Der Sommer,

damals

Eine Reminiszenz

in mehreren Anläufen

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

Vollendet im Gedenken an meine geliebte Katze Lila

(11. Juli 1994 bis 13. Juli 2015)

Die Entdeckung der Neuen Welt

war ein recht schwieriges Unterfangen,

wie wir alle gelernt haben.

Italo Calvino, Wie neu die Neue Welt war

*

Es wird der Augenblick kommen, und

zwar schnell, magst du dich auch dagegen

stemmen oder es beschleunigen; denn

die Lebenszeit fliegt dahin.

M. Tullius Cicero, Tusculanae disputationes I.

*

Theorie & Praxis

Ja, doch: Unsere Illusionen, damals, in den späten 1960er Jahren, bestanden in erster Linie darin, uns keinen Illusionen hinzugeben. Und auch unser Programm, damals, es war (quasi: typisch) ein von Unprogrammatischen entworfenes. Unprogrammatisch und folglich wohl auch – unpraktisch. Unsere ganze Politik – ich wiederhole: damals – war folgerichtig eine weitgehend unpolitische. Daraus konnte wahrscheinlich, allein schon wegen der Naivität, die sich notwendigerweise dahinter verbarg, auf Dauer nichts Ordentliches entstehen und nichts irgendwie Beachtliches werden. Zumindest, wie gesagt: auf Dauer nicht.

Da war nichts, was der alten kirchlichen Floskel per saecula saeculorum hätte gerecht werden können. Nein. Nichts wirklich Taugliches. Nichts Haltbares. Nichts Nachhaltiges. (Obwohl damals natürlich von Nachhaltigkeit längst noch nicht die Rede war, sondern Wirtschaft und Politik lieber unisono großmäulig das Konsumieren predigten. Und das war – bald darauf schon und fast automatisch, befanden wir uns doch an der Schwelle zur Müll-Epoche – ohnedies mit Wegwerfen gleichzusetzen.)

Wir also pflegten unsere Skepsis und wählten, ging es um Haltungen, gerne die abwartende. Wir sträubten uns nachgerade gegen das allzu Fixe und pflegten mit Hingabe unsere Vorurteile; zum Beispiel gegenüber zu engen, womöglich zu lange währenden Bindungen.

Wir misstrauten überhaupt allem, was auch bloß entfernt im Verdacht hätte stehen können, womöglich irgendeinen ekelhaften Anspruch auf Ewigkeit (auf Gültigkeit und Gediegenheit, auf Dauer oder Solidität) zu stellen. Und auch denen, die für solche (sozusagen:) Ideal-Ansprüche standen, misstrauten wir.

Wir misstrauten überhaupt andauernd. In Permanenz.

Unsere Eltern und Großeltern befürchteten folglich gar nicht so ganz zu unrecht, uns Jungen ginge es bloß an letzter Stelle um Großes, um Sicheres oder Gesichertes; wohl auch nicht um Werte und (für sie besonders relevant:) um Solidität.

Freilich, sie, die Eltern und Großeltern, hatten es (zumindest in einem Punkt) leichter als wir: Sie waren – rein statistisch – dem Tod schon um ein Stückchen näher, während wir gleichsam in einem mutmaßlichen Überfluss an Zukunft badeten wie junge herumtollende Hunde.

Ja, die Altvorderen – nicht bloß meine, nicht bloß Vater Wilhelm und Mutter Waltraud – befürchteten denn auch (und weitestgehend hatten sie sogar recht damit), wir Jungen wollten, sozusagen, lieber – zumindest vorläufig noch – gar nichts Richtiges.

Ihr rudert ziellos und ohne Navigation über den unendlichen Ozean“, seufzte Vater Wilhelm, und sogar Opa Bernhard, Mutters Vater, stimmte mit ein, ein ums andere Mal; und, im Meinungs-Schlepptau, Mutter selbst und auch Omi. „Ach ja! Ach ja! Aber – Ihr werdet schon sehen, wo euch das noch hinführt …“ (Gut, sie hätten vielleicht aus eigener Erfahrung wissen können, wohin das Geführt-Werden geführt hatte. Mit Hitler, dem außer Rand und Band geratenen Kompass aus Braunau, waren sie letztlich zwar unsanft, aber immerhin sicher gelandet – im Untergang. Doch unsere vergleichsweise Unbestimmtheit, unser Zaudern, unsere merkbare Angst vor der Festlegung, alles das war ihnen nichts desto trotz fremd. Und dieser Umstand bereitete ihnen Angst.)

Anstatt durch fürchterliche Erfahrungen endlich zu Cunctatores geworden zu sein und zu Jüngern der Über-Vorsicht, versuchten sich unsere Altvorderen (in einer seltsamen ihre jeweils eigenen Generationen überschießenden Solidarität) im Schönreden und Schönfärben – der Zukunft. (Mit anderen Worten: unserer Gegenwart [und Bald-schon-wieder-Vergangenheit, wenn man es denn so ausdrücken möchte]. Denn diese, ihre [vermeintliche] Zukunft planend, tunkten sie wiederum – nach der eben mit Ach und Krach überstandenen braunen Sauce – uns gleich mit ein in die nächste Lauge.)

Ja, doch: Die Desillusionierung der Generationen Weltkrieg Zwo, also die unserer Eltern und Großeltern, war erstaunlicherweise – einmal abgesehen von Fällen völliger Resignation und Verbitterung (auch solche gab es) – bald nach 1945 sukzessive zu einer schier kindlichen Fortschrittsgläubigkeit mutiert. Vielleicht spielten da tatsächlich die Gesetze der Evolution hinein? Womöglich war da ein leicht überdrehter Überlebenstrieb am Werk? Sich nämlich, im Falle größter Bedrohung und je aussichtsloser die Lage auch erscheinen mochte, immerhin so lange als halbwegs resistent zu empfinden, bis man tatsächlich überlebt hatte?

Oder: Sie handelten bloß aus trotziger Beharrung, von einem Justament-Standpunkt aus, durchdrungen von der Idee des Hoffnungs-Strohhalms, es müsse ganz einfach irgend wann einmal besser werden, verdammt?

Wie auch immer, diese Haltung wurde von den tapferen Veteranen und getreuen Marketenderinnen, von den ursprünglich so heldenhaften Recken und den dazugehörenden ausdauernden Trommelweibern (aber auch von den vormals Skeptischen und den regierenden Mächten nur widerwillig Dienenden, ja, auch von dem Regime gegenüber ablehnend Eingestellten, von überlebenden Opfern sogar), auf uns, auf ihre Nachfolger, eins zu eins projiziert.

Denn die Parole galt nun einmal, dass ab jetzt alles besser zu werden hatte! (Weil man schließlich ein für alle Mal aus den Fehlern gelernt habe; und überhaupt – – – [Sonst wären ja der Kampf und all die Entbehrungen vergeblich und gleichsam umsonst gewesen; wo sie, also der Kampf und die Entbehrungen, doch nachweislich so irrsinnig teuer und schmerzhaft, entbehrungsreich und zuletzt gar mit allgemeinem Verlust der Ehre verbunden gewesen waren!])

Daher setzten die Väter, Mütter, Omas und Opas voll auf Wirtschaftswunder und Atomkraft, auf Expansion um alles in der Welt. Und fielen in der Folge auch widerstandslos der völligen Knebelung durch die neuen (alten) Verführer anheim, die da waren Kapital, Finanzwesen und Wirtschaft; alle vorgeblich reglementiert, beaufsichtigt und organisiert durch eine auf durchaus vertrauenerweckend geschminkte Politik. (Nur was die Medizin [und in Partnerschaft mit ihr: die Pharmazie] betraf, da gingen nolens, volens alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, egal ob bildungsaffin oder bildungsfern, den alerten Rattenfängern nach wie vor brav auf den Leim. Seltsam.)

Und so ward aus der Desillusionierung nach Kriegsende und Zusammenbruch wie ein wahrhafter Phönix aus der Asche eine neue, noch größere und weiterreichende Illusion geboren. Ja, die große Illusionierung hatte Platz gegriffen mit unerbittlicher Strenge.

Noch etwas: Die später in diesen Erinnerungen geäußerte These, dass sich die Auffassungen der Söhne besonders krass von denen ihrer Väter abhöben, wird in Zeiten extremer und außergewöhnlicher (politischer, kriegerischer oder sonst wie von Katastrophen bestimmter) Ereignisse nicht selten widerlegt: Für die Generation der Nachfolgenden verschmelzen quasi mehrere Vorfahren-Generationen zu einer Art Zeit-Masse, die dann entsprechend amorph wirkt (oder opak, wenn Ihnen das lieber ist; undurchsichtig, kaum strukturiert allemal).

Vergessen und überblendet war für die Nachkriegs-Erwachsenen im Nu, was man je gelernt hatte über den Untergang so vieler bisheriger Großreiche und über deren Verschwinden von der Landkarte; und was man folglich wissen hätte sollen – ganz allgemein, auch schon vorher und im Verlauf der fürchterlichen Geschehnisse – über den Fluss der Dinge; und im Besonderen: den gerade erst überlebten Vollzug der Undinge gewaltigen Ausmaßes.

Ob man nun die Hybris Hitlers mit der vorhergegangener größenwahnsinniger Tyrannen vergleichen wollte (auch wenn jeglicher Vergleich von Scheußlichkeiten im Grund eine Beleidigung der Betroffenen und Opfer bedeutet), oder wenn man darin eine historische negative Einmaligkeit sah: Jedenfalls zur Kenntnis nehmen hätte man sie müssen: als das, was sie war, eine zur Möglichkeit gewordene Unmöglichkeit.

Aber ganz im Gegenteil: Man stieß mit (vermutlich irgendwo im Verborgenen verstecktem, übriggebliebenem) Champagner an auf die angeblich neuen Zeiten mit ihren ebenso angeblich neuen Chancen.

Von Hoffnung trunken und vor Optimismus strotzend.

Gut, einigen von uns Jungen genügte es, die Erwartungen unserer Eltern und Großeltern, die diese so unvorsichtig waren, in uns zu setzen, einfach nicht zu erfüllen.

Die Hoffnungen der Altvorderen, deren Inhalte leider erst wieder aus brüchigem und altem Stoff gewoben waren, zunichte zu machen, schien diesen Kollegen immerhin schon als eine anerkennenswerte Leistung.

Auch wenn die Übung ziemlich simpel wirkte und wenig konstruktiv: Für mehr blieben da anscheinend weder Zeit noch Kraft.

Wir kamen uns nämlich in den 1960ern und 1970ern überhaupt seltsam früh entkräftet vor. Ganz so, als wären wir – warum auch immer – lange vor der Zeit schon geschwächt durch ein erst noch zu erreichendes Alter.

Sicherlich, an unserer irgendwie kraftlos wirkenden Haltung hatten die Familien, aus denen wir kamen, ihren nicht unbeträchtlichen Anteil.

Mein Vater Wilhelm – zum Beispiel -, der war zur Zeit der NS-Machtergreifung, des Anschlusses also, anno 1938, noch ein junger, idealistischer und aufstrebender Pädagoge gewesen. Da ihn rein gar nichts zu den braunen Horden hinzog, die soeben erst auch in Österreich offiziell die Macht an sich gerissen hatten (inoffiziell hatten sie diese Machtergreifung ohnedies schon vorbereitet als sogenannte Illegale), da er sie und ihre Ideologie also nicht ausstehen konnte, sah er sich bald schon als politisch unzuverlässig gebrandmarkt; Wilhelm entging nur mit knapper Not dem Konzentrationslager.

Das alles hätte für ihn später dann, nach 1945, ein Glück bedeuten können (doch er hielt es, so schien es, sein Leben lang nicht sonderlich mit dem Glück). Schließlich doch noch eingerückt, entging er zuletzt nur knapp der russischem Kriegsgefangenschaft.

Im Laufe des Sommers im Jahr 1945 und nach einer kleineren Odyssee endlich zurück in die Heimat gekommen, waren die Plätze im Schuldienst indes schon wieder größtenteils besetzt. Übrigens, zu nicht geringem Teil von ehemaligen Pimpfen der Hitler-Jugend, jungen Ex-Nazis und anderen irgendwie reingewaschenen Parteigenossen; auch durchaus gestandene alte Parteigänger des früher als so großartig angesehenen Adolf H. waren darunter. Für sie waren allerdings die Direktoren-Posten und die attraktiveren Etagen der Landesschulräte reserviert. Denn auf ihre Erfahrung konnte und wollte der junge, wiedererstandene Staat allenthalben nicht verzichten; und an eine Entnazifizierung, die diesen Namen tatsächlich verdient hätte, war in Österreich, allem Anschein nach, ohnehin nicht zu denken gewesen …

Bernhard, der Vater meiner Mutter Waltraud, der ebenfalls kein brauner Mitläufer (allerdings auch kein Widerstandskämpfer oder sonst wie ernstzunehmender Regimegegner) gewesen war, fand sich nun, als kleiner Geschäftsmann, immerhin in die Lage versetzt, sich und die Familie einigermaßen über Wasser zu halten. Und in dieser Familie fand nun bald auch mein Vater Willi – schließlich, nach manchem Hin und Her, ja doch wieder an einem der hiesigen Gymnasien untergekommen – seinen Platz. (Bald darauf dann übrigens auch ich.)

Ja, die Pädagogik und mein Vater. Er war vermutlich zu gut für diesen Beruf. Zu gebildet, zu interessiert und zu – tief. Und das – nicht nur fachlich, sondern vor allem, was seine Ideen betraf, wie Unterricht sein sollte (oder besser: sein hätte sollen …).

Es widerstrebte Wilhelm, meinem Historiker-Vater, seinen Schülern, diesen jungen Menschen, die da in den (der ersten Nachkriegszeit entsprechend: eher spartanisch-trostlosen) Klassen saßen und – zum Teil zumindest – sogar wissbegierig und interessiert zu sein schienen, es widerstrebte ihm, ihnen allen lediglich das zu vermitteln, was das Lehrplan-Wissen ausmachte: Das (in erster Linie der Diensterfüllung geschuldete) Abspeisen mittels Zahlen, Fakten und Regeln allein war ihm nämlich zu wenig. Dieses Von-dann-bis-da und Von-hier-bis-dort, dann vielleicht noch da eine Papstreihe, dort die merowingischen oder ottonischen Herrscher oder die Salier, oder (hätte er Mathematik unterrichtet) die Integralrechnung, vielleicht die Härtegrade nach Linné oder, als Deutschlehrer, die rechtsrheinischen Romantiker oder, wiederum in Geschichte, die Frontverläufe im Ersten Weltkrieg …, das weiterzugeben schien ihm nicht Sinn seines Tuns als Lehrer zu sein. (Und auch nicht Sinn der von Schülern wie Pädagogen [und Eltern] dafür aufgewandten Lebenszeit!)

Besonders die Schüler taten ihm leid.War er sich dessen doch sicher, dass sie nicht über ein Zehntel ihres Lebens schulsystematisch verplempern sollten! Sie möchten, hoffte er, vielmehr etwas davon haben, warum sie tagtäglich, zwölf Jahre lang, in die Schule gingen.

Gelegen war ihm nicht an dem ach! so gerne zitierten (und noch dazu aus dem Zusammenhang gerissenen) Satz des Seneca: Non scholae, sed vitae discimus (Epistolae, 106, 12). Mitnichten! Und vor allem opponierte er, was die – in Wahrheit sogar zur falsch interpretierten Sentenz diametral dagegen-stehende – allgemeine Auffassung betraf: „Lernt schön brav und schaut, dass Ihr die Schulzeit möglichst geistig unbeschadet hinter Euch bringt! Dann könnt Ihr ohnedies das meiste vom Gelernten gleich wieder vergessen, weil Ihr es vermutlich nie mehr brauchen werdet im Leben …“

Nein. Damit wollte er nichts zu tun haben. Da fehlte es ihm eindeutig an Flexibilität. Selbst auf die Gefahr hin, in den Geruch eines Unbequemen zu kommen, eines Widerborstigen, eines Schwimmers gegen den Strom.

Durch seine Widerborstigkeit machte er sich weder bei seinen Vorgesetzten noch bei den diesbezüglich einfacher gestrickten Kollegen sonderlich beliebt. Ja, man freute sich, als der Unbequeme endlich in Pension ging. (Gut, zugegeben: Er freute sich auch.)

Man verstehe mich nicht falsch: So sehr ich im Nachhinein die Haltung meines Vaters in pädagogischen Fragen respektiere (ja, ihn ob seiner Eigenwilligkeit und Charakterstärke, wegen seines Mutes und seiner Unerbittlichkeit [und seiner Entschlossenheit, ein Unbequemer zu sein] sogar bewundere), hatte ich als Junger selbstredend meine Probleme mit ihm. Und hätte es die berühmte antike Weggabelung gegeben – außerdem noch, quasi vorausgesetzt, er wäre Lajos und ich Ödipus gewesen! -, ich hätte vermutlich dem Mythos entsprechend gehandelt. Aber mein Vater war natürlich nicht Lajos, und ich war nicht Ödipus; also musste ich auch nicht meine Mutter, die nicht Iokaste, sondern Waltraud hieß, ehelichen und mit ihr Halb-Geschwister zeugen … Zeus sei es gedankt!

Ja, es gab Zores zwischen uns.

Doch ohne die geht es eben nicht.

Zores sind, davon kann ausgegangen werden, nun einmal Generationen übergreifend. Vielleicht ist die gegenseitige Ablehnung – zwischendurch – sogar der Familienhygiene eher förderlich als abträglich? Vor allem muss sie nicht unausweichlich zu Mord und Totschlag führen und in blutigen Dramen ihr Finale finden. Und wenn auch nicht gleich Vatermord und Sohnesverleugnung in der Luft liegen: Missbehagen und bis zum Hass gesteigerte Abneigung können immer wieder auftreten. (Von den ödipalen Erscheinungen in Familien einmal ganz abgesehen, deren Vorhandensein eigentlich beinahe schon an Normalität grenzt.)

Im Allgemeinen schwingen die Söhne (oder Töchter) grosso modo in die Gegenrichtung; wie ja überhaupt innerhalb der Entwicklung der Kulturen auf eine sogenannte sittenstrenge Epoche nicht selten ein etwas liberaleres Zeitalter folgt, nach dessen Ausklingen das angebliche Moralpendel dann wiederum in die andere Richtung ausschlägt und die Ansichten (Riten und Traditionen) erneut prüder werden … Die Enkel- oder Urenkel-Generation mag dann ohne weiteres wieder der Großväter- oder Urgroßväter-Sitte zuneigen. (Oder vielleicht gar keiner Sitte, wie auch immer …)

Allerdings: Großereignisse (Kriege, Katastrophen, Epidemien, Erdbeben), wie alles Antizyklische, störten immer wieder das gewohnte Muster und das – sozusagen – gewohnte System. Ja, sie brachten nicht selten das Gefüge und das historische Muster gehörig durcheinander.

Der Dreißigjährige Krieg etwa ließ das sonst weitgehend ausgewogen schaukelnde Pendel etwa in Moralfragen – mal zur Keuschheit neigend, mal eher üppig sinnlich ausgerichtet – total aus der Balance geraten. Da rissen nämlich alsbald eine bisher kaum bekannte Verrohung und Entmenschung über Generationen ein. (Um der kriegsbedingten Verrohung zuletzt Einhalt zu gebieten, bedurfte es größter Anstrengungen. Zum eigenen Vorteil und Nutzen schalteten sich zuletzt dann die rivalisierenden Religionen und Kirchen, Katholizismus und Protestantismus, die zuvor in Wahrheit den Brand ausgelöst hatten, quasi regulierend ein …)

Um auf unseren Fall zurückzukommen: Man hätte sich allenfalls, Vater und Großvater hin oder her, ja auch außerhalb der engsten Familie orientieren können. Etwa politisch. Da taten sich doch Möglichkeiten auf, oder? Ein erfolgreicher Onkel, eine Karriere-affine Tante?

Schon, aber was half einem der ehemalige SS-ler, der stets angeheiterte Onkel Ferdl? Oder die gewesene überaus emsige BDM-se, die Tante Gretl mit dem stechenden Blick, den weißen Zopf-Socken und der Gretl-Frisur (sic!)? (Zudem bedeutete wahrscheinlich die Zeit bei der Waffen-SS [da mochte sich dieser Verein später als noch so unrühmlich herausstellen] für den Ferdinand und der Bund Deutscher Mädchen für die Margarete nun einmal mit Abstand die beste, zumindest aber die einzige Etappe ihres Lebens, an der sie [ihrem eigenen Dafürhalten nach und zum Teil auch in der Fremdbeurteilung] wirklich etwas dargestellt hatten …)

Politisch war für mich, Peter, da freilich nichts drinnen. Rechts ging auf keinen Fall. Darin zollte ich sogar meinem Vater Willi Hochachtung – seiner gezeigten Haltung wegen! Und ein alter Kommunist ließ sich beim besten Willen nirgendwo im Familienverbund finden. (Zwei entfernte Onkel waren Sozialdemokraten gewesen, aber längst tot.)

Ach ja, und die Grünen? Die mussten sich erst langsam zusammenraufen. Nach übrigens durchaus beachtlichen Bürgerinitiativen (etwa gegen die Atomkraft) und dem wirkungsvollen Auftreten gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf oder später dann in der Hainburger Au saßen die Vereinigten Grünen Österreichs (VGÖ) und die Alternative Liste (ALÖ) dann unter Freda Meissner-Blau und KollegInnen ab 1986 im Parlament … Dass sie – auch in der Folge – immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, ging es endlich einmal um das Mitregieren, lässt sich nicht leugnen. (Im lokalen, im kommunalen Bereich funktionierte vieles sehr schnell durchaus perfekt, doch schon auf Landesebene hatten es dann die Mühen der Täler nicht selten merkbar in sich; doch dass Grün es jemals in die Bundesregierung schaffen könnte, wagte wohl kaum jemand zu hoffen. (Da musste man schon froh sein, dass solches nicht womöglich noch den Freiheitlichen glücke, die immer noch stark von nationalen Kräften durchsetzt waren.)

So sah es nun einmal aus in der Politik.

Aber auch ohne kommunistischen Paten und grünen Oheim: Fest stand für uns, dass Konformismus Scheiße war. Und die Zeiten verbaten es uns Jungen nachgerade, einer Meinung mit dem Establishment zu sein (auch wenn man die in mancher Sachfrage womöglich für richtig halten mochte). Da durfte Vater Willi noch so unangepasst gewesen sein, sich ihm nunmehr anzupassen, das ging aber schon gar nicht! Sorry!

Fortsetzung folgt!

Reminiszenzen I

Als wir gerade im Studieren begriffen waren (nicht unbedingt im Begreifen …), gab es das berühmte Jahr 1968. Da machte in Deutschland die APO, die Außerparlamentarische Opposition, gegen den Mief in den Talaren mobil und solcherart Schlagzeilen. Auf das Idol vieler, den Rudi Dutschke, wurde im Zuge einer Demonstration geschossen (an den Folgen starb er Jahre später); der nachmalige grüne deutsche Außenminister unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder, Joschka Fischer, schmiss mit Steinen; Daniel Cohn Bendit (später EU-Grün-Abgeordneter) demonstrierte und diskutierte, dass die intellektuellen Fetzen nur so flogen; und Joseph Aloisius Ratzinger, unter Papst Johannes Paul II. ab 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und quasi der vatikanische Großinquisitor, dann (2005 bis zu seinem Rücktritt anno 2013) sogar als Benedikt XVI. pontifex maximus, wurde angeblich an der Uni Tübingen, wohin er als Professor für katholische Dogmatik (über die Universitäten München, Freising und Bonn) gelangt war, von aufgebrachten Studenten in eine Besenkammer gesperrt.

Das war freilich noch gar nichts: Kaum ein Jahrzehnt später, im Jahr 1977, wandte die RAF, die Rote Armee Fraktion, schon weit weniger sanfte Methoden an. Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Esslin, Jan-Carl Raspe, Birgit Hogefeld und Christian Klar ließen zumindest ausgiebig rohe Gewalt walten. Der Letztgenannte war sogar der mutmaßliche Mörder des westdeutschen Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer. Auch Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Chef der Dresdener Bank, Jürgen Ponto, wurden von RAF-Kugeln niedergestreckt.

Die Generation der zornigen Söhne und Töchter rächte sich (wofür auch immer) an den Vätern und Müttern, Onkeln, Tanten und Großeltern, kurz: am Establishment.

Die Nachfolgegeneration der Baaders und der Meinhofs? Sie schmollte und musste nolens, volens dem Terror abschwören (weil es sonst keine Posten für sie gegeben hätte und keine Aussicht auf die dicken Pfründen).

Und so tendierte man erneut in Richtung Illusion, jedoch abseits der Politik.

Kaum zu glauben, aber wahr: Immerhin, unsere kleine Gruppe florierte. Als kleine Gruppe. Wobei gleich einschränkend bemerkt sei, dass es mit unserer Homogenität schon von Beginn an eigentlich nie allzu weit her war. Aber immerhin.

Wie gesagt: Kaum zu glauben, aber ein paar Kolleginnen und Kollegen, also Kommilitonen, die unter Umständen sogar bald als Freundinnen und Freunde zu bezeichnen waren, und ich, Peter, wir hatten uns doch tatsächlich bald schon zusammengefunden. Sogar zu einem Projekt, das unser weiteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Denn jetzt kommt sozusagen der Clou: Einige Jahrzehnte hindurch bestand tatsächlich – man höre und staune! – unser eigener landwirtschaftlicher Betrieb, der von uns bald schon als einer der ersten Bio-Bauernhöfe geführt werden konnte. (So recht und schlecht zumindest.)

Indes hieß das alles, damals, als wir anfingen, noch nicht Bio, und auch der Begriff der biologischen Landwirtschaft musste erst formuliert werden. Von diversen Zertifikaten war man noch meilenweit entfernt. (Dass im Jahr 2006 sechs Prozent am Lebensmittel-Gesamtumsatz auf Bio-Produkte entfallen würden, hätte man gegen Ende der 1960er und am Beginn der 1970er sicherlich nicht zu prophezeien gewagt. Allerdings, auch eine Europäische Union lag damals – für uns zumindest – noch in weiter [Denk-]Ferne …)

Immerhin, anno 1971 wurde der eingetragene Verein „bio-gemüse“ in Österreich gegründet. Ursprünglich basierte dieses deklariert Biologische auf der Naturkost-Bewegung, auf der Hinwendung zu Vollwertkost und Vegetarismus der 1920er Jahre; eingeschlossen anthroposophische Überlegungen à la Rudolf Steiner und basierend auf Ideen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Mit der Hippie-Bewegung war dem Bio-Gedanken zudem ein nicht unbedeutender Helfer an die Seite getreten; zumindest vom Image her.

Aber von jetzt, von 2015, aus betrachtet, muss ich, Peter, mir und Ihnen traurig eingestehen: Das war alles, damals, Ende der 1960er Jahre. Es war. (Darauf liegt die Betonung: war.)

Denn seit ein paar Jahren gehört er jemandem anderen, unser Bauernhof, der zwischendurch gleichsam unser Lebensinhalt war und unser ganzer Stolz.

Ja, er gehört einem gewissen Diplomlandwirt Roman Rüsselberger – beziehungsweise der Gesellschaft, die er als Geschäftsführer vertritt. (Rüsselberger verfügt übrigens über beste Beziehungen zur Beamtenschaft bei der Europäischen Union [bei Parlament wie Kommission] und zu den betreffenden Ministerien in Wien. Und natürlich auch zu Raiffeisen. Darüber wird übrigens später noch zu referieren sein.)

Damals freilich: Der Obst- und Gemüseanbau, unsere paar Schafe, Schweine und Hühner, natürlich die Katzen und Hunde, ja, sogar die zwei Milchkühe, das alles war sozusagen fast immer guter Dinge. Drüber hin flogen zudem Dorfschwalben aus Österreich … Und sie standen uns auch mental sehr nahe, die Viecher. Ja, sie trugen sogar allesamt Namen, die Tiere am Mohrbauern-Hof in St. Georgen an der Tertzen. Und sie konnten sich unserer innigsten Obsorge und ganzen Zuwendung sicher sein. Wie auch wir uns, zumindest mental, immer noch (obschon sich bereits ein paar dunkle Wolken über uns zusammenzogen, nichts Gutes verheißend …) einigermaßen sicher waren, was das gemeinsame Projekt betraf.

Ja, doch! Denn zumindest wir, wir hielten uns damals (noch) für echte Alternative.

Für Alternative von bestem Schrot und Korn!

Und auch Schrot und Korn und Hafer (besonders für unsere vier Pferde [Erasmus, Baruch, Hildegard und Jenny] und die zwei Eselchen [Karl und Friedrich]) sowie Weizen wie Dinkel, sie gediehen. Bis – bis –

– ja, bis die

allgemeinen Auflösungserscheinungen einsetzten.

Erst ging das schleichend vor sich, leise und fast unmerklich; dann freilich wurde der Zerfall unseres agrartechnischen Unternehmens, das letztlich immerhin auch ein vital existenzielles war, immer offenkundiger. Schließlich war die Malaise nicht mehr zu übersehen – und (beim besten nostalgischen Willen) auch gar nicht mehr wegzuleugnen.

Und, ich greife den Ereignissen, wie es meiner Art entspricht, wieder einmal vor (wie ich überhaupt gern im Zickzack erzähle), zuletzt war es dann eigentlich egal, wo oder worin die Gründe unseres Scheiterns auch immer liegen mochten. Fest steht, dass wir (beziehungsweise unser Projekt, vielleicht auch wir und unser Projekt) quasi mit Bomben und Granaten erst in die Luft und daraufhin in überzeugender Weise untergingen.

Und dass wir letztlich allein da standen (zumindest, was Monika und mich betraf) und uns, jeder für sich, das traurige Faktum dieses Untergangs eingestehen mussten.

Woran dieses Scheitern letzten Endes gelegen hatte, ob an der immer rücksichtsloser agierenden, dergestalt in unmenschlicher Weise überhandnehmenden Konkurrenz mit ihren geradezu erpresserischen Methoden, in denen unsere Kontrahenten mehr als nur bestens geübt zu sein schienen? Oder ob daran, dass die Handelsketten, der Zwischenhandel, die Großkonzerne, auch die Kraftmittelhersteller und die Maschinenerzeuger oder -verleiher mehr oder weniger offen signalisierten, unserem Tun sukzessive die Lebensgrundlage entziehen zu wollen? Oder ob vielleicht daran, dass uns die Europäische Union, regionale Ausläufer der internationalen Wirtschaftsverflechtungen, ja: die Politik selbst oder sonst noch wer den Geldhahn abzudrehen entschlossen waren? Oder ob das Ende am Ende an unserer eigenen merkantilen Unfähigkeit lag (Stichwort: das Unprogrammatische)? Das alles konnte uns letztlich egal sein.

Die Einsicht dieser Möglichkeiten und Gründe unseres Scheiterns brauchte jedoch einige Zeit, bis sie in unsere immer noch rudimentär idealistisch verblendeten Hirne einsickerte. (Zudem funktionierte das Begreifen dieses peinlichen Faktums nicht bei jeder und jedem von uns gleich rasch. Und außerdem – so kommt es mir zumindest jetzt, im Nachhinein, vor – waren wir, Monika und ich, Peter, durch den ständigen Prozess der Abschuppung, durch den sukzessiven Verlust unserer Freundinnen und Freunde (und zuletzt sogar unserer Kinder) zu sehr abgelenkt, um das kommende Unheil in seinem vollen Ausmaß auch tatsächlich zu begreifen. Das Drumherum und der Alltag mit seinen kleineren und größeren Anforderungen und Problemen verstellten uns diesbezüglich die längste Zeit über die klare Sicht.

Irgendwann war es in der Tat klar (sogar für uns wurde das zur traurigen Gewissheit): Das Projekt war gescheitert. Unser Projekt. Unser Projekt, an dem wir in schier grenzenloser Liebe gehangen hatten. (Grenzenlos, schier grenzenlos?! – Nun ja …, doch, … einigermaßen, zumindest …)

Und jetzt, fast 50 Jahre nach dem Start des Experiments, ist Monika gestorben.

Fortsetzung folgt!

Von der Liebe

Vielleicht war es die Liebe selbst, die unseren Bemühungen zuletzt entgegenstand? (Gemeint sind damit nicht unsere agrartechnischen Ambitionen, nicht unser Streben also in den Bereichen Acker-, und Obstbau, Forstwesen und Viehwirtschaft, sondern die ohne Zweifel noch um einiges schwerere Arbeit an unserer Liebesbeziehung.) Immerhin kann gelten, dass Liebesbeziehungen, so sie glücklich sind, sich kaum besonders dramatisch gerieren. Wie umgekehrt natürlich außergewöhnlich dramatische (ja: tragische) Liebessachen auch eher selten das Prädikat glücklich verdienen …

Noch etwas: Es ist uns (just uns beiden, Monika und mir, Peter) in den späten 1960er Jahren nicht – zumindest nicht in erster Linie – um die viel diskutierte und oft beschriebene, die sogenannte freie Liebe gegangen, die damals quasi in aller Munde war (übrigens auch, was ihre zum Teil bis dato kaum ungeniert oder womöglich gar halb-öffentlich geübten [oder zumindest mehr oder minder explizit diskutierten] Praktiken betraf); wie gesagt: damals, vor nunmehr fast 50 Jahren, als wir unseren Aussteiger-Versuch starteten.

Worum es uns gegangen ist? Um ein Weniges mehr an – Freizügigkeit.

Erinnern wir uns (und auch damals, in den späten 1960ern, erinnerten wir uns): Da hatte doch in den Schlafstuben der Durchschnittseuropäerin und des Durchschnittseuropäers während der vorangegangenen Jahrtausende, Jahrhunderte und Jahrzehnte grosso modo Düsternis vorgeherrscht. Allein schon im Zuge der Christianisierung und auch später noch in der diesbezüglichen Rom-Abhängigkeit war den (katholischen) Gotteskindern grosso modo die Lust an der Lust nachhaltig ausgetrieben worden. Mittels Weihwassers ausgetrieben, sozusagen.

Wir haben jetzt der Einfachheit halber schon Eis- wie Steinzeit und auch die in sexuellen Fragen etwas anders orientierten orientalischen Hochreiche, etwa das in Mesopotamien oder das der Assyrer, aber auch das Imperium der Ägypter, einmal ausgeklammert, und so bietet sich uns schon in der quasi europäischen Antike, in Athen erst und dann, Griechenland nachahmend, in Rom, in Sachen Sexualität ein erstaunlich wirres Bild dar.

Und da es sich im Allgemeinen um von Männern dominierte Kulturen handelt, haben die Frauen durchwegs kaum etwas zu lachen; außer vielleicht im Lustspiel, wenn ihnen Aristophanes in seiner „Lysistrate“ ihren Männern gegenüber zum rigorosen Sex-Boykott als probatem Druckmittel zur Kriegsbeendigung rät. (Denn anscheinend wollten nicht alle antiken Griechen auf die ach so hochgeschätzte Päderastie ausweichen, diese erstaunliche Lust-Gepflogenheit, angesiedelt zwischen Kindesmissbrauch, Homosexualität und sportlicher Ertüchtigung. [Näheres am besten bei Egon Friedell, „Kulturgeschichte der Neuzeit“, „Kulturgeschichte Griechenlands“; aber auch bei Joachim Fernau, „Rosen für Apoll“.])

Weiter. Nehmen wir als Nächstes besser auch das Mittelalter nicht allzu genau unter die Lupe und lassen wir offen, ob es nun dunkel oder weniger dunkel gewesen sein mag. (Darüber sollen, meinetwegen, Umberto Eco, Jacques le Goff und Konsorten Auskunft geben!) Und setzen wir ferner voraus, dass über die Renaissance, aber auch im Folgenden dann über Ludwig XIV. und vor allem über Habsburgs Barock für Herrschende alles Wichtige bekannt ist, bleibt immer noch genug des Überdenkens Wertes.

Zwar mag ja die vom jeweiligen Staat, sozusagen: vom Herrschergeschlecht abwärts, geübte Doppelmoral irgendwie und über geheime Kanäle und amouröse Schleichwege manchen temporären Lustgewinn durch Sexualität ermöglicht haben; insgesamt gestaltete sich quasi flächendeckend die (zumindest offizielle) Liebespraxis indes doch wohl eher denkbar lustgebremst. (In einer, es sei nochmals erwähnt: rein männlich dominierten Gesellschaft und quer durch alle Schichten aller Nationen oder Staaten, war es um die Position der europäischen Frau [das war ebenfalls hauptsächlich die Schuld der Kirche] übrigens noch um einiges schlimmer bestellt als um die des Mannes.)

Die sogenannte Klassik (zumindest in der Literatur) versteckte ihre Frivolität (wenn sie sich überhaupt zu einer solchen aufschwang), bestenfalls verschmitzt lächelnd hinter hellenistisch erinnertem (dazu noch – fälschlich – für rein-weiß gehaltenem) Marmor, quasi als hübsche Winckelmann-Reminiszenz. Oder sie, die Klassik, räkelte sich, Orient-affin, doch weitgehend manierlich und salontauglich, auf manchem west-östlichen Diwan

Die Romantik allein schlug hin und wieder auch sittlich ein wenig über die Stränge. Heinrich Heine zum Exempel zerdepperte mit Vorliebe sein zunächst filigran und zierlich wie aus Elfenbein gedrechseltes Vers-Gespinst feinster Liebeslyrik dadurch, dass er zuletzt bösartige Pointen-Blitze gegen das Sentiment schleuderte, wo es sentimental zu werden drohte …

Dann das restliche 19. Jahrhundert – egal ob klassisch (pseudo-)gebildet oder plebejisch ausgerichtet – versteckte die Geschlechtlichkeit und den möglicherweise damit verbundenen Genuss, wie die vorangegangenen Epochen, letzten Endes sicherheitshalber auch wieder unter der Bettdecke. (Wir vernachlässigen hier bewusst die speziellen politischen Gegebenheiten, etwa die langwährende Zerrissenheit Italiens, den wenig nützlichen Zentralismus Frankreichs oder die unübersichtliche Kleinstaatensituation Deutschlands bis zum unbestrittenen Erstarken Preußens, Österreichs Vielvölkerproblematik et cetera.) In Summe regierten Ge- und vor allem: Verbote, und erst deren Missachten beziehungsweise Übertreten öffneten auch die Pforten sexueller Lusterfüllung (oder zumindest die Möglichkeiten dazu).

Freilich, dass, einmal abgesehen vom offiziösen Bereich, für den Nebenschauplatz der persönlichen Sexualmoral allemal andere Gesetze galten, versteht sich von selbst. So blühte die Prostitution, ungeachtet der anderslautenden kirchlichen wie staatlichen Direktiven, ja: dadurch vermutlich noch forciert, im Verborgenen kräftig wie bisher und munter weiter.

Überhaupt hatte die private Sinnenwaltung nicht viel zu tun mit der lustfeindlichen Haltung von Kirche & Staat, die von diesen – wie zwei Kompagnons (deshalb auch mein &!) auftretenden – Institutionen nach außen hin eingenommen und gleich engstirnig wie eisern verteidigt wurde, als wäre ihr geistiges Korsett ein mittelalterlicher Keuschheitsgürtel. Allenfalls hatten die Menschen, je nach mentaler Struktur und ethischer Kondition, ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen bei dem, was sie da just alles taten oder eben unterließen in einem der delikatesten Bereiche menschlichen (Zusammen-)Lebens.

Das Fin de Siècle hält für uns, im Nachhinein – allein schon als künstlerisches Schlagwort – betrachtet, unleugbar einigen (Sex-)Appeal bereit; beispielsweise die literarische Décadence (rund um Stéphane Mallermé in Paris und Oscar Wilde in London); doch auch die Musik, in der sich ein Wechsel von – zugegeben: schon leicht überfrachtet wirkendem – spätromantischem Klanggefühl zu neuen, experimentellen Ufern zu vollziehen anhebt; und die Malerei, die von Historismus-Prunk bis hin zu Jugendstil und Secession reicht – sie warten mit manch saftiger Überraschung auf.

Allerdings geben die künstlerischen Ausdrucksweisen der Stile und Epochen nicht unbedingt den tatsächlichen allgemeinen Umgang mit der quasi handfesten Geschlechtlichkeit wider. Von der Lage der Frau im allgemeinen gesellschaftlichen Stellungskrieg soll hier und jetzt nicht explizit gehandelt werden. Nur so viel: Die weibliche Position war mit Sicherheit eine bedauernswerte.

Außerdem waren das Finale des 19. Jahrhunderts in bildender Kunst, Musik und Dichtung wie auch der künstlerische Beginn des 20. kaum von besonderer gesellschaftlicher Relevanz; verfügte das Artifizielle doch über bloß marginale politische Formkraft. Wenn, dann spiegelte die Kunst gesellschaftliche Spannungen und Begierden höchstens wider; doch initiierte sie solche kaum. (Wie sie sich insgesamt [eigentlich seit dem Biedermeier schon, wie es scheint] am liebsten aus potenziell Revolutionärem vorsichtshalber herausgehalten hat.)

An eine Änderung der Rollenbilder von Frau und Mann war schon gar nicht zu denken.

Dazu kam noch der nicht zu unterschätzende Einfluss mehr als bloß kurioser Bizarr-Denker, etwa in Person des skurrilen Jungmediziners Otto Weininger, der aus seinen persönlichen, weitgehend unglücklichen Dispositionen heraus, freilich angereichert mit ziemlich viel Selbstvertrauen, an einem rigoros abwertenden Frauenbild bastelte.

Und dies keineswegs unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Sein Machwerk „Geschlecht und Charakter“ von 1903, an dem sich, seltsam genug, Geister wie Karl Kraus und August Strindberg delektierten, wurde rasch zum Bestseller und erlebte am Ende des Ersten Weltkriegs bereits die 18. Auflage. (Autor Weininger selbst hatte noch im Jahr des Erscheinens Selbstmord begangen.)

Übrigens, der eben erwähnte Erste Weltkrieg, von dem damals als dem Großen Krieg gesprochen wurde, weil man verständlicherweise an eine notwendige Nummerierung der Weltkriege noch nicht dachte …, er lenkte den Focus auch nicht gerade aufs Bett der Lüste und auf den Stellenwert des Bettes wie der Lüste. Doch auch die Zeit danach machte sich nicht sonderlich viel Sorgen um eine mögliche gesellschaftliche Enttabuisierung des Themas. (Zudem war Sigmund Freud erst mitten drinnen im Forschen; und auch sein bisheriges wissenschaftliches Werk längst noch nicht allgemein bekannt.)

Nach 1918 dann stellte die restriktive Schein-Moral des österreichischen Ständestaates mit seinen unerquicklichen Monarchie-Reminiszenzen, mit der Prolongierung und Verstärkung des (bisher schon und quer durch die Jahrhunderte) unappetitlichen Antisemitismus, der primitiven Unterdrückung der Arbeiterbewegung und der unrühmlichen Kopulation von Kirche und Austrofaschismus mit Sicherheit ebenfalls keinen Hort freizügiger Lust und Liebe dar.

Kleiner Einschub: Just die Fehler der Verhaberung zwischen (katholischer) Amtskirche und Staat sollten in Österreich später zwar nicht mehr begangen werden. Ein schreckliches Pendant fanden sie allerdings (und das weltweit) im unsäglichen Wirken des islamischen Fundamentalismus, der ab den 1970er Jahren und ausgehend vom Nahen Osten allenthalben um sich zu greifen begann. (Übrigens in Berufung auf den Koran und die daraus abgeleiteten Gesetze, Vorschriften und Verbote, einschließlich einer empfindlichen Restriktion der [ohnedies nie so besonders freizügig gepflegten] Frauenrechte et cetera.)

Weiter im Sündenregister von Herrn und Frau Österreicher. Da schwappte mit dem sogenannten Anschluss an Deutschland, der im März des Jahres 1938 von Hunderttausenden sogenannten Landsleuten frenetisch akklamiert wurde (während schon die ersten politischen Gegner in die Konzentrationslager und in den Tod wanderten), auch die unselige Vermehrungshysterie der braunen Hitler-Horden mit ihrer dumpfen Blut- und Boden-Ideologie auf unser Land über; erregt geifernd und sklavisch dienend einer kranken Wahnvorstellung, die ihrerseits, ganz dem Taumel abstruser After-Ideen eines völlig verkorksten Übermenschentums pseudo-germanischen Ursprungs und den Idealen nordischer Blondheit et cetera verpflichtet, kurzerhand den Holzweg, auf dem sie sich befand, zur Prachtstraße in die Zukunft erklärte.

Insgesamt nichts anderes als eine überreichlich schwüle Gedankenkacke, die in Wahrheit bloß zur glitzer-gleißenden Verbrämung der nackten und brutalsten Kriegslüsternheit und des weitgehend unmenschlichen Kalküls einer Weltherrschaftshybris sondergleichen diente.

Zwar wurde (und wird) mit Ausdauer, Adolf Hitler im Nachhinein gern auf den wahnsinnigen Machtfanatiker reduziert, der er fraglos unter anderem auch gewesen ist; doch steckte (und steckt) vermutlich etwas von seinem kranken Ideengut und seiner verkorksten Libido in vielen anderen, womöglich in uns allen (respektive schon in unseren Vorfahren).

Den Übermenschen hatten die Nazi zu züchten sich vorgenommen. Einen besseren Menschen in jedem zu suchen und am Ende zu finden, das war ihnen nicht eingefallen.

Freilich, es war auch um einiges leichter (und viel opportuner) gewesen, Männer zu hirnlosen, ständig einsetzbaren Machtwerkzeugen oder zu Kriegsmaschinen und Frauen zu ordinären, zur Aufopferung jederzeit bereiten Gebärautomaten umzufunktionieren.

Dann: 1945. Das Nichts.

Wenn schon, dann ein zaghaftes, im Wortsinn unschuldiges Regen.

Neuorientierung, wo und wenn solche überhaupt möglich war.

Denn so, wie sich die alten braunen Lehrer und Richter erneut anschickten, verkorkste Bildung und ungerechte Justiz auszuüben, so verbaute nicht zuletzt das eigene schlechte Gewissen (auch die braunen Priester [und mit ihnen die alte Sexualmoral] waren wieder am Zug!) den zunächst freien Zugang in die selbstbestimmte Zukunft – als Individuum, freilich: auch als Wesen in der Gemeinschaft (also auch als eines der Geschlechtlichkeit!).

Der Neustart war denkbar holprig vonstatten gegangen. Und so schwer es war, dort, wo die braunen Horden gewütet hatten, den Anschluss an zeitgenössische bildende Kunst, Literatur und Musik zu finden, so schwer war es auch beim Umgang mit der Sexualität und der sogenannten Moral.

Und wenn wir schon akzeptieren müssen, dass im neuen Menschen jeglicher Ära alle bisherigen Epochen, Stile und Entwicklungsstufen mit-wirken, so müssen wir dieses Phänomen der historischen Nachwirkung immerhin auch als nicht selten durchwegs hemmendes erkennen.

Die bald darauf folgende sogenannte sexuelle Revolution reduzierte sich daher a priori mehr auf eine etwas marktschreierische Formulierung, als dass sie eine echte Umwälzung gewesen wäre. Obwohl die Zeit eine solche bitter nötig gehabt hätte.

Was hier allgemein und mit einer gewissen universellen Verbindlichkeit gesagt wird, verfügt selbstverständlich auch über seine privaten Auswirkungen. Auch auf uns nämlich, auch auf Monika und mich, Peter. Was dabei einigermaßen erstaunlich anmutet, zumindest im Nachhinein betrachtet, ist Folgendes: Einerseits waren wir jung verheiratet; den Schritt in den sogenannten Bund der Ehe hatten wir (vermutlich von einem Rest an Konformität geleitet und weil wir beide aus eher konservativen Familien stammten) mutigen Herzens unternommen. Anderseits wollten wir dennoch – zumindest ein wenig – gegen den Strom schwimmen. Daher dieses kuriose Experiment in Sachen Landwirtschaft. Wobei wir uns selber übrigens gar nicht so sehr für Aussteiger, als vielmehr für Einsteiger hielten. Einsteiger nämlich in einen Zug, der allerdings in Richtung auf das Unbekannte unterwegs war. In einen Zug auf reichlich unsicherer Fahrt ins Nicht-Konforme.

Das erschien uns als spannender, als die – letztlich irgendwie schon von den Eltern ausgesuchten – Berufe zu ergreifen, die es nun einmal zu ergreifen galt. Familientradition, genetisches Erbe oder Familien-Talent? Oder: Weil bald dann eine Kanzlei, eine Ordination oder ein Geschäft zu erben und zu leiten sein würden? Oder was Ersprießliches im öffentlichen Dienst lockte, als Lehrer oder Landesbeamter im juristischen Bereich? Oder als Parteisoldat?

Dann schon lieber was ganz anderes. Was Neues!

Fortsetzung folgt!

Ach ja, die Liebe!

Ach. Ach ja, die Liebe. Wie wir, Monika und ich einander damals, im Sommer in den späten 1960er Jahren kennengelernt haben? Also ich, Peter, hatte mich gerade von einer ganz großen Liebe getrennt Genauer gesagt: Ich war von dieser ganz großen Liebe getrennt worden – durch das Hinzutreten eines Dritten, nämlich eines zweiten Mannes in die bekanntlich eigentlich ausschließlich für zwei gedachte Frau-Mann-Beziehung. Kurz: Ich war beschissen worden. Und meine bis dato so lieb gehabte Kathi war nunmehr dahin. Futsch. Perdu. Sie war jedenfalls blond gewesen. (Blond, wie, rückblickend kann ich es ja sagen, fast alle meine etwas länger währenden Verhältnisse [doch was währt, wenn man um die 20 ist, schon lange?!] Übrigens: Auch mein Vater Wilhelm hatte die Blondine Katharina gemocht. [Hatte sich Mutter Waltraud nicht auch in den 1950ern längere Zeit die Haare blond färben lassen {müssen}? Immerhin sonderbare Inzidenzen das …!])

Und da war ich also solo.

Irgendwie erschien mir meine Situation und das alles ein bisschen unrund.

Ich war also solo und an diesen Zustand nicht mehr so recht gewohnt. Außerdem suchte ich tunlichst bald nach finanztechnischem Ersatz für meine Ex in der Vierergruppe, in der Wohngemeinschaft also, in der Kathi und ich die letzten Monate gelebt hatten (mit einem Burschen und einer jungen Frau zusammen, die jedoch kein Paar waren; er war außerdem schwul). Zwar schien mir die neue, wiedererlangte Selbstständigkeit auch irgendwie verlockend, denn Kathi hatte zuletzt doch ziemlich geklammert.

Nein. Doch, ja: Mir ging etwas ab – und das dauernde Onanieren auf den Sack.

Also Monika. Die schöne dunkelhaarige Monika. (Ich muss das hier einschieben: Seltsam [oder nicht], Vater Willi fand an der nicht-blonden jungen Frau ebenfalls, als ich Monika mitmeinen Eltern bekannt gemacht hatte, durchaus Gefallen. Doch er starb wenige Jahre später. Mit Monikas alleinerziehender Mutter war übrigens weit schwerer auszukommen. Besonders meine Mama, Waltraud, und Hermine, so hieß meine spätere Schwiegermutter, fanden absolut keinen Draht zu einander. Sie vermochten, sozusagen, drahtlos miteinander zu schweigen.)

Aber auch unser erstes echtes Zusammentreffen gestaltete sich durchaus kurios. Da saßen wir und warteten, die junge Romanistin und Historikern Monika (sie war mir immerhin schon bei diversen Vorlesungen, besonders in Österreichischer und Geschichte des Mittelalters, aufgefallen und auch in einem Proseminar, das wir gemeinsam besuchten) und ich, Peter, der angehende Germanist und Historiker. Wo? Natürlich im sommerlichen Gastgarten des weitgehend altehrwürdigen „Café Mikado“, in Uni-Nähe. (Nein, wir hatten nicht aufeinander gewartet.)

Monika war, wie sie später einmal zugab, eigentlich mit einem Studienkollegen namens Fritz verabredet, und ich mit einer gewissen Renate. (Fritz hielt sich für den kommenden Star und total extraordinären Vokalvirtuosen im Bereich der sogenannten populären Musik, sollte jedoch irgendwann, schon ziemlich kleinmütig geworden, sein Musikstudium abschließen und brav als Lehrer [übrigens: in der Provinz] arbeiten … Renate studierte Spanisch und Italienisch und war ausgesprochen blond.)

Bald war es gewiss: Sowohl Monika als auch ich, Peter, waren versetzt worden! (Fritz hatte sich [ganz schusseliger Beinahe-schon-Star] im Tag geirrt, Renate ließ solche Treffen an sich gern platzen; ihr bedeute ein Rendezvous nämlich viel weniger, als es ihr vielmehr schmeichle, um ein solches gebeten zu werden! [So verlautete zumindest aus ihrem Bekanntenkreis.])

Da saßen wir also, jeweils an einem Tisch im sommerlichen Gastgarten des „Café Mikado“ und schielten mehr oder weniger gespannt zur nahen Straße hin, ob denn nicht endlich wer komme …

Dann begannen wir – zwei Leidensgenossen – aus Verlegenheit heraus eine Unterhaltung, und ich setzte mich schließlich an Monikas Tisch. Wir erfuhren ziemlich schnell einiges über den jeweils andern; in Summe freilich, dass der gar nicht so anders war … So hatten wir einen durchaus ähnlichen Musikgeschmack, der von der Wiener Klassik geprägt war, jedoch durchaus auch den Jazz (besonders der 1940er Jahre) und delikaten Bigband-Klang einschloss. Kaum Bedeutung hatten für uns beide sowohl Oper als auch Operette, eher schon das Musical. Und Beatles und Rolling Stones mussten wir auch nicht unbedingt haben; dafür gefielen uns französische Chansons. (Dass ich, vermutlich als ein Geschmacks-Erbe meines Vaters Wilhelm, von Peter Iljitsch Tschaikowski fasziniert war, verschwieg ich anfänglich lieber; zu viel Romantik wollte ich eher nicht [anfangs gleich] zugeben … Nur mit der Volkstümlichen Musik hatten wir beide sozusagen: absolut nichts am Hut. [Warum dann eigentlich das geplante Treffen Monikas mit dem unverlässlichen Schlager-Fuzzi Fritz? – Egal.])

Dann kamen die Leselüste an die Reihe, wo es zwar ziemlich große Unterscheide gab, doch auch erstaunliche Brücken und Überschneidungen. (Ähnlich auch in Sachen Film.)

So wurde das Gespräch intensiver.

Und wir fanden rasch heraus, wie der jeweils andere tickte. Und schon dieses Ticken verfügte über einen gewissen Gleichklang.

Bald schon besiegelten wir, sozusagen: blau unsere frische Beziehung,

Nein, wir waren nicht betrunken. Doch wir schliefen in meiner nahegelegen Wohnung miteinander – unter Verwendung eines Kondoms der Marke Blausiegel. (Damals ging der blöde Witz um: „Ich liebe dich unter dem Blausiegel der Verschwiegenheit …“ Von wegen Verschwiegenheit: Bald schon wusste ohnedies die ganze Clique, dass Monika und ich, Peter, neuerdings ein Paar waren.)

Dann zog Monika bei uns in die WG ein. (Den Kollegen, der allgemein ziemlich schweigsamen Esther und dem ebenfalls nicht gerade zu rhetorischen Glanzleistungen auflaufenden schwulen Rudolf, war es ohnedies ziemlich egal, wer die oder der Vierte im Bund war.)

Ja, so war das in unserem Sommer, damals. O er war schön, der Sommer, damals …

Nur aus Fritz und Renate, falls Sie in dieser Richtung etwas erwartet haben, wurde kein Paar. Ich glaube, die wussten weiterhin nichts von einander.

Warum sollten sie denn auch?!

Fortsetzung folgt!

Vom Zug der Zeit

Ach ja, die Liebe.

Und der Zug der Zeit. Neue Rituale, andere Traditionen (denn auch der Umsturz kennt sie alsbald …) und überhaupt der Sturz der alten Wert-Vorstellungen. Ach ja: die Freizügigkeit.

Das Aufs-Land-Ziehen.

Im Zuge des Umzugs und danach musste ich also nolens, volens meine junge Ehefrau Monika auch bald schon mit Gerald teilen; und durfte dafür hin und wieder mit seiner Nora schlafen. Auch Hubert und Magda, Werner und Susanne sowie Albert und Gerlinde tauschten zwischendurch ihre Partner; wir vögelten, mit anderen Worten, auch untereinander, in unserem kuriosen Kollektiv; zumindest hin und wieder, ja.

Wir also mit ihnen allen. Und alle mit uns. Jeder mit jeder, jede mit jedem, zwischendurch und je nach Gelegenheit. (Doch – zunächst noch – eher ohne fixen Stundenplan.)

Vielleicht wäre, zumindest aus Gründen des Erprobens, auch mal Mann mit Mann und Frau mit Frau möglich gewesen; doch hatten wir, quasi auf ein Geschlecht beschränkt, anscheinend keine besondere Lust aufeinander. (Hier kann ich freilich nur für mich [und mit Vorbehalt] für die männlichen Freunde sprechen. Wie es bei den Mädels diesbezüglich aussah, blieb seltsam unbestimmt im Dunkeln und stand auch nie zur Diskussion. [Oder sie machten es so unheimlich heimlich, dass es uns plumpen Mannsbildern weitestgehend verborgen blieb?!])

Fazit: Ich hege überhaupt mitunter den Verdacht, dass uns die sogenannte Sexuelle Befreiung weit weniger an Befreiung gebracht, als dass sie vielmehr unübersehbare neue Formen der Versklavung initiiert hat. Und wie bei allem, was allzu marktschreierisch und revolutionär daherkommt, zeigte sich auch hier alsbald, wie wenig in Wahrheit dahinter steckte.

An die Stelle des alten Leistungsdrucks in sexueller Hinsicht rückte eben ein neuer.

(Auch wenn es jetzt dabei mehr um den Kopf als um den Schwanz zu gehen schien.)

Erleichterungen gab es kaum welche. Im Gegenteil.

Zwar wurde nicht gerade vor jeder Kopulation eine Versammlung der Agrar-Kooperative einberufen, aber viel fehlte nicht, und wir wären diesbezüglich tatsächlich so verfahren. (Apropos verfahren: So verfahren war unsere Situation, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, also vermutlich schon von Beginn an …)

Doch mit dem für uns noch ungewohnten Jungunternehmertum im landwirtschaftlichen Bereich, diesem quasi rustikalen Entrepreneurship also, waren leider auch ein wahrer Wust an Papierkram und jede Menge lähmender Bürokratie verbunden: Bestimmungen mussten eingehalten, Fristen beachtet und Termine erinnert werden. Das Private litt zusehends unter der überbordenden Berufsausübung; und das im Ökologischen wie im Ökonomischen.

Aber auch im Bereich des Sexuellen zeigte sich bald und eher schonungslos das Auseinanderklaffen von Pflicht und Neigung (um hier kurz Friedrich Schiller ins Spiel zu bringen). Außerdem führte die sogenannte Befreiung von manchen alten Zwängen im Gegenzug und im Handumdrehen zur Dominanz neuer solcher. Eben, weil sich ein Großteil der Geschlechtlichkeit im Hirn abspielte. Das machte den Sex quasi ideologisch.

Besonders unsere Frauen setzten in der Folge ihren Körper und seine Verfügbarkeit als potenzieller Lustspender durchaus politisch ein. Nicht erstmals in der Geschichte zwar (man erinnere sich an die schon erwähnte griechisch-antike Lysistrate des Aristophanes!), aber wiederum auf Anhieb mit durchschlagendem Erfolg!

Die angebliche neue Freizügigkeit hatte jedoch, zugegeben, auch ihr Gutes.

So bedeutete es für mich, Monika de facto zu betrügen – zum Beispiel mit Nora -, indem ich es tat, keinesfalls etwas Verwerfliches; war doch nicht Heimliches an diesem Tun, nichts Verborgenes oder irgendwie Beschämendes. Und auch, dass mich Monika – etwa mit Gerald – betrog, war für mich durchaus verständlich und erzeugte nicht einmal den schalen Nachgeschmack des Beschissenswerdens an sich. (Oder nur ein bisschen …)

Dass einen oder eine der Geliebte oder die Geliebte betrog, bedeutete also keineswegs, dass man ganz ordinär hintergangen werde. Keineswegs. Die Vorgangsweise bewies vielmehr, dass die Gruppe in sich (noch) funktionierte.

So sehr sahen wir uns als Pioniere einer neuen Gesellschaft (nicht nur im Anbau von Runkel-Rübe und Urkorn oder in der Zucht von Spezial-Schaf und Lama), dass wir sogar etwaigen Seelenschmerz in Form kurz aufflammender Eifersucht billigend in Kauf nahmen …

Freilich, der kurze Wert der Abwechslung – wenn ich etwa mit der hochnäsigen Nora, mit der noch immer leicht bäurisch wirkenden Magda, mit der verrückten Susanna oder gar mit der bizarren Gerlinde schlief – wurde dann doch durch die kaum zu unterbindende Sorge erheblich beeinträchtigt, in der Zwischenzeit könnte sich Monika zum Beispiel in den Armen Geralds oder Huberts, Werners oder Alberts besser und geiler fühlen als bei mir.

So waren wir eben Kinder der 1960er Jahre; trugen gleichzeitig jedoch alle die Vorurteile und Ressentiments unserer Deszendenz in uns, dieses akkumulierte Un-Wohlsein, den Weltekel und die Angst vor Verlusten jeglicher Art. Egal, ob das Feuer in der Höhle auszugehen, einem das Weib genommen zu werden oder die Ernte abhanden zu kommen drohte, die das nahrhafte Abendessen hätte bilden sollen, immer war höchste Gefahr gegeben. Und wenn wir auch bald schon mit der ständigen Furcht zu leben und Existenz schließlich als Existenzangst zu begreifen gelernt hatten, war es dennoch insgesamt kein Honiglecken. Auch wenn es, zugegeben keineswegs ohne Reiz war, sich an fremdem Fleisch zu erquicken; kurzfristig.

Da fällt mir mein Kamerad Hugo aus Volksschulzeiten ein, ein Beispiel für Einfalt zwar, aber auch eines für sexuelle Überfunktion (und deren Gefahren). Seine schier ins Ekstatische übersteigerte Freude an Kombinationssteckern und ähnlichen elektrischen Kopulationsinstrumenten hätte seinen Eltern viel früher auffallen sollen. Doch nein, Hugo musste wohl erst zum mehrfachen Vergewaltiger und schließlich zum Elternmörder werden, bis gegen ihn eingeschritten werden konnte. (Die Mutter hatte es vermutlich nur zufällig miterwischt, als just die Hinschlachtung des Zeugers im Gang war. Eine Ödipus-Geschichte, immerhin.)

Die Freiheit, auch die sexuelle, war also eher ein zweischneidiges Schwert.

Und wenn uns die Frage, wer denn nun im einzelnen tatsächlich die glücklichen Kindsväter der so sukzessive entstandenen Aufzucht seien, zumindest in der ersten Zeit unserer diesbezüglichen Freiheit ziemlich kalt lassen mochte, innerlich bohrte und sägte, saugte und wühlte doch, dem Holzwurm gleich, zwischendurch das Unbehagen.

Die Frauen hatten es vielleicht etwas leichter: Nach alter römischer Rechtssitte (und auch der Logik halber) waren die Mütter ohnedies semper certae.

Freilich, sollten später einmal – zufällig – die Kinder aus diesen Beziehungen als Erwachsene mit einander kopulieren, woraus dann eventuell wieder Kinder entstünden, also, der Begriff Inzucht schwebte da vermutlich unausgesprochen immer wieder einmal im Raum … (Gut, es wäre – zumindest theoretisch – diesbezüglich auch durchaus nachzuforschen gewesen, später dann und mittels DNA et cetera; wenn man unbedingt gewollt hätte …)

Doch nun ist Monika gestorben.

Fortsetzung folgt!

Im Schatten der rituellen Kügelchen

Doch nun ist Monika gestorben.

Sie liegt in dem offenen schwarzen Sarg da, der mit leicht angegilbten, ehedem vermutlich schneeweißen, jetzt aber, im Zwielicht des späten Abends, eigenartig wächsern-glänzenden, seidigen Tüchern ausgeschlagenen ist. Friedlich, wie es scheint, liegt sie vor sich hin. Von Kerzen umgeben und von Blumenbuschen und Kränzen umrahmt. Ihre kleine, numehr fast irgendwie hutzelig wirkende Gestalt mit dem unnatürlich hellen, eingefallenen Antlitz und den paar Strähnen weißgrauen Haares, die, irgendwie ungehorsam, aus dem hoffnungslos traurigen, lila-blau-schwarzen Kopftuch lugen.

Die Augen hat man ihr geschlossen. Wie gewaltsam.

Und der Zug um den Mund? Er wirkt ein wenig ergrimmt und seltsam geheimnisvoll. So, als verberge sich leiser Protest hinter den toten blassen Lippen; und ein Rätsel.

Monoton und, nimmt man es genau, direkt anwidernd sowie (mir scheint es zumindest so:) ohne jede auch bloß geringste Pietät raunt und nuschelt ein schwarzgekleidetes Quartett uralter Dorfweiber, in gebrechlichem Rund auf wackeligem Gestühl um die Bahre hockend, stundenlang irgendwelche Gebete durch die frühe Nacht. Nein, es sind natürlich nicht irgendwelche Gebete: Die grenzwertigen Gestalten lassen den seit Alters her so gern exekutierten Rosenkranz ausdrucksarm und weitgehend teilnahmslos und in schier stoischer Monotonie, dafür indes in so etwas wie routinierter Katholen-Perfektion, aus ihren senilen zahnlos-zerknitterten Mündern aufsteigen, als handle es sich um geheiligte Seifenblasen. Irgendwohin. (Ich, Peter, hoffe bloß, nicht dorthin, wohin sich Monikas Seele längst verflüchtigt hat! [Nein, dorthin schaffen es die pseudo-katholischen Sprechblasen der alten Vetteln denn doch nicht!])

Es ist jetzt, nach Monikas Tod (und sie liegt zentral auf der Bahre inmitten der ungustiösen alten Totenweiber) vermutlich der Rosenkranz der schmerzhaften Geheimnisse (doloris mysteria) und nicht der, in dem die glorreichen, freudenreichen oder lichtreichen Geheimnisse (gloriae, gaudii und lucis mysteria) behandelt werden. Ausdrucksarm und weitgehend teilnahmslos freilich und in schier stoischer Monotonie, wie gesagt, so vollzieht sich das Ritual.

Die gichtigen Finger der uralten Betschwestern rollen die bernsteinfarbenen, ebenholzschwarzen oder perlengelben Kügelchen der auch Paternoster-Schnur genannten Zähl- und Gebetskette für die 150 in Zehnergruppen gegliederten Anrufungen (Ave Maria, Vaterunser und Ehre sei dem Vater), wie schon seit dem 11. Jahrhundert in den katholischen, Rom-hörigen und Papst-treuen Gegenden üblich. Damit dem Ritual Genüge getan sei.

O sie sind geübt im Herunter-Ratschen der auch Ave-Fünfziger oder Marien-Psalter genannten Meditationshilfe; sie sind längst zu Fachfrauen für Wiederholungsgebete geworden und für einschläfernd-monotone Einübungen in die rustikale Marien-Trance; und das im Billigverfahren. Sie sind nämlich die wahren Gärtnerinnen in diesem frommen Rosarium. (Auch wenn sie insgesamt eher nach Pestiziden aussehen denn nach biologischem Dünger …)

Die alten Hexen sind wieder einmal zusammengekommen. Und lassen ihre unschön verbogenen spitzen Finger, diese gichtigen Krallen der Bigotterie, von Kügelchen zu Kügelchen wandern, dann weiter, immer bis zur nächsten größeren Erhebung, und von dort wieder weiter zum nächsten Stützpunkt … Ja, ja, so geht es denn in der enervierenden Knotenschnur und wieder weiter und wieder weiter und wieder weiter …, in schier maschineller Gleichförmigkeit. (Auch wenn in einer mittelhochdeutschen Legenden-Sammlung die monotone Gebetsübung der fünfzehn Rosenkranz-Geheimnisse, das Ave Maria also, überaus blumig mit einer himmlischen Rose gleichgesetzt wird.)

Dieser bizarre Rosenkranz, die europäisch-älplerische Variante der tibetanischen Gebetsmühlen, ist naturgemäß ein Ritual. Ein weitestgehend sinnentleertes Ritual allerdings.

Scheiß-Rituale, denke ich (ich [nicht Peter, sondern: ich, der Ich-Erzähler], zwischendurch, damals und immer wieder, auch jetzt und auch unlängst, als ich meine geliebte Katze einschläfern lassen musste. [Lila, eine British blue, für die mir jedoch die Bezeichnung Kartäuserkatze passender erschien und die laut Zuchtbuch eigentlich Charisma del Monte {wie passend, in der Tat!} geheißen hat und zwei Tage über 21 Jahre alt geworden ist].)

Scheiß-Rituale und Scheiß-Traditionen, die noch gefährlicher sind als die Scheiß-Religionen selbst! (Doch das habe ich [wiederum ich, der Erzähler, nicht ich, Peter, der Erzählung …] schon wo anders einmal ausführlicher dargelegt und behandelt.) Also, diese Scheiß-Rituale kochen doch naturgemäß in emotional besonders exponierten Situationen leicht hoch!

Also murkse ich das Betschwestern-Quartett, diese rustikale Todes-Poker-Runde, nicht ohne Genuss ab, indem ich einer nach der anderen die welken Hälse durchsäble mit dem nächstbesten Brotmesser mit Sägeschliff. Ganz kühl.

Doch – keine Angst! – nur im Gedanken. (Wie ich, im Grunde genommen, ohnehin fast alles nur in Gedanken tue.)

Sie, die Scheiß-Rituale, täuschen so etwas wie sozio-kulturelle Sicherheit vor. Sozio-kulturelle Sicherheit! Mann, o Mann! Ich bin einmal Biobauer gewesen, aber ich bin doch kein bibliophiler Feuerwehrmann mit Namen Guy Montag! (Wenn dieser, zugegeben: wenig verschlüsselte Hinweis auf Ray Bradbury [„Fahrenheit 451“] gestattet ist.)

Und doch: Wir scheinen die Rituale in unserem alltäglichen Leben (und auch in den sogenannten Jahrläufen, deren Summe sich dann wohl als Lebenslauf darstellen) so bitter nötig zu haben wie das berühmte Stückchen Brot. Seit jeher. Und immer. Für immer.

Und das vermutlich besonders dann, wenn es gilt zu trauern. (Oder zumindest: so zu tun.)

Der Tod ist ein langer Abschied“, schreibt Jörg Zirfas in seiner Essay-Sammlung „Vom Zauber der Rituale“. (Wir werden später noch einmal auf ihn zurückkommen müssen.) „Die mit ihm verbundenen Rituale dienen dazu, diesen Abschied zu interpretieren und zu gestalten, ihn erträglich zu machen, die Beziehungen zwischen Leben und Tod zu erfassen.“ Und weiter. „ Die Sterberituale sind deshalb Übergangsrituale der Weiterlebenden, weil sie sich noch mit den Toten verbunden fühlen, weil sie diese immer noch als Individuen auffassen und weil sie die neu empfundene Ferne zu den Toten unerträglich finden.“ (Siehe: Jörg Zirfas, „Vom Zauber der Rituale“. Der Autor weist darin auf die sozio-kulturelle – und wohl auch psycho-hygienische – Funktion dieser allgegenwärtigen Regelungen, Rezepte oder Hilfestellungen hin und bringt es schon in der Einleitung auf den Punkt: „Rituale sind elementare Bausteine des individuellen, sozialen und kulturellen Lebens. Sie begleiten uns buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre.“ [Uns, dem Ich-Erzähler, und mir, Peter, kommen sie dennoch letztlich beschissen vor. Doch das hatten wir schon weiter oben.])

Auf ausdrücklichen Wunsch des Autors: noch eine Anmerkung zur Rosenkranz-Szene.

Mir sind sie zuwider, die schwarzen, ihren Rosenkranz ratschenden Kopftuchweiber. Mit meinen Toten brauche ich keinen Frieden zu machen, weil er ohnedies auch im Leben immer weitestgehend geherrscht hat. (Besonders naturgemäß mit meiner geliebten [jüngst verstorbenen] Katze Lila und den übrigen, mir so wichtigen [freilich lange schon toten] Haustieren.)

Und mit den pietätlosen Exekutorinnen ihres banalen Ave-Fünfzigers oder Marien-Psalters mag ich – bei Gott! – nichts zu schaffen zu haben.

Mit Umberto Eco gesprochen, sind sie nämlich „sinnlos, da ˃definite Beschreibungen˂ nur dann ein Signifikat haben, wenn ein Gegenstand da ist, für den sie stehen.“ Also – nicht hier. (Umberto Eco, „Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen“.)

Wenn Sie jetzt sagen, das gehöre absolut (oder auch bloß relativ) nicht hierher, mögen Sie ja recht haben; doch das ist mir egal.

Daher sage ich – als Ich-Erzähler wie als Peter, der Witwer – nichts desto weniger noch einmal: Scheiß-Rituale. Und jetzt ist sie tot. (Die geliebte Katze. [Und auch Monika ist tot.])

Ach ja: diese verdammten, halb-vergilbten, gleich runzligen wie gruseligen Rosenkranz-Weiber! Die faltigen, nichts desto weniger dreisten Gesichter werden durch das gespenstisch flackernde Kerzenlicht wie unwirklich, schier fratzenhaft!, aus der nun schon nächtlichen Düsternis gehoben, die uns inzwischen umgibt wie ein schwerer, kratziger Mantel. Doch das Noch-Weniger an Licht lässt sie indes auch nicht sympathischer erscheinen. Gewiss nicht.

Und dann: der Herr Pfarrer Kalksberger mit der roten Trinkernase. Der hat mir gerade noch gefehlt, der glitschig-klerikale Grottenolm mit seiner Dauerfahne!

Doch ich halte mich, wie gesagt, zurück.

Die Männer, junge wie alte, vermutlich alles Freunde (oder Vasallen) vom Rüsselberger, sitzen in der Küche, rund um den großen Holztisch (mit der Resopalplatte aus den 1960er Jahren), spielen Karten und saufen Schnapstee. Zu Ehren meiner Monika. Alles zu Ehren —

Wäre ich Jesus, ich würfe sie aus dem rustikalen Tempel, diese Schächer und Hausierer, diese obskuren ländlichen Finanzjoungleure und die ganze Raiffeisen-Sippschaft.

Mitten drinnen: der penetrante Rüsselberger höchstpersönlich, unser Herr Diplom-Agrarier mit dem Judas-Gesicht und ausgestattet mit dem verbindlichen Grinsen einer Honigschleuder.

Jetzt hat er es, jetzt haben sie es bald geschafft. Dann gehört ihnen quasi auch nach außen hin, was sie uns, Monika und mir, ohnedies längst schon (rein juristisch) abgeluchst hatten.

Denn jetzt bin nur noch ich da.

Ja: Wir waren die letzten, wir zwei, Monika und ich. Die letzten zwei, die hiergeblieben waren. Justament. Ja, wir hatten selbstredend auch einwilligen müssen, uns keinesfalls irgendwie in die Landwirtschaft und, damit zusammenhängend, in die diversen agrartechnischen Fragen einzumischen; notariell festgelegt war das. („Es soll doch alles seine Ordnung haben“, hat der Rüsselberger gesäuselt. Und gemeint er: Es solle doch alles seine Ordnung haben …)

Gleichsam im Gegenzug hatte uns der Herr Diplom-Landwirt Rüsselberger ein kleines Ausgedinge (wie er es nannte) zur Verfügung gestellt; gegen geringes Entgelt und quasi aus Nettigkeit. Unser Tusculum war das (um mit Cicero zu reden). Ein altes Weinstöckl eigentlich, gelegen inmitten einer gekrümmten Allee seniler Apfelbäume und knorriger, verholzter Himbeersträucher, die allesamt längst schon keinen Ertrag mehr brachten. So wie wir. Aber, immerhin: Es war für uns ein ländliches Refugium, ohne Frage. Ein Refugium von einigem Reiz.

Fortsetzung folgt!

Gruppendynamik

Der gruppendynamische Abschuppungsprozess hatte sukzessive schon längst eingesetzt gehabt. Wie zuvor die ebenso gruppenintensive Akkumulation von Individuen, als die wir uns am Beginn unseres immerhin spannenden sozialen wie ökonomischen Experiments sahen und empfanden. (Wenn auch nicht als Leviathan à la Thomas Hobbes oder sonst wie: irgendeinen sozialen Zellhaufen bildend.)

Nun aber: Der gruppendynamische Abschuppungsprozess ließ sich, wie gesagt, längst nicht mehr leugnen. Und bald schon versprach er, irreversibel weit fortgeschritten zu sein. (Wäre er etwas Positives gewesen, dürfte man jetzt, in der nostalgischen Nachschau, sogar von gediehen sprechen. Denn auch die Beendigung einer Sache muss erst einmal beschlossen, dann in die Wege geleitet werden und zuletzt so weit gedeihen, dass es ein Aus gibt.)

Kurz: Gerald und Dauerfreundin – später: Gattin – Nora waren die ersten gewesen, die ersten, die es zurück in die Zivilisation gedrängt hatte. Sie und die (noch kleinen) Kinder, Hannes, Cornelius und Margarete, die man (= der Rest) bereit war, ihnen zuzusprechen. Schon in den späten 1970er Jahren hatte sich das zugetragen, nach kaum zehn Jahren also, die unser Experiment damals bereits andauerte.

Gerald war zu dieser Zeit (innerlich zumindest) so weit gewesen, sein verhasstes Studium der Mathematik wiederaufzunehmen. Für ihn war, das hatte er immerhin rasch begriffen, dieser landwirtschaftliche Versuch in der Tat das Falsche gewesen! (Auch gab es längst Schwierigkeiten mit seiner Nora, die immer ärger zu werden versprachen.) Der plötzliche und völlig unerwartete Tod seines Vaters und die damit verbunden notwendig gewordene Übernahme der in Familienbesitz befindlichen Fabrik (für Keramik, Groß-Öfen, Kacheln et cetera) entbanden ihn indes auch von dieser ohnedies bloß als Fluch empfundenen Notwendigkeit des weiteren Studierens. Aber auch von Nora ließ sich der Herr Generaldirektor bald darauf scheiden, weil es quasi in einem Aufwaschen ging.

Und nun residierte er mit Nora II (nein, die hieß Konstanze) in der vormals elterlichen Villa; tagsüber saß er hinterm dicken Schreibtisch im Chefbüro der Firma, und in der Nacht dann vorm Roulette-Tisch im Casino. Oder in Kitzbühel. Oder in St. Tropez. (Da war dann schon Nora III an seiner Seite, die Cathérine hieß.) Wenige Jahre später kam, richtig: der Ruin.

Dann, wieder nach einiger Zeit, waren Hubert und Magda (mit nachgeborenem Anhang, nämlich mit Gregor, Gernot, Helga und Dorothea) sowie, bald darauf schon, Werner und Susanne (ohne Anhang in Form von irgendeines Nachwuchses) gegangen. Hubert schloss sein dereinst begonnenes Studium der Juristerei dann gleich rasch wie desinteressiert ab und verschwand im Staatsdienst, während Magda ab nun irgendwie zur Gänze in ihren diversen Charity-Aufgaben aufging – und im Muttersein.

Werner machte bald schon als nunmehr absolvierter Betriebswirt in der Kanzlei seines jüngeren Stiefbruders Konrad doch noch eine ziemlich bourgeoise Karriere, und Susanna (wie sich Susanne zuletzt gerne nannte), die angeblich immer schon das Pulsieren von Unmengen an Theaterblut in sich gespürt hatte, ging auch jetzt nicht zur Bühne. Dafür wuchs ihre Frustration, und schließlich begann sie exzessiv zu saufen und diverse Pharmaka zu schlucken. Dann verfiel sie in immer ärgere Depressionen, um sich zuletzt aus dem Fenster zu werfen; was, erstaunlich genug, auf Anhieb gelang.

Wann das alles war? Um das Jahr 1980 herum … oder so.

Ach ja, Albert, Gerlinde und die Zwillinge (sinnigerweise Peter und Alexander genannt) folgten weniger Jahre später. Nicht aus dem Fenster wie Susanna, aber ins bürgerliche Leben – zurück. Wobei seltsamerweise just Albert, den wir immer für den Linkesten unter uns angeblich Linken gehalten hatten, einen totalen Schwenk vornahm und, von Gerlinde (wenn sie nicht gerade wieder ein ums andere Mal schwanger war) tatkräftig unterstützt, bei einer ultrarechten Partei reüssierte. (Das Gut seines Onkels war übrigens an eine entfernte Cousine vererbt worden, die es binnen kürzester Zeit an die Wand fuhr. Eine Parallele zum guten alten Prinzen Eugen und seiner Historie, wie noch kurz zu beschreiben sein wird.)

Unsere (?) Kinder – Emil, Edeltraud und Gerhard– machten sich ebenfalls davon, das war dann freilich schon in den mittleren 1990ern.

Die Stadt locke, sagten sie, als sie sich vom Acker machten. Ein durchaus passendes Wort für diese Absetzbewegung. Ja, konnte man ihnen ihr Tun tatsächlich verargen?!

Und: Stadtluft mache frei, sagten sie. (Doch so hatte es bekanntlich schon im Mittelalter, wie süßer Schalmeien Ton lockend, geklungen … Aber was interessiert es in Wahrheit die Jungen, welchen Irrtümern man bereits lange vor ihnen aufgesessen war? – Eben. Selber-irren lautet die Devise.)

Wir waren also eine Aussteiger- und Patchwork-Familie – gewesen. Ab jetzt lag die Betonung auf gewesen. Wir waren Biobauern, vermeintliche Volksbildner und sogar so etwas wie Agrar-Revolutionäre. Individualisten und Separatisten, allemal. Idealisten und Retter von Natur, Pflanze und Tier. Gewesen.

Retter der Menschheit, wenn man so will. Gewesen.

Anfeindungen von den ortsansässigen Dickschädeln (und nicht nur von Seiten der Raiffeisen-Organisation) her hatte es von Beginn an gegeben. Und nicht schmal. Anfeindungen von Leuten, denen es weit lieber gewesen wäre, das alte, längst heruntergekommene Gehöft vom verstorbenen Mohrbauern wäre noch weiter verfallen oder vielleicht auch noch abgebrannt …

Nun ja, diesen Anfeindungen mussten wir – jung, dynamisch, furchtbar gescheit und in Wahrheit extrem blauäugig, wie wir waren – mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln Paroli bieten. „Verein Leben“ hatten wir uns (zugegeben, ein wenig großsprecherisch) genannt, zudem vereinstechnisch organisiert und juristisch abgesichert.

Wir waren in der Tat Öko-Idealisten: Ein gelbes Getreidesamenkorn in einer ebenfalls gelben, gewölbten Hand vor dunkelgrünem Hintergrund war, o wie sinnig, unser Logo.

Freilich, so ganz auf dem Holzweg waren wir letzten Endes ja doch nicht gewesen; trotz aller schmerzlichen Absetztendenzen in der Vergangenheit und des für mich nunmehr, nach Monikas Ableben, in der Tat einigermaßen deprimierenden Umstandes, der einzige Übriggebliebene dieser unserer Idee zu sein. Der einzige Zeuge eines zwischendurch sogar florierenden Experiments. Wenn auch längst schon außer Betrieb. Eine Art von lächerlichem, tragikomischem und allerletztem Mohikaner, sozusagen.

Ein einsamer Wolf et cetera. (Freilich, Das Zusammensein mit einem zweiten Individuum ist ja auch bloß Einsamkeit auf höherer Ebene.)

Doch: Der Gewinn, den man aus einer politischen, sozialen, philosophischen oder aber aus einer landwirtschaftlichen Gegebenheit – oder gar aus einer Utopie – ziehen kann, besteht nun einmal darin, lediglich dem endgültigen Verlust eine Zeit lang auszuweichen. Ihn ein wenig zu verzögern und hinauszuschieben. (Oder, indem wir kurz Freud bemühen: Um wie beim Witz die Lust aus erspartem Hemmungsaufwand“ zu filtern; sowie Komik „aus erspartem Vorstellungs(Besetzungs)aufwand“ und schließlich Humor „aus erspartem Gefühlsaufwand“ zu gewinnen. [Siehe: Sigmund Freud, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.“])

Denn: Verlust und Gewinn sind beides Illusionen.

Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Punkt.

Ja, und jetzt, da der Kapitalismus langsam aber sicher an sich selbst zugrunde gehen wird und die selbstgefällige westliche Wohlstandsgesellschaft dem unentrinnbar dräuenden Abgrund entgegenlebt, jetzt entpuppt sich sogar manche vormals als Holzweg diskreditierte Alternative als goldener Ausweg. (Obschon es, global gesehen, auch für die Benutzer dieses Schleichwegs leider schon zu spät sein dürfte.)

Außerdem: Glück ist mit Sicherheit – antizyklisch.

Fortsetzung folgt!

Reminiszenzen II

Wie war das damals, in den späten 1960er Jahren gewesen? Auf der Universität und überhaupt? In der Politik, in der Kultur, summa summarum: auf der Welt? Der Kalte Krieg, wie kalt hatte der sich überhaupt angefühlt?

War das ein Pendant gleichsam zur Erderwärmung, später?

Dann die Literatur? Was hatten wir gelesen? (Albert Camus? – Hm. – Günter Grass? – Genau! „Die Blechtrommel“! – Bald darauf dann: die Wiener Gruppe? – Nein, da war noch etwas dazwischen, oder?! – Ja, Ingeborg Bachmann, Paul Celan? – Aber geh! Vielleicht gleich – Peter Handke?! – Nein, danke! – James Joyce, die US-Beatgeneration [Jack Kerouac, Allen Ginsberg …]? – Boris Pasternak? Den wiederentdeckten Michail Bulkakow?)

Was war an die Stelle wessen getreten?

Und: Wie tickten wir grundsätzlich?

Ach ja, die Clique! Ich, Peter, der unglückliche Germanist, und meine Monika, die nicht weniger unglückliche Romanistin … Der Mathematiker Gerald und seine Langzeitfreundin Nora (die dunkeläugige, unerforschliche Nora), eine zunächst einmal aufstrebende Physikerin … Und Hubert, der Juristen-Dummkopf, mit seiner Magda (nun, die hatte in der Tat was herkömmlich Bäuerliches an sich, auch wenn sie Geographie und Geschichte studierte) … Dann Werner, der Aufschneider und verhinderte Hochstapler, ein im Verbummeln begriffener Betriebswirt, mit seiner jäh-blonden Susanne/Susanna, die immer davon schwärmte, endlich doch noch Schauspielerin zu werden; es aber nie schaffen würde (warum auch immer) und sich in ihrer Ausweglosigkeit mit Anglistik herumschlug.

Oder Albert, der aus Wien zu uns gestoßen war, frustriert von der Hochschule für Bodenkultur (die 1975 dann zur Universität [ohne Fakultätsverfassung] avancieren sollte) fliehend, und seine mehr als bloß blasse, ziemlich zickige Gerlinde, eine langweilige Kunsthistorikerin …

Doch dann plötzlich (und als wäre es die Königsidee für unser aller Leben, der neue, der ausbaufähige Lebensplan schlechthin): Wir tun jetzt was ganz, ganz Großes! Wir gehen aufs Land! Wir machen nämlich ab nun in Landwirtschaft! Au, fein! Mit Getreide, mit diversen Gemüsen, mit Kräutern und Viechern!

Naturheilkunde“, hattest du, Monika, eingeworfen. Ganz schlicht: „Naturheilkunde!“

Da waren die anderen aber baff. (Denn das wäre, wenn überhaupt, dann schon Schritt 23 gewesen oder so …)

Doch du bliebst dabei: Naturheilkunde! (Rufzeichen!)

Wir ließen die Bierkrüge klingen, die Weingläser und die Schnapsstamperln. Wir ließen die Saufgeräte kreisen. Ein ums andere Mal. Zwar war uns dabei auch ein wenig mulmig, doch wir redeten uns in Begeisterung und schwärmten von unserer großartigen rustikalen Zukunft. Ganz wie die furchtsamen Wanderer im Wald, die ihre Angst wegpfeifen oder -jodeln.

Die Furcht war, zugegeben, nicht unbegründet. Ja, doch, da ging uns das erste Mal so richtig auf, dass unsere Pläne, die wir da hübsch (und mehr oder weniger ungefährlich, weil weit vom Schuss) im „Café Mikado“ sitzend oder im Gasthaus „Zur Goldenen Kugel“ bei Bier und Wein bequatschten, womöglich tatsächlich, wollten wir sie denn auch realisieren, mit Arbeit verbunden wären.

Wir Theoretiker bekamen es, glaube ich, erstmals ein bisschen mit der Angst zu tun.

Doch wie sahen die Alternativen dazu aus (außer beschissen)?

Ich, Peter, war in Wahrheit nach vier Semestern mit der Germanistik innerlich ziemlich am Ende. Wie gesagt: innerlich, mental. Die Professoren und sonstigen Vortragenden fand ich größtenteils bescheuert, den Apparat aufgeblasen wie seine Vertreterinnen und Vertreter; allesamt schienen sie mir, arrogante und blasierte Hohlköpfe zu sein. Und die ganze Sprachwissenschaft kam mir, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich hermetisch vor. Einerseits hochnäsig und aufgeblasen, anderseits ständig nervös auf der Suche nach Beweisen für ihre Daseinsberechtigung (und überhaupt:für ihre Wissenschaftlichkeit).

Was mich, den typischen Spross einer Lehrerfamilie, noch dazu von beiden Seiten her!, zuvor an diesem Fach womöglich fasziniert hatte – ich wusste bald schon nicht mehr, was es gewesen sein hätte können und warum. Ach, ja: die Literatur. Nun – just die versuchte man uns als Germanisten doch mit allen Mitteln auszutreiben.

Leselust. Dieses letzte Refugium des gezielten, geistreichen Müßiggangs. (Nicht von ungefähr schreibt Stefan Bollmann, übrigens selbst Germanist, in seinem Buch „Warum Lesen glücklich macht“ im Zusammenhang mit der [vom Wissenschaftler angestrebten] Verminderung der sogenannten Transaktionskosten, also des Aufwands, der „bei der Übertragung von Gütern von einem Subjekt zum anderen“ entsteht [aber nichts mit der Gütererstellung zu tun hat], es gehe – etwa beim Lesen von Romanen – um „eine Ökonomie der Verschwendung“, um eine „Art des unwirtschaftlichen Umgangs mit Lebenszeit“, um „Muße oder Müßiggang“, also otium, im Unterschied zu negotium: für „ökonomische und politische Tätigkeiten“.)

Klar, die hübsche mittelhochdeutsche Minne-Dichtung oder die Gesänge des wilden Oswald von Wolkenstein, das war alles ganz schön und hatte schon was. Aber allein die zumeist hypothetischen Formen im Althochdeutschen und besonders im Gotischen – wozu sollte das gut sein?! Zudem: Man wusste kaum, wie man damals wirklich geschrieben, noch weniger wie man das einmal schriftlich Festgehaltene ausgesprochen hatte. Benrather Linie, Lautverschiebung, Reimar von Hagenau, Ottacher ouz der Geul, ja: überhaupt die Ottokare, dann der große Ulrich von Liechtenstein, auch Herrand von Wildonie und natürlich Walther von der Vogelweide et cetera: Alles schön und gut, aber – wozu?!

Monika, du warst doch längst auch nicht mehr glücklich mit und überzeugt von deiner Romanistik. Gut und schön: François Rabelais, Victor Hugo, auch Emile Zola und Guy de Maupassant … Aber sonst?! Und erst das Italienische?! Immer und immer wieder Dante Alighieri, vielleicht noch Giovanni Boccaccio … Aber sonst?! (Hatten wir schon, pardon!)

Was nutzte es uns da (ja, uns, denn ich dackelte immerhin brav mit und hinterdrein), in die neuesten französischen Filme zu gehen? War ja alles ganz toll, diese Neue Welle, mit der Cathérine Deneuve, mit der Brigitte Bardot, mit Michel Piccoli, Jean Sorel, Jean-Paul Belmondo et cetera … Aber irgendwie merkte ich die Tendenz, dass auch die Freude an der Tristesse, die sie nicht selten vermittelten, diese geschleckten Streifen, à la longe nicht abendfüllend war; trotz der Regie-Genies à la Luis Buñel, Claude Chabrol oder François Truffaut.

Auch Gerald und seine dunkeläugige Nora, er ein ziemlich gelangweilter, eigentlich am ehesten noch stock-urbaner Typ, sie – gut, ja: im weitesten Sinn mit Agrarkultur in Verbindung, da ihre Eltern eine große Gemüsegärtnerei am Rand der Stadt betrieben – eine Schönheit, aber eine ziemliche Tussi (wie man damals freilich noch nicht sagte). Dann das Pärchen Hubert & Magda: Er ein vorweggenommener Yuppie-Typ, sie einerseits zwar eine eher zur Einfalt hin tendierende dumme Gans, anderseits jedoch modisch furchtbar entzündbar und interessiert bis zum Exzess. Oder Werner, der großsprecherische Dolm, und seine ewig vom Theater beseelte, vor Schwärmerei schier zerfließende Susanne!

Und erst Albert, der, wie gesagt, der Wiener Bodenkultur enerviert den – zugegeben breiten – Rücken gekehrt hatte, und seine zickige Gerlinde.

Ein erstaunliches Häuflein der Unaufrechten …

Gut, dass sich Albert dem Gedanken des Agrarwesens erneut zuzuwenden gewillt war, konnte man noch verstehen: Als potenzieller Erbe eines Riesengutes mit Forsten, Feldern, Nutztieren und einem Schloss, war schon sein erster Gang an die Donau, um dort, wie erwähnt, an der Hochschule für Bodenkultur zu inskribieren, irgendwie vorgezeichnet; und seine Bestimmung zum gehobenen Bauern ebenfalls.

Ach ja, Albert. Der komische Vogel war weitschichtig sogar mit dem Prinzen Eugen, dem angeblich so edlen Ritter, verwandt; nämlich über dessen Alleinerbin, die wenig beliebte Prinzessin Anna Viktoria von Savoyen (die Tochter von Eugens ältestem Bruder Ludwig Thomas und dessen Frau Urania de la Cropte von Beauvais). Dem berühmten Feldherren, Spitzendiplomaten, exzessiven Bauherren und Förderer der Künste, einem kinderlosen Hagestolz, waren nämlich die sympathischeren Erben alle vor der Zeit weggestorben, sodass schließlich das Riesenvermögen an diese Anna Viktoria fallen musste, die bis dato kaum näher mit dem hochgebildeten und weit über den Habsburger Hof hinaus angesehenen Prinzen in Kontakt gewesen war. Nota bene war der Schlachtenlenker und machtvolle Realpolitiker ohne Testament gestorben … Die unverhofft zur Universalerbin aufgestiegene, ansonsten nur wenig ambitionierte Dame verscherbelte denn auch viele der vom Onkel angesammelten unschätzbaren Wertgegenstände; bis schließlich das Kaiserhaus selbst – vor allem für die Schlösser, aber auch für große Teile der umfangreichen Sammlungen Eugens – als Käufer in Erscheinung trat.

Nun, Eugens Nichte war, nachdem sie in Wien das Erbe ihres sagenhaft reichen Onkels übernommen hatte, auch noch in den Ehestand getreten – und zwar mit einem um neunzehn Jahre jüngeren Mann, nämlich mit dem rasch vom Hauptmann zum kaiserlichen Feldzeugmeister (und späteren General) aufgestiegenen Fürsten Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, der meist Hilpertshausen genannt wurde. Der junge Offizier erhielt per Heiratskontrakt von Anna Viktoria immerhin die Verfügungsgewalt über 300.000 Gulden sowie die Herrschaft Schloss Hof in den Marchauen zugesichert. Doch kehrte der Bräutigam alsbald den Ungustl hervor, war es ihm doch ausschließlich um den zu erwartenden Reichtum gegangen.

Der anno 1744 dank Maria Theresias Eintreten quasi mutuo consensu getrennten Ehe (wie Eugen-Biograph Max Braubach schreibt) waren naturgemäß keine Kinder entsprossen, doch Teile der savoyardischen Aussteuer – ein Drittel war dem wenig galanten Sachsen-Hildburghausen immerhin geblieben – fanden später dann den Weg zu dessen Verwandtschaft. Und aus einer Nebenlinie des Hilpertshauseners stammte schließlich unser Albert.

Von den Fähigkeiten des Prinzen Eugen konnte freilich rein erbtechnisch solcherart ohnedies nichts auf ihn gekommen sein.

Doch Albert ging schließlich seinen Weg, wie schon kurz beschrieben: einen in der Tat rechten. Als bald schon recht hohes Tier in der populistischen Restaußen-Partei ballte er die Rechte und stieß auf Verlangen ausländerfeindliche Parolen hervor und schwelgte allenthalben nieder-trächtig in gefälligem Heimat-Schmus, wenn es opportun zu sein schien. Er wetterte gegen Asylanten und Sozialschmarotzer und gebärdete sich insgesamt als Arsch der Sonderklasse. Und sein Eheweib, Gerlinde, schenkte ihm ein Kind nach dem anderen und bewies sich als nimmermüde Wurfmaschine; sodass fraglos auch für die fernere Zukunft für die rechte Stimmung gesorgt sein sollte.

Fortsetzung folgt!

Heute …

ist freilich alles anders. Oder?!

Heute wissen wir, wo’s lang geht. Oder zumindest: Heute wüssten wir, rein theoretisch, wo es lang ginge. Denn wird haben das Spiel von Politik, Diplomatie, von diversen Religionen und anderen Ideologien sowie von Wirtschafts- und Finanzwesen endlich einigermaßen durchschaut. Endlich. (Glauben wir zumindest.)

Ja, heute wissen wir viel mehr.

Doch damals: Da ließen wir uns bald von wem die Welt erklären, auf die einfache Art. (Je einfacher, desto besser …) Und außerdem: Wir – wir Österreicher zumindest – hatten ja seit 1955 den heißersehnten Staatsvertrag, bitte schön! Und die (weniger heiß ersehnte) Neutralität. Dinge, die für unser politisches Fortkommen ohne Frage lebensnotwendig waren, nota bene: da sie uns keineswegs daran hinderten, uns ideologisch nunmehr eindeutig dem westlichen Lager zugehörig zu fühlen. (Das wurde wohl allgemein so gesehen, wenn auch angeblich ein paar Rest-Kommunisten unter uns darunter [und nicht ohne theatralisches Getue] zu leiden vorgaben. Doch schlossen sich manche von ihnen bald darauf den Brüdern in der Deutschen Demokratischen Republik an und machten sich, spionierender Weise, für die Staatssicherheit der DDR nützlich. Bis der Kommunismus [sah man von China, Nordkorea und {eventuell} Kuba einmal ab] im Zuge von Glanost und Perestroika endgültig zusammengebrochen war und ihnen ab Herbst 1989 langsam auch dieses ostdeutsche Gnadenbrot auszugehen anfing …)

Das war die Politik. Doch auch in der Wirtschaft, die damals ohnehin schon längst mit der Politik aufs Innigste verwoben war, agierten wir selbstredend möglichst flexibel. Da ging immer noch ein bisschen was – natürlich in beide weltpolitische Seiten hin. O wir verstanden es stets, beide Ideologien zu bedienen, die des sogenannten freien Westens und den Kommunismus (wie oben angedeutet bis Anfang der 1990er).

Denn das Geld trug auch damals kein Mascherl. Egal, ob es aus der UdSSR kam, aus den USA oder aus der VR China.

Und: Wir hatten, quasi als Friedensversicherung den Kalten Krieg.

Es mag für sich genommen schon ein ausgewachsenes Paradoxon sein, in einer (wenn auch sogenannten bloß kalten) Form kriegerischer Auseinandersetzungen so etwas wie einen Garanten für den Frieden sehen zu wollen! Alle Achtung!

Doch, in der Tat, dieser Kalte Krieg, verbunden mit einem nicht ohne Stolz halbwegs offengelegten Katalog der potenziellen Vernichtungsmittel in Form der jeweiligen Waffenarsenale und des darin begründeten Vernichtungspotenzials – besonders bildhaft in der realen geballten Ladung der grauslichsten Kampfmittel atomarer Art in den Händen der Großmächte hüben und drüben -, dieser Kalte Krieg, barg die Hoffnung in sich, einigermaßen sicher leben zu können. Leben knapp am Abgrund, Leben auf einem Vulkan, der ständig auszubrechen in der Lage war. Aber – Leben.

Es war zwar ziemlich enervierend, dieses Dasein in ständiger Furcht und quasi im Schatten der A-Bombe. Doch nach all dem, was uns die Vertreter der Eltern- und Großeltern-Generation erzählten (wenn sie denn überhaupt darüber Auskunft gaben), und nach dem, was wir nachlesen und sonst wie in Erfahrung bringen konnten, dürfte der Zustand permanenter gegenseitiger Kriegsdrohungen und diverser politischer Wirrnisse in den Jahrzehnten davor auch nicht gerade ein Honigschlecken gewesen sein. Außerdem, nicht zu vergessen: Wie wir wussten, drehte sich auch die Erdkugel, ziemlich rasant sogar; und wir fielen trotzdem nicht runter von ihr. (Das konnte man übrigens sogar [und zweifelsfrei] jederzeit nachprüfen.)

Zugegeben: Der solcherart aus divergenten, kaum wirklich jemals harmonierenden Weltanschauungen zusammengebraute, grosso modo alles andere denn wohlschmeckende Cocktail erfreute unseren Gaumen nur sehr bedingt; außerdem observierten grimmige Barkeeper unser Trinkverhalten aufs Akkurateste. Auch waren ständig die (literarischen und cinematografischen) James Bonds, egal ob nun gerührt oder geschüttelt, unter und zwischen uns: durchaus in natura, nämlich als Agenten von KGB und CIA, Mossad et cetera. Bis hin zur berüchtigten NSA, die am Beginn des 21. Jahrhunderts das völlig neue Kapitel Cyber-Spionage aufschlug.

Kein Wunder, dass – trotz florierender Wirtschaft im Westen – wieder einmal die Zeit günstig schien für Illusionen. Und eine neuerliche Zurück zur Natur!-Bewegung verfügte da, zugegeben, über einigen Charme.

Und während die rechte Hand sich noch im gezielten Wegwerfen und weitestgehend sinnlosen Verschwenden der Ressourcen übte, trug man die Linke bereits allenthalben in der Schlinge der Nachhaltigkeit. (Auch wenn man die junge, alternative Anti-Bewegung zur Wegwerf-Gesellschaft noch nicht mit diesem Begriff assoziierte. Denn was scherten die meisten Leute die zurückgehenden Rohstoff-Reservate und die langsam schwindenden Vorkommen diverser Utilitäten? Jetzt sollten erst einmal die drankommen beim achtlosen Weghauen und unsinnigen Urassen, die bis dahin keine Gelegenheit (und keine Mittel) dazu hatten!

Fortsetzung folgt!

Damals

Damals haben sie noch genutzt, die Rituale. (Sie sehen, ich, Peter, der Ich-Erzähler [und ich, der Autor], wir können es nicht lassen: Da schwenken wir also nochmals zurück zu den geliebten wie verachteten, hochgelobten und verfluchten Rirualen … Es geht nun einmal nicht anders.) Wie wir sie später dann auch in unserer Pseudo-Patchwork-Familie anzuwenden versuchten mit kurzzeitigem (und fragwürdigem) Erfolg, zugegeben; obschon sie am Ende alles nur noch schlimmer machten – neben anderem. Doch: Rituale sind der Mohnzutzel der Gesellschaft. Sie geben vermeintliche Sicherheit, obwohl sie in erster Linie bloß Narkotika sind.

Das kann keine Dauerlösung gegen Lärm- und Gefühlsbelästigung sein.

In unserem Fall – wie in so vielen anderen Fällen – ging es nachher darum, einen Sündenbock zu finden. Denn irgendwie wollte man doch die verplemperte Zeit (und außer für Monika und mich, Peter, handelte es offensichtlich bei unserem Agrar-Experiment letztlich um verlorene Zeit wie vertane Liebesmüh) rechtfertigen. Ganz abgesehen vom vergeblichen Einsatz finanzieller Mittel. Und um nochmals Jörg Zirfas („Vom Zauber der Rituale“) zu zitieren, just dazu eignet sich ein Sündenbock seit biblischen Zeiten optimal (3 Mose 6). „Probaterweise hat ein Hohepriester der Ziege durch Handauflegen die Sünden des Volkes übertragen, so dass hier einerseits Unheil durch den Dämon abgewehrt wird, dem man ein Tier opfert, und andererseits die Sünden getilgt werden, indem man diese auf eine Ziege überträgt.“

Opferrituale sind daher Substitute des Eigenen“, heißt es bei Zirfas weiter, „die, je länger man sie ausübt, umso eher ihre Ursprünge vergessen lassen.“ Ich bin daher bereit – denn was habe ich (besonders jetzt, nach dem Tod Monikas) noch zu verlieren? -, diese Rolle zu übernehmen und den Sündenbock zu spielen. Zwar liegt mir weder daran. Mich für was auch immer zu entschuldigen oder mein Tun zu rechtfertigen; außerdem will ich mit Gerald & Co. ohnedies nichts mehr zu tun haben; aber, wenn sich jemand besser fühlt, wenn ich dieVerantwortung für den ganzen Scheiß übernehme, dann sei es eben.

Ja, ich habe alles initiiert, habe das Experiment in die Köpfe der anderen eingepflanzt und alles Kommende somit ausgelöst wie eine Lawine in den winterlichen Alpen. (Denn nun alles auf die tote Monika, ihr offenkundiges Helfersyndrom und ihre spirituelle Lust zu schieben, wäre billig. Und lassen wir auch ihre geliebten Heilpflanzen aus dem Spiel! Immerhin haben sie nicht selten geholfen, Wehwehchen zu lindern und —)

Ja, ich bin schuld. – Zufrieden?

Erste kurze Pause.

Heute sehe ich alles wie durch einen Schleier.

Es herrscht Vergessen vor, wie nach zu viel Gras-Genuss. (Oder nach dem Einsatz von noch Härterem? – Nein. Gras genügt mir. Aber: Wo ist er jetzt, der berühmte Point of no return?!)

Zweite kurze Pause.

Aber damals: Vielleicht ein bisschen naiv, doch (zwischendurch zumindest), ja, doch …, doch irgendwie klar. Auch in den Gefühlen. (Oder?! – Hm.)

Nein, nicht in den Gefühlen …

Keine weitere Pause mehr.

Wir, damals, mit unserer freien Liebe, wir waren selbstverständlich naiv wie nur. Leichtgläubig und ohne einen Hauch der so notwendigen Skepsis.

Ach! Wir wollten außerdem bloß in erster Linie anders sein. (Da stand doch gar keine neue Philosophie dahinter! Herrgott, nein!) Wir wollten ganz einfach anders sein.

Anders zum Beispiel als die Bauern da, um uns herum, die allesamt Gift gespritzt haben wie nur und Experten zu sein schienen; vor allem a) für Pestizide und b) für ländlichen Kapitalismus durch Expansion und Wachstumsmaximierung. (Aber bald auch durch geschicktes Anzapfen der prallen EU-Fördertöpfe.) Und außerdem: total infiltriert von der katholisch-treuherzigen, ÖVP-gelenkten Raiffeisen-Politik mit riskanten Osteuropa-Geschäften et cetera. (Obwohl die sozialdemokratische BAWAG-Misere auch nicht so ohne war …)

Wir wollten da ganz anders sein, wir vom „Verein Leben“.

Heute, im Angesicht meiner toten, kleinen und irgendwie zusammengeknitterten Monika mit dem Geheimnis hinter den fahlen Lippen, den gewaltsam geschlossenen Augen und den widerborstigen grauweißen Haaren unter dem geschmacklosen Kopftuch, heute gedenke ich der Parallelität der Ereignisse. Während wir vor uns hinvögelten und im Rudel bumsten, dass es eine Freude war, gab es Randale in Europa. Das 1968er Jahr warf mit Steinen um sich und Schatten auf das, was noch kommen sollte. Die Jungen empfanden das sogenannte Establishment – die gute alte Bourgeoisie – mit einem Mal als Scheiße (was wohl auch einiges für sich gehabt haben mag); hatten indes auch keine taugliche Alternative parat.

Kurz zuvor noch: In der Aula der Wiener Uni hatten sich junge Künstler im sogenannten Aktionismus geübt, in etwas, das damals sogleich als Uni-Ferkelei bezeichnet wurde und sogar zur Kriminalisierung besonders derer führte, die nur ein paar Jahrzehnte später in die Annalen der Kunstgeschichte Einzug hielten (und dann rasch mit Staatspreisen zugedeckt wurden).

Und der verschlafene Staat Österreich nahm das kunst- wie sozialgeschichtliche Ereignis, das die Heimat bis du großer Söhne (später, angeblich gendergerecht verordneter Weise auch: Töchter) zunächst aus der Fassung gebracht hatte, auch hymnentechnisch zur Kenntnis.

Öffentlichkeitswirksam und unter dem mit Stolz hingerülpsten Hinweis, wie avantgardistisch man in Wahrheit ohnedies stets gewesen sei. Und auch so gewagte Sozialexperimente wie etwa Otto Mühls Fick- und Kunst-Kommune schienen (sieht man von des Künstlers durchaus kriminellen Ausschreitungen in Richtung Kindesmissbrauch et cetera einmal ab), über fast schon epochale Ausstrahlung zu verfügen …

Unser Beitrag war da ein im Wortsinn privater, ein wesentlich intimerer. Mein Gott, man probierte eben neue Formen des Zusammenlebens (auf Zeit) aus, wie man neues Saatgut erprobte und innovative Anbaumethoden, auf die man sich erfreulicherweise wieder zurückbesonnen hatte, weil sie in Wahrheit auf uralter Erfahrung basierten. Dinge, die schließlich zu Nischen-, bald jedoch schon zu Luxus-Produkten aus der Biolandwirtschaft führen würden.

Und das ohne Einsatz genetischer Wunderwaffen.

Unsere Kinder waren da buchstäblich unsere Kinder. Egal, ob im speziellen Fall von Monika, Nora, Magda, Susanne oder Gerlinde empfangen, ausgetragen und geboren, ob von mir, Peter, von Gerald, Hubert, Werner oder Albert gezeugt.

Sie wurden gesäugt und aufgezogen von den Frauen. Sie wuselten zwischen unseren Männerbeinen herum, wurden leidlich erzogen (eher schon antiautoritär), quasi von allen und so nebenbei – und es war gut so, zumindest nicht schlechter als anderswo und nach herkömmlicher Manier. Nein, bestimmt nicht.

Ja, die Kinder. Jedes Paar nahm sich dann seine, wodurch sie automatisch legalisiert waren. Et cetera. (Wir wollten uns mit solchen Kleinigkeiten möglichst nicht aufhalten.)

Unsere Kinder? Also, speziell jetzt, die Kinder, von denen Monika und ich, Peter, annehmen wollten, dass sie die unseren seien?

Sie bestätigten einmal mehr die Theorie, dass die Folgegeneration meist in eine andere Richtung tendiert, als die Eltern sie eingeschlagen hatten. So studierte der 1970 geborene Emil, unser Ältester, erstaunlich zügig Betriebswirtschaft. Und siehe da, mit Ende 20 saß er schon als junger Akademiker (und nach einem zusätzlichen erfolgreich absolvierten Auslandsstudienjahr in Großbritannien) in Brüssel, und zwar in der EU-Kommission, die für die Landwirtschaft zuständig war.

Edeltraud, die im Jahr 1975 geboren worden war, machte bald schon und nach Studium in Rekordzeit als Juristin im Außenministerium in Wien ihren Weg. Dort lernte sie zudem einen mittelalterlichen Ministerialdirigenten (oder so ähnlich) kennen und lieben, was ihrer Karriere den letzten Kick verpasste. (Heute, als dreifache Mutter, sitzt sie immerhin noch in ein paar Gremien, sorgt sich um karitative Angelegenheiten und geht vor allem wichtigen integrativen Aufgaben nach. Ansonsten hat sie, die lang schon Witwe gewordene Ministerialrätin, im mehr oder minder Geheimen einen jungen feschen Freund, den sie aushält. (Und der sie beziehungsweise ihre Marotten aushält.)

Nur Gerhard, der Nachzügler, der erst anno 1986 das Licht der Welt erblickte, ist weitgehend aus der Reihe der vor Energie strotzenden Karrieremenschen geschlagen: Er schien gleichsam sämtliche kreativen Spurenelemente, die in der Familie genetisch zwischen-geparkt waren, in sich vereinigt zu spüren. Wohl wissend (oder zumindest ahnend), wie schwierig der Weg werden würde, warf sich unser zweiter Sohn auf die bildende Kunst, die Musik und, damit es ausgab, auch gleich auf die Literatur. Er agierte somit auf drei weitestgehend brotlosen Gebieten. Und sein stetiger Abstieg war daher gleichsam programmiert. Bravo!

Wir hätten es ihm vorhersagen können, dass er sich solcherart jede Menge an Schwierigkeiten einhandeln werde. Doch sogar unsere vorsichtigsten, zaghaftesten Vorstöße in diese Richtung blockte er erbarmungslos ab. Und ich glaube, sogar, wenn er seinen eigenen mehr als holprigen Werdegang vorausahnen hätte können, so wäre ihm das scheißegal gewesen.

Also ließen wir es sein und verlegten uns bloß darauf, ihm zu helfen, wenn er einmal existentiell wirklich nicht weiter, nicht ein noch aus wusste. (Ein quasi beruhigender Begleitaspekt war da übrigens noch: Bei Gerhard durften Monika und ich, Peter, uns darüber einig sein, dass er tatsächlich unser Sohn sei.)

Gerhard hatte es in der Tat von Haus aus schwer. Zu den ständigen Selbstzweifeln des Künstlers kamen noch Neid und Ablehnung der Kollegenschaft, wenn er einmal ausnahmsweise doch einen Erfolg hatte landen können. Und dann das unschöne Spiel, das auch anderen Mehrfach-Begabten nur zu bekannt sein dürfte: Für die Maler, Bildhauer oder Medienkünstler – und da konnten die noch so inferior sein – war er nun einmal der Musiker (oder, soll sein: der Dichter); den Musikern galt er naturgemäß als Maler (oder doch als Autor?- Egal!); für die Schriftsteller schließlich war er, klar doch, der Kollege aus der Musik (oder aus der Bildenden) … So durfte er sich niemals und bei keiner Gruppe als einer der Ihren fühlen.

Erst als er sich erhängt hatte, wurde seinem weitgefächerten und vielschichtigen Werk ein wenig Aufmerksamkeit gezollt. Sein literarischer Nachlass, doch auch seine Bilder, Zeichnungen und Objekte, aber auch seine Kompositionen wurden plötzlich ernst genommen und zum Teil so gar goutiert. Wir halfen mit, rund um sein Œuvre eine kleine Stiftung anzulegen. Davon hatte Gerhard selbst freilich nichts mehr.

Ja, da waren die Lebens- und Karriere-Gegebenheiten für Edeltraud und vor allem für Emil freilich weit komfortabler. Umso härter traf es mich – und dieser Schlag war schmerzhaft, in der Tat! -, hören und erfahren zu müssen, dass mein eigener Sohn (wenn er denn mein – – -) uns von Brüssel aus den verdammten Rüsselberger vor die Nase gesetzt hatte.

Ja, unser Herr Sohnemann leitete solcherart das Ende unseres Langzeit-Experiments ein!

Hatten wir tatsächlich alles falsch gemacht?

Oder war Emil bloß ein bösartiger Wechselbalg?

War dieser Brüsseler Pragmatiker-Scheißkerl einfach – ein Brüsseler Pragmatiker-Scheißkerl?!

Egal. Uns blieben unsere Erinnerungen. Erinnerungen an Illusionen, denen wir – die desillusionierte, von Haus aus schwächelnde Generation – uns letzten Endes ja doch hingegeben hatten. (Vielleicht war da eine Rest-Hoffnung aufgeflackert? Eine Rest-Hoffnung, die freilich längst nicht an die immer wieder erstaunliche Entflammbarkeit heranreichen konnte, wie sie den Altvorderen [bis hin zu gefährlicher Leichtgläubigkeit trotz besseren Wissens!] eignete?)

Die – besonders am Anfang,in den 1970er Jahren – durchaus schwierig zu lösenden Aufgaben in der Landwirtschaft hinderten uns freilich daran, politisch unseren zunächst eher linken Idealen so intensiv nachzuhängen, wie wir es ursprünglich vorgehabt und uns gewünscht hatten. Wir mussten erst (und das war ein mühsamer Prozess!) zwischen auf meist komplizierte Weise und erst nach diversen Verrenkungen – zumindest: Verbeugungen – endlich vielleicht einmal zu erlangenden Subventionen, gnadenhalber von Brüssel und/oder Wien zugesicherten Almosen und handfest skandalös erworbenen Zuwendungen, egal woher und von wem, unterscheiden lernen. Dazu gehörte automatisch auch das Erreichen eines nicht unbedeutenden Grades an Korrumpiertheit (zumindest an Anpassung).

Zudem: Unser hochverehrter und bald schon in der Ausübung eher der im Katholizismus, diesem legalisierten Vielgötterglauben üblichen Reliquienverehrung ähnelnder Marxismus, der a priori ohnedies schon ziemlich lädiert daherkam, und sogar der vergleichsweise noch frischere Existenzialismus (französischer Prägung [also weniger nach Martin Haidegger, dafür wesentlich mehr à la Jean-Paul Sartre und Genossen!]) halfen uns in Fragen der Feldbestellung, zugegeben, auch nur sehr bedingt weiter. (Marx war ein gescheiterter Kleinbürger mit Hausherren-Attitüde, Sartre ein weitgehend bewunderter Intellektueller ohne proletarische Breitenwirkung, beide also alles andere als praktizierende Agrarökonomen!)

Obschon wir uns (ursprünglich) keineswegs von den durchaus saftigen Lockungen des Kapitalismus verführen lassen wollten, so blieb uns alsbald sogar ein Schulterschluss mit Raiffeisen nicht erspart. Und zuletzt sollte dann ohnedies die Europäische Union selbst – als durchaus nicht ungefährliche alma mater – am Zug sein; hatte sie immerhin längst schon die noch weitgehend sanften Schalmeienklänge früher Anbiederung durch das arrogante Fortissimo ersetzt, wie man es nur einem inzwischen zum gewaltigen Macht-Instrument aufgeblähten Klangkörper entlocken konnte.

Und mitten drinnen in diesem After-Orchester (samt Gesangssolisten und Chören) jeglicher wirklicher Solidarität: der eigene Sohn, Emil, dieser längst schon zum widerlichen EU-Agrarbeamten mutierte Zukunftspragmatiker. Emil, geschniegelt und herausgeputzt, stolz und arrogant, dasitzend am maßgeblichen ersten Pult der – was weiß ich: – Straf-Bratschen, Erschießungs-Celli, Tötungs-Posaunen oder Füsilier-Klarinetten dieser in penetranter Dauerwiederholung den Chorsatz aus Ludwig van Beethovens 9. Symphonie zu Tode exekutierenden Instrumentalisten grenzenloser Unterdrückung.

Allerdings war das dann schon unsere landwirtschaftliche Endphase, quasi unsere persönliche Agrar-Dekadenz und unser sehr intimes Fin de Siècle, ein (zugegeben: immer noch verführerischer, wenn auch längst schon kitschig verschwommener) Sonnenuntergang, gehalten in vorgetäuschten Goldtönen …

Doch jetzt ist auch für mich alles das Geschichte.

Ich träume manchmal davon – und dieser Traum ist vermutlich ziemlich identisch mit dem der Bauern damals, als wir hierher gezogen kamen -, ich träume also, dass der alte Hof, so heruntergekommen er in meiner nächtlichen Vorstellung ist und halbverfallen, plötzlich in Flammen aufgeht. Das Vieh können wir (die Figuren, die den Traum als Personage bevölkern) zwar retten und auch ein wenig von den Vorräten und vom Heu und Stroh, doch sonst frisst alles das unbändige Feuer in seiner zerstörerischen Lust und in seiner unaufhaltsamen Gewalt. Und es ist schön, dass es so gekommen ist.

Die Balken stürzen brennend zu Boden. Das Dachgestühl von Haus und Stall, von Scheune und Nebengebäuden fällt in sich zusammen. Es gleicht einem rot-gelb züngelnden Inferno ultimativen Ausmaßes, und die rauchigen Geschwader werden, das ist abzusehen, noch über Tage und Nächte zwischen den bizarren Resten der Sparren und Geländer, zirkulieren, über Stiegen und Leitern, die künftig nicht einmal ins Nichts führen werden. Denn auch das Nichts wird es nicht mehr geben.

Dann sehe ich Monika. Meine kleine, leicht zerknitterte Monika mit den struppigen weißgrauen Haaren. (Das geschmacklose Kopftuch hat sie vermutlich mit einer energischer Handbewegung in ein spätes Glutnest geschleudert.)

Ihre Augen blitzen lustvoll – nein: schelmisch.

Und sie lächelt.

E N D E

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