereinführen, ja, das führe ich so aus … Klar doch! Erst die Chaiselonge zum Tisch gerückt … (Rückt eine Chaiselonge an den Tisch, dann ab), dann ab.

TOD (An die Gesellschaft gewandt) Sie haben es ja gehört – wir bekommen Besuch.

(Das Folgende wird durcheinander gesprochen:)

CAGLIOSTRO (Unruhig) Polizei?! Warum – Polizei?! Ich brauche keine Polizei …

POMPADOUR (Indigniert) Polizei?! Ja, muss denn das sein?! Polizei …

SAINT-GERMAIN (Ebenso) Polizei?! Ewig die Polizei! Ja, muss das denn sein?! Polizei …

CASANOVA (Ebenso) Immer die Polizei … Ohne die geht wohl gar nichts?!

POMPADOUR (Überlegend) Andererseits …Jetzt wird’s spannend, nicht wahr, Madame Vulpius-Goethe?

CHRISTIANE Spannend?! Also, wohlschmeckend ist mir lieber …

TONI Ist ja megaphat das!

ERNA MÜLLER (Fragend) Polizei – warum?! Warum – Polizei?! Polizei …

TOD Wir werden es gleich wissen …

MUSIK aus

BLACK OUT

FÜNFTE SZENE:

Die Vorigen; Max; Knilch und Paulaner

Licht stark gedämpft, Musik sehr leise, schwermütig.

Die Chaiselonge ist an die Wand gerückt, der kleine Bar-Tisch auch. Die Scherben

der Vase sind in der Raummitte zu einem Haufen zusammengekehrt worden; dieser

Haufen ist jetzt allerdings wesentlich größer als zuvor.

Man sitzt in vier Gruppen um kleine Tische, in die der große Tisch von früher

zerlegt“ worden ist. Auf jedem der Tische eine Lampe („Verhör“), die sehr hell

leuchtet. Die Gruppen: Pompadour, Casanaova, Paulaner; Chrisiane,

Cagliostro, Knilch; Saint-Germain, Tod, Max; Erna Müller, Toni.

Die Gruppe, an deren Tisch „das Verhör“ gerade stattfindet, ist zusätzlich

(mittels Spot) beleuchtet. Erst Tisch links vorne.

CASANOVA (Zu Paulaner, der mitschreibt; immer wieder zur Pompadour sehend, ihre Zustimmung einholend) Wenn ich es doch sage, Herr Kommissar Paulander! Es war –

PAULANER (Leise protestierend) Kriminalassistent Paulaner, nicht Paulander! Und, bitte, bloß Kriminalassistent! Kriminalass- … Kommissar ist der Herr Knilch! (Zeigt nach hinten) Ich bin nur Kriminalass- …

CASANOVA Schön, Herr … Paulander, also-

PAULANER (Ihn verbessernd) Paulaner, Paulaner, bitte, … nicht Paulander! Paulaner – wie das Bier aus München …

CASANOVA Apropos – wollen Sie vielleicht einen Schluck?

PAULANER (Schüttelt den Kopf) Nicht im Dienst, Sie verstehen?!

CASANOVA Gut. – Also, es war, wie gesagt, nichts! Es gab keinen Mord, keinen Streit, kein Zerwürfnis. Oder sehen Sie irgendwo – Blut? Na, also … Und überhaupt –

POMPADOUR Wir haben uns lediglich angeregt unterhalten, wirklich! Ja, und ein lustiges Gesellschaftsspiel haben wir gespielt, „Activity“ geheißen-

PAULANER „Activity“? Ah, das kenne ich! Gar nicht so leicht, „Activity“! Besonders das Zeichnen und das … ohne Worte … –

CASANOVA Die Pantomime, meinen Sie?

PAULANER Ja, genau! Die Pantomime. – Und die Vase?!

POMPADOUR Die Vase? Sie ist umgefallen … Wissen Sie, junger Mann, diese alten Vasen, die sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren … Stimmt’s, Chevalier?!

CASANOVA In der Tat, Madame, in der Tat!

PAULANER Und Sie beide kennen sich schon lange?

CASANOVA Oh, das kann man so sagen, gewiss … Wir kennen einander schon sehr lange …, nicht wahr, Madame?!

POMPADOUR (Nickt) Seit den 60er Jahren, denke ich …

PAULANDER (Notierend) Seit den 1960er Jahren also …

CASANOVA Nein – seit den 1760ern, natürlich! Im Frühherbst 1760 weilte ich in Grenoble, wo ich die blutjunge – und bildhübsche – Mademoiselle Anne Coupier de Romans kennen lernte … Leider blieb sie meinen Avancen gegenüber verschlossen … Eine der wenigen Damen in meiner – äh – Laufbahn …, möchte ich anmerken … Immerhin durfte ich Mademoiselle Anne bald darauf nach Paris begleiten, wo es uns gelang, die Aufmerksamkeit des Königs Ludwig XV. auf das in der Tat außergewöhnlich schöne Mädchen zu lenken.

POMADOUR Ich wachte damals als die erste – hm – Vertraute des Königs über seine … äh, … Mätressen … Und, ich muss es ganz offen sagen: Die kleine Romans gefiel auch mir ausnehmend gut … Ich empfand Sympathie für die junge Frau … Ein Gefühl, das nicht bei allen Gespielinnen des Monarchen in meinem Busen aufkam, wie Sie sich denken werden können!

PAULANER (Sieht von seinem Notizblock auf, man erkennt, dass er sich aber auch rein gar nichts denken kann) Ah …

CASANOVA Im Zug der Romans-Affaire hatte auch ich die Ehre, die persönliche Bekanntschaft mit Madame machen zu dürfen … (Er erhebt sich zügig, küsst ihr galant die Hand und setzt sich wieder nieder.)

POMPADOUR Exakt. – Ein Jahr nach meinem Tod, im Jahr 1764, fiel Anne Coupier de Romans allerdings in Ungnade bei Ludwig. Sie hatte wohl zu viel von ihm erwirken wollen – für ihren geliebten Sohn, den sie dem König geschenkt hatte.

CASANOVA Ach, ja, ich entsinne mich: Louis-Aimé de Bourbon … Immerhin, Ludwig erkannte ihn an! Später starb Louis-Aimé leider, erst 25-jährig, als Abbé …

(Spot-Licht aus, es geht am zweiten Tisch, rechts vorne, an.)

KNILCH (Zu Christiane) Frau Vulpius-Goethe, Sie sind also erst später zur übrigen Gesellschaft gestoßen?

CHRISTIANE Ja, Graf Cagliostro kann das, glaube ich, auch bestätigen …

CAGLIOSTRO Gewiss, Frau Vulpius-Goethe kam erst später zu uns … Wir plauderten schon angeregt, aßen und tranken und spielten ein kleines Gesellschaftsspiel-

KNILCH (Notierend) Ein Gesellschaftsspiel?!

CAGLIOSTRO Ja, ein Gesellschaftsspiel-

CHRISTIANE Es heißt „Activity“ …

KNILCH (Notiered) „Activity“, verstehe. Und dabei ist dann die Vase zu Bruch gegangen?!

CAGLIOSTRO Ja, die Vase … (Lachend) Die hat nicht so recht mitgespielt, bei „Activity“, die gute, alte Vase!

CHRISTIANE Genau, so muss es wohl gewesen sein. Jedenfalls lag sie schon in Scherben, die Vase, als ich gekommen bin …

KNILCH Hm. Also kein Mord, kein Streit, keine Auseinandersetzung, naturgemäß auch kein Blut, nur eine kaputte Vase … Eine etwas ausgelassene Tischgesellschaft also … „Activity“ …

CHRISTIANE Ganz recht.

KNILCH Hm. – Wissen Sie übrigens, Herrschaften, warum man vom Gevatter Tod spricht? (Unterschiedliche Reaktionen, Murmeln) Bei den Brüdern Grimm und auch bei Ludwig Bechstein sucht ein Bauer, wir schreiben das sogenannte finstere Mittelalter, krampfhaft nach einem Taufpaten für sein dreizehntes Kind. Da naht sich der liebe Herrgott höchstpersönlich. Doch dem Schöpfer und Weltenlenker unterstellt der Ökonom, der gäbe den Reichen und lasse die Armen hungern, ihn wolle er folglich lieber nicht zum Gevatter wählen.

CHRISTIANE Ah …

KNILCH Ja. – Dann kommt der Teufel des Weges, und auch sein Angebot, Pate zu werden, schlägt der Bauersmann dankend aus; denn Satan betrüge und verführe die Menschen.

CHRISTIANE Ach, ja …

KNILCH Da naht sich als Letzter der Tod. Den akzeptiert unser mittelalterlicher Landwirt –

CHRISTIANE – warum das, Herr Kommissar?!

KNILCH Warum? Da der Tod sowohl die Reichen als auch die Armen hole … Er sei der passende Gevatter. Gevatter Tod …

(Spot-Licht aus, nächster Tisch: links hinten, Spot an.)

MAX Ich bin zwar kein echter Kriminalpolizist, aber als Inspizient ist man ja ohnedies für alles zuständig … – (Zu Saint-Germain) Es gab also Streit?!

SAINT-GERMAIN Aber, nein doch! Alles war heiter und gelassen – ein bisschen ausgelassen sogar … Wir aßen und tranken, Sie verstehen? Die Laune war prächtig …

TOD Und man spielte ein Gesellschaftsspiel – „Activity“. Aber von Mord und Totschlag weit und breit keine Spur. Und auch Blut ist keines geflossen, wie man ja sehen kann …

MAX Verstehe, dabei ist dann die alte schöne Vase zu Bruch gegangen … (Beiseite) Und morgen muss wieder ich durch die ganze Stadt koffern und einen Ersatz finden auf irgendeinem Trödelmarkt oder bei einem Altwarentandler! Was das wieder an Zeit kostet – und an Geld! Wie Ming soll sie zudem aussehen! Ach, ja … (Wieder zu den anderen) „Activity“ …

TOD Gesellschaftsspiele sind ein bedeutendes kulturelles Erbe, lieber Max. Der Mensch ist ein Spielender – wie heißt es so schön: ein „homo ludens“! Friedrich Nietzsche sagt: „Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen …“ –

SAINT-GERMAIN „Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!“ – „Zarathustra“ …

TOD Schau einer einmal an, Graf Saint-Germain zitiert uns aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“! Donnerwetter! (Deutet Applaudieren an, Max fällt ein)

SAINT-GERMAIN Ja, gewissermaßen – posthume Lektüre …

TOD Übrigens, zum Kind im Mann sagt auch Christian Morgenstern etwas Gescheites: „In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heißt Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Minitür-Schiff, sondern die Walnussschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. (…) Denn dieses ,Kind im Menschen’ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm …“

MAX Aber, bitte …, wenn die Bemerkung gestattet ist, auch Frauen spielen gerne …, nur geht dabei meist nicht so viel kaputt – sieht man einmal von den Herzen der Männer ab …

TOD Oh, Max! Ist am Ende auch bei Ihnen das Liebesleid ausgebrochen?!

MAX (Trocken) Man ist schließlich nicht a u s s c h l i e ß l i c h Inspizient, nicht wahr?!

SAINT-GERMAIN „Activity“ …!

(Spot-Licht aus, nun auf den vierten Tisch gerichtet, rechts hinten.)

ERNA MÜLLER Du willst ein Kripo-Mann sein, Toni?! Da gackern ja die Hühner! Dieser Dreikäsehoch als Kommissar! (Sie salutiert übertrieben.)

TONI Pass’ ja auf, Erna! Ich warne dich! Sonst wirst du noch was erleben!

ERNA MÜLLER (Gespielt eingeschüchtert) Bitte, Herr Hilfs-Sheriff, was wollen Sie wissen von mir?

TONI Sie haben also alle gegessen und getrunken … Und dann gab es Mord und Totschlag?! (Vertraulich) Ich hab’ doch den Trailer gesehen! Und die geile Szene …! Ich war ja dabei!

ERNA MÜLLER (Gespielt entrüstet) Nein! Aber nein, doch, Herr Kommissar! So glauben Sie mir endlich! Wir haben ein Gesellschaftsspiel gespielt …

TONI Ein Gesellschaftsspiel, bei dem die Vase kaputt geworden ist? Das können Sie jemandem anderen erzählen, Frau Müller! Ha!

ERNA MÜLLER Ja, das hässliche Ding! Es ist draufgegangen. War ohnedies bloß so ein Staubfänger… Ein echter Staubfänger, sage ich Ihnen! Und-

TONI Was für ein Gesellschaftsspiel haben Sie denn gespielt? Schach? Mühle? Dame? Pokern? Schnapsen? Roulette? Tarock? Préference? Schafkopf? Billard? Blinde Kuh? –

ERNA MÜLLER „Activity“.

TONI Was? Diese alten Knacker haben „Activity“ gespielt? Megaphat!

ERNA MÜLLER Ich kann es beschwören, es war „Activity“! Und Blut ist auch nicht geflossen! Kein Blut! Nur „Activity“!

Musik aus

BLACK OUT

SECHSTE SZENE:

Tod; Erna Müller; später Max

Die Bühne ist fast leer, nur die Fernsehwand dominiert immer noch den Hintergrund.

Rechts vom Betrachter ist ein noch größerer Scherbenhaufen als zu vor aufgeschüttet,

links stehen ein fast kahler Laubbaum und eine Bank. Es erklingt leise romantische

(doch unkitschige) Musik – später dann kann man den Schlager „Ich hab’ mich so

an dich gewöhnt“ (Heino Gaze/Fritz Rotter) erkennen.

Gedämpftes, leicht fahl und herbstlich wirkendes Licht.

ERNA (Sitzt auf der Bank) TOD (Unbemerkt hinzutretend, sanft) Erna … (Sie schrickt auf) Entschuldige! Ich wollte dich nicht erschrecken …! ERNA Hast du aber – TOD Entschuldige! Ich vergesse mitunter – (Ton von früher) Du weißt ja nicht, wie sehr ich mich freue, dich wiederzusehen! Wirklich! Du – ERNA (Noch immer leicht irritiert) Wiederzusehen?! Wieder – warum sagen Sie wiederzusehen? Haben wir einander denn schon einmal – – -? (Pause.) TOD (Er nickt) Ja. Doch … – Wie geht es dir, meine Liebste? – Übrigens: Wir waren per Du, liebste Erna! Erinnere dich! Damals … – Darf ich? (Sie nickt, er setzt sich zu ihr. Intensiver) Was hast du die ganze Zeit über – ERNA Wie es mir geht? Wie soll es mir schon gehen … Warum sprechen Sie, … sprichst du von Wiedersehen? Ich verstehe dich nicht – TOD Das kommt schon noch, glaub’ mir … Das kommt! ERNA Gut. Also Konversation. (Gespielt oben hin) Und wie geht es dir, mein Lieber? Was hast du die ganze Zeit über so getrieben? TOD (Verlegen) Es geht … so … Ja, was habe ich die ganze Zeit getrieben?! (Groß) Du weißt schon, die Geschäfte, die Arbeit, die Hast – ERNA (Wie zuvor) Wem sagst du das! Das Leben verfliegt … Und dabei bin ich doch erst fünfundzwanzig … (Verstört) Aber gestern noch war ich fünfzehn, und vorgestern fünf und vor drei Tagen erst, da bin ich getauft worden …! Und morgen – TOD Erinnerst du dich nicht mehr – an damals? ERNA An welches D a m a l s ? (Sie sinnt nach) Doch! Ja! Es war … Jetzt, jetzt erinnere ich mich – dunkel … Es war ein lauer Abend im Frühsommer. TOD Ja, es war Anfang Mai. Und wir waren – ERNA Verliebt? – Ja, wir waren verliebt, ich erinnere mich … Jetzt wird alles konturierter … Du hast mich in ein kleines Café eingeladen, da hat eine Musicbox irgendeinen Schlager gespielt, der gerade modern war … TOD „Ich hab’ mich so an dich gewöhnt“ … Wir waren verliebt, verliebt … ERNA Doch es ging bloß ein paar Monate gut. Das kleine Zimmer, das ich damals bewohnte, sah dich kaum ein halbes Jahr als Gast – TOD (Trocken) Im Allgemeinen dauert es wesentlich kürzer. ERNA Das weiß ich – jetzt … Aber damals – TOD Und doch war es schön. Sehr schön sogar … ERNA Es waren nur Momente, ein Haufen kleiner Mosaiksteinchen, Scherben … TOD Es waren schöne Scherben … Momentscherben! ERNA Scherben eben, die kein Glück auf Dauer bedeutet haben … TOD Auf Dauer?! (Bitter) Was ist schon – Dauer?! ERNA Ja, was … (Musik wird wieder allgemein) TOD (Groß) Und doch – der Moment zählt! Und die Liebe zählt! Nein – nur die Liebe! Die Liebe ist eine Himmelsmacht, weiß die Operette … Oder sie macht es uns zumindest weis. Gesetzt den Fall, es gäbe den Himmel und er hätte die Macht …- Hm. Die Liebe …- (Mit Selbstironie) Die Liebe ist stärker als der Tod – so wie der Tod stärker ist als die Liebe …?! Die Liebe ist stärker als der Tod, und der Tod ist stärker als die Liebe! Ein Pradoxon? Keineswegs! Denn beide – hörst du?! – beide sind Fiktion wie Realität in einem. Liebe und Tod gehören untrennbar zusammen … Liebe und Tod, das ist wie Smith & Wesson, Kastner & Öhler oder … Max & Moritz … Zwei uralte Geschäftseigentümer in einer ebenso uralten Compagnie … Liebe & Tod … Seriös aus Tradition … Nur: Reklamationen gibt es nicht, bei beiden nicht, hörst du?! Einmal Liebe – immer Liebe. Oder Minusliebe, also – Hass! Und einmal Tod – immer Tod. ERNA Und das Leben? Und der Tod? TOD Den Tod gibt es, zugeben, nicht ohne das Leben. Doch auch das Leben ist ohne Tod nicht möglich … So ist das nun einmal. ERNA Und die Liebe? Ist sie eine – Himmelsmacht?! TOD Von wegen Himmelsmacht … F a r c e b l e i b t F a r c e … Ja, der Tod vermag die Liebe – scheinbar – nicht zu brechen, obschon die Liebe notwendiger Weise nicht stärker ist als er. Und die Liebe vermag den Tod nicht ungeschehen zu machen, obwohl es ihn – angeblich und aus der Sicht und aus der Perspektive der Liebe – gar nicht gibt, gar nicht geben darf … Doch gibt es ihn, klar, den Tod! (Direkt an Erna gewandt) Sieh her: Es gibt mich! Ich bin der Tod! Der Tod bin ich, weil ich den Tod d a r s t e l l e ! Die Liebe indes stellt n i c h t s dar – sie i s t ! Ergo gibt es auch sie, die Liebe! (Zum Publikum gewandt) Sie kennen, meine sehr verehrten Damen und Herren, den Tod meist bloß aus Erzählungen anderer, die ihn wiederum aus Erzählungen anderer kennen. Oder Sie nehmen an, über ihn Bescheid zu wissen, weil Sie ihn gesehen zu haben glauben. Als wäre er ein Mysterium. Mit oder ohne Sense. – Und die Liebe? Ihr seid alle der Meinung, die Liebe zu kennen … Weil man Euch von ihr erzählt hat – und weil Ihr vom Gefühl, das Ihr Liebe nennt, ergriffen wurdet. Ein ums andere Mal vielleicht oder nur einmal, was Ihr dann, sprachbanal, wie Ihr nun einmal ausgestattet seid, als die g r o ß e L i e b e bezeichnet. – Niemand indes spricht vom g r o ß e n T o d … Obwohl er es sich verdienen würde! Denn er schließt sogar ein vergleichsweise kleines Leben – wenn es so etwas überhaupt gibt, ein kleines Leben …-, also, er schließt auch ein solches ziemlich pompös, weil endgültig, und gleichsam mit Pauken und Trompeten ab. Das mag nach außen hin noch so still vor sich gehen, es ist in Wahrheit ein ziemlicher Aufwand damit verbunden, plötzlich n i c h t mehr zu sein … Dem Schrei am Anfang dieser menschlichen Erdenkarriere steht zwar bloß ein Hauch, der letzte eben, am Ende gegenüber, doch ist der wohl nicht minder intensiv – nur stumm. Der Schrei verstummt … Der Tod als Krönung des Lebens – nicht als komische Coda der vormals brausenden und sausenden Schicksals-Symphonie, die nicht selten ohnedies eine eher nichtssagende Burleske, ein Scherzo vielleicht, ein musikalischer Furz war, wie sich nun im Nachhinein und zur allgemeinen Ernüchterung herausstellt. Wenn die Masken gefallen sind, merkt Ihr erst, dass die des Todes keine ist … Der Tod braucht nämlich keine Maske, der Tod braucht kein Kostüm … Der Tod brauchte im Grund genommen nicht einmal den Tod … Der Tod hat alles … Der Tod ist alles … Einzig und allein der Tod ist perfekt! Das hat er s c h e i n b a r zumindest – wenn schon nichts anderes – mit der Liebe gemein.,Ja,doch! Allerdings: Die Liebe wird bloß als perfekt g e g l a u b t , der Tod i s t es indes t a t s ä c h l i c h . Die Tatsache des Todes ist der einzige stichhaltige Nachweis der menschlichen Perfektion. Alles andere mag Provisorium, Flickwerk und Stückwerk sein – der Tod ist elementare Ganzheit, Endgültigkeit, die Tatsache schlechthin. Mit dem Tod hat es etwas auf sich, der Tod vermag, mit sich und durch sich Staat zu machen. Er ist salonfähig, aber auch in der Gosse macht er sich gut, in der Metzgerei, im Schlachthof oder im Stall, auf mancher angeblich ach so hehren Wallstatt, auf dem Schlachtfeld eines historischen Prunk- und Protzgemäldes und mitten drinnen im schwül-dunstigen Dschungel, im Mist und im Müll des verwahrlosten Waldes … Der Tod überzeugt immer – durch sich als Tatsache. Unverrückbar schließt er als zweiter Teil der Daseinsklammer das Irdische ab, verknotet die Schnur des Lebenspakets, setzt den Ausgangsstempel drauf. Der Tod i s t – und das genügt allemal -, während das Leben ab nun nur mehr w a r …, wenn überhaupt. Vielleicht auch bloß gewesen zu sein scheint. S c h e i n b a r eben … Wo alles verschwimmt, bleibt der Tod als Kontur. Im Netz der nicht selten verwaschenen Leitlinien des Lebens gibt er eine klare Leitlinie vor, an die sich alles andere halten muss. Kein Wunder, dass man ihn zu verdrängen versucht, was – zugegeben – auch über lange Zeitstrecken gelingen mag … Doch die Linie bleibt unauslöschlich gefurcht. So tief gezogen ist sie nämlich. Eingebrannt. Eingeätzt. Einstraffiert für immer und ewig. Eine Punze. Ein Brandmal. Ein Zeichen: das Todeszeichen. Von allen Ablenkungsangeboten, die sich der Mensch geschaffen hat, um den Tod wenigstens für kurze Zeit zu übersehen, ist wohl die Liebe das attraktivste, ohne Frage. Und nicht zuletzt deshalb gibt es sie auch, die große Nähe zwischen Liebe und Tod, Tod und Liebe … Eine an Koinzidenz grenzende Nähe, übrigens … Denn er, der Tod selber, wacht penibel und streng darüber, dass sie, die Liebe, sich nicht allzu sehr ausbreite; in gewohnter Generosität und schierer Sucht, sich und alles rundum zu verschenken … Er scheint sogar zwischendurch, oft kaum merkbar, zugegeben, und raffiniert agierend, das S p i e l unaufmerksam-tendelnd zu verlieren – eine reine Finte! Er lässt Hoffnung zu; er blinkt dabei immer wieder kurz und quasi versöhnlich auf, gewissermaßen naiv durch das Gefühlsdickicht: wie morsches Holz im fahlen Mondenschein … Und doch: Es fröstelt die Menschen – mitten in der herrlichsten Umarmung, wenn der Genuss gleichsam das Zeitliche segnet … Da erscheint die Fratze des Todes, und eine Knochenhand legt sich auf die von eben noch durchlebter Ekstase schweißnasse Brust, ein Knochenfinger bohrt sich in den Brustkorb, der sich unter Orgasmen eben noch gehoben und gesenkt hat im pulsierenden Rhythmus überschäumender Wollust. Die finale Ironie wischt das Wohlgefühl weg, macht den gehabten Genuss ungeschehen, indem es ihn sozusagen: verunwirklicht, ihn als Erträumtes, Phantasiertes und lediglich Ersehntes demaskiert … ERNA (Traurig) Lieben … Du sprichst von Lieben, von Liebe. Gerade – du?! Wie sollte man dich lieben können?! Dich, den Tod, wenn man dich erst einmal erkannt hat und durchschaut? Wie sollte man den Tod lieben können, den Treulosen? Ihn, den jeder – im Allgemeinen – nur einen Moment lang allein für sich hat?! Den man nur indem nach ihm benannten Zeitminimum für sich, ganz für sich reklamieren kann … Im Moment des Todes … In diesem Augenblick des „Verweile doch! du bist so schön“… Ach, du treuloser Tod … Du verlässt mich, nachdem deine Arbeit getan ist …! Gehst weg, als ob alles nichts gewesen wäre! Verschwindest wie der Dieb in der Nacht. Machst dich aus dem Staub, gehst, bist dahin … Doch – ich werde warten, ich werde auf dich warten …! Alle Zeit! TOD Und ich – ich werde wieder kommen! Ich verspreche es dir, ja, d i r verspreche ich es: Ich werde sicher wieder kommen … Ganz sicher!

MAX (Bringt zusätzlich Scherben, schüttet sie zu den bereits vorhandenen) So, reicht das? (Er wischt sich mittels Taschentuchs die Stirn – nicht ohne Theatralik)

TOD (Sachlicher Ton) Ja. Danke, Max!

MAX Keine Ursache, ist ja mein Job … (Ab)

TOD (Zu Erna) Bis gleich … (langsam ab. Spot auf Erna, während sich die Musik gleichsam aufbäumt, um mit dem Licht beim Black Out zu erlöschen)

ERNA Da geht er. Und ich –

BLACK OUT

SIEBTE SZENE:

Dunkel, nur der Monitor an der Wand leuchtet. Zusätzlich gibt es einen Spot,

der sich auf den Scherbenhaufen richtet, der wieder merkbar gewachsen ist.

Es erklingt funktionelle („Warenhaus“-)Musik – in „à la Mozart“ gehalten.

Casanova (Großaufnahme, raumfüllend) – Cagliostro (er ersetzt

das Casanova-Bild) später – dann Saint Germain (item).

Dann erscheint kurz das verschwitzte Gesicht Maxens. Filmriss.

CASANOVA Man nennt uns gern Abenteurer. Einen Abenteurer. Ein bisschen abwertend klingt dieses Abenteurer. In meinem Fall kommt noch Weiberheld dazu. Oder Verführer. Ja, Verführer … Als ob ich nicht auch noch was anderes gewesen wäre. Manche werfen mir sogar meine Toleranz gegenüber dem Inzest und inzestuösen Liebesbedingungen vor, wie ich sie in meinem Roman „Icosaméron“ beschrieben habe … Bitte, das spielt sich doch alles in einem utopischen Unterwasserreich ab! Lächerliche Vorwürfe! Verführer. Wie wäre es denn beispielsweise mit – Schriftsteller? Diplomat? Von mir aus mit – Spion?! Aber, nein – Verführer, Abenteurer, Weiberheld … Als ob mein ganzer Lebensinhalt darin bestanden hätte, Weiber aufs Kreuz zu legen …

Sogar der kluge Arthur Schnitzler sieht in mir vorwiegend den ungetreuen Kantonisten, ohne jegliche Fähigkeit zur Hingabe an das Gefühl et cetera blablabla, und er beschreibt mich in seiner Erzählung „Casanovas Heimfahrt“ als schwadronierenden Abenteurer und Schwerenöter, den es zwar voller Sentimentalität in den Schoß seiner Vaterstadt Venedig zurück drängt, unter deren Bleidächern er ein Vierteljahrhundert zuvor als Gefangener geschmachtet hat, bis ihm die verwegene Flucht gelingen sollte, der indes zur wahren Liebe alles andere denn fähig ist. Und Schnitzler legt noch ein Schäuflein drauf, indem er mich zur Hauptfigur eines Lustspiels macht, betitelt „Die Schwestern oder Casanova in Spa“ … Ja, und weil man eine hübsche Rolle für den alternden französischen Filmschauspieler Alain Delon brauchte, wurde Schnitzlers Novelle meiner Venedig-Heimkehr auch noch verfilmt. Jetzt weiß ich also, wie man glaubt, dass ich tatsächlich ausgesehen habe!

Doch das ist noch nicht alles, die Pein wächst weiter. Sogar der deutsche Schlager hat nicht Halt gemacht vor mir. Und das Scheußlichste überhaupt: Nichts mehr als eine seelenlose Fickmaschine sei ich gewesen! Als eine solche hat mich zumindest Federico Fellini in seinem Film, der meinen Namen als Titel trägt, darstellen lassen. Ermattet schon und ausgelaugt. Im Dauerkoitus gefangen wie in einer sexuellen Zeitschleife. Seelenlose Fickmaschine. Seelenlos? Warum, verdammt noch mal, warum seelenlos …?! Die meisten Frauen, mit denen ich geschlafen habe, mussten erst einmal erobert werden. Und das war, weiß Gott!, nicht immer leicht – im Gegenteil …

(Näher-gezoomt, nur mehr die Augen sind sichtbar, somit direkt an das Publikum gewandt) Denken Sie doch an die Zeiten, damals … Da herrschte Prüderie vor! Und, zugegeben, Doppelmoral … Die Kirche wachte über allen Himmelbetten und Strohsäcken … Ein Mief verquerer Gedankengerüche quoll allenthalben aus Schlafstatt und Kammer … Nicht nur olfaktorisch war das furchtbar! Oh, Gott! Nein! Das war alles andere als erhebend … (Während das Casanova-Bild in rotem Licht verblasst, erscheint das Graf Cagliostros)

CAGLIOSTRO Ha. Abenteurer nennt man uns. Abenteurer. Abenteurer. Warum Abenteurer?! Wohl auch nur … weil den Leuten nichts Besseres einfällt. Differenzieren? Warum auch – aber, bitte … Wozu?! (Vertraulich) Klar, wenn man wie ich aus ärmlichen Verhältnissen kommt – der Vater: ein kleiner Krämer, die ganze Verwandtschaft: ohne jegliche Perspektive, das Kaff: ein Kaff eben, Ballaro bei Palermo zählt gerade einmal … 150 Einwohner … Aber der in sich und an sich längst abbröckelnde Campanile ragt nach außen hin nach wie vor, einem Phallus gleich, in den Himmel. Triumph der Religion! Und der Himmel ist uns, hier in Sizilien, allenthalben sehr nah; ja, überaus nah ist er uns! Und, sehr tief hängt er herab, dieser sizilianische Himmel mit seiner allumfassenden Bläue, die nichts ausspart, sozusagen: nichts unblau lässt …

Ich musste weg, weg aus diesem ballarischen Ghetto der Engstirnigkeit, der Zukunftslosigkeit, der blauen Gefangennahme durch den Himmel der Tölpel und Esel und Phantasielosen … Die Geschichte mit Malta kam mir wie gerufen, und auch der Trend der Freimaurerei half mir, die Verfolgung meiner weiteren hoch gegriffenen Ziele mit Eifer zu verfolgen …

Auch ich freilich wurde verhöhnt – im Leben und danach. Waren es zu meinen Lebzeiten vor allem die Journaille, und hier besonders die englische!, sowie die Diplomatie, hier meist die französische!, sowie das Heilige Offizium des Papstes, die mir gewaltig zu schaffen machten, erfuhr ich hernach sogar das zweifelhafte Vergnügen, von den Herren Friedrich Zell, der in Wahrheit Camillo Walzel hieß und eigentlich Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän war, und Richard Genée, dem schlauen Inhaber einer Art „Librettofabrik“, zur Operettenfigur nieder-stilisiert zu werden. Und Maestro Johann Strauß Sohn, damals bestens bestallter k. k. Hofballmusik-Director und grenzenlos angebetetes Notengenie, setzte das Elaborat unter dem Titel „Cagliostro in Wien“ in – zugegeben – schöne Töne …

Doch nicht genug damit: Johann Wolfgang von Goethe, der krakenhafte Großdichter und der eitle, alles beeinflussende Universaldenker, hatte mich in seinem Lustspiel „Der Groß-Cophta“ auch schon arg gezaust. Und dann besitzt der Kerl noch die Frechheit, anno 1787 meine arme Verwandtschaft in Palermo heimzusuchen. Gaukelt meiner alten Mutter und meiner Schwester vor, ein Engländer zu sein mit Namen Wilton und mich persönlich zu kennen! Und schickt ihnen dann noch Geld, das er in Deutschland gesammelt hat! Wozu? Weil er ein guter Mensch ist? Nein: Um mein Geheimnis zu ergründen …

Jaja, Herr Geheimrat! Jaja, Herr Compositeur! Der Stein der Weisen, die Kunst des Gold-Machens, die Prozeduren des Verjüngens, die Methode der Hypnose – all das im leichtfüßigen Walzerschritt! Aber m i c h nennt man einen Abenteurer …!

Dagegen finde ich die Einschätzung, die der vielseitige und geniale italienische Semiotiker, Mediävist und Schriftsteller Umberto Eco äußert, ja noch schmeichelhaft: „Cagliostro ist eine der durchsichtigsten Figuren seiner Zeit. Dass er ein so großes Interesse geweckt hat, liegt vielleicht nur daran, dass er den Archetyp des ewigen Mannes ohne Eigenschaften, der sich von den Strömungen seiner Zeit durchdringen lässt, pittoresker und geräuschvoller als alle anderen verkörperte.“ (Beiseite) Obschon ich mich selbst nicht unbedingt als durchsichtig, sondern doch eher als undurchsichtig bezeichnen möchte; nicht zuletzt, weil das gut ist für das Geschäft …

(Zoom auf die Augenpartie, wie zuvor schon bei Casanova) Ein Abenteurer also, gut. Mein Leben war in der Tat eine ständige Flucht. Fintenreich und nicht selten zwischendurch sogar genial. Von Ballaro bis Paris, von St. Petersburg bis London und Rom … Das verstehen Sie doch?! Ich musste einfach weg aus diesem ballarischen Ghetto-Blau … (Sein Bild verschwimmt, es ist nun tatsächlich nur mehr das Blau zu sehen – dann verschwimmt übergangslos das Bild des Grafen Saint-Germain hinein und nimmt kontinuierlich einen Grünton an)

SAINT-GERMAIN Ja, nennen Sie mich doch ruhig einen – Abenteurer! Abenteurer! Ich bin den Ausdruck gewöhnt. Als Abenteurer führt mich die Geschichte in ihrer Registratur der Absonderlichkeiten. Ob ich nun aus einem Dorf im Piemont komme oder nicht – egal. Ich bin quer durch Europa gegondelt. Tauchte da auf und dort. Mal als Graf von Saint-Germain, mal als Fürst Rákóczi, dann wieder als Graf von Saint-Martin, auch als Marquis von Angliè oder Herr von Surmont, als Marquis von Welldone oder von Monferrat, von Aymar und Belmar, bin Graf Soltikoff, Ritter von Schoening und Graf Tzarogy … Vielleicht wirklich ein Bastard der Maria Anna aus dem Haus Pfalz-Neuburg, der Gattin des letzten Habsburger-Königs auf Spaniens Thron, des kinderlosen Karl II., angehängt vom jüdischen Bankiers aus Madrid namens Comte Adanero? Oder der Sohn besagter Königin Maria Anna mit Jean Thomas Enriquez de Cabrera, Herzog von Rioseco, dem elften und letzten Amiranten von Kastilien?

Ich hatte es nicht nötig, eigens und ausdrücklich von meiner Unsterblichkeit zu schwafeln – man glaubte die Legende auch so. Und wenn ich beispielsweise erzählte, was man an der Tafel des Pontius Pilatus serviert bekam, hielten mich viele für einen Gast beim damaligen Diner. Kein Wunder, dass man mir Unsterblichkeit attestierte … Ja, ich war hier und nirgendwo. Oft scheinbar zugleich an mehreren Orten. Vielleicht sogar – wirklich an mehreren Orten gleichzeitig, wer weiß …?! Ich vermochte mich einzuschmeicheln bei denen, die gerade oben, die en vogue waren, gefeiert und geliebt und gefürchtet und glänzend, glitzernd, goldumströmt … Zuletzt dann, in der Stofffärberei in großem Stil, beim Landgrafen Karl von Hessen-Kassel; aber lassen wir das lieber …

Ja, ich vermochte, mich einzuschmeicheln, stilvoll! Ich tat es nicht auf die grobschlächtige Art des fragwürdigen „Kollegen“ Cagliostro, also polternd und marktschreierisch. Nein, ich war bei aller Exaltiertheit, die mir, zugegeben, sehr wohl eignete! – dezent. Ich erweckte die Zuneigung der vornehmen Damen wie das Interesse der hohen Herren durch S t i l . Und durch C h a r m e . Ja, Charme braucht man zu diesem Zweck. Charme und wohl auch etwas C h u z p e , Charme und Chuzpe … Und G l ü c k muss man haben. Doch das Glück verweilt nur für kurze Zeit bei einem. Dann verschwindet es wieder. Zurück bleibt die Fama. Zurück bleibt ein Begriff, obwohl es in Wahrheit alles andere als um Begreifen geht! Eine Marke. Ein Topos. Ein abschreckendes Beispiel für alle, die in Wahrheit nur allzu gern wären wie ich, sich indes nicht getrauen, solches auch bloß zu versuchen …

(Zoom auf die Augen, dann verwischt das Bild in grellem Weiß) Könnte ja gefährlich sein wie der Gedanke daran, wie das Motiv dazu, nun einmal so und nicht anders zu leben und zu agieren. Und diese Gefahr, nämlich die des Selber-Erlebens, diese Gefahr hat wenig Prickelndes an sich! Nein, diese Gefahr ist – dreckig, blutig, abgeschmackt und direkt! Heimtückisch und – tödlich. O ja. Sie ist tödlich, glauben Sie mir: tödlich.

MAX (Sein verschwitztes Gesicht taucht kurz auf dem Monitor auf) Stop! Filmriss! (Musik bricht ab. Kurz leerer Monitor)

BLACK OUT

ACHTE SZENE

Erna; später der Tod

Das Licht geht langsam an, bleibt auf halber Stufe. Dramatische Musik.

Erna sitzt auf dem Boden, angelehnt an den erneut gewachsenen

Scherbenhaufen. Sie sieht zum einsamen Baum, dann ins Publikum.

Später erst gesellt sich der Tod zu ihr.

ERNA Er kommt nicht. Er hat mich versetzt. Auf nichts ist Verlass. Und dabei heißt es doch immer: Nichts ist sicher, nur der Tod …! Redensart. Wischiwaschi. Kein Verlass. Und dabei habe ich ihn so sehr geliebt. Damals, als ich noch nicht wusste, wer er gewesen ist. Es vielleicht bloß geahnt habe, tief drinnen … Wenn man ihm begegnet, muss man mit allem anderen abschließen. Der Tod duldet nämlich nichts und niemanden neben sich. Der Tod ist ein eifersüchtiger, besitzergreifender Liebhaber, o ja … Und jetzt lässt er mich hängen. Doch wie kann ich mein Leben abschließen ohne ihn?! Er ist doch der einzige Schlüssel, der einzige Weg! Er hat mich vergessen, tändelt um andere herum, geht seinem Tun nach, ohne meiner zu denken. (Mit einer unüberhörbaren Ironie in der Stimme) Also, besonders höflich ist das nicht von ihm!

Was war das für ein Leben – mein Leben. Nicht wie aus dem Bilderbuch, sondern im wahrsten Sinn des Wortes: alltäglich. Die Aussichten waren nicht berühmt, und trotzdem ging sogar noch das eine oder andere schief … Ich sehne mich so sehr nach Ruhe.

TOD Da bin ich, Erna! (Sie küssen einander, umarmen sich) Hat es lange gedauert?

ERNA Ja. Aber jetzt bist du endlich da! Und ich weiß, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen, eben w e i l du da bist!

TOD (Mit leiser Ironie) Man tut, was man kann … Du hast an meiner Treue gezweifelt? Nein, wenn ich sage, dass ich kommen werde, komme ich auch. Mitunter kündige ich mich erst gar nicht an und stehe plötzlich vor der Tür. Dann ist die Überraschung meist groß …

ERNA (Stockend) Und – heute – nimmst – du – mich – mit?! Endgültig?!

TOD (Nickt ernst) Ja. Heute nehme ich dich mit mir. Endgültig.

ERNA Das ist schön …

TOD (Er macht eine Bewegung, als wolle er sie in einen – imaginären – Mantel einhüllen) Komm, lass uns unsere Fahrt beginnen! (Er küsst sie, während das Licht kontinuierlich abnimmt.)

ERNA Ja, Liebster! Gehen wir!

Die Musik wird noch dramatischer, dann bricht sie ab.

BLACK OUT

NEUNTE SZENE

Toni.

Bühne wie zuvor – noch mehr Scherben. Das Licht ist zunächst gedämpft, dann

Ergänzt es ein zusätzlicher Spot auf Toni. Es erklingt Musik à la Varieté.

Toni im Nadelstreifanzug, mit Aktentasche und Börsenjournal,

hält seinen Monolog – wie ein zu klein geratener Yuppie.

TONI (Sehr sachlich) Die Indices in Tokio, New York, London und Frankfurt am Main sind erneut gefallen, doch halten die meisten Analysten die Lage zwar für hoffnungslos, aber nicht für ernst … Jaja, die Aktien fürs gute alte Menschenmaterial sind wieder einmal in den Keller gerasselt – was sag’ ich in den Keller, in die Gruft! Leck Arsch! Obwohl es natürlich vorauszusehen war und längst interner Gesprächsstoff unter uns „Klosterschwestern“, dass anhand der global ständig zunehmenden Bevölkerung über kurz oder lang der Materialpreis bei Menschen spürbar zurückgehen würde. So stark freilich, wie er sich dann reduziert hat, so hätte sich das ein paar Monate zuvor auch kaum jemand zu prophezeien getraut. Dann die allgemeine Wirtschaftsflaute, das Konjunkturtief, das zu lange unterschätzt und heruntergespielt worden war, die sich ankündigende Rezession, die Vertrauenskrise auf dem internationalen Aktien- und Kapitalmarkt und zwischen den vernetzten Instituten wie Banken, Versicherungen, ihren Aufsichtsbehörden und Lobbyisten – kurz der ganze virtuelle Geldstrom: Das hat insgesamt das Börsenparkett noch glatter gebohnert, als es ohnedies schon ist … Da waren die Ausrutscher programmiert. Pannen standen auf der Tagesordnung, Pleiten waren unumgänglich, und die Pechvögel stiegen allenthalben in den Börsenäther auf. Ganze Staaten konnte es erwischen, in die Insolvenz treiben oder mindestens für Jahre auf das Schwerste belasten … Mancher erhenkte sich in kühler Sachlichkeit. Andere wiederum schossen sich die berühmte Kugel vor den Kopf wie ehedem einmal zu hoch verschuldete k.u.k.-Stabsoffiziere oder andere Parvenüs, nachdem sie ihr ganzes ererbtes Vermögen im Casino von Monte Carlo verspielt hatten. Oder überdrehte Defraudanten knapp vor dem Auffliegen ihrer Malversationen. Oder irgendwelche Bankrotteure, die es blöder Weise bei Zeiten zu keinen gutbezahlten Konsulentenposten gebracht hatten. Sogar Gift galt manchem da als taugliche Alternative. Oder eine Überdosis an Schlafmitteln. Schlafen, ja, schlafen … Wie Hamlet schon so tiefsinnig seufzt: „Sterben – schlafen – / Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf / Das Herzweh und die tausend Stöße endet, / Die unsers Fleisches Erbteil – …“

Gut, wo es Risiko gibt, schläft auch der Teufel nicht, und so holte er sich so manche knackige Hedgefonds-Seele, und – Achtung! – er betreibt das Investment-Business auf seine Weise! Die faulen Immobilien-Kreditgeschäfte in den USA, die weltweiten aggressiven Übernahmen durch diverse „Heuschrecken“, die Zu-Tode-Sanierungen et cetera, das alles hat nicht nur Nerven, sondern auch Substanz gekostet.

Und dann auch das noch – der Sinkflug der Aktienkurse in Sachen Menschenmaterial! Ein Desaster! Und dabei haben wir immer geglaubt, wenn es e i n todsicheres Geschäft gibt, dann natürlich das mit Menschenmaterial! (Singt mit dünnem Bubenstimmchen) „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht!“ – Ich weiß, es sollte korrekt „brechen“ heißen, nicht „bricht“ – aber der deutsche Schlager ist nun mal kein vertonter Duden. Übrigens, Liebe steht hier für Menschenmaterial. Und Menschenmaterial ist härter als Marmor-, Stein-, Eisen- und Zinnaktien. Punkt um! Doch dann – das … Da fallen dir die Aktien für Menschenmaterial ins Bodenlose! Eine Katastrophe sondergleichen! (Musik endet mit starkem Effekt.)

BLACK OUT

ZEHNTE SZENE

Zwei Monitor-Monologe wie in Szene sieben.

Das Licht kommt ziemlich langsam, ebenso die Musik.

Mde. de Pompadour; dann Christiane Vulpius-Goethe.

POMPADOUR Wurde auch Zeit, diese ewige Warterei geht mir schon auf den Geist. Ein blödes Medium, dieses TV. – Oh, Pardon, ich bin ja schon im Bild – und Sie jetzt auch … über mich … (Verlegen) Ad personam ist zu sagen, dass ich als Jeanne-Antoinette Poisson 1721 zur Welt gekommen und später sukzessive zur Marquise de Pompadour aufgestiegen bin. Als vermutlich wichtigste Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. hatte ich über Jahre nicht nur in Liebesdingen die Zügel fest in der Hand. Und als ich anno 1764 zu Grabe getragen wurde, ging quasi eine Ära zu Ende … Doch, doch. Als Tochter des späteren Heereslieferanten Francois Poisson und der Madeleine de la Motte in Paris geboren, war mir manches, was es später zu erreichen galt, wohl schon in die Wiege gelegt. Meine exquisite Ausbildung – nicht zuletzt ermöglicht durch den Geliebten meiner Frau Mama, den Steuerpächter Le Normant de Tournehem. Mit ihm verband mich übrigens noch etwas: Er war der Onkel meines Mannes, des Untergeneralpächters Charles-Guillaume Le Normant d’Étoiles, mit dem ich fünf Jahre verheiratet war und der der Vater meiner beiden Kinder ist. Ich sei sehr schön gewesen, hieß es, und ein Zeitgenosse verstieg sich sogar zu folgender Eloge: „Groß, aber nicht zu groß für eine Frau, herrlich gewachsen, hatte sie ein rundes Gesicht, regelmäßig in jedem Zug. Teint und Hände waren wunderschön, die Augen eher klein, aber von so viel Glanz und Geist und Feuer, wie ich bei Frauen nie gesehen.“ Ach ja, und: „Nichts an ihr war eckig, alle Formen, jede Bewegung abgerundet …“ Und doch hieß es, mit knapp 43 Jahren Abschied nehmen von dieser Welt. Immerhin hatte ich den König nicht nur in Liebesachen und Staatsgeschäften unterwiesen und beraten – ich vermochte Ludwig, sogar zur Kochkunst zu bewegen. Eine Leistung für eine Frau, die schließlich an der Schwindsucht zu Grunde gehen sollte … (Ihr Bild verschwindet in hellen Gelbtönen langsam. Die Musik fadet aus.) Ich empfehle Ihnen, bei Gelegenheit einmal die nach mir benannte „Consommé“ zu probieren, ja?

ÜBERBLENDUNG

Licht kommt langsam, Musik erst leise, dann wie zuvor.

Christiane Vulipus-Goethe.

CHRISTIANE Gestatten, Johanna Christiane Sophia Vulpius-Goethe. Von mir gibt es im Vergleich zur großartigen Pompadour (sie verneigt sich in die Richtung der imaginären Kollegin) wenig wirklich Wichtiges zu erzählen. Ich war erst die Geliebte Goethes, später seine Ehefrau und die Mutter seiner Kinder … Und alles in allem – glaube ich – hatten wir einander sehr gern! Dabei haben wir uns überhaupt bloß kennen gelernt, weil ich ihm eine Bittschrift meines Bruders Christian August überbringen sollte. Wie es halt so geht im Leben. Goethe ist gerade von Italien zurückgekommen. Da hatte er die Römerin Faustina Antonini, geborene di Giovanni, kennen gelernt, eine Witwe mit dreijährigem Sohn, die Tochter eines Wirtes. Das war schon was – nach den Jahren der vermutlich wenig aufregenden Liebe zu Charlotte von Stein! Endlich was Handfestes, Rundes, Elementares … Und dann, just erst zurück in Deutschland, da laufe i c h ihm über den Weg … Schicksalsträchtig, dieser 12. Juli 1788, dort am Frauenplan … Da unterbreite ich ihm die Bittschrift des Bruders, der in Nürnberg weilt. Und da kommt es zu unserem e r s t e n M a l . Wir haben diesen Tag ein Leben lang als unseren Hochzeitstag gefeiert. Er war uns heilig. Anders heilig als Goethes asexuelles Hirn-Getue mit der Stein – pardon! Körperlich heilig …

Später, als unser Sohn Julius August Walther, der Unglückliche, zur Welt kommt, haben sich die gesellschaftlichen Wogen in Weimar zwar schon etwas geglättet. Aber es war schon was, die Geliebte Goethes zu sein – trotz mancher Ungereimtheit und mancher Hintanstellung, die ich mir habe gefallen lassen müssen. Und schließlich haben wir dann ja doch noch geheiratet, 1806. Der Geheimrat, Minister, Gelehrte, Dichter – das Genie! – und die Putzschneiderin in Bertuchs Kunstblumen-Manufaktur … Und dann sterbe ich auch noch v o r dem um sechzehn Jahre Älteren! Er betrauert meinen Heimgang aus ganzem Herzen. (Schnäuzt sich) Eigentlich eine traurige Geschichte. Ja, traurig. Oder?! (Das Licht wandelt in einen bläulichen Ton, die Musik bäumt sich einmal noch auf.) Traurig, in der Tat. (Das Licht schwindet, die Musik versickert.)

BLACK OUT

ELFTE SZENE

Tod; Inspizient Max

Spot auf den noch etwas größer gewordenen Scherbenhaufen; anmutige, tänzerische Musik.

TOD Ah, Max! Auf eine Minute! (Allgemeines Licht auf der Bühne)

MAX (Erst aus dem Off sprechend, dann auftretend) Ja, bitte, Herr Tod? Was gibt es?

TOD Es geht um die Scherben. Was machen wir damit, wenn das Stück zu Ende ist?

MAX Ja, dann kehren wir sie in den Fundus – für die nächste Vorstellung. Ganz einfach. – Warum? Was gibt Ihnen daran zu denken?!

TOD Dass es so viele sind … Von Mal zu Mal, von Szene zu Szene, aber auch von Aufführung zu Aufführung werden es mehr! Immer mehr! Irgendwann ist die ganze Welt ein Scherbenhaufen … Ehrlich, Max, das befürchte ich!

MAX Morgen, am Beginn des Stückes, sind sie wieder alle weg, versprochen!

TOD Und wenn sie sich einmal nicht mehr wegkehren lassen, die Scherben?! Was dann?! Wenn sie nicht reagieren auf Besen und Schaufel … Wenn sie aufbegehren, sich widerspenstig zeigen, ihren eigenen Willen entwickeln … Was dann?!

MAX Also, an diese Möglichkeit kann ich nicht glauben, Herr Tod! (Leicht belustigt) Ich bin gut und gern dreißig Jahre am Theater – aber so etwas geschieht einfach nicht! Requisiten sind nun einmal bloß – Requisiten! Das sind keine Horrorutensilien mit einem komplizierten Eigenleben! Womöglich mit einer Neurose ausgestattet oder so … Außerdem: Wir sind hier nicht bei Stephen King, Herr Tod! Und auch nicht bei Edgar Allan Poe! Unbesorgt! Ich habe alles im Griff! (Nach rechts ab)

TOD Ihr Wort in Gottes Ohr, lieber Max! – Ich bin überarbeitet, glaube ich. Ich sollte – (Murmelnd links ab. Licht wird langsam eingezogen, Musik wird kontinuierlich leiser.)

BLACK OUT

ZWÖLFTE SZENE

(TV-Trailer für Endszene)

Bis auf den Scherbenhaufen, der wieder weiter angewachsen ist, und den Riesenbildschirm ist

die Bühne leer. Das Geschehen auf dem Monitor wird durch dramatische Musik illustriert.

Das Licht im Trailer ist zunächst sehr schwach, später zucken Blitze et cetera.

Offenes Feld.

Tod; später Theo, der Vampir.

TOD (Gegen einen imaginären Sturm und die schweren Regentropfen ankämpfend, mit schwarzem Umhang und die Sense geschultert, sehr „klassisch“) Es ist immer dasselbe! Kaum habe ich mir meine Route zusammengekleistert, schon stellen sich mir die Elemente in den Weg: Sturm und Regen, Blitz und Donner. (Er bleibt, windumweht, stehen) Unlängst, vor ein paar hundert Jahren, ist sogar der Blitz in meine Sense gefahren … Seit damals benütze ich einen mobilen Blitzableiter. Für die technisch Interessierten: Ich bin als wandelnder Faraday’scher Käfig unterwegs. Doch das verbessert meine Laune auch nicht eben. – Es bleibt dabei: Sie gehen mir auf die Nerven mit ihrer Gesundheit – Pardon, das hatten wir ja schon –

(Eine Art Vampir fliegt heran, ganz in Rot getaucht, klopft dem Tod jovial auf die Schulter – und verblasst darauf hin. Jetzt verschwimmt die ganze Szene kontinuierlich) Das war Theo, der Vampir … Der hat heute eigentlich frei, sonderbar …, sehr sonderbar …

Musik endet abrupt,

BLACK OUT

DREIZEHNTE SZENE:

Tod

Die Bühne ist nun, bis auf den nochmals angewachsenen Scherbenhaufen, gänzlich leer;

auch die Fernsehwand fehlt – hinten gähnt entweder die Leere eines

Rundhorizonts, oder man sieht den „echten“ Bühnenraum. Ins diffuse Licht hinein

zucken Blitze. Es erklingt indifferente, doch irgendwie beängstigende,

sehr technisch und seriell wirkende Musik (à la Bernard Herrmanns

Filmmusik zu Alfred Hitchcocks „Psycho“: stark fetzige Streicherpassagen).

TOD (Die Musik wird, wenn der Tod auftritt, sofort leise. Der Tod zelebriert sein Burn-Out-Syndrom und wirkt böse, „angefressen“, überarbeitet und enerviert wie am Beginn der 1. Szene) Also, sie gehen mir auf die Nerven mit ihrer Gesundheit – (Sich besinnend, zusammenreißend) Pardon, das hatten wir ja schon. (Seinen ganzen Charme aufbietend) Sagen wir es anders: Es gäbe Schöneres, es gäbe Amüsanteres und Erfreulicheres. Aber, bitte, es ist ja quasi ihr – (direkt zum Publikum) und Ihr – gutes Recht, mich bis zuletzt hinauszuzögern … Bis zuletzt eben … Bis es nichts mehr hinauszuzögern gibt. Punkt um und – aus die Maus. Tja, da schaut dann mancher blöd aus der Wäsch’. (Trällert, sehr wienerisch, wie angeheitert) „Erst wenn’s aus wird sein … mit ana Musi und an’n Wein …“ Na, sind wir fesch?!

Doch in Wahrheit ist alles ganz einfach. Sie werden es sehen. Millionenfach erprobt. Der Ausgang ist nun einmal klar. Es ist eine finale Tatsache. D i e finale Tatsache schlechthin. Übrigens, auch wenn Sie der Auffassung anhängen, das ganze Universum sei ohnedies nur eine Illusion, kommen Sie ums Sterben nicht herum; auch wenn es dann, zugegeben, bloß ein leeres Symbol wäre …

Keine Angst. Jeder kommt dran, wenn es so weit ist … Ja, ganz sicher. Da braucht sich keiner Sorgen zu machen. Beim einen dauert es eben länger, andere wieder kommen rascher zum Zug. Doch insofern, als letztlich j e d e r von mir geholt wird, herrschen Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit vor. Gleichheit vor dem Tod … Wie man es früher dargestellt hat, auf den makaber-launigen mittelalterlichen Totentänzen; da schwingen auch die Vertreter aller Stände ganz demokratisch die Knochenbeine – Kaiser und Papst, Herzog und Bischof, Edelfräulein und Äbtissin, Mönch und Bader, Soldat und Handwerker … Nun gut, das Wichtigste ist gesagt, unsere exemplarische Geschichte neigt sich dem Ende zu.

Ja. Das war’s dann auch schon. (Bleibt im Abgehen stehen, dreht sich nochmals zum Publikum um, bekommt dabei einen grellen Spot. Die Musik wird wieder barock) Übrigens, warum die Katzen, wenn man ihnen intensiv in die Augen sieht oder sie anstarrt, die ihren schließen? Sie empfinden dieses Angestarrt-Werden als Aggression. Und dem befürchteten, daraus folgernden Konflikt wollen sie durch die Blickverweigerung aus dem Weg gehen. So einfach ist das. Und: So einfach wäre alles. (Er geht langsam ab)

Musik wird kontinuierlich leiser, synchron dazu nimmt das Licht ab. Dann indes

nochmals volles, grelles Licht (wie ein Blitz) und sehr starker musikalischer Akzent.

BLACK OUT

finis operis

SZENENFOLGE:

1. Szene: Monolog des Todes

2. Szene: 1. Trailer (Saint Germain, Cagliostro, Casanova et cetera)

3. Szene: Echtszene (Saint Germain, Cagliostro, Casanova et cetera)

4. Szene: Max avisiert Knilch & Paulaner

  1. Szene: Knilch und Paulaner ermitteln

  2. Szene: Tod & Erna Müller

  3. Szene: Vier Monitor-Monologe:

Casanova – Cagliostro – Saint-Germain – Max

8. Szene: Echtszene (Tod Ernas)

9. Szene: Monolog Tonis (Toni als der junge Tod)

10. Szene: Zwei Monitor-Monologe:

Madame de Pompadour – C. Vulpius-Goethe

  1. Tod & Inspizient Max

12. Szene: 2. Trailer (Tod; Vampir)

13. Szene: Echtszene (Epilog Tod)

Literatur (Auswahl):

Daron Acemoglu/James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014.

Leonard R. N. Ashley, Geschichte der Magie. Bergisch Gladbach/Frechen o. J.

Matthias Bardong/Hermann Demmler/Christian Pfarr, Das Lexikon des deutschen Schlagers. 3. Aufl. München 1993.

Luigi Bauco/Francesco Millocca, Das Geheimnis des Pendels entschlüsselt. Zu Umberto Ecos neuem Weltbestseller „Das Foucaultsche Pendel“. München 1990.

Barbara Beck, Vom Königsbett zum Schafott. Frauen als Opfer von Intrigen. Wiesbaden 2010.

Friedemann Bedürftig, Taschenlexikon Goethe. München 1999.

Werner Bergengruen, Der Tod von Reval. Kuriose Geschichten aus einer alten Stadt. Zürich o.J.

Ambrose Bierce, Des Teufels Wörterbuch. Zürich 1986.

Norbert Borrmann, Das große Lexikon des Verbrechens. Täter, Motive und Hintergründe. Berlin 2005.

Alois Brandl (Hg.), Shakespeares Dramatische Werke. Leipzig o. J. (1898).

Otto Brusatti, Johann Strauß. Firenze o. J. (1999).

Monika Buschey, Leidenschaft und Inspiration. Geliebte, die Geschichte machten. Stuttgart – Zürich 2001.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee. Ein Besuch bei Einstein. München 2009.

Robert Dachs, Johann Strauß: ,,Was geh’ ich mich an?!” Graz – Wien – Köln 1999.

Sigrid Damm, Cristiane und Goethe. Eine Recherche. Frankfurt a. M./Leipzig 1998.

Ulf Diederichs, Who’s Who im Märchen. Düsseldorf 2006.

Kurt K. Doberer, Die Goldmacher. Zehntausend Jahre Alchemie. 2. Aufl. München 2003.

Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel. München – Wien 1989.

Ders., Der Friedhof in Prag. München 2011.

Ders., Wanderungen Cagliostros. In: Lüge und Ironie. Vier Lesarten zwischen Klassik und Comic. München – Wien 1999.

Annette Epp, Gerichte und ihre Geschichte. Kulinarische Zeitreisen. München 2005.

Thomas Freller, Magier, Fälscher, Abenteurer. Düsseldorf 2006.

Elisabeth Frenzel, Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 4. Aufl. Stuttgart 1992.

Sigmund Freud, Totem und Tabu. Das Unbehagen in der Kultur. Köln 2010.

Klaus Gerlach/René Sternke (Hg.), Karl August Böttiger. Literarische Zustände und Zeitgenossen. Berlin 1998.

Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. Bde. 5, 7 und 14. Leipzig und Wien o. J.

Internet.

Eckart Kleßmann (Hg.), Goethe aus der Nähe. Texte von Zeitgenossen (…). 3. Aufl. Düsseldorf/Zürich 1999. Erich Loos (Hg.), Giacomo Casanova Chevalier de Seingalt: Geschichte meines Lebens. Berlin 1995. Anton Mayer, Johann Strauß. Ein Pop-Idol des 19. Jahrhunderts. Wien – Köln – Weimar 1998.

Klaus Möckel, Die Gespielinnen des Königs. Frankreichs berühmteste Mätressen. Berlin 2010.

Christian Morgenstern, Alle Galgenlieder. Frankfurt a. M. 1973 (insel taschenbuch 6).

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra. München 1967 (insel taschenbuch 145).

Edgar Allan Poe, Die Maske des roten Todes, in: Kuno Schumann/Hans DieterMüller, Edgar Allan Poe. Werke I. Band. Olten 1966. – Ders., The Masque of the Red Death, in: Tales of Mystery and Imagination. London 2003.

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013.

Arthur Schnitzler, Casanovas Heimfahrt. Frankfurt a. M. 1992 (Fischer Taschenbuch 11597).

Hermann Schreiber, Mätressen der Weltgeschichte. Augsburg 2003.

Gudrun Schury, Goethe-ABC. Leipzig 1997.

Wilhelm Sinkovicz/Herwig Knaus, Johann Strauß. Wien 1999.

Michael Töteberg, Federico Fellini. 3. Aufl. Reinbek b. Hamburg 2004.

Martin Walser, Der Augenblick der Liebe. Reinbek b. Hamburg 2004.

Friedrich Weissensteiner, Liebe in fremden Betten. Große Persönlichkeiten und ihre Affären. Wien – Frankfurt a. M . 2001.

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