Der Mann

in Weiß

Eine Erzählung

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2010

(ENDFASSUNG: 2013)

Eine alte Stadt mag Menschen haben,

so viel sie will; was ist die Menge

derer, die sie bewohnen, vor der Menge

derer, die sie bewohnt haben?

Werner Bergengruen, Der Tod von Reval.

*

Nun, man kam sich näher. Und

der Tod entpuppte sich als

leutseliges Haus.

Bernd Schmidt, Kinkerlitz.

*

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens.

Den Tod erlebt man nicht. Wenn

man unter Ewigkeit nicht unendliche

Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit

versteht, dann lebt der ewig, der in der

Gegenwart lebt. Unser Leben ist

ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld

grenzenlos ist.

Ludwig Wittgenstein, Tractatus
logico-philosophicus.

*

Weiß

Erstaunlich, eigentlich …, dachte er, dass Weiß einen so schwarzen Schatten wirft. So hart konturiert, hier, an die Wand, auf den Gehsteig, an die Häuserfront. Schwarz. Erstaunlich.

Der, den er da beobachtete, bequem vom geöffneten Fenster seiner Wohnung aus und diesmal nicht ambulant (wie Stefan Rax fast alle Mitmenschen, Passanten, Nachbarn, Fremde ansonsten meist beobachtete), der bevorzugte nun einmal Weiß. Besonders im Sommer. Und jetzt herrschte Sommerwetter, Hochsommerwetter sogar. Weiß. Und, wie sich eben gerade zeigte: Schwarz gesellte sich ohnedies, wie automatisch, hinzu – durch die geworfenen Schatten.

Die zwei Männer, also er, der Beobachter Stefan Rax, achtundfünfzig, und der von ihm beobachtete Mann in Weiß, der übrigens Ergo Gradebrecht hieß und etwa gleich alt (vielleicht ein paar Jahre älter) war, sie beide gewahrten beinahe gleichzeitig einen kleinen Hund, weiß mit schwarzen Flecken, nur ohne braune; sonst hätte man ihn glatt als Beagle durchgehen lassen können. Der Hund musste ihm, Gradebrecht, wohl schon einige Zeit gefolgt sein – im Abstand von immer gut sechs, sieben Metern. Wäre doch kurios, wenn der kleine Nicht-Beagle im hellen Sonnenschein einen schwarz-weiß gefleckten Schatten würfe, dachten er belustigt. Doch da ertönte ein scharfer Pfiff. Ein junger Mann in Jeans und grauem T-Shirt (mit einem roten Schriftzug auf der Brust), vermutlich der Hundebesitzer, der etwa fünfundzwanzig Meter vor dem Mann in Weiß ging, hatte ihn, sich zuvor jäh umwendend, ausgestoßen. Der kleine Hund spitzte das eine (rechte) Ohr; das andere ließ er demonstrativ runterhängen. Dann machte er sich, auf kurzen Beinen, doch flink wie nur, und schwanzwedelnd auf den Weg zu seinem Herrn. Der schwarze Hunde-Schatten machte anstandslos mit.

Ergo Gradebrecht hielt im Gehen inne, nahm die optische Sonnenbrille ab und griff in die linke Brusttasche seines weißen Sommerjacketts, um einen Zettel hervorzuholen. Die Zeichen des leisen Belustigt-Seins angesichts der Hunde-Episode von vorhin waren aus seinem braungebrannten Gesicht mit den grauen Haaren gewichen. Er sah nun ernst drein wie zuvor, fast dienstlich. Schauen wir einmal: Josef Furtmüller, Joachim-Knoll-Straße 25/V/12, 17:00 Uhr.

Stefan Rax trat vom geöffneten Fenster, wo er zuvor gestanden war und alles beobachtet hatte, in den angenehm kühlen Raum zurück. Aus der Wohnung unseres Nachbarn Konrad klang leise Musik herüber. Nicht störend, nein, keineswegs störend. Ludwig van Beethoven, eines der späten Streichquartette – genauer: der zweite Allegro-Satz (allegro ma non tanto) aus op. 132, also aus dem a-Moll-Quartett. Der damals längst schon völlig taube Meister hatte es im Jahr 1825 für den St. Petersburger Fürsten Nikolaus Galitzin komponiert, als Auftragswerk; gemeinsam mit zwei weiteren Streichquartetten (op. 127 in Es-Dur und op. 130 in B-Dur). Doch der dilettierende Cellist und Kunstmäzen machte bald darauf als Geschäftsmann Bankrott, und Beethoven fiel um den Großteil seines Honorars um. („Und je schwerer mir ums Herz wird“, lässt Wladimir Odojewski das hörunfähige Musikgenie in seiner Erzählung „Beethovens letztes Quartett“ sagen, „desto mehr Töne möchte ich zum Septimenakkord hinzufügen, dessen wahre Natur noch niemand vor mir recht erkannt hat … Doch genug!“)

Die weißen Anzüge, das hatte Ergo Gradebrecht vor vielen Jahren sein englischer Onkel Edward beigebracht, der in ihnen so etwas wie die zivile Nachfolge der kolonialen Khakianzüge sah, mussten, sollten sie etwas gelten, gewisse durchaus streng normierte Kriterien erfüllen: Dass die Hosen (optimal geschnitten in der Länge, einschließlich des gewissen Aufsitzens auf den passenden Schuhen!) über eine messerscharfe Bügelfalte zu verfügen hatten, verstand sich von selbst; sonst brauchte man die Beinkleider erst gar nicht zu bügeln. Der Sitz des Jacketts musste ebenfalls perfekt und weitestgehend faltenfrei sein – eben tadellos. Außerdem kam es – unter anderem – auf die Anzahl der Knöpfe an den Ärmeln an. Drei Knöpfe seien nur mäßig elegant, lautete Edwards Credo; die Einknopf- oder die Zweiervariante? Geradezu ein Witz! Vier Knöpfe, das sei die passende Zahl. Und, selbstredend: mit von Hand gesäumten Zierlöchern. Einreiher seien beim weißen Anzug Zweireihern unbedingt vorzuziehen. Und: Schmale Revers. Ein langer Rückenschlitz. (Jahrzehnte später änderte Edward seine Vorliebe und sattelte auf zwei Seitenschlitze um – nur die vier Knöpfe an den Ärmeln waren und blieben sozusagen Dogma. Und Ergo Gradebrecht folgte auch darin der Auffassung des englischen Onkels.)

Der elegante, vielleicht ein wenig dandyhafte Brite hatte dem wissbegierigen Neffen auch von der Entwicklung der Kleidung ganz allgemein und von der Herrenbekleidung im Besonderen viel Wissenswertes beigebracht. Er hatte auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass fast alles mit den wechselnden Uniformmoden in Zusammenhang stehe. Und dass letztlich eigentlich alles vom guten Geschmack des Trägers abhänge, also von dessen Geschmackssicherheit.

Nein, Edward war natürlich kein Schneider (wie auch Ergo keiner zu werden gedachte), sondern, damals, als er dem Neffen dies alles näherbrachte, bloß ein kultivierter junger Mann, der eben auf Eleganz und distinguiertes Erscheinen einen gewissen Wert legte.

Damals. Im Frühsommer des Jahres 1945 gehörte er als Offizier zu den englischen Besatzern, die nach dem Untergang Hitler-Deutschlands und der Kapitulation der deutschen Truppen nun hier stationiert sein würden. Von Herbst 1944 bis Ostern 1945 waren von den Alliierten schwere Bombenangriffe über Graz geflogen worden, die fast 2000 Todesopfer forderten und enorme Sachschäden verursachten. Götterdämmerung, freilich ohne Götter.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 waren Verbände der Roten Armee von der Ries aus in die Stadt einmarschiert, doch das erste Kontrollabkommen der vier Besatzungsmächte legte alsbald fest, dass die Steiermark von den Sowjets geräumt werden sollte. Ab 24. Juli war das Bundesland dann ausschließlich britische Besatzungszone – und blieb das auch bis zum Inkrafttreten des Staatsvertrags von 1955.

Der Grazer Bevölkerung waren die Engländer von Haus aus sympathischer erschienen als die Russen. Anscheinend glaubte man, sich mit den – aus welchen Gründen auch immer – als korrekt beleumundeten Vertretern der Krone und des British Commonwealth of Nations, auch wenn manche von ihnen angeblich zur Arroganz neigten, leichter zu tun als mit Stalins uniformierten Scharen, die, wie es hieß, nicht selten zur Unbeherrschtheit neigten.

Da lernte Edward aus London, der junge, weltgewandte Bursche im Leutnantsrang und mit dem ausgeprägten modischen Bewusstsein, auch bald schon Ergos Tante Edmunda kennen, die allgemein, in der Familie und im engeren Bekanntenkreis, Edmée genannt wurde. (Und er lernte sie lieben. Übrigens erzählte man dem zwei Jahre später geborenen Neffen Ergo Gradebrecht das alles naturgemäß erst ein paar Jahre nachher und peu à peu.)

Die Paraden der britischen Wehrmacht, besonders Abteilungen in Schottenröcken mit Dudelsäcken oder die Musik-Corps mit Trompetenschall und Trommelklang (wobei die große Trommel, ein Eyecatcher, von einem Pony gezogen wurde!), fanden besonders bei den befreiten Grazerinnen großen Gefallen. Manche BdM-Uniform war längst in der hintersten Dachbodenecke verschwunden (wie auch Abzeichen der NSDAP, manch edel-gebundene Ausgabe von Adolf Hitlers Polit-Bestseller Mein Kampf oder gerahmte Bildnisse des gewesenen Führers), und die Gretelzöpfe waren im Nu der modischen Dauerwelle gewichen …

Nun, Edmée und die übrige Gradebrecht-Familie hatten sich politisch kaum etwas vorzuwerfen. Man war zwar nicht in den Untergrund oder Widerstand gegangen, von Parteizugehörigkeiten und Nazi-Verfilzungen musste man sich indes auch nicht erst umständlich reinigen – oder reinigen lassen. Und so verliefen die geschmackvolle Werbung durch den schmucken britischen Besatzungsoffizier Edward um Edmée, die bald darauf folgende Verlobung der beiden, sodann Heirat und Familienleben in weltoffener und zukunftsfroher Atmosphäre.

Beim Abzug der Engländer, die als Besatzer übrigens tatsächlich ein – grosso modo – gutes Verhältnis zu den Besetzten herzustellen und weiterhin zu pflegen gewusst hatten, das somit ganze zehn Jahre über, bis 1955, anhielt, verließ Edward Rugby Owlcastle mit seinen Kollegen Österreich, um seine Geschäfte im Management eines großen Handelshauses in London wiederaufzunehmen und mithin an seine frühere, durchaus schon vielversprechende zivile Karriere anzuschließen. Mit ihm gingen seine Frau Edmée und die kleine Aglaia, die, gerade fünf Jahre alt, in kürzester Zeit zur ausgesprochenen Lieblings-Cousine des um drei Jahre älteren Ergo geworden war. Aglaia war für Gradebrecht junior Spielgefährtin, hilfebedürftige Kameradin und Geschwisterersatz. Während nämlich jemand, der mit Geschwistern zusammen aufwuchs, a) früh schon zu teilen und b) (fast noch wichtiger:) sich und seine Forderungen durchzusetzen lernen musste, blieb er das umhegte Einzelkind. (Mutter Seraphina hatte neben Edmée noch einen Bruder, Rudolf, und Vater Tassilo konnte mit zwei älteren Brüdern, Theodor und Gregor, aufwarten. „Verzeihung, aber ich bin unter Brüdern aufgewachsen“, pflegte er oft gutgelaunt zu sagen, wenn er sich das größte Stück vom Braten auf den Teller holte.)

Dann hieß es, Abschied nehmen. Allenthalben hing Trauer in der Luft, als die englische Verwandtschaft aufbrach; und man versprach, einander fleißig zu schreiben, miteinander zu telefonieren und natürlich auch – trotz der Entfernung – sich gegenseitige Besuche abzustatten. Versprochen! Ehrenwort! Doch die Abreise erfolgte nicht, ohne dass Onkel Edward den aufgeweckten Neffen, wie schon des öfteren zuvor, ermutigte, jederzeit zu ihnen nach London zu kommen („Ergo, hörst du, jederzeit!“) und dort, wenn es ihn danach gelüstete, zum Beispiel auch ein paar Semester zu studieren.

Der Owlcastle-Clan hatte nämlich recht gute Verbindungen – zu verschiedensten Bereichen und in diverse Richtungen hin. Im öffentlichen Leben, im Kulturbetrieb wie in geschäftlichen und Wirtschaftsbelangen, war mit der alteingesessenen Familie immer zu rechnen; irgendein Onkel saß sogar im Unterhaus, und eine Tante war in die Theaterszene Londons prominent integriert. Doch auch zur Wissenschaft gab es Berührungspunkte. So war zum Beispiel ein Schwager Edwards namens Ronald Hyde dabei gewesen beim legendären Streit zwischen Ludwig Wittgenstein, Bertrand Russell und Karl Popper (am 25. Oktober 1946) im Moral Science Club im King’s College in Cambridge, in dessen Verlauf der Autor des „Tractatus logico-philosophicus“ den anderen, ebenfalls in Wien geborenen Philosophen, Popper also, mit einem rotglühenden Schürhaken bedroht haben soll … Philosoph Hyde, Jahre später selbst Lehrer an der hochangesehenen Universität, würde dem talentierten Grazer Neffen des Schwagers gerne unter die Arme greifen, auch wenn das angestrebte Studium möglicherweise nicht in seine Kompetenz fiele.

England jedenfalls war bereit. Und ein knappes Jahrzehnt später war es Ergo auch.

Fortsetzung folgt!

 

Die Firma

Natürlich, damals war alles weitaus weniger Stress-bestimmt. (Heißt es zumindest – im Nachhinein.) Damals, als Anatol Krasser und Georg Holbein, die Senioren sozusagen, ihr Handelshaus in Graz gründeten, damals, in den frühen 1880er Jahren. Beide, Wirtschaftspioniere der Gründerzeit, hatten schon, jeder für sich, einschlägige Erfahrungen mit solchen Etablissements gesammelt, in denen die feinere Gesellschaft (wer immer das auch sein sollte) noch feinere Stoffe, Galanterie- und Wirkwaren, Trikotagen und Damen- wie Herrenbekleidung et cetera von bester Qualität, zeitgemäßer Fertigung und modernster Fasson erwerben konnte. In Troppau hatten sich die Kompagnons schon im Jahr 1873 im Handelsregister protokollieren lassen – als Firma Krasser & Holbein, Kurzwarenhandel, Hauptniederlassung Troppau, Zweigniederlassung Olmütz. Als nur kurzlebig zwar erwies sich der Betrieb von Filialen in Prag, Brünn und Agram (Zagreb), doch schon 1883 gesellte sich als weiterer Firmensitz Graz dazu. Und hier wurde das Warenhaus Krasser & Holbein sukzessive zur Institution. Daher verlegten die Familien ihren Wohnsitz auch an die Mur.

Dass man sich damals überhaupt für die Murmetropole entschied, verdankten alle Beteiligten (einschließlich der Stadt) einem Zufall. Aus geschäftlichen Gründen auf dem Weg von Wien nach Agram, hatte Anatol Krasser just in Graz seinen Anschlusszug verpasst. Missmutig, so wurde die Szene in der Familie überliefert, spazierte er durch die Innenstadt und stieß auf ein leerstehendes Geschäftslokal in der Nähe des Hauptplatzes. Einer Eingebung folgend, mietete er es spontan an. Was nun kam, gestaltete sich zur merkantilen Erfolgsgeschichte. In einem ersten Umbau (1894/95) wurde, unter Einbeziehung des Hoftraktes und der Hoffläche, die Manufaktur- und Warenhandlung vom ortsansässigen Architekten Friedrich Sigmundt in eine zweigeschossige, glasüberdeckte Halle mit umlaufenden Galerien umgestaltet. Anno 1912 entschloss man sich, der vielversprechenden Geschäftslage und der bis dato prosperierenden Umsätze wegen, zu einem großzügigen Erweiterungsbau, den die – vor allem als Theaterarchitekten bekannten – Baukünstler Ferdinand Fellner der Jüngere und Hermann Helmer gemeinsam mit Sigmundt durchführten. (Fellner/Helmer hatten 1899 auch das Grazer Opernhaus, das damals Stadttheater genannt wurde, in erstaunlich kurzer Bauzeit und mit viel Geschmack hochgezogen.) Bald war das Haus, meist bloß K & H geheißen, ein Begriff.

Was entstand, war ein imposanter und zugleich eleganter mehrgeschossiger Bau mit schwingender Fassade, teurem Interieur, bespiegelt und beplüscht; auf den ersten Blick nicht so sehr Warenhaus als vielmehr gediegene Oase für das Auge. Es war ein Bauobjekt, angesiedelt zwischen üppigem Theaterfoyer und – einladender – Bahnhofshalle; letzteren Eindruck verstärkte eine von ganz oben herabhängende großdimensionierte Uhr. Ja, man sah dem riesigen, von einer bunten Glaskuppel bekrönten Konsumtempel mit seinen großzügigen Treppenaufgängen und nicht minder faszinierenden Liftanlagen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (bis dann brutale, ästhetisch mehr als fragwürdige, eigentlich unverzeihliche Eingriffe erfolgten) seine architektonische Attraktivität aufs erste Hinschauen an. K & H beeindruckte und spielte sein Programm. Sozusagen prima vista.

In den frühen 1950er Jahren lockte (und schreckte) die Kinder, so auch Ergo und seine jüngere Cousine Aglaia, besonders ein furchterregender übermenschengroßer Krampus, der in der Vorweihnachtszeit in einem der Zwischengeschosse, angekettet und hinter einem starken Gitter verwahrt, furchterregend lauerte und aus glühenden Augen, die wenig Gutes verhießen, die Menschen ringsum anfunkelte. Überzeugende Diabolik, die sich vermutlich auch als durchaus geschäftsfördernd erwies.

Das Imperium von Krasser und Holbein war ein weitgehend gesichertes, wobei die Krassers ursprünglich aus Czernowitz, der Hauptstadt des habsburgischen Kronlands Bukowina (Buchenland), gekommen waren, wo Anton Adalbert Krasser schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine ansehnliche Kurzwarenhandlung mit erstaunlich reichhaltigem Sortiment aufgebaut hatte. Und die Holbeins, aus einer Nebenlinie der bekannten deutschen Künstlerdynastie des selben Namens stammend, waren sogar schon im späten 18. Jahrhundert aus Augsburg nach Wien gezogen, wo es Gregor Johann Holbein später dann gelang, in recht kurzer Zeit eine bald bestens beleumundete Kolonialwarenhandlung größeren Stils im ersten Bezirk einzurichten. Und von Wien aus, wo die beiden Nachfahren Georg Holbein und Anatol Krasser einander wiederum Jahrzehnte später schließlich kennen lernen sollten, expandierten die neugefundenen Kompagnons dann in den Osten und Südosten des Vielvölkerstaates.

Als Krasser & Holbein wurden sie zum Inbegriff seriöser Wirtschaftstreibender.

Hatte jeder dieser Handelsherren zunächst als Pionier gewirkt und entsprachen sie später dann immer noch dem Bild des Entrepreneurs, so wuchsen sie sukzessive und glaubwürdig in die Rolle des Patriarchen im besten Wortsinn. Sie waren vielfache Millionäre, doch richteten sie sich nach dem selbstgewählten Lebensmotto, auch ihre Umgebung – besonders ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – leben sowie am gemeinsam erwirtschafteten Gewinn teilhaben zu lassen und sich auch um deren Lebensumstände zu bekümmern. Die in Böhmen, Ungarn und in einigen anderen Ländern der ehemaligen Donaumonarchie gelegenen Geschäfte gingen zwar nach 1918 verloren, doch Krasser & Holbein in Graz, das war auch nach Ende des Habsburger Reiches weiterhin ein Begriff – für Qualität, Seriosität und Komfort. Und auch die im Geschäft nachfolgenden Erben wussten, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen.

Als das Geschäft nach dem unsäglichen Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland arisiert wurde (die Krassers waren teilweise jüdischer Abstammung), blieb nur der Name weiter bestehen. Da sich Eckhardt Sprengler, der nunmehrige Alleininhaber, übrigens ein Intimus des berüchtigten NS-Gauleiters Sigfried Uiberreither und schon als strammer Illegaler zum Liebkind der neuen braunen Machthaber aufgestiegen, des guten Klanges der alteingesessenen Marke zu bedienen nicht schämte.

Nach dem kurzen, wenn auch millionenfaches Verderben bringenden Nazi-Intermezzo wurde, für österreichische Verhältnisse erstaunlich rasch, noch im Jahr 1945 das Warenhaus dem feinen Herrn Sprengler wieder weggenommen und sogleich an einen Neffen des letzten Krasser übergeben, der die Konzentrationslager von Dachau, Theresienstadt und Mauthausen wie durch ein Wunder (allerdings als einziger seiner Familie) überlebt hatte. Sprengler wurde sogar irgendwelcher unappetitlicher NS-Machenschaften wegen verurteilt und für kurze Zeit in Haft genommen; Entnazifizierung nannte man, ein wenig euphemistisch, dieses Reinigungsverfahren im politischen Schnellwaschgang. (Gleich darauf buhlten die Großparteien ÖVP und SPÖ dann um die Nazis, also die Gestrauchelten und Fehlgeleiteten, die ihrerseits aus Dankbarkeit für die oftmals erwiesene Schonung im Handumdrehen ihre eigenen – summa summarum durchaus vergangenheitstrunkenen – Parteien und Verbände gründeten.)

Die Holbeins, denen schon die politische Entwicklung der 1930er zuwider war und Furcht einjagte, hatten es vorgezogen, sich finanziell entsprechend abfinden zu lassen und noch knapp vor dem sogenannten Anschluss von 1938 in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern, sodass sich nach Kriegsende der nicht einmal dreißigjährige Emil Krasser nunmehr in die Rolle des alleinigen Inhabers von Krasser & Holbein versetzt sah.

Das Haus wurde zwar aus finanztechnischen Gründen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, doch blieb Don Emilio, wie man den dynamischen und umsichtigen Geschäftsmann bald (und nicht nur hinter seinem Rücken) nannte, weiterhin als Generaldirektor unbestritten der Mann, der das Sagen hatte. Auch er, der eine gewisse Paula Nagelström geheiratet hatte, entwickelte sich mit der Zeit zu einem – seinen Vorfahren (und denen der Holbeins) nicht unähnlichen – waschechten Patriarchen. Seine Erscheinung flößte Respekt ein, und sein Wort hatte Gewicht. Krassers Handschlagqualität war so unzweifelhaft wie sein kaufmännischer Ruf.

Erst die Neffen des kinderlosen Ehepaares Krasser, Hannes und Hugo, die Söhne von Paulas verstorbenem Bruder Isidor Nagelström, verstanden es später, nachdem sich der Erbonkel in den 1980er Jahren sukzessive aus den operativen Geschäften zurückgezogen hatte, den nunmehr angeblich so notwendigen internationalen Stil in das frühere Handelshaus hineinzubringen. Mit allen nur möglichen negativen Begleitumständen: Das Flair ging verloren. Das Einmalige wurde in einem Aufwaschen austauschbar. Da war dann, wie auch anders, von Globalisierung die Rede, später auch vom dringend notwendigen Gang an die Börse, von Mitmischen auf internationaler Ebene, von mehr und noch mehr Profit – für die Geschäftsleitung und die Aktionäre. Weit weniger ging es da um Qualität als bis dato außer Frage stehender Grundlage im Geschäftsverkehr und vor allem im Umgang mit den Kunden, um Seriosität als Garant gedeihlichen Zusammenwirkens und nicht zuletzt um soziale Wärme im Inneren. Kurz: Hannes und Hugo Nagelström ließen neue Winde wehen. Und trachteten späterhin, nach Don Emilios Tod, nun zudem der alten Erbtante Paula, die sich ihrer Meinung nach viel zu viel Zeit mit dem Sterben ließ, auch noch nach dem erklecklichen Privatvermögen.

Das Geld sei „die einzige moderne Gottheit, an die wir glauben“, heißt es bei Honoré de Balzac. Und vom genialen wie genialischen, in vielerlei Hinsicht so maßlosen Franzosen stammt auch das Wort: „Das Geheimnis der großen, plötzlich angesammelten Vermögen ist ein Verbrechen, das längst in Vergessenheit geraten ist, weil es geschickt genug begangen wurde.“ Außerdem ist er sich darüber im Klaren, dass nur „sehr wenig neue Werte in den Gesamtschatz der Erdkugel eingeführt“ werden. Daraus folgt für ihn: „Jede neue wucherische Bereicherung bedeutet daher eine weitere Verstärkung in der Ungleichheit der Verteilung der Güter.“

Doch Balzac wusste auch, dass „vornehme Naturen (…) schlechte Geschäftsleute“ seien.

Nun, die Nagelström-Brüder waren in der Tat keine vornehmen Naturen.

Sie war also endgültig dahin, die Zeit der Persönlichkeiten im Handels- und Wirtschaftswesen, die noch an Vorbilder wie die deutschen Fugger oder Welser gemahnten. Auch diese Kaufleute und unbestrittenen Herrscher ihrer Handelskontore hatten in ihren Unternehmungen gewinnorientiert operiert; doch hier schwangen noch wie selbstverständlich die alten Regeln mit: Redlichkeit (integritas), Verschwiegenheit (taciturnitas) und Freiheit (libertas). Selbst einem Jakob Fugger, zugenannt der Reiche, der auf ein Vermögen von mehreren Millionen Gulden (fl.) vertrauen konnte und anno 1519 entscheidend, nämlich mit 550.000 fl., die 850.000 fl. teure Wahl Karls V. zum deutschen Kaiser (gegen den Konkurrenten, den Franzosenkönig Franz I.) ermöglichte, bedeuteten diese Begriffe etwas. Und im „Ständebuch“ des Holzschneiders Jost Amman heißt es, in den von Hans Sachs formulierten Versen, über die Tätigkeit des „Kauffmanns“: „Die (die Waren, Anm.) führ ich eyn und auß dem Land / Mit grosser sorg und gfehrlichkeit Wann mich auch offt das unglück reit.“

Emil Krasser war eben noch ein echter Handelsherr und Kaufmann gewesen.

Ergo Gradebrecht hatte zwar den alten Don Emilio noch – vom Sehen – gekannt, als Abteilungsleiter heuerte ihn indes klarerweise der für Personalagenden schon seit Jahren zuständige Hannes Nagelström an. Gradebrecht, der Liebhaber weißer sommerlicher Anzüge, war damals schon vor einigen Jahren vom Studium aus England zurückgekommen, hatte mit Erfolg einige Jahre in einem artverwandten Großbetrieb gearbeitet und konnte sowohl Zeugnisse vorlegen als auch Praktika nachweisen, die einer Karriere bei Krasser & Holbein durchaus dienlich sein sollten. So führte er denn alsbald eine große Abteilung, zu der Haushalt, Kinderwaren und Spielzeug sowie die wichtigen Elemente Büroeinrichtung und Büro-, Schreib- und Zeichenzubehör gehörten, woran sich bald der Handel im Bereich Unterhaltungs-Elektronik anschloss, also Radio, Fernsehen, HIFI- und Stereoanlagen sowie Computer einschließlich diverser Spiele und Software, auch CD, DVD et cetera. Man glaubte von der Geschäftsleitung her, sich auf den dynamischen Gradebrecht verlassen zu können. Auch was das Globale betraf und die Loyalität gegenüber Chefetage und Aktionärsebene, vertrauten die Nagelström-Brüder ihrem Untergebenen. Dass der Mann in Weiß sehr wohl auch ein Herz für die Sorgen und Nöte seiner Angestellten hatte, war – zum Wohl der Sache – noch nicht hinter die von innen her gepolsterten Türen bei Hannes und Hugo Nagelström gedrungen.

Es hatte allerdings auch den Fall Neunlinger noch nicht gegeben.

Gabi Neunlinger war alleinerziehende Mutter, um die dreißig. Und sie hatte tatsächlich nicht in die Kasse gegriffen; auch wenn die alte Monika Habergas (die hieß so und war eine) das just so gesehen haben wollte. In Wahrheit hatte einer der Lehrlinge, der Ossi Biedermann (der nun in der Tat kein solcher war!) die zweitausend Schilling entwendet. Doch Gabi wäre vermutlich längst schon gefeuert gewesen, als sich nach Wochen die Wahrheit in der leidigen Sache herausstellte, hätte sich Gradebrecht nicht so vehement für sie eingesetzt.

Dass er ab nun zumindest bei Hugo Nagelström (in etwas geringerem Maß wohl auch bei dessen vielleicht um Spuren humanerem Bruder Hannes) als in den Zustand der Ungnade gefallen gelten durfte und dass sich sein eigenes Dasein im Haus Krasser & Hohlbein gleichsam unter dem Damoklesschwert ständiger Beobachtung durch die missgünstigen Chefs vollziehen würde, war Ergo zwar a priori klar. Doch kümmerte es ihn kaum. Immerhin im Fall der existentiell gefährdeten, doch grundehrlichen Alleinerzieherin Gabriele Neunlinger (und ihrer zwei Buben, Gustav und Helmut) hatte er der Gerechtigkeit – zumindest zwischenzeitlich – zum Sieg verholfen.

Das gefiel manchen. Manchen auch nicht.

Auch wenn Frau Neunlinger ein paar Jahre später von den Nagelström-Brüdern wegen einer anderen Lappalie (und genauso zu Unrecht) doch noch auf die Straße gesetzt wurde.

Sie sollte indes eine späte Karriere als esoterische Koryphäe einschlagen, zu einigem Geld, viel Anerkennung und noch mehr Reputation gelangen und sich, wie sie es sich immer ersehnt hatte, schließlich in der Vorstadt im Grünen zur Ruhe setzen. Ihre Söhne Gustav und Helmut wandten sich, ein wenig, zugegeben, weiterhin von Ergo und einer Organisation von sozial Engagierten gefördert, mit der er durch Jahrzehnte schon eng zusammenarbeitete, der Jurisprudenz beziehungsweise der Architektur zu. (Wäre das hier ein Märchen, so würde jetzt noch die Bemerkung folgen, dass jener später einmal ein eher atypischer Rechtsanwalt werden sollte, der tatsächlich für Recht und Gerechtigkeit sowie für die berechtigten Forderungen seiner Klienten eintritt, jener ein Architekt, der so baut, dass man annehmen könnte, er würde sich getrauen, auch selbst in den von ihm geplanten Häusern zu wohnen.)

Die Sache Neunlinger war im Grund exemplarisch für das gestörte Verhältnis zwischen Chefetage und Belegschaft, wie es sich in diesen vorgeblich neoliberalen, in Wahrheit indes erzkonservativ-kapitalistischen Zeiten zu manifestieren begann. Man ersetzte ältere, erfahrene Leute durch billigere jüngere. Man verlagerte Produktionsstätten in sogenannte Billiglohnländer, ein Begriff, der schon alles über die Ein- und Wertschätzung des dortigen Menschenmaterials aussagt. Teilzeitjob, Nebenerwerb und Geringfügige Beschäftigung wurden zu Schlagworten im Vokabular einer neuen Gesellschaft von selbstherrlichen Sklaventreibern und Ausbeutern. Humankapital kürte eine Jury übrigens im Jahr 2004 zum Unwort des Jahres, worauf ihm vom Duden als solches die Ehre der Veröffentlichung widerfuhr … Mobbing war mit einem Mal das Modewort schlechthin. Auch wenn die Folgen etwa gesundheitlicher Art, die Arbeitsaus- und unfälle zum Beispiel, längst zu Schäden (auch in finanzieller Form) von ungeahntem Ausmaß führen und einen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Faktor darstellen. Obwohl sie die gesamte Volkswirtschaft in geschätzter Höhe von vielen Milliarden Euro jährlich belasten, wird das Problem aus Bequemlichkeit immer noch bagatellisiert.

Also, die Causa Neunlinger: Die Meldung vom Vormittag verfügte über vergleichsweise popeligen Neuigkeitswert, schien es Hannes und Hugo Nagelström. Gut, für Absolventen der Betriebswirtschaftlehre mag manches popelig wirken, auch der Neuigkeitsgrad einer Sache, die andere sehr wohl tangierte und existentiell juckte. Es war, dachte sich der um noch eine Spur glattere und gerissenere der Brüder, Hugo, als hätte man sich, ohne hinzusehen, just das Bonbon aus der in Zellophan verpackten Schachtel gefischt, dessen Geschmack man partout nicht ausstehen konnte. Am liebsten spuckte man solch abgestandene Halbneuigkeit schnell aus und ins Klo. (Wäre Hugo intellektueller ausgerichtet gewesen, als es leider der Fall war, hätte ihn möglicherweise die Formulierung seines eben angewandten Vergleichs erstaunt. Doch eigentlich war ihm auch Erstaunen zu popelig. Höchstens nämlich dann, wenn es um sein Handicap beim Golf ging, war er so ganz bei der Sache.)

Da hatte also, allem Anschein nach, eine junge Angestellte zweitausend Schilling (es war knapp vor der Umstellung auf den Euro) mitgehen lassen. Eine Kollegin hatte es angeblich gesehen. Die Diebin feuern, war wohl das einzige und Nächstliegende, was man tun konnte. Doch der zuständige Abteilungsleiter legte sich quer. Wollte nichts von Kündigung wissen, misstraute der Zeugin, die sich allerdings tatsächlich in Widersprüche verhedderte; trat für die alleinerziehende Mutter ein. Spielte hier eine Art Schutzengel, ganz in Weiß, nur ohne Flügel.

„Will sie also nicht entlassen?“, fragte Hugo Nagelström, Betriebswirt wie sein Bruder, ungläubig nach, „der Abteilungsleiter – dings –“

„Gradebrecht, Ergo Gradebrecht“, ergänzte Hannes.

„Gut, dieser feine Herr Gradebrecht will also diese blöde Kuh nicht entlassen, weil sie Alleinerzieherin ist?!“

„Genau, so ist es. Und weil es angeblich Ungereimtheiten gibt, was den Tathergang betrifft“, bestätigte Hannes – noch einigermaßen geduldig.

„Hm. Und was ist, wenn wir den Herrn – dings-“

„Gradebrecht, er heißt Gradebrecht!“ Jetzt wurde Hannes tatsächlich ungeduldig.

„Ja, also, was ist, wenn wir diesen feinen Herrn Abteilungsleiter Gradebrecht auch entlassen?!“, fragte Hugo gar nicht so rhetorisch.

„Geht nicht: Zu gute Beziehungen zum Betriebsrat …“ Hannes ließ seine manikürten Finger auf der Mahagoniplatte des schweren Schreibtischs tremolieren. (Auf dieser Platte hatten schon die Finger ihrer Krasser-Vorfahren und die der Holbeins dereinst tremoliert.)

„Aber –“

Und so hing denn das Schwert des Damokles über Ergo Gradebrecht. Doch der haardünne Faden hielt einiges aus. (Vielleicht hätte das Hugo Nagelström erstaunen sollen.)

Fortsetzung folgt!

 

Rax/Ergo

Nein, Stefan Rax gleicht nicht dem Fotografen L. B. Jeffries aus Alfred Hitchcocks Film „Rear Window“ („Das Fenster zum Hof“) von 1954, dem der knorrige Leinwandmime James Stewart überzeugende Konturen lieh: dem durch einen Gipsfuß zum Sitzen im Rollstuhl und zur Untätigkeit verurteilten Beobachter aus Obsession, der das gegenüberliegende Haus zum Objekt seiner Neugier erkürt und alles, was dort passiert, in den Fokus seines Interesses rückt; der jedes, scheinbar noch so unwichtige Detail mit Akribie observiert – und dabei hinter einen Mord kommt! (Gut, dass Drehbuchautor John Michael Hayes und Regisseur Hitchcock dem Kurzzeit-Behinderten nebenbei auch noch ein wenig Muße lassen, sich mit Grace Kelly, der späteren realen monegassischen Fürstin Gracia Patricia, die als Partnerin im Film Lisa Carol Freemont heißt, zu beschäftigen. Denn Beobachter neigen, wie man weiß, nur zu oft leicht zur Einseitigkeit.)

Nein, Rax war kein Ermittler im Sinn des Kriminalgenres. Weder ist er als akribischer Indiziensammler zu bezeichnen, noch ginge er als phantasievoller Kombinierer à la Sherlock Holmes (oder Nick Knatterton) durch. Schon gar nicht entsprach er einem dunklen Herrn aus der berüchtigten Vernaderer-Truppe des Angst verbreitenden Grafen Josef Sedlnitzky, der im sogenannten Vormärz die Oberste Polizei- und Censurhofstelle in Wien leitete; und das, wie uns zum Beispiel Jaroslaw Hasek in seinen tiefsinnig-witzigen „Abenteuern des braven Soldaten Schwejk“ erzählt, durchaus überzeugend (und eigentlich wenig biedermeierlich) und Argwohn schürend – was die vielbeschworene Gemütlichkeit der guten alten Zeit betrifft.

Aber auch der Beobachter in Friedrich Dürrenmatts „Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“ (der eigentlich eine Beobachterin ist, nämlich die Fernsehjournalistin F.) ist Rax nicht. Wobei Dürrenmatt die erstaunliche Theorie aufstellt, genaues Betrachten und Beschreiben sei „nicht ein Beobachten, sondern ein Abstrahieren vom Menschen“ (was, allerdings etwas überspitzt formuliert, bedeuten würde, die präziseste Form der Observanz liege im Übersehen …).

Stefan Rax, den wir hier zu schildern haben, pflegt natürlich auch nicht den Bassena-Tratsch, wie ihm die (auch schon historischen) Figuren aus dem Typenarsenal des legendären Wiener Gemeindebaus zu obliegen pflegen. Nein, er erzählt zwar seinen Freunden und Bekannten von seinen Beobachtungen, aber er tratscht nicht. Rax ist weitgehend diskret. Neugierig schon, aber mit Anstand. Stefan Rax – beobachtet. Vielleicht zwanghaft, ja …, vielleicht überdurchschnittlich genussreich. Vielleicht auch nur, weil er nichts anderes zu tun hat. (Obwohl er natürlich dereinst – – -. Nein, das war dann wohl auch nicht das Richtige gewesen.)

Außerdem: Stefan Rax kann es sich einigermaßen leisten, nämlich von seinen Zeit-Ressourcen her, neugierig zu sein und die anderen um ihn herum zu beobachten. Er, der Unverheiratete („Es hat wohl nicht sollen sein …“), der Hagestolz, zeitlebens allem Weiblichen zwar durchaus hold, doch letztlich wohl zu wenig mutig für länger dauernde Verbindungen, hat sich irgendwann einmal aufs Beobachten verlegt. Und er tut es mitunter liebevoll; kaum je streng oder abwertend. Und er ist natürlich auch kein geiler Voyeur. Nein, seine Neugier hat schon eher etwas Kindliches an sich, etwas unschuldig Forschendes, an dem Kosmos um ihn herum Interessiertes. (Als umkreisten die Welten der anderen seine eigene kleine Welt – ähnlich wie Erdtrabanten, der alte Mond und die jungen Satelliten, die Erde. Womit indes keinesfalls angedeutet sein soll, Stefan Rax fühle sich als irgendein Zentrum; nein, dazu ist er viel zu bescheiden. Auch wenn das nicht immer ganz eindeutig spürbar ist …)

Stefan Rax ist neugierig in seinen Beobachtungen, wie er auch ein neugieriger Leser ist. „Leser sind Leute, deren Wünsche und Hoffnungen noch nicht erfüllt, aber auch noch nicht vernichtet sind“, sagt Martin Walser („Wenn ich lese“, 1962). Und er fährt fort: „Das Buch aber ist dem Leser ein Trainingsgelände, da werden Wünsche nicht erfüllt, sondern frischgehalten, und der Hoffnung werden die Sprunggelenke gestärkt. Lesen ist also kein Hobby, lesen ist eine Kraft, die aus unserer kraftvollsten Zeit, aus der Kindheit stammt.“ Und da sich Rax insgesamt einiges aus der Kindheit bewahren hat können – die Neugier, die Lust am Schauen und Erfahren -, geht es ihm auch immerhin ganz gut. Danke der Nachfrage.

Rax liest alles, was ihm unter die Augen kommt – von herkömmlichem Lesestoff (Belletristik, Kriminal- sowie Gesellschafts- und historische Romane, Theaterstücke, Sachbücher, Ratgeber und Lexika et cetera) bis hin zu Werbematerialien, Hauswurfsendungen, Einladungen, Folder mit irgendwelchen Sonderangeboten – und sogar das Kleingedruckte auf Verpackungen.

Gut, der Lyrik gegenüber verhält sich Rax ein wenig – reserviert. Auch wenn er es nicht direkt mit Flann O’Brien (eigentlich: Brian O’Nolan) hält, der sich in seiner – ab 1940 unter dem Pseudonym Myles na gCopaleen in der „Irish Times“ erschienenen – Kolumne Cruiskeen Lawn über die Lyrik, quasi ihr Interdikt fordernd, ziemlich abwertend äußert: „Lyrik zahlt sich in Geld nicht angemessen aus, ist wegen der durch ihre Form bedingten Platzverschwendung teuer im Druck und verkündet fast immer illusorische Lebenskonzepte.“ Und weiter polemisiert gCopaleen: „Aber ein noch besseres Argument für eine Verbot aller Lyrik ist die simple Tatsache, dass die meiste Lyrik schlecht ist.“ Denn: „Niemand wird tausend Tonnen Marmelade herstellen, weil er erwartet, dass vielleicht fünf Tonnen davon essbar sind. Außerdem hat Lyrik auf die unerhebliche Handvoll ihrer Leser den Effekt, sie ihrerseits zum Schreiben von Lyrik zu stimulieren. Ein Gedicht, weit genug verbreitet, wird vielleicht eintausend mindere Exemplare hervorbringen.“

Nein, Stefan Rax hatte es zwar keineswegs mit der lyrischen Dichtkunst; doch auch dem Kreativen, dem Selbstschreiben an sich, galt nicht sein Bestreben; da war kaum etwas zu befürchten. Abgesehen von seinen Berichten hatte die Menschheit von Rax keine literarischen Äußerungen zu gewärtigen. Und auch seine Rapporte erwiesen sich meist als diskret.

Stefan Rax obliegt der Lektüre mehrerer Zeitungen oder Magazine schon beim Frühstück und später ausgiebig im Kaffeehaus, selbstverständlich auch nach dem Mittagessen und abends. Natürlich, wie fast alle Leseratten, liest er mit Vorliebe im Bett. Ja, sogar am Klosett liest er. Und wenn ihm einmal die normale Lektüre ausgeht, besieht er sich die Dekorprägungen seines bevorzugten Toilettenpapiers (mit Vanille-Duft, gelb, 3-lagig, zehn mal hundertfünfzig Blatt, hundert Prozent chlorfrei und aus gebleichtem Zellstoff).

Und da er insgesamt ein diskreter Beobachter ist, fällt er ohnedies nicht weiter auf. Lesend oder nichtlesend.

Doch Beobachter ist er nun einmal, unser Nachbar Stefan Rax.

Josef Furtmüller, Joachim-Knoll-Straße 25/V/12. Joachim-Knoll-Straße? Gut, das lag allem Anschein nach in Eggenberg. Da kannte sich Ergo Gradebrecht nicht besonders gut aus. Schon als Kind war ihm die Umgebung auf der angestammten Seite der Mur, also der Osten der Stadt, vertrauter als die Bezirke jenseits des Flusses. Waltendorf, wo er aufgewachsen war, Geidorf, wo er später viele Jahre wohnte, St. Leonhard, Ragnitz und Ries, alles vormals Vorstädte – da fühlte er sich vergleichsweise daheim. Mehr zumindest als um den Hauptbahnhof herum, in der Annenstraße, im Griesviertel oder auf dem Lendplatz.

Doch, ja: Sein Großvater war mit ihm zusammen oft mit der Straßenbahn (Linie 1) zum Schloss Eggenberg gefahren und hatte ihm dort vieles gezeigt und erklärt. Opa war Kunsthistoriker gewesen, typisch pensionierter Schulmann; und ein ausgewiesener Architekturkenner. Die Eggenberger wurden Ergo auf diese Art ziemlich geläufig. Wohlgemerkt: das Geschlecht der Eggenberger, nicht die Bewohner des nach dem Schloss benannten Bezirks. Und vor allem das Programm fand er spannend, nach dem sie die prunkvolle Anlage erbauen und ausstatten hatten lassen. Ein Programm, das dieses Schloss gleichsam zum allegorischen Abbild des Wunderwerks der Schöpfung machte; was ihm damals, als Kind, freilich nicht allzu viel sagte; und was er auch später, zugegeben, kaum je ganz durchschaute. Und das, obwohl seine Bildung als durchaus solide zu bezeichnen war und er (zumindest) einen Teil der Sinnbilder und Gleichnisse, die da als Gemälde und Fresken von Wänden und Plafonds leuchteten – besonders, wenn es sich um Anspielungen auf das Alte Testament oder die antike Mythologie handelte –, sogar bald schon dank Opas Instruktionen recht leicht entschlüsseln und interpretieren konnte. Oh, ja, da hatte er seine helle Freude an den bunten Verzwicktheiten …

Dabei wirken die mathematisch-architektonischen Parameter noch durchaus einsichtig: Vier Türme weisen auf die vier Himmelsrichtungen hin, die 365 Außenfenster des ganzen Gebäudes auf die Anzahl der Tage im Jahr. 31 Räume in jedem der drei Stockwerke gemahnen an die langen Monate, 24 Prunkzimmer mit zusammen 52 Fenstern erinnern an die Stunden innerhalb des Tages sowie an die Anzahl der Wochen im Jahr (mit den acht Fenstern des Planetensaales kommt man auf 60, also auf die Sekunden, die eine Minute ergeben) …

Komplexer freilich wird es bei der Interpretation der gegensätzlichen (beziehungsweise sich ergänzenden) Elemente, die schon ins Alchemistische hineinreicht: Die Brunnengrotte des Erdgeschosses mit dem darüber aufragenden Turm, worin Erde und Himmel symbolisiert erscheinen; die vier Elemente, die außen – wie übrigens auch im Bilderprogramm im Inneren – immer wieder zitiert werden; weitere Kontrastgespanne wie Licht und Dunkel, Feuer und Wasser, das alchemistische Gegensatzpaar des männlichen und des weiblichen Prinzips … Bis hin zur letzten Quintessenz in der angestrebten Coincidentia Oppositorum oder Vereinigung der Gegensätze, also zum beherrschenden fünften Element als mystischer Verschmelzung aller anderen: als einer Art Stein der Weisen, sozusagen.

Eine wahre Wucht stellten für ihn allerdings immer wieder die vielen, meist großformatigen Bilder dar, wobei ihn als Kind ohne Zweifel stets am meisten „Das Salomonische Urteil“ im zweiten Prunkraum faszinierte: die Kopie des Gemäldes von Peter Paul Rubens, laut Inschrift gemalt von einem gewissen Joanes Tomaso anno 1664: der legendäre Streit der beiden Mütter – der richtigen und der vorgeblichen – und die Entscheidung des Weisen, nämlich das Kind mittels Schwert zweiteilen zu lassen, auf dass jede der Frauen eine Hälfte erhalte. Da entsetzt sich die wahre Mutter: Bevor dies geschehe, solle lieber die falsche es aufziehen! (Ähnlich wie in Bertolt Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ gibt sich die echte, die wahre Mutter durch Einsicht zu erkennen, da Liebe eben nicht Besitz bedeuten darf …)

Da: Joachim-Knoll-Straße 25/V/12, Josef Furtmüller. (Benannt hatte man die Joachim-Knoll-Straße dereinst nach dem innovativen Maschinenbauer aus Mähren, 1851 – 1936, der lange Zeit hindurch in Graz lebte, mit einigen Erfindungen hervortrat und unter anderen auch zum Bekanntenkreis von Peter Rosegger zählte.)

Manchmal belastete Gradebrecht sein Nebenjob, den er schon die längste Zeit, ehrenamtlich, wie es so schön hieß, für diese karitative Organisation ausübte. Manchmal machte er ihm geradezu zu schaffen. Ehrlich. So wie heute zum Beispiel.

17:00 Uhr – es war zwei Minuten vor. Die Eingangstür zum nicht eben architektonisch prunkenden Wohnblock aus den 1960er Jahren stand offen, also betrat Ergo das Gebäude, ohne anzuläuten, und fuhr mit dem Lift in den fünften Stock. Er drückte den Klingelknopf neben dem Namensschild, auf dem in schlichter Schrift, schwarz auf weißem Grund, Josef Furtmüller vermerkt war. Ergo Gradebrecht hörte schlurfende Schritte hinter der weißen Tür. Dann sah jemand vermutlich durch den Spion, und die Tür öffnete sie sich bis zum Anschlag der Vorhängekette.

„Ja?“, fragte eine vorsichtige Stimme. Und das dazugehörende alte Gesicht zeigte sich. Mit dicker Brille, in die Augen fallendem dünnen gelbweißen Haarsträhnen und vielen Falten, die aus dem Antlitz ein Spinnengeflecht machten.

„Ergo Gradebrecht. – Herr Furtmüller? – Wir haben einen Termin …“ Und Ergo kramte den Ausweis aus der rechten Rockinnentasche seines weißen Anzugs.

Die Tür schloss sich beinahe ganz, während von innen die Kette aus ihrer Halterung geschoben wurde. Dann öffnete Josef Furtmüller fast schwungvoll.

„Treten Sie bitte ein!“ Und während er auf die zusätzliche Türsicherung zeigte, erklärte er: „Sie müssen entschuldigen, aber als alter Mensch wird man etwas vorsichtiger … Es passiert doch so viel!“

Ergo Gradebrecht nickte und betrat den schlauchartigen Vorraum. Da fiel ihm ein in Kreuzstichtechnik besticktes weißes rechteckiges Deckchen auf, das neben dem großen Spiegel hing, der ansonsten die linke Wand dominierte: „Der Stein des Anstoßes ist nur selten der der Weisen. Die Weisen stolpern nicht“, war da zu lesen.

„Interessant“, sagte Gradebrecht, auf den gestickten Sinnspruch deutend. „Laotse … oder Konfutse?“, fragte er interessiert.

„Weder noch“, antwortete Furtmüller, während er eine Tür auftat, die sich zu seiner Rechten befand, „Onkel Herbert. Ein Verwandter meiner verstorbenen Frau. – Aber kommen Sie, bitte, herein ins Wohnzimmer, Herr Gradebrecht.“

Gespräche über das Sterben waren nicht immer angenehm. Besonders, wenn (zumindest) einer der Gesprächspartner bald dran sein würde. Die Klienten waren oft bedrückt, verschlossen, auch verdrossen und verbittert. Oder ängstlich – wie jetzt Herr Furtmüller.

Sie hatten gut zehn Minuten um den heißen Brei herumgeredet, als Gradebrecht das finale Prozedere schließlich doch zu erläutern begann. „Sie können mir glauben, es geht letzten Endes sogar ganz leicht. Immerhin haben es bisher alle, ausnahmslos alle, geschafft, die an der Reihe waren! Und das sind, recht seriösen Schätzungen nach – wenn wir den Zeitpunkt, von dem an wir von Menschen sprechen, mit 50.000 Jahren vor Christi Geburt annehmen –, immerhin über 106 Milliarden. Sie sehen also -“

Sie schwiegen beide. Dann sagte Josef Furtmüller, indem er dem Gast und sich jeweils noch ein Gläschen Schnaps nachschenkte: „So viele?!“

„Ja“, holte Gradebrecht etwas weiter aus, „um das Jahr 8000 vor unserer Zeitrechnung dürften an die fünf Millionen Menschen gelebt haben, bis Christi Geburt mag die Zahl auf etwa 300 Millionen gestiegen sein. Und auch bis zum Beginn der Neuzeit wuchs die Erdbevölkerung immer nur langsam. Um das Jahr 1650 erreichte sie die Marke von 500 Millionen. Doch spätestens mit Beginn des vorigen Jahrhunderts nahm das Bevölkerungswachstum ausgesprochen rasant zu und hat sich nun innerhalb von hundert Jahren nahezu vervierfacht, nämlich von 1,6 Milliarden Menschen im Jahr 1900 auf 6,2 Milliarden gegen Ende des Jahrhunderts und Jahrtausends.“

„Man ist also nicht allein, wenn man … geht …“, sagte der alte Herr schon etwas fröhlicher gestimmt, was wohl weniger mit dem von Gradebrecht präsentierten Zahlenmaterial als mit dem Schnaps zusammenhing, dem die beiden recht munter zusprachen.

„Man ist in Wahrheit nie allein …“, ließ Ergo Gradebrecht ein wenig kryptisch verlauten.

Josef Furtmüller schaltete den Radioapparat ein. „Ich hoffe es stört Sie nicht, lieber Herr Gradebrecht, aber um diese Zeit läuft eine meiner Lieblingssendungen auf Ö 1.“

„Keineswegs“, erwiderte sein Gast, während klassische Musik erklang. „Lassen Sie mich raten: Ludwig van Beethoven?“

Furtmüller strahlte über das ganze Greisengesicht. „Ja, aber woher -?“ Dann fuhr er fort: „Beethoven, das späte Streichquartett in a-Moll, op. 132, das Finale …“

Gradebrecht nickte, und sie lauschten der unsterblichen Musik.

Fortsetzung folgt!

 

Nicht flügge?

Der Himmel hing bewölkt und wie in Bahnen herab, die am Rand schon leicht auszufransen begannen; er sah aus wie der Teil einer nur mäßig originellen Kulisse. Zur Depression anregende Grautöne ohne nennenswerte Aussicht auf Blaues. Oder wie ein Bild, gemalt von einem schlechten Aquarellisten. Oder doch eher ein Bühnenbild? Ein Ibsen-Himmel, nein: ein Handke-Himmel. Ganz ohne Bläue jedenfalls. Hoffnungsarm. Bedeckt.

Gut, dass er auf Aglaia gehört hatte. Das war, obwohl wir erst Mitte August schrieben, kein Tag für einen weißen Anzug. Nein. Da geziemte sich etwas Braunes: ein in sich gemustertes dunkelbraunes Sakko, dazu die eine Spur hellere Hose. Braune Schuhe. Gedeckt.

Schön, nach über dreißig Jahren Ehe klang der Ratschlag seiner Frau längst so, als hätte er er auch seine eigene Entscheidung wiedergeben können. Und vice versa: Wenn Aglaia ihn um seine Meinung fragte und ging es somit um etwas, was sie betraf, dann war diese, Ergos Meinung zumeist ebenfalls quasi die ihre.

Nicht dass sie ihr Eigen-Ich aufgegeben hätten; oder delegiert an den Partner, die Partnerin. Nein. Doch Aglaia und Ergo waren sich in sehr vielen Dingen einig, ohne erst lange nachdenken zu müssen, warum dass so war. Übrigens auch fast in allem, was ihre Tochter Erna betraf.

Und ihnen wären zum Beispiel auch nie Experimente erstrebenswert erschienen, die beispielsweise andere Paare, verheiratete oder in wilder Ehe zusammenlebende, gerade im Zuge der sogenannten sexuellen Revolution (oder was eben dafür angesehen wurde) in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren unternommen hatten, wie man aus dem Bekanntenkreis hören und vernehmen konnte; mehr in Andeutungen und Tratsch hinter vorgehaltener Hand freilich, als dass solches offen besprochen worden wäre …

Eine Situation, wie sie zum Exempel der US-amerikanische Autor John Irving gerne konstruierte, mit Partnertausch und einem flotten Vierer, wäre Aglaia und Ergo niemals in den Sinn gekommen. (Und das nicht nur, weil es ihnen etwa an passenden Bekannten gefehlt hätte oder erst langwierig moralische Bedenken auszuräumen gewesen wären!) Was Irving da in einem seiner frühen Romane, „Eine Mittelgewichts-Ehe“ („The 158-Pound Marriage“, 1973), an pikanten Besonderheiten offeriert, hat aufs erste Hinsehen vielleicht sogar einigen Reiz; und die Story vom Deutschprofessor und Ringer-Trainer mit Wiener Wurzeln, Severin Winter, von seiner Frau, der Schriftstellerin Edith, von der aus einem niederösterreichischen Dorf stammenden Utsch und dem (namenlosen) Ich-Erzähler, ebenfalls einem akademischen Lehrer und Autor historischer Romane, erfüllt so ziemlich alle Anforderungen, die der interessierte Leser an Gegenwartsliteratur mit Witz und Tiefgang stellen konnte.

Was Ergo Gradebrechts Verhältnis zu Irving ein wenig verdüsterte war allerdings nicht der Reichtum erotischer Schilderungen, sondern der Umstand, dass die Romane dieses so namhaften Autors immer wieder von anderen Übersetzern ins Deutsche übertragen wurden, deren Niveau, um es vorsichtig auszudrücken, doch recht unterschiedlich war. Natürlich las der des Englischen weit mehr als nur Kundige die Bücher im amerikanischen Original; er verglich indes gerne Stellen, die ihn besonders interessierten; und da stellte sich dann mitunter Ärger ein. (Wie freute es ihn hingegen, wenn er Umberto Eco las, der – mit Ausnahme einiger sprachtheoretischer Arbeiten – stets über ein und denselben deutschen Übersetzer verfügte, nämlich über den trefflichen Burkhart Kroeber.)

Ein Weiteres focht Gradebrecht bei der Irving-Lektüre mitunter an. Zwar akzeptierte er dessen Vorliebe für Bären, furzende Hunde und Achselhaar-bewehrte Damen, und auch die kaum jemals fehlenden Anmerkungen über das Ringen (wie auch, wenn der Autor nun einmal selber Ringer war!) störten ihn nicht weiter; doch dass ausgerechnet immer wieder Österreich – im Speziellen Wien – Ort irgendwelcher Haupt- oder zumindest Nebenhandlungen sein musste, ging ihm ein wenig gegen den Strich. Vergleichsweise interessierten ihn die Schilderungen amerikanischer Universitätsstädte und des dortigen Alltags nämlich mehr als die Aufzählung des innerstädtischen Straßennetzes der Donaumetropole, und auch Amsterdam oder Indien faszinierten ihn stärker als Schönbrunn. (Natürlich wusste Ergo, dass John Irving eine Zeit lang in Wien gelebt, studiert und gearbeitet hatte. Somit musste man ihm die Reminiszenzen allemal verzeihen. Noch dazu verstand es der Amerikaner meisterlich, meist pralle, bunte und stimmige Bilder daraus zu formen. Auch trotz seinem penetranten Wien-Bezug. Man denke bloß an „Das Hotel New Hampshire“ oder die köstlich-skurrile Kurzgeschichte „Die Pension Grillparzer“ im Roman „Garp und wie er die Welt sah“!)

Doch zurück zu Gruppensex und Partnertausch. Über solches zu lesen, hatte, wie angedeutet, für Ergo durchaus seinen Reiz; vor allem, weil Irving gerechterweise nicht nur die elementar erotisch-sexuelle Komponente genüsslich beschrieb, sondern mindestens ebenso explizit und nachvollziehbar die psychischen Verletzungen, das Gefühlschaos und die aus dem lustvollen Geficke letztlich fast immer resultierende seelische Katerstimmung schilderte.

Oh, Irving hatte was übrig für das Danach

So etwas zu lesen, war also durchaus reizvoll. Es wirklich zu tun, wäre ihm und – wie Ergo wusste (und davon war er felsenfest überzeugt!) – auch seiner Frau Aglaia dennoch nicht in den Sinn gekommen. Nicht, weil sie womöglich moralinsauer gewesen wären, übertrieben keusch oder seelisch-körperlich verkorkst.

Sie fanden vielmehr mit und in sich ihr Auskommen; sie genügten einander; sie mussten ihrer Liebe und der Achtung vor einander nichts beweisen. Ihre Sexualität genügte ihnen; und das, nicht weil sie sich so leicht zufrieden stellen ließen oder geringe Ansprüche an irgendetwas (also auch ans Vögeln) stellten, sondern, weil sie ihr eigenes Tempo und ihre eigene Intensität dabei gefunden hatten. Schon vor Jahrzehnten. Ja: Schon von Anfang an.

Und so, ohne Experimente, auf die Treue und den Respekt des anderen, des Partners also, vertrauend, irritierte sie eigentlich kaum etwas, was sie betraf; und was sie nicht betraf, dem schenkten sie ohnedies kaum ihr wirkliches Interesse.

Nein, kaum etwas irritierte sie – ja, doch, es gab da eine Sache: Nicht so sehr der Umstand, dass Erna mit ihren knapp über dreißig Jahren immer noch bei ihnen, also bei den Eltern daheim wohnte, gab sowohl Ergo als auch Aglaia mitunter zu denken; immerhin, in diesem Alter zogen manche junge Frauen, frustriert vom ersten (oder vielleicht auch schon vom zweiten) Ehepartner und womöglich sogar mit Kind wieder bei den Eltern ein. (Und junge Männer waren womöglich gar nicht erst ausgezogen.) Nein, warum sollte sie nicht bei ihnen wohnen – auch unfrustriert? Und doch – dass sie anscheinend so schwer Anschluss fand?!

Allerdings: Hatten sie selbst, nach einem wenige Jahre dauernden Intermezzo in einer eher unbefriedigenden Mietwohnung (obschon Altbau, aber doch ein wenig zu desolat für den Preis) in der Innenstadt, nicht auch das Angebot von Ergos Mutter Seraphina angenommen, zu ihr in die Villa zu ziehen? Schönste Wohngegend, dort, wo dereinst Vorstadt war, doch verkehrstechnisch gut eingebunden und auch von der Nahversorgung her in Ordnung. Und vor allem: Das Haus bot Platz genug. (Besonders Jahre später dann, nach Seraphinas Tod, die ihrem Mann Tassilo nach gut fünfundzwanzig Jahren Witwenschaft hinüber nachgefolgt war, standen jede Menge Zimmer leer.)

Aber dass Erna immer noch, obwohl sie längst ihr Studium beendet und im Beruf Fuß gefasst hatte, worin sie zudem durchaus erfolgreich war, lieber daheim wohnte, als, wie viele ihrer Altersgenossinnen und –genossen, eigene vier Wände vorzog, die sie sich zudem ohne weiteres hätte leisten können, erstaunte die Eltern. (Es erstaunte sie einerseits in dem Maß, in dem sie sich andererseits darüber freuten, ihre Tochter immer noch um sich zu wissen.)

Den wahren Grund kannten sie damals, vor fast zehn Jahren also, noch nicht, als sie erstmals länger darüber gesprochen hatten. Und dass ein Teil von Ernas lebhafter Anhänglichkeit leider doch bloß Camouflage war, musste ihnen, so war dies nun einmal mit Verschleierungen!, ebenfalls (noch) verborgen bleiben. Eine Maske war es nämlich, mit der etwas anderes, nicht eben so ganz Anständiges, überdeckt werden sollte.

Ergo hatte seinen Onkel Edward nicht vergessen, auch seine Tante Edmée nicht. Und auch nicht die weißen Sommeranzüge beziehungsweise die sie betreffenden Normen. Gleich nach der Matura wandte er sich (zugegeben, nach ein wenig Herumgustieren) dem damals noch eher neuen, nicht überlaufenen Studium der Betriebswirtschaft zu und nahm tatsächlich Edwards Angebot von 1955 endlich an, in England, wohlbehütet unter den Fittichen des Owlcastle-Clans, zu Ende zu studieren (oder einfach noch eine Runde anzuhängen).

Klar doch, Ergo hatte nicht ausschließlich an seine kleine Cousine von damals, an Aglaia, gedacht die ganzen Jahre. Da hatte es naturgemäß schon diverse Freundschaften, Tendeleien und handfeste Liebes- und Bettgeschichten gegeben. Sogar eine Verlobung ließ die Einbindung in die Familie eines alten Geschäftsfreunds von Vater Tassilo schon als wahrscheinlich erscheinen. Doch wurde diese Verbindung nach einiger Zeit wieder gelöst.

Jetzt indes, als er sie, seine Aglaia, in London wiedersah – nun, da verliebten sie sich (erneut) ineinander. Und da bestand vieles (nein: fast alles!) auf Gegenseitigkeit. So wie Aglaia beinahe alles an ihrem Ergo angenehm fand, von seiner Art, diverse Probleme zu sehen und zu beurteilen, oft Spaß an kleinen Unsinnigkeiten zu haben, aber auch sich mächtig zu ärgern, mit Überzeugung zu argumentieren und zu diskutieren, zur Politik, Wissenschaft und zum Leben schlechthin zu stehen, bis hin zu seinem Aussehen, so fand auch er an Aglaia vieles (nein: fast alles!) liebenswert und schier fabelhaft. Es hieß allgemein – und nicht nur von den paar scheinheiligen, schleimigen und letztlich gemein-denkenden Bekannten wurde solches gesagt, nein, in der Mehrzahl tatsächlich von solchen, die es auch ehrlich meinten -, die beiden würden geradezu perfekt zusammenpassen.

Sie waren auch ein attraktives Paar: die dunkel-, fast schwarzhaarige junge Frau, großgewachsen (doch um gut zehn Zentimeter kleiner als ihr Partner), die mit schönen dunklen Augen, deren Blick sowohl Weichheit als auch Strenge ausdrücken konnte, und natürlicher Anmut alle in ihren Bann zog. Ausgestattet mit nicht zu wenig Körperlichkeit, und doch im Gespräch sehr wohl auf das lenkend, was sie gerade – und meist vehement – sagte und vertrat. Er, stattlich, mit weniger markanten als vielmehr offenen Zügen, irgendwie versonnen, obwohl er nicht introvertiert war, das dunkelblonde Haar immer ein wenig zerzaust (ohne dass er deshalb nachlässig gewirkt hätte), nicht eben zu muskulös, da kein allzu großer Sportler, und von einer gewissen Eleganz in der Kleidung, die weniger in England und in den studentischen Kreisen, in denen sie verkehrten, als in der – zugegeben wenig geschmackssicheren – Heimat Graz mitunter hinter Ergos Rücken belächelt wurde. (Stichwort: weiße Sommeranzüge!) Nun, in seinem Onkel Edward stand ihm immerhin ein in Stilfragen gewandtes (und vor allem: selbstgewähltes) Vorbild zur Verfügung. (Edward wäre, hätte Ergo eines solchen bedurft, glatt als Vaterersatz für den in relativ jungen Jahren verstorbenen Tassilo durchgegangen.)

Ja, Ergo und Aglaia waren ein schönes Paar.

Kein Wunder, dass ihre Tochter Erna, ganz der Mutter nachgeraten, ebenfalls ein Prachtexemplar zu werden versprach. Und dieses Versprechen löste sie in der Tat ein.

Das aufkeimende Verhältnis zwischen Aglaia und Ergo wurde von Onkel Edward und Tante Edmée durchaus goutiert. Wobei man sich – wann kommt so etwas schon vor? – erstmals darüber freute, dass Ergos Mama Seraphina und Edmée bloß Stiefschwestern waren. Und, um die Sache hier nicht allzu lyrisch auszugestalten: Wenig später wurde Erna geboren. Zur großen Hochzeit, die gleichzeitig auch das Tauffest des allerliebsten Kindes war, ließ sich sogar Ergos flugängstliche Mutter Seraphina mit ein paar engen Verwandten und guten Bekannten aus Graz einfliegen. (Die religiösen Teile dieser Feiern wurden übrigens, wen es interessiert, halb nach anglikanischem, halb nach katholischem Ritus zelebriert. Wie gesagt, die Owlcastles hatten ihre Verbindungen. Nicht nur nach Cambridge. Überall hin.)

Und bald gab es also wieder einen tränenreichen Abschied – diesmal ging der Flug in die andere Richtung.

Sie hätte auch Brieftauben züchten können oder Kronenkorken sammeln. Oder die Kunst des Klöppelns wieder aufleben lassen. Im Grund genommen war es egal, es musste nur etwas sein, was Aglaia ausfüllte, etwas, was sie ganz für sich hatte, ganz für sich, für sich allein. Und etwas, was sich mit ihrer anderen Vorliebe vertrug. Was kompatibel war mit ihrem Faible für – nein, nicht für ihren Ehemann Ergo, der ihre große Liebe war von Anbeginn an, von Kind auf, aus den Windeln heraus, sozusagen. Nein, ihren Mann liebte Aglaia zwar immer noch (und sogar sehr), doch hatte sich ihre Beziehung von dieser unsagbaren Liebe weg zu einer überschaubaren hin entwickelt. Sie war sich weiterhin seiner Zuneigung sicher (wie er sich der ihren, was sogar die, zugegeben, kaum wesentlichen gegenseitigen Ratschläge in Kleidungsfragen einschloss), und er vertraute ihr nicht minder in allen Belangen als sie ihm. Doch es fand da schon noch einiges an Interessen und Hobbys Platz, neben dem Partner.

Bei ihm wie bei ihr war es ein oft recht zeitintensives Unternehmen.

Bei Aglaia ging es um die spezielle Vorliebe auf literarischem Gebiet: Sie las – fast ausschließlich – Briefsammlungen, edierte Briefwechsel, Korrespondenzen also. Nicht nur Liebesbriefe interessierten sie, nein, auch sozusagen beruflicher Schreibverkehr vermochte sie zu faszinieren. Und obwohl in England aufgezogen, zur Schule und an die Universität gegangen, beschränkte sich ihr Interesse keineswegs auf die englische und amerikanische Literatur. Goethe und Schiller zum Beispiel (Was verpacken wir denn in die nächsten Xenien? Und: Wen ärgern wir diesmal, mein Lieber?); Mozarts zum Teil recht unflätige und gleichzeitig beinahe kindlich-unschuldige Briefe ans kecke Bäsle, an den strengen Herrn Vater und überhaupt; Tolkiens nicht selten giftig-ironische Auslassungen seinem Verleger, den Kollegen und Bekannten gegenüber; Frida Kahlos meist überschwänglich-intime Ergießungen, mit denen sie ihre Geliebten (von Alejandro Gómez Arias und Nickolas Muray bis Ehemann Diego Rivera) überschüttete. Aglaia las sie nicht nur, die Schrift und Wort gewordenen Gefühle, die oft aufwühlenden Korrespondenzen, diesen nicht selten intimen Gedanken- und Herzensaustausch, sondern sie formte daraus vielmehr – viel mehr: nämlich eigene Phantasie-Gebilde. Eigene Romane gleichsam, die – obwohl sie ungeschrieben blieben – in ihr lebten und wirkten wie Termitenburgen (freilich ohne destruktive Nebenerscheinungen!) oder Bienenstöcke, ja, Bienenstöcke. Gedankenlabyrinthe auch, beinahe organische Gebilde, jedenfalls mit Elementen ausgestattet, die man – je nach Lust und Laune – anfügen, wieder wegnehmen, neu verlöten und verbinden konnte an unerwarteten Koppelungsstellen.

Dabei versuchte sich Aglaia (so intensiv wie nur möglich), in die Adressaten wie in die Adressanten hineinzudenken, und gab sogar dem echten Schicksal manchen Impuls, damit es sich wie ein Kreisel drehe. Sie unterdrückte, während sie las und mitlebte, mitunter das Absenden eines Poststückes oder ließ einen Brief absichtlich verloren gehen; sie schuf neue Antworten auf alte Fragen und überlegte sich Reaktionen auf nicht so oder überhaupt nicht abgefasste, abgeschickte und erhaltene Mitteilungen. Kurz: Sie verfuhr recht willkürlich mit den Materialien, umschiffte vermeintliche Katastrophen zwischen den Briefpartnern – oder führte solche just herbei. Aglaia gebärdete sich der Hekate oder zumindest deren untergebenen Hexen und Schicksalssteuerfrauen gleich und wob mit am Faden des Geschicks, während sie die Hirn- und Gefühlsmeere durchpflügte auf ihrem schnittigen Gedanken-Schiff, und, um hier dem Philosophen Paul Watzlawick zu folgen („Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen“), bastelte an verschiedenen Patendlösungen (mit hintersinnigem –d-!). Sie vertiefte sich in ihre Beschäftigung mit derartiger Ausschließlichkeit, dass sie buchstäblich alles um sich herum vergaß, wenn einmal Briefzeit war.

Im Zuge ihres in England begonnenen Sprachenstudiums, das sie nach einer einige Jahre dauernden und quasi Erna-bedingten Pause in Graz fortsetzte und beendete, war Aglaia auf das Gebiet der (literarischen) Briefe gestoßen, das sie, selbst eine leidenschaftliche Briefschreiberin, immer stärker in ihren Bann zog. Später, als gewiefte Benutzerin des Internet und der Möglichkeit der E-Mail als papierloser Mitteilungsform, bewahrte sie sich immer noch eine gewisse nostalgische Vorliebe dafür, sich zumindest hin und wieder brieflich zu äußern. Und – wenn schon, denn schon – handschriftlich … (Und: „Tintig“, wie sie es nannte.)

Gerade der umfängliche Briefwechsel zwischen Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, dieses eigentümliche literarische Zeugnis der deutschen Hochklassik, hatte es ihr von Anfang an angetan; und das nicht nur in Hinblick auf den unleugbaren literarhistorischen Wert, sondern vor allem im menschlichen Bereich; offenbarten sich doch zwei streitbare Geistesgrößen hier auf fast intime Weise und überantworteten zwei hochangesehene Schriftsteller und Denker ihre Meinungen hier, nicht selten fast scheu, dem (hoffentlich wohlwollenden!) Urteil des jeweils anderen … Und auch was etwa Goethe selbst (übrigens der erste Herausgeber dieses ergiebigen Meinungsaustausches, der von 1794 bis 1805, also bis zu Schillers Tod, anhielt) zum Wert der Briefe sagte, fand Aglaias Zustimmung. In der Einleitung zur Ausgabe des Briefwechsels, die ihr vorlag (Collection Spemann, Stuttgart o. J.), kann man ein Briefzitat Goethes an Karl Friedrich Zelter vom 30. Oktober 1824 nachlesen, das die Bedeutung, die der Dichter dieser Korrespondenz zumaß, beredt bestätigt. Er beschreibt darin den Briefwechsel und die beiden Briefschreiber folgendermaßen: „Zwei Freunde derart, die sich immer wechselseitig steigern, indem sie sich augenblicklich expektorieren (spontan ihre Gefühle aussprechen, Anm.). Mir ist dabei (nämlich beim Wiederlesen, Anm.) wunderlich zu Mute, denn ich erfahre, was ich einmal war.“ (Auf die Intimität wie auch auf die vermutlich a priori ins Aug gefasste editorische Auswertung des Brief-Materials geht auch Rüdiger Safranski in seiner „Goethe“-Biographie von 2013 fundiert ein.)

Gewiss, auch die Briefkultur etwa von Oscar Wilde oder Eduard Mörike – um zwei ziemlich weit auseinander liegende Dichter heranzuziehen – wirkte durchaus imponierend. Aber was sich bei Goethe und Schiller tat, war für Aglaia Owlcastle-Gradebrecht quasi das Nonplusultra an Korrespondenz: spannend, psychologisch interessant, mit Witz formuliert und sogar gesellschaftspolitisch aufschlussreich. Kulturhistorisch und menschlich in den Dimensionen.

Doch auch ihre anderen bevorzugten Briefschreiber hatten es in sich. Stand für Aglaia letztlich der literarhistorische Wert des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller, in dessen Rahmen sich immerhin das Entstehen der „Horen“, des „Musenalmanachs“ und der „Xenien“ widerspiegelt und worin manches eigenschöpferische Projekt dem jeweils anderen zur Beurteilung anvertraut wird, dann doch zumeist im Vordergrund, so liebte sie die Briefe Wolfgang Amadé Mozarts wegen ihrer kecken Unbekümmertheit, ja, auch wegen ihres derb-zotigen Fäkalwitzes. So beginnt etwa ein Schreiben des Musikgenies, verfasst zu Mannheim am 28. Februar 1778 an das Bäsle, Maria Anna Thekla Mozart in Augsburg, recht offenherzig: „Mademoiselle ma trés chére Cousine! sie werden vielleicht glauben oder gar meynen ich sey gestorben! – – ich sey Crepirt? – doch nein! meynen sie es nicht, ich bitte sie; denn gemeint und geschissen ist zweyerley! – wie könnte ich denn so schön schreiben wenn ich tod wäre? (…)“

Da lag es so nahe beieinander, das Tolldreiste und der Tod, das Unbedachte, Spaßige, Unsinnige und das Unausbleibliche, die permanente Be-Drohung. Da strahlte in der Tat die gleißende Sonne des Lebens, und doch warfen die Dinge gleichzeitig ihre schwarzen Todesschatten voraus. Helle Hochstimmung und dunkelstes Todesgrauen – so dicht nebeneinander. Seidengerüschtes Hochzeitskleid und hären-kratziges Totenhemd. Prunkvolle Festbeleuchtung und ärmliche Bestattungskerzen. Geschmückte Festtafel und von Kandelabern umstandener Sarkophag. Üppige Anrichte und magere Knochenbahre …

Als wäre das eine der Preis für das andere.

Und überhaupt: Briefe. Welchen Zweck sollten sie erfüllen, wenn ohnedies alles hinfällig war? Wenn sich John Ronald Reuel Tolkien auf der einen Seite mit seinem Verleger um Abgabetermine balgte und über seine Halsbeschwerden referierte, wenn er zum anderen indes eigene Welten entwarf und ein Reich der Mythen für seinen „Herrn der Ringe“? Obwohl diese, unsere Welt tagtäglich glaubhaft mit ihrer (und unserer) Endlichkeit drohte?

Konnte man ein Leben in Briefen führen? Konnten Briefe für sich ein Leben führen? Konnte man aus Briefen anderer etwas für sich selbst lernen? Konnte man überhaupt aus dem Leben etwas lernen? Konnte man das Leben er-lernen?

Fragen, nichts als Fragen. Hatte das Leben-Lernen überhaupt einen Sinn – – –

Frida Kahlo schreibt an Alejandro Gómez Arias am 26. September 1926 (also etwas mehr als ein Jahr nach ihrem verheerenden Unfall): „Warum lernst Du soviel? Nach welchen Geheimnissen suchst Du? Das Leben wird es Dir bald enthüllen. Ich weiß schon alles, auch ohne zu lesen oder zu schreiben. Vor kurzem noch, es ist erst wenige Tage her, war ich ein Kind, das durch eine bunte Welt voller klarer, greifbarer Formen streifte. In allem lag ein Geheimnis verborgen; es zu entschlüsseln, zu lernen, war ein Spiel für mich. Wenn Du wüsstest, wie schrecklich es ist, plötzlich alles zu wissen – als ob ein Blitz die Erde erhellt! Jetzt lebe ich auf einem schmerzensreichen Planeten, durchsichtig wie Eis, der nichts verbirgt; es ist, als hätte ich alles auf einmal gelernt, binnen Sekunden. Meine Freundinnen und Gefährtinnen wurden langsam zu Frauen, ich aber bin in wenigen Augenblicken gealtert, und jetzt ist alles seicht und durchschaubar. Ich weiß, das nichts dahinter ist; wäre dort etwas, würde ich es sehen (…).“

Wäre dort etwas.

Anders als die mexikanische Malerin, Revolutionärin und seelische Extremistin glaubte Aglaia daran, dass dort etwas sei. Nicht der Liebe Gott oder Marx oder die ewige Wiederkehr der Moleküle. Nein, etwas viel Wichtigeres.

Sie hatte dazu allerdings weder den Adressaten noch den Adressanten zur Hand. Also musste sie fürs Erste sich selbst in diese beiden Rollen versetzen. Und da dies sozusagen in ihrer Phantasie (oder in einer Art von Traumkorrespondenz) geschah, galt da auch kein „… unbekannt“ oder „… verzogen“.

Diese Post kam an.

Bei ihr.

Fortsetzung folgt!

 

Krokodile

Er war ein in Geld schwimmender Lump, ein reicher Parvenü, ein Luxusidiot, dieser Hugo Nagelström. Er glich einer fetten Made im noch fetteren Speck, war wie ein blau-grün-schimmernder, ein schier geckenhaft schillernder Dreckkäfer auf blau-grün-schimmernder, schleimig-öldurchschlierter Teichoberfläche stolzierend, wie er da, vorsichtiger Füße, sechs an der Zahl, seines übelriechenden Weges fürbass schritt, quer durch das faulende, der vollkommenen Zersetzung immer wieder strotzende Stehgewässer. Und zugleich hinterhältig, ständig nach Beute Ausschau haltend, alles vernichtend, was nur erreichbar war, unersättlich. Ein Moloch für sich, ein blau-grün-schimmernder Alleszerquetscher und Allesbeschleimer. Ein Lustmoloch zudem …

Sein inferiores Dasein verkappte sich, obgleich er eben die schillernden Farbqualitäten und das (eigentlich, sollte man meinen: doch verräterische) Outfit seiner wahren Berufung mit jedem Schritt, Satz und Augenaufschlag demonstrierte, in nahezu perfekter Weise – eben dadurch, dass er sich erst gar nicht zu tarnen versuchte. Die Tarnung durch Nichttarnung funktionierte, klar doch! Und das auf den verschiedensten Gebieten. In seinem Auftreten. Wie er sich aufführte. Was er quatschte. Mit wem er sich umgab. Wie er in der Szene agierte. Das alles hatte weder Stil noch Format. Dreckkäferartig war das. Und daher passte es.

Nicht nur, dass er als ausgesprochener Großkotz in Erscheinung trat, Kellnerinnen, Küchenchefs und Barkeeper tyrannisierte und überlaut nach Aufmerksamkeit gierte, er hatte längst auch schon diverse Ticks und Spleens entwickelt, die möglicherweise Psychologen und Psychiater in Freudentaumel versetzt hätten, ansonsten indes öde und schal wirkten in ihrer Banalität. (Die Fachleute wären daher vermutlich weit weniger entzückt gewesen, hätte man sie nur in die Wirkweisen vergammelnder Sümpfe und absterbender Dreckteiche eingeweiht.)

Auf seine Unterhosen, auf die Leibwäsche und Hemden ließ er sich, zum Exempel, wie zum Hohn Parolen von Mao Tsetung und Karl Marx einnähen. Und so zierten „Worte des Vorsitzenden“ seine Boxershorts von Boss und Joop!, und in die Van Laack-Hemden waren Sinniges und Sonniges aus dem „Kapital“ von Karl Marx eingestickt. Und das hatten sich nicht einmal die Kommunisten verdient, dass nunmehr eines dummen Kapitalisten Furze über sie hinweg strichen oder sie herhalten mussten zur Verschönerung einer Hemdbrust, die durch sein appliziertes Autogramm im Grund genommen schon genügend entweiht war. Irgendwie fanden das auch die Frauen, die intimer mit ihm zu tun hatten – etwa seine strohdumme Gattin Clarissa; nicht gerade delikat, stand doch da quer über den Hoseneingriff gestickt: „Den Volksmassen wohnt eine unbegrenzte Schöpferkraft inne“. Auf dem Hemd prunkte in goldenem Zwirn die Marxsche These: „Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden“.

Das alles war furchtbar geschmacklos. Und hätte nicht nur der Auffassung von Eleganz, Erscheinungsbild und modischem Schick des Gradebrecht-Onkels Edward in London elementar widersprochen. Doch der hatte, sehr zu seinem Glück, nichts mit den heruntergekommenen Nagelström-Brüdern zu tun, wenn gleich ihm das Warenhaus Krasser & Holbein natürlich aus seinen Grazer (Besetzer-)Zeiten her noch ein Begriff war.

Doch so geschmacklos wie diese Wäsche- und Hemden-Attitüde war der ganze Nagelström.

Dass ausgerechnet er seit einigen Jahren – und, wohl gemerkt: im Geheimen – Erna Gradebrecht zur Geliebten hatte (ja, die, die ihre ahnungslosen Eltern für so wenig flügge hielten!), war zwar in höchstem Grad verwunderlich; aber man weiß es: Wo die Liebe hinfällt …

Erna schien sich auch nicht daran zu stören, dass ihr Liebhaber verheiratet war und sich mit Sicherheit nicht scheiden lassen würde; dass seine zwei Töchter, Emilia und Pauly, die er mit seiner Frau Clarissa hatte, nicht viel jünger waren als sie selbst; dass sie ihren Eltern mit dieser Wahl alles andere denn eine Freude machte. Doch Wahl schien es ja nun tatsächlich keine gewesen zu sein.

Schicksal? – Blödsinn? – Oder – was …

Sie glaubte eben, Hugo Nagelström zu lieben. Samt den verkackten, hrinverbrannten Polit-Parolen auf Hemden und Wäsche.

Gut, trotz ihrer knapp dreißig Lebensjahre hatte sie bisher (also bis Hugo) leider keine so besonders exzellenten Erfahrungen mit Männern gemacht. Nicht dass die Erziehung durch ihre Eltern so übertrieben streng gewesen wäre und sie daher keine Bekanntschaften mit Gleichaltrigen hätte schließen können, im Gegenteil: Aglaia und Ergo ließen Erna durchaus ihre Freiheiten; auch durfte sie Freundinnen und Freunde zu sich heim einladen oder mitbringen, Feste feiern und ihr junges Leben führen, wie es ihr behagte. Aber das Angebot an Burschen, jungen Männern und überhaupt an tauglichen Exemplaren des anderen Geschlechts hatte die längste Zeit einiges zu wünschen übrig gelassen.

Knapp nach der Matura hatte es da einen gewissen Ralph Zauner gegeben, dessen herausragendstes Kennzeichen eindeutig seine Schwatzhaftigkeit war. Seine Eltern, so teilte er, fast unaufhörlich quatschend, jedem und jeder mit, besäßen eine gerade enorm expandierende Fahrradschlauch- und Zubehörfabrik, die er, umsorgtes Einzelkind und strammer Stammhalter, dereinst natürlich erben würde. Was sie ihm schon vererbt hatten, waren indes die Anlagen zu unmäßigen Schweißfüßen und Schwitzhänden sowie zu üblem Mundgeruch. Angesichts dieser gravierenden Minuspunkte in Ralphs Auftreten und Erscheinen wirkte der in Aussicht gestellte spätere Reichtum – zumindest auf Erna – eindeutig wenig ermutigend. Auch bei mehr merkantilem Interesse an den angeblich expandierenden elterlichen Schlauch- und Zubehörgeschäften von Ernas Seite her hätten für sie Ralphs überaus intensiv transpirierende Extremitäten sowie sein ausgeprägter Oralgestank eine nähere Beschäftigung mit dem jungen Mann a priori so gut wie unmöglich erscheinen lassen. (Zauner junior ehelichte wenige Jahre später eine nicht untalentierte junge Chorsängerin vom Opernhaus mit schönem Alt und ziemlichen Nasenproblemen, die sie seinen Ausdünstungen gegenüber immun machten.)

Mit einem ehemaligen Mitschüler aus der Parallelklasse namens Hilmar Hutscher, den sie zufällig auf dem Gelände der Grazer Universität wiedergetroffen hatte, verband sie zwar in der Tat eine (in mehrfacher Hinsicht) ganz kurze Affäre, doch schien ihr dieses Verhältnis im Nachhinein eher der Verdrängung wert: Sein unerotisches, stets auf sein möglichst rasches Abspritzen ausgerichtetes Agieren im Bett hätte beinahe zu einem diesbezüglichen Trauma Ernas geführt.

Ein Mitstudent, Benno Übesal mit Namen, erwies sich wenig später als aufschneiderischer Sack mit krimineller Tendenz, der ihr während des uninspirierten Beischlafs sogar einmal die Geldbörse entwendete.

Diese Brüder und noch ein paar kaum weniger enttäuschende Knülche waren für längere Zeit die kaum attraktive Ausbeute Ernas in Sachen Männerbekanntschaften.

Da konnte der immerhin um einige Jahre (um nicht zu sagen: wesentlich) ältere, fast ein wenig glamourös wirkende Hugo Nagelström beinahe mit Leichtigkeit Eindruck bei ihr schinden. Dazu war es wohl auch der Vorsprung an Erfahrung, den er so manchem anderen Springinsfeld voraus hatte. „Das waren die Vorteile“, schreibt Jonathan Franzen in seinem großen US-amerikanischen Familien- und Zeitroman „Die Korrekturen“, „wenn jemand Älteres einen begehrte: sich nicht mehr so sehr wie eine geschlechtslose Marionette zu fühlen, eine sachkundige Führung durch das Gelände der eigenen Morphologie zu bekommen, über deren Nützlichkeit aufgeklärt zu werden, noch dazu von einem, für den es das Nonplusultra war.“ Nun, das Nonplusultra war Erna für Hugo Nagelström zwar vermutlich nicht (anders als im Franzen-Zitat Denise Lambert für den älteren Arbeitskollegen Don Armour), doch lag ihm sicherlich ziemlich viel an ihr. Deshalb ließ er es (besonders anfangs) nicht an so mancher Aufmerksamkeit mangeln, um die junge Geliebte (auch nachdem er sie erobert hatte) mit jeder Menge Charme und seiner überreichen Erfahrung in Liebesdingen zu bezirzen. Und er übergoss sie sicherheitshalber außerdem förmlich noch mit diversen Zuwendungen in Form von Schmuck und anderen teuren Gaben. Die Preziosen anzunehmen fiel Erna zwar schwer, weil ihr solches eigentlich im Innersten widerstrebte und sie zudem kein materialistisch empfindender und eingestellter Mensch war; doch akzeptierte sie es schließlich, beschenkt zu werden. Und sie interpretierte sein Geben alsbald als Ausdruck von Hugos schlechtem Gewissen, was seine Familie betraf. Zwar wusste sie, dass er Frau und Töchter wohl nie ihret- oder sonst einer Frau wegen verlassen würde, doch musste sie zugeben, dass er immerhin die Zeit, die er mit ihr verbrachte, bei seiner Familie sozusagen einsparen musste. Und so etwas könnte einen Mann schon in Konflikte stürzen …, dachte Erna, einfühlsam wie sie war.

So, als Geliebte und Zusatzfrau auf Abruf, war sie gefangen in einer erstaunlichen und widersprüchlichen Art von – Freiheit. Denn schließlich hätte ja auch sie jederzeit Schluss machen können mit Hugo Nagelström. Jederzeit und ohne großes Trara.

Aber sie liebte ihn, diesen Hugo. Oder glaubte zumindest, ihn zu lieben. (Den geckenhaft schimmernden Dreckkäfer auf blau-grün-schlierigem Untergrund, smart lächelnd in Smoking, mit Cocktailglas in der diamantberingten Hand, die Breitling am Handgelenk und wahlweise mit einer Bolivar Belicoso Fino oder Cohiba Esplendido im Churchill-Format im Mund.)

Wen gilt es da wohl anzuklagen? (Wenn überhaupt eine Anklage zu erfolgen hätte …)

Sollen wir die Liebe selbst eines Unrechts bezichtigen? Ihr die Schuld geben an den Verwicklungen, die sie – angeblich – hervorruft?

Sollen wir das Echo für den Ruf, den Rufer für die Botschaft, den Furz für die Ernährung tadeln?

Fest steht – Hugo Nagelström war ein Dreckkäfer. (Ein blau-grün-schimmernder Dreckkäfer.)

Und Erna hatte, so schien es ihr zumindest, ihn gefunden. Selbst schuld.

Doch in Wahrheit zierte jetzt sie seine Sammlung an hübschen Eroberungen.

Und so avancierte er spielend zum Glanzpunkt ihrer bisher so unbefriedigend schmalen Kollektion, deren Ausstrahlung zuvor, zugegeben, alles andere als überwältigend gewesen war. Indes: Die vorangegangenen Ärsche hatten zwar weder über bestickte Unterhosen noch über ein besonderes Flair verfügt, keine teuren Zigarren geraucht und sich von Breitling-Uhren die Zeit erzählen lassen; dafür waren sie wenigstens keine Wirtschaftskriminellen.

O. K. Aber – kein Flair zu haben, ist ja auch nicht gerade ein Verkaufsargument. Also –

Doch auch Dreckkäfer, Gottesanbeterinnen und Krokodile, um nur ein paar der Kreaturen zu nennen, denen zwar unser Interesse, vielleicht sogar unsere Bewunderung und unser Respekt, indes bestimmt weniger oft unsere menschliche Liebe gelten – als etwa dem von der Rehmutter allein gelassenen Rehkitz, den putzigen Welpen oder den kleinen Kätzchen -, doch auch Dreckkäfer treffen nicht selten auf naturgegebene Feinde. Auf ihre speziellen Jäger.

Einer von denen, die Hugo und Hannes Nagelström, dem alkoholabhängigen und spielsüchtigen Bruder des Dreckkäfers, auf der Fährte waren, hieß Axel Nimrod und war stellvertretender Leiter der Buchhaltung bei Krasser & Holbein seit Jahrzehnten. Nimrod waren die Machenschaften und Falsifikationen der Nagelström-Brüder längst schon aufgefallen und ein Dorn im Auge. Nun wollten es die Konstellationen des Lebens (oder das Schicksal, wie auch immer), dass Nimrod gemeinsam mit Ergo Gradebrecht ein und dieselbe Volkschulklasse besucht hatte. Und seit Jugendbeinen – auch wenn ihre Lebenswege immer wieder zwischendurch auseinander gedriftet waren – fühlten sich die beiden einander freundschaftlich verbunden. Ergo hatte überhaupt nicht allzu viele Freunde (oder Menschen, die er so nennen wollte); dies hing möglicherweise auch mit seinem längeren England-Aufenthalt in den späteren Studienzeiten zusammen. (In der Oberstufenzeit im Gymnasium machte er sich zwar Freunde, indem er die brandneuen Platten der Beatles, die ihm Onkel Edward und Tante Edmée stets pünktlich und pressfrisch aus London schickten, unter seinen Schulkameraden zirkulieren ließ; ansonsten waren da Freundschaften jedoch auch eher dünn gesät.) Groß war denn auch die Überraschung, hier, bald nachdem er bei Krasser & Holbein angeheuert hatte, seinen alten Kollegen Axel Nimrod vorzufinden.

Die beiden trafen sich nicht nur berufsbedingt, sondern auch privat des öfteren. Und bald schon weihte Nimrod den Freund in das ein, was sich allem Anschein nach an Illegalem (oder zumindest an Grenzlegalem) im Betrieb so alles tat. In der Ablehnung der beiden Chefs waren sich die zwei Männer zudem einig. Und auch was Nimrods unmittelbaren Vorgesetzten, den Prokuristen Rudolf H. Füller, betraf herrschte rasch Einigkeit bei beiden: Auch diesem Burschen, einem den Nagelströms zu hunderfünfzig Prozent ergebenen Speichellecker und Schleimscheißer, war keinesfalls über den Weg zu trauen.

Nun, Axel Nimrod, der noch unter Don Emilio zu Krasser & Holbein gekommen war, hatte sich früh schon mit EDV und Computerwesen zu beschäftigen begonnen. „Ich habe zwar nicht die Begabung für einen Hacker – zu so etwas sind wir zu alt, Ergo! -, aber ich kann ganz gut umgehen mit den Hilfsmitteln …“, pflegte er, den Freund seiner Hilfe zu versichern; wenn es dann einmal hart auf hart gehen würde.

Bald schon sollte es so weit sein.

Nein – es hatte bereits begonnen. (Auch wenn sie – wie etwa auch der unbedarfte, aber sympathische Stefan Rax – bis dato noch nichts davon bemerkt hatten. Und auch weiterhin nichts davon bemerken würden.)

Fortsetzung folgt!

 

Schildkröten

„Kommen wir gleich zur Sache, lieber Herr Abteilungsleiter Gradebrecht.” Die in viel schwarzen Seidenstoff und ebensolche Rüschen gekleidete Greisin mit der bläulichen Dauerwelle sah für ihre gut achtzig Jahre noch sehr resolut, rüstig und dabei durchaus damenhaft aus. „Gießen Sie sich doch noch vom Tee nach, es ist ein chinesischer Yin Zhen, den ich mir, zugegeben, auch nur selten gönne“, und die alte Dame wies auf die edle Porzellankanne und die Schalen hin, aus denen der gebrühte weiße Tee (Nadeln der Silbertanne) duftete. „Im Allgemeinen genügt mir ein guter grüner Tee, ein Pi Lo Chun oder ein Lung Ching, wenn ich am Nachmittag, wie jetzt, nicht ohnehin einen Flowery Orange Pekoe aus Sri Lanka nehme. Aber verzeihen Sie, ich verliere mich noch in Tee-Fachsimpelei! Sie müssen wissen, Tee, das war eine unserer Leidenschaften, eine Leidenschaft meines Mannes und auch meine … Ach ja, und nehmen Sie bitte auch vom Teegebäck.“ Nochmals deutete ihre Rechte einen Halbkreis über dem kleinen, mit Intarsien geschmückten Tischchen an, das zwischen ihnen im Raum stand, dessen schwere Vorhänge nur halb geöffnet waren. Das spärliche Licht des späten Nachmittags ließ das an sich schon dunkle Mobiliar zum Teil mehr erahnen, als dass es mögliche Geheimnisse der Innenarchitektur preisgegeben hätte.

Nach einer kurzen Pause kam Paula Krasser dann tatsächlich zur Sache: „Also, wenn jemand mir helfen kann, dann sind es Sie, Herr Gradebrecht.“

Ergo Gradebrecht schwieg höflich, nippte am Yin Zhen und knabberte still an einem der Plätzchen, deren Anisgeschmack eine durchaus verführerische Note verströmte. Zudem erinnerte ihn Kleingebäck unweigerlich an Weihnachten, Weihnachten seiner Kinder- und Jugendzeit, damals, als –

„Mein verstorbener Mann, Emil Krasser, hat große Stücke von Ihnen gehalten. – Doch, doch! – Ich weiß, Sie haben einander nie persönlich getroffen und kennen gelernt, aber, das können Sie mir wirklich glauben, lieber Herr Gradebrecht, Don Emilio hat sich bis zu seinem Tod immer noch intensiv mit der Firma beschäftigt, auch wenn er die Leitung schon lange abgegeben gehabt hat. Das Wohl von Krasser & Holbein lag ihm bis zuletzt am Herzen.“

Gradebrecht sagte immer noch nichts. Aus Höflichkeit und im Vertrauen darauf, dass er ohnedies bald mehr erfahren würde. (Vielleicht mehr, als ihm lieb sein würde.)

„Kurz: Ich glaube, Grund zur Annahme haben zu haben, dass mir meine Neffen nach dem Leben trachten. Ja, Hugo und Hannes, diese feinen Früchtchen, wollen mich beseitigen …“

„Aber, gnädige Frau -“, glaubte Ergo etwas Besänftigendes einwerfen zu sollen.

„Doch! Leider – das ist die traurige Wahrheit. Wie es mein seliger Emil in seinen letzten Lebensjahren klar erkannt hat. ,Paula, wir haben da eine Natternbrut an unserem Busen genährt!’, so hat er gesagt. ,Eine Natternbrut!’“

Gradebrecht schwieg.

„Sie sind der einzige Mensch, dem ich noch vertrauen kann, Herr Abteilungsleiter Gradebrecht!“ Die alte Dame sah Ergo aus milchig verschwommenen Augen an, die dereinst graublau gewesen sein mochten. „Ich habe davon erfahren, wie Sie sich für die arme alleinerziehende Verkäuferin Gabi Neunlinger eingesetzt haben … Sie verfügen über Courage, lieber Herr Gradebrecht! Und die braucht man, soll etwas unternommen werden gegen meine feinen Herren Neffen!“ Und fast flehend: „Sie müssen etwas tun!“

„Aber, gnädige Frau – – -“ Gradebrechts Repertoire schien heute nicht eben überbordend, was Beruhigungsformeln und Floskeln der Beschwichtigung betraf.

„Nicht von ungefähr ist Ihr Anzug weiß – nicht nur ihre Weste“, kräuselte Paula Krasser, geborene Nagelström, ihre welken Lippen zu einem durchaus aparten Lächeln.

Bevor Gradebrecht nochmals ein Aber, gnädige Frau – artikulierte, nickte er lieber entgegenkommend. Nein: verbindlich.

„Ich habe diese Geschichte vor Jahren mitbekommen und mir später dann alles genau erzählen lassen …, von Ihrem Einsatz für die Gerechtigkeit und für diese zu Unrecht des Diebstahls bezichtigte Mitarbeiterin. Es stimmt: Sie sind der richtige Mann, meinen Neffen Paroli zu bieten. – Doch die Zeit drängt: Diese beiden Filous können es allem Anschein nach nicht abwarten, bis ich krepiert bin“, stieß die alte Dame in Schwarz wenig damenhaft (aber ehrlich) hervor. Sie hatte tatsächlich Angst. Entmündigung lag fraglos in der Luft, wenn nicht Ärgeres. Denn womöglich trachtete ihr das missratene Brüderpaar tatsächlich nach dem Leben.

„Sie müssen Ihnen das Handwerk legen, Herr Gradebrecht!“

Das klang zumindest so entschieden, dass jede Widerrede sinnlos schien.

Das Hausmädchen Theresa hatte neuen Tee gebracht und auch Nachschub an Aniskeksen.

„Sie befürchten tatsächlich -“

„Ich befürchte nicht, ich bin mir sicher, Herr Gradebrecht! Die beiden Unholde wollen mich entmündigen lassen – das ist das Wenigste!“ Die alte Dame nahm einen vorsichtigen Schluck vom weißen Tee. Dann fuhr sie fort: „Ich traue auch unserem alten Hausarzt nicht mehr. Medizinalrat Dr. Ehrenfreund geht zwar seit vierzig Jahren hier ein und aus … Er hat auch Don Emilio immer medizinisch versorgt. Aber, Herr Gradebrecht, die Menschen können sich ändern … Und Geld stellt eine große Verlockung dar. Oft ist diese Verlockung zu groß.“

„Ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Neffen schon lange so – angespannt?“, wollte Ergo Gradebrecht wissen.

„Nein, nein. Diese falschen Burschen haben sich anfangs bei Don Emilio und mir regelrecht eingeschleimt! Entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber mir fällt kein passenderer ein! Sie waren reizende Buben, wirklich! – Und heute? Hannes? Hannes ist ein spielsüchtiger Alkoholiker. Und seine Frau? Diese aufgedonnerte Schlampe Eleonore? Eine Landplage! Irgendwie verstehe ich ihn ja beinahe, dass er da lieber ins Casino rennt oder sich voll laufen lässt … Alles besser, als mit dieser schrecklichen Frau nüchtern zusammen sitzen zu müssen! – Und Hugo? Der ist ohne Frage der Grässlichere von beiden! Arrogant, blasiert, oberflächlich – und dabei strohdumm! Und, was das Schlimmste ist: Er hält sich seit Jahren auch noch zu allem Überfluss eine um einiges jüngere Geliebte! Gut, seine Frau Clarissa ist, mit Verlaub, eine blöde, putzsüchtige Kuh. Ebenfalls dumm wie Stroh und nur an schönen Kleidern, exquisitem Schmuck, prunkvollen Häusern, schnellen Autos und teuren Urlauben interessiert. Und die Töchter? Emilia und Pauly – noch dazu, nach meinem Mann und mir benannt, stellen Sie sich das vor! -, die beiden Gören haben von der Mutter die Oberflächlichkeit und vom Vater die Niedertracht geerbt! Doch auch das mit der Geliebten gefällt mir einfach nicht!“

„Hm“, machte Gradebrecht, um versuchsweise ein wenig Abwechslung in sein Kommunikationsschema zu bringen.

„Und wer diese ominöse Geliebte ist? Das wird Ihnen wahrscheinlich auch nicht gefallen. Herr Gradebrecht – es ist Ihre Tochter Erna.“

Ergo Gradebrecht erstarrte. Konnte nichts erwidern. War wie niedergeschmettert.

Nach einer kurzen Pause sagte er leise: „Erna …“

In diesem Moment war es entschieden: Ergo Gradebrecht stand ab jetzt hundertprozentig auf Paula Krassers Seite.

Also legte sich Ergo Gradebrecht, nachdem er den Schock in Sachen Erna und Hugo Nagelström einigermaßen überwunden hatte, auf die Lauer. Das war etwas ungewohnt für ihn, wie man sich leicht vorstellen kann. Und obwohl er immer wieder einmal gern einen Roman von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett gelesen hatte, war er meilenweit davon entfernt, über die diesbezüglichen Anlagen eines Philip Marlowe oder eines Sam Spade zu verfügen, was das Observieren, Beschatten oder ganz allgemein das kriminalistische Recherchieren betraf. Nicht einmal beim Whiskey und bei den Cocktails hätte er es mit den beiden (literarischen) trinkfesten Privatdetektiven aufnehmen können … Doch einerseits tat ihm die alte Dame leid, Paula Krasser mit Yin Zhen, Anisgebäck und fürchterlichen Ängsten, zum anderen ging es um seine Tochter. Er musste sich schleunigst Gewissheit verschaffen, was die Sache zwischen Hugo Nagelström und Erna betraf, die ihm so unglaubwürdig erschien und die er kaum jemand anderem abgenommen hätte als der greisen Paula Krasser – nach all dem, was sie sonst noch so erzählt und was durchaus plausibel geklungen hatte. Zudem vermittelte die alte Frau durchaus nicht den Eindruck von Senilität oder geistiger Zerrüttung. Ganz im Gegenteil, aus Frau Krasser sprachen Vernunft und klarer Verstand.

Hatten damals, vor und beim Tod Don Emilios, wie seine Witwe vermutete, die grundschlechten Nagelström-Brüder tatsächlich auch ihre Hände im Spiel gehabt? Zumindest indirekt? (Der alte Krasser hatte nach einer Besprechung mit seinen missratenen Neffen und Nachfolgern in der Geschäftsführung, bei der es laut Ohrenzeugenberichten recht stimmstark zugegangen war, einen Schlaganfall erlitten, dessen Folgen er wenige Tage später erlag.)

Also beobachtete Ergo Gradebrecht Hugo Nagelström. Und tat auch sonst alles nur Erdenkliche, um den Chefs das unsaubere Handwerk zu legen.

Nicht ahnend freilich, dass auch er seinerseits beobachtet wurde – von Stefan Rax.

Doch, richtig, auch Stefan Rax stand – obwohl, wie sich alsbald (und erneut, wieder einmal sozusagen) herausstellte: ein ungefährlicher Beobachter, weil tatsächlich nur neugierig und an so gut wie allem interessiert – unter Observanz. Und das durch Axel Nimrod. Einschließlich Computeraktivitäten, E-Mail-Fluss und Internet-Operationen. Rund um die Uhr.

Fortsetzung folgt!

 

Abstürze

Die Max-Klein-Allee, benannt nach dem verdienten Landeshistoriker und Archivar Max Lorenz Klein (1827 – 1898), war mehr Weg als Straße, doch wie zum ästhetischen Ausgleich recht idyllisch gelegen. Die alten, hohen Kastanien spendeten sogar im Hochsommer angenehmen Schatten, und da in der Nähe vor Zeiten schon der überaus beliebte Hilmteich am Ausläufer des Leechwalds angelegt worden war, flanierten hier bei schönem Wetter (wie heute) nicht nur Anrainer, sondern, besonders an Wochenenden, auch Ausflügler und Touristen.

Besagter Hilmteich war das einzige größere Gewässer im Osten der Stadt, und im Sommer lockte er hauptsächlich die Jugend (aus den vornehmeren Häusern) zu lustigen Bootsfahrten, im Winter zu unterhaltsamen Eislaufpartien. Seit 1859 lud zudem ein Restaurationsgebäude zur fröhlichen Einkehr. Ergo Gradebrecht entsann sich, als Kind oft sonntags mit seinen Eltern, Seraphina und Tassilo, hier Blasmusikkonzerte besucht zu haben, die im Garten des Restaurants stattfanden. Dabei – vorher und nachher – pflegte ihm sein Vater, wie auch beim Radio-Hören und später in der Oper oder bei Konzerten, die einzelnen Musikinstrumente und ihren Klang und Tonumfang zu erklären. Auch Onkel Edward, Tante Edmée und Klein-Aglaia waren manchmal mit dabei. Einmal, Ergo erinnerte sich noch ganz genau daran, musste sich der englische Onkel für einen seiner Soldaten ein wenig schämen: Der junge Besatzer niedriger Charge war, wohl einigermaßen alkoholisiert, aus einem der Boote in den Teich gefallen, woraus ihn freiwillige Helfer jedoch alsbald unter viel Hallo bergen konnten …

Ergo erinnerte sich auch an ein kleines witziges Lied, das ihm seine Mutter Seraphina vorgesungen und beigebracht hatte; es stammte noch aus alten Monarchiezeiten: „Graz, das liegt am Hilmer-Teich! Jupeidi, jupeido! / Rundherum liegt Österreich! Jupeidiado!“ In Ergänzung des Textes aus dem 19. Jahrhundert, der zu seiner Zeit in der gesamten Monarchie bekannt war und mitleidig spöttisch als Synonym für die gemütliche Pensionopolis Graz, das Refugium und Ausgedinge für hohe Beamten in Ruhe und Offizierspensionäre sowie abzuschiebende Mitglieder diverser europäischer Herrscherhäuser, empfunden wurde, ging das Lied, wie es Ergo von seiner Frau Mama gelehrt wurde, noch weiter. Da nämlich noch nicht die ganze Stadt über Anschlüsse zur Hauptkanalisation verfügte (besonders die Außenbezirke und ehemaligen Vorstädte waren da bis in die 1950er Jahre hinein Nachzügler), fand der Spottgesang eine Fortsetzung: „Rechts a Bamerl, links a Bamerl, mittendrin das Fass’lkammerl! Jupeidia, juperdo! …“ (Fass’lkammer hieß der kleine Raum, ein Abteil, im Keller eines Hauses, der für die Fässer reserviert war, in die Fäkalien flossen. In bestimmten Abständen wurden diese Behältnisse dann von amtlicher Seite gegen leere ausgetauscht.)

Das Ziel Ergo Gradebrechts, die Villa eines gewissen George Holbe, lag fast schon am Ende der Allee, wo sie sich in die breitere Hilmstraße hin öffnete. Gradebrecht spazierte am Gehsteig dahin, und ihn erfreute der Anblick der goldenen Lichtsprenksel, die entstanden, wo die Sonne sich nur mühsam ihre Strahlenbahnen durch das dichte Blattwerk ertrotzte. (Licht und Schatten, jaja …) Das Haus selbst, ein ansehnlicher Bau aus der Gründerzeit nach Plänen des Architekten Leopold Theyer, war etwas zurück versetzt, und befand sich auf einer parkähnlichen, mit hohen Föhren und dichtem Buschwerk bestandenen gepflegten Grünfläche. Ergo betätigte (zwei Minuten vor 17:00 Uhr) den Klingelknopf am schwarz gestrichenen Gartentor aus Eisen. Es ertönte ein Summer, und eine etwa vierzigjährige Hausangestellte orientalischen Typs erschien in der Tür des türmchenartigen Vorbaus der Villa, im dem sich der Eingang befand. Sie lächelte Gradebrecht kurz an, bat ihn, näher zu treten, und erklärte ihm freundlich, dass der Hausherr seinen Besucher schon erwarte.

Was es mit dem Namen des alten Herrn auf sich hatte, der Ergo alsbald im gemütlich eingerichteten Salon gegenüber saß, war dem Abteilungsleiter bei Krasser & Holbein – und Hobby-Detektiv in Sachen Paula Krasser – schon avisiert worden. Bei dem weißhaarigen, doch rüstigen Mann weit in den Achtzigern, der sich hier als George Holbe präsentierte, handelte es sich, richtig, um einen Nachkommen des einstigen Firmenmitbegründers Georg Holbein. (Und dieser Ur-Holbein, hatte, wie schon ausgeführt, anno 1873 gemeinsam mit Anatol Krasser die Firma Krasser & Holbein, Kurzwarenhandel, Hauptniederlassung Troppau ins dortige Handelsregister eintragen lassen. Zehn Jahre später war dann Graz an der Reihe gewesen.)

George Holbe, auf diesen Namen lautete sein US-amerikanischer Pass, war ein Enkel jenes knapp vor dem Anschluss an Hitler-Deutschland mit Kind und Kegel in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewanderten Grazer Firmenteilhabers Adalbert Georg Holbein. Holbe hielt sich schon seit einiger Zeit in Graz und in dieser zum alten Familienbesitz gehörenden Villa auf, wobei ihm der bewusst ein wenig abseits des Trubels und der Geschäfte gelegene Ort, wie er erläuterte, sehr entgegen komme. Er sei „mehr oder weniger inoffiziell“ hier in der Stadt. Besonders bewusste Personen müssten nicht unbedingt von seiner Anwesenheit erfahren. „Die werden es noch früh genug bemerken. Früher, als ihnen lieb sein dürfte …“, meinte er mit einem süffisanten Lächeln um den faltigen Mund und versuchte, seinen breiten amerikanischen Akzent erst gar nicht zu unterdrücken.

Die kleine, eben eingetretene Pause nutze die orientalisch wirkende Hausdame von vorhin dazu, mit Kaffee und Gugelhupf zu erscheinen, wobei sie mit einigem Geschick ein silbern blinkendes Tablett mit den Utensilien balancierte. Im zauberischen Lichteinfall durch die bunte Oberlichte eines der hohen Fenster tat sich eine erstaunlich friedliche Szene auf: Zwei Herren, einer weißhaarig und, bei aller Rüstigkeit, merkbar betagt, der zweite Ende der Fünfzig oder am Beginn der Sechzig, ein delikat aussehender Marmorgugelhupf, Kaffee in formschöner Jugendstilkanne (wie natürlich auch das übrige Service), Milch, Schlagobers, Löffel und kleine Gabeln … Die Buntheit wanderte kurz über Gradebrechts weißes Sakko, als befinde sie sich auf einem hochsommerlichen Ausflug im Grünen. Heiter und gelassen wirkte das.

Holbe sah mit seinen hellblauen Augen über den Rand der goldgefassten Brille im Doppelschliff seinen Besucher direkt an. „Lieber Herr Gradebrecht, Sie müssen wissen“, sagte er, „es gibt da eine Klausel im Abfertigungsvertrag, den mein Grandpa mit den Krassers 1938 abgeschlossen hat und von dem Sie ja ohne Zweifel wissen!“

Gradebracht nickte zustimmend. Er lauschte gespannt dem, was Holbe sagte, und nahm einen weiteren Schluck vom ausgesprochen guten Kaffee, der durch die Beigabe von Milch eine angenehm dunkelbraune Farbe angenommen hatte. Sogar dieses Braun passte ganz vorzüglich in die Farbpalette des Sommernachmittags.

„Diese kluge Klausel besagt, dass bei selbstverschuldeten eklatanten Fehlentscheidungen oder gar bei firmenschädigendem Verhalten eines der Inhaber die Firma unweigerlich ins Eigentum des Kompagnons (oder in das seiner Nachkommen und Rechtsnachfolger) übergeht.“

„Aber, Ihr Herr Großvater wurde doch entsprechend abgefertigt“, warf Ergo Gradebrecht, an einem Stück vom wirklich delikaten Gugelhupf kauend, interessiert ein.

„Nein, das ist ja der springende Punkt – so sagt man doch bei Ihnen in Österreich?“.

Gradebrecht nickte.

„Adalbert Georg Holbein beließ einen nicht geringen Teil seines Vermögens vor der Emigration in die USA in Krassers Obhut.“ Einerseits, weil man auf ein rasches Ende dessen hoffte, was sich da Scheußliches unter Hitler & Co. politisch abzeichnete; zum anderen, weil nicht abzusehen war, wie gut sich die Geschäfte Holbeins in den Staaten entwickeln würden. „Und so hat sich ein hübsches Sümmchen, so heißt es doch?, angesammelt. Und das wollen wir jetzt segenbringend einsetzen, lieber Herr Gradebrecht …“

Der Passus im Vertrag zwischen Krasser und Holbein von 1938 war nie mehr beachtet worden und lief gleichsam als Fußnote bei folgenden Vertragswerken mit. An den Fall, dass er jemals hätte in Kraft treten können, hatte wohl niemand gedacht; so abwegig wären den Handelsherren selbstverschuldete eklatante Fehlentscheidungen oder firmenschädigendes Verhalten erschienen. Doch hatten die US-amerikanischen wie die österreichischen Rechtsanwälte George Holbes (alias Holbeins) ihren Mandanten dessen versichert, dass der besagte Passus weiterhin rechtskräftig und rechtsgültig sei.

„Vorausgesetzt, wir können diesen Nagelström-Brüdern, also Paula Krassers missratenen Neffen, ihre kriminellen Machenschaften mit Ihrer Hilfe, lieber Herr Gradebrecht, nachweisen und die entsprechenden Schritte in die Wege leiten, dann wird der Sieg unser sein!“ Der amerikanische Holbein klang durchaus zuversichtlich. „Übrigens, mir geht es nicht ums Geld – davon habe ich zur Genüge. Nein, mir geht es um Frau Paula.“ Und, fast ein wenig sentimental, fügte er an: „Wissen Sie, auch ich bin Witwer, und wir Alten müssen doch zusammenhalten. Ist es nicht so, Herr Gradebrecht?!“

Gradebrecht nickte gedankenverloren.

Doch der alte Herr fuhr auch schon wieder fort. „In ein paar Tagen wird übrigens mein Neffe und Alleinerbe, Arthur G. Holbe, offiziell in der sogenannten Grazer Gesellschaft auftauchen. Ich selbst bin ja kinderlos, aber Arthur, der Sohn meines jüngeren, leider viel zu früh verstorbenen Bruders Walter, steht mir sehr nahe – und auf ihn ist außerdem und zu meiner großen Freude auf allen Linien Verlass.“ Holbe nahm noch einen Schluck Kaffee und spießte ein Stückchen vom Gugelhupf auf seine Gabel. „Er soll dann bald die Geschäfte übernehmen.“ Der Amerikaner sah kurz auf und Gradebrecht direkt ins Gesicht. „Keine Angst, Arthur hat bisher immer bewiesen, ein Ehrenmann zu sein – so sagen Sie doch hier?! Er ist zwar noch nicht ganz vierzig, hat aber schon viel geschäftliche Erfahrung machen können in unserem Konzern in den Staaten. Außerdem ist er Abgänger der Universität von Yale und hat darüber hinaus einige Zeit in England und ein paar Semester in Wien studiert.“

„Er war einige Zeit in England?“, fragte Ergo interessiert nach.

„Ja, in Cambridge. – Sie werden ihn mögen, Ergo, nicht nur wegen dieser erstaunlichen England-Parallele bei Ihnen beiden!“

Aha, dachte Ergo, der Herr haben sich über mich schlau gemacht.

„Und, ja“, fuhr Holbe fort, „er spricht leidlich gut deutsch; etwa so gut wie ich, also mit etwas Akzent. Aber hoffentlich – charmant …“

Und nach kurzer Pause: „Richtig, das Wichtigste nicht zu vergessen: Arthur trägt noch etwas vom alten Kaufmannsgeist in sich, wissen Sie. Er denkt nicht ausschließlich in Zahlen, Bilanzen und Erfolgskurven.“

„Das freut mich zu hören“, beeilte sich Ergo Gradebrecht zu sagen.

„Oh, er wird Ihnen gefallen, Ergo. Außerdem teilt er, wie es scheint, Ihre Vorliebe für elegante weiße Anzüge …“ Holbe lächelte, seinen Gast nochmals musternd.

Übergangslos fragte der Gastgeber dann: „Mögen Sie lieber Bourbon oder eher Single-Malt?“

Ergo war überrascht. „Wenn Sie, als Amerikaner, es nicht als Beleidigung empfinden – Single“, antwortete er in Richtung Holbe.

„Dachte ich mir. Ich nehme auch einen.“ Und er schenkte beiden vom bernsteinfarbenen Getränk aus einer Karaffe in die schönen Kristallgläser ein. „Außerdem – bin ich ein waschechter Amerikaner?! Eher doch nicht …“ Und er grinste ein wenig diabolisch. „Da fließt viel zu viel Blut aus Old-Europe in meinen Adern. Oder?! Also, Prost!“

„Nun ja, damit mögen Sie allerdings Recht haben!“, schloss sich Gradebrecht dieser Argumentation vollinhaltlich an. „Im Sinne von Krasser & Holbein: Prost!“

Nun, sein anderer Auftrag, weshalb er eigentlich bei Holbein/Holbe vorstellig geworden war, musste eben warten.

Erlösungsgedanken

Wie man sich bettet … Diesmal hatte sich Erna allem Anschein nach nicht ganz richtig gebettet. Was hieß da nicht ganz richtig? Da herrschte in der Tat ein bettentechnisches Chaos vor. Herrschaften! Gebettet?! Frau Holle hätte nun wirklich keine Freude mit ihr … Das war alles ziemlich daneben gegangen. Aufbetten, abziehen, Polster ausschütteln, Decken auslüften … Das ganze Programm eben. Das kann jedes Zimmermädchen im Nu – oder muss es halt lernen. Und in ihrem Alter ließ sich auch nicht mehr alles, was da daneben gegangen war respektive gerade daneben ging, mit der ach so verständlichen Lust am Ausprobieren oder mit der so gerne zitierten Dummheit der Jugend entschuldigen.

Nein, da hatte eine Dreißigjährige (plus) schon eine gewisse Erfahrung zu haben. Da plapperte sie besser nicht alles nach, was es irgendwo zu lesen gab oder was in irgendwelchen Hochglanzbroschüren stand; da glaubte sie besser nicht alles, was ihre Augen abgebildet vor sich sahen. (Da fragte sie besser freilich auch nicht nach, wenn es ausdrücklich untersagt war.)

Erna wälzte sich unruhig in ihrem Bett hin und her. Albträume plagten die junge Frau. Dann erwachte sie und sah um sich. Da waren sie, die dunklen Schatten und zwar unbestimmten, aber vielgestaltigen, beängstigenden und immer noch verschreckenden Äußerungsformen der Nacht. Die verkappten Ängste, die verkleideten Vorwürfe und die maskierten Sorgen. Dazu diese undefinierbare, irgendwie gefilterte Musik: Klänge in Watte … Dann wieder fast handfeste Elemente und Figuren, Umrisse mehr als Körper, zuletzt doch lichtlose Klumpen und aus den Fugen quellende Schwaden im suppenartigen Dunkel dieser zäh-schleichenden Nacht.

Da war einerseits Hugo mit seiner Brut.

Zum anderen gab es da indes ihre Eltern.

Also – Hugo. Im Zusammenhang mit seiner Person stellte sich bei Erna allmählich eine überraschende Erkenntnis ein. Und zwar wie nach einem mittelprächtigen Rausch (und der verdienten Katerstimmung am nächsten Tag) im Gefolge von stundenlangem Konsum von Unmengen eigentlich schlechtgemixter und fader Cocktails. Die Erkenntnis war bitter: Bei ihrem Geliebten war auch längst nicht alles Gold, womit er da andauernd funkelte.

Dann waren da immerhin ihre Eltern. Besonders Vater Ergo, seit er – wie und woher auch immer – herausgefunden hatte, dass da was lief zwischen ihr und Hugo Nagelström, und wie lange schon …, seither lag, so schien es ihr, etwas Unbekanntes, Neues, Beunruhigendes in seinem Blick. Und Mutter Aglaias halbverdeckte Anspielungen, noch mehr indes ihr sorgendurchfurchtes Antlitz, ihre Traurigkeit, die jedem ihrer Wege den Anschein eines Leidenswegs verlieh und ihren Tag in eine Art einsamer Kreuzwegprozession verwandelte. Ja, Ernas Mutter zelebrierte da – gewollt oder ungewollt? Wer konnte das sagen?! – den schwankenden Gang einer merkbar schwer an einer unabwälzbaren Last tragenden Mutter. Und das – in 3-D-Optik, mit Stereo und mit Dolby Surround klanglich ausstaffiert. (Aber erstaunlicherweise: stumm. Ja, die Stummheit war raffiniert, mehrkanaltonig und alle Ecken ausfüllend.)

Erna merkte ihr eigenes schlechtes Gewissen. (Und dabei hatte sie nie auch nur den Anflug eines solchen Gefühls gekannt, geschweige denn unter Gewissensbissen gelitten. Vielleicht kurz einmal am Anfang der Beziehung mit Hugo Nagelström, als er ihr quasi auf das Strikteste verbat, auch nur irgendeine Andeutung der gemeinsamen Affäre ihren Eltern gegenüber zu erwähnen.Doch hatte sie das verstimmt, zugleich jedoch amüsiert.)

Ihre Mutter tat ihr leid. Und auch Vater mit dem unbekannten, neuen, beunruhigenden Blick.

Sie hatten Recht mit ihren (unausgesprochenen, bloß nebulös angedeuteten) Vorwürfen – nein: mit ihren leisen Anmerkungen, die sie nicht einmal im Ton des Vorwurfs vorbrachten, sondern sozusagen neutral.

Ja, verdammt! Diese Geschichte mit Hugo war a priori zum Scheitern verurteilt gewesen! Allein schon der Altersunterschied, der Umstand nämlich, dass sie mit ihren knapp dreißig Jahren kaum älter war als Hugos Töchter Emilia und Pauly, hätte ihr zu denken geben müssen. Selbst wenn die beiden Gören nicht so oberflächlich und geistlos gewesen wären, wie es nun einmal der traurige Fall war, sah die Optik ziemlich schief aus. Und überhaupt –

Nicht nur für ihn, der sich auf das Image des geilen Bocks und langsam ergrauenden Lustmolchs womöglich sogar noch was zugute hielt. Vielleicht empfand er sich tatsächlich mit einigem dummen Stolz als impudicus (schamloser Kerl), als hircus vetulus (alter Bock), wie es die Römer in der Antike so treffend ausgedrückt hätten; ein homo perditus (verkommenes Subjekt) war er allemal! Und Clarissa, dieses In-Bild einer müden Schnecke, somit eines weiblichen homo tardissimus? Nahm sie ihr, dieser personifizierten Tranfunzel, nicht doch irgendwie den Mann weg?! (Auch wenn dieses blöde Sumpfhuhn, alias lustro, auch sonst dauernd hintergangen, betrogen und beschissen wurde von ihrem feinen Gespons Hugo.)

Erna war, durch ihre Erziehung, durch ihre Deszendenz und nicht zuletzt auch durch ihren Beruf – sie arbeitete als Juristin (wenn auch hauptsächlich im organisatorischen und nicht im operativen Bereich, also vor Ort) eines international agierenden gemeinnützigen Unternehmens -, Erna war also beinahe schon darauf konditioniert, ihr Verhalten dauernd auf eine gewisse ethische Komponente hin zu überprüfen. Ein NGO-Leiden, sozusagen. Es ging ihr um Gemeinwohlverträglichkeit und in direkter Folge auch um Toleranz. Und daher empfand sie es objektiv doch als ziemlich irritierend, ja, ablehnenswert und verwerflich, wenn jemand dem anderen den Partner abspenstig machte. (Gut sie hatte ja nicht Hugo, Hugo hatte sie erobert! Das war immerhin ein kleiner, feiner Unterschied, bitte schön. Aber – egal.)

Jetzt , immer noch nachts, verschoben sich die Ebenen erneut; gleichsam auch real. Und das Bild rutschte in die Horizontale, sodass sie verzerrte, langgezogene Gesichter und kurze Körperchen sah – von ihrem Blickwinkel aus. Das an sich schon beängstigende Vexierbild eröffnete dabei neue und ungeahnte Rätsel durch ebenso neue und ungeahnte Perspektiven. Und allein, dass die Figuren, trotz Kippe, nicht hinunterpurzelten oder sich sonst irgendwie selbst eliminierten, sondern bloß ihre Längenverhältnisse änderten, machte sie ziemlich ratlos.

Da wurde ihr allerdings auch – und trotz aller Ratlosigkeit – klar: Es galt für sie, verdammt noch mal!, endlich, spät aber doch, die Tatsachen zu erkennen: Hugo hatte sie allem Anschein nach nie wirklich geliebt. Der Abschied – via SMS! – vom Abend ließ zumindest keine andere Interpretation zu: es tut mir leid. es ist aus. alles. hugo.

Spätestens jetzt war es ihr klar, womit sie es zu tun gehabt hatte, wer ihr Geliebter in Wahrheit gewesen war. Immer schon. Und als ehedem sehr gute Lateinschülerin und nicht minder gute Juristin zerrte sie ihn (für sich) nun, frei nach Ciceros Actio secunda gegen den Verres, vor ein imaginäres Gericht: Non enim furem, sed ereptorem, non adulterum, sed expugnatorem pudicitiae, non sacrilegum, sed hostem sacrorum religionumque, non sicarium, sed crudelissimum carnificem sociorumque in vestrum iudicium adduximus … („Keinen Dieb, sondern einen Räuber, keinen Ehebrecher, sondern einen Amokläufer gegen den Anstand, keinen Tempelschänder, sondern einen erbitterten Feind all dessen, was heilig ist, keinen Meuchelmörder, sondern den brutalsten Schlächter von Bürgern und Bundesgenossen habe ich vor euren Richterstuhl gebracht …“ Nachzulesen bei Gerhard Fink, „Unflätiges aus dem Latein“.)

Dieser Arsch hatte sie also nie wirklich geliebt. Dieser homo stultissimus, alias Vollidiot!

Wenn er mit ihr vögelte, war es nicht aus Liebe (oder wenigstens aus Verlangen) heraus geschehen, sondern gewissermaßen aus Besitzmaximierung … Wie man eben seine Luxuskarre startete, fürs Weekend seine schmucke Jagdhütte bezog oder die geile Yacht von Stapel ließ. Er sah in ihr einen Posten in seinem Lebens-Portfolio. Sie gehörte zum bilanztechnischen Inventar. Sie war eine Aktie, die man jederzeit und nach Marktlage wieder abstoßen konnte.

Genommen hatte er sie zudem nicht etwa, weil er sie für so toll und unwiderstehlich hielt, sondern vielmehr weil er längst schon seiner Frau Clarissa überdrüssig war. Weil diese Zicke ihn ankotzte, ihm auf die Nerven und auf den Sack ging, ihn anödete. Im Bett und überhaupt.

So einfach war das mit der Liebe.

Und dann: ihre Gespräche. Hatte es eigentlich jemals Gespräche gegeben zwischen ihnen in der ganzen Zeit? Wenigstens – ansatzweise? Gestammel-Versuche?

Konnte sie sich eines Dialogs, eines einzigen Dialogs erinnern?

War da – nämlich: verbal – überhaupt jemals etwas zwischen ihnen? Oder sollte dieses sexual-mechanische Ineinanderdringen und Ineinanderpassen alles gewesen sein, was sie verband? Zudem: Wie sehr passten sie wirklich zusammen, nur weil sie ineinander passten?!

Kein Wort, keine verbale Wärme, keine echte Nähe.

War es das, was sie sich gewünscht hatte? Und konnte sie einmal geglaubt haben, über längere Zeit ohne Gespräch, ohne Dialog, ohne Gestammel überhaupt leben zu können?

Nein! Natürlich nicht!

Leben ohne Gespräch, Leben ohne Sprache. Konnte es das sein?

Vielleicht bei Hugo und seinen drei gefiederten Weibern: bei dieser aufgetakelten Vogelscheuche (turpissima) Clarissa und den dazupassenden Flittchen (amasiunculae) Emilia und Pauly, diesen nutzlosen, diesen überflüssigen Geschöpfen. Hugos Töchter – warum sie ihr so ablehnenswert, ja: ekelerregend erschienen? (Und das, obwohl sie einander nicht einmal begegnet waren, von Kennenlernen ganz zu schweigen!) Bei diesen Nebelkrähen (milvae) gab es in der Tat Geschnatter als Kommunikationsersatz. Semiotische Surrogate. Sprachgymnastik. Wortmüllschluckerei. Albernes Gezwitscher im phonetischen Blindflug, um sprechtechnisch fit zu bleiben. Für alle Fälle, wenn tatsächlich einmal wieder ein paar Wörter unumgänglich notwendig sein sollten. Für Worte würde es ohnedies so schnell nicht langen.

Erna sah plötzlich, dass die Schatten dieser besonders horriblen Nacht verschwunden waren. Ihre Rage, ja: ihre Rage!, die hatte sie vertrieben. Nicht zuletzt dank – Cicero!

Sie wandte sich auf die andere Seite und der letzten Phase der Dunkelzeit und den paar verbleibenden Nachtstunden zu. In Erwartung zumindest keiner unangenehmen Träume. Denn die Sache mit Hugo war tatsächlich erledigt. Ja, jetzt war sie erledigt.

(Und auch Mutters Via dolorosa würde somit bald enden. Und Vaters Stirnrunzeln wäre fürderhin unbegründet und könnte eingestellt werden. Zumindest interfamiliär war auf eine weitgehende Beruhigung der Lage zu hoffen. Auch wenn ihr möglicherweise viel Einsamkeit bevorstünde. Doch konnte die wirklich schlimmer sein als das, was nun hinter ihr lag und gerade unter der Aufschrift „Affäre Hugo“ Büro-gerecht abgelegt wurde?!)

Dies blieb übrigens auch so, als sie am nächsten Morgen vom Unglück erfuhr, das sich wenige Stunden zuvor an der Baustelle in der Elisabethstraße zugetragen hatte.

Fortsetzung folgt!

 

Umschwünge

Axel Nimrods Aktionen waren unauffällig verlaufen, und auch Ergo Gradebrecht, der die Stille gewohnt war, in der man erfolgversprechend und zielführend etwas vorbereitete, hatte ganze Arbeit geleistet. Was Nimrod betraf, sah sich Ergo darin bestätigt, was er über den Jugendfreund immer schon gedacht hatte: Nomen est omen. Ja, Axel war Fallensteller und Hochstandsitzer mit Ausdauer. Und daher würden ihnen die Nagelström-Brüder auch schon bald in die finale Schusslinie geraten. Darauf hätte man Wetten abschließen können.

Hugo und Hannes Nagelström waren sozusagen durchleuchtet, gescannt, gerastert; gecheckt; ihr Tun und Lassen penibel aufgelistet; ihre Machenschaften somit (klar, nur intern fürs erste) aufgedeckt; ihre Pläne beinahe bis ins Letzte offenkundig. Ihr Fall war sicher.

Verwanzt, abgehört, belauscht, abgetastet.

Die ahnungslosen (und sich daher in allen nur möglichen Sicherheiten dieser Welt wiegenden) Bösewichter Hugo und Hannes tappten nun in dem Dunkeln, das ansonsten ihr Element gewesen war, wie die Idioten, die sie tatsächlich auch waren. Selbst ihr Adlatus, der in gleicher Weise Galgen- wie Unglücksvogel war, der Prokurist und Mitwisser Rudolf G. Füller, flatterte munter vor sich hin, nichts merkend von den allgegenwärtigen Fallen und Netzen, die auf ihn (und sein gleich schleimiges wie gieriges Tun) nur mehr warteten, um rechtzeitig zuzuschnappen beziehungsweise sich über ihm auszubreiten, fangbereit wie Oktopusarme!

Nun – die Nagelströms würden sozusagen Opfer ihrer eigenen Arroganz, Oberflächlichkeit und Abgehobenheit werden. Ihres ganz speziellen Verbrechertums zudem. Nicht mehr und nicht weniger. Füller, der stets nach oben hin buckelnde, nach unten hin jedoch tretende Opportunist, sollte dabei einfach mit untergehen; weil er es nicht besser verdient hatte. Wie ein unnötiges Anhängsel, ein unbrauchbarer, ekliger Überrest, ein zu Ende gelutschter, Aroma-loser Kaugummi oder ein überzähliges dreckiges Haarband …

Rudolf G. Füller konnte einem eigentlich leid tun, dachte Ergo Gradebrecht. Gehörte dieser Kleingauner (Füller als Name passte zu ihm!) doch zur Spezies der ewigen Verlierer, die, um gerade das, nämlich ewige Verlierer, nicht zu sein, erst recht immer wieder zu Handlangern der größeren, meist wesentlich erfolgreicheren Verbrecher wurden und (in aller Regel) mit ihnen gemeinsam – aber, bitte, nicht an ihrem Tisch sitzend, nicht ebenbürtig, nein! – scheiterten; und zu noch ärmeren Idioten schrumpften, als sie es zuvor jemals gewesen waren.

Holbes Angaben waren bis ins Detail richtig gewesen. Nimrods Beobachtungen ebenso. Gradebrechts Recherchen nicht minder. Die Falle war gelegt, das Netz war gespannt.

Und die Fische schwammen, von all dem nichts ahnend, was sich über ihnen zusammenbraute, bereitwillig hinein; selbst ihr Leben lang ausschließlich auf Beute aus, auf immer neue und immer noch mehr neue Beute hoffend: Geld. Geld. Geld.

Dann tätigte ein Nagelström-Gewährsmann (namens Ambros Zwittermann; der Name war selbstredend falsch, doch tut der ganze Kerl eigentlich kaum etwas zur Sache) die schon avisierte und heiß erwartete Banktransaktion, die ihrerseits mit einem von langer Hand vorbereiteten, summa summarum ziemlich umfassenden, weil internationalen Geldwäsche-Coup einherging – und die Falle schnappte zu. Interpol hatte Grund zum Eingreifen. Die österreichischen und die EU-Finanzbehörden ebenso. Da halfen auch die besten Verbindungen mit einem Mal nichts mehr. Die sukzessive Veruntreuung von Firmengeldern durch Hugo und Hannes Nagelström sowie durch ihren inferioren Wasserträger Rudolf G. Füller (der, wie sich nunmehr herausstellte, dann ja doch auch für sich selbst einiges zur Seite zu schaffen versucht hatte), war bloß ein Kavaliersdelikt, verglichen mit dem, was sich nun außerdem alles offenbarte. Da ging es nämlich um Eurobeträge in Milliardenhöhe.

Hannes erfuhr von der Katastrophe als erster der beiden Nagelströms. Die Schreckensbotschaft erreichte ihn spätabends im Büro, das er gerade verlassen wollte, vermutlich um anschließend ins Casino zu gehen. Er war zwar bereits einigermaßen angetrunken und glich sozusagen ziemlich exakt einer gemeinen Fruchtfliege, die übrigens mit dem Menschen nicht nur eine gewisse Ähnlichkeit in der DNA, sondern auch im Alkoholverhalten teilt; etwa im Merkvermögen, was die Alkoholquellen betrifft (fauliges Obst, gärende Früchte, geöffnete Flaschen …), oder bezüglich der Beeinträchtigung verschiedener Fähigkeiten nach entsprechendem Verzehr alkoholischer Stoffe. Nur surrte er aus verständlichen Gründen nicht orientierungslos durch den Raum, wie die besagte Drosophila melanogaster.

Dann der Anruf von – unbekannt. Der das Ende verkündende Anruf. Der Blitz aus vorgeblich heiterem Himmel. Die Faust, die aus dem Hinterhalt hervorstieß.

Hannes war zerstört und lag mehr, als er saß, vor dem Schreibtisch. Er glotzte aus rotunterlaufenen Augen, hatte (wohl als äußeres Zeichen für die innere Verwirrtheit) seine wenigen noch verbliebenen rötlich-grauen Haare wild zerzaust und setzte eine schauderhafte Fratze auf. Und er tremolierte längst nicht mehr mit den manikürten Fingern auf der Tischplatte. Für solche vergleichsweise elegante Pianissimo-Akzente war es nunmehr zu spät. Für immer zu spät.

Nach einigen Schrecksekunden (oder –minuten) griff er zum Telefonapparat –

Dass Hugo nach kurzem Gespräch mit dem Bruder-Wrack zunächst, die Tragweite der Ereignisse erkennend, ein paar Gläser, jeweils fast bis zum Rand voll gefüllt mit Cognac, hinunterstürzte, war sein erster Fehler. Dass der Betrunkene daraufhin aus dem Büro seines Bruders Hannes stürzte, per Lift in die Tiefgarage fuhr und dort seinen Porsche enterte, war der zweite. Ob der nachfolgende Unfall an einer Baustelle in der Elisabethstraße auch auf einen Fehler seinerseits zurückzuführen war, ließ sich danach nicht mehr eindeutig klären. Es war zwar schon dunkle Nacht, immerhin gab es jedoch in der ganzen Stadt ausreichende Straßenbeleuchtung, und die besagte Elisabethstraße war diesbezüglich mit Sicherheit gut ausgestattet. (Ob die Baustelle tatsächlich schlecht beleuchtet war, was einige Leute mutmaßten, die vermutlich irgend jemandem beim Bauamt übel wollten, konnte nachher auch nicht eindeutig eruiert werden. Zumindest gab es keine Zeugen, die es bestätigten.) Und der letzte Eindruck des Unfallopfers Hugo Nagelström war Außenstehenden naturgemäß nicht bekannt.

Jedenfalls ergaben sowohl die Wrackteile des Wagens als auch Hugos Überreste zusammen später längst kein vollständiges Bild.

Doch was war geschehen?

Hannes, wie ausgeführt, beinahe volltrunken, durch die Unheilsbotschaft indes fast wieder ernüchtert, hatte den Bruder, was sonst nicht seine Art war, mitten aus einem Symphoniekonzert holen lassen. (Dass Hugo Symphoniekonzerte besuchte, war eigentlich wiederum nicht dessen Art. Doch diesmal war es nun einmal so. Einer gewissen Beate wegen, einer neuen Flamme, die sich mit ihm am sozusagen unverdächtigen Ort verabredet hatte.) Und als wenn die Suchaktion nicht schon peinlich genug gewesen wäre, inszenierte er sie nicht per Mobiltelefon, sondern hetzte dem Bruder den alten Egon Haffner vom Wachdienst an den Hals, der dann, wie man sich denken kann, entsprechend unauffällig in den Stephaniensaal platze, wo gerade Felix Mendelssohn Bartholdy erklang, um dem Chef die Botschaft ins Ohr zu brüllen: Er möge sofort ins Büro kommen! Es brenne! (Gut, was soll es? Wozu sponserte man das Orchester und den ganzen Musikverein. Außerdem hatte Hugo sein Mobiltelefon nach der finalen SMS an Erna ohnedies abgeschaltet gehabt.)

Es brannte immerhin.

Also los.

Fortsetzung folgt!

Fast verpasst!

Es ging Erna nach dem abrupten Ende ihrer Beziehung zu Hugo Nagelström nicht besonders gut, wie man sich denken kann., auch wenn sie über den Verlust des Geliebten (nach der knappen SMS) eigentlich schnell hinweg war, machten ihr der Unfalltod und das Drumherum dann doch ziemlich zu schaffen. Sie war aus verständlichen Gründen nicht einmal zur Beerdigung des ehemaligen Geliebten gegangen und schloss sich zunächst einmal ein. Innerlich wie äußerlich. Nahm Urlaub. Verbarrikadierte sich (im übertragenen Sinn) in ihrem Zimmer und verweigerte sogar das Gespräch mit den Eltern. Sie wollte und konnte mit niemandem reden. Sie wollte und konnte zudem zunächst einmal das alles nicht glauben, was da plötzlich über die Machenschaften der Nagelström-Brüder publik wurde, mochte diesen ganzen Skandal nicht für möglich halten. Und natürlich auch den Verrat nicht, den Hugo an ihr begangen hatte. Den schon gar nicht.

Doch einmal musste sie wieder hinaus, musste arbeiten und musste unter Leute.

Es war der erste Abend nach Hugos Abgang, den sie wieder außer Haus verbrachte. Ein Konzert des Musikvereins im Stephaniensaal. Nein, nicht Ludwig van Beethoven, sondern Mozarts Symphonie in C-Dur, KV 551, die Jupiter-Symphonie, dann die Ouvertüre zur Schubert-Oper „Alfonso und Estrella“ und die obligate Uraufführung, die Komposition eines steirischen Zeitgenosse namens Clemens T. E. Hammerstiel: Toccata für zwei Klaviere, Schlagwerk, Streichorchester und Computer. (Freilich fällt es schwer, dem beinahe unbändigen Reiz zu widerstehen, hier auf die enge Verwandtschaft der Tonarten C-Dur und a-Moll hinzuweisen; begegnet uns doch in dieser Geschichte auf Schritt und Tritt Beethovens spätes a-Moll-Streichquartett. Indes – wir lassen es für dieses Mal besser, uns darüber zu verbreitern.)

In der Pause wäre Erna (der es ganz gut zu tun schien, wieder einmal unter Leute zu kommen), ein Glas Sekt balancierend, beinahe mit ihm zusammengestoßen. Er entschuldigte sich überaus höflich, dabei fiel ihr sein englischer (besser: amerikanischer) Akzent auf. Nun, immerhin war sie schließlich auch zu einem Viertel Engländerin. Das verband.

Er dürfte so Ende dreißig, Anfang vierzig sein, dachte sie, ihre Anstreif-Unbekanntschaft kurz taxierend. Mr. Unbekannt trug einen weißen Anzug, und er erinnerte sie einen Augenblick lang irgendwie an Fotografien ihres Vaters, als der jung war. Statur, Haarfarbe, Höflichkeit.

Da konnte Erna freilich noch nicht ahnen, welche Rolle Arthur G. Holbe noch in ihrem Leben (und sie in seinem) spielen würde.

Doch die Glocke ertönte, das Pausenende signalisierend.

Dann lauschte man der teilweise recht animierten Musik Clemens T. E. Hammerstiels und seines Computers.

Fast verpasst, dachte Axel Nimrod. Die Beendigung eines himmelschreienden Unrechts fast verpasst. Er habe in seiner quasi angeborenen Loyalität (und, wie es im Nachhinein aussah, nicht achten wollend auf alle immer deutlicher werdenden Verdachtsmomente gegen Hugo und Hannes Nagelström) womöglich alles verpasst. Der Kriminalität Vorschub geleistet. Einem reichen Gesindel geholfen, noch reicher zu werden und sich weiterhin am Unglück der Armen zu mästen – weiter und weiter …

Loyalität? Solchen Verbrechern gegenüber? Konnte angesichts solchen Auswurfs überhaupt so etwas wie Loyalität eingefordert werden? Loyalität – nur, weil sie seine Chefs waren?! Dieser Abschaum? Der eine, Hugo, ein aufgeblasener Dummkopf! Und zudem noch gefährlich! Mit seiner blonden Ehe-Tussie und den beiden unterbelichteten Töchtern – und der Geliebten. (Gut, Erna hatte ihm leid getan. Denn im Unterschied zu Ergo Gradebrecht und Ergos Frau Aglaia hatte er, Axel, selbstredend längst Bescheid gewusst über die unseligen Affäre zwischen Hugo Nagelström und Erna Gradebrecht. Schade um das Mädel … Er hatte auch mit dem Gedanken gespielt, Ergo zu eröffnen, dass da etwas lief zwischen Hugo und Erna. Doch: Wie es dem Jugendfreund sagen, ohne ihn dadurch so tief zu verletzen?!)

Und Hannes Nagelström? Der ständig am Spieltisch hockende Alkoholiker, der nicht einmal mehr so recht wusste, was ihm die eine wie die andere seiner Süchte eigentlich bringen sollte? Noch mehr – Sucht?!

Loyalität. Sie waren immerhin seine Chefs … Auch schon was – Chefs! Solche Chefs!

Gut, dass ihm Ergo die Augen geöffnet hatte. Und dass er endlich dann doch noch aktiv geworden war. Aber es war knapp gewesen. Womöglich hätte er das bösartige, ja: infame und asoziale Nagelström-Duo in dessen dunklem Streben noch begünstigt; sehr wohl wissend, aber stillhaltend. Mitwissend und duldend quasi. Akzeptierend. Zumindest tatenlos zuschauend. Diese beiden Dunkelmänner und miesen Typen nicht hindernd an ihrem schädlichen Tun. Es nicht rechtzeitig aufzeigend. Keinen Alarm schlagend.

Doch Ergo Gradebrecht hatte im richtigen Moment den Hebel umgelegt. Und: Sie hatten gewonnen! – Außerdem war er, Nimrod, jetzt kommissarischer Leiter der Buchhaltung und hatte die fixe Zusage der neuen Geschäftsführung, demnächst dann zum Prokuristen aufzusteigen. Die – wenn auch kurze, so doch ehrenvolle – Krönung eines langen Berufslebens.

Dann sah also alles – fürs Erste – recht vielversprechend aus.

Und wenn man, als bekennender Pessimist, nicht überall die Myzelien des Bösen vermutet, konnte man in der Tat mit einigem Optimismus in die Zukunft schauen. Zudem sollte man erwarten dürfen, dass die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit auch eine gewisse pädagogische Wirkung ausüben könnten. Allerdings, wie man wusste, hielten solche Beispiele der Abschreckung meist nicht allzu lange an; aber immerhin …

Es sah, wie gesagt, fürs Erste alles recht vielversprechend aus.

So dachte sich auch Ergo Gradebrecht. Gut, das Auftreten Arthur G. Holbes (das G. stand für Gottfried, wie er erfahren hatte) erinnerte den Nicht-Wagnerianer fast ein wenig zu sehr an das finale Erscheinen der Lichtgestalt Gottfrieds, des minderjährigen Bruders der Elsa von Brabant, in „Lohengrin“. Nein, das wäre auch zu irritierend gewesen: Lohengrin, durch die Kraft des Gebets an des treuen Schwans Stelle eben gerade den Jüngling Gottfried hervorzaubernd, singt zum Abschied mit tenoralem Schmelz, bevor ihn der (nunmehr nicht schwanen- , sondern taubengezogene) Nachen hinweg- und zurückführt gen Montsalvatsch: „Seht da den Herzog von Brabant! / Zum Führer sei er euch ernannt!“ Nein, Arthur G. Holbe war keine Wagner-Gestalt. Gottfried hin, Gottfried her. Punkt um.

Es entstand überdies sehr rasch ein durchaus angenehmes Klima zwischen Ergo Gradebrecht, Axel Nimrod und dem jungen Holbein, der übrigens auch nicht viel mit Richard Wagner am Hut hatte. (Dabei waren doch die Krassers jüdischer Abstammung gewesen, nicht die Holbeins …) Vor allen Dingen sahen sich die drei Männer einig darin, einen Betrieb auch – oder besonders – im angehenden 21. Jahrhundert sehr wohl mit sozialem Gespür, mit Augenmaß und Engagement für die Sache, den möglichen Gewinn, das Aktien- und Anlegerwohl, aber auch in Hinblick auf Kundenwünsche und die Sorgen der Mitarbeiter führen zu sollen.

Neoliberalismus, Manchester-Kapitalismus und Globalisierung hin und her.

Gradebrecht ersuchte dennoch alsbald um seine vorzeitige Pensionierung, damit er sich, wie er diesen Schritt begründete, stärker und intensiver seinem Zweitberuf im sozialen Bereich widmen könne. Arthur G. Holbe schaffte es jedoch, ihn mit einem Konsulentenvertrag weiterhin – zumindest lose – an Krasser & Holbein binden. („Selbstverständlich nach Maßgabe von Zeit und Lust. Du machst das, wie du möchtest, Ergo. Ich hätte dich nur gern auch in Zukunft dabei. Denn die Zeiten werden nicht – wie sagt Ihr hier? – moralischer …“)

Dann sprach man angeregt über weiße Anzüge sowie über Eleganz und Mode ganz allgemein, über drei, vier oder gar fünf Knöpfe am Ärmel et cetera. Axel Nimrod fühlte sich durchaus wohl in dieser neuen Chef-Umgebung und machte sich um seine neue Art von Loyalität keine Sorgen. Außerdem würde er immerhin in ein paar Jahren als Prokurist in die Rente gehen. (Und auf Beobachtungsposten blieb er bis dahin ohnedies. Wie sollte er sich so etwas nach so langer Zeit auch abgewöhnen.)

Der Single Malt – auch hier war Arthur ein würdiger Erbe seines Onkels George – mundete. Und als sich die Besucher, Ergo und Axel, längst schon verabschiedet hatten, saß der neue (Krasser &) Holbein noch einige Zeit am Schreibtisch des ehemaligen Chefbüros von Hannes Nagelström und tremolierte zwischendurch mit den manikürten Fingern auf der spiegelnd polierten Mahagoniplatte. Wie –

Ach, ja. Erna.

Doch wir wollen nicht vorgreifen. Überhaupt nicht vorgreifen.

Zudem: Manche Dinge lässt man am besten offen.

Fortsetzung folgt!

 

Finale

„Ach, ja“, sagte Paula Krasser, indem sie Gradebrecht weiter, in den Salon, bat, wo schon herrlich duftender Tee und das feine Anisgebäck auf den Besucher warteten. „Diesmal ist es Oolong, also eine halbfermentierte Variante, nämlich eine Mischform aus grünem und schwarzem Tee“, kam die alte Dame seiner Frage zuvor (wenn er sie überhaupt gestellt hätte). „Aber bitte, nehmen Sie Platz.“

„Danke, gnädige Frau!“ Und auf die Präsentation des Tees gemünzt, meinte Gradebrecht verbindlich: „So habe ich auch noch etwas über das weite Gebiet der Teekultur gelernt …“ Dann wurde er indes ernster: „Jetzt, wo alles, unseren Wünschen entsprechend, zu einem guten Ende gekommen ist, wollte ich Sie allerdings noch an eine zweite Sache erinnern -“

„Ja, Sie haben Recht, tatsächlich, alles hat sich zum Besten hin entwickelt …“, erwiderte Paula Krasser versonnen.

„Übrigens, der Unfall Ihres Neffen Hugo wäre nicht nötig gewesen. Es tut mir leid, dass er diesen Weg gewählt hat …“ Gradebrecht sah missmutig in seine Teetasse.

„Ach, lassen Sie nur“, schwächte die weißhaarige alte Dame seine Stimmung ab, „vielleicht war das die einzige Chance für ihn – für irgendeine Besserung, meine ich …“, fügte sie kryptisch an. „Er war ja, streng genommen, unverbesserlich, dieser Hugo …“

„Und Hannes Nagelström?“, fragte Ergo Gradebrecht, um die leidige Angelegenheit um Hugos recht unklaren Abgang zu umschiffen, „wie hat er das alles verkraftet? Er hat ja immerhin die Verzichtserklärungen anstandslos unterschrieben.“ Er griff zur Teetasse und trank.

„Ja, anstandslos … Warum sollte er plötzlich Anstand aufbringen?! Also hat er unterschrieben, ganz einfach, lieber Herr Gradebrecht.“ Sie nahm einen Schluck vom Tee. „Im Ernst: Ich denke, er konnte den Formulierungen unserer und der Anwälte von George Holbe einfach nicht widerstehen … Immerhin, steigt er dabei ohne besonderen Gesichtsverlust noch ganz gut aus. Und ohne Prozess, ohne Gefängnis und so weiter … Nein, da konnte selbst dieser Raffzahn mit nichts dagegen halten. Ich bin sehr beruhigt.“ – „Übrigens“, fügte sie in anderem Tonfall hinzu und wies auf ein zweites Tischchen neben ihrem Fauteuil, „Auf Sie wartet noch dieser Umschlag, als Honorar für Ihre Bemühungen. Er ist, wie Sie sehen können, gar nicht so dünn, der Umschlag …“

„Nein, danke, gnädige Frau! Mir steht kein Extrahonorar zu. Und ich würde es auch gar nicht nehmen. Diese Dinge gehören schließlich zu meinem Beruf. Danke. Das Geld bitte ich Sie, nach Gutdünken zu verwenden. Vielleicht wollen Sie es spenden?“

„Wie Sie wollen, Herr Hobby-Detektiv …“ Und während sie einige Zeilen mit ihrem schönen Montblanc-Füllfederhalter auf ein Blatt Büttenpapier schrieb und ins Kuvert auf dem Beistelltisch schob, fragte sie Ergo so nebenbei: „Hat es wenigstens Spaß gemacht?“ Und die Augen der Greisin funkelten plötzlich jugendlich, und ihr Lächeln hatte sogar etwas an sich, das an einen lauernden Kobold erinnerte. „War’s – spannend?!“

„Hm, es war … interessant …“, zögerte Ergo die Antwort ins Unbestimmte hinaus. Sich erhebend, fügte er, quasi dienstlich, an: „Dann sind wir also so weit?“

„Ja, ich bin so weit“, erwiderte die alte Dame und blickte zuversichtlich zu ihm auf.

„Keine Ängste mehr?“, fragte Gradebrecht,, während er sich dem Radioapparat, der in die elegante Phonoanlage integriert war, zuwandte.

„Keinerlei Ängste, nein“, und Paula Krasser schüttelte bedächtig ihren alten Kopf, während auch sie sich erhob. „Keinerlei Ängste, Herr Gradebrecht.“

„Also, gehen wir, gnädige Frau.“

„Ja. – Und Sie sagten, mit Beethoven ginge es – leichter?“, fragte sie.

„Sie werden es gleich sehen, gnädige Frau“, antworte Ergo.

Da erklang auch schon das Finale aus Ludwig van Beethovens Streichquartett in a-Moll, op. 132, allegro appassionato.

„Gute Arbeit, Herr Gradebrecht! Gute Arbeit! Bravo!“ George Holbe schüttelte Ergo herzlich die Hand und schlug ihm sogar leicht und freundschaftlich auf die Schulter. Dann setzten sie sich zum Single Malt und ließen für dieses letzte Mal den Kaffee und den Marmorgugelhupf gleich einmal weg.

„Danke, ich habe nur meinen Job gemacht“, erwiderte der Mann im weißen Anzug bescheiden und um ein wenig amerikanisches Flair in seiner Ausdrucksweise bemüht.

„Wissen Sie, ich bin sonst nicht so, aber dass sich dieser Hugo selbst aus dem Spiel genommen hat, finde ich gar nicht schlecht!“ Holbe lächelte sogar ein wenig belustigt. „Ich meine, er war ja nun wirklich kein so besonders angenehmer Zeitgenosse, dieser Hugo Nagelström.“

„Da haben Sie leider recht“, schloss sich Ergo dem Urteil des greisen Unternehmers aus den USA an. „Und seinem Bruder Hannes blieb nichts anderes übrig, als klein beizugeben und die Verzichtserklärung zu unterschreiben. So entgeht er immerhin dem Gefängnis“, fügte Gradebrecht seinem Resümee an. Dann fragte er interessiert: „Und Ihre Vorbereitungen sind auch alle gut gediehen?“

Alles unter Dach und Fach – so sagt man hier doch? Ja, meine Anwälte haben alles perfekt hingekriegt. Die diversen Organisationen werden finanziell entsprechend bedient. Und was mich besonders freut, für meine heißgeliebten Blauwale, für die Delphine, die Thunfische und die Buckelwale, überhaupt für alle die gefährdeten Meeresbewohner wird kontinuierlich etwas getan werden. Und zwar: das Richtige zur richtigen Zeit und nach Anlass! Und außerdem sind die Mittel diesmal erfreulicherweise gar nicht so gering …“

„So unterstützt indirekt unser verblichener Hugo Nagelström erstmals in seinem Leben Thunfische, die er sonst vermutlich nur als Steak oder im Salat gekannt hat“, konnte sich Gradebrecht einen Seitenhieb auf den einen seiner unliebsamen Ex-Chefs nicht verkneifen. „Wie auch immer, Sie können stolz sein, Sir!“, meinte Ergo, das Glas erhebend.

„Sie nicht minder, Ergo!“ Sie tranken. Nach der zweiten Runde sah Holbe sehr ruhig und gefasst zu seinem Gast im weißen Anzug: „Ich denke, es ist jetzt so weit, oder -?“

„Wenn Sie wollen, George, ja …“ Gradebrecht ließ den Satz wie eine uralte Essenz, ein schweres Parfum in einem dunklen Glasflakon, entschweben.

Im Hintergrund erklang plötzlich Musik. Beethoven, richtig, op. 132.

Als wenn er Holbe zu einem Tänzchen aufforderte, sagte Gradebrecht, in dem er aus dem Polstersessel aufstand, sehr höflich: „Darf ich bitten?“

„Mit Vergnügen, verehrter Ergo“, antwortete der Weißhaarige. „Mit Vergnügen …“

*

Wir saßen beieinander in Stefan Raxens – für einen Junggesellen recht gemütlich eingerichtetem – Domizil. Stefan hatte eine Flasche vom ausgezeichneten Chianti Classico dekantiert, dazu gab es Nellys superbe Schinkenkipferln sowie Diotimas exquisites Salz- und Käsegebäck. Die beiden kuriosen Schwestern hatten sich wieder einmal gegenseitig überboten an kulinarischen Köstlichkeiten aus der schier unerschöpflichen Rezeptsammlung der Familie Popelmann. Gastgeber Stefan Rax, schon ein wenig animiert, prostete der Runde zu, nicht ohne uns dessen unversichert zu lassen, noch mehr vom köstlichen Wein aus der Toskana vorrätig zu haben. Doch daran hatten wir ohnedies nicht gezweifelt.

Dann wandte sich das Sommerabend-Gespräch (fast automatisch) irgendwie auch Ergo Gradebrecht zu. Und wir erwähnten Aglaia, die Frau an seiner Seite, und Erna, die zweite Frau im Bunde. Und fragten uns – wie auch einander (zum wievielten Mal wohl?) -, in welchem Verhältnis die drei Menschen nun denn wirklich zu einander stünden. Und ob Verhältnis überhaupt der rechte Ausdruck dafür wäre?

„Sie sind garantiert Vater, Mutter und Tochter“, war sich Diotima Popelmann sicher – wie immer bei solchen Gesprächen, in denen es um irgendwelche Zweifelsfälle ging.

„Vielleicht ist er ja auch ein Bigamist?“, kicherte ihre Schwester Nelly errötend los.

„Also, bitte …“, warf jemand ein.

Konrad, unser musikliebender Nachbar, längst in Pension, aber geistig immer noch überaus interessiert, sagte beinahe aufgeregt: „Ich bring’ es noch `raus, was es für eine Bewandtnis hat mit diesem Mann in Weiß! Und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben mache!“

„Wann kommt er dich denn besuchen, Konrad?“, fragten wir neugierig.

„Er hat sich für morgen um Fünf zum Tee angesagt“, erwiderte der Alte.

Am nächsten Tag fanden wir uns, wie verabredet, wieder in Stefan Raxens Wohnung ein. Wir plauderten und dachten an Gradebrecht, den Mann in Weiß, der auch pünktlich 17:00 Uhr (nein, zwei Minuten davor) an der Wohnung unseres Nachbarn Konrad läutete.

„Pünktlich ist er ja, das muss man ihm lassen“, schnatterte Nelly Popelmann los.

„Pscht!“, machte ihre Schwester Diotima und begann, die obligaten Käsestangen und die Schinkenkipferln aus dem mitgebrachten Tupperware-Geschirr zu befreien.

Irgendwer von den anderen sagte, nicht ohne vorwurfsvollen Unterton in der Stimme, „Prost!“, was Stefan endlich zur schönen Glaskaraffe greifen ließ, in die er den superben Chianti Classico aus dem Weingut Ricasoli schon eine gute Stunde vorher dekantiert hatte.

„Ein Déjà-vu-Erlebnis“, rief Diotima fasziniert aus und schaute gebannt auf die ins Glas blubbernde rote Flüssigkeit.

„Unser ganzes Leben besteht aus Déjà-vu-Erlebnissen, liebste Schwester“, konnte Nelly nicht umhin, zugegeben: ein bisschen naseweis, hinzuzufügen. Und Naseweisheit wirkt an ältlichen Mädchen – nun ja, ein wenig eigenartig. Und wenn man bedachte, dass Diotima und Nelly zusammen immerhin gute 140 Jährchen auf die Lebenswaage brachten, so ist der Grad der Naseweisheit ziemlich deutlich umrissen. Und auch das Maß der Bizzarerie.

„Also, Prost!“, machte Stefan Rax der Déjà-vu-Diskussion ein Ende. „Zum Wohlsein!“

Dann hörten wir (und wir mussten gar nicht lauschen): Ganz leise erklangen sie, die letzten Takte des Beethoven-Streichquartetts in a-Moll, op. 132 von 1825 (Finale: allegro appassionato). Konrad (oder sonst wer, der Mann in Weiß selbst vielleicht?) musste Ö 1, den von ihm so sehr geschätzten Klassiksender des Österreichischen Hörfunks, eingeschaltet haben – oder es war eine CD, die hier erklang. Wir lauschten den letzten Takten.

Dann herrschte Stille.

E N D E

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