Der

fadenscheinige

Bürgermeister

Eine bizarre Geschichte rund um

das Scheitern und seine Gründe von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

Das siebente Gemach war dicht verhüllt

von schwarzen Samtverhängen, die hoch

am Deckgewölb sich spannten und schwer

in Falten an den Wänden nieder auf einen

Teppich von gleichem Material und

gleicher Färbung fielen.

Edgar Allan Poe, Die Maske des Roten Todes

*

Nationen scheitern heute, weil ihre extraktiven

Wirtschaftsinstitutionen keine Anreize für die

Menschen schaffen zu sparen, zu investieren

und Innovationen hervorzubringen.

Daron Acemoglu/James A. Robinson,

Warum Nationen scheitern

*

Das Mausoleum

gelb scheußliches gelb kotzig und eitrig gelb-kotzig-eitrig traumkotzig klebekotzig endgültig angstbesetzt und unaufhörlich von metaphern der furcht durchdrungen eine einzige ausweglosigkeit und eine durch nichts und nirgends zu umgehende unausweichlichkeit ein dunkles schicksal und ein tragisches geschick verdient oder nichtverdient egal in jedem fall furchtbar nacht um nacht und traum um traum …

Gelb, scheußliches Gelb. Kotzig und eitrig. Gelb-kotzig-eitrig.

Und so, wie es sich da aufwölbte, hingeklotzt – und zugleich hingekotzt – in seiner endgültigen, zu Stahl-Beton gewordenen Hässlichkeit, war es längst nicht bloß der beredte Ausdruck für alles das, was sich hier, in dieser Stadt, insgesamt also, dem Auge des Betrachters darbot. Oder besser: Sich vor dem Auge des Betrachters oft und oft (ja, im Allgemeinen: so gut wie immer) verbarg, in geschickter Weise versteckt von eigens mit dieser Tarnung betrauten Fachleuten, sogenannten Tarnexperten. In beschämender Ausschließlichkeit und bezeugend den hier herrschenden Ungeist bestand freilich auch im Falle optimaler Verborgenheit das Nicht-zu-Verbergende munter weiter, weil es derart skrupellos riesig war. Das in seiner prinzipiellen Hässlichkeit Unübersehbare blieb denn auch unübersehbar.

Doch leider ging es längst nicht nur architektonisch inferior und optisch brutal zu in den Belangen, die mit diesem Scheißgebäude zu tun hatten, mit seinem puren Vorhandensein und mit seiner Unübersehbarkeit. Nein, ganz allgemein war das so, weil der Kolossalbau zudem ein Symbol war. Nämlich eines für die längst schon vorherrschende Menschenverachtung, für Abgehobenheit und Plutokratie. Für pure Antidemokratie in Beton gegossen und hoch-aufgerichtet, auf steinernen Sockeln sitzend: Einzementierte Privilegien und zur Stadt – als Bild wie Sinnbild – gewordene Ignoranz.

Klobig. Geschmacklos. Teuer dabei – und, was die verwendeten Materialien betraf, weitestgehend unverrottbar.

Eine zum hypertrophen Haus gewordene gigantische Müllhalde als unabänderliches Endlager nicht nur für irgendwelchen städtischen Müll, sondern vielmehr für die kurz und bündig zusammengefassten Hoffnungen einer sukzessive verlotterten Kommune.

Dann erst das Innere. Vorzugsweise in Gelb gehalten, in scheußlichem Gelb.

Kotzig und eitrig. Einem üblen Krankheitsherd gleich. Womöglich sogar ansteckend.

Gelb-kotzig-eitrig. Eine Wucht, die einem in den Magen fuhr beim ersten Hinschauen schon.

Was sich hier nach sechs, sieben beängstigend hohen Räumen, allesamt schon und jeder für sich fürchterliche Geschmacksentgleisungen, was sich hier nach sechs, sieben Sälen also, die man zu durchschreiten (und zu durchleiden) gehabt hatte bisher schon, nun im nächsten, vermutlich im siebten oder achten Raum, zeigte? Es war, in aller wilden Entschlossenheit zu hässlichstem Auswuchs in Farbe und Form, immer noch bloß eine weitere Vorstufe zu dem, was noch alles kommen würde … Denn von jedem der hohen Räume führte eine – teils verhangene, teils indirekt beleuchtete – zumeist eher im Halbdunkel liegende, nichts desto trotz jeweils einem protzigen Portal ähnelnde Tür in das nächste Verließ (wenn man die beängstigende Ansammlung von Sälen denn als ein Gefängnis, die Abteilungen als Verließe interpretieren wollte).

Zur umfassenden optischen Bestrafung, die jede der Räumlichkeiten an sich schon aufs Deutlichste exekutierte, kam noch das permanent vermittelte Gefühl einer strikten Ausweglosigkeit. Es gab nun einmal (für den gleichsam eindringenden Beobachter oder Besucher dieser Grässlichkeiten) kein Zurück mehr. Der Spruch über dem Eingangstor zu Dantes Inferno verwirklichte sich hier auf das Getreulichste: Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate! („Lasst jede Hoffnung, die ihr mich durchschreitet!“, Inferno III, 3.)

Sei es nun Strafe oder freiwillig auf sich genommene Tortur aus unbändigem Interesse (immerhin kommen vermutlich wesentlich mehr Menschen durch eigene Neugier zu Schaden als durch die Nachstellungen noch so böser Mitmenschen!): Man musste ganz einfach immer weiter vordringen, hinein und immer weiter hinein in dieses völlig verrohte System geballter Scheußlichkeiten – sowohl auf dem Gebiet der Architektur als auch auf dem des Interieurs. In dieses Super-Inferno, diesen wahren Un-Ort der Angst und des Schreckens.

Egal übrigens, ob man aus Neugier oder gezwungenermaßen an diesen schaurigen Ort gekommen war. Freiwillig also oder, weil einen irgendein höllischer Algorithmus als Zufallsopfer erwählt oder jemand womöglich dazu verurteilt hatte …

Immer weiter vordringen musste man, längst in einen tödlichen Sog geraten, dem man nicht mehr widerstehen konnte, vordringen und eindringen in diese Hölle, deren penetrante Optik noch durch die fürchterlichste akustische Pein ergänzt wurde, die sich aus unsichtbaren Geräuschquellen über den – hier gezwungenermaßen zum Betrachter und Hörer degradierten – Besucher ergoss. Über einen Gast – vielleicht sogar einen solchen des bösartigen, antik-fabulösen Prokrustes? -, einen Gast, der in Wahrheit einem bedauernswerten Delinquenten glich. (Bloß, dass ihn niemand bedauerte …)

Zur peinigenden optischen Folter, die allein schon der Anblick der fürchterlichen architektonischen Auswüchse sowie der adäquat furchteinflößenden Ausstattung im Inneren bedeutete, kam also noch eine entsprechende musikalische hinzu. Übertriebene Lautstärke steigerte dabei ein Hör-Chaos, das sowohl herkömmliche (im weitesten Sinn irgendwie noch der Harmonie zuzuordnende) Klänge als auch solche umfasste, die vermutlich aus atonalen Bezirken stammten und aus Bereichen herüber drangen, in denen lediglich übelst tönende Geräuschteppiche und Lärmkaskaden erzeugt wurden. Insgesamt ein Hör-Inferno, das jedes noch irgendwie des Mit-Leidens fähige Ohr bis zum Wahnsinn hin drangsalierte.

Fürchterlich verzerrte Motiv-Fragmente aus Richard Wagners verqueren Germanen-Kult-Opern in Kolossal-Besetzung, gekreuzt (oder besser: verschnitten) einerseits mit sogenannter Volkstümlicher Musik obskurster Herkunft, anderseits mit enervierend lautem Heavy-Metal-Sound auf arg missbrauchten E-Gitarren und knapp bis zum Bersten gedroschenem Schlagzeug-Equipment und drittens mit höllisch groovendem Punk-Pop, der aus überpegelten Mischpulten quoll: Das alles geriet hier zu einer bedrohlichen Ohren-Hirichtung.

Und wieder die Farben! Hatte der unmittelbar vorhergegangene, halbwegs in meckerndem Blau, irgendwie hitzig-schnattrigem Rot sowie in weitestgehend schreiend-ausfransendem Grün gehaltene und mit skurrilen Erkern und Nischen, skurrilen Stuckaturen, hässlichen Gips-Putten und dämlich grinsenden Atlanten sowie besoffen-verwüstet wirkenden Bacchus-Statuen ausgestattete Saal schon eine Zumutung schlechthin bedeutet (und waren auch die Räumlichkeiten vor jenem alle ein wahrer Ausbund an farblicher wie inhaltlicher Bestrafungen jeglichen, noch einigermaßen funktionierenden ästhetischen Empfindens gewesen), so schienen sich die Kuratoren dieser mehr als bloß skurrilen Ausstellung (Leistungsschau nannten es der fadenscheinige Bürgermeister, seine Entourage und sein näheres Beamten- und Sachbearbeiter-Gesindel ziemlich großmäulig) im Folgenden schlechterdings nochmals überbieten zu wollen: In abwechselnd fad-gold-rosa-farbenen sowie glucksend-himmelblauen, in schäbig-verwaschenem Mint gehaltenen und, alternierend dazu, in giftgrün-gesprenkelten, Anthrazit-konturierten Pseudo-Kaskaden fielen da, zentral gebündelt und vermutlich ganz oben, in der Kuppelverstrebung, verknotet, diverse, mit Sicherheit zwar sündhaft teure, dafür aber völlig geschmacklose Stoffbahnen (aus gold-druchwirktem Brokat, aus Samt, Seide und ähnlichem Gewebe) von der hohen weißen Betondecke dieses zylinderartigen Gebäudeteiles herab.

Die in sich abermals abgeeckte Röhre, die dieser Innenraum in Wahrheit war, bildete ihrerseits den Zentralteil des zwölf-, dreizehn- oder vierzehn-eckigen Riesengebäudes und musste ursprünglich wohl einmal als Lichtschacht beachtlichen Ausmaßes geplant gewesen sein. Jetzt freilich durch eine Glaskuppel und außerdem durch indirekte Beleuchtung mit – zugegeben: – raffiniertem Licht gespeist, wuchs dieser bedrohliche Schacht aus dem ekeligen Komplex hervor wie die Einlösung eines Fluchs.

Allein schon die abgeschrägten Oberlichten, ihrerseits segmentiert durch silbrig-glänzende Streben, die mit einiger Sorgfalt, wie es schien, gefertigt waren aus Chrom oder einem anderen schwer-versiegelten Metall, bestraften den zaghaften Blick – so er überhaupt von den zuvor beschriebenen mächtig-fetzigen Stoffbahnen da und dort ermöglicht wurde – im Grund allein schon durch ihre architektonische Schäbigkeit. Denn bei allem Aufwand, und das war an diesem ganzen Architektur-Inferno wahrscheinlich das Erstaunlichste überhaupt, handelte es sich hier eindeutig doch bloß um – fürchterlichen Plunder. Um Tand. Um Tinnef. Um grindigsten Schund. Grindig, wenn auch womöglich extrem teuer …

Ja, warum das alles? Und – wozu? (Wenn es letztlich ohnedies nichts wert war?!)

Nun, der fadenscheinige Bürgermeister hatte sich hier (bei Lebzeiten schon) eine Art Mausoleum errichten lassen. Dieser eingebildete Pharao, dieser verhinderte Weltenherrscher und selbsternannte, gottähnlich-universelle Lenker! In Wahrheit – ein nichtswürdiger Zwerg! Ein Gnom in Geschmacksfragen und ein auf Vertreter-Charme hin getrimmter Kleingeist übelster Sorte. O ja, er hatte vermutlich tatsächlich längst schon verfügt, dass seine Beamtenschaft – nach seinem Ableben – mit ihm hier mit-eingemauert werden solle.

Dieser Gedanke versöhnte Kelvin, den nunmehr 12jährigen Enkel des Konstantin und Sohn des Hermann Biberherz, für kurze Zeit mit dem Gesehenen (oder Geträumten) ein wenig.

Ja, doch! Dass er sich dereinst auch einmal das ihm so erstrebenswert scheinende Bürgermeisteramt von A*** erwürbe, das war ihm längst klar! Ein Ziel, dessen Erreichen freilich notwendigerweise noch des entsprechenden Weges bedurfte …

Fest stand immerhin, dass in nicht mehr allzu ferner Zukunft sein Aufstieg zum Bürgermeister von A*** zu erfolgen habe. Punkt. Bürgermeister wollte er nun einmal werden. Bürgermeister, wie vor ihm schon Opa und Papa. Hier, in A***, wo zwischendurch noch der Geist des fadenscheinigen Onkel Bürgermeisters herumgeisterte, von dem immer wieder (und irgendwie geheimnisumwittert …) innerfamiliär die Rede war. Im Flüsterton …

Solche hehre Pläne wälzend, sollte er sich vielleicht abschrecken lassen? Abschrecken durch so ein bisschen Quasi-Geschehen, das in einem der immer-wiederkehrenden Träume (ähnlich einem ausgemacht schrecklichen, überdies schlechten Film oder Horror-Trash) vor seinem geistigen Auge ablief? Nein! Niemals!

Allerdings war das, was er da ständig wieder, in Abständen verschiedener Länge, sah, hörte und empfand, immerhin dazu in der Lage, ihm die Nächte, in denen die eindrücklichen Traumbilder erschienen, ziemlich zu verderben.

Egal. Auf ihn wartete noch Großes. (Glaubte Kelvin.)

Fortsetzung folgt!

Dachboden/Reminiszenz

Wir schreiben das Jahr 1980. Der 27-jährige Konstantin Biberherz durchforstet den überaus geräumigen Dachboden der Villa, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Grund: Die Besitzerin, seine Tante Charlotte ist kürzlich gestorben und so schließlich ihrem Mann, dem verdienten Hofrat Dr. Emil Tiefenbacher, in den Tod nachgefolgt.

Konstantin selbst, seit einigen Jahren schon unbestritten die rechte Hand des fadenscheinigen Bürgermeisters, wohnt seit ein paar Jahren in einem anderen, benachbarten Bezirk und ist zuletzt nur sporadisch auf Besuch zu seiner Frau Mama (und zur Tante, der Hausbesitzerin) gekommen. Jetzt freilich wird sich auch seine seit längerem schon kranke Mutter Lea in die Residenz „Sonnengut“, ein etwas außerhalb der Stadt gelegenes Refugium, zurückziehen, in eine freundliche Todeszone, die der fadenscheinige Bürgermeister in Wahrheit für seine eigenen Eltern und für die Verwandtschaft betuchter Freunde – selbstredend: aus Steuermitteln – einrichten hat lassen. Zwischenmieter werden in der Villa eine Heimstatt finden, bis – – –

Einige Jahre später, nämlich 1986, werden Konstantin und seine Frau Barbara (eine geborene Stiersattler), gemeinsam mit dem 1977 geborenen Sohn Hermann ihre zwischenzeitliche Mietwohnung verlassen und schließlich für immer hierherziehen.

Ein bizarres musikalisches Künstlertrio wird ihnen als Mieter erhalten bleiben.

Ein anderer interimistischer Bewohner, der verrückter Maler Igor Alexander Tambourim, vertauscht gleich im ersten Jahr seinen Aufenthalt im Haus mit dem in eine Nervenheilanstalt.

Doch nun wogt draußen erst einmal das Jahr 1980 mit knalliger Mode, entsprechender Musik, die zwischen Retro-Rock, Fusion und Techno schwankt, mit (leicht abgestandener) französischer Existenzial-Philosophie und politisch dem längst bewährten Dauerthema seit 1945 frönend, dem sogenannten Kalten Krieg.

Doch hier soll uns der weiter nicht scheren.

Angeblich aus Steuergründen, die Konstantin nie so ganz zu durchschauen vermochte, war im Grundbuch immer schon, seit er sich daran erinnern konnte (und dafür interessierte), seine Tante Charlotte Tiefenbacher, eine seit geraumer Zeit verwitwete graue Maus seltsamer Präsenz, als Besitzerin der durchaus prächtig zu nennenden Jugendstilvilla im Osten der Stadt und des dazugehörigen, baumbestandenen Grundes mit ausgedehntem, in den schönen Jahreszeiten sonnendurchflutetem Garten aufgeschienen.

Charlotte, Mutter Leas ältere Schwester, hatte bald nach der Übersiedlung der Familie von Augsburg nach A*** den späteren Hofrat Emil Tiefenbacher kennen (und lieben, wie es so schön heißt) gelernt. Der allseits weitgehend beliebte Onkel Emil war höherer Beamter beim Land. Und trotz seiner Weltfremdheit (die in anderen Belangen tatsächlich vorherrschte und sogar in mancher Anekdote verewigt ist) hatte er rasch erkannt, dass sein Schwager, Ernst Biberherz, alles andere denn ein gewiefter Geschäftsmann sei. Daher wohl war dem wohlhabenden Juristen im Landesdienst – mit eigenem und ererbtem Vermögen – so viel daran gelegen gewesen, dass die prachtvolle Villa mit dem großen Grund unter dem Namen seiner Frau Charlotte erworben werde. Doch erkrankte der brave Staatsdiener, ohne auch davon viel Aufhebens zu machen, in noch relativen jungen Jahren und starb, wie er gelebt hatte: wenig glamourös, im Jahr 1965.

Immerhin hinterließ Emil seiner Frau Charlotte ein stattliches Vermögen. Und einen üppig sortierten Weinkeller. Schlecht, ganz wie es sich Onkel Hofrat Emil ausgemalt hatte, gingen in der Zwischenzeit die Geschäfte von Konstantins Vater Ernst, die, zugegebenermaßen, von Beginn an nicht so gelaufen waren, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte. Ernst war sich im Gegenteil dessen sicher gewesen, mit seiner zoologischen Handlung – Tiere waren nun einmal seine Leidenschaft von Kind auf – und besonders mit der vielversprechenden Wellensittichzucht das Glück seines Lebens und das seiner Familie zu machen! (Zuvor waren allerdings schon ambitionierte Versuche als Student der Medizin, bei der Eisenbahn und im Kurzwarenhandel eher kläglich gescheitert.)

Ernst Biberherz war, das Talent dazu hatte er von seinem Vater Adalbert ererbt, letzten Endes ein großer Träumer gewesen. Nicht nur, was die Sittiche betraf. Aber besonders darin. Der erhoffte Vögel-Boom blieb nämlich aus, und der „Zoofachhandel Biberherz & Co.“ schlitterte in den 1960er Jahren sukzessive in die roten Zahlen.

Kredite konnten nicht rückerstattet werden, man musste Tier-Lieferungen und sogar die laufenden Zahlungen für das Tierfutter sowie die für diversen Zubehör, für spezielle, auch reisetaugliche Käfige und originelle Spielsachen et cetera, schuldig bleiben. Kurz: Alles ging, erst langsam, dann beängstigend rasch, den Bach ‚runter.

Zu allem Überfluss beschiss dann noch der Kompagnon, ein düsterer Geselle namens Alexander W. Klauenberg, Konstantins Vater auf unverschämte Weise. Freilich, Klauenberg setzte sich rechtzeitig ab, und das Jahr 1969 brach schon in voller Wucht über Vater Ernst als solistischen Entrepreneur herein. Das brachte denn auch das endgültige Aus für den mit soviel Engagement und Freude betriebenen Zoofachhandel. Und Ernst Biberherz blieb, bildlich gesprochen, auf seinen munteren Goldfischen und den japanischen Minikarpfen, auf den entzückenden jungen Hunden, auf den allerliebsten Katzenbabys und auf den Hunderten von blauen, gelben und grünen Wellensittichen sitzen.

Da erhängte er sich – auf dem Dachboden der Villa.

Offiziell hatten Konstantins Eltern, Ernst und Lea Biberherz (sie war eine geborene Hillinger), hier, in der Villa, also nur zur Miete bei Leas ziemlich verschrobener Schwester Charlotte und ihrem, bald schon zum Hofrat avancierten Mann Emil gewohnt. (Doch der hohe Landesbeamte war, wir erwähnten das schon, im Jahr 1965 gestorben.)

Dann, nach dem Tod des Vaters hatten dann überhaupt nur mehr er, Konstantin, seine Mutter und seine beiden Schwestern hier bei der Tante gelebt. Konstantins ältere, auch weiterhin unverheiratete Schwester Cornelia war noch in Augsburg zur Welt gekommen, woher die Familie gegen Ende des Jahres 1949 hierher übersiedelt war. Bibiana, das jüngste der Kinder, war, so wie er selber, freilich schon in A*** geboren. (Konstantin gehörte übrigens dem [zumindest zahlenmäßig bedeutsamen] Jahrgang 1953 an.)

Doch, noch eine halbverwelkte Verwandte gab es da, die allerdings in einem anderen Stadtteil wohnte: Mutters und Charlottes (Stief-)Cousine Caroline, eine geborene von Traunkorff, die jedoch (inzwischen längst geschieden, immer noch) Rüsch hieß. (Ihr Ex-Mann, den sie noch in München als jungen charmanten Assistenten an der Maximilians-Universität [philosophische Fakultät, Ordinariat für allgemeine Geographie] kennengelernt hatte, war zwar unter den Nazis damals sehr rasch zum Professor [für arische Geographie oder so ähnlich] avanciert. Doch hatten sich die Eheleute, wie es so schön hieß, bald schon nichts mehr zu sagen. [Der wahre Grund war freilich ein anderer: Dem Herrn Professor Martin Rüsch kam seine angeheiratete Sippe politisch zu wenig zuverlässig vor …])

Ganz allgemein lebte vieles aus der Familiengeschichte, obwohl deren Anfänge noch um einiges weiter zurück gingen (und nach Ostpreußen, Pommern und München, aber auch ins Altösterreichische, nämlich nach Galizien und nach Wien), in der Villa fort. Und jetzt, 1980, gerade hier, auf dem Dachboden, begannen die Schatten der Vergangenheit wieder so richtig aufzuleben. Zumindest einen spätherbstlichen Nachmittag lang, der mit seiner seltsamen schweren, gold-braunen Sonne (von geringer Wärmewirkung) und den eigenwilligen Schatten die schon leicht modrige Stimmung unterstrich.

Episoden aus der schier barocken, zumindest über-üppigen Familiengeschichte lebten wieder auf, zwischen Gerümpel und Dingen von Wert, die sich da in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt hatten. Und: Konstantin vermöchte, das konnte mit Sicherheit angenommen werden, längst nicht alles entfernen, was womöglich nicht mehr relevant war. (Außerdem: Was ist auf einem alten Dachboden überhaupt nicht relevant?!)

Die so oft vernommenen Erzählungen der Eltern (vor allem der Mutter, Lea) manifestierten sich jetzt beinahe figural: Da trat der würdige Großvater, Bauingenieur Adalbert Biberherz, den Konstantin nur von Fotografien her kannte, aus einer dunklen Ecke … Da reichte Oma Henriette ihre welke Hand gnädig zum Kuss … Vornehm, spitzenumrüscht und brokaten … Sie war immerhin eine Geborene von Platen-Hallermünde gewesen. Wobei sich die Familie indes nicht direkt auf den bekannten Schriftsteller August Graf von Platen-Hallermünde berufen konnte, der mit Heinrich Heine in prominentem Streit gelegen war. (Im Zuge dessen hatte, wie vielleicht noch erinnerlich, der satirische Meister der Romantik den Kollegen aus Ansbach in seinen Reisebildern „Die Bäder von Lucca“ [1830] wegen dessen allgemein bekannter homoerotischen Vorlieben als warmen Bruder bezeichnet.) Nein, Henriette entstammte einer verarmten Nebenlinie. Aber immerhin.

Vergleichsweise wenig wusste Konstantin über die Hillinger-Linie aus Wien, also über die Eltern und die sonstigen Verwandten seiner lieben und verehrten Mutter Lea. Da musste es wohl in der Vergangenheit gröbere Verstimmungen gegeben haben.

Der Großvater und die ganze Familie (Vater Ernst war damals neun Jahre alt) mussten nach Hitlers Machtergreifung 1933 von München, wo Opa Adalbert Biberherz, der im Allgemeinen als leutselig und niemals um eine Pointe verlegen geschildert wurde, lange Zeit schon in einer großen Baufirma beschäftigt war, nach Augsburg übersiedeln. Er hatte sich nämlich mit den Nazis angelegt. Und das schon, als die gerade im Kommen gewesen waren.

Und er zog eindeutig den Kürzeren.

In Augsburg hätte die Familie über einen entfernten, doch einigermaßen angesehenen Verwandten fast Aufnahme in der Fuggerei gefunden. Doch scheiterte das Unterfangen an der Religion: Denn die – laut Google – älteste Sozialsiedlung der Welt, anno 1521 gegründet von Jakob Fugger dem Reichen, mit ihren 67 Häusern und 140 Wohneinheiten, war und ist ausschließlich für katholische Augsburger Bürger reserviert. Pech: Die Familie Biberherz war eindeutig protestantisch. (Auch wenn man das mit der Teilnahme am religiösen Leben in den diversen Pfarren in Wahrheit eher liberal handhabte.)

Doch man konnte sich schließlich noch ganz in der Nähe einmieten – und bekam nichts desto weniger den Luftangriff der Royal Air Force von Februar 1944 voll zu spüren, der zwei Drittel der Fuggerei zerstörte.

In Augsburg hauste die Familie Biberherz freilich ziemlich frustriert und in eher ärmlichen Verhältnissen, was sich besonders Opa Adalbert zusätzlich auf das Gemüt schlug. Es wurde auch immer wieder ernsthaft eine neuerliche Übersiedlung ins Auge gefasst. Doch wagte letzten Endes erst Konstantins Vater, der Kleintier-affine Ernst – gemeinsam mit seiner Frau Lea sowie Tochter Cornelia (und den Tanten Charlotte und Caroline) nach dem Tod Adalberts und Henriettes – den nächsten Schritt, nämlich im Jahr 1949 nach Österreich zu übersiedeln.

Warum ausgerechnet nach Österreich? Nun, Ernsts Gattin Lea, eine geborene Hillinger, stammte, wie schon erwähnt, aus Wien. Streitigkeiten hatten sie jedoch aus der zerbomten Donau-Metropole, der Stadt des Dritten Mannes, nach Augsburg verschlagen, wo eine entfernte Cousine lebte.

Nicht nach Wien also, dorthin, wo die Wiege der Mutter gestanden war, sondern nach A*** übersiedelte letztlich das Ehepaar Biberherz. Hier lebte man mit Tochter Conny und Tante Charlotte zur Miete bei einem alten Professorenehepaar im Osten der Stadt, wo Villen das architektonische Bild beherrschten und Mietskasernen eindeutig die Ausnahme waren.

Prof. Max Schauermann und seine Gattin Florentine waren leutselige und entgegenkommende Vermieter. (Wobei Schauermanns einziges Manko vielleicht sein unbändiger Drang war, andauernd Goethe-Zitate abzusondern. Schon am Vormittag begann das mit Gedicht-Partikeln, die der ehemalige, sicherlich verdienstvolle Deutschlehrer an einem Gymnasium da fast im Minutentakt von sich gab. Ab Mittag folgten dann wahlweise Piecen aus „Torquato Tasso“, aus der „Natürlichen Tochter“ sowie aus der „Iphigenie“. Manches Mal auch aus dem „Götz von Berlichingen“. Der Abend schließlich war „Faust“ vorbehalten. Und zwar der Tragödie erstem wie auch zweitem Teil …)

Doch auf Dauer wurde, besonders als 1953 dann Konstantin zur Welt kam, der Raum in der Gründerzeit-Villa denn doch zu eng.

Und Goethe in Permanenz enervierte zudem ein wenig.

Doch just damals lernte Tante Charlotte ihren Emil Tiefenbacher kennen.

Der Rest steht weiter oben.

Was mit den Schwestern Cornelia und Bibiana geschehen ist (die uns, zugegeben, hier nur am Rande interessieren)? Nun, Bibiane verschlug es Jahre später tatsächlich zum Studium nach Wien, da ein alter Verwandter Leas, ein gewisser Onkel Michael, schon Anfang der 1950er gleichsam zaghafte Versöhnungssignale nach A*** ausgesandt hatte.

Der Tenor dieser dezenten Botschaften der innerfamiliären Annäherung lautete: Sollte man nicht besser einmal einen Schlussstrich ziehen und das Vergangene endlich vergangen sein lassen? (Dass besagter Michael sogar in der Wortwahl ziemlich identisch das aussprach, was auch die österreichischen Altnazis nun mehr zu fordern begannen, soll hier nur der Kuriosität halber erwähnt werden. Während die nämlich noch von Sozialisten wie Konservativen, also von SPÖ wie ÖVP, nach allen Regeln der politischen Kunst als Wahlvieh umworben wurden, hatten sich die Ehemaligen selbst längst auch schon [bildlich gesprochen] um diverse gesinnungsgenossenschaftiche Lagerfeuer geschart. Und diese ganz spezielle Geselligkeit gebar bald schon den Verband der Unabhängigen (VdU), die spätere FPÖ.)

Also zog Bibi Anfang der 1960er Jahre, nach Wien, wo sie in der geräumigen Wohnung eines Cousins und seiner Frau, bei Rudi und Martha, unterkam.

Und Cornelia, die, wie schon erwähnt, noch in Augsburg geboren worden war, zog es um 1970 herum erneut dorthin. Wie das Leben so spielt, war es ihr gelungen, anlässlich eines Urlaubs (einer Spurensuche, wie sie es nannte) über eine frühere Freundin aus der Augsburger Grundschule, eine gewisse Bärbel Knoll, Kontakt zu einem Nachkommen des Geographie-Professors (aus Nazi-Zeiten) und Ex-Mannes von Tante Caroline, Martin Rüsch, zu knüpfen. Und Rüsch-Sohn Gernot, ein angehender Tierarzt in Augsburg, entbrannte auf Anhieb für die immerhin sehr entfernte Verwandte. Et cetera.

Fortsetzung folgt!

Die blonde Barbara

Doch wir schreiben noch immer das Jahr 1980. Der 27-jährige Dr. Konstantin Biberherz durchforstet also den geräumigen Dachboden der Villa seiner verstorbenen Tante Charlotte Tiefenbacher. In ein paar Jahren wird er dann überhaupt wieder (doch das haben wir weiter oben schon vorausschauend verraten), jetzt gemeinsam mit seiner Frau Barbara, in das Jugendstil-Gebäude seiner Kindheit einziehen. Ja, mit Barbara und mit dem im Jahr 1977 geborenen Hermann, mit ihrer beider Sohn und Stammhalter. (Übrigens sind auf den verwöhnten Sprössling im Dreijahresrhythmus noch Bruder Ewald und Schwester Senta gefolgt. Doch die interessieren uns im weiteren Verlauf dieser Geschichte kaum.) Auf tierischer Seite wechseln die beiden Kater Gurnemanz und Parzival sowie die Katzen Kriemhild und Sieglinde mit ihrer menschlichen Herrschaft hierher. Außerdem die Dogge Pürzl. Doch auch den Tieren gilt unsere Aufmerksamkeit diesmal weniger. [Entschuldigung! Aber vielleicht ein anderes Mal?!])

Mit seinen Rückenschmerzen, die ihn schon seit geraumer Zeit immer wieder quälten, hatte Konstantin bald schon gelernt, einigermaßen pragmatisch umzugehen. Wie er überhaupt fast alles pragmatisch zu lösen vermochte, was sich möglicherweise als Problem bei ihm anmeldete oder zuletzt sogar einstellte. Die Schmerzen waren etwas, das er zwischendurch, wenn ihn andere entsprechend eindrucksvolle Dinge ablenkten, durchaus zu vergessen vermochte. Zumindest für kurze Zeit.

Irgendwie beneidete er, wenn es seine nach oben gewanderte Achillesverse (wie er, anatomisch äußerst gewagt, seine Rückenschmerzen nannte) besonders arg trieb, ja, irgendwie beneidete er seinen Vater Ernst: Der hatte zwar, so lange Konstantin sich zurückerinnern konnte, auch andauernd mit allen möglichen Sorgen zu kämpfen gehabt, besonders in Zusammenhang mit seinen pelzigen, Flossen-bewährten und gefiederten Freunden, seinen die zoologische Handlung bevölkernden Tieren. Und mit seinem betrügerischen Kompagnon, mit Alexander Wolfgang Klauenberg.

Klauenberg … O ja, Ernst Biberherz hatte einen imponierend hohen Berg an gewaltigen Sorgen mit sich herumgeschleppt. Bevor die Tierhandlung dank des kriminellen Geschäftspartners in Konkurs und Ernst, den Strick in der Hand, final auf den Dachboden ging … Mit nicht einmal 50 Jahren …

Und Konstantin gedachte dann oft der vielen liebenswerten Tiere seiner Kindheit. Der Hunde und Katzen, Hamster, Meerschweinchen und Goldfische, vor allem aber der Masse an Wellensittichen, die in allen Farben funkelten und strahlten und enorm altklug wirkten in ihren meist gedämpften Gesprächen zu kleinen Gruppen.

Was ihm – neben schönen Erinnerungen daran – noch geblieben war? Seine schier peinigenden Rückenschmerzen. Seine Bandscheiben waren früh schon im Eimer, was ihm auch die eifrig konsultierten Mediziner bestätigten. Die verrutschten Bindevorrichtungen verursachten indes Vorfälle. Und wenn auch Injektionen Linderung brachten, die traurige Gewissheit blieb: Mancher Vorfall würde unweigerlich noch folgen. Doch wie hatten seine Eltern immer wieder einen alten jüdischen Freund von Opa Adalbert zitiert: „Es gibt nix Schlechtes, was nicht hat a Gutes …“ Und wenigstens ein positiver Aspekt von Konrads früh schon ausgebrochenen prekären Rückenangelegenheiten war immerhin, dass er anno 1971, nach der bestandenen Matura, anstandslos von der Wehrpflicht befreit wurde.

Doch gab es immerhin auch sonst noch Angenehmes zu vermelden, zwischendurch. Zum Beispiel – Konstantin und Barbara. Ja, Konstantin und Barbara!

Er Brillenträger von klein auf, sie blond.

Nun, zwischen seinen Brillen und ihrer Haarfarbe korrespondierte zwar wenig. Immerhin aber standen ihre Temperamente in leicht krausem Kontakt zu einander.

Als er knapp zweiundzwanzig gewesen war, hatten sich die beiden kennengelernt, in der Mensa der Universität. Sie war ein paar Jahre jünger als Konstantin, der Student der Rechte. Barbara: die erst- (oder zweit-)semestrige Romanistin und Historikern. Tipp, topp.

Ach, was waren sie doch jung gewesen!

Einige sexuelle Erfahrungen hatten sie beide zwar schon gemacht gehabt. Logisch. Die Moral (oder was man dafür hielt [und ganz allgemein immer wieder hält]) präsentierte sich ja längst nicht mehr ganz so verkorkst wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Hier mochten einerseits das Ende des auch diesbezüglich fürchterlich engstirnigen Nazi-Regimes und die immerhin einiges aufweichende Besatzungszeit eine Rolle gespielt haben. Zum anderen hatte mit Beginn der 1960er Jahre ein neues Lebensgefühl im „Beatles“-Sound und in dem der „Rolling Stones“ eine ganze entsprechend aufnahmebereite Generation ergriffen.

Wozu die knapp zuvor unversehens wild alles überschwemmende Flutwelle des Rock’n’Roll mit Elvis Presley, Bill Haley, Ted Herold, Peter Kraus & Co. freilich auch das Ihre beigetragen hatte. Da waren endlich eine Musik und ein Tanz, die es, der Schrecken der meisten Eltern, spielend und im Nu schafften, gleichsam zum Monopol der Jugend zu werden. Ein durchaus erregender, den Beischlaf wenn schon nicht initiierender, so immerhin fördernder oder mindestens: symbolisierender, überaus Körper-intensiver Tanz. Ein Tanz als Orkan der Bewegungen. Und eine Musik als einschlägiger Einführungsunterricht ins Leben, in die Liebe und außerdem voll im neuen Zeitgeist

Dann das ominöse Jahr 1968! Auch wenn es sich hierorts, in A***, sogar in studentischen Kreisen, längst nicht so spektakulär gebärdete wie etwa in Paris, Berlin und München; und auch wenn die politischen Aktionen sogar in Wien (sieht man vom einigermaßen nachhaltigen Kunst-Aktionismus einmal ab) von enden-wollender Wirkung gekennzeichnet waren: Immerhin gab es da manchen Anstoß. Manchen Denk- wie Gefühlsanstoß, übrigens.

Wenn also die politische Wirkung großteils auch nur für kurze Zeit anhielt und sich mancher Sturm alsbald bloß als brustschwacher Windhauch entpuppte, war immerhin quasi eine Saite angerissen worden, gesellschaftlich.

Es reichte natürlich längst zu keiner Revolutions-Symphonie, doch konnte man da einen immerhin etwas raueren Klang heraushören.

Gleichzeitig war jetzt mit einem Mal ein neuer, ein aufmüpfiger Anti-Refrain zum ewig-gleich faden Lied der mit Scheuklappen schuftenden Leistungsgesellschaft, zur hingeleierten Eintopf-Serenade der Ausbeuter und der Ausgebeuteten also, deutlich zu vernehmen. Ja, verdammt: laut und deutlich!

Wenn diese Musik auch nicht durchwegs sonderlich animierend klang, besser als nichts war es allemal. Zudem ging es nicht bloß um Klang und Lärm. Es lauerte weit mehr dahinter. Und manches stand auf dem Spiel …

Und noch etwas: Man schiss sich endlich weit weniger um Konventionen und moralische (oder gar: religiöse) Ge- wie Verbote, als sich die – in Konstantins Augen – doch noch ziemlich verzopft erzogene Vorgängergeneration geschissen hatte.

Ja, doch, man gewahrte mit einigem Erstaunen, dass man langsam aber sicher sogar diversen Versuchen, besonders im sexuellen Bereich, durchaus aufgeschlossen gegenüber zu stehen begann: Man fing an, mit Liebesspielarten (und in der Folge sogar: mit Lebensformen) zu experimentieren … Die Versuchung lockte, und die Suche nach diesbezüglichem Neuland konnte anheben. Kurz: Sex wurde langsam enttabuisiert, und sogar die Pornographie verlor einiges von ihren angedichteten Schrecken. (Freilich ging, wie weiter unten zu sehen sein wird, auch mancher [eventuell nicht so ganz unbedeutender] Nimbus verloren.)

Dann, die Tür war nun einmal einen Spalt geöffnet worden, schritt man etwas munterer weiter vorwärts. Konventionen knickten zusammen wie Kartenhäuser, Werte mussten, um überhaupt zu bestehen, erst mal hinterfragt werden. Und viele der überkommenen Vorstellungen hielten der Probe einfach nicht stand. Sie wurden entsorgt. Weggeworfen.

Freie Lebens- und Familienformen bildeten sich heraus. Die Sexualität kroch langsam aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke hervor und verlor einerseits den Nimbus des beinahe irgendwie fast schon religiös (mindestens jedoch: rituell) Entrückten, anderseits freilich auch den des Besonderen, des Nicht-Alltäglichen.

Besonders die Jugend nahm es da freilich nicht allzu genau. Man vögelte und ließ sich vögeln. Und auch was es mit Cunnilingus und Fellatio auf sich habe, war den meisten bald schon klar. So auch Konstantin und Barbara, noch bevor sie zu Konstantin & Barbara wurden. Ihr Wissen war längst kein rein theoretisches mehr. (Es fiel Konstantin daher auch schwer, das dumme Gegrinse seiner Kollegen und Freunde ansehen zu müssen, wenn die gerade erfahren hatten, dass Barbara Französisch studierte.)

Zwar hatten beide in ihrem bisherigen jungen Leben nicht so wahnsinnig viele Erfahrungen gesammelt auf dem Gebiet von Erotik und Sexualität. Doch immerhin sah, als sie schließlich ihre von Östrogen beziehungsweise Testosteron gelenkten Armaden gegen einander in Stellung brachten, der Seeschlachtplan recht imponierend aus. Das Liebes-kriegerische Ergebnis fiel dann allerdings erwartungsgemäß eher chaotisch aus. Doch wen wundert das in hochexplosiven amourösen Angelegenheiten. (Immerhin werden in der Liebe im Allgemeinen erst die Waffen ausgepackt, später mögen dann diplomatische Verhandlungen beginnen …)

Um hier eines nochmals klarzustellen: Weder hätte man Konstantin als Weiberhelden, noch Barbara als Messalina bezeichnen dürfen. Doch für ihre Ansprüche als neugierige junge Menschen genügte es durchaus, was sie an bisherigen Erprobungen auf dem Gebiet der angewandten Erotik und Sexualität mitzubringen hatten.

Nein, Konstantin hatte in der Tat nicht gleichsam die nach ihm schon lechzenden, sich nach seinem Schwanz sehnenden und verzehrenden Frauen reihenweise von den Bäumen gepflügt. Dazu schienen zu wenige Frauen überhaupt so ungebremst begierig nach ihm zu sein. Und da waren die Familien-Gene wohl dann doch zu wenig forsch eingestellt. Da fehlte es eindeutig an Zuspitzung. Nein, wie schon bei Opa Adalbert und Vater Ernst, zwei eher kommoden Liebhabern, rumorte es auch in ihm nicht à la Don Juan oder Casanova.

Aber auch Barbara hatte das Liebesfeuer nicht direkt erfunden.

Einigen wir uns darauf: Als Bettgenosse war Konstantin eher ein flauer Bursche.

Doch brannte – geradezu ein Glück für ihrer beider Beziehung – auch in den Adern Barbaras nicht unbedingt unbändiges Liebesfeuer, das vielleicht Blut gleich in Lava und vielsagende Augenaufschläge womöglich in alles versengende Waldbrände der hemmungslosen Begierde hätte verwandeln können …

Für ihre diesbezüglichen Ansprüche, das erwies sich bereits kurz nach dem Kennenlernen und während ihrer ersten, dann allerdings tat- und hauptsächlich der körperlichen Liebe gewidmeten Zeit, genügte indes, was sie einander dabei so zu bieten hatten. Nach mehr stand beiden auch gar nicht der Sinn in etwaiger wollüstiger Sehsucht. (Obwohl noch mehr Sex möglicherweise just für Konstantins Bandscheiben gut gewesen wäre … Doch da gehen die Meinungen auseinander.)

Endlich einmal jemand, der mir nicht nach fünf Minuten Kennen schon zweimal gesagt hat, dass ich der jungen Cathérine Deneuve ähnlich sehe“, hatte sie gesagt, als sie zum ersten Mal zusammentrafen. Damals in der Uni-Mensa. Und durch Zufall, wie es schien.

Du siehst der jungen Cathérine Deneuve aber gar nicht ähnlich“, hatte er erwidert.

Diese Replik wiederum war dazu angetan, sie zu amüsieren. Ja, doch. Der berühmte Funke konnte ungehindert überspringen. Und er sprang über.

Eine Lüge, eine glatte Lüge! Natürlich sah Barbara der Cathérine Deneuve ähnlich! Sehr sogar! (Wenngleich ihr Antlitz vielleicht nicht deren ganze ätherische Schönheit widerspiegelte. Eine Schönheit, die mitunter fast schon Gefahr lief, Bereiche des Faden zu streifen …)

Seine Äußerung, sie sehe der französischen Schauspielerin gar nicht ähnlich, war somit eine glatte Lüge. Und er hatte das auch bloß aus Strategie heraus gesagt.

Ansonsten – egal, wie elementar sie auch der Deneuve ähnlich sehen mochte oder nicht – standen sich, wie gesagt, ihre Temperamente eigentlich ziemlich konträr entgegen. Da lag sogar ständig eine gewisse Widerborstigkeit in der Luft. Anziehung und Abstoßung. Da gab es etwas wie Magnetismus, ja. Und das hatte etwas durchaus Prickelndes an sich.

Übrigens, auch ihre Sternzeichen boten keinerlei Anhaltspunkte für eine etwaige gemeinsame Zukunft. Und, man muss es zugeben, Barbara legte immerhin einen gewissen Wert auf diesen Punkt, wenn auch eher spielerisch. (Barbara Stiersattler machte damals noch überhaupt alles eher spielerisch und nahm vermutlich nichts so ganz ernst. Auch ihren erstaunlichen Nachnamen nicht. Doch der würde sich ohnedies im Lauf der Zeit ändern.)

Also, was sollte da wohl werden aus dieser Beziehung zwischen dem einigermaßen phlegmatischen Pessimisten mit misanthropischer Attitüde, der im Sternbild des Stiers geboren war, und der leicht depressiven, oft melancholischen, dann wieder heiteren und hoffnungsfrohen Widder-Frau, die nicht selten (und aus heiterem Himmel) von Empathie – etwa für Tiere, kleine Kinder und Mehlspeisen – schier übersprudeln konnte? Was sollte sich da tatsächlich ergeben können zwischen dem zielstrebigen, des öfteren auch arroganten, womöglich sogar die Mehrzahl der Menschen verachtenden Zyniker und dem von allen angehimmelten, nicht selten total verspielten, liebreizenden blonden Geschöpf? Dieser Persönlichkeit, die große, wertvolle Geschenke schätzte, jedoch auch zur Freude an unscheinbaren Kleinigkeiten fähig war, deren Stimmung indes jederzeit umschlagen konnte?

In Sachen Film und Kino beispielsweise waren die Französisch-Studentin und der Jurist weitestgehend d’accord. Man ging leidenschaftlich gern ins Kino, das damals gerade das erste Mal als gestorben galt, und besonders französische Streifen taten es Barbara schon allein ihrer frankophilen Haltung (und weniger, aber auch aus Gründen des Studiums) an. Während Konstantin grundsätzlich dem Medium Film gegenüber offen war.

Sie sahen tatsächlich viele Filme mit der jungen und mit der aktuellen Deneuve, die zudem immer noch sensationell aussah. Und, in der Tat, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem französischen Star und Barbara Stiersattler ließ sich nicht leugnen.

So konnten sich die beiden Jungverliebten schon an „Le Parapluis de Cherbourg“ von Jacques Demy, aber auch an Roman Polanskis „Ekel“ nicht sattsehen. Von Luis Buñuels „Belle de jour“ ganz zu schweigen. (Doch auch die späteren Filme, in denen Cathérine Deneuve agierte, etwa François Truffauts „La Dernier métro“ faszinierten Konstantin und Barbara. Und – schon lange nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1997 – noch einige Jahre vor dem eigenen finalen Abgang sah Konstantin zufällig im Fernsehen einen Film mit der Deneuve: François Ozons „8 femmes“. Und die nunmehr fast 70-jährige Schauspielerin brachte ihn erneut in Wallungen. Oder war es die Folie darüber, Barbara? Egal.)

Schwierig gestaltete sich allerdings a priori das Verhältnis zwischen Barbara und ihrer späteren Schwiegermutter Lea. Anders Stiersattlers: Da war der zukünftige Schwiegersohn anstandslos in den Familienverband aufgenommen worden. Barbaras Vater Gerhard agierte übrigens als geschäftstüchtiger, sehr umsichtiger und vielleicht ein wenig raffgieriger Generaldirektor in der von seinem alten Herrn (Georg mit Vornamen) gegründeten großen Fleisch- und Wurstwaren-Fabrik, und Mutter Agnes wirkte als umsichtige Hausfrau und leidenschaftliche Gastgeberin von opulenten Parties. Sie nahmen Konstantin also sogleich gern auf, und er war im Haus der Brauteltern stes willkommen.

Anders seine Mutter Lea: Sie versagte sich kaum einen möglichen Seitenhieb auf die junge schöne Frau an der Seite ihres geliebten Sohnes.

Die Studentin ihrerseits brachte die Ältere im Gegenzug zum Beispiel um die Freude, über die Notwendigkeit oder den Luxus zu debattieren, der im Bügeln von frischgewaschenen Herrenunterhosen bestünde. Während Lea glaubte, dass hier an eine Grundsatzfrage hausfraulicher Tugend gerührt werde, genügte der jungen Kontrahentin eindeutig schon, ungefähr zu wissen, worin sich die Waschmaschine im Aussehen vom Geschirrspüler unterscheide. Und wo sie oder er stehe. (Letztgenannter Apparat, [laut Google] in Nordamerika zwar schon um 1850 [von einem gewissen Joel Houghton noch als handbetriebene Maschine] erfunden und gegen Ende des 19. Jahrhunderts dann von einer Dame namens Josephine Cochrane weitgehend vervollkommnet, trat in unseren Breiten erst mit einiger Verspätung, nämlich in den 1970er Jahren, seinen Siegeszug so richtig an. Und Lea schwor nach wie vor auf einen Abwasch, den man per Hand erledigte.)

Anfang der 1980er hatte Konstantin in Übereinstimmung mit der ganzen Familie (auch die Schwestern Cornelia und Bibiana sowie Mutter Lea hatten ihren Sanctus dazu gegeben) ein musikalisches Dreiergespann sowie einen eigenbrötlerischen Maler als Mieter in die Jugendstilvilla im Osten der Stadt einziehen lassen. Platz gab es ohnedies genug, seit die Tante tot und Mutter in der Seniorenresidenz „Sonnengut“ untergebracht war.

In ein paar Jahren würde man, wenn dann Konstantin, Barbara und Sohn Hermann in die Villa übersiedelten – für ihn, Dr. Konstantin Biberherz, wäre es immerhin ein Wiedereinzug in die Umgebung seiner Kindheit und Jugend – sehen, ob das kuriose Trio nicht vielleicht doch zum Verlassen des Hauses zu bewegen wäre.

Der Maler war bald schon, noch im Jahr des Einzugs in die geräumige Kellerwohnung, nach einem Nervenzusammenbruch in eine einschlägige Klinik transferiert worden. Der angeblich überaus begabte Sonderling mit Namen Igor Alexander Tambourim hatte bisher ausschließlich monochrome Großformate geschaffen: schwarz-grundierte grobe Leinwände, denen er mittels Rasierklinge kaum sichtbare, Millimeter-dünne Schnitte beibrachte. (Diese Methode des Kunstschaffens musste sich wohl oder übel irgendwann ungünstig auf seinen Gemütszustand auswirken.)

Als Konstantin und seine kleine Familie dann einzogen, einigten sie sich mit dem skurrilen Trio darauf, dass die drei Musiker, die sich – nach eigener Aussage – als künstlerisches Kollektiv und als sexuelle wie soziale Einheit empfanden, einmal im Monat für eine kleine Matinee sorgen und außerdem vierteljährlich eine glanzvolle Soiree arrangieren sollten. Als Gegenleistung durften der Pianist Adrian Lurch, die Harfenistin Thesaura Blumenthal und die Meisterin auf dem Violoncello Cecile Babette Rusička-Forenaux bloß gegen Bezahlung der Betriebskosten mietfrei in der Villa logieren.

Die drei extravaganten Klangmenschen lebten ihre Kunst, aber auch ihre sexuellen Vorlieben grundsätzlich gemeinsam aus. Lurch stand allgemein im Ruf, möglicherweise ein Hermaphrodit zu sein, und die beiden Damen waren vorwiegend und aus Überzeugung heraus lesbisch. Was indes niemand anderen zu kümmern hatte. Zudem waren sie allesamt Veganer. Und: Den kleinen Hermann hatten sie von Beginn an ins Herz geschlossen.

So verlief das Leben in der Jugendstilvilla im Osten der Stadt zunächst weitgehend harmonisch. Und wenn im Frühjahr und Sommer dann aus dem ersten Stock (dort war auch der Saal, in dem die Matineen und Soireen abgehalten wurden) Musik erklang, die aus den offenen Fenstern und über den Balkon hinweg in die Umgebung schwappte, so strahlte auch sie einiges von der Gediegenheit und dem Kunstverstand der Ausübenden aus.

Sogar die Nachbarn in den umliegenden Villen freuten sich, mussten sie doch nun nicht mehr dauernd den Kultursender im Radio einschalten, wenn ihnen der Sinn nach klassischer Musik in ein wenig außergewöhnlicher Besetzung stand …

Fortsetzung folgt!

Der fadenscheinige Bürgermeister

Wir können nicht umhin, uns endlich auch den titelgebenden fadenscheinigen Bürgermeister etwas näher anzusehen. (Auch wenn es höchst unangenehm ist, sich mit dieser unerfreulichen Type auseinanderzusetzen.) Also tun wir es, hat doch der fadenscheinige Bürgermeister dereinst naturgemäß auch als quasi unschuldiges Kind begonnen. Und überhaupt: Warum auch nicht? Sogar Bösewichte sollen den ihnen zustehenden Platz finden …

Zum egomanisch-charakterlosen Kommunal-Despoten wurde der Mann erst sukzessive. Und das weniger allein aus eigener Schuld, sondern aufgrund einer (allerdings von ihm ausgehenden) Initialzündung und der bei anderen dadurch freigesetzten Sympathie, die immer wieder rasch in blinden Fanatismus umschlug, wenn er es nur darauf anlegte.

Jaja, seine – angeblich – so enorme Beliebtheit! Dass ihn viele als ein (nein: das) Idol empfanden und entsprechend adorierten! Was die Beliebtheit betrifft, die immer wieder in schier kreischende Verehrung (verbunden mit beinahe religiöser Verzückung) hinüber-taumelte, spielen freilich Abstammung, Milieu und Umgebung mit hinein; auch durchaus als diabolisch zu bezeichnende Verführungskünste obskurer Mentoren sowie die Unterweisungen durch meistenteils ziemlich sinistere Lehrmeister.

Ohne Zweifel haben erst alle die erwähnten Elemente zur Schöpfung dieses speziellen Neuesten Prometheus, dieses mittleren Monsters also, beigetragen, als welches wir ihn zuletzt schildern müssen. Trauriges Fazit: Seine (in der Tat miese) charakterliche Grundausstattung prädestinierte den fadenscheinigen Bürgermeister nämlich schlicht und ergreifend dazu, ein – nein: der – fadenscheinige Bürgermeister zu werden.

Es war ein gleichsam vorgezeichneter Karriereweg, den der fadenscheinige Bürgermeister beschritt. Und solche Schicksalspläne (wenn es denn ein Schicksal gibt …) lassen sich nun einmal nicht verhindern. Da mögen die Gründe, warum dagegen vorgegangen wird, noch so hehr und tugendsam sein. Da hilft noch so viel guter Wille nichts, der rundum, von den ein wenig intensiver fühlenden Seiten her, die es vielleicht gut meinen, entwickelt wird voll ehrlichen Bemühens. Absolut nichts. Da lässt sich einfach nichts machen. Einhalt zu gebieten, ist in solchen Fällen kaum jemand in der Lage …

Auch Alexander der Große musste Alexander der Große werden, und Nero hatte nun einmal zu Nero heranzureifen. Adolf Hitler wäre vermutlich, auch wenn er es gewollt hätte, ohne Chance gewesen, als etwas anderes zu enden denn als Adolf Hitler. Bei Stalin, Mao oder Idi Amin verhielt es sich nicht anders. Ebenso nicht bei Dracula, Attila, Iwan dem Schrecklichen oder sonstigen Prunkstücken aus den dunkelsten Legenden und aus der realen Weltgeschichte.

Der fadenscheinige Bürgermeister war es freilich auch – meistenteils zumindest – zufrieden. Wie es war, schien es ihm passend zu sein. Wenn ihm schon die Rolle des von seinem schleimigen Gefolge angehimmelten Tyrannen (zumindest auf Stadtebene) zugefallen war, so wollte er sie immerhin nach schlechtestem Wissen und Gewissen ausfüllen.

Er wollte der sein, als welcher er angesehen (sic!), eingeschätzt und letztlich, daraus folgernd, auch angebetet wurde.

Sogar ganz am Ende, am Zenit seiner Selbstherrlichkeit und Machtfülle, als ihn die Hybris bereits totaliter in ihrem Würgegriff hatte, empfand er sich immer noch als selbstloser und überaus ehrenwerter Diener der Kommune.

Er fühlte sich zudem wohl in seiner reichlich obskuren Rolle, die ihm längst zu einer Art zweiter Haut samt zweitem Gewissen geworden war. Zu einer Tarnkappe auch, die ihn jedoch nicht etwa unsichtbar machte (wie man das von solchen Geräten gewohnt ist), sondern ihm ihrerseits die Dinge, wie sie wirklich waren, quasi hinter einen dichten, undurchsichtigen Schleier verrückten. Ihm fehlte bei so viel Anhimmelung bald schon total der Durchblick.

Seine zweite Haut diente ihm solcherart als Tarnkappe der Relativierung von Gut und Böse. Dem prächtigen Utensil der Vernebelung stand ihrerseits die fanatische Liebe seiner Speichel-leckenden Entourage und seines größtenteils dummen Gemeindevolks optimal zu Diensten.

Übrigens …

der fadenscheinige Bürgermeister verfügte, so haben wir das nun einmal beschlossen, unter Berücksichtigung seiner ganzen charakterlichen Schäbigkeit, auch besser erst über gar keinen Namen. (Einen solchen mag ihm jeder, der unbedingt will, selber und nach eigenem Gut- [oder Schlecht]dünken verpassen.) Er war schlicht und ergreifend – der fadenscheinige Bürgermeister von A***. (Sie sehen: Auch die Stadt wollen wir besser nicht identifizieren. Glauben Sie mir bitte, es steht nicht dafür. Außerdem gibt es sowohl die Stadt als auch den fadenscheinigen Bürgermeister fast überall in ähnlicher Ausführung …)

Dass der fadenscheinige Bürgermeister ein ausgemachter Widerling war, hätte ohne Zweifel allein schon aus dem Umstand seiner umfassenden, schier grenzenlosen Akzeptanz durch fast alle Schichten der Bevölkerung geschlossen werden können. Dabei fiel auf, dass nicht nur geistig dumpfe und wenig oder völlig un-gebildete Leute alsbald gleichsam ihren Narren an ihm gefressen hatten. Nein, sogar die sogenannte Intelligenz (und in Spuren war die sogar in A*** vorhanden!) fand den fadenscheinigen Bürgermeister – zumindest – soweit irgendwie in Ordnung; wenn ihm nicht sogar just aus diesen Kreisen (vermutlich allerdings nicht ohne Berechnung) sozusagen: die Herzen zuflogen wie einem Popstar.

Frauen wünschten sich liebend gern Kinder von ihm (obwohl er ohnedies über eine [wenn auch eher nichtssagende] Familie verfügte), andere Ortsvorsteher-Kollegen stritten sich um seine Gewogenheit und lechzten geradezu nach seinem Ratschlag. Jeder von ihnen mochte am liebsten so sein, wie er, der fadenscheinige Bürgermeister. Und gleichsam en miniature waren einige von ihnen das auch bald schon … Denn bei aller solennen Einzigartigkeit, der fadenscheinige Bürgermeister war letzten Endes nicht allein. Von dieser Spezies gab es immer eine erkleckliche Zahl. Eine größere zumindest, als man denken mochte.

Der fadenscheinige Bürgermeister erwies sich schon am Beginn seiner (nun tatsächlich quasi im Nebel liegenden) Karriere als ein wahrer Mister der Verpackung. (Auch wieder so eine praktikable Variante des Tarnkappenprinzips!)

Einerseits verstand er es, seinen angeblich geliebten Bürgern, Bitteres und Unangenehmes (wie zum Beispiel vergleichsweise auch so Banales wie lästige Gebührenerhöhungen, ein ärgerliches Mehr an Abgaben et cetera) entsprechend zu versüßen und solcherart Scheiße, sozusagen: in Zuckerguss verpackt, zu servieren.

Anderseits blendete er, um seine miesen Machenschaften entsprechend zu kaschieren, rhetorisch durchaus geschickt dekorative Übertöpfe vor, wenn es galt, seine speziellen Blumen des Bösen an den Mann und an die Frau zu bringen.

Kurz: Der fadenscheinige Bürgermeister verkaufte, wenn es darauf ankam, auch stinkenden Abfall, rauchenden Kompost und schimmligen Plunder als wohlfeile Gelegenheitsware. Und er zauberte aus weit überteuertem Sondermüll adrett verpackte Beinahe-Geschenke.

Zudem trat er, durchaus glaubhaft und wirkungsvoll, ausgesprochen leutselig und volkstümlich auf. Er schüttelte da (wen es sein musste: auch schmutzige) Hände, wusste dort, quasi auf Anhieb, an sich unwichtige Namen, Lebensläufe und Interna irgendwelcher weitestgehend inferiorer Bürger. Ja, und das wunderte seine Umgebung besonders, er konnte sogar mit Anekdoten aufwarten, die irgendwelche uninteressante Leute betrafen …

O das konnte er.

Zu einer der anrüchigsten Aktionen kam es, als der fadenscheinige Bürgermeister, der den Zenit seiner Karriere schon überschritten und sich vermutlich längst in den Fängen der Hybris befunden hatte, eine blutjunge Medizinerin namens Angelika Glanz – keineswegs ohne Hintergedanken – in deren beruflichem Vorwärtskommen mehr als bloß forcierte. Der längst schon größenwahnsinnig gewordene, allmählich merkbar senil werdende, ja: eigentlich sukzessive vergreisende Stadtobere hievte am Beginn der 1980er Jahre die rassige junge Frau mit dem feurigen Blick, den tiefschwarzen Haaren, dem Bombenbusen und den schier unendlich langen Beinen dank seines alles bestimmenden Einflusses stante pede auf den bestens dotierten Posten der Leiterin der wichtigsten Gesundheitseinrichtung der Kommune.

Wenig später stellte sich dann allerdings heraus (und das war äußerst peinlich und hatte ein ziemliches Köpferollen im Umfeld des fadenscheinigen Bürgermeisters zur Folge), dass Frau Glanz – ab nun gern als die falsche Glanz apostrophiert – über gar kein Doktordiplom in Medizin verfügte, geschweige denn über notwendige Nachweise irgendeiner klinischen oder sonstigen einschlägigen Approbation. (Allerdings war sie im Rotlichtmilieu bestens eingeführt und hätte entsprechende Beweise ihrer diesbezüglichen Fähigkeiten jederzeit und ohne viel Aufwands erbringen können.)

Der Bürgermeister freilich verstand es, sich sogleich (wie überhaupt immer wieder und einem entsprechend imprägnierten Regenschutz nicht unähnlich) von jeglichem potenziellen Makel reinzuwaschen. Er konnte sich in gewohnter Weise abputzen, wie es so schön heißt. Während rund um ihn herum die oben angesprochenen Köpfe im Rang von Senatsräten und Abteilungschefs nur so purzelten, diverse Personalrochaden getätigt wurden und man irgendwelche Sündenböcke zuhauf an die Schlachtbank lieferte.

Sein Faible für attraktive Frauen schlug sich übrigens in fünf oder sechs Ehen nieder – die Zahlen gehen da ein wenig auseinander, da manche der Verheiratungen vorsichtshalber sogar in anderen Kulturkreisen vor sich gingen sowie nach anderen als hiesigen Ritualen. Und über die Menge seiner Liebschaften (besser: seiner sexuellen Exzesse) bleibe überhaupt besser der Schleier des Vergessens gelegt. Daran wollen wir erst gar nicht zupfen und zerren.

Ja, und auch die Zahl seiner Nachkommen ist kaum genau festlegbar.

Freilich: Da ist etwas

Der fadenscheinige Bürgermeister verfügt bei all seiner Heimtücke und trotz seines von Grund auf schlechten Charakters immerhin über Charme. Auch wenn der zum Teil bloß glaubhaft gespielt ist. Denn auch sein mitunter durchaus sympathisches Auftreten ist in Wahrheit bloß Tarnung. Seinem Naturell entsprechend, neigt er denn auch eher zur Intrige, zum Schlecht-Machen anderer und zum Ausstechen seiner (womöglich fachlich und von den Kompetenzen her tüchtigeren) Konkurrenten. Anders ausgedrückt: Er weiß mit den Möglichkeiten, die ihm seine Position beschert hat, optimal umzugehen.

Ja, so war das. Er beherrschte das Spiel auf der Orgel der Macht ganz ausgezeichnet. Diese (und noch andere außergewöhnliche) Eigenschaften mussten ihm sogar seine ärgsten Gegner neidvoll zugestehen. Besonders hinterrücks zuzustoßen, das war seine Disziplin.

Zudem war der fadenscheinige Bürgermeister – vergleichbar einem Gewächs in entsprechend abstoßend hässlichem Milieu – aufs Beste und Sicherste eingebettet in sein politisches Mistbeet. (Selbst der Mist war da ein ausgesprochen gefährlicher, durchaus toxischer, weil politischer …) Und der Klüngel, dem der fadenscheinige Bürgermeister angehörte, sorgte beinahe hingebungsvoll dafür, dass, zumindest über eine lange Zeitstrecke hinweg, nichts seine Aktivitäten gefährden konnte. Mochte das, was er alles anstellte, mochten die Dinge, die er tat, auch noch so schädlich für die Allgemeinheit sein, besonders freilich für A***.

So lange seine bizarren Tiraden und teilweise recht skurrilen Arabesken der Partei, der er angehörte und durch die er groß geworden war, nicht schadeten, hielt man von ganz oben selbstredend die schützende Hand über dem fadenscheinigen Bürgermeister.

Sollte er allerdings einmal zur politischen Gefahr in diesem abartigen Spiel von Machterhalt und Volksverarschung werden, so wären selbstverständlich auch seine Tage gezählt gewesen.

Doch in der Zwischenzeit mochte die außergewöhnlich lange Amtszeit (ermöglicht durch einen bereits per Senatsbeschluss von 1975 durchgesetzten Zusatzparagraphen zum Statutargesetz der Stadtgemeinde A*** [§ 43 b/3/ɣ.ɤ.ɑ: über die Verlängerung der Amtszeit von Bürgermeistern in Ausnahmefällen]) nach außen hin auch voller Rätsel und Wunder sein: Dafür und für den fadenscheinigen Bürgermeister selbst gab es jegliche Deckung.

Da war stets alles wasserfest.

Und der Grund dafür? Nun, der lag freilich nicht in irgendeiner besonderen Qualität, die eventuell nur er aufzuweisen gehabt hätte. Nein.

Nur: Auch in anderen politischen Lagern gab es sie, die Exemplare, die ganz genau wie unser fadenscheiniger Bürgermeister ausgestattet und aus mehr oder minder dem selben Holz geschnitzt (wenn auch in anderer Couleur bemalt) waren …

Die Glanz war also kein Einzelfall gewesen. Wie sie ergatterten auch andere Freundinnen und Freunde, Verwandte, Leibeigene und Abhängige des fadenscheinigen Bürgermeisters en suite höchste Ämter und einträglichste Positionen in der darob bereits reichlich aufgeblähten Stadtregierung selbst und im wild-wuchernden administrativen Umfeld derselben. Da wurden selbstredend auch Mit-Burschenschafter, ehemalige Kommilitonen und sogar Ex-Mitschüler aus Volks- wie Mittelschulzeiten mit hübschen Pfründen entsprechend generös bedacht.

Kurz: Figuren oft mehr als bloß rätselhafter Provenienz tauchten in noblen und außerdem aufs Beste dotierten Gremien auf, leiteten Fachausschüsse und geboten schon bald über wundersame Unsummen aus dem städtischen Budget.

Rätsel und Wunder, wie gesagt.

In der Tat erwies sich die Regierungszeit des fadenscheinigen Bürgermeisters insgesamt nicht nur als die mit Abstand längste in der gesamten – an Ungereimtheiten wahrlich nicht eben armen – Geschichte der Kommune A***, sondern auch als die an Verschwendung reichste.

Ja, doch: Die Jahre bis 1984 – da wurde der Stadtchef auf bis heute offiziell nicht restlos aufgeklärte Weise aus dem Leben gerafft – können als eine ziemlich eigenartige Ära bezeichnet werden. Danach waren Glanz (siehe die Frau Nicht-Doktor!) und Lack erstaunlich schnell ab, und auch die einstige Popularität schwand zuletzt dann doch noch dahin. (Darüber, ob sich der inzwischen geistig bereits weitestgehend abwesende fadenscheinige Bürgermeister über das Sinken seines Sterns überhaupt im Klaren war, kann nach so langer Zeit freilich nur mehr spekuliert werden. Leider.)

Bald schon nach jenem denkwürdigen Tag vor der groß angekündigten und mit Pomp vorbereiteten Gleichenfeier des so lange schon geplanten Mausoleums, quasi in den Ideen des Jahres 1984, wollte niemand mehr etwas vom fadenscheinigen Bürgermeister und seiner Amtszeit wissen. Und auch nicht, wie und worum just jetzt sein Leben geendet hatte.

(Im Vertrauen gesagt: Während der so groß programmierten und entsprechend zelebrierten Gleichenfeier stieß den senilen Stadt-Chef einer der Poliere, die an der Errichtung des gleich teuren wie unnötigen Mausoleums beteiligt waren, beherzt vom Gerüst. Gute 30 Meter in die Tiefe. Hier war dem fadenscheinigen Bürgermeister letztlich seine immer noch vorhandene Bodenhaftung also zum Verhängnis geworden. Und Emil Spanninger, besagter Maurer, bot dem Unhold, bevor er ihn vom Gerüst kickte, sogar noch die Bierflasche zum freundschaftlichen Schluck an. (Und der Stadt-Obere trank pro forma sogar daraus, schier gerührt über so viel vermeintliche Untertanen-Treue und solches Entgegenkommen …)

Aber bald schon, sehr bald, bemühte man sich, die gesamte Epoche von fast zwanzig Jahren aus den Annalen zu löschen.

Dr. Konstantin Biberherz, zwar lange Zeit tatsächlich die rechte Hand des fadenscheinigen Bürgermeisters, wurde – da man ihn als einen Freund der Versöhnung von Gegensätzen und grundsätzlich als Mann der Mitte (was immer das auch heißen mochte) einschätzte – zum neuen provisorischen Oberhaupt der Stadt. (Und Provisorien zeichnet in unseren Breiten bekanntlich nicht selten und ganz allgemein eine erstaunliche Langlebigkeit aus.)

Was vom fadenscheinigen Bürgermeister neben schlechter Nachrede blieb?

Immerhin, das Fragment des scheußlichen Mausoleums, das ein Albtraum geworden wäre, hätte man es fertigstellen können. (Vom Albtraum, geträumt von Biberherz III., Kelvin, war eingangs ja schon kurz die Rede.) Der Bau selbst? Ein obskures Fragment, das im Nachhinein, nach dem Tod des fadenscheinigen Bürgermeisters, wie ein trauriges Mahnmal gegen Eitelkeit, politischen Egoismus und Machtmissbrauch hätte wirken können; dies aber nicht tat.

Denn da gab es eben Konstantin Biberherz, den rasch entschlossenen Einspringer.

Der engste Vertraute des fadenscheinigen Bürgermeisters, dessen Position nach außen hin allerdings nie so ganz richtig hatte eingeschätzt werden können, Biberherz also, er wurde tatsächlich mittels einer Gesetzeslücke und per acclamationem durch den ohnedies gründlich destabilisierten Stadtsenat und den komplett aufgescheuchten Gemeinderat zum provisorischen Gemeinde-Oberhaupt von A*** ernannt. Und Konstantin Biberherz blieb in dieser Funktion, ähnlich seinem Vorgänger, über Jahrzehnte, bis zum finalen Aufbegehren seiner Entourage. Doch das erfolgte erst viele Jahre später. (Da hatte Dr. Konstantin Biberherz seinen Sohn Hermann längst schon auf das nämliche Amt vorbereitet, für das jetzt schon quasi die Regelung der Familienpacht galt. Weit war man gekommen …)

Dann, freilich: Die blutige Revolte. Der Tod des Konstantin Biberherz. Nun, der war in der Tat Tagesthema und kam sogar in den Hauptabendnachrichten des Fernsehens bundesweit an prominenter Stelle vor. Unklar war freilich einerseits, inwieweit nicht ohnedies Mag. Hermann Biberherz die Fäden zur blutigen Palastrevolte selber gezogen hatte (wie?! was?!), die nunmehr seinen Vater hinwegraffte. Man durfte nicht vergessen: Immerhin war Hermann aus dem nämlichen Holz geschnitzt wie sein Vater Konstantin. Anderseits – – –

Noch ein weiteres Wunder gab es indes zu konstatieren. Und das rührte gleichsam urtümlich an die Frage, warum just dieser Hermann Biberherz, der bis dato als weitgehend unbescholten gegolten hatte und vor allem politisch – zumindest nach außen hin – kaum jemals aktiv geworden oder irgendwie besonders hervorgetreten war, warum just er den Vater in seiner Funktion beerben (und solcherart in gewisser Weise sogar in die immer noch merkbaren Fußstapfen des fadenscheinigen Bürgermeisters treten) konnte.

Gehörte es vielleicht sogar zur Rolle der diversen Vatermörder, die von ihnen hervorgerufenen und erzeugten Lücken an der Spitze der Systeme durch die eigene Person auch wieder zu schießen? War es quasi ihr Opfer, nachdem sie ihre Väter geopfert hatten, selbst an der Spitze zu stehen, wo die rauen Winde wehten und die Luft merkbar dünner war als weiter unten?

Jetzt glänzten sie als die Neuen und wurden angehimmelt. Die neuen Führer, die indes ebenfalls angreifbar waren wie ihre Vorgänger.

In so viel Glanz und Gloria erstrahlten sie …. Und wurden vom Heer der stumpfsinnigen Lemming-Menschen bewundert und angebetet. (Wobei im Auge der winzigen Raubtiere immerhin stets ein Rest vom Funken der Revolution brannte, kaum bemerkbar, aber jederzeit und relativ leicht wieder zu entfachen. Bei den Menschen brannte nichts dergleichen …)

Doch wollen wir hier dem Ende der Geschichte dann doch lieber nicht vorgreifen. (Und immerhin scharrt schon ein nächster Biberherz in den Startlöchern: Kelvin, den, wie wir von der Anfangssequenz dieser Erzählung her wissen, heute schon Albträume plagen.)

Von Vorteil wird es indes sicherlich sein, die Motivation des ersten quasi bedeutsamen Trägers des Namens Biberherz, nämlich Konstantins, zu überprüfen. Was brachte den Jungjuristen damals überhaupt auf die Idee, sich Eingang in die Entourage des fadenscheinigen Bürgermeisters zu verschaffen (was, nebenbei, gar nicht so leicht zu bewerkstelligen gewesen war …) und schließlich, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, nämlich nach dem unvermuteten Tod des alten Tyrannen, ohne viel Umstände zu machen, in dessen übergroße verbrecherische Fußstapfen zu treten?

Da war zunächst viel Neugier gewesen. Dann gab es zusätzlich noch die Faszination der Macht. Schließlich sogar einen gewissen Abscheu, Abscheu nämlich vor den vielen Gesetzwidrigkeiten, ja: Verbrechen, deren Zeuge er wurde. Und das Verlangen, diese eklatante Fehlentwicklung an der Spitze der Stadt A*** zu beenden. Ehrlich.

Dann, nach dem plötzlichen Abgang des fadenscheinigen Bürgermeisters, war die Verlockung zu groß, als dass er diese Machtfülle nicht hätte anstreben wollen, da er nun schon einmal als (angeblich logischer) Nachfolger gehandelt wurde und freie Bahn hatte. War ihm doch lange Zeit schon das Faszinierende dieser Macht – wie die Karotte vor dem Maul des Esels – gebaumelt, als ständiger Anreiz. Durchaus im Wissen über die mit ihr verbundene Gefahr.

Der Mensch ist von Haus aus korrupt!“ So lautete einer der Lieblingssätze aus Konstantins Umgebung (woher immer die fragwürdige Sentenz auch stammen mochte). Und: „Da ist es dann immerhin besser, der nehmende Teil zu sein als der gebende …“

Und doch: Konstantin faszinierte der Alltag des Tyrannen. Der implizierte schon einiges, was ihm großartig erschien. Was ihn in Hochgefühle versetzte. Sogar noch, als er selbst später dann der Tyrann war. Nein, er hatte sich, fand er, nicht zu viel versprochen. Alles war, wie er es sich ausgemalt hatte: Da waren die inferioren Speichellecker, die einen ständig, den Blick gegen den Parkettboden gerichtet, servil umwieselten, jederzeit hundertprozentig diensteifrig und ergeben bis zur Selbstentäußerung. Unverdrossene Passagiere der Arschloch-Route.

Hohlköpfe waren sie meistens, freilich keineswegs blöd – und auch nicht unbegabt für das, was sie da ständig zu tun sich bemühten: Nämlich möglichst unauffällig zu antichambrieren, sich dann zwischendurch auch einmal merkbar anzudienern, wenn er gerade einmal hinsah. Außerdem in engster Bodennähe dauernd darauf bedacht, Flunder-flach zu kriechen mit der eisernen Entschlossenheit des geborenen treuen, selbstvergessenen Untertans.

Indem die Speichellecker so taten (und so wirkten), als vergäßen sie, so ganz vertieft in den Dienst am geliebten Herrn, die Realität um sich, wurden sie selbst zu einem nicht unbedeutenden Teil dieser Realität. Und erst wenn sie die Rhetorik und die Reklame, kurz: die Werbung für den Inhaber der Macht also, völlig verinnerlicht hatten, wuchsen sie, geradezu begünstigt durch ihre Inferiorität, zu Trägern und Inhabern der begehrtesten Ämter heran.

Konstantin selbst war diese – sicherlich über weite Strecken beschämende – Ochsentour (quer unter dem Teppichen durch), gedankt einer mehr als glückliche Schickung und einem Haufen Protektion von ganz oben, weitgehend erspart geblieben. So hatte er als scharfer Beobachter von außen umso leichter die traurige Einsicht in das Lemming-Hafte der Menschen seiner Umgebung gewinnen können … Ja, diese menschlichen Tierchen formierten sich zu einem seltsamen Gemeinschaftswesen (der Vergleich mit Thomas Hobbes‘ Leviathan drängte sich förmlich auf!), wobei ihre Vermassung auch das Gemeine im Begriff Gemeinschaftswesen zusätzlich beredt bestätigte.

Mit der Vermassung ging folgerichtig der Verlust der Individualität einher. Denn das Einzelwesen hatte nunmehr, wie selbstverständlich, zurückzutreten. Anschaulich bewiesen das prominente Beispiele wie Hitlers Nationalsozialismus, Lenins und Stalins Kommunismus oder dessen chinesische Spielart bei Mao Tsetung. (Dabei war es ohne besonderen Belang, wie nahe die Machthaber überhaupt noch an den von Karl Marx und Friedrich Engels respektive deren Philosophie blieben. Oder ob sie sich schon meilenweit davon entfernt hatten.)

Außerdem initiierte die Vermassung eine rasch einsetzende Verblödung, die sogar weit ärger war und sich noch wesentlich stärker und verderblicher auswirkte als die zu Zeiten des ärgsten Absolutismus in Europa, nämlich in Frankreich unter seinem angeblich so leuchtenden „Sonnen“-König Ludwig XIV. und dessen schlauen Kardinal Jules Mazarin.

Und so folgerte Konstantin Biberherz, nicht ohne Ironie: Der Luxus der Lemminge ist der gemeinsame Sprung in den ebenso gemeinsamen Tod.

Die Servilität seiner Getreuen und die Dummheit der Massen – das waren immerhin durchaus trittfeste Steine, auf denen man indes erst zu balancieren lernen musste, wollte man dein reißenden Fluss der politischen Unwägbarkeiten zuletzt mit heiler Haut überschreiten.

Und Konstantin wollte.

Fortsetzung folgt!

Karrieren & Dynastien

Vor einigen Jahrzehnten schon wäre es an Konstantin Biberherz gewesen, sich eindeutig zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Am besten natürlich für das Gute und im Sinn des Gemeinwesens. Er tat es nicht. Lieber entschied er sich gleichsam für eine dritte Variante: für das Lavieren. Doch diese Methode führte ihn zuletzt erst recht in die Katastrophe. Freilich: Davor stand noch jede Menge an Hybris. Und deren Verführungskraft hatte er bereits in reichem Maß am Beispiel des fadenscheinigen Bürgermeister studieren können. Am damals noch lebenden Objekt, sozusagen. War der fadenscheinige Bürgermeister ihm, Konstantin, doch über Jahre Vorbild, Lehrer, Mentor und Verführer in einem gewesen.

Doch bevor sich Konstantin – der Duft der Macht war nun einmal zu verführerisch! – überhaupt entscheiden konnte, ob er tatsächlich, quasi: eins zu eins, den Weg seines Vorgängers einschlagen und gegebenenfalls ähnlich diesem (damals anlässlich der Gleichenfeier des unsäglichen Mausoleums-Baues anno 1984) zuletzt auch zu Tode kommen wollte, oder nicht, ließ er Zeit verstreichen, viel Zeit, zu viel Zeit … Nicht zuletzt vermutlich, um so das als unvermeidlich Eingeschätzte wenigstens noch ein wenig hinauszuzögern.

Ja, Dr. Biberherz hatte viel gelernt beim fadenscheinigen Bürgermeister. Man könnte sagen: Sein Lehrmeister war mit Abstand der beste, den er sich überhaupt hätte wünschen können. Freilich, auch der gefährlichste … Und doch – – –

Grundsätzlich fragt man sich – meist freilich erst nachher und somit: zu spät -, warum und wie überhaupt irgendwer an die Macht hatte kommen können. Wie man ja ganz allgemein immer wieder zu spät zu ergründen versucht, was man eventuell besser machen, was anders tun oder gar verhindern hätte können. Dann ist es indes längst schon schlecht gelaufen, haben die falschen Leute die wichtigen Fragen unrichtig beantwortet (oder die richtigen Leute, von falschen Prämissen ausgehend, blöde Entscheidungen getroffen). Wie gesagt, post festum …

Doch wenn es darum geht, wer etwas werden soll, muss meist sehr schnell entschieden werden. Diese Hüftschüsse der Geschichte enden indes nicht selten in über Jahrhunderte andauernden skurrilen Herrschaftsgefügen. Sie führen zu sich-selbst-prolongierenden Fehlurteilen, helfen, grundverkehrte Festlegungen zu besiegeln sowie solcherart zu verankern und machen Fehlschlüsse auf lange Zeit zu unumstößlichen Gegebenheiten. Das werden dann die Grundsätze, die, wie der saudumme Ausdruck besagt, in Stein gemeißelt sind.

Wenn sich dann auch noch Religionen zu bereitwilligen (oder gar mitregierenden) Partnern der Politik machen, oder wenn sich Ideologien und Religionen zu allem Überfluss zu durchdringen beginnen, ist die Lage für das Individuum schier aussichtslos. Just die Identität und Kongruenz beider, hier Religion, hier Staatsmacht, verdunkelt in aller Regel möglicherweise noch vorhandene Gedanken-Helle. (Doch auch die Ausschaltung des einen Elements durch das andere führt nicht selten zur Katastrophe.)

Aus irgendwelchen, meist: organisatorischen Gründen sucht sich das Volk seine Führer. Doch – warum vertraut es ihnen eigentlich? Seit den Zeiten des sogenannten alten Rom (und noch viel früher) liegen nützliche Wahlentscheidungen ganz knapp neben verheerenden … Und nicht zuletzt, weil die Plebs so willfährig auf Parolen hört, tappt sie in die nächstbeste Falle. (Schon in Niccolò Mchiavellis im Grund ziemlich amoralischem und politisch-obszönem Lehrbuch für angehende Herrscher, „Il Principe“, kann man das nachlesen und sich über das Wer, Wie und Wo, Wann und Warum informieren. Übrigens wird hier den Führern auch empfohlen, in der Wahl der Mittel nur ja nicht zimperlich zu sein. Und dass man es mit der Wahrheit nicht unbedingt zu genau nehmen sollte, macht sein Kapitel 18 zum Lehrstück bis heute gültiger Politik [als Volks-Verarschung] schlechthin.)

Mischt sich in das (wodurch auch immer begründete) Vertrauen in Herrscherhäuser dann noch der Glaube an das Gottesgnadentum, ist die Malaise endgültig programmiert.

Zauber und Ausstrahlung der Macht, Charisma, Geld und Fluidum – sie vermögen es, andere, ein wenig einfacher gestrickte Gemüter im Nu zu verführen … Ob Dschingis Khan, Nero oder Stalin, Hitler, Mao oder Mussolini: Sie können als zum Teil durchaus bizarre Beispiele herhalten. Doch auch Dynastien wie die sogenannten Herrscherhäuser Europas, etwa die Habsburger, die Stuarts, die Romanows, Bourbonen, Wittelsbacher oder die Hohenzollern, aber auch amerikanische Plutokraten-Familien und Geld-Clans à la Kennedy oder Bush, sie funktionieren im Machterhalt grundsätzlich nach dem selben Schema.

Das blinde Vertrauen der Plebs gilt naturgemäß auch den politischen Theorien, selbst wenn sie – als kaum lesende, noch weniger verstehende Masse – mit diesen explizit gar nicht in Berührung kommt. Und doch: Die geradezu grenzenlose Ausnutzung aller nur denkbaren Ressourcen und die sture Ablehnung jeder echten Innovation (die nicht automatisch sofort zu wirtschaftlichem Nutzen und kurzfristigem Wachstum führt) dirigieren sukzessive weite Teile der Menschheit in die Armut. Und sie schaffen neue politische Abhängigkeiten, eine Ungleichbehandlung auf vielen (nicht nur wirtschaftlichen) Gebieten sowie neue Zwänge. Zuletzt bringen hemmungslose Ausbeutung und rigoroser Verzicht auf umweltschonende und innovative Erfindungen sogar die Großreiche zum Wanken.

Der in ein undurchschaubares System, dem er kaum zu entgehen imstand ist, eingespannte Mensch schlittert – trotz immensen Einsatzes und ungebrochenen Arbeitswillens (bis hin zur Selbstausbeutung) – in den Abgrund der finalen Katastrophe. Ein irreversibler Klimawandel, das Ende der Ressourcen (bei zu geringem Ausbau neuer und erneuerbarer Energien) und der Kollaps des Finanzwesens begleiten ihn auf dieser Todesreise.

Ironie des Schicksals: Selbst diejenigen, von denen ständig die schädlichen Impulse zu dieser Entwicklung ausgegangen sind und noch ausgehen, werden zuletzt vom Strudel des Untergangs mitgerissen werden. Den Tod scheren nämlich keine Börsenkurse.

Dabei ist es weitgehend egal, welche Beweggründe den einzelnen Menschen in seinem Tun leiten. Auch ob er im landläufigen Sinn gut oder schlecht geartet ist, spielt kaum eine Rolle. Als statistische Größe dient er, gemeinsam mit den anderen Nullen, als disponables menschliches Mittelmaß den Herrschenden und Führern sozusagen als Spielkapital.

Doch ist dieser statistische Durchschnitt nicht nur eine Größe im Planspiel der Macht, er ist zugleich auch unser aller Schicksal. Und das der Welt.

Dabei hebt die Malaise ganz ruhig und beinahe harmlos an: Das Volk, im Allgemeinen brav und friedfertig, gehorsam und willig, möchte denen da oben vertrauen dürfen. Möglichst blind. Wobei mutmaßliche wie wirkliche Feinde von außen den inneren Zusammenhalt noch entsprechend steigern. Und diverse Lobbys spielen zum eigenen Vorteil bereitwillig die System-Erhalter.

Quasi als vorausblickender Mini-Exkurs sei hier noch etwas angemerkt. Die Flüchtlings-Misere von 2015, die sich bald schon als eine eminente Europa-Misere entpuppen sollte, bestätigte auch diesbezüglich den historischen, den Menschheits-geschichtlichen Trend: Nicht nur, dass im finalen Zuzugsland, der Europäischen Union also, durch die Massen der Fliehenden und Schutzsuchenden die jeglicher Politik zugrunde liegende Kosten-Nutzen-Rechnung bald schon gegen die Emigranten (Asylwerber, Kriegsflüchtlinge et cetera) sprach, brachen zudem noch die alten Nationalismen und tradierten Feindseligkeiten zwischen den ohnedies nicht selten zerstrittenen Mitgliedstaaten erneut und verstärkt auf.

Zuletzt lieferte die ohnehin stets verdächtig simpel agierende Pseudo-Vereinigung EU das jämmerliche Bild eines zu groß geratenen Wirtshaus-Sparvereins, dessen Kompetenz durch die trefflich umstrittene Bestimmung der Gurkenkrümmung und der korrekten Etikettierung von Marmelade oder Konfitüre schon bei weitem überfordert schien.

Fazit: Schließlich macht dann immer die Macht der Gewohnheit den politischen Sack zu. Denn das Volk liebt es im Allgemeinen gar nicht, dass jemand tagtäglich das Rad neu erfindet. Nein! Allem Neuen gegenüber ist die Plebs vorsichtig und misstrauisch. Da muss erst beschnüffelt und abgetastet werden, wenn nicht der große Befehlshaber streng sagt: „Friss oder stirb, Vogel!“

Außerdem: Ein paar griffige alte Lügen (siehe Machiavelli!) tun es doch auch.

Und Konstantin? Vor allem: Konstantins Ende im Jahr 2005?

Parallel zur Entscheidung, die Macht möglichst gar nicht (realistisch: möglichst lange nicht) aus der Hand zu geben, war auch am Mausoleum als Zeichen eben dieser Macht über zwei Jahrzehnte schon wieder sukzessive – doch quasi verhalten und unauffällig! – weitergebaut worden. Tatsächlich war das so weit still und ohne viel Aufhebens vor sich gegangen. (Wenn so etwas angesichts der monumentalen Ausmaße dieses verrückten Architektur-Ärgernisses überhaupt möglich war. [Allein schon die Abmessungen des unnötigen Scheißgebäudes ließen einen erschaudern. Noch dazu, da sowohl die Kubatur als auch die politisch-ideologische Intention des unsäglichen Bauwerks in direkter Proportion zur Sinnlosigkeit des fatalen Unterfangens standen. Da war sogar der Schauer darüber mehr oder weniger überflüssig …])

Wenn wir hier einen dramatischen Effekt erzielen wollten, schrieben wir (etwa): Draußen waren mit einem Mal nicht mehr die gewohnten Jubelchöre für unseren Bürgermeister Biberherz zu vernehmen … Sonst brandeten sie doch immer auf, gegen zehn Uhr, die geliebte Brotzeit des Stadtoberen gleichsam zünftig garnierend … Ganz im Gegenteil, nun herrschte bedrohliche Stille. Eine, die man wohl auch als die Stille vor dem Sturm apostrophiert könnte.

Es ist dieser Nicht-Hauch, wie er vor den sogenannten historischen Augenblicken das allgemeine Klima beherrscht … In der Folge dann poltern schwere Soldatenstiefel über marmorne Palaststufen, und Befehle durchschneiden den Teig aus Spannung und Agonie (wie beim geübten Formen der beliebten, später dann: von Sauce umspült, so wohlschmeckenden Tortellini) … Schließlich – ein Schuss, der die Entladung der Spannung einleitet … Bevor dann alles sehr, sehr schnell geht.

Es folgte die kleine, feine Revolte. (Die Revolution kann nämlich mal groß, dann wieder klein ausfallen. Wir wollen uns indes eine minutiöse Schilderung ersparen.)

Die Wahrheit war überhaupt profaner. Da Konstantin Biberherz längst nicht mehr über die Erdnähe und Bodenhaftung verfügte, die seinen Vorgänger, den fadenscheinigen Bürgermeister, ausgezeichnet hatte, konnte er auch nicht durch einen Nemos aus dem Volk final beseitigt werden. Ein Baupolier à la Emil Spanninger tat es da längst nicht mehr. Ob mit Bierflasche oder ohne sie.

Nein, Dr. Biberherz, dessen Hybris sich unter anderem erneut im Willen offenbarte, die von seinem Vorgänger hinterlassene Ruine endlich, nach so vielen Jahren, doch noch vollenden zu lassen, musste durch die Hand seiner engsten, intimsten Freunde umkommen! Diesmal hatte es ein Tyrannenmord zu sein, der ihn dahinraffen sollte. Und nach dessen glücklich geglücktem Vollzug würde man selbstredend jede Menge von Krokodilstränen vergießen können. Nein, unter einer solchen, sozusagen: ritualisierten Tötung ging es nun nicht mehr …

Und so geschah es denn auch. Durchaus wichtige Menschen aus der quasi intimsten Umgebung von Bürgermeister Biberherz – besser: natürlich deren Handlanger – setzten dem Leben ihres Chefs ein Ende, machten ihm den Garaus und brachten sein Lebenslicht zum Erlöschen. Es war der ewige Treppenwitz der Geschichte, hier im Kleinen, herunter-gebrochen (wie man sich gleich gängig wie unschön auszudrücken pflegte) auf die Welt von A***. Nicht mehr, aber auch nicht weniger: Leute aus der engsten Entourage des längst (wie sein Vorgänger damals, 1984) von Machtrausch und Egomanie zerfressenen Bürgermeisters ließen Biberherz, ohne erst viele Umstände zu machen, schlicht und ergreifend erschießen.

Offiziell hieß es, er sei, mitten in seiner Arbeit und sich in gewohnter Weise für seine Stadt A*** und deren Bürgerschaft aufopfernd, einem Herzinfarkt beziehungsweise dessen Folgen erlegen. Und, um den Schein zu wahren, nahmen sich die eigentlichen Machthaber, nämlich eine Gruppe von Personen, die in Wahrheit schon die längste Zeit die Kommune regiert hatten (mit Konstantin Biberherz als hohler Repräsentationsfigur und als bloßem Herzeige-Kasperl an der Spitze) sogleich seinen Sohn Hermann gehörig zur Brust.

Ja, die Königsmörder waren pietätlos genug und machten den weitgehend unbedarften Sohn des nunmehr Dahingegangenen, Mag. Hermann Biberherz, zum Nachfolger seines Vaters. (Wie schon in Konstantins Fall geschah dies abermals in weitestgehender Umgehung der meisten Statuten und per acclamationem. [O ja: In A*** ging es überhaupt des öfteren zu wie im alten Rom zur Zeit der Konsuln.])

Ein Initiator des Mordes an Biberherz I. äußerte im kleinsten Kreis (doch sogar dort haben die Wände Ohren, weshalb auch wir [selbst naturgemäß: unerkannt] Kenntnis davon erlangten) recht Charakter-typisch und im Brustton der Überzeugung: „Was wir jetzt brauchen, das ist – Kontinuität! Herrschaften! Kontinuität! Denn erst die vermittelt dem (machen wir uns doch nichts vor:) blöden Volk den Anschein von Sicherheit!“

Ein zweiter Auftraggeber des Tyrannenmordes fiel ein: „Ja! Ganz richtig! Und um diese Sicherheit geht es den Leuten. Um nichts anderes. Sicherheit, angebliche Sicherheit! Danach sehnt sich die unwissende Plebs.“

Man nickte.

Und den Mag. Hermann Biberherz, diesen unwissenden Parzival“, fuhr der erste Mörder, süffisant lächelnd, fort, „Hermann Biberherz also, den kaum jemand wirklich gut kennt da draußen, den haben wir ja deshalb aufgebaut seit geraumer Zeit schon, aufgebaut für unsere Zwecke. Denn er garantiert uns immerhin den Fortbestand unserer Macht. Und dem Volk? Dem verspricht sein Da-Sein die vermeintliche Kontinuität …“

Man beklatschte dezent das Gesagte. (Auch wenn die [sonst so seriös wirkende] Mörderbande sich insgeheim vorsichtig umschaute, ob nicht doch jemand anwesend wäre, der nichts von dem Komplott zu wissen brauchte.) Dann ließ man die üblichen Champagner-Korken knallen.

Wir wurden, wie gesagt, alsbald in die Kenntnis von diesem Bubenstück gesetzt.

Der König ist tot!“, hallte der Ruf durch den Palast . (Pardon: durch das Rathaus.)

Und, rasch darauf, womöglich noch lauter: „Es lebe der neue König!“

Finale

Wir schreiben das Jahr 2015. Der neue Bürgermeister, Mag. Hermann Biberherz, der nun auch schon seit fast zehn Jahren im Amt ist (Kinder, wie die Zeit vergeht!), fasst einen Entschluss: Das gleich überflüssige wie scheußliche halb-vollendete Mausoleum, das eigentlich bereits für den Vorgänger seines Vaters Konstantin, für den sogenannten fadenscheinigen Bürgermeister, geplant gewesen war, soll nun doch endlich fertiggestellt werden. Allerdings mit einer völlig neuen Bestimmung versehen.

Die Vollendung des Baues war bekanntlich nun schon zweimal hinter einander durch den Tod des jeweiligen Bürgermeisters gestoppt worden. Das erste Mal im Zuge einer Gleichenfeier, das zweite Mal als dezente Palast-Revolte, getarnt als Herzinfarkt des damals amtierenden Stadtoberhauptes Biberherz I. Und das jammervolle Architektur-Missgeschick moderte nun erneut wieder seit fast zehn Jahren als unschöne Ruine vor sich hin. (Als wäre es als fertiges Mausoleum, egal ob für den fadenscheinigen Bürgermeister oder für Konstantin Biberherz, nicht schon scheußlich genug gewesen. Manche glaubten sogar, es sei ein Glück, dass man denn Schandbau bisher erst gar nicht zu Ende geführt hatte …)

Der neue (und über seine Bestellung, im Jahr 2005, als es dazu kam, selber einigermaßen überraschte) Bürgermeister, Hermann Biberherz, litt unter der Ruine mental, mit Verlaub: wie ein Hund. Denn das immer noch unvollendete Bauwerk schmerzte ihn tatsächlich wie eine offene Wunde, indem ihn der Torso andauernd, Tag für Tag, an seinen armen, toten Vater Konstantin erinnerte. (Auch wenn er seit Jahren schon dem Beraterstab um Biberherz I. angehört und sich, was die etwaige Schlitzohrigkeit seines alten Herren betraf, längst schon [zumindest lange vor dessen Tod] keinen Illusionen mehr hingegeben hatte.)

Doch dann kam ihm endlich eine, wie er glaubte: zündende Idee. Deren Realisierung stellten sich allerdings zunächst einmal die weltweiten Krisen der Banken und Börsen sowie im Anschluss daran der Beinahe-Kollaps der globalen Wirtschaft entgegen.

Doch worin bestand nun seine Idee?

Mag. Hermann Biberherz stellte sich also vor, das bisher wo wenig glückhafte Architektur-Projekt solle im Rahmen einer großangelegten Initiative der Stadt A*** zur Förderung der allgemeinen Bautätigkeit sowie der intensiven Arbeitsplatzsicherung beziehungsweise der Schaffung neuer Jobs endlich doch noch fertiggestellt werden! Allerdings – hier brachte Biberherz nun seine Innovation ein – nicht als Mausoleum, sondern vielmehr als Halle für Alle! (War das nicht eine großartige Sache?!)

Denn dabei, das wusste Biberherz, konnte er sich als Bürgermeister mit Sicherheit auf die Unterstützung durch so gut wie alle Fraktionen im Rathaus verlassen.

In seiner Naivität glaubte er zudem, dass auch die Freunde seines toten Vaters Konstantin dem Projekt mit gleicher Sympathie gegenüberstehen würden, die ihn durchdrang.

Das, was der neue Bürgermeister da plante, gefiel indes Hermanns Königsmachern aber schon so was von gar nicht!

Es wäre jetzt eigentlich an der Zeit, uns mit der Biographie dieses Mag. Biberherz näher zu beschäftigen. Doch will das alles wirklich jemand wissen? (Hand aufs Herz: Noch mehr Lebensgeschichte? Steht uns allen danach überhaupt der Sinn? Empfanden Sie denn wirklich viel Empathie für Konstantin Biberherz? Kamen Ihnen Lea und Ernst Biberherz, Tante Charlotte, Bibiana, Cornelia, der Augsburger Nazi-Geograph und sein Zahnarzt-Sohn et cetera tatsächlich so besonders interessant vor? Oder Adalbert Biberzahn und Henriette aus dem Haus der Platen-Hallermünde, die Fuggerei und – – -?!)

Nein. Es soll uns genügen, hier anzumerken, dass Hermann im Jahr 1977 geboren wird, wie schon sein Vater das Studium der Jurisprudenz betreibt und schließlich, anders als der Herr Papa: nicht mit dem Doktortitel, sondern mit dem eines Magisters abschließt. Mag. Biberherz ist seit 2002 verheiratet mit einer – übrigens: sehr begabten und tüchtigen – Sinologin namens Verena (einer geborenen Engelstätter) und seit dem Jahr 2003 stolzer Vater eines Sohnes, der auf den Namen Kelvin hört und des öfteren unter Albträumen leidet. (Doch das wissen Sie ohnehin schon aus dem Anfangskapitel dieser Prosa.)

Hermann Biberherz wollte also den – vermutlich: dornenvollen – Weg des Guten gehen und hatte als neuer Bürgermeister vor, sein Leben einer Utopie zu widmen. Er wollte zum Wohl der Kommune A*** wirken und den Magistrat endlich einmal tatsächlich in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Biberherz II. plante unter anderem, Dienstwege zu verkürzen, unnötige Abteilungen und Referate einzusparen oder zumindest in ihrer Arbeitsweise effizienter zu machen. Außerdem spielte er sogar mit dem Gedanken, den Klüngel, der ihn selbst – warum auch immer – auf den Sessel des Bürgermeisters gehievt hatte, genau zu durchforsten (und gegebenenfalls sogar durch bessere und kompetentere Kräfte zu ersetzen).

Kurz: Alles sollte ab nun besser werden.

Und die entsprechend anders konzipierte Halle, sein Lieblingsprojekt, die Halle für alle, sollte dafür als weithin sichtbares Symbol gelten. Außerdem würde sie durchaus nützlich und für diverse Zwecke zu gebrauchen sein. Für verschiedene kulturelle Veranstaltungen, für Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen, aber auch für Bälle oder Schachturniere …

Sein Entschluss löste fast so etwas wie Euphorie in ihm aus. Für ihn wie für seine Stadt könnte solcherart doch noch – wenn schon nicht alles, so zumindest – vieles gut enden!

Da erreichte ihn ein Paket.

Sein persönlicher Sekretär, Mag. Konrad Palmzweig, riet ihm, es lieber nicht zu öffnen.

E N D E

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*