Der Briefträger,

der Fluch und

das Glück

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG 2014)

Ein Plot ist an sich unwahrscheinlich.

Wir akzeptieren in den Nachrichten weit

unwahrscheinlichere Dinge als in den Romanen.

Ein Plot, und sei er noch so unwahrscheinlich,

ist besser als das wirkliche Leben.

John Irving, Charles Dickens – der

König des Romans.

*

I

So klein und schon so viel Leben.

Ein Punkt im unermesslichen Universum. Was heißt ein Punkt – ein Pünktchen! (Und ganz ohne Anton, um hier – zumindest in Klammern – kurz an Erich Kästner zu erinnern!)

Ein Punkt. Ein fliegender Punkt. Ein fliehender Punkt. Ein Fluchtpunkt, womöglich …

Oder besser: ein Sinnpunkt. Ob Augenblick und Ohrenschwall, Nasenruch, Zungenzwang oder Fingergriff. Allemal: Herzschlag. Blutrauschen. Tod.

Grundstein-gelegt, sozusagen, war da wohl schon vieles worden, weitgehend kathedral, könnte man sagen. Wenn einen die römisch-katholische Einschränkung nicht stört und man nichts desto trotz versteht, was der Vergleich ausdrücken soll. (Also unter Zugrundelegen der Restriktion, dass kathedral noch lange nicht universal bedeutet. Sondern, vorsichtig gesagt, nur: möglichkeitsgroß. Immerhin freilich wesentlich mehr als etwa global. Oder multilateral.)

Er sei ein Gedankenmensch, hieß es mitunter. (Was ihn nicht selten verlegen machte und unsicher; was ihm peinlich war. Übrigens: Sowohl dass es mitunter so hieß, als auch dass es ihn nicht selten verlegen machte, war ihm peinlich.)

Als ob er sich jemals um Gedanken bekümmert hätte. Noch dazu um seine eigenen.

Er war – Briefträger. Postbote.

Da wäre es doch, bitte, schon eher passend, ihn als Fußmenschen zu apostrophieren. Wenn schon. Denn das Gehen definierte immerhin in erster Linie sein Sein. Nicht das Denken. Was sollte das – Gedankenmensch?! (Obschon er hin und wieder dachte. Gewiss.)

Briefträger. Er war Briefträger. Einer der letzten Mohikaner, sozusagen. Eine historische Fußnote im Transportwesen beziehungsweise in der globalen Kommunikation – wenn so viel Ironie überhaupt erlaubt ist. Aber –

Er hieß Hugo. Hugo Einmach. Schon in der Schule hatte er seines Namens wegen manche Verulkung zu erdulden gehabt. Und später, im Berufsleben, wollten die Anspielungen erst gar nicht mehr aufhören. Unter den ein wenig allgemein-gebildeteren Kollegen. Steht doch ein Mach, benannt nach dem österreichischen Physiker und Philosophen Ernst Mach, für Schallgeschwindigkeit. Und wenn der Briefträger Einmach mit ein Mach unterwegs ist, na da tut sich schon was! Sapperlot! Dann gleicht er zumindest einer Comic-Figur … Und die Briefe sind – Wumm! Zack! – da (oder weg) im Nu!

Doch Hugo durchstieß weder die Schallmauer noch die grafischen Grenzen eines Comic-Strips. Instinktiv und vorsorglich bemüht, die Erwartungen, die sein Name evozieren hätte können – was ja auch oft genug geschah -, sogleich wieder zu dämpfen, machte Hugo einen durchaus behäbigen, eher langsamen Eindruck. (In Wahrheit nutzte er allerdings auch die Zeit, die als natürlicher Zugewinn aus seiner permanente Entschleunigung in so reichem Maß resultierte, nicht zum Denken, sondern zum Rückzug in eine Form von umfassender Leere.)

Fazit: Hugo war rundum damit beschäftigt, nichts zu leisten. Das aber langsam.

Doch da seine Kolleginnen und Kollegen auch nicht merkbar schneller waren oder wesentlich mehr arbeiteten als er, fiel die Art und Weise, wie er seiner (Un-)Tätigkeit nachging, weiter nicht auf. Und da er, wie dargelegt, kaum etwas bewegte, unterliefen ihm auch nur selten gravierende Fehler. Hugo Einmach fühlte sich in seinem Beruf deshalb auch ausgesprochen wohl. In gewisser Weise erfüllte ihn sein minimalistisches Tun sogar mit Stolz; war er doch ein Rädchen unter vielen, und als solches angeblich sogar wesentlich beteiligt am allgemeinen Fortschritt! Und der musste ja nicht unbedingt im Laufschritt erfolgen. Ein Mach! So was!

Doch spricht letztlich sogar die Erfahrung gegen die nur zu oft und zudem wohl ziemlich gedankenlos ach so hochgelobte Rasanz, gegen die alltägliche, fast überall vorherrschende Hoch- und Höchst-Geschwindigkeit und gegen das um jeden Preis schneller als die potenzielle Konkurrenz an Ort und Stelle Sein-Wollen. Denn das Vorpreschen erhöht fast automatisch die Fehleranfälligkeit. Und wenn der Umkehrschluss vielleicht auch etwas überspitzt klingen mag: Weniger schnelles Vorgehen hilft Irrtümer unter Umständen vermeiden oder zumindest Fehlleistungen reduzieren! Und das endgültige Unterlassen ist daher schlichtweg der Königsweg in der Fehlervermeidung!

Außerdem: Ist der Mensch eine Maschine?

Ja. Die marode österreichische Post würde solches leider in gewisser Weise (gut fünfzehn Jahre später allerdings erst) suggerieren, wenn sie dann lebensgroße und kopflose gelbe Postkästen, ausgestattet mit strammen Waden, vorgeblich durch die Lande (respektive durch die TV-Werbung) schickte, treu der – zugegeben: sogar Reklame-technisch mit Sicherheit reichlich übertriebenen – Parole, dass just die Post für jeden etwas habe. Und das, selbstredend, überall, wo sich dieser Jede auch befinden möge!

So ein Blödsinn! Da müsste die Post in Notfällen (wenn etwa jemand schon allzu lang nichts mehr zugestellt bekommen hat, nicht Karte und nicht Brieflein) ja selber die Poststücke anfertigen, Briefe schreiben oder Pakete schnüren, zumindest für Werbesendungen sorgen (und sie ent- wie in der Folge einwerfen) … Und das zu tun, hätten sich sogar die Thurn und Taxis geweigert – damals, als ihnen (vermutlich teuer genug und, wer weiß, nach Bezahlen welch horrender Bestechungssummen!) anno 1615 das allenthalben im deutschen Reich hochbegehrte Postregal (exakt: Reichspost-Generalat) zugesprochen wurde.

Jetzt schrieb man indes erst das Jahr 1995, und die Postkästen hatten weder Köpfe noch Füße.

Doch mussten all diese (vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen) Überlegungen, Einwände und Hinweise, Beschwerden und Petitionen, die mit dem Postwesen zu tun hatten, den Briefträger Hugo Einmach nicht weiter tangieren. Er fasste frühmorgens seine Poststücke aus und stellte sie (nach bestem Wissen und Gewissen) zu. Manchmal früher, manchmal später. Ja, Einmach legte zwischendurch naturgemäß (nämlich: seiner Natur gemäß!) die eine oder andere Rast ein und ließ insgesamt den Lieben Gott einen guten Mann sein.

Wenn er sich etwa um zehn, elf Uhr vormittags, also gut nach Absolvieren des ersten Drittels seines Rayons, beim „Alten Mohrenwirt“ an seinen zwei, drei Mischungen labte, war die Welt durchaus (noch) in Ordnung. Und Postbote Einmach, der behäbige Sanguiniker, schaute auch mit Bedacht darauf, dass dies möglichst lange so bleibe.

Doch manche postalische Klippe galt es freilich noch (und immer wieder) zu umschiffen. Und zu den besonderen Herausforderungen des Briefträgerdaseins gehörte ohne Zweifel die möglichst pannenlose Unterscheidung verdammt ähnlich lautender Adressen. Skylla und Charybdis für jeden Postbediensteten, sozusagen!

Da wohnte die schon einigermaßen ältliche Frau Theresia Flatter, interfamiliär Thesy genannt, in der Oberen Mühlengasse 14/II; ihre ein wenig jüngere (nebenbei gesagt: mit ihr seit vielen Jahren verfeindete) Schwester Dorothea, genannt Thea, war am Oberen Mühlweg 14/A zu Hause. So etwas nennt man zu recht eine Infamie, denn das ist eine waschechte Adressenfalle für jeden noch so langsamen Briefträger! Unter Umständen – ein offenes Postler-Messer!

Und es geschah, wie zu befürchten gewesen war: Da bekam also just Thesy Flatter (Obere Mühlengasse 14/II) einen Brief vom leider schon leicht senilen Onkel Romuald Flurtz aus dem schönen Vorau in der Oststeiermark; was Gott sei dank! nur sehr selten vorkam; man kann ruhigen Gewissens sagen: fast nie, denn der Onkel galt als äußerst schreibfaul; besonders seit dem kriegsbedingten Verlust seines rechten Arms. (Westfront, und wenig nur über zwanzig Jahre war er damals alt! Traurig, aber wahr …)

Nein, sie bekam das Schreiben natürlich nicht; und das, weil Hugo Einmach das – sogar ausreichend frankierte und korrekt adressierte – Poststück nämlich bei Thesys feindlicher Schwester Thea (Oberer Mühlweg 14/A) einwarf.

Postgeheimnis hin oder her, es sei ausnahmsweise verraten, was es mit dem Brief und mit dem Schreiber desselben, dem Onkel Romuald Flurtz, auf sich hat: Also, der alte, invalide und längst schon pensionierte Oberkesselwart, der immer noch, seit 1993 verwitwet, im heimatlichen oststeirischen Vorau lebte, kündigte in diesem ziemlich förmlich abgefassten Schreiben (indes: Alle seine Schriftstücke waren förmlich, ja, irgendwie Akten-ähnlich, und der ganze Mann war ein Bürokrat durch und durch) seinen baldigen Besuch in der Landeshauptstadt an, wo er einen heiklen Behördenweg zu absolvieren habe, und bat, die liebe Nichte Theresia möge ihn dann und dann am Hauptbahnhof abholen.

So weit so gut.

Nun gelangte der Brief jedoch nicht in die schon leicht arthritischen Hände von Theresia Flatter, Obere Mühlengasse 14/II, sondern, wie oben schon ausgeführt, in die nicht minder zittrigen Finger ihrer Schwester Dorothea, Oberer Mühlweg 14/A. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Noch etwas: Auch der Fluch der vor zwei Jahren, 1993, verstorbenen Gattin von Romuald Flurtz, Genoveva (einer geborenen Rührsenkel), sollte sich solcherart endlich erfüllen!

Ja, wen hatte denn die dereinst so stramme, rothaarige Veverl mit dem damals noch so bombigen Busen und den runden Waden mit einem Bann belegt? Und – warum?

Nun, die Sache reicht ziemlich weit in die Vergangenheit zurück, nämlich in die frühen 1940er Jahre, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs also. Da spannte nämlich die (übrigens 1988 verstorbene) damals noch ziemlich jäh-blonde Eugenie Flatter. eine Halbschwester des Wirts zur „Goldenen Gans“ in Koglhof mit Namen Vinzenz Auer und stramme Angehörige des Bundes Deutscher Mädchen (BDM), eben der nachmaligen Genoveva Flurtz ihren aktuellen, von ihr schier angebeteten Galan aus: den allgemein als überaus stattlich bezeichneten feingliedrigen und ebenfalls blonden Jung-Nazi Georg Xaver Franz. Und wenn die Genoveva letztlich in der Folge mit ihrem späteren Ehemann, dem ja auch nicht unansehnlichen Oberkesselwart Romuald, nebenbei einem Vetter zweiten Grades der Eugenie, durchaus zufrieden sein hätte können, so wurmte sie der Umstand, in der Jugend derart a) hintergangen und b) verschmäht worden zu sein, doch ein ohnedies anstrengendes Leben lang. Ja, immer und immer wieder holte sie die Erinnerung an diese Schmach ein, bis sie, die angeblich mit ihrem Romuald so glücklich verheiratete Flurtzin, innerlich vertrocknet wie eine schrumpelige Zitrone und entsprechend verhärmt, sang- und klanglos am Krebs starb.

Ergo hatte sie sowohl ihre alsbald zu allem Überfluss noch zur Schwägerin gewordene Ex-Konkurrentin Eugenie Flatter als auch den feschen Georg Xaver Franz verflucht; mitsamt dem ganzen Familienanhang (nicht bedenkend, dass sie nach ihrer Verehelichung mit Romuald Flurtz ja auch zur weitverzweigten Sippschaft Flatter-Flurtz gehören würde … Jaja, der Hass macht oft blind wie die Wut, und Rache wie auch Schokolade können so süß sein!)

Wie hatte Genoveva Flurtz doch innerlich jubiliert, damals, im Jahr 1943, als die amtliche Meldung aus der Reichshauptstadt Berlin gekommen war, der blonde Schorsch sei vor Stalingrad gefallen! Mit aller Scheinheiligkeit, deren sie nur fähig war, hatte sie der Eugenie (mit den rotgeweinten Augen) ihr tief empfundenes Beileid ausgesprochen!

Und wie sehr ärgerte es sie, als der vermeintlich Gefallene nach langjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft schließlich doch noch, in den späten 1950er Jahren, eines Tages vor der Hoftür seiner Familie im oststeirischen Koglhof stand! Schwerst invalid, aber immerhin.

Gut, die Veverl hatte freilich auch nie geahnt, dass der fesche Georg Xaver Franz eigentlich gar nichts für Frauen übrig hatte – weder für sie (die sich einige Zeit lang gar als die Favoritin des attraktiven Jungnazi wähnte) noch für seine spätere Frau, die Eugenie, die ihn sozusagen pro forma erobert hatte! Der wegen seiner – offiziell verteufelten Veranlagung – mit sich als überzeugter Nationalsozialist ohnedies schon in gewaltigem Gewissenskonflikt Liegende sollte später, just vor Stalingrad, zwei Kameraden kennenlernen, die seine Gefühle vollauf teilten. Und nach einander waren es Erich Krautwaschl und Engelbert Zwirner, die da mit Franz (und seinem Gefühlschaos) durchaus tätig mitfühlten. Denen auch sein kurioser Hang, nämlich gern Weiberklamotten anzuziehen, sein Talent im Nähen, Stricken und Häkeln sowie seine Leidenschaft fürs Herstellen vorzüglicher Marmeladen nichts ausmachten. Nein, ganz im Gegenteil, die beiden jungen Männer stimmten mit ihm in den meisten Anlagen überein.

Dann kam die schwere Verwundung.

Und die Zeit hobelte schließlich alles mehr oder minder gerade.

Nur der Fluch blieb nun einmal ausgesprochen. Punkt um!

Der Missmut der Genoveva Flurtz nagte weiter an ihrem darob bald ausgezehrten Busen.

Und dieses Nagen hielt sogar übers Grab hinaus an.

Einmal nur, am Rand einer großen Familienfeier in den 1980er Jahren, als Genoveva und Schorsch einander allein gegenüber standen, brach sich der über Jahrzehnte aufgestaute Hass tatsächlich endlich Bahn. Und die damals leider schon reichlich verwelkte Veverl warf es dem hinkenden und einarmigen Veteranen Georg Xaver Franz machtvoll an den Kopf mit den zerzausten weißblonden Resthaaren, diesen in verletztem Ehrgefühl begründeten, aus tiefster Seele herauf-geröchelten Schicksalssatz: „Ich verfluch‘ dich, Schorsch!“ Freilich, sicher ist sicher, legte sie das sogar schriftlich nieder; wie auch noch anderes. (Irgendwann findet sich das dann, allemal.) Warum sie es tat? Es muss ihr wohl ein Anliegen gewesen sein.

Oh, ja! Sie konnte fuchtig sein wie nur, die Genoveva! Und nachtragend nicht minder!

Und jetzt, man schreibt, wie schon erwähnt, das Jahr 1995, ist sie noch dazu tot. Gestorben vor auch schon wieder zwei Jahren: 1993, an Krebs.

Da kann man nichts machen.

Das hat übrigens der freundliche Oberarzt im Landeskrankenhaus zu ihrem Mann, dem ziemlich niedergeschlagen wirkenden Romuald Flurtz, auch gesagt. Und er möge es als Erlösung ansehen. Nicht so sehr als Unglück. Und schon gar nicht als Strafe.

Hm. Der Fluch der Genoveva … Also, damals, 1943, hatten nicht einmal die augenscheinlich gravierenden Verletzungen, die der Georg Xaver Franz, der mordsmäßig lädierte spätere Heimkehrer, an der höllischen Ost-Front, dort beim Iwan, davongetragen hatte, sie versöhnlich stimmen können. Und ein solches Verzeihen wäre doch eigentlich zu erwarten gewesen; immerhin war ihr Mann, Romuald, durchaus vergleichbar lädiert, hinkend und einarmig, jedoch schon anno 1948 von der Westfront zurückgekommen. Verzeihen.

Ja, auch der Kesselwart hatte sein Teil abgekriegt bei diesem unmenschlichen Waffengang, von dem zuletzt nicht einmal die Kameraden vom Kameradschaftsbund so ganz genau zu sagen wussten, wozu man die scheußliche Krot dazumal denn nun wirklich gefressen habe …

Fest stand immerhin, dass sehr viele junge Männer wie der Romuald Flurtz und der Georg Xaver Franz, gerade erst einmal zwanzig Jahre alt oder kaum darüber, solcherart verheizt worden waren im unmenschlichen Krieg, damals. Sie hatten sich, weiß Gott!, etwas anderes erwartet gehabt – von der großen Zeit und von ihrem Leben! Sie hatten sich alle möglichen Chancen ausgerechnet gehabt und vielleicht die buntesten Karrieren vor sich gesehen.

Geworden waren es ziemlich gebremste Laufbahnen, die mit einiger Mühe jedoch auch einbeinig (und einarmig) zu bewältigen waren.

Ach, ja: Ein anderer Brief war der eigentliche Grund für den oben erwähnten gewesen. Auch er flatterte von Haus zu Haus. (Wie heißt es doch so treffend im herzigen alten Kinderlied: „Kommt ein Vogerl geflogen, / setzt sich nieder auf mein’n Fuß. / Trägt ein Brieflein im Schnabel …“) Einer, der allerdings seine richtige Adresse nicht verfehlte. (Das Rayon Hugo Einmachs reichte, Gott sei es gedankt!, eben nicht bis in die hohe Oststeiermark!) Von Koglhof, wo er bekanntlich seit Kindertagen schon lebte, schrieb der alte Georg Xaver Franz nach Vorau an seinen Verwandten und Kriegskameraden Romuald Flurtz – Ostfront, Westfront, war das heute noch so wichtig? Na, eben! -, dass er sich gern mit ihm aussprechen möchte nach all den Jahren, wo man sich, noja, nicht so recht grün gewesen sei …, ja, freilich: hauptsächlich der Weiber wegen …, aber immerhin, nicht wahr? … Ja, also!

Er kondolierte noch einmal artig „zum tiefempfundenen Verlust der Gattin Genoveva“ (vor zwei Jahren) und fügte an, dass er den Romuald höflich ersuche, sich mit ihm in der darauffolgenden Woche in der Landeshauptstadt zu treffen. „Auf neutralem Boden“, wie der annähernd 75-ährige Invalide dem anderen gleichaltrigen Invaliden schrieb. Und Ort und Zeit.

P. S.: „Du kennst wegen deinem fehlenden rechten Arm und ohne dein ursprünglich einmal vorhandenes linkes Bein vermutlich ja auch das Ziehen und Reißen dort, wo einmal was gewesen ist? Besonders, wenn das Wetter umschlägt … Und nächste Woche, das sagen mir meine fehlenden Gliedmaßen, wird gutes Wetter vorherrschen. Gut für dich und mich.“

Dieser Brief war also der Grund für das weiter oben erwähnte Schreiben des pensionierten Kesselwarts an seine Nichte Theresia, genannt Thesy; das jedoch zu Thea gelangt war.

Denn irgendwie hatte der malade Romuald Flurtz ein ungutes Gefühl. Zudem war die Thesy immer seine Lieblingsnichte gewesen. Dereinst sogar der Täufling von der Genoveva selig.

Nur – dass die es nie erhalten sollte, die Theresia, das Schreiben.

Jaja, Einmach!

Fortsetzung folgt!

II

Man konnte ihn nicht so ohne weiters als Gauner bezeichnen. Nein. Dazu waren seine Vergehen zu geringfügig. Doch tat man sich ebenso schwer, sein Tun als ehrenhaft oder gar vorbildlich anzuerkennen. Nein. Dazu waren einerseits seine Motive zu wenig schicklich, andererseits brachte er es auch gar nicht erst zu besonderer Auffälligkeit. Indes – seine Geringfügigkeit, die mancher anderen, sogenannten armen Haut durchaus und vergleichsweise hoch angerechnet worden wäre, wirkte an ihm vielmehr als Verschlagenheit oder als Tarnung, gar: als Maskerade. Kurz, Sigismund Greinsack war eine ziemliche Null in der Bilanz. In seiner eigenen wie auch in der anderer, die, aus welchen obskuren Gründen immer, mit ihm in Kontakt gekommen waren und Geschäfte gemacht oder irgendwie zu tun hatten. Und mit ihm etwas zu tun zu haben, konnte wiederum bloß obskure Gründe haben …

Greinsack fehlte es freilich auch an ausreichend schlechten Anlagen, die ihn vielleicht zum Betrüger größeren Formats hätten werden lassen. Doch auch seine quasi guten Begabungen und positiven Talente schienen bloß rudimentär ausgebildet zu sein.

Doch bleiben wir zunächst bei den schlechten Ressourcen: Er hätte es wohl niemals zum (und wenn auch nur vorübergehend) erfolgreichen Schurken gebracht, dem zumindest Respekt zu zollen angezeigt gewesen wäre. Auf Grund seiner fehlenden Fähigkeiten kamen gefinkelte Fälschungen, hochkarätige Hinterziehungen oder ähnliche, seine Mittelmäßigkeit an nötigem Geist und ebensolcher Veranlagung rasch überschreitende Verbrechen erst gar nicht in Betracht. Nein, Untaten mussten, um von Greinsack überhaupt ausgeführt werden zu können, durch eine weitgehende Schäbigkeit definiert sein! Erst das Schmierige, Vulgäre, am besten gepaart mit dem Unappetitlichen und dem Schmutzigen, das waren seine ureigensten Elemente. Und darin, möglichst unansehnlich und schmutzig aufzutreten, verstand er sich denn auch, ähnlich einem unsympathischen alten stinkenden Eber (am besten einem frustrierten, weil früh schon kastrierten!), gleichsam ausgiebigst und ständig zu suhlen.

Ja, Sigismund Greinsack war ein Schwein.

In seiner Selbstbeurteilung sah die Sache naturgemäß ganz anders aus. Hätte man Greinsack nach seiner gefühlten Profession gefragt, wäre die spontane Antwort unweigerlich Künstler gewesen.

Tatsächlich beherrschte der ansonsten eher ungeschlachte Taugenichts in recht passabler Weise die Fertigkeit der Aquarellmalerei. Doch ein insgesamt wenig künstlerisches, kaum wirklich kreatives Potenzial wies seiner Obwaltung auch in dieser unbestreitbar interessanten Disziplin nur äußerst enge Grenzen zu. Außerdem ließ sich mit kleinformatigen Wasserfarbbildern weder allzu viel Staat machen, noch konnten diese seine Fertigkeiten ihren Mann solcherart auch nur annähernd ernähren.

Also verdingte sich Sigismund Greinsack in erster Linie als eine Art billiger Kommissionär, als inferiorer Helfershelfer und schäbiger Winkeladvokat bei diversen krummen Dingen. Er war ein zwar immer noch auf das große Geschäft hoffender Nichtsnutz, doch in erster Linie ging er allen auf die Nerven, die mit ihm zu tun hatten und sich mit ihm einließen.

Und just auf ihn, auf diesen eberartigen, schmutzigen Sigismund Greinsack hatte Thea Flatter auf ihre in der Tat auch nicht mehr ganz so jungen Tage verfallen müssen.

Und dabei war an ihm eigentlich wirklich nichts Besonderes dran. Absolut nicht. Doch just solch ein Saubartl kann bei manchen Frauen dann wiederum seinen ganz besonderen Anwert haben … Man weiß das und ist immer wieder aufs Neu verwundert darüber.

Dass die schon so lang unbemannte Thea Flatter mit ihren fast siebzig Jahren noch einmal so etwas Ähnliches wie einen Sexualpartner überhaupt in Erwägung ziehen könnte, mag an sich schon irritieren. Dass sie dann ausgerechnet Sigismund Greinsack kennen lernen musste, wirkt unter diesen Auspizien vielleicht gar nicht mehr so erstaunlich und abwegig; und ums Bett ging es wohl auch gar nicht in erster Linie. Nein: Das ältliche Mädchen vom Land brachte es – sieht man von der eher unaufregenden und weitgehend ereignislos verlaufenden Ehe mit ihrem introvertierten Gespons Karl einmal ab, zu der, da er ihr Cousin war und ebenfalls Flatter geheißen hatte, nicht einmal eine Namensänderung notwendig gewesen war – zu keinerlei nennenswerter Aktivität auf dem geheimnisumwitterten Gebiet geschlechtlicher Umtriebigkeit. Und das ein Frauenleben lang. Denn der ehrenwerte Lokomotivführer, Antialkoholiker und Nichtraucher Karl wurde anlässlich eines gröberen Zugunglücks schon in den frühen 1980ern dahingerafft und bescherte Thea solcherart eine frühe Witwenschaft mit einer entsprechenden Pension. Und als nun Kleingauner Greinsack, diese personifizierte Wildsau, in seiner ganzen ungepflegten Erscheinung auftauchte, nahm sie ihn quasi als von Gott gegebenes Extra ohne allzu große Empathie entgegen. Mitsamt seinen eher dunklen Plänen, die wohl auch ihm selbst eher nebulös erscheinen mochten …

Nicht ungern ließ sie denn also die Gegenwart des massigen Ebers zu mit seinen rötlich-blonden Borsten ums Mehrfachkinn, mit den ebenso rötlichen Wimpern und dem ungeschickten Gang seiner X-Beine, die in wenig zierlichen Hufen endeten. Nicht ungern mochte sie Geinsacks Gegenwart, auch wenn sie sich summa summarum keineswegs so besonders entflammt für ihren neuen Gefährten zeigte, dessen Vorhandensein sie deshalb auch, so weit das nur möglich war, geheim zu halten versuchte. (Es war naturgemäß nicht möglich!)

Nein, zum wahren Angetansein bot Sigismund Greinsack in der Tat wenig Grund. Weder das Bild nach außen, das er eher unbekümmert vermittelte, noch seine Denkungsart, von der man glücklicherweise nichts sah, konnten die Umgebung besonders glücklich stimmen. Da hätte sich Thea vermutlich auch von einem baumwollenen Möbelüberzug, einem haarigen Bettvorleger oder einer halbwegs ausgefransten Badematte ficken lassen können – oder ihrerseits, stand ihr der Sinn danach, mit Überzug, Vorleger oder Matte bumsen -, es wäre eigentlich aufs Gleiche hinausgelaufen. Ja: Greinsack war als Bettgenosse genauso unergiebig wie als Aquarellist. Und das will schon etwas heißen.

Doch um Sex ging es bei und in dieser bizarren Beziehung zu dem um gut ein Vierteljahrhundert jüngeren Mann wohl auch gar nicht so sehr. Nein, Thea, die schon von der Ehe mit ihrem Lokführer Karl selig bloß minimale diesbezügliche Impulse gewohnt war, sehnte sich ohnedies nicht über Gebühr nach extremer Liebeswaltung (und damit verbunden: nach körperlicher Lustentfaltung), ihr ging es vielmehr darum, jemanden zur Hand zu haben, dem sie jederzeit ihre Sorgen und Nöte mitteilen konnte. Oh, ja! Thea redete gern und viel, und ihr Mundwerk war in der Tat ständig in Bewegung! Es lief, wie man so sagt, wie geschmiert. Und der unschöne Eber war im Zuhören a priori wie aus lang geübter Gewohnheit heraus gar nicht so schlecht.

Dafür rentierte es sich schon, einen gewissen (nicht unerheblichen) Teil der gar nicht so gering bemessenen Witwenpension, die sie nach ihrem verunglückten Karl bezog, in das rötlich-blonde Dreckschwein zu investieren.

Also erzählte Thea dem Sigismund Greinsack aufgeregt bei einer Flasche guten Weins und einer Packung mit knackigem Salzgebäck („Goldfischli“) vom Brief des senilen Onkels Romuald Flurtz, der zwar an ihre böse Schwester Thesy adressiert, jedoch bei ihr im Briefkasten gelandet war, und davon, dass sie den klapprigen Familienanhang, seinem Wunsch entsprechend, demnächst vom Bahnhof abholen werde. („Weißt du, der ist geistig bestimmt schon ziemlich weg und jenseits von Gut und Böse …“)

Wenn Greinsack auch hauptsächlich Bahnhof verstand, so entging es ihm instinktiv nicht, dass hier vielleicht was zu holen wäre. (Besonders, dass der greise Onkel geistig gaga sei, ließ immerhin auf einiges hoffen!)

Doch sollte alles ganz anders kommen.

Fortsetzung folgt!

III

Oh, ja, er hatte sich in der Tat stark verändert seit dem Begräbnis seiner Frau vor zwei Jahren, der Onkel Romuald, dachte Thea bei sich. Wie er so vor ihr stand auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs, da schien er ihr direkt zusammengegangen zu sein. Seither. Und überhaupt, der invalide alte Onkel Romuald. War der jetzt schon fünfundsiebzig?! Oder … mehr?!

Er wirkte zudem irgendwie nervös, ja: angespannt.

Also, irgendwas an ihm war anders, da war sie sich sicher. Auch wenn er immer noch hinkte und einarmig war, der Oberkesselwart in Ruhe. (Na, hätte ihm das im Krieg verlorene linke Bein in der Zwischenzeit nachwachsen sollen oder der weggeschossene rechte Arm?! Im Sinn irgendwelcher Reparationen vielleicht?!) Alt war er wohl zudem geworden. Nein: noch älter. Gut, der Krebstod der Tante Veverl hatte ihm wohl merkbar zu schaffen gemacht. Klar.

Doch jetzt war er einmal da. Und so hieß es, das Beste aus dem Treffen zu machen.

Und neugierig war sie schließlich ja auch, die Thea …

Daher verlor Dorothea kein Wort darüber, dass der Brief Romuald Flurtzens, der sie hierher bestellte, ja eigentlich an ihre Schwester Theresia adressiert gewesen war (und sie auch gar nicht wusste, warum sie ihn überhaupt bei sich im Briefkasten vorfinden hatte können).

Doch auch der alte Flurtz schien nicht überrascht zu sein, sie und nicht Thesy, an die er doch immerhin geschrieben haben musste, auf dem Bahnsteig vorzufinden. Seltsam … Doch Bahnhöfe beziehen, wie man weiß, nicht zuletzt aus diesem unauslotbaren Überraschungspotenzial ihren so einmaligen Reiz.

In Wirklichkeit konnte sich freilich Georg Xaver Franz, den Thea (es sprach doch alles dafür!) für den Onkel Flurtz hielt, das Auftauchen just der Verwandten hier, auf dem Bahnhof, überhaupt nicht erklären. Da er doch eigentlich auf den alten Flurtz wartete! Und wo, bitte, war dieser blöde Arsch abgeblieben?!

Das schien wiederum ihm alles ziemlich seltsam.

In der Bahnhofsrestauration, die wie eine solche aussah, was beide alsbald auch kritisch anmerkten, saß man sich also bei jeweils zunächst einer roten Mischung gegenüber. Die beiden taxierten einander aus den Augenwinkeln heraus misstrauisch.

(Gut schaust du aus, dachte sie, den alten Mann weiter unauffällig beobachtend und durchaus mit leichter Ironie. Aber – bist du wirklich der Onkel Romuald?!)

Gut schaust du aus“, sagte sie mit einer gewissen charmanten Übertreibung im Tonfall.

Und du erst!“, erwiderte der Alte seinerseits. (Georg Xaver Franz wusste mit einem Mal nicht genau: War das da Thesy oder Thea? Und warum war überhaupt eine von den Schnallen hier? Warum saß er nicht dem alten Flurtz gegenüber, wie geplant?! Eine alte Schachtel …, diese alte Schachtel!, dachte er sich schließlich resignierend. Aber, und er begann fast zu grinsen, wir haben ja noch die Marmelade! Genug viel Marmelade …!)

Prost!“, sagten beide beinahe unisono und ehrlich und tranken in eher hastigen Schlucken. Hastig? Nun, ja, so schnell, wie man um 11 Uhr vormittags schlechten, mit flauem Mineralwasser gemischten Rotwein eben trinken kann.

Dann entschuldigte sich Thea und entschwand kurz auf die Toilette für Damen.

Im wenig anheimelnden, stellenweise sogar verdreckten, allerdings gekachelten Geviert des in fahlem Gelbgrün gehaltenen Bahnhofsklosett blitzte endlich die Erkenntnis in ihr auf: Der da an einem Tisch mir ihr saß, das war ja gar nicht der Onkel Romuald Flurtz aus Vorau! Das war in Wahrheit Georg Xaver Franz aus Koglhof, der Onkel Schorsch also! Und ihr schossen sogleich die Gerüchte ein, die sich um den alten Franz rankten und bis hin zu unterstellten Giftanschlägen reichten! Und das ewige Gerede über seine Homosexualität! Dass die Ehe mit der Tante Eugenie ja ohnedies nur auf dem Papier bestanden habe! Ach, ja, und dann noch die Sache mit dem mysteriösen Tod seiner Frau, damals in den späten 1980er Jahren! Und gab es da nicht außerdem an die fünf, sechs andere Morde, die in Koglhof und Umgebung immer noch auf ihre späte Aufklärung warteten? Wohl vergeblich … Ein paar abgängige Bauern, allesamt alte Leute, doch einige Kinder auch darunter; gar nicht eingerechnet … –

Thea schauderte es. Doch sie fasste sich rasch.

Und … sonst -?“ Franzens Frage, die er an die eben von den Klosettanlagen zurückgekehrte Thea Flatter stellte, der er in ihrer Abwesenheit vorsorglich (und unauffällig) K. O.-Tropfen in ihre miese Mischung geträufelt hatte, zielte nirgendwo genau hin.

Jaja“, antwortete Thea, „es geht so … Immer irgendwie das Gleiche …“

Von draußen hörte man den Straßenverkehr auf der einen, die ankommenden und die weg- oder durchfahrenden Züge auf der anderen Seite und die unverständlichen Zugansagen, die mittels knarzender Lautsprecher auch ins Innere des Restaurants übertragen wurden und ihr rudimentäres Gespräch zusätzlich außer Schwung setzten.

Zwischen „Unnnd … Spiieeeelfeld-Strrraasss … unnndweiweiweiterrrr …“ und „Üüüberrr Ilzzz undundund Sinnnabelllkirrchennn nach Tschtsch …“ glaubte Thea aus dem Mund ihres Gegenüber einen leicht anzüglichen Satz zu hören, der wie „Und was macht die Liebe?!“ klingen mochte. Sie wollte schon etwas antworten und überlegte noch, ob eher spitz oder besser sachlich, doch da kamen gerade die Würstel in Gulaschsaft, die sie zuvor bestellt hatten nach kurzem Studium der schmuddeligen und insgesamt wenig einladende Speisekarte. Dass der unfreundliche mittelalterliche Kellner mit dem dunklen Teint gleich mit seinen schmutzigen Fingern die Semmeln neben die Teller platzierte, passte sich dem Bild geradezu perfekt ein, das dieses ganze miese Etablissement bot. (Vielleicht aber hatte Mario ja auch Order, wenigstens die Servietten nicht dreckig zu machen, die man sich, wie auch die Messer und die Gabeln, selber aus einem mit fettigen Fingerabdrücken übersäten Glas greifen musste, das inmitten des Tisches mit der scheußlichen Resopalplatte thronte neben dem Salz- und dem Pfefferstreuer sowie den in Zellophan verpackten Zahnstochern.)

Hier war im Grunde gut Abschied nehmen, dachte Dorothea Flatter und bröckelte gedankenverloren ein paar Stückchen des ziemlich altbackenen Weißbrots in die abgestanden riechende, fade, rötlich-braune Gulaschsauce.

Mahlzeit!“, sagte der Onkel, indem er süffisant den Mund verzog. (Und er dachte dabei schon mit einer gewissen Vorfreude an die noch zu verabreichende Marmelade.)

Mahlzeit!“, erwiderte Thea, nun doch einigermaßen nervös. (Ja, sie befand sich innerlich in hellster Aufregung, versuchte jedoch so zu tun, als sei alles in bester Ordnung.)

Fortsetzung folgt!

IV

Ja, ist es die Möglichkeit?!“ Theresia Flatter wurde abwechselnd weiß und dann wieder hochrot im Gesicht, schwankte gegen den Pfosten der Wohnungstür und schnappte dabei hörbar nach Luft! „Das …, das wissen Sie – bestimmt?! Und Sie sind sich ganz sicher, liebe Frau Muhrkick?!“ Und wieder schnappte der längst unwiederbringlich dem Tod geweihte Karpfen Thesy, unversehens ans raue Land geworfen, nach ein paar finalen Kubikzentimetern Luft. „Bestimmt -?!“

Der Raum vor der Wohnungstür Theresias wurde zur – immerhin: wenigstens bloß intimen – Arena, zur Spielstätte für Geschehnisse antiken Ausmaßes, sozusagen. Nämlich, als wäre die Muhrkick, diese unsympathische Person mit dem Gedächtnis eines Elefanten und dem Blick eines Seeadlers, der erste, der legendäre Marathonläufer, der damals, im Jahr 490 vor Christus, nach Athen gerannt gekommen war, um vom glorreichen Sieg der Griechen über die Perser zu berichten. Doch hier würde nicht der Verkünder der Meldung danach tot zusammenbrechen, sondern der Adressat der Botschaft: Thesy, das Opfer des offensichtlichen interfamiliären Unrechts, vermeintlich verübt durch den alten senilen Onkel Romuald, der ihre blöde Schwester und nicht sie so plötzlich und aus heiterem Himmel wieder einmal zu sehen wünschte nach langer Zeit. (Vom postalischen Kuddelmuddel und der Beteiligung des Briefträgers Hugo Einmach konnte keiner der Beteiligten, weder Thesy noch der ferne Onkel, auch nur etwas ahnen. Und der Griseldis Muhrkick war der Wahrheitsgehalt dessen, was immer auch sie ihren meist bösartigen Tratschereien zugrunde legte, herzlich egal.)

Die spindeldürre Bezirkstratschen mit dem verkniffenen faltigen Mund und den tiefsitzenden, leicht irre, auf alle Fälle gefährlich funkelnden und irgendwie stets rotierenden Augen nickte also weiterhin heftig mit dem unschönen Kopf, den ein dunkel-geblümtes Tuch aus Kunstseide zusammenzuhalten schien, aus dem einige schmutzig-graue Haarsträhnen hervorblitzten. In ihrem bizarren Habitus gemahnte sie insgesamt an eines der schrillen Totenweiber, von denen die schönen antiken Sagen mitunter erzählen; das Burleske ihrer Nick-Bewegung allerdings erinnerte eher an einen der berüchtigten Wackeldackel, wie sie auf der hinteren Fensterablage im Mercedes eines ganz bestimmten Kraftwagenfahrertyps ländlicher Provenienz in den 1980er Jahren fast zwingend anzutreffen waren.

Aber freilich, wenn ich es Ihnen doch sag‘! – Jesus, Maria! Frau Flatter! Sie schauen aber gar nicht gut aus! Nein, wirklich! Gar nicht gut!“ Und das oben erwähnte Oszillieren versetzte nun auch die hängenden Hautfalten unter dem spitzen Kinn der alten Muhrkick in Bewegung. Genauer gesagt: in eine seltsam erregte Vibration.

Sie hat einen Brief herumgezeigt, ihre Schwester Thea! Ganz stolz war sie darauf! Ja! Direkt von Stolz gebläht, so war sie – “

Da kippte Thesy endgültig aus den Pantoffeln.

Und wie Theresia Flatter da so im wahrsten Wortsinn geknickt vor der Bezirkstratschen Griseldis Muhrkick lag – ein dünnes grünliches Bächlein, das aus ihrem Mund sickerte, verunzierte schon den dunkelbraunen Türvorleger aus Kokosfaser -, musste diese eine Sofortentscheidung treffen: Entweder sie holte Hilfe, indem sie die Rettung und den Notarzt verständigte, oder sie machte sich schleunigst auf den Weg, die Neuigkeit zu verbreiten, deren Zeugin sie, wie gewohnt und sozusagen routiniert, gerade als Erste geworden war.

Eine Nachbarin zur Rechten, die pensionierte Oberlehrerin, Frau Hertha Schottenberg, nahm ihr die Entscheidung ab, indem sie ihre Wohnungstür vorsichtig einen Spalt breit öffnete. (Selber schuld …) An sie konnte die Muhrkick jetzt guter Dinge die medizinische Obsorge für die im Sterben Liegende überantworten.

Die treffsichere Bezirkstratschen mit dem Elefantengedächtnis (wenn auch auf nicht mehr ganz sicheren Beinen) machte sich indes auf den Weg, weiterhin in bewährter Weise eine treue und sendungsbewusste Botin schlechter Nachrichten.

Für Thesy freilich sollte jede Hilfe, obwohl Rettung, Notarzt und Polizei rasch an Ort und Stelle waren, zu spät kommen. Sie war hinüber.

Da trug, zugegeben, zumindest in gewisser Weise der Postbote Hugo Einmach durchaus sein Quantum Mitschuld daran.

Fortsetzung folgt!

V

Um nochmals auf das Geheimnisvolle zurückzukommen, das Bahnhöfe umgibt – egal, ob sich hier (oder in ihrer Nähe) Gewaltverbrechen ereignen oder ob es nur die üblichen Zugverspätungen zu beanstanden gilt -, soll als kleiner Exkurs die durchaus erstaunliche Geschichte von Parzival Platter-Grün aus Dornbirn und Jiři Dubček aus Brno/Brünn eingefügt werden. Sie hat mit dem sonst geschilderten Vorkommnissen zwar nur sehr peripher etwas zu tun, doch unterstreicht sie in gewisser Weise eben das Wundersame und von Geheimnissen Umrankte, kurz: das an den Bahnhöfen als magischen Orten wirkende Faszinosum.

Ja, an und in Bahnhöfen (und neben ihnen) können sich in der Tat die bizarrsten Dinge abspielen und, unter Umständen, sogar Metamorphosen ereignen. Man sollte das nicht für möglich halten.

So wie die durchaus des Erzählens werte Angelegenheit mit dem Identitätstausch, die – aber gemach, gemach!

Also –

Als Schicksalsdrehscheibe fungierte in der besagten Causa von Parzival Platter-Grün und Jiři Dubček übrigens der Bahnhof von Villach, dem man solche Qualitäten aufs erste Hinsehen eigentlich gar nicht zutrauen möchte. (Allerdings wirken viele Bahnhöfe auf den ersten Blick kaum dämonisch oder zauberisch. Das muss gesagt werden. Und bedacht sein.)

Nun, die wunderliche Sache trug sich in den 1970er Jahren zu, also zu einer Zeit, da durchaus noch mit dem Weltkommunismus zu rechnen war (ja, der hatte nachgerade richtiggehend Hochsaison!), der sogenannte Kalte Krieg immerhin noch andauerte, sich längst noch niemand von Glasnost und Perestroika zu träumen getraute und die Berliner Mauer unerbittlich fest gefügt da stand und die Stadt an der Spree brutal zweiteilte.

Als wäre es für die Ewigkeit …

Also, zwei Herren, die aus zwei durchaus verschiedenen Richtungen gekommen und jeweils mit dunklem Mantel und braunem Reisekoffer ausgestattet waren. Herr Kommerzialrat Parzival Platter-Grün, Mitfünfziger und respektabler Geschäftsmann aus Dornbirn, wollte eigentlich von einer wichtigen Besprechung in Zagreb/Agram wieder heim, nach Vorarlberg, reisen. Und der etwa gleichaltrige Dr. Jiři Dubček, der sich, ebenfalls zu einem geschäftlichen Termin, in Kärnten aufgehalten hatte, war auf dem Nachhauseweg in Richtung Brno/Brünn, damals noch ČSSR.

Doch weder kam Platter-Grün in Dornbirn an, noch gelangte Dubček nach Brünn.

Auf einem Bahnsteig in Villach verwechselten die zwei durchaus seriös wirkenden Herren nämlich ihre Anschlusszüge. Und, oh, Launen des Geschicks!, auch ihre Koffer vertauschten die beiden … (So etwas kann schon mal passieren, bitte! Außerdem: Die internationalen Fahrpläne sind kaum dafür verantwortlich zu machen, und auch die Eisenbahngesellschaften nicht. So gern man just auf sie die Schuld wohl auch abwälzen möchte.)

So landete Dr. Jiři Dubček schließlich, laut Pass nunmehr Parzival Platter-Grün, wohlbehalten in Dornbirn, und Kommerzialrat Parzival Platter-Grün stieg nach einigen Stunden Fahrt ebenso wohlbehalten als Dr. Jiři Dubček in Brünn aus dem Zug.

Die Formalitäten an den Grenzen verliefen ohne besondere Vorkommnisse; im Gegenteil, man schien die Herren in Kreisen des Zolls und der Grenzgendarmerie sogar gut zu kennen, so freundlich war die Abwicklung der wenigen Formalitäten.

Anfangs befremdlich fanden die beiden lediglich die Aufnahme in den Familien. Doch auch hier schien ihre – zugegeben nicht geringe – körperliche Ähnlichkeit weit hilfreicher zu sein, als sich etwaige Sprachprobleme als hinderlich erwiesen in der interfamiliären Kommunikation. Im Gegenteil: Frau Erika Platter-Grün fand ihren neuen Parzival ausgesprochen sympathisch, und auch Frau Jovanka Dubček war mit ihrem Jiři II nicht minder zufrieden. (Und das – sogar im Bett, wie sie einer Freundin bald nachher unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute.)

Während Ex-Dubček Platter-Grün seine Geschäfte mit womöglich noch mehr Ideenreichtum und Verve als vorher nun von Dornbirn aus betrieb, machten sich der neue Jiři Dubček, also Ex-Platter-Grün, mit der charmanten Jovanka kurz darauf in die Südsee auf.

Unbestätigt blieb allerdings das Gerücht, dass Parzival eigentlich ein Bankert von Romuald Flurtzens Stiefvater Ferdinand gewesen sei. Nun, für die vorliegende Geschichte wäre es immerhin schön gewesen. Oh, ja!

Fortsetzung folgt!

VI

So klein und schon so viel Leben.

Ein Punkt im unermesslichen Universum. Was heißt ein Punkt – ein Pünktchen! Ein fliegender Punkt. Ein fliehender Punkt. Ein Fluchtpunkt, womöglich. („Jetzt mach‘ aber mal einen Punkt!“)

Am besten: ein Sinnpunkt. Oder – ein Sinnenpunkt!

Nicht Augenblick und Ohrenschwall, auch nicht Nasenruch, Zungenzwang oder Fingergriff. Vielleicht: Herzschlag. Ja, doch … Mit Blutrauschen. Tod. Ja, mit Tod.

Aber –

Die (inzwischen tote) Thea Flatter hatte also den gleich alten wie invaliden Georg Xaver Franz beim Treffen auf dem Bahnhof zunächst für ihren ebenfalls gleich alten wie invaliden Onkel Romuald Flurtz gehalten. Was indes ein sowohl bedauerlicher als auch folgenschwerer Irrtum war. Doch obschon ihr die wahre Lage alsbald bewusst wurde, war es leider zu spät für effektive Gegenwehr. Oder glich die Frau in ihrer Panik bloß dem Kaninchen im Angesicht der Schlange?

Wie auch immer, Thea kam sehr rasch durch die vergiftete Preiselbeer-Marmelade des heimtückischen Franz, die eigentlich für dessen vermeintlichen Konkurrenten, Erzrivalen und Dauerfeind Flurtz bestimmt war, zu Tode. Ihn nämlich, den lädierten Oberkesselwart in Ruhe, hatte der immer noch von Hass erfüllte Georg Xaver Franz zur Exekution auf den Hauptbahnhof bestellt. Georg Xaver Franz, der einarmige und einbeinige Rächer, der – nicht zuletzt wegen der vor zwei Jahren zufällig im Lauf der Begräbnisvorbereitungen wieder aufgetauchten, halbwegs vergilbten Aufzeichnungen der Genoveva Flurtz – in panischer Angst davor lebte, endlich doch noch aufzufliegen! Wusste er doch nicht nur um den alten, die ganze Mischpoche betreffenden bizarren Fluch dieser verdrehten Hexe Bescheid, sondern musste er ja auch befürchten, dass anderen die Zusammenhänge bekannt sein könnten!

Georg Xaver Franz, der selbsternannte Rächer, der nicht nur seine eigene Frau beseitigt, sondern – wie von Thea ganz richtig gemutmaßt – auch noch eine Reihe anderer Morde begangen hatte, wollte dem alten Konkurrenten im Anschluss an ihr Treffen (in beinah schon gewohnter Weise) das Lebenslicht per Konfitüre ausblasen.

Obgleich der alte Franz gegen den alten Flurtz strenggenommen ja persönlich gar nichts hatte.

Die Veverl war vielmehr der Stein des Anstoßes gewesen. Nicht nur, dass sie sich immer noch als von ihm – schwul hin oder her – dereinst so herzlos zurückgestoßen empfand, hatte sie ihn auch dabei überrascht, wie er den kleinen toten Benedikt, einen Nachbarsbuben, im Wald vergrub, damals in den 1960er Jahren! Fast zwangsläufig hatte sie ihm unterstellt, sich an dem Kind vergangen und es danach ermordet zu haben! Aber – sie versprach, in Tränen ausbrechend und die Hände theatralisch ringend, über alles zu schweigen, wenn er sie nur wieder liebte! Da er das nicht versprechen konnte (wie denn auch?! lieben?! und warum eigentlich wieder?!), war von ihr der Fluch von früher erneuert worden! Beinhart!

Zudem legte sie nun das alles, was sie wusste (und das, was sie zu wissen glaubte) schriftlich nieder. Oh, sie war fuchtig! Und nachtragend! Ein Erinnye der bösesten Sorte! Und die Umstände hatten abermals das Ihre zu dieser ständig prolongierten Katastrophe seines Lebens beigetragen!

Was die alte Genoveva Flurtz nicht gewusst hatte und vermutlich auch nicht geglaubt hätte: Ja, der Georg Xaver Franz hatte den toten Buben vergraben, ja, verdammt noch mal! Aber er hatte ihn nicht umgebracht! Nein, das war sein Freund und Kriegskamerad Erich Krautwaschl gewesen! (Und eigentlich war da überhaupt ein tragischer Unfall passiert …)

Ihm, Franz, war ja des Freundes (des schwulen Geliebten) Lust an kleinen Buben, an Knaben also, immer unverständlich gewesen. Darin wusste er sich übrigens stets mit dem dritten Musketier von Stalingrad, Engelbert Zwirner, einer Meinung. Auch Zwirner ging die ganze (kulturgeschichtlich angeblich so bedeutende) Paiderastía der alten Griechen am Arsch vorbei! Mit Knaben hatten beide, er und Franz, nun einmal nichts am Hut; und auch der Schenkelverkehr war ihnen als Sexualvariante nicht genehm. Ja, sogar der Sitte des Sympósions vermochten sie nichts Nennenswertes abzugewinnen; eine zünftige Sauferei war ihnen da allemal lieber! Aber den Krautwaschl überkam es eben immer wieder, und dann musste ebenso immer wieder ein kleiner Bub her. Justament! Wie damals …

Doch Romuald Flurtz war in seiner Verkalkung (und wohl auch seiner Aufregung geschuldet) ein Fehler beim Termin unterlaufen: Er hatte sich blöder Weise im Kalender verschaut; wenn auch nur um einen Tag, aber immerhin. Somit konnte er zu dem im Brief von Georg Xaver Franz angegeben Zeitpunkt gar nicht am Hauptbahnhof in der Landeshauptstadt sein! Auch dass sein Brief an die Nichte Thesy, in dem er sie bat, ihn vom Bahnhof abzuholen, durch Verschulden des Briefträgers Hugo Einmach der anderen, der mit der ersten verfeindeten Nichte, Thea, zugestellt worden war, konnte er nicht ahnen. Da er indes klarerweise auch von seinen Irrtümern nichts wusste, achtete er nicht weiter darauf. (Sonst wäre er vermutlich vorsichtshalber überhaupt daheim und im Bett geblieben!)

Er wunderte sich allerdings, dass er weit und breit auf den Perrons keine Spur von seiner Nichte Theresia gewahrte, mit der er doch verabredet war. Ärgerlich schien ihm das, sehr ärgerlich sogar. Immerhin hatte er ihr doch sein Kommen per Brief angekündigt!

Gut, der einarmige und einbeinige Romuald Flurtz stieg also erst einen Tag später, dafür jedoch, wie verabredet, pünktlich um 11 Uhr vormittags auf dem Hauptbahnhof aus seinem Zug, wo er jetzt auf den (einigermaßen überraschten) Georg Xaver Franz traf, der schon wieder, wenn auch bloß halb- (und anders, als ursprünglich geplant) verrichteter Dinge und deshalb ohnehin einigermaßen verstimmt, heimfahren wollte. Doch Franz, wie die meisten Verbrecher, war rasch Herr der Lage und willens, gleich anschließend sein eigentlich geplantes teuflisches Werk, nämlich die längst fällige Tötung des Romuald Flurtz, doch noch in die Tat umzusetzen. (Ein bisschen Improvisieren kann nie schaden! Und: Es erweist sich halt immer als gut, genug von der vergifteten Preiselbeer-Marmelade bei sich zu haben. Man kann ja nie wissen! Nun, Franz hatte genug davon mit.)

Man begrüßte einander nicht allzu überschwänglich, und die zwei lädierten Greise wandten ihre Schritte in Richtung der immer noch schäbigen Bahnhofsrestauration. Die beiden alten Männer bemerkten betrübt, wie am Tag zuvor schon Georg Xaver Franz und Dorothea Flatter, dass die Bahnhofsrestauration in der Tat wie eine solche aussah. Allerdings war just jetzt niemand in der Stimmung, den allgemeinen Verlust an ehemaligem Glanz zu bejammern, wie er ihnen doch ringsum überall so schmerzlich und sauer aufstieß … (Freilich stand dem Flurtz und dem Franz eben auch nicht nach Vergoldung der alten Zeiten der Sinn.)

Doch die rasch bestellten und vernichteten paar Mischungen, begleitet (und akustisch nicht geringfügig belastet) durch die enervierenden Durchsagen mittels Lautsprecheranlage, taten dann schließlich ihre Wirkung, und zuletzt bedauerte Franz beinahe, seinen Plan, nämlich den alten Flurtz endlich doch noch ins Jenseits zu befördern, überhaupt ausführen zu sollen. Aber ausgemacht ist ausgemacht. Und der Fluch wirkte eben immer noch!

Das haben die guten alten Flüche allem Anschein nach an sich …

Später schleifte Georg Xaver Franz den um einiges weniger standhaften, ja: schon ziemlich besoffenen Romuald Flurtz mit sich in das schäbige Zimmer in der eher schon sehr bescheidenen „Pension Agathe“ in Bahnhofsnähe, das er gemietet hatte. Hier arbeiteten nämlich seit Jahren seine beiden Kameraden und Herzbuben von Stalingrad her, richtig: Erich Krautwaschl und Engelbert Zwirner, als Nachtportier beziehungsweise Mädchen für alles. (Krautwaschl hatte, zugegeben, schon bessere Zeiten erlebt, nämlich in den 1970er und 1980er Jahren als Besitzer nicht nur der Pension, sondern auch als Eigentümer der ziemlich großen Fleischerei, deren unschöne Reste sich immer noch hier, in der nächsten Nähe der heruntergekommenen Absteige, befanden – als traurige Zeugnisse des unaufhaltsamen Verfalls vormaligen Glanzes. Zwirners Ansprüche waren dagegen immer relativ gering gewesen, wodurch er keinen nennenswerten Abstieg in seiner ganzen jahrzehntelangen Karriere zu erkennen vermochte. Auch als Biersäufer und Fuseltrinker nicht.)

In der „Pension Agathe“ angekommen, flößte Georg Xaver Franz dem ohnehin ziemlich randvoll betrunkenen Romuald Flurtz zunächst noch einige Gläser vom doppeltgebrannten Obstschnaps aus seinem Köfferchen ein. Er wollte immerhin auf Nummer sicher gehen! (Wie einen Tag zuvor, bei Thea …) Dann füllte er sein wehrloses Opfer mit der restlichen vergifteten Marmelade ab, die er ihm mit ein paar Scheiben vom gesunden Mehrfachkorn-Toastbrot verabreichte, das er zu diesem Zweck besorgt hatte. Anschließend schleppte er – gemeinsam mit den Freunden Erich Krautwaschl und Engelbert Zwirner – den in einen ausgefärbten und löchrigen Fleckerlteppich gerollten Toten in die halbverfallene Fleischhauerei, die früher einmal zur Pension gehört hatte, als das Etablissement sozusagen noch in Blüte stand. Für Franzens Vorhaben günstig: Hier gab es auch noch einigermaßen intakte Maschinen zum Zerteilen der Kadaver sowie eine recht originelle (leider nicht mehr funktionstüchtige) Knochenmühle. In diesen schmutzigen, schlecht beleuchteten und mit großteils halbzerbrochenen hellblauen Fließen ausgestatteten Hallen hatte eben erst Nichte Thea ihre vorläufig letzte Ruhestätte gefunden. Nun bargen vier Müllsäcke ihre Reste.

Irgendwie wirkte das Ambiente dann doch einigermaßen schäbig.

Warum dem alten invaliden Franz, diesem traurigen Beweis für die Sinnlosigkeit aller Kriege, hier augenfällig dargestellt an einem körperlich zerschossenen und seelisch zerfetzten Relikt des aufreibenden Kampfes um Stalingrad vom November 1942, der nicht minder alte (allerdings körperlich einigermaßen heil-gebliebene) Nachtportier Erich Krautwaschl ohne viel zu fragen bei diesen, nicht nur für einen in die Jahre gekommenen Veteranen schwierigen Aktionen half? Und warum auch der dritte Kumpel im Bunde, Engelbert Zwirner, ebenfalls ein schon seniler, vor allem jedoch geistig entsprechend lädierter Haudegen, Quartalssäufer sowie Schicksalsgefährte aus dem ruinösen Russlandfeldzug und, wie oben erwähnt, in der heruntergekommenen Absteige als Mädchen für alles eingesetzt, anstandslos, ja: sogar gern! mitmachte? Man war nun einmal gemeinsam vor Stalingrad im Dreck gelegen. Und jeder war nun einmal überdies des anderen Liebhaber (oder Geliebte) gewesen in den schrecklichen Tagen und Nächten … Man war sich gegenseitig beigestanden. Drei Vertreter einer vom gesunden Volksempfinden verteufelten Minderheit zudem, hatten sie die wagen Hoffnungen und die tiefsten Ängste miteinander geteilt. Die Liebe hatte vielleicht gerade dort so richtig begonnen, wo sie andere als falsch und verachtenswert bezeichnet hätten. Die Liebe …

Und Georg Xaver Franz hatte Erich Krautwaschl nicht nur einmal gedeckt und ihm geholfen; so durch das Beseitigen der just angefallenen Leiche des kleinen Benedikt in den 1960ern … Auch hatte er den Freund, der konsequenterweise Junggeselle geblieben war (während Franz sich durch die Ehelichung von Veverls Konkurrentin Eugenie sogar den Anschein einer gewissen Normalität gegeben hatte, das soziale Blenden noch intensivierend), immer wieder öffentlich in Schutz genommen vor all den dummdreisten Heruntermachern und üblen Rufschädigern. Oh, ja, der Erich Krautwaschl stand heftig in Franzens Schuld!

Aber – sie waren Freunde gewesen. Immer. Der Georg Xaver Franz, der Erich Krautwaschl und der Engelbert Zwirner. Waren Geliebte gewesen, sogar. Blieben durch ihre damals und wohl für immer von velen Menschen (zumindest insgeheim) als abartig verunglimpfte Neigung zusammengeschweißt – bis heute. Damals? Da taten die einen, was sie taten, im Glauben an die Notwendigkeit, hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder und irgendwie Windhund-gleich sein zu sollen, um dem über alles geliebten Führer zu gefallen; oder auch bloß aus eingelernter Pflichterfüllung heraus. Damals. Und sie? Bei ihnen verhielt es sich, zugegeben, anders: Durch die eigene (objektiv: vielleicht noch so verkehrte) Haltung vermochten sie dem anderen, dem Freund, Halt zu geben in seiner eigenen …

Ja, und da sich die drei Männer als in einer so elementaren Gemeinsamkeit und Kameradschaft einander gekettet empfanden, quasi als siamesische Drillinge des Kriegsgottes Mars, war gegenseitige Hilfeleistung und Unterstützung bis auf das letzte Hemd, den letzten Knopf und den letzten Zahn für sie eine klare Sache! Damals in Russland – wie später, als man wieder daheim war. Und jeder für sich und, so vorhanden, für die Familie. Und: Wer würde bei einer Angelegenheit von Männerehre wohl nach Recht oder Unrecht fragen …?! Na, eben! (Zur Erinnerung: Der nunmehr tote Romuald Flurtz war dagegen ja nur an der Westfront eingesetzt gewesen; auch wenn er dort ebenso tapfer und in untadeliger Pflichterfüllung einige seiner Extremitäten und Teile seines Menschseins verlor und als Pfand ließ. Außerdem: Flurtz hatte sich sein Leben lang als heterosexuell empfunden. Was anderes konnte er sich gar nicht vorstellen.)

Als Sigismund Greinsack von draußen sein unschönes Schweinegesicht mit den rötlich-blonden Bartstoppeln und den tiefliegenden, unruhigen Augen an die verdreckte Scheibe der Eingangstür zur „Pension Agathe“ presste, sah er nichts weiter als undefinierbare, weil schemenhafte Bewegungen im Inneren des in fast völliger Düsternis liegenden vorderen Raumes des insgesamt eher abweisend wirkenden Gebäudes. Die Tür war verschlossen, und zu läuten getraute sich der Eber denn doch nicht.

Sein Glück.

Fortsetzung folgt!

VII

Bleiben wir kurz bei Sigismund Greinsack.

Also, nachdem ihm Thea, seine gefüllte Weihnachtsgans, wie er sie insgeheim und bei sich gern nannte, von ihrer Absicht erzählt hatte, sich mit ihrem alten und senilen Onkel, Romuald Flurtz, zu treffen, wurde dann sein Interesse an der Geschichte rund um die Familien Flatter/Flurtz langsam ja doch irgendwie geweckt. Sollte es da vielleicht etwas zu holen geben?, dachte er sich. Wenn ja – was? Und außerdem – wie viel? Hatten die oststeirischen Verwandten Theas womöglich von irgendwoher Kohle? Ersparnisse? Wussten sie von einem verborgenen Schatz? Ja, wie war es denn überhaupt um die Vermögenslage dort bestellt?!

Also ließ die unappetitliche Wildsau seine diesbezüglichen Verbindungen spielen.

Auf diese Weise war Sigi Greinsack bald darauf einer der ersten, die vom zunächst unerklärlichen Verschwinden seiner Quasi-Lebensgefährtin Dorothea Flatter und im Verlauf der nachfolgenden Recherchen auch vom Abhandenkommen ihres Onkels Romuald Flurtz erfuhr. Wobei sich beide Vermissten alsbald als entsprechend übel zugerichtete und fachmännisch tranchierte Mordopfer entpuppten. Traurig, traurig … Aber das war nun nicht mehr zu ändern. Nein, jetzt hieß es bloß, das Beste daraus zu machen.

Und auch vom Tod der Schwester seiner nunmehr für immer entschwundenen gefüllten Weihnachtsgans, also vom so jähen Abgang Theresia Flatters im Stiegenhaus ihres Domizil, erfuhr er quasi brühwarm. (Emil Eintoifl, der jüngere Bruder der Bezirkstratschen Griseldis Muhrkick, war nämlich ein guter Freund von Greinsacks Kumpel Herbert Krumpendorfer, der wieder – – – aber was soll das?!)

Der Eber Sigi war erschüttert. Dann, als es ihm dämmerte, dass seine geliebte Thea alles, was sie besaß (bis auf diverse Pflichtanteile) irgendeinem Lieblingsgroßneffen – oder einer Nichte? – vermacht hatte, und sie nun nicht mehr als so recht seine geliebte Thea (ganz zu schweigen von gefüllter Weihnachtsgans!) in seinem Gedächtnis firmierte, überlegte er kühl, was nun am besten zu tun sei. Die Kollateralschäden waren zwar nicht mehr zu beseitigen, doch Schadensbegrenzung im eigenen Umfeld war immerhin angesagt!

Ach, ja! Er hatte doch noch seinen Kumpel Herbert Krumpendorfer (ja, der Freund vom Muhrkick-Bruder Eintoifl, genau), und der hatte ihm gesteckt, dass man munkelte, der jetzt ebenfalls seit einiger Zeit abgängige Georg Xaver Franz, dessen Verwandtschaft zu Flurtz und Flatter dem Wildschwein durch Theas Bericht einigermaßen im Gedächtnis geblieben war, habe sich schon seit geraumer Zeit in Frauenkleidern herumgetrieben. Dies habe er unter dem Namen Hermine Hammelmann getan. (Hammelmann hatte sinnigerweise der Mädchenname seiner, Franzens, längst verstorbener Mutter gelautet …) Ob man da nicht vielleicht eine kleine Erpressung probieren könnte?!

Zu spät. Denn kurz nachdem die Polizei die grässlich zugerichteten, halbzerstückelten und blutverschmierten Leichen von Dorothea Flatter und Romuald Flurtz in der aufgelassenen Fleischhauerei neben der „Pension Agathe“ findet und die beiden Mittäter, Erich Krautwaschl und Engelbert Zwirner, in die Mangel nehmen kann, wird Georg Xaver Franz alias Hermine Hammelmann tot in der Tenne des kleinen Gehöfts in Kogelhof, dessen Besitzer Franz ist, auf dem Dachboden aufgefunden. Erhängt.

Suizid? Wohl sehr wahrscheinlich.

Jedenfalls gibt es keinerlei augenscheinliche Hinweise auf Fremdeinwirkung oder gar Fremdverschulden. Nicht einmal für die mögliche Beteiligung eines Mittäters (oder mehrerer) gibt es irgendwie geartete Spuren, wie die Gerichtsmedizin herausfindet. (Isidor, der jüngere Bruder Herbert Krumpendorfers, hat einen Schwager, Benno Kreuzwieser, der gerade in der Justizanstalt Karlau einsitzt und als Häftlings-interner Boss des hauseigenen Mobiltelefonwesens sowie der Drogen- und Alkohol-Verteilung ein paar Leute von der Wachmannschaft besser kennt. Einer von ihnen versorgt den vielseitigen Ganoven wiederum mit Informationen, sodass er bestens unterrichtet ist über den Stand der Dinge. Über Krumpendorfer gelangen die spärlichen Fakten an die Wildsau Sigismund Greinsack.)

Wieder eine vor der Anzapfung versiegte Quelle, sinniert der Eber im Gedenken an Dorothea Flatter dumpf vor sich hin mit schwerem Kopf. Er greift sich eine neue Flasche vom Reininghaus-Bier und schnippt den Kronenkorken missmutig mit dem dicken Daumen seiner Rechten durch die Luft, bevor er schmatzend zu trinken anhebt.

Fortsetzung folgt!

VIII

Er heißt Emanuel Rosenzweig und ist erst fünfzehn Jahre alt. Und er schreibt schöne Deutschaufsätze. Ja, er hat, so drückt es zumindest sein Herr Professor, der Mag. Egon Ämilian Fuschlspender, schon erstaunlich viel Phantasie für einen Schüler der fünften Gymnasialklasse. Sozusagen einen reichen Born der Phantasie, sagt der Prof. Fuschlspender, und er wirkt direkt euphorisch dabei, wenn er das sagt, der Prof. Fuschlspender.

Er mag seine Schüler nämlich, besonders die phantasievollen. Und er mag seinen Beruf. Der Mag. Egon Ämilian Fuschlspender ist halt noch ein Idealist.

Deshalb redet er auch von Beruf und nicht von Job.

Also, man muss schon sagen: Das, was der Emanuel Rosenzweig da mit seinen knapp fünfzehn Jahren zusammengeschrieben hat, ist aber auch wirklich saftig! Da würde er bald eine jede Familiengeschichte weghauen dafür, der Mag. Fuschlspender! Egal, ob vom John Irving, den er ansonsten so sehr schätzt, oder vom Thomas Mann … Im Ernst: Dieser schier elementare Kosmos, den der Knabe Emanuel da entwirft, der hat es doch tatsächlich in sich! In diesem Aufsatz zum Thema „Bei uns daheim – gestern und heute“ ist praktisch schon alles darinnen verpackt an Emotion, an Empathie, aber auch (und sogar) an Sex and Crime, was sich ein anspruchsvoller Leser nur wünschen dürfte! (Und Fuschlspender hält sich nebenbei immerhin für einen solchen!) Oh, ja! Erzählstrang für Erzählstrang hebt sich da schon – beinahe: raffiniert gedrechselt – ab, vergleichbar den Adern am Hals eines abgearbeiteten alten Landwirts. (Mitunter gehen, wie man sieht, auch dem Prof. Fuschlspender sozusagen die literarischen Pferde durch!)

Ja, das übersteigt bei weitem den Horizont, den man sich (als Lehrer wie als Schüler) für eine Deutscharbeit steckt – so im Allgemeinen! Bei weitem!

Da knistert es förmlich vor Hermetik, was die narrativen Geheimnisse betrifft, und da bahnt sich mancher skriptorale Strom, abrupt aus dem bewaldeten Unterholz losschießend und eben noch für ein sanftes Bächlein gehalten, seinen unerbittlichen Weg! Und auch semantisch weiß sich der hochbegabte Teenager (so scheint es zumindest seinem Deutschlehrer), geziemend und mutig zugleich, auszudrücken – mit Verve. Nicht selten sogar: elegant. Er wirkt zudem, geschickt mancher Untiefe des Geschmacks ausweichend, merkbar erfüllt von jener Frische, wie man sie heute leider nur mehr bei so wenigen Erzählern vorfindet …

Da menschelt es (Fuschlspender gerät ins Schwärmen), da gibt es den in der Literatur fraglos so wichtigen Anteil an Familien-Story und allgemeiner Geschichte, und da vor allem an saftigen und farbstarken Beispielen für Entbehrung und Entsagung, aber auch das wichtige Element an Fülle und Lust; indes finden nebenher das reine Vergnügen und das große Abenteuer ausgiebig Räume, wo sie sich austoben können! Und, ja, doch!, da wird auch des Krieges – ohne viel Federlesens, gleichsam sine ira et studio – Erwähnung getan!

Natürlich wird die Liebe nicht ausgespart in so manchen ihrer bitter-süßen Facetten. Und sogar ihre weniger gängigen, nicht immer akzeptierten Formen, die ständig aufs Neu im Zentrum (Pseudo-)moralischer Kritik stehen, kommen zur Sprache. (Wie der Emanuel das überhaupt alles zu erkennen und so auszudrücken imstand ist, wie er es tut?!)

Da bauen sich letztlich überzeugend konturierte Bilder und kühne Imaginationen auf, pastos und duftig; dann türmen sich da wiederum kühne Erzähl-Architekturen und werden gewaltige deskriptive Motivbögen gespannt. Ja, da lodert allenthalben das alles verzehrende Feuer einer schier überbordenden narrativen Laune! Da wirkt die freigiebige Geste des aus dem Vollen Schöpfenden! Da stapeln sich schließlich die einzelnen Puzzle-Steine motivischer Urkräfte und sammeln sich endlich zu einem mehr als bloß überzeugenden Plot!

Kurz: Da schwimmt die ganze menschliche Sülze so richtig, von Leben triefend, im roten Blutsaft daher!

Ja, Emanuel Rosenzweig, der hochbegabte Gymnasiast der 5. Klasse (obschon vorwiegend ländlicher Provenienz), das Ausnahmetalent, hat den Preis, den ihm die Ressortchefin des Bundesministeriums für Kultur, Kunst, Unterricht und Schuhplatteln, in der Entscheidung fachlich selbstverständlich von einer hochkarätigen Jury unterstützt, überreichen hat lassen, redlich verdient. Noch nie, wie es scheint, hat es für das „Junge Förderzubrot zum Staatspreis“ einen würdigeren Träger gegeben, auf dem außerdem ab nun mehr Hoffnungen für die literarische Zukunft des Landes ruhen würden, als eben Emanuel Rosenzweig!

So und ähnlich lauten ziemlich einmütig die Kommentare aus mehr oder minder berufenem Mund, abgegeben von Sprachwissenschaftlern und Germanisten, von Kulturjournalisten und Feuilletonisten sowie, zugegeben: zähneknirschend, von Autorinnen und Autoren.

Ja, er habe es sich verdient, besonders hervorgehoben zu werden, der noch so junge Preisträger! Dieser Emanuel Rosenzweig, dem man nun nur das Allerbeste wünschen könne!

Übrigens: Erraten, Emanuel Rosenzweig, der hoffnungsfrohe Jungliterat, ist ein Großneffe der toten verfeindeten Schwestern Theresia und Dorothea Flatter. Und die Geschichte rund um die Morde, den eminenten Fluch und die anderen reichlich bizarren, indes weitgehend familieninternen Gegebenheiten (einschließlich Welthistorie und Stalingrad sowie der möglichen Konkurrenz zwischen den weitgehend lädierten, maladen, maroden Überlebenden der Ost- und der Westfront) hat er, was sein Talent indes keineswegs schmälern soll, von einer anderen Großtante erfahren. Fein säuberlich aufgeschrieben dazu. (Diese Großtante tut ansonsten jedoch nichts zur Sache, und ihren Namen werden wir daher auch nicht nennen. Das hat sie sich zumindest verdient! Nur so viel: Sie war eine lange Zeit lang sogar so etwas wie die Busenfreundin der Genoveva Flurtz. Jaja, Sachen gibt es …)

Fortsetzung folgt!

IX

So klein und schon so viel Leben.

Ein Punkt im unermesslichen Universum. Ein Punkt. Ein fliegender Punkt. Ein fliehender Punkt. Ein Fluchtpunkt.

Ergreifen muss man freilich auch den Punkt, den Fluchtpunkt. Als wäre er ein Strohhalm.

Aber –

Wir schreiben, zur Erinnerung, immer noch das Jahr 1995.

Das Bundesministerium für Kultur, Kunst, Unterricht und Schuhplatteln schickt sowohl an Emanuel Rosenzweigs Deutschprofessor Mag. Egon Ämilian Fuschlspender als auch an den Postboten Hugo Einmach je ein Schreiben, in dem sozusagen die Quintessenz der Laudatio enthalten ist, die der Sektionsrat Dr. Moritz D. Schnurrziebler (in Vertretung der Frau Ressortministerin) bei der Verleihung des „Jungen Förderzubrots zum großen Staatspreis“ an Emanuel Rosenzweig gehalten hat. Darin ist es um die Begründung der überaus ehrenvollen Hervorhebung gegangen, indes auch prinzipiell um Belobigungen, Auszeichnungen und Bonifikationen, somit um ministerielle Förderungen und staatliche Würdigungen künstlerischer (zumal literarischer) Leistungen und besonderer Hervorbringungen in kreativer Hinsicht schlechthin. Dass die Preise und Belobigungen nämlich nicht nur vergeben und ausgesprochen würden als quasi ein Vergeltsgott für eine zur Zufriedenheit – vielleicht sogar darüber hinaus – erbrachte Leistung; oder gleichsam als Lohn für eine ganz besondere, der Allgemeinheit in exzeptioneller Weise dienende Arbeit; ja, oder als Adorierung einer extraordinären, womöglich: exquisiten, durch persönliche Entbehrung (wenn nicht gar Kasteiung!) erreichten Stufe an Disziplin oder sonst was; nein, alles das, was die Behörde und der Staat in Form von Dank und Anerkennung äußerten, möge auch Beweis sein dafür, dass man sich höhererseits natürlich auch sehr wohl dessen bewusst sei, wie förderungswürdig und dankenswert besonders unterlassene Leistungen sein könnten; die gescheiterten Unterfangen also, die Irrtümer, Falschmeldungen und Fehlentscheidungen! Ja, gerade ohne Irrtümer käme die Menschheit nicht weiter! Überspitzt gesagt: Ohne sie wäre die Menschheit nie so weit gekommen, wie es jetzt mit ihr gekommen sei …

(„Woraus sollten wir Menschen denn lernen, wenn nicht aus den Fehlern, die wir begangen haben und immer wieder aufs Neu begehen?“, so hatte, rein rhetorisch, der Sektionsrat Schnurrziebler bei der festlichen Verleihung des „Jungen Förderbrots zum Großen Staatspreis“ an den aufstrebenden Emanuel Rosenzweig im schönen, hell erleuchteten Saal des Bundesministeriums zu Wien gefragt. „Was sollte uns überhaupt weitertreiben in Wissenschaft, Forschung, Kunst und Leben, wenn nicht Zweifel, Fehltritt und Irrtum?!“)

In diesem Sinn mögen nun auch Mag. Egon Ämilian Fuschlspender – dafür, dass er das reiche in seinem so begabten, wenn auch erst fünfzehn Jahre zählenden Muster-Schüler Emanuel Rosenzweig schlummernde literarische Talent erweckt – und Postbote Hugo Einmach – dafür, dass er einen Brief falsch zugestellt und damit eine Kettenreaktion ausgelöst habe – den warmen Dank des Vaterlandes entgegennehmen.

Denn so, wie ein vielversprechender Schriftsteller (eine vielversprechende Schriftstellerin) mehr vermutlich die in naher Zukunft dann bald einmal unüberschaubar werdende Zahl der talentierten, doch weitestgehend unvermittelbaren und kaum verwendbaren Mitbürger (und Mitbürgerinnen) um eben einen (oder eine) vergrößere, so bringe auch ein an sich vielleicht marginaler Fehler eines Briefträgers das allgemeine Chaos erfreulicherweise um eine geringe Wegeinheit näher! Dafür gebühre dem Lehrer wie dem Postler unser aller Dank!

Aber –

dachten, fern ab und unabhängig von einander, Mag. Egon Ämilian Fuschlspender und Hugo Einmach, während sie die eben gelesenen Briefe wieder in die Kuverts verstauten. (Fuschlspender hatte sein Schreiben des Bundesministeriums für Kultur, Unterricht und Schuhplatteln zuvor sogar noch sorgfältig glattgestrichen.)

Aber –

das konnte doch nicht tatsächlich der Sinn ihrer Bemühungen (oder Unterlassungen) gewesen sein?!

Ich meine, wenn dem so wäre, dann hörte sich doch alles auf, dachte der Germanist und Deutschlehrer Fuschlspender, brav den Konjunktiv verwendend.

Ja, wenn das so ist … Dann ließ Einmach den Ausgang des ein wenig destruktiven Gedankens vorsichtshalber offen.

Frage: Woher wusste der Staat überhaupt von seinem Fehler mit dem angeblich falsch zugestellten Brief, wo doch ihm selbst der Irrtum gar nicht aufgefallen war?

Antwort: Der Staat weiß alles.

Aber –

E N D E

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