Der Golem aus

K o g l h o f

Eine oststeirische Schauergeschichte

(An Eastern-Styrian Gothic-Novel)

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2015)

Schon meine unfertigen Teile sahen

deine Augen, und in deinem Buch

waren sie alle eingetragen; die

Lebenstage wurden gebildet, als

noch keiner von ihnen da war.

Altes Testament, Psalm 139, 16

*

Gar manches tat der selt’ne Mann,

Was nicht ein jeder leisten kann;

Doch was am größten er vollbracht,

Was ihn so sehr berühmt gemacht,

Was jedermann bewundern musste,

Das war, dass er zu bilden wusste,

In Menschenform ein Bild in Lehm,

Das sich zu seinem Dienst bequem‘.

Abraham Tendlau, Der Golem des Hoch-Rabbi Löb

*

Die Fanta-Flasche

Das kommt alles von dem saudummen Herumexperimentieren.

Gut, Sie waren nun einmal Schweinigel, der Franz, der Bennie und der Karl-Heinz … Aber das …, das mit dem debilen Mariedl, das war schon eine arge Sauerei!

Gut (zum zweiten Mal, obwohl es eigentlich gar nicht gut ist!), die drei halbwüchsigen Bur­schen traf vielleicht gar nicht die ganze Schuld an der blöden Sache. Nicht die ganze Schuld, nein.

Sie seien sich der Tragweite ihres frevlerischen Tuns möglicherweise nur im Ansatz bewusst gewesen, meinte im Nachhinein auch der hochwürdige Herr Pfarrer Wetzelberger. (Aber hinterher sind wir ja allesamt immer gescheiter, gelt ja?!)

Und er ließ vor seinem inneren Auge die üppigen Formen des grenzdebilen Mariedl erstehen. Oh, Gott …! – Wie? – Ja, alles in allem, das war tatsächlich eine arge Sauerei! Gelobt sei –

Gut (nochmals: gut), das behinderte Mariedl mit dem bombigen Busen hatte die Burschen eben in die entsprechende Laune versetzt. Animiert, ja, bestimmt animiert. Verführt direkt. Ja. So wird’s gewesen sein. Die junge Frau mit ihrer verführerischen, drallen Ausstattung, das Mariedl halt, das behinderte, es hat ihnen Lust gemacht. Lust, ja. Im Gasthaus „Zum roten Hirschen“. Darauf konnte man sich dörflicherseits durchaus einigen. Nachher.

Und die paar Biere und Cola-Rum hatten noch das Ihre dazu getan, nicht wahr?! Rums – da ist es halt passiert, wie’s eben so geht …

Doch die heutige Jugend, die ist ja dermaßen reizüberflutet! Ein wahrer Jammer das! Und dann noch total vom Internet her gesteuert und so … Mit Twitter, Blogs, Facebook und Weißderteufelwasnochalles! Und: Die Jungen heute, die wissen doch schon alles über Porno, über Verhütung und sogar über die In-vitro-Fertilisation (oder wie das heißt) … Die müssen sich erst gar nicht mehr von etwas ein Bild machen, die haben so schon alles gesehen! In natura …“ Soweit Pfarrer Harald Wetzelberger im Original-Ton; und der Wetzelberger war ja selber längst schon zum eifrigen Benutzer des Internet geworden. Er surfte, Ehre, wem Ehre gebührt, jedoch hauptsächlich auf den heiligen Seiten herum, ja. Oder er googelte froh vor sich hin, der Wetzelberger; so lange es sein Alkoholpegel erlaubte.

Aber dass der alte, blöde Habersatter, der Alois, auch sein vermutlich von Haus aus weitestgehend unbrauchbares, längst abgestandenes Sperma so mir nichts, dir nichts in einer schäbigen, ehemaligen Fanta-Flasche (neben verschiedenen grindigen Putzmitteln, alten Sicherungen, ein paar abgewetzten Playboy-Heften, zwischen kaputten Glühbirnen, halbzerfetzten Puppen (Kasperl ohne Nase, das Krokodil, schwanzlos) und diversem längst unbrauchbar gewordenem Werkzeug, Stofffetzen sowie anderem Gelumpe und sonstigem unnützem Schrott in der dunkelsten Ecke der stets unversperrten dunklen Garage hatte herumstehen lassen müssen! Der depperte Habersatter, dieses Messie-Ferkel, dieses senile! Loisl, der stinkende Mistsack!

Wofür überhaupt hatte er die Flasche da hingestellt – neben ein paar löchrige Kanister mit ver­gammeltem Motoröl, neben die verstaubten Einrexgläser, halbvoll noch mit verschimmelter Marmelade (aus den 1950er Jahren), und neben eine Uraltpackung mit weitgehend wirkungs­losem Rattengift? Wofür? Für bessere Zeiten?! Und weil man nie wissen konnte?! Gab es dafür eine Rechtfertigung (oder wenigstens eine vernünftige Erklärung)?!

Wozu hätte sie ihm überhaupt dienen sollen, diese mühsam genug zusammen-onanierte Pseudo-Gelatine und vormals schlierig-pickige Sexualausscheidung (alles andere denn ein Lebenselixier), hier, noch dazu ungekühlt, gegen alle Hygiene-Vorgaben und total unachtsam abgelegt; also nicht einmal ordentlich aufbewahrt?! Wollte er sie dereinst wirklich wieder-erwecken und zur Befruchtung irgendwelcher unschuldiger Zukunftseizellen missbrauchen?!

Nota bene, wo er jetzt schon seit über drei Jahren im Altenheim in der Bezirkshauptstadt mehr vegetierte als lebte, wie es aussah: dement und völlig zu. Mit Alzheimer und somit vermutlich weitestgehend erinnerungslos. Ein armer zitternder Trottel mit irr flackerndem Blick.

Aber – was hätte der blöde Alois Habersatter, wäre er überhaupt zu einer Äußerung imstand gewesen, schon viel abgeben können an Erklärungen, als die Schweinerei rund um sein Abge­sondertes schließlich angeblich ans Tageslicht kam?! (In Form des Knaben Kevin.)

*

Dass das Kind aus der Flasche stammt, das könnt Ihr wem Dümmeren erzählen als mir!“ Polizeikommandant Emil Schlurfberger war fuchsteufelswild und puterrot im Gesicht. Und die ziemlich niedergeschlagen, kleinlaut und schuldbewusst dreinschauenden jungen Männer, Franz Krummbiegl (19), Benjamin Baumgartner (16) und Karl-Heinz Prager (18), stierten verlegen vor sich hin, wie von irgendeiner Erscheinung fasziniert, die sich möglicherweise in circa fünf Zentimeter Höhe über dem zerschlissenen Linoleum-Boden des heruntergekomme­nen Wachzimmers abspielte.

Bei Gott! Und wenn ich den ganzen Ort zum Vaterschaftstest antreten lassen muss“, fügte Schlurfberger aufgebracht hinzu. „Alle Männer natürlich nur“, beeilte er sich, mit Seitenblick auf die junge, adrette Polizeipraktikantin Rikki Schloder, hinzuzusetzen, „nur die Männer …“

Lächerlich! Alter Samen aus einer Limonadenfasche! Ungekühlt und vermutlich ein paar Jahre schon hier gelagert! Schnapsidee!“ Auch Distriktsarzt Dr. Rüdiger Moor schüttelte ob so viel Dummheit bloß den weißbeschopften Kopf. „Schnapsidee!“ (Das brachte ihn seiner­seits auf den Gedanken, sich in Bälde einen solchen, einen Schnaps nämlich, zu gönnen. War ja schon zehn Uhr am Vormittag. Na also, dachte Äskulaps wackerer Spiegeltrinker.)

Glaubt Ihr, hier, in Koglhof, hat die DNA noch nicht Einzug gehalten?!“ Die Frage des alten polternden Kommandanten war rein rhetorischer Natur. „Also, was ist wirklich passiert …?!“ Und Emil Schlurfberger ließ seinen in vielen Dienstjahren geschulten Habichtsblick erneut über die belämmerten Gesichter der drei jugendlichen Taugenichtse schweifen.

Tatsächlich war der bedauernswerte kleine Kevin den Lenden des 16-jährigen „Bennie“ Benjamin Baumgartner entsprossen und daher mitnichten ein Kind aus der Flasche; im übertragenen Sinn dann freilich doch auch wieder, irgendwie (Cola-Rum!) … Nur, mit dem blöden, alten Alois Habersatter hatte diese gewaltsame Zeugung eindeutig nichts zu tun; das stand immerhin fest. Also ließ man den verwirrten Greis in Ruhe und in seinem Altenheim.

Man würde freilich, überlegte Schlurfberger, den kleinen Kevin dem Mariedl mit dem bombi­gen Busen auf alle Fälle wegnehmen müssen. Und der überhebliche Postenkommandant der Polizei machte aus dieser, seiner privaten Meinung auch gar kein Hehl; nein, er verkündete sie viel mehr am Stammtisch und erzählte auch sonst so gut wie jedem, der es hören wollte (oder auch nicht), wie er über die leidige Angelegenheit dachte.

Wie gesagt“, repetierte er, ganz ungebremstes Vorurteil, „den kleinen Kevin müssen wir auf alle Fälle von seiner jungen Mutter trennen! Das debile Mariedl ist doch mit ihm bei weitem überforderten! Zu guten Pflegeeltern werden wir den kleinen Kevin geben. Ja! Auf alle Fälle! Und zu seinem eigenen Besten. Gelt, ja?!“

Der Golem kicherte im Schlaf und zeigte das V – wie dereinst der alte, schwabbelige Churchill.

Er war eigentlich ein süßes Kind, der kleine Kevin.

Mariedl

Sonntag war es, und ein schöner im Juni noch dazu. Da standen die Bäume schon halbwegs in Blüte, und, wo noch nicht, da machten die vorwitzigen Knospen entsprechend auf sich auf­merksam in ihrer Buntheit; unaufdringlich, doch bestimmt. Zumindest animierten sie zum Hinsehen. Und auch der Nase bot sich manch duftender Reiz … Außerdem schienen die Vö­gel um eine Spur lauter zu singen als üblich; auch wenn das vermutlich eine akustische Täu­schung war und bloß dem geringeren Verkehrsaufkommen des Sonntags geschuldet.

Warm war es, und die Sonne demonstrierte erstmals nach Wochen voller Regen, Sturm und später Kälte, über wie viel Kraft sie in Wahrheit schon verfügte. Die paar Wölkchen, die sich noch (beinahe zaghaft) an dem fast schon zur Gänze strahlend blauen Himmel zeigten, wür­den bald auch verschwunden sein. Und wie die Natur, so strahlte ganz Koglhof.

Da kommt er, der Balg!“ – „Ja! Und mit seiner Mutter, mit dem behinderten Mariedl!“ – „Also, dass dieser Kretin doch noch das Kind zugesprochen bekommen hat?! Eine wahre Schande ist das!“ – „Genau! Eine Affenschande!“ – „Ja, ja, der Staat …“ – „Unsere Politiker! Pfui Teufel!“ – „Der Bauernbund ist auch nicht mehr das, was er einmal war!“ – „Pscht!“ – „Weil’s wahr ist …“ – „Und wer ist schuld daran?“ – „Na, wer …?“- „Die Gentechnik!“ – „Aber nein! Schuld sind die vielen Ausländer!“ – „Genau!“ – „Hast Recht! Die Ausländer!“ – „Natür­lich! Scheiß-Multikulti …“

So ging das Getuschel am Vorplatz zur Kirche, wo auch die ersten, die ältesten Gräber des Ortes standen. Dorfgeschichte pur, sozusagen. Und Menschen – wieder zu Lehm geworden.

Würschinger Prager Krummbiegl Wetzelberger Milchrahm Dies ist die letzte Ruhestatt / für den, der viel geleistet hat … Habersatter Kammreiter Wutti Kriegerl Baumgartner Schnee­flock Prametshofer … Hier ruhet in Frieden / dem hienieden / so wenig Glück beschieden … Augustin Ranzinger, vulgo Haberleithner … Pschirch Zentz Wegsamer

Mäßigung, Mäßigung, liebe Leute!“, versuchte Pfarrer Harald Wetzelberger zu kalmieren. Besonders die echauffierten weiblichen Dorfbewohner waren jedoch kaum zu bremsen. Dann ging er ostentativ auf das Mariedl zu und reichte der angeblich grenzdebilen jungen Frau die Hand. Über dem kleinen Kevin, der brav und ruhig in seinem Kinderwagen lag, deutete der schwache Priester anschließend ein Kreuz an, rasch in die Luft gemalt.

Tapfer ignorierte der gutgelaunt vor sich strahlende niedliche Bursche im Secondhand-Ge­fährt drinnen die scheinheilige katholische Annäherung.

Das Getuschel hob erneut an und ging in munterer Gehässigkeit weiter.

Habt Ihr’s gesehen? Da, vor der Kirche, hat es sich sogar beim Herrn Pfarrer einschmeicheln müssen, das gestörte Mariedl!“ – „Ganz schön gerissen, diese Behinderten!“ – „Ja, eine Schand‘ ist das!“ – „Wenn’st heute keinen hirnkranken Bankert nicht hast, gilt’st ja auch gar nichts mehr …“ – „Oder zumindest einen Neger-Balg braucht man …!“ – „Aber er kann ja nichts dafür …“ – „Wer? Der Kevin?!“ – „Nein, der Bennie!“ – „Ja, der Bennie kann nichts dafür! Verführt hat das Mariedl den armen Buben!“ – „Und jetzt hat er den Scherben auf!“ – „Mein Gott, ist doch selbst noch ein halbes Kind, der Bennie …!“ – „Ja, mei …“

Nach der Messe im Gasthaus „Zum Roten Hirschen“.

Komisch, immer, wenn Mariedl mit ihrem Kevin zu erwarten war (also praktisch jeden Sonn­tag), kamen neuerdings auch die anderen Frauen von Koglhof ins Wirtshaus „Zum roten Hirschen“. Sonst mieden sie den Ort im Allgemeinen eher – allein schon, weil auch die Nach­folgerin vom Mariedl als Schankkraft, die rothaarige Sonja, über einen mordsmäßigen Busen verfügte … Und überhaupt …! Wer weiß?! („Das ist auch keine Gute!“ – „Ja, die Sonja! Die macht den Männern erst schöne Augen! Und dann -“ – „Unsern Männern …!“)

Dann saßen Mariedl und ihr Sohn abseits, an einem sogenannten Katzentisch, und die junge Frau trank still ihre Cola. Kevin bröselte und lutschte an einem der altbackenen Brezeln her­um oder an einem nicht minder überständigen Salzstangerl. Zwischendurch quietschte der Bub hin und wieder vor Freude und Zufriedenheit. Und Maria lächelte ihn selig an.

Und die Männer von Koglhof? Natürlich hatten sie gegafft wie nicht gescheit, wenn das Ma­riedl auch nur von der Schank zu einem der Tische gegangen war, um eine Bestellung aufzu­nehmen oder etwas zu bringen, sei es ein Krügel Bier gewesen, ein Viertel Wein oder ein Gu­lasch … Stielaugen kriegten sie dann, die geilen Koglhofer Böcke, Stielaugen. Und das allein schon angesichts des bombigen Busens der jungen Frau, den sie allerdings züchtig in der hoch-geschlossenen Bluse zu verbergen suchte. So gut es eben ging.

Sogar beim Herrn Pfarrer, war er gerade einmal im Wirtshaus „Zum roten Hirschen“ anwe­send zu einem feuchtfröhlichen Gespräch mit dem Gemeinderat oder zu einer angeregten Kar­tenpartie, sogar beim alten Harald Wetzelberger schien sich da mitunter etwas in der Hose zu regen. Und es war mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Heilige Geist.

Auch der Marcel Huber, der Küchenchef in besagtem Gasthaus – ihn hatte der Bürgermeister und Wirt Herbert Würschinger engagieren müssen, nachdem ihm die Frau und unbestrittene Meisterköchin Margarethe vor einem Jahr plötzlich weggestorben war (Brustkrebs) -, auch der angeblich schöne Marcel konnte sich am behinderten Mariedl nicht satt sehen. (Was immer das bei einem Koch auch besagen soll.) Ja, sogar der leider meist leicht angetrunkene Marcel hatte es intensiv abgesehen auf die dralle Kellnerin und ihre prallen Brüste.

Er, der Marcel, wurde übrigens intern nur mehr Gordon bleu genannt; weil er ständig Gor­don’s Dry Gin soff und die meiste Zeit ziemlich blau war. (Als gewiegtem Spiegeltrinker merkte man ihm das freilich nicht so schnell an … Blau, sozusagen, am laufenden Band …)

Marcels Cordon bleu und seine Wiener Schnitzel, knusprig, braun und recht appetitlich, waren übrigens durchwegs genießbar, da der Koch ein inniges Verhältnis besonders zu Eiern, Mehl, Bröseln und Fleisch pflegte. Neben dem zum Gin, natürlich.

Aber, wie gesagt, das Mariedl schnakseln, das hätte auch dem Marcel getaugt. Oh, ja!

*

Warum war denn der kleine Kevin eigentlich doch noch zu seiner Mutter gekommen?

Nun, in der Bezirkshauptstadt hatte man – nach Abschluss des Prozesses gegen den blonden Bennie Baumgartner, der jedoch als Jugendlicher weitgehend noch strafunmündig war – no­lens, volens und weil die Angelegenheit immerhin einigermaßen delikat zu sein schien, dann etwas genauer in die Akten geschaut. Und siehe da: Das Mariedl war ja in Wahrheit gar nicht debil und auch nicht behindert. Gut, ihre Schulzeugnisse schauten nicht besonders schön aus. (Die etwa vom Bürgermeistersohn, dem Heribert Würschinger junior, indes auch nicht; und der war mit seinen achtundzwanzig Jahren inzwischen schon auf dem Sprung, Geschäftsfüh­rer vom regionalen Raiffeisen-Maschinenring zu werden …)

Auf die Idee mit der Behinderung war überhaupt der Bürgermeister und Wirt „Zum roten Hirschen“ gekommen, also der quasi omnipotente Ortskaiser Heribert Würschinger senior. Auf diese Weise hatte nämlich von Beginn an irgendeine gemeinnützige Institution was zum Lohn der ohnedies bloß geringfügig beschäftigten späteren Kindesmutter dazuzahlen müssen; und das Mariedl war dem schäbigen Wirt auf diese Weise wesentlich billiger gekommen …

Jetzt war sie zwar rehabilitiert, die Maria Salinger; in Koglhof und Umgebung hatte sie frei­lich ihren Makel weg – für immer: Da war und blieb sie das grenzdebile Mariedl mit dem un­ehelichen Bankert. Schicksal.

*

Noch dazu war doch auch ihre Mama, die jetzt lang schon verstorbene Veronika Salinger, üb­rigens eine Nichte vom Habersatter beziehungsweise dessen Frau Theresia, viel zu früh zur Mutter gemacht worden; und nachher nie verheiratet gewesen. Geschwängert hatte die Vroni, die damals hübsche, appetitliche Schankhilfe – hier sei es verraten – der jüngere Bruder vom späteren Ortskaiser Heribert Würschinger, der (angeblich so) fesche Roman, dem (ebenso an­geblich) alle Weiber im Dorf hinterhergelaufen sein sollen. Der Roman übernahm wenig spä­ter dann von dem schon auf den Tod kranken Würschinger-Opa (und Altbürgermeister) die große Metzgerei, die selbstverständlich auch den brüderlichen „Roten Hirschen“ mit Fleisch, Innereien und Wurstwaren belieferte.

Ach ja, Mariedls Vater Roman musste bloß ein paar Schilling Alimente berappen für den peinlichen Fehltritt, wie man die außereheliche Zeugung des Mädchens, zugegeben: wenig behübschend, allgemein nannte; und der alte Vater wie der gewiefte Bruder applanierten quasi alles – im Verbund mit ein paar feinen Parteifreunden und Kammer-Funktionären.

Die Vroni hatte damals natürlich stante pede gehen müssen. Mit dem kleinen Mariedl im Schlepptau. In die Landeshauptstadt verschlug es die beiden. Und ihre Aussichten waren mies. Oh, ja, unglücklich waren sie. Sehr unglücklich sogar. Die ledige, angelernte Fabriksar­beiterin Veronika und ihr kleines stilles und in sich gekehrtes Mäderl namens Maria.

Warum nur hatte das Mariedl Jahre später erneut den Weg just nach Koglhof finden müssen?

Vielleicht war der eigentliche Grund, der sie zurück in die Oststeiermark führte nach dem Tod der Mutter, lediglich der, endlich wieder vom Grau der unheimlichen Stadt mit ihrer schreck­lichen Anonymität wegzukommen? Nun, außerdem hatte die Tante Therese, dort im fernen Koglhof, als sie vom Tod der Nichte erfuhr, ihren widerborstigen Mann, den Alois, bekniet, die kleine Maria doch bei ihnen aufzunehmen. Und wenn der Onkel Alois Habersatter auch ein unguter Patron sein konnte, dieser unverschämte Weiberer und ausgemachte Trunkenbold, so waren er und die Tante immerhin Mariedls Verwandte …

Doch dann war die Resi-Tante auch gestorben, und man schubste das angeblich behinderte Mädchen (mit den allmählich sich rundenden Formen) herum, wie man gerade wollte. Schließlich war sie als Hilfskraft im „Roten Hirschen“ gelandet. Notgelandet, sozusagen.

Und jetzt waren sie im Doppelpack vorhanden – Mariedl und Kevin.

Es gab also eine hochnotpeinliche Untersuchung. Und zu der war es überhaupt und kurioser Weise erst gekommen, weil zwischen dem ziemlich nachtragenden Postenkommandanten und Bennies Vater, dem geizigen, aber recht erfolgreichen Geschäftsführer des Spar-Marktes so­wie Tankstellenpächter (OMV) und oppositionellen Kommunalpolitiker Johann Baumgartner, noch von früher her eine gehörig-ungehörige Rechnung offen war. Der damalige Noch-Land­wirt Baumgartner hatte nämlich dem jungen Gendarmen Schlurfberger die bildhübsche Ehefrau, die ringsum von der Männerwelt angeschmachtete Alexandra, ausgespannt …

Also, bei dieser hochnotpeinlichen Untersuchung stellte sich heraus, dass die drei Burschen, der Franz Krummbiegl, der Karl-Heinz Prager und der Benjamin Baumgartner, das Mädchen nacheinander genötigt hätten – wenn nicht sogar vergewaltigt. Übrigens, in einem dazu bes­tens geeigneten hinteren Zimmer des Wirtshauses „Zum roten Hirschen“.

Dass sich Bennie letztlich als Vater Kevins herausstellte, war sozusagen – Zufall; nicht, was die DNA betraf, nein, sondern die an Russisches Roulette erinnernde Wahrscheinlichkeit in so einem Zeugungsfall und bei drei Kandidaten.

Nur mit dem weitestgehend eingetrockneten Kaltleim in der alten vergammelten Fanta-Flasche aus der Garage des Alois Habersatter hatte diese Zeugung, wie gesagt, absolut gar nichts zu tun. (Von wegen Sperma, Porno und In-vitro-Fertilisation …)

Oder? – Nein.

Wie Gulasch

Nun, man weiß, Gulasch wird erst besser, wärmt man es ein paar Mal auf.

Ähnlich verhält es sich auch mit Gerüchten: Immer wieder ein bisschen die leicht noch glo­sende Glut angefacht, und schon lässt sich erneut aus saumäßig wenigen Indizien, praktisch gar keinen Wahrheiten und – als Gegengewicht – aus viel Blabla eine schöne, ordentliche Fama formen. Dann geht er erneut um, der Rumor. Dann bläst er sich auf, der grausig-schlei­mige Inhalt der vielen kleinen bösen Gerüchte. Zwar sind es allesamt bloß Seifenblasen ohne Seife; doch in Summe wird daraus ein Urteil.

Die Sticheleien gegen Mariedl Salinger und ihren Kevin hörten nicht auf. Auch die Jahre, die da inzwischen ins Land gezogen waren voll schöner Juni-Sonntage, bunter Herbst- und ver­schneiter Dezemberwochen, änderten nichts daran. Und auch der halbherzige Zuspruch des Pfarrers Wetzelberger oder die wie gnadenhalber erwiesenen Wohltaten von den Würschin­gers oder den Baumgartners konnten von der tatsächlichen Ablehnung nicht ablenken. Zumal gerade die Frauen von Koglhof weiterhin an ihrer geradezu eisigen Haltung gegenüber Maria und Kevin festhielten. Nein, da heilte keine Zeit irgendwelche Wunden.

Und so packte die junge Frau nach einigen Jahren resigniert ihre sieben Sachen und brach die Zelte in Koglhof endgültig ab. (Und, zugegeben, was hielt sie hier wirklich?!)

Sie zog gegen Norden, ins Niederösterreichische, wo sich Kevin alsbald, er war nun im schulfähigen Alter, durchaus gut machte. Maria selbst, fleißig und pflichtbewusst, wie sie von Haus aus war, fand eine entsprechende Stelle in einer Textilfabrik und machte sogar noch eine bescheidene, doch ordentliche Karriere bei der Gewerkschaft.

Es war das, vor allem für Koglhof, wohl auch besser so.

Denn wären Mariedl und ihr Golem – ich weiß, er wurde natürlich nicht mittels Alois Habersatters Fanta-Sperma auf dem Weg einer rustikalen, hobbymäßig durchgeführten In-vitro-Fertilisation im Husch-Pfusch-Verfahren gezeugt und empfangen, sondern entsprang ganz naturaliter den Lenden des (nichts desto trotz ziemlich infantilen) Bennie Baumgartner, ich weiß es ja! -, also, wären Mutter und Kind am Ende auch noch nachtragend gewesen (und wer hätte es ihnen verdenken können?!), es hätte alles ganz anders enden können.

Stellen wir uns vor: Der Golem Kevin wendet sich gegen seinen jugendlich-dummen Zeuger, und der blonde Bennie fährt besoffen gegen einen Baum. Der miese Bürgermeister Heribert Würschinger wird anlässlich einer großen Treibjagd von einem deutschen Jagdgast, der zu viel Zielwasser intus hat, irrtümlich erlegt. Seinen unbegabten Sohn, das Raiffeisen-Protekti­onskind Heribert junior, erwischen sie bei einer mittleren Malversation (bei einer saudummen Unterschlagung oder einem gröberen Börsen-Unsinn), und er landet vor dem Richter; er entzieht sich der Verantwortung und dem Gefängnis jedoch durch Selbstmord.

Die bösen Weiber aus Koglhof sterben sukzessive an diversen Krankheiten, für die nicht zuletzt der dauernd angetrunkene Distriktsarzt Medizinalrat Rüdiger Moor zuständig ist; oder sie werden vom nicht minder permanent besoffenen Chefkoch Marcel Huber irrtümlich mittels eines raffinierten Pilzgerichts vergiftet, das die rothaarige Sonja ihnen im Wirtshaus „Zum roten Hirschen“ serviert. (Ihre Männer? Die hatten doch schon bisher keine Rolle gespielt.)

Sogar Kommandant Emil Schlurfberger und die frühere fesche Polizeipraktikantin Rikki Schloder, jetzt schon längere Zeit im Rang einer Bezirksinspektorin (und zudem Schlurfber­gers Ehefrau Nummer zwei!), kommen mehr oder weniger versehentlich im Dienst um, als sie gerade zwei bewaffnete Einbrecher stellen wollen. Nun, so müssen wir sie eben als Kollate­ralschaden verbuchen.

Ebenso den Pfarrer Harald Wetzelberger, der beim Onanieren einen Herzinfarkt erleidet.

Nein, da ist es schon besser, dass Frau Maria Salinger, also: das ehemalige Mariedl, als bei ih­ren Kolleginnen und Kollegen durchaus beliebte Vorarbeiterin im Textilwerk wirkt; zur volls­ten Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten (und den FunktionärInnen in der Gewerkschaft) übrigens. Und dass sich der kleine Kevin weiter so wacker schlägt im österreichischen Bildungsdschungel. Das Rechnen mag er nicht besonders. Aber das wird noch. Ganz sicher. Dafür liest er gern und ist überhaupt ein recht Kreativer.

Was du dir nur wieder alles ausdenkst“, sagt die Mutter mitunter kopfschüttelnd. Doch sie ist glücklich über die Entwicklung, die ihr Bub nimmt. „Was in deinem kleinen Kopf so alles vorgeht …“, fügt sie lächelnd hinzu und streicht ihm versonnen über die blonden Haare.

Und im schönen Koglhof, da bleibt alles beim Alten.

Man ist unter sich, und jeder kennt jeden. Und wenn wirklich einmal etwas Schlimmes pas­siert, dann sind ohnedies die Ausländer schuld daran.

Oder die Behinderten.

Oder

E N D E

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