Der

Goldene

Schnitt

Eine mittlere Schweinerei

von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz, im März 2009

(ENDFASSUNG: 2013)

Zwei Strecken stehen im Verhältnis

des Goldenen Schnitts zu einander,

wenn sich die größere zur kleineren

Strecke verhält wie die Summe aus

beiden zur größeren.

Euklid, Fibonacci, Kepler & Co.

*

Gute Nacht, ihr Freunde,

Ach wie lebt’ ich gern!

Dass die Welt so schön ist,

Dankt’ ich Gott dem Herrn.

Dass die Welt so schön ist,

Tut mir bitter weh,

Wenn ich schlafen geh!

Peter Rosegger, aus: Mein Weltleben.
Autobiographie

*

I.

Eigentlich hatte Hugo in dieser Nacht nichts Böses vor. Nein. (Zumindest nichts wirklich Böses, gegen Leib & Leben gerichtet Böses.) Bestimmt nicht. Ehrenwort!

Doch immer wieder, besonders wenn Hugo nichts Böses vor hatte, passierte Böses. Oder aber war bereits Böses geschehen, wenn er wohin kam. Vorher, oft auch kurz zuvor, hatte sich Böses ereignet. (Besonders: Böses gegen Leib & Leben.) So auch jetzt. Nein, eigentlich: damals. Und obwohl Hugo, wie gesagt, nie wirklich Schlimmes wollte, es geschah trotzdem. Kurz: Es passierte eben. Wenn auch – mehr oder weniger – ohne sein Zutun; und wenn man das von einem Einbrecher, und ein solcher war Hugo in der Tat, so ohne weiteres sagen konnte. Doch Einbruch – ist ja kein Beinbruch, nicht wahr?! Oder?!

Jedenfalls fand sich dort, wo Hugo einbrach (oder eingebrochen war) meist eine Leiche. Einmal waren es sogar drei halbverweste Leichen, die man, im Zuge von Hugos Verfolgung, aufzufinden gezwungen war. Scheußlich.

Nein, Mörder war Hugo keiner. Doch er hätte, was das Aufspüren von Leichen betraf, ohne weiteres eine Hundestaffel ersetzt, meinte ein hoher Polizeibeamter einmal im Scherz. Der Beamte litt nämlich an einer ziemlich unangenehmen Hundehaarallergie.

*

Der pensionierte Mathematiklehrer und Darstellende Geometer wurde in seiner Wohnung tot aufgefunden. Als eigen hatte er schon längere Zeit gegolten (was man Pädagogen im Allgemeinen immerhin nachsah). Doch das hatte mit seinem nunmehrigen Zustand nur indirekt zu tun. (Wenn tot zu sein überhaupt mit irgend etwas nur indirekt zu tun haben kann …) Nun also war er aufgefunden worden. Von der Putzfrau, die einmal alle vierzehn Tage kam, um die 80-Quadratmeter-Altbauwohung des alten Junggesellen „auf Vordermann zu bringen“, wie es Bertha Neunteufl, die resolute Endfünfzigerin und Gebieterin über Besen, Staubsauger und Mopp, selbst gern ausdrückte. Sie hatte den ehemaligen Professor also gefunden. Nicht wie sonst üblich, nämlich in der Küche, wo der Ex-Lehrer, vor sich eine Schale mit dampfendem Kaffee, sie, die Eintretende (und Schlüsselgewaltige), dann – quasi beider Ritual entsprechend – fragte, ob sie auch eine Tasse wolle. Nein, im Schlafzimmer hatte sie in gefunden. Nach mehrmaligem Rufen, das aus verständlichen Gründen unbeantwortet blieb. Nackt. Im Bett. Und mit durchschnittener Kehle.

Aus seinem kreuz und quer zerschnittenen Pyjama war eine Art Stoffskulptur angefertigt und auf dem – an sich ziemlich desolaten – Bettvorleger drapiert worden. Kunst? Vielleicht … Ein räumliches Etwas zumindest.

„Das ist der goldene Schnitt, verehrter Herr Professor. Ihre Sie auf immerdar verehrende Phi-Fib.“ Das stand auf einem schön gefalteten Blatt weißen Papiers im Din-A-4-Format, das neben der (längst schon ausgebluteten) professoralen Leiche auf dem nunmehr hauptsächlich rotbraunen Bettlaken lag. Auf den Bettvorleger gefallen, daneben, ein Glas mit eingetrockneten Resten von Rotwein.

Damit erst etwas anfangen, dachte sich (vermutlich) die Spurensicherung, wenn sie sich überhaupt etwas dachte. Die Mannschaft – plus einer Adeptin der Kriminalistik im Schlepptau – sicherte indes weiter vor sich hin. Nur Inspektor Adalbert Krummel schielte die meiste Zeit auf Alexandra Gerngross, besagtes Kriminalküken. In Brünett gehalten, das Polizeiküken, übrigens, und süße 21.

*

Er war ein komischer Kauz gewesen, der Feleisen, dachte Oberstleutnant Knilch, die grässlich zugerichtete Leiche betrachtend.

„Du hast ihn ja auch gekannt, Gerd“, meinte Doktor Anselmi fast beiläufig. Des Polizeiarztes Feststellung drang wie aus alten Zeiten herüber. Gedämpft, wie durch viel Pergament hindurch. Oder durch zerschlissene Decken, Stoffreste und Lumpen. Gedämpft immerhin. Anselmi imitierte die übliche Rede des Dahingegangenen am Beginn jedes neuen Jahrgangs, sprich, wenn also wieder eine neue siebte Klasse mit ihm, Feleisen, in pädagogische Berührung kommen musste: „,Doktor Hans Jakob Feleisen, ohne h, meine Herren Studiosi!, bitte! Aber sagen S’ doch einfach Herr Professor zu mir!’“

„Wie? Was?“ Knilch kam zurück aus seinen Gedanken ins Jetzt und Hier, trat gleichsam durch den Vorhang und Schleier der Mittelschulvergangenheit, da ihnen, den zwar schon ziemlich erwachsenen Rackern von damals (immerhin: siebte Klasse Realgymnasium, wie die Bezeichnung des Schultyps damals hieß in den mittleren 1960ern, nur Buben, keine Mädchen!), der gefürchtete Feleisen, der General der gekippten Ebenen und gefalteten Geraden, der Befehlshaber über Dreieck, Zirkel und …, ach was (Knilch war nie gut gewesen in Darstellender …), da ihnen der Feleisen eben ins Gewissen geredet hatte, doch räumlich zu denken! Verdammte Bande! Räumlich! Das war in den frühen 1960ern gewesen. Dann war der penible Lehrer, so glaubte sich Knilch zu erinnern, nach Deutschland an irgendeine Universität gegangen. Später, Anfang der 1970er indes dockte Hans Jakob Feleisen erneut an selbigem österreichischen Gymnasium an. Und quälte eine neue Schülergeneration mit Darstellender …

Knilch gebot Paulaner, seinem Assistenten, ein Fenster zu öffnen. Das Räumliche hatte bereits ein merkwürdig strenges Eigenaroma angenommen.

„Der Gestank, den du vielleicht berufsbedingt ansonsten auch kaum mehr zur Kenntnis nimmst, lieber Gerd“, versuchte der Forensiker Anselmi das olfaktorisch Einmalige des Tatorts zu umschreiben, „rührt von der Verwesung her, in der sich der Körper des Opfers nun schon seit gut zehn Tagen nach der Mordtat befindet.“

„Wie beruhigend.“ Knilch verließ den Tatort, das Schlafzimmer des vormaligen menschlichen Solisten und Einzelgängers, des bekennenden Junggesellen und ergo Eheverweigerers, der nun als Mordopfer in die Akten eingehen würde. Denn ein Suizid war auf Grund der Verletzungen so gut wie sicher auszuschließen.

„Wir haben damals schon ein Jahr vor euch Feleisens Bekanntschaft gemacht“, schloss Robert Anselmi nach Dienstschluss und nach schlechtem Kaffee (aus dem Automaten) am nächst gelegenen Würstelstand (und sodann bei Bier) an das vorhergegangene Gespräch an, „weil du, Gerd, eben ein Jahr jünger bist als ich …“ Der Mediziner biss genussvoll in seine Burenwurst mit Senf und Kren.

Knilch, der an seinem Paar Debreziner, ebenfalls mit Senf und Kren, kaute, nickte beistimmend. (Und ein wenig mehr an Haaren habe ich auch noch, dachte er, verhohlen Anselmis ausgeprägt hohe Stirn betrachtend.)

„Ja, in der siebten und in der achten Klasse gab es DG.“ Und speziell für Paulaner löste Knilch das Kürzel auf: „Darstellende Geometrie. Gott sei Dank nur in der siebten und achten Klasse! Hat aber gereicht …!“

Paulaner biss unbeirrt in seine Käsekrainer, dass Fett und austretender Käse nur so spritzten, was sich für seine Krawatte in der Folge als ziemlich desaströs herausstellen sollte.

„Nichts desto weniger war der Feleisen für uns ein Schreckgespenst – damals schon …“ Knilch erinnerte sich von Bier zu Bier und noch später von Magenbitter zu Magenbitter genauer an – damals.

„Das muss ja furchtbar gewesen sein …, früher, im Schulsystem“, warf Paulaner ein, um den Gratisgenuss seiner Käsekrainer – mit Senf und Kren, wie denn auch anders? -, des Bieres und der paar begleitenden Bitter irgendwie zu rechtfertigen. „Also –“

„Ja, Paulaner, wir wissen, bei Ihnen, also um Jahrzehnte später dann, war freilich alles anders …“ Dr. Anselmi tippte dem Assistenten Knilchs fast ein wenig amikal an die Schulter. „Aber bei uns galten noch die Gesetze des Dschungels. Und dazu gehörte Feleisen mit seiner Darstellenden Geometrie. Stimmst’s, Gerd?“

Knilch orderte eine weitere Bier- und Magenbitterrunde. „Du sagst es, Robert! – Auf Oberstudienrat Hans Jakob Feleisen! In memoriam, sozusagen!“ Das Trio hob die Gläser.

„Und auf Leonardo Fibonacci!“, ergänzte der Pathologe Knilchs kleine Feleisen-Laudatio.

„Auch ein Schulkollege von Ihnen beiden?“, warf Paulaner ahnungslos ein.

„Nein“, antwortete Knilch, leise lächelnd, „ich nehme vielmehr an, das ,Phi-Fib.’ auf dem Blatt Papier neben der Leiche soll auf den italienischen Rechenwissenschaftler des 12. Jahrhunderts anspielen, auf Fibonacci, den kaufmännischen Mathematiker. – Was meinst du, Robert?“

Anselmi nickte stumm, so dass man glauben konnte, er gedenke im Stillen des ersten herausragenden Mathematikgenies des Abendlandes. (Übrigens auf maurischer Geistesbasis.)

„Fibonacci … Und, warum ,Phi-Fib.‘? Ich meine – stottert der Mörder?!“ Paulaner kam wieder einmal aus dem Staunen nicht heraus.

„Nein“, erklärte es Knilch dem denkfaulen Assistenten, als wäre der ein grenzdebiles, aber herziges Kind, zu dem man einfach lieb sein musste , „das Phi steht für den gleichlautenden griechischen Buchstaben, der im Umfeld des Goldenen Schnitts immer wieder auftaucht – seit den Pythagoräern schon … Es geht im Grund immer wieder um das Verhältnis zischen Quadrat, Kreis und Rechteck. Und nach unserem verehrten Fibonacci, der auch als Leonardo von Pisa in die Geschichte einging, sind die ,Fibonacci-Zahlen’ benannt, die auf alter orientalischer Zahlenweisheit beruhen und ihrerseits mit dem ,Goldenen Schnitt’ zusammenhängen“, belehrte Knilch seinen Assistenten weiter. Was indes auch nicht fruchtete.

„Ah“, entfuhr es Paulaner denn auch. (Rülpsen wäre womöglich effektiver gewesen.)

Knilch sandte einen Blick gen Himmel. Doch eine Sternen-lose Nacht, doch nur ein schmaler Neumond dankten es dem Kriminalisten auf, zugegeben: flaue Art. (Paulaner wird es wohl nie begreifen, dachte Knilch. Dann, pfiffig: Dafür hat er jedoch sämtliche Karrierechancen …)

Anselmi fügte launig hinzu: „Und belegt hat der Fibonacci seine Theorien in der Praxis durch eine eigens angelegte Kaninchenpopulation …“

Paulaner: „?! – ?!“

„Kaninchen. Genau. – Aber warum um alles in der Welt steht auf dem Zettel Ihre Sie auf immerdar verehrende Phi-Fib. und nicht Ihr …?!“, sinnierte Knilch laut. „Leonardo Fibonacci war doch ein Mann – gewesen. Und wenn schon auf ihn angespielt werden sollte, dann –“

„Ah, Ihre, klar doch, ist ja feminin …“ Paulaner verstand. Jetzt, kurz vor seinem Abgang aus der Abteilung, hatte er unvermittelt den Dreh heraußen, Pluspunkte zu sammeln.

„Hört, hört!“, entfuhr es seinem Chef, der seinen Ausruf mit einem neuerlichen Blick gegen das Firmament verband; diesmal einem dankbaren. „Ganz ausgezeichnet, lieber Paulaner!“

Der Assistent strahlte.

Anselmi nickte stumm, bevor er den Rest seines Bieres zu sich nahm. „Warum wohl ,Ihre Phi-Fib.’?! – Noch eine Runde, bitte!“

*

II.

1968. Draußen zelebrieren die Vögel den Frühling. Die Studenten bereiten den Aufstand vor. Hans Jakob Feleisen ist Assistent eines durchaus bedeutenden Mathematikers und Ordinarius in Heidelberg. Feleisen sieht auf den Neckar runter, wenn er aus dem Turmfenster lugt, besser: aus der Dachkammer, in die man ihn einquartiert hat. Doch um zu seinem Idol zu kommen, zu Hippolyt Fürnschuss, einem der besten seines Faches und seiner Zeit, hätte der damals 29-jährige noch ganz andere Strapazen auf sich genommen, als sie ein zugiges Turmstübchen in Alt-Heidelberg („du Schöne …“) bieten konnte. Die Lehramtsprüfung hatte er längst und glänzend bestanden (und sogar schon die Schüler Knilch und Anselmi hinter sich …), und auch die Promotion zum Doktor der Philosophie ist schon einige Jahre hinter ihm gelegen. (Das Dissertationsthema hatte mit der Wahrscheinlichkeitsrechung zu tun gehabt). Doch was ist dazu angetan, ihn in Österreich, noch dazu: dort in G., noch länger zu halten, an dieser inferioren Mittelschule? Seine wahrscheinlich einzige Lebensliebe war zerbrochen: Die blondmähnige Roswitha hat sich vor kurzer Zeit abgewandt vom Mathematiker und Darstellenden Geometer Feleisen. Endgültig. Und diesen Tölpel, den Kollegen Rudi Ratzinger, einen Turnographen, geheiratet. (Wie konnte man bloß Turnen & Geographie studieren … und dann auch noch unterrichten?!)

Aus und vorbei. Zudem: Hatte da nicht die Wissenschaft gerufen? Ja, doch! Hippolyt Fürnschuss! Heidelberg! Und er, Hans Jakob Feleisen, ist ihrem Ruf freudigen Herzens gefolgt!

Auch wenn sie ihn vermissen, so sind die Eltern im fernen Österreich letztlich überaus stolz auf ihren sonderbaren Sprössling, der es nun, siehe da!, im Ausland zu etwas bringen will. Als Mathematiker noch dazu …

Als der junge Assistent dann noch Dagmar Klemens, eine blonde (hatten wir das nicht schon?!) Kollegin aus der Fürnschuss-Truppe, kennen und lieben lernt, scheint das Heidelberger Glück komplett. Als sich Nachwuchs einstellt, steht das hübsche Pärchen – und Trio in spe – fast schon vor dem Traualtar.

Doch haben die Parzen wohl anderes mit Feleisen & Cie. vor.

Zuerst einmal gibt Dagmar dem Wissenschafter aus Österreich zugunsten eines gewissen Dr. Heinrich Schiffermann aus Stuttgart den Laufpass. (Ein halbes Jahr später heiratet sie ihn auch tatsächlich und gebiert ihm, später, noch einen Sohn, Engelbert. Tochter Margarethe aus der Verbindung mit Feleisen zieht ihrerseits sehr jung zu irgendwelchen Verwandten nach Österreich, wo sie, just in G., einen gewissen Hugo Polanec kennen lernt. Sie ehelicht den jungen Mediziner und schenkt ihm ihrerseits eine Tochter, die man der Großmama zu Ehren Dagmar nennt.)

*

„Lieber Feleisen, zwei Kaffee!“, befahl Ordinarius Fürnschuss. „Einen für mich und einen für Sie. Aber bitte aus der Espressomaschine, nicht mit dem Bunsenbrenner hergestellt …“

Das war Fürnschuss-Humor. Knapp vor `68. Der sollte dem Fast-Nobelpreisträger allerdings bald vergehen. Denn die Studenten wurden immer gereizter, auch in Heidelberg, und das Klima gewann an Hitzigkeit. Die Explosion lag in der Luft. Schließlich ging man auf die Straße und schimpfte auf das Establishment – was das Zeug hielt. Von Paris bis München und West-Berlin. Man warf Steine und schlug einander die Köpfe blutig. Es war plötzlich alles irgendwie – politisch. Und in der Folge lagen dann sogar Mord und Totschlag in der schwülen Luft. Auch wenn der Neckar immer noch friedlich vor ich hin floss wie zu des berühmten Hofzwergs Perkeo Zeiten.

Der Rudi (Turnograph) aus G. mutierte in gewisser Weise – natürlich nur bildlich gesprochen – zum anderen Rudi, nämlich Dutschke, der und andere linksradikale Studenten randalierten, wobei auf Dutschke seinerseits ein Attentat verübt wurde, an dessen Spätfolgen er starb. Dutschke, Daniel Cohn Bendit, Joschka Fischer. Namen. Parolen. Auch Steine. Zwischendurch. Noch nicht RAF, doch auch der Dunst der Roten Armee Fraktion lag schon in der Luft. Dann wurde es wirklich ernst. Denn im Jahr 1977 bliesen dann die RAF-Leute dem deutschen Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dem Chef der Dresdener Bank, Jürgen Ponto, das Lebenslicht aus …

Viel später, nämlich im Jahr 2007, aus Anlass der Abweisung der Enthaftungsanträge von Christian Klar, einem der mutmaßlichen Schleyer-Mörder, und Birgit Hogefeld durch den deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler, sollte sich Feleisen, die Meldungen im Fernsehen verfolgend, wieder an die so viele Jahre davor gelegene Heidelberger Zeit erinnern. Ja, doch: Die paar Monate bei Hippolyt Fürnschuss, anno 1968, gehörten, im Nachhinein betrachtet, zu den schönsten in seinem Leben.

Hatte er die Flinte damals vielleicht zu früh ins Korn geworfen? Immerhin waren auch die revolutionären Zeiten vorbeigegangen. Aus dem Steinewerfer Joschka Fischer zum Beispiel war zwischendurch sogar ein grüner deutscher Außenminister geworden mit anschließendem Ruf an irgendeine US-Universität, und der Deutsch-Franzose Daniel Cohn Bendit saß im Europaparlament. Namen. Parolen. Erinnerungen.

Rote Armee Fraktion. Andreas Baader. Ulrike Meinhof. Gudrun Ensslin. Jan-Carl Raspe.

Doch als Assistent befand sich Feleisen anno 1968 tatsächlich in einer Art Zwickmühle. Einerseits verstand er die Forderungen der Jungen und goutierte manches davon sogar; zum anderen hatten – seiner (leider unmaßgeblichen) Meinung nach – auch die Argumente der Professoren etwas für sich, die ihre erworbenen Rechte genauso wenig ohne Grund zu verteidigen schienen.

Es war in der Tat verzwickt.

Vielleicht war es diese Spannung, zusammen mit der Abfuhr durch seine angebetete Kollegin Dagmar, die ihn letztlich bewog, doch wieder in den Gymnasialberuf zu wechseln und nach Österreich zurückzukehren? Nach Österreich, wo sich auch 1968 nicht Wesentliches ereignet hatte; sah man vom Aktionismus einiger heißspornig-exhibitionistischer Künstler auf der Wiener Uni einmal ab.

Wer weiß, war Österreich doch seines?

Jedenfalls: Dr. Hans Jakob Feleisen verließ Heidelberg, sehr zum Bedauern seines Mentors Fürnschuss, und kehrte zurück aus deutschen Landen nach Österreich. Da das Ehepaar Rudolf und Roswitha Ratzinger es vorgezogen hatte, nach S. zu übersiedeln, stand einer Wiederbewerbung Feleisens am alten Gymnasium in G., das zudem eine Vakanz in den Fächern Mathematik und Darstellende Geometrie aufwies, eigentlich nichts im Weg.

Feleisen galt an seiner Wirkungsstätte alsbald erneut als ziemlich frischer Besen. Und die kehren ja bekanntlich gut.

Als solchen hatten ihn auch Anselmi und Knilch Jahre zuvor kennen und fürchten gelernt.

*

Hugo war das, was man einen Herumtreiber nennt. Obwohl er eigentlich und streng genommen ein Herumgetriebener war. Daheim hatte es ihn nicht gelitten – Vater Säufer mit Schläger-Allüren, Mutter verhärmt, Geschwister (von unterschiedlichen Vätern gezeugt) uninteressiert und uninteressant – , und auch die Schule schien ihm all die Jahre eine mittlere Qual zu sein. (Obwohl er nie in den Genuss von Hans Jakob Feleisens Darstellender Geometrie gekommen war … Hugo Kohlmeiers Ebenen waren von Natur aus irgendwie gekippt, und seine Geraden boten trotz aller Fluchtlinien keine Perspektive.)

Gelegenheitsarbeiter, Stadtstreicher, Sandler, Penner, Alt-Junkie … Nichtsnutz, doch im Allgemeinen nicht einmal mit kriminellem Potential, eigentlich. Zu faul, zu einfallsarm und zu bequem selbst dazu.

Warum überhaupt der heruntergekommene Endfünfziger dann des Nachts in die Wohnung Feleisens, des pensionierten Mittelschulprofessors und vor Zeiten gefürchteten Darstellenden Geometers, eingebrochen war? Im Suff hatte er sich wohl geirrt, denn ursprünglich sei es ihm, so sagte er später, als man ihn bald darauf gefasst hatte, darum gegangen, in die Apotheke im Erdgeschoss einzubrechen, um sich Stoff zu besorgen.

Nein, er habe keine Pyjama-Kunst im Schlafzimmer des pensionierten Professors angerichtet. Mit Kunst habe er nun aber wirklich nichts am Hut.

Der Zettel? – „Weiß nicht … Ich hab’ das jedenfalls nicht geschrieben …“

Das musste man dem auch sonst wenig inspirierten Spezialisten für Einbruchsdiebstähle immerhin glauben. (Außerdem war die Handschrift eindeutig nicht die Hugo Kohlmeiers.)

Und: Er habe ihn auch nicht abgemurkst. „Das schwör’ ich, Herr Rat!“, stammelte er in merkbarer Hilflosigkeit den Untersuchungsricher an.

Doch wer hatte -? (Fib.?)

*

III.

Es war am Tag, als es abends das – spät, aber doch – erfolgte Avancement Paulaners, angetrieben nicht zuletzt durch die Protektion eines entfernten Verwandten, des „Onkel Edi“, recte: des gewesenen Oberlandesgerichtsrats Dr. Eduard Kronbichler, der da zurückgezogen, über seinen Giuseppe Verdi geltenden Studien brütend, im fernen St. Pankrazen an der Salm hauste, und auch befürwortet durch den unmittelbaren Vorgesetzten Paulanders, Oberstleutnant Gerd Knilch, zu feiern galt. Am Rande der kleinen internen Fete, in deren Mittelpunkt der nunmehrige und frischgebackene Oberleutnant Paulaner stand, ergab sich folgendes Gespräch bei ein paar Bieren zwischen Knilch und seinem langjährigen Freund, dem Polizeiarzt (und Spitzenforensiker) Dr. Robert Anselmi.

ANSELMI: Warum wirst du in diesen Geschichten, die angeblich unter anderem auch unseren Dienstalltag schildern, bisher immer als Kommissar bezeichnet, Gerd? Du bist doch, wie jeder hier weiß, Oberstleutnant.

KNILCH: Dafür ist unser Herr Autor zuständig …

ANSELMI: Weiß der nicht, wie die österreichischen Dienstgrade heißen? Und wenn er es weiß und dich trotzdem Kommissar nennt, warum tut er das? Aus Unwissenheit heraus? Aus Dummheit? Aus Eitelkeit?

KNILCH: Nein, ich glaube, der schielt auf die Möglichkeiten, seine Bücher auch in der Bundesrepublik Deutschland zu verkaufen. Und dort, du weißt es, dort wimmelt es doch nachgerade von Kommissaren …

ANSELMI: Richtig. Auch an den diversen Fernseh-„Tatorten“ …

KNILCH: Ganz zu schweigen von Triest und meinem Kollegen Commissario Proteo Laurenti, den Veit Heinichen kreiert hat, oder von Donna Leons venezianischem Pendant, Commissario Guido Brunetti!

ANSELMI: Aber ansonsten kommst du – Kommissar hin oder her – bei unserem Autor doch immer ganz gut weg, nicht wahr, Gerd?! Er schildert dich als intelligent, umsichtig, schlagfertig, belesen … In Maßen sogar als sympathisch …!

KNILCH: Hast ja recht, Robert. Wenn ich da an unseren Paulaner denke …, dann gönne ich ihm seinen Aufstieg jetzt umso mehr. Auch wenn ich ihn als unmittelbaren Mitarbeiter verliere, nun da er, mit heutigem Tag, endlich Oberleutnant geworden, ins Drogendezernat wechselt. Und ans Herz ist er mir doch tatsächlich irgendwie gewachsen …

ANSELMI: Dein Sancho Paulaner, du Don Knilch … Übrigens: Jetzt wissen wir endlich, dass Paulaner doch einen Vornamen hat –

KNILCH: – und warum er ihn stets verschwieg … – Ja, Widukind. Möchtest du Widukind heißen, Robert?

ANSELMI: Wieso nicht – Widukind ist ein schöner germanischer Vorname und bedeutet, wenn mich unser Autor richtig informiert hat: Waldkind. Das passt doch gut zu Paulaner?!

KNILCH: Doch, ja … Es wird mir fehlen, irgendwie, das Waldkind …

ANSELM: Wer folgt ihm denn als dein neuer Assistent nach?

KNILCH: Ein gewisser Puntigam ist mir avisiert worden, Major Karl Puntigam. Naja, Puntigamer statt Paulaner, Bier, bleibt Bier …

Im Verlauf der Feier bot Knilch seinem Ex-Assistenten dann sogar das Du-Wort an. Und man zog, auch Dr. Anselmi machte da mit und schloss sich an, noch ausgiebig um die Häuser. Zuletzt dann, im „Chez Marie“, traf die Runde zufällig auf einen anderen Ex-Kollegen, auf Harry Moll, den Knilch noch von Urzeiten her kannte. Es wurde eine ausgiebige Belustigung.

Übrigens auch Moll hatte dereinst als Gymnasiast mit dem Professor Hans Jakob Feleisen Bekanntschaft gemacht. Und Molls Erinnerungen an den überkorrekten Mathematik- und DG-Lehrer waren keine unerfreulichen, im Gegenteil. Was indes vermutlich ganz allgemein am ausgeprägten darstellend-geometrischen Interesse Molls, das wohl in Verbindung zu seinen mathematischen Ambitionen zu sehen war, und weniger an der Person Feleisen gelegen sein mochte. An die Fibonacci-Zahlen erinnerte sich Moll übrigens auch sehr genau und bestätigte die Erläuterungen Anselmis, die dieser in Sachen des italienischen Mathematikgenies brav ergoogelt und bereits von sich gegeben hatte.

„Als Hobby-Numeriker hat mich lange schon die Fibonacci-Zahlenreihe 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 … fasziniert“, dozierte Moll. „Weißt du, Gerd, da addierst du immer die zwei vorhergehenden Ziffern und erhältst die nächste, verstehst du? 0 plus 1 ist 1, 1 plus 1 ist 2, 1 plus 2 ist 3, 2 plus 3 ist 5, 3 plus 5 ist 8 et cetera. So nähert man sich auch dem Goldenen Schnitt …“

Paulaner, pardon: Oberleutnant Widukind Paulaner, so viel Zeit muss sein!, sah, hörte und verstand nur Bahnhof, Knilch und Anselmi nickten Whiskey-bewährt.

„Der Goldene Schnitt lässt sich direkt aus der Forderung nach maximaler Irrationalität konstruieren“, trumpfte Knilch schon leicht alkoholselig auf. „Denken wir doch an Leonardo da Vincis bekannte Zeichnung …“

„Und nicht von ungefähr streben die Fibonacci-Zahlen gegen unendlich …“, sinnierte Moll, „was nicht nur Humanisten freuen dürfte …“ Dem plötzlich aufkommenden Wunsch, nämlich den Freunden auch noch ein wenig von Lorenz Onken (recte: Onkenfuß, Anm.) und die Vorlieben des bedeutenden Naturforschers und Philosophen etwa für die Zahl fünf zu erzählen, erteilte Moll instinktiv eine Abfuhr. Es wäre wohl zu viel der Mathematik gewesen für diesen einen Tag …

Oberleutnant Paulaner blickte vom Glas auf, das in seiner Rechten glänzte, und schüttelte ganz kurz den Kopf, wobei er einem jungen Spaniel, der eben aus einem Teich gestiegen ist und sich das Wasser aus dem Fell zu schütteln versucht, gar nicht einmal so unähnlich war.

Dem Goldenen Schnitt näherte man sich indes in dieser langen Nacht nicht mehr so recht. Und die überaus aparte rothaarige Barfrau, Sandra also, lächelte ein ums andere Mal ihrem Harry zu und hatte ein Auge darauf, dass die Gläser der Meute stets aufs Neue gefüllt waren.

*

Feleisens an herausragenden Ereignissen eher armes Dasein floss dahin wie ein alter Strom in seinem gewohnten Bett. Er grüßte seine Nachbarn freundlich, half, wenn er um etwas gebeten wurde, ließ ansonsten allem seine Ruhe und seinen Lauf. Er war froh, rüstig genug zu sein, sich die Notwendigkeiten des Tages selbst regeln zu können. Und für die gröbere Säuberungsarbeit hatte er ohnedies Frau Bertha Neunteufl, die ihn alle zwei Wochen heimsuchte. Sie wischte, wie oben schon geschildert, den Staub, bügelte die Hemden des alten Junggesellen und trank mit ihm Kaffee. Sie hatte auch immer ein bisschen Tratsch parat und versorgte Professor Feleisen, dessen Dasein nicht mehr viel Neues für ihn bereit hielt, solcherart mit Schmankerln aus dem Leben anderer …

Die Bridge-Runde einmal im Monat und ein alter Lehrerstammtisch alle heiligen Zeiten gehörten auch zu Feleisens – zugegebenen karg bemessenen – gesellschaftlichen Auftritten, denen er indes mit einiger Freude oblag. Ansonsten las er oder sah fern und hatte außerdem immer noch eine gar nicht so geringe wissenschaftliche Korrespondenz am Laufen. Denn in Fachkreisen genoss der Mathematiker und Darstellende Geometer nach wie vor einiges Ansehen, und sein in den 1980er Jahren erschienenes Buch „Von Leonardo Fibonacci zu Leonardo da Vinci“ reihte sich fugenlos in die Standardwerke der Mathematik ein.

*

IV.

Dagmar Polanec war knappe Zwanzig, eine in Maßen begabte Kunststudentin und durchaus hübsch. Sie nahm seit ungefähr drei Monaten Unterricht in Perspektivzeichnen. Ihre akademischen Lehrer, allesamt aus der Praxis kommend, hielten es, wenn sie überhaupt an der Kunstuniversität anwesend waren, mehr mit dem Neo-Abstrakten, oblagen postmodernem Informell oder betrieben Medienkunst (was immer das gerade auch sein mochte). Mit der Perspektive hatten sie alle eher nichts am Hut. Naturalismus war ohnedies seit einem Jahrhundert out, sah man von Harald Ochsenknechts hyperrealistischen Riesenformaten in Acryl einmal ab. Doch Professor Ochsenknecht war eine Ausnahme. (Und auch der tat sich mit der Perspektive allem Anschein nach schwer. Doch er malte ohnedies mit Vorliebe überdimensionale sibirische Königstiger. Nach entsprechend aufgeblasenen Fotografien.)

Bei wem konnte die auf Perspektiven fixierte junge Künstlerin die alte Technik erlernen?

Genau: beim pensionierten Darstellenden Geometer und Mathematiker Oberstudienrat Professor Dr. phil. Hans Jakob Feleisen. Auf ihn hatte sie die Mutter einer Freundin gebracht, die in der selben Gasse wie Feleisen wohnte und den alten Herren vom Einkaufen im Supermarkt her flüchtig kannte. Bald war man handelseinig, und gegen ein Honorar von 50 Euro pro Zwei-Stunden-Einheit, vierzehntägig, unterrichtete der pensionierte Pädagoge die wissbegierige Jungkünstlerin.

Anfangs war das alles ganz interessant. Der Fluchtpunkt, die Parallelen, die sich angeblich im Unendlichen trafen, proportionale Verkürzungen von Abständen und so; auch wenn ihr der Professor etwas zu theoretisch an die Sache heranzugehen schien. (Wahrscheinlich wäre sie bei einem Maler ohnedies besser aufgehoben gewesen. Aber alle Maler, die sie kannte, sannen nach kürzester Zeit mehr nach ihren, der jungen Kunst-Adeptin, eigenen Proportionen als nach den Perspektiven.)

Doch auch im alten Feleisen sammelten sich alsbald die Säfte, an deren Vorhandensein er sich kaum noch zu erinnern geglaubt hatte – bis eben Dagmar Polanec in sein altes Leben getreten war. Und just diese Säfte vergällten ihr den Zugang zur Perspektive in zunehmendem Maß. Ein, zwei Mal war sie mit dem alten Knacker sogar tatsächlich ins Bett gegangen. Einerseits aus einer Art von Mitleid heraus, weil er so gebettelt hatte. Zum anderen wegen der schönen alten Brosche und des nicht minder wertvollen Ringes, der Schmuckstücke wegen, die er ihr nach dem Ficken schenkte. Doch seine eigenwilligen Sex-Praktiken (zumindest erschienen sie ihr eigenwillig) stießen sie eher ab, sodass für Dagmar der Perspektiven-Unterricht immer mehr zu einer Belastung wurde. Nicht die Linien waren es, die ihr Missvergnügen bereiteten, sondern der Lustgreis Feleisen in persona.

Schließlich waren dann auch die Feleisenschen Schmuckvorräte erschöpft. Und der besagte Abend kam, der mit des Professors Tod enden sollte.

Man zeichnete. Man vögelte. Man stritt, da sozusagen die letzten Ringe getauscht waren … Ein Wort ergab das andere. Und das Messer war plötzlich so nahe, obwohl es eigentlich in die Küche gehörte. (Wer braucht ein Küchenmesser im Schlafzimmer?!)

Nicht blindwütig, jedoch verdrossen stach die junge Frau mehrmals zu, bevor sie dem nackten (und zumindest am Anfang überrascht dreinblickenden) Darstellenden Geometer und Perspektiven-Fachmann mit einiger Mühe die Kehle durchtrennte. Dann zerschnitt sie seinen Pyjama, der auf einem Sessel neben dem Bett lag, formte daraus eine Stoffskulptur und packte das Messer in ihre Tasche, um es später in den nahen ehemaligen Mühlgang zu werfen. Schließlich schrieb sie den Text auf das Blatt Papier und kicherte dabei irgendwie dumm vor sich hin. Man hätte Dagmar Polanec in diesem Moment mindestens für exaltiert halten können. Oder gar für wahnsinnig.

Noch dümmer vermutlich wäre ihr Kichern ausgefallen, hätte sie gewusst, dass sie die Enkelin ihres Perspektiven-Lehrers war.

*

Stoffreste des Pyjamas, aus dem sie ihre Skulptur geformt hatte, ihre DNA, das Blatt Papier mit der Fibonacci-Anspielung, ihre Fingerabdrücke auf dem Weinglas am Boden und ihre eigene Unachtsamkeit, nämlich ihrer Freundin Bettina gegenüber geäußerte Andeutungen, brachten Dagmar Polanec letztlich hinter Gitter. Lebenslänglich – so lautete zumindest das Strafausmaß. (Besagte Bettina war nämlich die Tochter der Barfrau Sandra, die ihrerseits wiederum als Langzeitgeliebte von Polizeioberst i. R. Harry Moll fungierte, wenn wir das mal so schnoddrig ausdrücken wollen.)

Wie es zur Inschrift auf dem Blatt Papier gekommen war, gezeichnet mit Ihre … Fib.?

Nun, Dagmar war zunächst von den Erörterungen, die der alte Professor in sein Perspektiven-Kolleg einfließen ließ, wirklich angetan. Auch Feleisens Erzählungen zu den Fibonacci-Zahlen und dass der Mathematiker eine eigene Kaninchenzucht zur Beobachtung ihrer Population respektive deren Anwachsen entsprechend der von ihm ersonnenen Arithmetik betrieben habe, um so seine Theorien zu untermauern, gefielen der anmutigen jungen Frau mit den dunklen Augen hinter den blonden Haarfransen. Feleisen versuchte, sie so nebenbei auch mit der Formel von Moivre-Binet vertraut zu machen und ihr ganz allgemein den Goldenen Schnitt näher zu bringen. So erklärte er zum Exempel in Anspielung auf Johannes Kepler: „Der Quotient zweier aufeinander folgender Fibonacci-Zahlen, mein liebes Kind, nähert sich sukzessive dem Goldenen Schnitt …“ Die beiden gingen den Weg von der praktischen Perspektive zur Wahrscheinlichkeitsrechung und zurück, sozusagen.

Doch dann hatten die oben erwähnten Säfte im alten Geometer erneut zu brodeln begonnen, und das war nun keinesfalls im Sinn der jungen Künstlerin, die ihren Mentor zwar in der Tat verehrte, doch dies eigentlich doch lieber nur platonisch getan hätte. (Nicht zuletzt in Hinblick auf das von Feleisen ungeschickter Weise erwähnte Nichtmehr-Vorhandensein jeglichen Familienschmucks.)

Da erlosch das Feuer des Goldenen Schnitts, der die Menschheit schon so lange, durch Jahrtausende, fasziniert hatte wegen seiner bemerkenswerten Eigenschaften: Harmonie, Regeneration und Gleichgewicht. In Dagmar erlosch diese Flamme mit einem Mal.

Das Ende kennen wir, einschließlich Pyjama-Skulptur und (verräterischem) Abschiedsbrief.

*

Hugo war zwar nachweislich in die Wohnung Professor Hans Jakob Feleisens eingebrochen, zwei Tage nach dem Mord, hatte jedoch die grässlich zugerichtete Leiche gesichtet und war, ohne auch nur irgendetwas – wertvoll oder nicht – mitzunehmen, von Furcht gepackt abgehauen. Die Polizei verhaftete den Knacki wenig später, noch vor Dagmar Polanec. Hugo konnte indes seine Unschuld am Professorenmord, wie schon früher kurz erwähnt, einwandfrei nachweisen. Auch in Dagmars Geständnis fand sich später folgerichtig kein Platz für ihn.

Eingesperrt wurde Hugo Kohlmeier allerdings, und da es nicht sein erster Einbruch gewesen war, zog man ihn diesmal für längere Zeit aus dem Verkehr.

E N D E

Quellen, Literatur (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in zehn Bänden. Mannheim 2006.

Priya Hemenway, Der geheime Code. Die rätselhafte Formel, die Kunst, Natur und Wissenschaft bestimmt. Köln 2008.

Lancelot Hogben, Mathematik für alle. Einführung in die Wissenschaft der Zahlen und Figuren. Köln 2003.

Internet.

Paul Lunde (Hg.), Die Welt der Codes. Geheime Botschaften und ihre Entschlüsselung. Hamburg 2009.

Der Große Plötz, Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. 32. Aufl. Freiburg im Breisgau 1998.

Bernd Schmidt, Die Nachfolgerin. Graz o. J. (1991).

Ders., Die Hammerzehe des Kardinals. Eibiswald 2007.

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