Dem Glück

e n t g e g e n

Eine Groteske, gespickt mit

diversen (hauptsächlich)

literarischen Reminiszenzen

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

Und schließlich stellt einen Depressiven kaum etwas

so zufrieden wie eine richtig miese Nachricht. Sicher,

eine optimale Lebensweise war das nicht, aber sie

hatte ihre evolutionären Vorteile. Depressive in

trostlosen Lebensumständen gaben, wie verzweifelt

sie auch waren, ihre Gene weiter, während die

Selbstverbesserer zum Christentum übertraten oder

in sonnigere Gefilde zogen.

Jonathan Franzen, Freiheit

*

Kreisverkehr

Man musste zwar nicht für alles und jedes, für alle Tätigkeiten und Verrichtungen und für jedes Vorkommnis, gleich eine literarische Entsprechung, zumindest eine prominente Textstelle oder Szene, parat haben. Aber Emmerich war es nun einmal angenehm, trotz einiger Semester Germanistik und Ethnologie, die er – eher lustlos, was die Germanistik, indes ziemlich ambitioniert, was die Ethnologie betraf – studiert hatte, immerhin noch über den entsprechenden Gusto am Lesen zu verfügen. Und sich somit bei diversen, auch durchaus profanen Tätigkeiten oder Gegebenheiten meist mit einigem Amüsement an Stellen aus der Literatur erinnern zu können.

Das erleichterte ihm sogar seinen zunehmend als unangenehm und beschwerlich empfundenen Job als Pharma-Vertreter und Reisender in medizinischen Produkten.

Es gefiel ihm, zum Exempel, beim Scheißen an James Joyce oder Umberto Eco zu denken; angesichts eines appetitlich zubereiteten Stückes vom Rindfleisch an Joseph Roth und vor einem hübsch angerichteten gemischten Salat, einem geschmackigen (um nicht leckeren zu sagen), den man zum köstlichen Schweinebraten reichte, an Anton Wildgans; beim oder nach dem Vögeln und/oder beim Onanieren an Felix Salten, an Günter Grass, Jonathan Franzen, aber auch an Michel Houellebecq.

Denn die minutiöse literarische Beschreibung der menschlichen Entleerung, wie erstgenannte Tätigkeit zur Not recht dürr bezeichnet werden könnte, hat es in sich. Ja, da geht es um wesentlich mehr, als mit dem (zudem meist noch dazu abwertend gemeinten) Ausdruck Scheißen umrissen wird: Dieses skriptoral ein- wie ausdrücklich abgehandelte, ausführliche Sich-Widmen einer im Grund banalen Handlung am Beispiel des Annoncen-Keilers Leopold Bloom im literarischen Rahmen des „Ulysees“ oder im illustrierten Roman „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“, angesichts also des diesbezüglich mehr oder weniger frohen Tuns am Endpunkt der Verdauung des gedächtnislosen Antiquars Bodoni, ist der Lese-Unterwindung allemal wert.

Bei der Beschreibung des herrlichen Tafelspitzes (und seiner mannigfaltigen Beilagen!) in Roths Roman „Radetzkymarsch“ oder des üppigen ländlichen Bratens mit Salat in Wildgangs‘ Versepos „Kirbisch“ verhält es sich – trotz einer ganz anderen Genuss-Thematik – nicht allzu verschieden dazu.

Der Felix Salten zugeschriebene Dirnen-Roman „Josephine Mutzenbacher“ eignet sich vermutlich vorzüglich als literarische Phantasie-Tapete für diverse Onanie- oder Fick-Aktionen. Schließlich wird in der Grass-Novelle „Katz und Maus“ wie auch in Franzens Romanen – beispielsweise in „Freiheit“ oder „Unschuld“ – der Selbstbefriedigung üppig Raum zu ausführlichster Deskription geboten; dort beim Schauwichsen des Joachim Mahlke (mit dem überdimensionalen Adamsapfel) im Dunstkreis von Danzig knapp vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Doch auch auf Houellebecq ist weiterhin Verlass.

Scheißen. Essgenuss. Vögeln. Onanieren.

Warum sich eigentlich nicht auf das angeblich so Alltägliche literarisch besinnen?!

Zudem: Der frustrierte 55jährige Pharma-Vertreter Emmerich Nurmaier war hochgradig depressiv. (Auch wenn er das im Allgemeinen und vor Publikum meist recht gut zu kaschieren verstand – in berufsbedingter Camouflage.) Also wollen wir ihm seine literarische Ambition bitte nachsehen. (Wie auch seine Lust an antik-mythologischen Äquivalenten zum traurigen Heute.) Denn irgendetwas Positives braucht auch ein zutiefst pessimistischer armer Teufel! Danke.

Das Leben war so schon schwer genug.

Da gab es erst einmal Emmerichs (wie sich bald herausstellte: leider hochgradig neurotische) Frau, Martha. Martha, heute 52, war irgendwann einmal eine aufgeweckte, junge und recht aparte Sekretärin mit einer durchaus interessanten Beschäftigung in einer florierenden Agentur gewesen. Dann lernten Emmerich und sie, die Tochter des – vielleicht ein wenig verdrehten, doch insgesamt recht umgänglichen – Universitätsprofessors Dr. Konrad Georg Rumstaschner und dessen ein wenig reserviert wirkenden Frau Leonore (einer geborenen Kalkhausen-Hohenburg zu Glanfeld-Sasse), einander kennen. Und quasi unverzüglich (wenn auch weitestgehend ungewollt) wurde die Tochter Romana in Auftrag gegeben; bald darauf folgten Thomas; und viele Jahre später noch die Nachzüglerin Chantal. (Die Namensgebung konnte, zugegeben, beileibe nicht als so besonders originell bezeichnet werden, war indes der Taufpatin, einer Cousine Marthas, geschuldet; und Diotima war nun einmal leicht neurasthenisch und kannte, was Vornamen betraf, keinerlei Geschmacks-Schranken.)

Jedes der angesprochenen Elemente für sich genommen hätte bei Emmerich Nurmaier vermutlich noch keinen ausreichenden Grund ergeben für eine mittelschwere Depression; doch gemeinsam fügte sich das alles – und noch einiges mehr – zu einem Konglomerat seelischer Missstände und zwischenmenschlicher Belastungen, das schließlich ohne weiters als üppiges Krankheitsbild der dunkelsten Sorte taugte.

Und: Emmerich Nurmaier war nicht allein mit seinen psychischen Defekten: Auch seine Frau Martha war hochgradig hysterisch und alles andere denn ausgeglichen. (Was nicht zuletzt innerfamiliäre Gründe hatte, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.)

In der Tat, das Verhältnis zwischen Emmerich und seiner nervenkranken Gattin konnte nach nicht ganz 30 Ehejahren nunmehr als denkbar komplex bezeichnet werden.

Außerdem war die älteste Tochter, Romana, zwar vor ein paar Monaten aus- und – endlich (mit fast 30 Jahren!) – zu ihrem Freund Roderich Pürzelberger (oder Patzelburger? – egal, wie auch immer …) gezogen, zeigte indes schon wieder überdeutliche Tendenzen, möglichst bald zu Mama und Papa ins Nest zurückkehren zu wollen. Auch wenn sie im Grund weder zu Martha noch zu Emmerich ein wirklich inniges Verhältnis pflegte … (Romanas Verhalten hing vermutlich stark mit ihrem Freund zusammen, mit eben diesem Roderich, einem abgebrochenen Architekten; nein, er hatte bloß ein paar Semester Bauwesen belegt, das Studium jedoch glücklicherweise abgebrochen, um sich dann ausschließlich seiner [im Übrigen äußerst mangelhaft ausgeübten] Gitarrenmusik und dem gern gepflegten Konsum verbotener Substanzen zu widmen. Und: Roderich war summa summarum ein langweiliger und eher schon armseliger Tropf ohne jegliche Perspektive; jedoch, quasi im Gegenzug, überreichlich mit hygienischen und intellektuellen Defekten ausgestattet.)

Emmerich gab gern sich (und Martha) die Schuld an der inneren Entfremdung zur ältesten Tochter. Hatten sie nicht in Romana, den eigentlichen Grund ihrer raschen Verheiratung, eine Art von Schuld also, projiziert? (Eine – wenn auch gemeinsame, so doch nichts desto weniger – schwere Schuld, an der sie nun und für immer mühsam genug zu tragen hatten?)

Dazu gab es nicht eben wenig Zores mit Sohn Thomas, der, auch mit 27 noch in der elterlichen Wohnung hausend, angeblich Romanistik und Geschichte, vielleicht jedoch auch Slawistik, Kunstgeschichte oder sonst etwas studierte, was Emmerich bedenklich nach Orchideenfach roch … Doch Tommy äußerste sich längst nicht mehr genauer dazu, was seine Interessen, Pläne und Aussichten betraf. (Quasi offiziell war lediglich der letzte Berufswunsch, der freilich aktuell kaum mehr gelten konnte, nämlich der, Lokführer werden zu wollen, und den er mit knapp vier Jahren geäußert hatte.)

Wie gesagt, so genau war das alles nicht zu eruieren; und vielleicht tat er auch gar nichts. Vielleicht. Auch mit ihm verstand sich der depressive Emmerich Nurmaier von Mal zu Mal, wenn sie einander überhaupt sahen und trafen, weniger gut. Oder befürchtete der Ex-Germanist und Ex-Pharmazie-Student Emmerich (darin quasi ein wenig Ex-Ethnologe!), an Sohn Thomas jetzt schon ähnliche Eigenschaften zu bemerken, wie sie auch ihn selbst früh bereits geprägt hatten? Nämlich: Pessimismus, Traurigkeit und eine Art von Weltschmerz? Ergo: Entfremdete ihm die Ähnlichkeit den eigenen Sohn?

Lediglich Nesthäckchen Chantal, 15, erfreute sich (abgesehen vom idiotischen Vornamen) der vollen Zuneigung und wohl auch jeglicher Unterstützung – sowohl durch die hysterische Mutter als auch durch den geschlauchten, dunkelfühligen Vater. Im Gegenteil: Beide Elternteile hätten in ihrem Fall des Guten sogar dann zuviel getan, wenn, was sie taten, überhaupt gut gewesen wäre …

Ja, die egozentrische Chantal tanzte beiden Elternteilen gehörig ungehörig auf der Nase herum und ließ sie in absurdem Konkurrenzkampf um ihre Gunst buhlen.

Dazu kamen noch die ewigen Streitereien mit Konrad und Erika Rumstaschner, dem schon merkbar senil werdenden älteren Bruder Marthas, einem überaus arroganten, pseudo-gebildeten, längst pensionierten Gymnasial-Direktor, und mit dessen zänkischer Ehefrau Erika, die zu allem Überfluss im selben Mietshaus wohnten wie Nurmaiers.

Doch das war bloß die häusliche Hölle.

Nicht wesentlich besser erschien Emmerich Nurmaier freilich der berufliche Alltag, egal, ob sich die Malaisen und Unbillen gerade in Vorarlberg oder in Salzburg, im Burgenland oder in der Steiermark abspielten. Immerhin war der Vertreter beinahe tagtäglich auf Achse. Und die Apotheker, diese arroganten reichen Säcke, gingen ihm allesamt auf die Nerven. Auch die Ärzte, diese ewig jammernden Weicheier! Er konnte sie ebenfalls zum größten Teil nicht leiden. Außerdem traute er dem Gesindel ohnedies nicht über den Weg.

Wie auch seiner Firma nicht, dem Brotgeber also, diesem internationalen Riesen, der sich das Terrain mit drei, vier anderen internationalen Riesen teilte; wobei abzusehen war, bis es womöglich nur noch einen internationalen Riesen geben werde.

Dazu kam noch das mehr als angespannte Verhältnis zu seinem unmittelbaren Vorgesetzten, einem ausgesprochenen Idioten, der allem Anschein nach seit Jahren kein größeres Ergötzen kannte, als an allem und jeden, was Emmerich Nurmaier tat oder unterließ, irgendetwas auszusetzen. Ja, dieser René Gründlinger war sein zusätzlicher Sargnagel par excellence!

Und dann erst die Hotels und Pensionen, in denen abzusteigen er sich immer wieder gezwungen sah. (Abgesehen von ein paar angenehmen Ausnahmen.) Vorhölle wäre in den meisten Fällen noch eine euphemistische Bezeichnung für diese im Wortsinn miesen Etablissements gewesen.

Doch sein Etat war nun einmal schmal bemessen; dank Gründlingers Dazwischenfunken!

Dabei hätte er sich nach den stundenlangen enervierenden und ermüdenden Autofahrten (in seinem alten klapprigen Dienst-Volvo) und den unerquicklichen Geschäftsgesprächen mit den Kunden und Klienten erstens eine herzlichere Aufnahme gewünscht – immerhin war er in den meisten Häusern längst schon Stammkunde; zum anderen eine, bitte!, etwas weniger abenteuerliche bis ganz schlechte Küche; und drittens: eine wenigstens ein bisschen interessantere und animierendere Unterhaltung nach dem Abendessen.

Doch nichts da! Ewiges Einerlei auf ewig gleichen Fahrten durch immer dieselben uninteressanten Gegenden, garniert mit meist ebenso uninteressanten Leuten …

So sah zur Zeit nun einmal die Welt des Handlungsreisenden Emmerich Nurmaier aus.

So und nicht rosiger. Um nichts rosiger. Um kein wenig rosiger.

Mitnichten.

Er musste mitunter an die bittere Schlussfolgerung in Arthur Millers bekanntem Stück beißender Gesellschaftskritik denken, an das Finale von „Tod eines Handlungsreisenden“. Und er beneidete den literarischen Vater-Kollegen, diesen Willy Loman, um seine Konsequenz, den einmal gefassten suizidalen Plan, zuletzt tatsächlich auch umzusetzen. Erlösend. Ja, das musste erlösend sein.

So. Jetzt noch die skurrilen vier Kreisverkehr-Anlagen, von verrückten Straßenplanern in den 1970ern und 1980ern hintereinander gesetzt wie Scheißekügelchen, die da so ziel- und ansatzlos aus irgendwelchen Ziegenbockärschen herausgepurzelt waren. Dann endlich wäre das – meist zappendustere – St. Pankrazen an der Salm in Sicht, wo er an diesem Abend (wieder einmal) in der immerhin sauberen Pension „Zum Goldenen Hahn“ absteigen würde. Bei der immer noch attraktiven, verwitweten Wirtin Hermine Filzmoser hatte er sich, wie üblich, schon per Mail (und per Mobiltelefon) angemeldet.

Dieses St. Pankrazen an der Salm passte allemal zu Emmerich Nurmaiers depressiver Stimmung. Ein Ort, der ihm – auch lange vor der leicht skurrilen Gemeindezusammenlegung (im vorliegenden Fall mit zwei ebenfalls weiter nicht sonderlich erwähnenswerten Nachbarorten, nämlich St. Laurenzen und Markt St. Blasen an der Furrach) anno 2014/15 – allein schon durch die permanente Düsternis aufgefallen war, die hier herrschte.

In St. Pankrazen hatte sich vor einigen Jahren übrigens eine merkwürdige, zugleich recht bizarre Mordserie abgespielt; deren erstes Opfer war der Fleischhauer, Hotelier und Wirt Emmeran Filzmoser von besagtem „Goldenen Hahn“ gewesen, ein in der ganzen Gegend berüchtigter Weiberheld und Schürzenjäger. Und eine nicht unwichtige Rolle bei der ganzen blutrünstigen Geschichte hatte eine rustikale Salbenspezialität gespielt: das Melkfett …

Oha. Was war das? Eine junge Frau? Eine junge Frau, hier am Straßenrand? Am Arsch der Welt, hier, eine – – -?

Emmerich bremste fast etwas zu abrupt – – – Ja, doch!, eine recht ansehnliche Stute, kaum 30 Jahre alt … (Letzteres war eine Blitz-Schätzung des im Allgemeinen auch nicht eben als Kostverächter bekannten pessimistischen Pharma-Vertreters.) Emmerich Nurmaier hielt an und setzte den Wagen zurück. Dann öffnete er von innen die Beifahrertür.

Darf ich sie wohin mitnehmen?“, fragte er mit dem depressiven Charme eines leicht heruntergekommenen Schmetterling-Sammlers, dessen Botanisiertrommel seit Längerem schon leer war wie ein spätsommerliches Bachbett in südlichen Gefilden.

Hi, das wäre nett“, erwiderte Sarah „die Mamba“ Schwarz, 27, sich vorbeugend und ihr ansehnliches Dekolleté präsentierend. Dann strich sie sich die blonden Haare aus der Stirn, ließ ihre blauen Augen und die weißen Zähne blitzen und stieg, den ohnedies kurzen Rock raffend (wobei ein ihre linke Pobacke zierendes Tattoo [ein Röslein!] kurz sichtbar wurde) in den bejahrten roten Volvo zu.

Wohin wollen Sie?“, fragte Nurmaier mit leicht belegter Stimme.

Wollen? Nein, ich muss … nach St. Pankrazen …“, gab die junge Frau lächelnd Auskunft.

Ist ganz meine Richtung. Dort muss ich auch hin“, erwiderte der Pillenverdreher.

Oh!“, sagte Sarah. Und es klang, als habe sie sich auf etwas Spitziges gesetzt. (Da war aber nichts Spitziges.)

Und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Teures Matratzenglück

Mitunter kommt einem alles so absurd vor, mit einem Mal, als ob die Welt sich gleichsam rückläufig drehte. Als ob die Kinder ihre Eltern erzögen (was ja, zugegebenermaßen, mitunter schon mal vorkommen kann …); als ob die Bauchredner-Puppen ihre Ventriloquisten führten und ihnen die zu artikulierenden Sätze soufflierten; ja, als ob erfahrene, in der Kunst der Taxidermie Kundige plötzlich als durch ihre ausgestopften Präparate substituiert erschienen: Eine Umkehr der Dinge hat da, so denkt man unwillkürlich, unmerkbar zunächst, dann freilich als umso gravierender und auffallender empfunden, auf mysteriöse Weise stattgehabt.

Freilich, die Frage bleibt: Ist diese Umkehr reversibel? Erziehen später (vielleicht auch erst in sehr ferner Zukunft, wer weiß?) dann doch wieder die Eltern ihre Kinder? Sorgen erneut die Bauchredner ihrerseits, wie man es vordem gewohnt gewesen war, für die Konversation? Stopfen wieder die Taxidermisten tote Tiere aus und nicht umgekehrt?

Oder –

Emmerich Nurmaier war Mitte 50, Sarah, „die Mamba“ Schwarz, 27. Gerade mal zwei Jahre jünger als seine Tochter Romana … Was sollte das da? Und: Warum war sie so ohne weiters mit ihm mitgegangen, nachdem sie erst bloß mitgefahren war, mitgegangen hierher? Hierher, in dieses düstere, depressive St. Pankrazen an der Salm? (Außerdem: Was wollte die junge Frau, noch dazu spät abends, just hier, hier in diesem Drecksloch?!)

Hermine Filzmoser hatte ihm mit gewohnt charmantem Lächeln sein großes Bier serviert. (Die neue Kellnerin, eine gewisse Ingrid, war anderswo im geräumigen und durchaus geschmackvoll eingerichteten Restaurant zugange. Barbara Sonnberger, die hübsche Babsi, die früher hier gearbeitet hatte, war im Zusammenhang mit der „Melkfett-Affäre“ bekanntlich aus dem Verkehr gezogen worden; hatte doch – kaum zu glauben! – diese so sanft und liebenswürdig wirkende junge Frau, wie sich alsbald herausstellte, die schrecklichen „Melkfett-Morde“ begangen!) Und vor Sarah stellte die immer noch fesche Wirtin das Glas mit der von der Mamba georderten Cola-Light, in dem die Eiswürfel klirrten.

Dann sahen Emmerich Nurmaier und Schlange Sarah Schwarz die saubere Speisekarte durch.

Er dürfe sie doch einladen, hatte der Reisende sein (zu erwartendes sexuelles) Opfer charmant gefragt, und die Mamba hatte ihrerseits mit unschuldigem Augenaufschlag dieses Entgegenkommen ihres (potenziellen finanziellen) Opfers akzeptiert.

Das Entrecote kann ich sehr empfehlen“, sülzte Hermine Filzmoser gezielt in Richtung Nurmaier, „denn mein neuer Fleischhauer hat sich in der Zwischenzeit zum wahren Lungenbraten-Spezialisten entwickelt!“ Etwas leiser fügte sie, und es wirkte fast wie ein vertrauliches Entre nou zwischen guten Bekannten, hinzu: „Darin schlägt er sogar den Emmeran, Gott hab‘ ihn selig …“

Sie sieht wieder hinreißend aus, die Hermine Filzmoser, dachte Emmerich bei sich. Mit ihrem gepflegten dunklen Haar (darin die paar aparten weißen Strähnen!), mit dem dezenten Make-Up, mit der schwarzen Bluse mit den großen roten Blumen (wie sie ihre Freundin Babsi so gemocht hatte, die Bluse) und in diesem eleganten Rock. Der Rock wirkte, dachte Emmerich, für St. Pankrazen beinahe schon zu elegant; doch, Hand aufs Herz, was wirkte nicht zu elegant für St. Pankrazen, diesen düsteren Ort der sterbenden Lichter und der die meiste Zeit grau dahinziehenden Nebel?! Melkfett

St. Pankrazen erinnerte Emmerich, wenn er berufsbedingt hierherkam, stets aufs Neu an Thomas Bernhard. Nur fehlte dem Bernhard-düsteren Ort leider die treffliche Ironie des österreichischen Meisterschriftstellers und pointensicheren Dramatikers. Aber – vielleicht sollte man sich nicht zu viel erwarten, ganz allgemein und von St. Pankrazen, diesem oststeirischen Dunkelloch, im Besonderen … („Wir stellen zu hohe Ansprüche, wir können gar nicht zu hohe Ansprüche stellen; keine Zeit hat so hohe Ansprüche gestellt wie die unsrige; wir existieren schon größenwahnsinnig; weil wir aber wissen, dass wir nicht abstürzen und auch nicht erfrieren können, getrauen wir uns, zu tun, was wir tun.“ So formulierte es Thomas Bernhard, anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen. Wie wahr, wie wahr!, dachte Emmerich Nurmaier. Wie wahr.)

O ja, diese Hermine Filzmoser gefiel ihm, dem unglücklichen Emmerich Nurmaier. Sehr sogar. (Auch wenn er bis jetzt nie bei ihr landen hatte können, gefiel ihm die kultivierte Wirtin ganz außerordentlich; oder vielleicht just deshalb?!)

Ich nehme das Cordon Bleu mit Reis und Preiselbeer-Kompott“, sagte die junge Schlange.

Gut, und ich nehme das Entrecote, aber bitte: medium. Und mit Bratkartoffeln.“ Nurmaier sah der Wirtin in die schönen Augen. „Ja, und noch ein großes Bier!“

Später dann händigte die schöne Frau Filzmoser dem traurigen Reisenden in Pillen, Salben und anderer Arznei den Schlüssel fürs Doppelzimmer aus, „Nr. 16, wie immer …“

Danke. Gute Nacht.“

Was sollen wir da groß irgendeinen Fick beschreiben, der uns im Grund genommen nichts angeht. Dass Emmerich Nurmaier des öfteren fremd ging, müssen wir zur Kenntnis nehmen (und es verwundert uns, zugegeben, auch weiter nicht). Freilich, hätte der depressive Pharma-Vertreter ein wenig mehr Obacht geben sollen, mit wem er sich da gerade eingelassen hatte. Denn – das veränderte nun in der Tat alles, wie wenn ab sofort Kinder ihre Eltern erzögen, Bauchredner-Puppen mit einem Mal für ihre Ventriloquisten dächten und sprächen oder die ausgestopften Vögel, Alligatoren und Wiesel von nun an die Position ihrer geschickten Taxidermisten einnähmen – hier lag eine verzwickte Grundsituation vor: Diese Sarah, die Schwarz-Mamba also, war ihrerseits die Tochter der auch als Natter bekannten Griseldis Schwarz; und besagte Natter war, Jahrzehnte ist das her, mit Emmerichs verstorbenem Apotheker-Schwager Nepomuk Rumstaschner für kurze Zeit liiert gewesen! Mit Nepomuk, dem reichen Pharmazeuten und Bruder von Nurmaiers Frau Martha, der erst vor einigen Monaten das Zeitliche gesegnet hatte.

Nicht so sehr der Umstand, dass der alternde und depressive Reisende gerade mit seiner Quasi-Nichte geschlafen hatte, mag uns ein wenig befremden; so was kommt bekanntlich in den besten Familien vor. Nein. Hingegen, dass dieser also weitgehend innerfamiliäre Umstand zwar sehr wohl der heimtückischen Mamba bekannt war, mitnichten (mit Nichten, haha!) jedoch dem alten depressiven Medikamenten-Vertreter.

Und die Schlange hatte, das ahnen wir, nichts Gutes mit ihrem Opfer vor.

Das Frühstück verlief ein wenig zäh.

Emmerich hatte eigentlich vor, seine junge Bettgenossin (wie er dies in ähnlichen Fällen immer zu tun pflegte) entweder gleich hier, in der ewigen Düsternis von St. Pankrazen an der Salm (oder wo er sonst umtriebig gewesen war), zurückzulassen; oder aber im nächstbesten Kaff aus dem Auto zu bugsieren.

Weiter belasten wollte er sich mit der nun einmal (und nur einmal) gehabten Freudenspenderin jedenfalls nicht.

Doch der Wirt hatte – um hier ein Wort des Alexandre Dumas des Älteren aus seinem Roman „Die drei Musktiere“ zu zitieren – die Rechnung ohne den Gast gemacht. Die Mamba hatte nämlich längst schon einen Plan gehabt, als sie da irgendwo zwischen dem benachbarten (jedoch nicht eingemeindeten) Koglhof und St. Pankrazen auf ihr Opfer gelauert hatte. Es ging ihr, nicht zuletzt: angestachelt durch ihre böse, nachtragende und geldgierige Mutter Griseldis Schwarz, die Natter, darum, sich an der Familie ihres Zeugers, des Apothekers Nepomuk Rumstaschner, nach allen Regeln der Kunst zu rächen. (Wenn der schlaue Pharmazeut seiner wilden Kurzzeit-Konkubine Griseldis sowie deren verderbter Leibesfrucht Sarah auch nunmehr durch seinen relativ frühen Tod endgültig entkommen zu sein schien, die übrige Sippschaft gab es immerhin noch, an der man sich schadlos zu halten gedachte; vor allem: an Nepomuks Schwester Martha und am Schwager Emmerich Nurmaier!)

Dazu muss man sich erinnern, dass Emmerich Nurmaier, der traurig-pessimistische Pharmaka-Lieferant und dennoch grosso modo gewiefte Ärzte-Beschwatzer, dereinst selber Pharmazie zu studieren angefangen hatte (nachdem sowohl das Germanistik- als auch das Ethnologie-Experiment gescheitert waren). Und das durchaus ermutigt durch Nepomuk Rumstaschner: Weil Emmi, dem damals gerade jung angeheirateten Schwager, vom reichen Bruder Marthas für später einmal die florierende Apotheke in Aussicht gestellt worden war; vorausgesetzt, er würde möglichst zügig die entsprechende Ausbildung machen. (Immerhin war Nepomuks Frau Else früh verstorben und hatte den lebenslustigen Pillendreher so schon in noch jungen Jahren zum kinderlosen Witwer gemacht.)

Doch kaum hatte Emmerich sich so richtig auf die Pharmazie geworfen, da war bald darauf auch schon die Natter, Griseldis, ins Leben des Apothekers Nepomuk Rumstaschner getreten. Und das machte alle anderen bisherigen Pläne zunichte; und somit Emmerichs langwieriges Studium im Grund genommen obsolet.

So hatte er nolens, volens mit fast 30 Jahren den Job eines Pharma-Vertreters angenommen.

Dieser innerfamiliäre Fauxpas war nun aber vermutlich der eigentliche Grund (oder zumindest der Auslöser) für Marthas neurotisches Krankheitsbild. Einerseits hatte sie sich vom späteren Ehemann, nachdem die Phase der ersten Verliebtheit vergangen war, wohl wesentlich mehr an beruflichem Erfolg und bald dann eine durch Strebsamkeit zu erreichende Karriere erwartet. Nun aber, sie konnte gar nicht anders, musste sie ihren Partner verachten. Durch und durch.

Zum anderen freilich wurmte es die junge Frau (und nun schon zweifache Mutter), dass just ihr flotter Bruder Nepomuk, der alles Mögliche großmäulig in Aussicht stellende Apotheker also, mit seinen letztlich leeren Versprechungen das Seine zur weiteren Verunsicherung (und, wie sie ahnungsvoll befürchtete: zum endgültigen Abstieg) Emmerichs beigetragen hatte.

Doch treten solche ungetreue Wohltäter, wie Nepomuk einer gewesen ist, nicht fast immer, Katalysatoren gleich, in Erscheinung, gerade, um bereits längst – vom Schicksal (oder vom Zufallsgenerator) – entsprechend vorbereitete zwischenmenschliche Versuchsanordnungen mit unerfreulichem finalem Ausgang besonders flott auf den Weg zu bringen? – Nun?!

So auch im vorliegenden Fall. Denn an sich hätte Martha ihren Mann ohnedies allein schon seiner Zaghaftigkeit, seines Zauderns und seiner Unternehmungsunlust wegen geringschätzen dürfen. Doch das alles, diese Eigenschaften und Dispositionen, wollte sie nicht so einfach und schicksalsergeben hinnehmen. Nein. Denn dann hätte sie sich selber eingestehen müssen, eine denkbar schlechte Partnerwahl getroffen zu haben. Und solcherart an ihrer Malaise zumindest mit-schuld zu sein.

Unter diesen Voraussetzungen war es ihr dann immer noch lieber, den lebenslustigen Bruder Nepomuk insgeheim einen krummen Hund zu heißen und in ihm den Schuldigen zu sehen an ihrer aller Misere. Und das überdauerte auch dessen – vermutlich durch Hormone gesteuerte, schier unbezwingbare – Hinwendung zur Natter Griseldis Schwarz wie die lange schon wieder erfolgte Abkehr. (Denn dieses wenig erfreuliche Kapitel war in der Tat nur mehr schemenhafte Geschichte; allerdings – mit einem Nachspiel: im Zeichen der Mamba.

Ja, das blieb so bis in die Gegenwart hinein, über dem Tod des so viel verheißenden und leider so wenig davon erfüllenden Apothekers hinaus.

Am Effekt, dem von Martha gebotenen Bild einer hysterischen Neurotikerin nämlich, änderten alles diese Reminiszenzen und Erwägungen freilich nicht das Geringste.

Wie oben schon angedeutet, hatte das Glück zwischen dem stinkreichen Pharmazeuten Nepomuk und der Natter nur kurz gedauert. Einer neuerlichen Eroberung, der rothaarigen Guggi mit den Riesentitten, wegen schickte Mag. Rumstaschner die Mutter-Schlange (mit Jung-Mamba im Schlepptau) bald schon in die Wüste. Und das, noch bevor Griseldis Schwarz ihre Schäfchen ins Trockene bringen und alles entsprechend positiv für sich und ihre Tochter-Schlange regeln hatte können. Mehr als eine eher dürftige Abfindung (plus Alimentation für Sarah) war da verständlicherweise nicht drinnen gewesen.

Und nun war der Apotheker, kaum 65jährig, vermutlich an den Folgen seines zügellos ausgelebten Hedonismus, bedingt durch seine gesteigerte Genusssucht und überhaupt seines dauernden Wohllebens wegen, mehr oder weniger sang- und klanglos abgekratzt. (Die Apotheke hatte er zuletzt einer brandneuen Flamme namens Petra vermacht. Die war jung, blond und entwaffnend dumm, dafür allerdings sexuell ziemlich aggressiv.)

Was also tun?

Mutter und Tochter Schlange grübelten – und hatten bald einen Plan.

Jaja, vielleicht gibt es die Gerechtigkeit in Wirklichkeit überhaupt bloß in der Vorstellung der Menschen von Gerechtigkeit. Und da spielt es dann auch kaum eine Rolle, wer nun für (vermeintliche oder tatsächliche) böse Taten verantwortlich ist oder war; Hauptsache, dass irgendwer blutet – so oder so … (Wobei das wirkliche Bluten zwar heroisch wirken mag, das finanzielle Bluten besonders etwa vielen diesbezüglich ausrinnenden älteren Männern jedoch weit mehr zu schaffen macht. Ja, wären diese Typen schon kaum fürs Heldenhafte [und ähnliche Blödheiten] geschaffen, so sind sie gröberen Geldverlusten praktisch wehr- und hilflos ausgeliefert wie auf dem Rücken liegende Riesenkäfer. Hat doch der Polster ihrer finanziellen Sicherheit ihnen – zumindest haben sie bis dato darauf fest vertraut! – quasi ewige Jugendlichkeit und immer währende Fitness garantiert … O welcher Irrglaube! Welche Dummheit! Und: Welche ausschließlich vom Schwanz her, ergo in vollkommener Absenz jeglicher Hirnreste gesteuerte Idiotie!)

Und die Schwarz-Weiber hatten nun einmal beschlossen, der Nurmaier-Onkel sollte bluten. Bluten und blechen.

Blick zurück im Zorn

Keine Angst, wir planen nicht, das vorliegende Traktätchen über Glück und Familie hier noch (und womöglich: ausführlich) um die Facette John Osborne beziehungsweise die Behandlung seines sozialkritischen und in diesem Bereich durchaus stilbildenden Dramas „Blick zurück im Zorn“ („Look Back in Anger“, 1956) oder um die schriftstellerische, sowie um die sozio-politische Strömung der Angry Joung Men im Allgemeinen zu erweitern. Doch auf den enervierenden Dauer-Streit zwischen unserem depressiven Pillen- und Salben-Reisenden Emmerich mit seinem blasierten Dummkopf-Schwager Konrad Rumstaschner (und mit dessen nicht minder einfältiger Ehefrau Erika) muss immerhin am Rande eingegangen werden.

Schon aus für den Autor gewichtigen literarischen Erwägungen heraus.

Denn diesen halbgebildeten Banausen, die sich immer schon weiß Gott was auf ihren Thomas Mann und ihre Doris Lessing, selbstredend auf ihren Johann Wolfgang von Goethe (überhaupt auf die Klassiker) und auf ihren Peter Handke eingebildet haben, müssen wir schon aus reiner Sympathie für Emmerich Nurmaier etwas Raum geben; und sei es bloß, um ihre Inferiorität und Halbgebildetheit herauszustreichen. (Allein schon zum Zweck des Kontrasts [und um unseren traurigen Helden, der ja nun – bei Gott! – auch kein Heiliger ist, zumindest eine Spur besser aussehen und dastehen zu lassen …]).

Also, schon Marthas Eltern, die (wie wir hoffen wollen) längst selige Oma Leonore, eine geborene von Kickshausen-Altenburg, und ihr Mann, Dr. Konrad Georg Rumstaschner, ein ebenfalls lange schon verblichener Altphilologe und dereinst angeblich sogar recht angesehener Universitätsprofessor, hatten zwar mit dem zweitgeborenen Sohn Nepomuk und der Jüngsten, mit Tochter Martha, kaum irgendwelche Zores. Sorgen bereitete ihnen in der schönen Gründerzeitvilla, draußen, am Rande der Stadt, allerdings der Erstgeborene: Konrad. War dieser Sohn aus gutem Hause doch ziemlich speziell und, sozusagen: besonders.

Ja, besonders.

Konrad war als Kind schon – eigenartig: Dieser Knabe galt beinahe von Geburt an als arrogant, blasiert und ziemlich unleidlich. Der Verschleiß an Kindermädchen überstieg denn auch bald schier den diesbezüglichen Etat des Herrn Professor. Allergisch gegen dieses und jenes, in einer Zeit, da Allergien noch gar nicht verbreitet (und, zum Vergleich, in den unteren Schichten nicht einmal allgemein bekannt) waren, quengelte Klein-Konrad ständig und hatte an allem und jedem etwas auszusetzen: am Essen, am Wetter und an den Eltern, später an den Geschwistern. (Nur an sich selbst nicht.) Auch, dass er sich noch später dann unbedingt den Lehrberuf erwählen würde, war vermutlich allein schon seiner angeborenen Lernunwilligkeit sowie seinem ebenfalls angeborenen Sadismus und Menschenhass geschuldet …

Vergleichsweise unproblematisch schritt Nepomuks Lebensweg voran. Der begabte junge Mann fand rasch Gefallen am Apothekerhandwerk, in das ihn ein älterer Bruder des Vaters, Mag. pharm. Erich Hildebrand Rumstaschner, mit Umsicht und Geschäftssinn einführte. Von ihm, dem kinderlosen Hagestolz, sollte Klein-Nepomuk, nach abgeschlossenem Pharmazie-Studium, die Apotheke später einmal erben. (Was auch geschah.)

Einige (vergleichsweise marginale) Sorgen bereitete den leicht abgehobenen Eltern Rumstaschner die eher gering ausgebildete Lernlust der Jüngsten, Martha. Dieses Manko sowie die Tatsache, dass sie sich, die nur mit Ach und Krach die Matura geschafft hatte, später dann keinen Akademiker als Ehemann zu fischen imstand war und nur als Sekretärin arbeitete, verziehen sie der aufgeweckten und – ja, doch: recht – ansehnlichen Tochter. (In Martha hatten sich jedoch schon zuvor sukzessive bedrohliche Veränderungen vollzogen, nämlich was ihren Geist und ihr Nervenkostüm betraf. Doch das wäre vermutlich nur wirklich mitfühlenden Eltern aufgefallen, Und mitfühlend waren die leicht überdrehten Rumstaschners in der Tat nicht; sie waren im Gegenteil schon mit ihren kleinen Problemen [rund um Status, Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen] ständig überfordert .)

Nun, sie fanden sich, was die Bekanntschaft mit Emmerich betraf, also mit dem Bummelstudenten als Freund (und Bräutigam in spe), ziemlich rasch ab. Und auch Nepomuk schloss den jungen zukünftigen Schwager ins Herz (wir erinnern uns an das [später allerdings nicht eingehaltene] Apotheken-Übernahme-Versprechen!).

Freilich, zwischen dem eitlen, von sich eingenommenen Idioten Konrad mit seiner ähnlich gepolten Frau Erika und dem späteren Reisenden in medizinischen Artikeln sowie Salben, Tabletten und Pillen, Emmerich, stimmte die Chemie a priori nicht. Nie und nimmer.

Konrad“, sprach die Frau Mama,

ich geh‘ aus, und du bleibst da.

Sei hübsch ordentlich und fromm,

bis nach Haus ich wiederkomm‘,

Und vor allem, Konrad, hör‘,

lutsche nicht am Daumen mehr!

Denn der Schneider mit der Scher‘

kommt sonst ganz geschwind daher,

und die Daumen schneidet er

ab, als ob Papier es wär‘.“

Des (Irren-)Arztes Dr. Heinrich Hoffmann – ursprünglich lediglich für die Erziehung und Erbauung des eigenen Nachwuchses, also für den Hausgebrauch, gedachtes – Kinderbuch „Der Struwwelpeter“, längst und immer noch ein beliebter Klassiker auf dem Gebiet fragwürdiger Pädagogik und ebensolcher Jugendliteratur, musste einfach so gut wie allen in den Sinn kommen, stellte sich irgendwo in Gesellschaft (der sogar selbst einstmals junge) Konrad Rumstaschner namentlich vor: „Konrad“ …

O ja: „Die Geschichte vom Daumen-Lutscher“ hat es in sich in ihrer ganzen Drastik; schnippelt doch der Schneider (als welche Instanz und mit welcher Befugnis ausgestattet auch immer) dem unfolgsamen Daumen-Lutscher-Bub – „Weh! jetzt geht es klipp und klapp“ – mit der Scher‘ die Daumen ab []. (Anmerkung: Das gleich unschöne wie fehlerhafte Dativ-Ende bei -Bub ist durch die Notwendigkeit eines [ohnehin schwachen] Reimes auf Stub‘ bedingt, in die der Schneider nach dem Abgang der Mutter gestürzt kommt. Durchaus kühn ist übrigens auch schon das vorangegangene Enjambement: und die Daumen schneidet er / ab [, als ob Papier es wär‘].)

So eine dramatische Episode wie die des Daumen-Lutschers bleibt nun einmal an jeglichem Namensvetter hängen. Nein, noch mehr: So was kann prägend fürs ganze Leben sein.

Doch neben etwaigem Gliedmaßenverlust hätte Emmerich seinem blöden, intriganten und übelmeinenden Schwager, ohne mit der Wimper zu zucken, auch alle möglichen anderen Krankheiten an den Hals (oder sonst wohin) gewünscht, wie sie sich bei Konrads Lieblingsautoren nur irgendwo finden hätten lassen! Bestimmt!

Die Cholera, die durchaus den „Tod in Venedig“ bedeuten kann, wie es Thomas Mann so eindringlich (neben anderen, freilich eher homoerotischen Attitüden) in seiner gleichnamigen Novelle schildert, oder diverse Lungenprobleme, zu deren angeblicher wie vergeblicher Kur ein „Zauberberg“ allein freilich nicht auszureichen vermag (trotz des viele hundert Seiten zählenden Umfangs desselben), bis hin zur Syphilis, wie sie den Tonsetzer Adrian Leverkühn im Tausch gegen künstlerische Genialität in Manns „Doktor Faustus“ ereilt.

Apropos Faust: Auch alle die Gebrechen, die bei Goethe so ihre mehr oder weniger umfängliche Erwähnung (oder ihre biographische Implikation) finden, hätten ausgesprochen gut herhalten mögen – als Bestrafung für die permanente Überheblichkeit und die unausstehliche Arroganz des über alles ungeliebten Schwagers (und seiner Schickse Erika), wäre es nach Emmerich Nurmaier gegangen. O ja!

Und auch die erstaunlich inhaltsleicht ganze Konvolute füllende skriptorale Suada der Doris Lessing, eine Art von gehobener Kolonial-Krankheit angelsächsischen Zuschnitts also, oder die alles, sogar die enervierende Gleichmut eines Adalbert Stifter im minutiösen Beschreiben des Nicht-Geschehens, bei weitem überragende, angewandte literarische Langeweile Peter Handkes, dieser Stich der schriftstellerischen Tsetsefliege, er hätte sie dem innerfamiliären Gegner gegönnt aus Herzenstiefe heraus!

Ja, vielleicht würde der traurige Emmerich Nurmaier seinem Erzfeind, diesem furchtbaren (weil furchtlosen) Parforcereiter der Halbbildung, Konrad Rumstaschner, sogar alles (oder zumindest das meiste) verziehen haben, was er ihm im Laufe der Zeit angetan hatte. Dazu hätte es allerdings starker positiver Signale entweder des Einlenkens von Seiten Konrads und Erikas aus bedurft (wobei die Schwägerin ohnehin stets nur als geistlos-widerliches Echo ihres Mannes fungierte); oder des sich noch stärker manifestierenden Dement-Werdens des längst unbrauchbaren ehemaligen Schulmannes und seiner unerheblichen Ehebestie.

Doch, ja! Wenn dieser feindselige Geistesmolch und seine flachhirnige Kellerassel plötzlich (quasi freiwillig) alles vergäßen und wie die ewig kackenden und pinkelnden Kleinkinder unter sich hinkoten und wegfließen ließen in ihre intellektuellen Seniorenwindeln, dann hätte sich Emmerich vielleicht einen Ruck gegeben und dem schier pandämonisch dumpfen Paar seine unmenschlichen Attacken der Blasiertheit und Arroganz großzügig vergeben.

Und tatsächlich: Emmerich bemerkte mit einer gewissen Befriedigung, dass der Gegner durch Jahre in letzter Zeit recht progressiv dahinzudämmern begann. (Erika vielleicht etwas gebremster, doch um diese blöde Kuh ging es auch nur in zweiter Linie.) Bald schon, so glaubte Nurmaier hoffen zu dürfen, werde Konrad sogar seinen Thomas Mann und seinen Johann Wolfgang von Goethe, seine Doris Lessing und seinen Peter Handke gehirntechnisch verdampft haben zu Gunsten eines neuen endgültigen Vakuums.

Ja, Leere sollte dann einziehen in Konrads ehemalige Hirnwindungen! So wünschte sich der gemarterte Schwager den blöden Schwager: als blöden Schwager! Einfach als einen finalen Zellhaufen ohne die letzten rudimentären Erinnerungen an alles, worauf der eitle Geisteszwerg dereinst so unerhört stolz gewesen war in der Blüte seiner inferioren, denkschwachen Bildungsschnöselhaftigkeit!

Konrad Rumstaschner, dieses Arschloch, würde dann endlich aufhören, überheblich und pseudo-gelehrt seine paar (ewig gleichen) Zitate abzusondern wie jetzt schon hin und wieder das Speichelbächlein, das man dem dann endgültig und irreversibel senil gewordenen Alten freilich auch gönnte; wie die adäquate Hilfe und Zuwendung durch die Palliativ-Medizin und die therapeutische Kunst der Geriatrie.

Das alles stünde Konrad dann selbstverständlich zu.

So viel zu den Gedanken, die sich Emmerich in Bezug auf Konrad und Erika machte.

Da hatte es, könnte man glauben, unser depressiver Reisender in Sachen Salben, Tabletten und Injektionen grosso modo mit seinen eigenen Altvorderen etwas besser getroffen: Die hielten sich immerhin nicht in seiner Nähe auf, wenn sie nicht ohnedies schon gestorben waren (wie etwa auch die Eltern seiner Frau Martha [Universitätsprofessor Konrad Georg und Leonore Rumstaschner], was die ebenfalls, vergleichsweise, sympathisch machte).

Also, Emmerichs Vater, Dr. vet. Stefan Nurmaier, hatte zuletzt als angesehener und beliebter Distrikts-Tierarzt im Weststeirischen gewirkt. Er war indes schon im Jahr 1970 gestorben, als Emmi gerade einmal 10 Jahre alt war. Herzversagen, Wasser in beinahe allen Lungenflügeln und – Leberzirrhose. (Angeblich eine typische Land[tier]arzt-Krankheit: Da ein Schnapserl auf das geglückte Kalben, dort ein gutes Vierterl nach einem gut überstandenen schwierigen Ferkelwurf, wo anders wiederum ein paar Krügel vom selbstgemachten Most anlässlich der sechzehnköpfigen Karnickel-Geburt … et cetera.)

Der alte Dr. Nurmaier war, alles in allem, ein weltoffener Mensch, wenngleich Emmerich seine eigene depressive Grundstimmung als weitgehend von Vater Stefan – und nicht so sehr von Mutter Henriette – her begründet sah. Ja, der Tierarzt ließ den lieben Gott (von dem er ansonsten annahm, er habe sich schlauerweise aus dem operativen Geschäft von Welt und Universum längst schon weitgehend zurückgezogen) zwar gelten; doch sei, so sagte er gern, letztlich jeder seines eigenen Glücks (wie Unglücks!) Schmied

Mutter Henriette hingegen wirkte die meiste Zeit leidend. (Darin ähnelte Martha später ihrer Schwiegermutter auf fast schon beängstigende Weise …) Henriette litt am Ehemann, obwohl sie durchaus nicht unter ihm zu leiden hatte. Sie litt an seinem stillen, sukzessiven, selbstzerstörerischen Alkoholismus, der sich in der Regel als Lustigkeit tarnte, litt an den egoistischen Kindern (neben Emmerich waren das der erstgeborene Harald, dann Emmis jüngerer Bruder Anselm und die kleine Michaela), litt an sich selbst – und an der Welt.

Fazit: Der Vater hatte in gewisser Weise Witz, die Mutter bestand zu gut 90 Prozent aus Leid und Hingabe daran; aus ihrem Dienst an der Familie; aus Leid an der Welt, den Zu- und Umständen … Der Umstand freilich, dass sie litt, bestätigte und bestärkte sie – auf recht komplexe Weise, zugegeben – in ihrer Resignation wie in ihrer nie ganz verlorengehenden Hoffnung. Und aus der Hoffnung schöpfte sie wiederum die Kraft, möglichst inbrünstig zu leiden … Also war letzten Endes wohl auch Mutter Henriette ziemlich depressiv.

Nach dem Ableben ihres Mannes Stefan war Mutter Henriette (eine geborene Hofstätter), die von den Familienwurzeln her aus dem niederösterreichischen Melk stammte, mit Emmerich und seinem älteren Bruder Harald, mit dem drittgeborenen Anselm sowie mit der kleinen Schwester Michaela dorthin zurückgegangen. Obwohl: Zurückgegangen ist nicht das richtige Wort, schließlich kannte sie Melk und die dortigen Verwandten kaum. Doch lebte hier eine Cousine, mit der sie all die Jahre intensiven Briefkontakt gepflegt hatte: die ein paar Jahre jüngere Gerlinde, die ihrerseits lange zuvor schon einige Male in Graz zu Besuch gewesen war. Nun lebte Gerlinde mit ihrem Mann, einem höheren Eisenbahnbeamten namens Sigmund Freudenthal, und den Kindern, Emil und Otto (Emmerichs Cousins also), etwas außerhalb von Melk, wo sie die Base gern unterschlüpfen ließ (wie sie es ausdrückte); im geräumigen Zweifamilienhaus mit großem Garten. Außerdem verschafften sie und ihr Gatte Siggi Henriette einen Büro-Job in einer Lebensmittelfabrik in der Nachbarschaft.

Nach der Matura, 1978, war Emmerich nach Graz gezogen, um hier zu studieren. Wohnen konnte er bei einer anderen, lange davor an die Mur gezogenen Stiefschwester der Mutter, einer gewissen Ida Kautwaschl, die Witwe nach einem Beamten des damals städtischen Pfandleihhauses Dorotheum war. Onkel Willi Krautwaschl, den Emmerich zwar nicht persönlich kennenlernte, hatte zeitlebens als sparsamer Mensch und leidenschaftlicher Sammler gegolten. Besonders nach formschönen und speziellen, floral möglichst üppig ausgestatteten Jugendstil-Vasen war stets sein Sinn gestanden; und deren privaten Erwerb hatte seine angesehene und einflussreiche Stellung im Pfandleihhaus durchaus erleichtert.

Nach Willis Tod tat Tante Ida dann das, was sie so gern alle die Jahre davor schon getan hätte: Sie verkaufte den ganzen Plunder an mehrere reiche Sammler und legte das Geld, beraten von einem Cousin, der Banker und trotzdem ehrlich war, in durchaus sicheren Wertpapieren an.

Dann sollten sich auch bald der damals schon leicht depressive, allemal aber pessimistische Student Emmerich Nurmaier und die hübsche, durchaus (noch einigermaßen) optimistische Jungsekretärin Martha Rumstaschner kennen und lieben lernen. Und: Sie sollten nicht nur, sie taten es auch.

Noch ein nicht unwichtiger Schuss Verwandtschaft: Eines düsteren Tages, etwa vier Wochen vor der oben angerissenen leidigen St.-Pankrazen-Episode, hatte eine seltsame Begegnung stattgefunden: Ein junger Mann war telefonisch bei Emmerich Nurmaier vorstellig geworden und hatte im Laufe des Gesprächs um ein Treffen gebeten. Der geheimnisvolle Fremde entpuppte sich dabei rasch als entfernter Verwandter von Emmerichs in den 1990er Jahren verstorbener Mutter Henriette: Er stellte sich als Victor Freudenthal vor, der Enkelsohn von Mutters Schwester Gerlinde und deren Mann Sigmund, bei denen Henriette und die Kinder damals, im Jahr 1970, nach dem Tod von Vater Emmeran Nurmaier, dem durch übermäßigen Alkoholkonsum umgekommenen Tierarzt, in Melk Zuflucht gesucht und gefunden hatten.

Achtung! Achtung! Jaja! Die im verderblichen Tun unermüdlichen Parzen – oder Moiren – woben hier eindeutig und überaus gründlich (beinahe, so könnte man sagen: unermüdlich) an Emmerichs verhängnisvollem Schicksalsnetz weiter. Und dieses Netz bestand aus Fallstricken. O ja, Klothó strickte, häkelte, spann und wob aufs Verhängnisvollste; Láchesis passte auf den Unglück verheißenden (und schließlich tatsächlich bringenden) Lebensfaden auf; und Átropos, die Unabwendbare, würde ihn zuletzt durchschneiden. So, als ob die drei Schwestern – nur zum Beispiel – mit William Shakespeares unglücklichem Schottenkönig Macbeth oder den unschuldigen Opfern beim spektakulären Eisenbahnunfall auf der Brück am Tay von Theodor Fontane nicht schon genug zu tun hätten …

Und sie sicherten solcherart die sich später dann zur unentrinnbaren Falle verknotenden starken Taue des Verhängnisses sowie die dicken Seile des Verderbens doppelt und dreifach ab. Durchschneidbar freilich durch den Tod allein; und seine Gehilfin Átropos …

Da gab es schlichtweg kein Entkommen.

Nein, es gibt kein Entrinnen.

Hierin ähnelt Emmerich Nurmaiers Los dem des antiken Ödipus (oder Oidípus), des Sohns des Königs Laios von Theben und der Iokaste, dieses gleichsam überzeugenden Beweises der Annahme, gegen das Eintreffen eines Orakelspruchs gäbe es eben kein Mittel. Der – quasi sicherheitshalber – mit durchbohrten Fußsehnen ausgesetzte kleine Unglücksrabe wird von einem barmherzigen Hirten vor dem Hungertod bewahrt; was ihn seiner Fügung indes noch näher bringt … In Korinth von König Polybos als Sohn aufgezogen, wird Schwellfuß (Oidípus) nun selbst mit dem nämlichen Orakelspruch konfrontiert: Er werde den eigenen Vater töten und die eigene Mutter ehelichen! Also macht er sich vom korinthischen Acker. Unterwegs, mit einem vermeintlich Fremden in Streit geraten, erschlägt er ahnungslos den Vater, Laios, und begibt sich weiter nach Theben. Dort befreit er die Stadt durch die Rätsellösung vom Regime der fürchterlichen Sphinx, wofür ihm die Hand der Königin, der ihm unbekannten (Mutter!) Iokaste, und die Königswürde zuteil werden. Doch die Pest bricht aus, und laut neuerlichem Orakelspruch kann sie nur beendet werden, wenn man den Mörder des Königs Laios ausfindig macht. Man fahndet, und – wie vom blinden Seher Theiresias längst erkannt – kommt die schreckliche Wahrheit an den Tag.

Zum Finale blendet sich Ödipus, um die Schande zu sühnen, und seine Tochter/Halb-Schwester Antigone führt ihn schließlich zum Hain der Eumeniden auf dem attischen Hügel Kolonos, wo er sein friedliches Ende erwartet …

Für Emmerich freilich, es ist schließlich auch keine Antigone in der Nähe, ist kein Frieden in Sicht. Zwar hat er nicht mit seiner Mutter geschlafen (und schon gar keine Halbgeschwister mit ihr gezeugt!); auch den Vater hat er nicht getötet. Und keine sphinxischen Scharaden gelöst. Immerhin: Beschissen stellt sich seine Lage ohne Zweifel dar. Mit dem nach ihm benannten Komplex oder ohne ihn …

Die Weggabelung ist es, die den Sohn an den Vater geraten lässt.

Die Kreuzung ist es, die über das Schicksal entscheidet.

Um es kurz zu machen: Der junge Verwandte aus Niederösterreich, dieser Victor Freudenthal (Sohn des Otto Freudenthal und einer gewissen Marlies Zipfler-Freudenthal), ein noch nicht 30jähriger, sehr weit verwandter Quasi-Neffe also, der freilich bei Emmerichs Abgang nach Graz noch lange nicht auf der Welt war, dienerte sich nun nicht uncharmant bei Nurmaier an. Ja, es hatte den Anschein, als buhle Victor da recht eloquent um ein bisschen Familienanschluss in der (angeblich) so fremden Stadt. Dabei versicherte er ein ums andere Mal, er wolle dem verehrten Onkel, wann immer dieser etwas brauche, zur Hand gehen …

In der Folge lud Emmerich den komischen Vogel zu sich, zu Martha und den Kindern nach Hause ein; wobei es gut war, dass Tochter Romana noch bei ihrem kiffenden Ex-Architektur-Studenten Roderich weilte. Denn sonst wäre es womöglich offenkundig geworden, dass Victor in Wahrheit schon einige Jahre an der Mur lebte. Über Kommilitonen Romanas hatte er sogar seine ersten Recherchen eingeholt, die Familie Nurmaier betreffend. Und überhaupt: Mit Romana hatte er damals, vor Jahren, sogar anzubinden versucht. (Freilich, da zeichneten ihn noch wilder Bartwuchs und eine dicke Brille aus.)

Aber. Achtung! Victor steckte, was Emmerich und die Seinen freilich nicht ahnen konnten, mit der gefährlichen Mamba, mit Sarah Schwarz also, und mit ihrer grässlichen Mutter, der Natter, unter einer ziemlich schmutzigen Decke. Und: Gemeinsam war man aus auf den Untergang der Nurmaiers. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Anders ausgedrückt: Sollte dem depressiven Pharma-Vertreter Emmerich Nurmaier auch tatsächlich bald einmal der senile Gymnasial-Direktor in Ruhe, Konrad Rumstaschner, als Feindbild abhanden kommen, in der Person des jungen und findigen Victor Freudenthal, dieser Schlange an Verstellung und krimineller Camouflage, war bereits für adäquaten Ersatz gesorgt. Nur: Hatten sich die ständigen Attacken von Schwager Konrad (und Schwägerin Erika) auf einem vergleichsweise unbedeutenden Nebenschauplatz abgespielt, nämlich der versuchten Zurschaustellung sich aufplusternder (literarischer) Bildung, auf der Ebene vorgeblichen Wissens und vermeintlich guten Geschmacks, so feuerte nunmehr die Schwarz-Phalanx, verstärkt durch den widerlichen Täuscher und kriminellen Scharlatan Victor, aus allen Rohren gegen die Nurmaiers. Und zwar durchaus existenziell.

Da ging es alsbald ans und ums Eingemachte. Um Finanzielles. Ums Leben.

Dass Victor seine – wie sich rasch herausstellte – überaus leichtgläubige Tante Martha, seinen Vetter Thomas und seine Teeny-Cousine Chantal mit ihren knappen 15 Jahren, aber auch die älteste Tochter Emmerichs, Romana, die einmal kurz zu Besuch war (und ihn tatsächlich nicht wiedererkannte), spielend bezirzen und auf seine Seite ziehen konnte, alles das erschütterte – auch wenn er es noch nicht so ganz begriff – Emmerichs ohnedies schon weitestgehend unsichere Position zusätzlich aufs Äußerste.

Dass fast gleichzeitig außerdem die Querschüsse von Seiten René Gründlingers zum Sperrfeuer wurden und sich Emmerichs saublöder Chef – warum auch immer – als noch um einiges fieser als bisher erwies, hätte wohl auch weniger depressiven und angeschlagenen Typen, als es Nurmaier in der Tat war, gut und gern den Rest gegeben.

Egal, ob Gründlinger, diesem intriganten Überschnösel, Emmerichs Garderobe missfiel, weil sie wesentlich geschmackvoller war als seine eigene; oder ob er eifersüchtig war und es nicht ertragen konnte, dass Nurmaier bei anderen (auch durchaus prominenten Leuten) einen gewissen Anwert zu besitzen schien, um den sich der dumme Vorgesetzte in der Regel vergeblich bemühte, egal – der blöde Chef verstand es sogar, hinunter zu mobben. Zum Schaden Emmerichs. Ja, sogar zum Schaden des Geschäfts.

Und so machte er Emmerich das Berufsleben in der Tat schwer.

Da war ihm eine Nurmaier-Abrechnung zu ungenau, dort motzte er irgendwelcher Spesen wegen. Einmal wieder fand er irgendein anderes Haar in irgendeiner Job-Suppe. Jedenfalls vermieste er dem Untergebenen seinen Job auf Teufel komm ‚raus.

Am ärgsten empfand Nurmaier die ständig schwankenden Stimmungen seines Vorgesetzten und dessen ausgesprochene Launenhaftigkeit. Denn da René Gründlinger zu jener raren Sorte von Menschen gehörte, die eigentlich nach Harmonie lächzen (weil sie am liebsten jedermanns guter Freund wären), konnte er zwischendurch und auch zu Emmerich überaus freundlich sein. Dann gab er sich als Kumpel, ja: als Freund; so, als ob man zusammen im Sandkasten gespielt (oder ein paar gemeinsame Leichen im Keller) hätte. Umso unangenehmer wirkte bald darauf die nächste kalte Dusche durch den inferioren Boss.

So kam es, dass Nurmaiers Laune, wurde er bloß von Weitem des ungeliebten Chefs ansichtig, unweigerlich auf den Nullpunkt dank. Ja, der Pharma-Vertreter brauchte ihn, Gründlinger, nicht einmal persönlich zu sehen: Allein schon die Anwesenheit seinen protzigen Wagens bereitete dem schwer Angeschlagenen bereits Magenbeschwerden.

Es war fürchterlich. Und: Es passte in der Tat alles zusammen.

Wo irgendwelche Felle waren, schwammen sie just Nurmaier davon.

Wo sich ein Zipfel des Glücks zeigte, fiel garantiert zwischen dem Glück und ihm die Tür zu, direkt vor Emmerichs Nase. (Und wäre es, das Glück, tatsächlich ein Vogerl gewesen, auf ihn hätte es nicht einmal gepfiffen …!)

Pleiten, Pech und Pannen – sie waren die ständigen Begleiter des depressiven Pharmaka-Reisenden. Doch, doch: Von allen traurigen Pillen-, Salben- und Tabletten-Vertretern war Emmerich Nurmaier mit Sicherheit und mit Abstand der traurigste.

Emmerich wird sich zuletzt als Hiob fühlen. Vor allem, weil er immer noch nicht wissen wird, warum just ihm all diese Unbill widerfährt.

Hat ihn Gott (an den Emmerich, zugegeben, nicht glaubt) verlassen?

Oder wird er doch noch die Kurve kratzen, einfach, weil irgendeinmal die Gerechtigkeit siegen muss? (Wie dieser gleich dumme wie allgemein verbreitete Irrtum nun einmal lautet; denn in Wahrheit existiert naturgemäß keine Gerechtigkeit – weder eine ausgleichende noch sonst irgendeine. Die Dinge sind, wie sie sind.)

Also, wird er noch einmal die berühmte Kurve kratzen?

Nun, warten wir es ab.

Finale Kollision

Doch zurück ins Dunkel. Zurück in die Depressionen. Zurück –

Zurück ins Heute, nach St. Pankrazen an der Salm, wo es sich Sarah, die biestige Mamba, trotz Protests seinerseits, neben Emmerich im alten roten Firmen-Volvo gemütlich macht, als ob sie für immer mit ihm zu fahren (und bei ihm zu bleiben!) vor habe.

Noch dazu nach ihrer Liebesnacht, dieser so spontanen (Haha!), im „Goldenen Hahn“ der aparten Hermine Filzmoser!

Emmerich ist innerlich fassunglos, auch wenn er nach außen hin eben diese Fassung zu bewahren scheint. Er grollt, ebenso endogen, und sinnt (so weit es sein aktueller super-depressiver Anfall, in welchem er sich gerade befindet, zulässt) auf sofortige Veränderung dieses von Sarah herbeigeführten Zustands. Der Zustand wiederum verwandelt seinen klapprigen Volvo, der eigentlich längst überholt gehörte (oder noch besser: durch ein neues Fahrzeug ersetzt!) zu einer Art Psycho-Play-Station: Eine giftschlangenmäßige Spielerin ist da am Drücker, während er, gleichsam das Opfer in diesem ungleichen Video-Game über diverse Hindernisse hechten und enorme Höhen wie auch unauslotbare Tiefen in seltsamen Parcours und in irrer, atemberaubender Geschwindigkeit meistern muss – per Flanke, Rolle seitwärts, Hechtsprung und so weiter, und so fort … Er holt sich (bildlich gesprochen) bei seinen tollpatschigen Pirouetten ständig einen blutigen Kopf nach dem anderen; den immerhin, ein paar lausige Leben hat er ja (im Spiel), so scheint es …

Pause.

Wohin willst du also? Wo soll ich dich rasch noch hinbringen?“, fragt der Reisende die junge Frau, wobei er seine Stimme zu zähmen versucht auf mittlere Lautstärke und neutrales Timbre. „Denn, du musst wissen, ich habe einen harten Tag vor mir …“

Du, darf ich nicht einfach mitfahren?“, versucht das berechnende Schlangen-Luder, sich weiter bei seinem Opfer einzuschleimen, und formt einen einigermaßen verführerischen runden, roten Kussmund. (Nur nicht aufgeben, jetzt, wo das Nest noch warm ist! Nur ja nicht aufgeben!, denkt sie.)

Ja. Du darfst nicht einfach mitfahren!“, sagt Emmerich Nurmaier sarkastisch. „Also – wohin? Und dann – ab!“

Bitte! Bitte! Ich werde auch ganz ruhig sein, versprochen! Nur – ich kann nicht nach Hause zurück! Ich kann nicht!! Nein!!!“

Dann bricht – unter recht gut gespielten Weinkrämpfen, unter glaubhaft gestaltetem Schluchzen und begleitet von (erstaunlich, wie auch immer produzierten wahren [haha!]) Tränenströmen – die eingelernte Theater-Suada aus Sarah heraus. Die furchtbare Sache mit Felix, ihrem brutalen Mann, der sie immerfort schlägt, wenn er sie nicht gerade vergewaltigt. Felix, der die meiste Zeit besoffen ist und alles andere als ein Gentleman. Felix, das Schwein. Und erst ihre Schwiegermutter, bei der sie beide, weil Felix nichts ist und nichts hat, immer noch wohnen müssen! Zur Untermiete. Um einen Wucherzins, den natürlich sie von ihrem wenigen Geld berappen muss. (Die Story hat es wirklich in sich; und sie ist allemal noch rührseliger als Ernst Raupachs dereinst so beliebtes Volksschauspiel in fünf Akten „Der Müller und sein Kind“ [1830]. Was wohl einiges heißen mag!)

Natürlich glaubt der Dauerpessimist Emmerich Nurmaier, der sich innerlich in depressiven Krämpfen windet, kein Wort von dem, was die Mamba da von sich gibt. So depressiv, pessimistisch und traurig kann er gar nicht sein, um solch einen Scheiß zu glauben! (Wofür hält ihn denn, bitte schön, dieses dumme Luder?!)

Er stoppt den Wagen abrupt, greift über Sarah hinweg, öffnet mit einem zornigen Ruck die Beifahrertür und gebietet sehr dezidiert und gefährlich leise: „Raus!“

Da schwingt Sarah, beleidigt, sniefend und theatralisch mit den schönen Augen rollend, ihren hübschen Arsch aus dem Volvo. Im Abgang zischt sie: „Warte nur, Freund! So einfach wirst du mich nicht los!“

Dann wird sie im Rückspiegel immer kleiner.

Emmerich fährt in Richtung Köflach, wo jeweils ein Besuch beim Obermedizinalrat Dr. Frankfurter und beim Apotheker Mag. Hebenstreith auf ihn warten.

Wieder ein Kreisverkehr. Das geht jetzt so dahin.

Doch immerhin bessert sich Emmerich Nurmaiers Zustand von Meter zu Meter, da er nunmehr Sarah-los dahinfährt.

Da bricht endlich auch der morgendlich bewölkte Himmel auf, und ein paar Sonnenstrahlen verirren sich aus dem ehemals grauen, jetzt sogar leicht gelblich getönten Vorhang.

Die wäre er also los, denkt Emmerich. (Und der Konjunktiv ist leider goldrichtig …)

Er drückt ein bisschen stärker aufs Gas und gibt dem alten Vehikel sozusagen – noch einmal – die Sporen, sodass der antike Motor kurz aufheult wie ein misshandelter Arabergaul unter den verletzenden Stiefeln eines wildgewordenen Cowboys. Dann zieht er seine Spur in hoher, längst nicht mehr in angemessener Geschwindigkeit durch die vorbeifliegende Landschaft. Ein irres Flackern in den Augen, überwindet Emmerich Nurmaier nicht nur die Scheu vor übergroßer, dort längst nicht vorgesehener Geschwindigkeit (soweit sein altes Vehikel zu solcher überhaupt noch imstande ist), sondern auch seine Depression. Ja, jetzt empfindet er sich dem suizidalen Handlungsreisenden Willy Loman des Dramatikers Arthur Miller ganz eng verwandt – blutsverwandt sogar … Und für kurze Zeit fühlt er sich sogar gut.

Treffen können sehr verschieden sein. Und zwischen einem Treffen, einer Kollision und etwa einer Karambolage bestehen auch durchaus gewichtige Unterschiede. Zudem stellt sich ein Zusammen-Treffen anders dar, als es möglicherweise ein Aufeinander-Treffen tut; wie ja auch zwischen dem Schuss, der den Gegner zwischen die Augen trifft, und Amors Pfeil unter Umständen ein gewisser Unterschied besteht. Auch ob etwas Tells Geschoss oder ein Rohrkrepierer ist, zeugt fraglos von ganz anderer Qualität …

Treffen. Man denke zum Beispiel an das „Treffen in Telgte“ im Jahr 1647, von dem uns Günter Grass literarisch Kunde gibt; an das Konzil von 1794 in Jena; oder an die Poeten-Zusammenkunft zur Gründung der „Gruppe 47“ anno 1947; oder aber an das Treffen von Jalta (zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin) im Jahr 1945. An den Wiener Kongress, 1814/15. Oder an das Treffen von Camp David, 1978 …

Telgte: Da setzten sich die bedeutendsten deutschen Dichter der Barockzeit (und ein paar Newcomer) zusammen, um ein Manifest, eine Friedens-Petition, auszuarbeiten, die für die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg gelten sollte.

Lauremberg und Grefinger kamen von Jütland hoch, von Regensburg runter zu Fuß, die anderen beritten oder in Planwagen“, schreibt Grass. Moscherosch und Schneuber, Czepko, Logau, Hoffmannswaldau, auch der Student Scheffler (später bekannt als Angelus Silesius), der einladende Simon Dach, auch Meisterpoet Andreas Gryphius, Paul Gerhard, dazu Filip Zesen und Christoffel von Gelnhausen (den wir als Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen kennen). Dazu noch viele andere.

Und man aß und trank (von dem, was es in einem von langem Krieg, von Not, Pest und Hunger ausgelaugten Land überhaupt noch gab), las einander vor und debattierte hitzig. Da entspann sich der Gelehrten- und Poesiestreit, bunt und deftig, doch auch feinnervig und engagiert; ein Streit, der künftige Gräuel vermeiden helfen wollte. Freilich, im traurigen Wissen um die weitestgehende Machtlosigkeit der Feder … In der Grass-Prosa von 1979 heißt es darum auch schon zu Beginn: „Gestern wird sein, was morgen gewesen ist.“

Es ging, wie gesagt, darum, an die Sieger nach dem scheußlichen Gemetzel, das da dreißig Jahre angedauert hatte, Forderungen und Bitten für die kommende Friedenszeit heranzutragen. Und tatsächlich kann die Dichterschar – realiter – nichts ausrichten. Zudem wird das vage Manifest, wie die vorübergehende Poeten-Herberge, ein Raub der Flammen. „So blieb ungesagt, was doch nicht gehört worden wäre.“

Jena, 14. Dezember 1794: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Schiller und die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt kommen in Schillers Haus in Jena zusammen, um, bei langen Gesprächen und vielen Flaschen Wein, die deutsche Klassik zu begründen.

Ein Fest, ein literarisches Fest, für wahr! (Nur Alexander von Humboldt, der später berühmte Forscher, Entdecker und Reisende in fremde Länder, lässt die restlichen Neo-Klassiker bald schon hinter sich und reist am 19. abends verfrüht ab, um seinen Geliebten, den Infanterie-Leutnant Reinhard von Haeften, zu treffen, der in der Nähe weilt.)

Am 10. September 1947 treffen, nach der Gräuel des Nazi-Regimes, nach dem unmenschlichen Holocaust und dem scheußlichen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs, Exponenten der neuesten deutschen Dichtung und Literaturkritik unter der Führung von Hans Werner Richter zusammen und bilden ab nun die Gruppe 47 (die bis 1977 weitgehend „ohne feste Organisation und ohne festes polit. oder ästhet.-lit. Programm außer der Förderung der jungen dt. Lit. durch gegenseitige Kritik“ [Gero von Wilpert, „Sachwörterbuch der Literatur“], erst halbjährig, dann einmal pro Jahr, tagt). Ilse Aichinger, Günter Grass, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Ingeborg Bachmann, Wolfgang Hildesheimer, Hans Magnus Enzensberger, Paul Celan, Peter Rühmkorf, Martin Walser … Erst zart beginnende, bald schon neu-erstarkte Sprachgewalt begehrt da auf. Das Wort artikuliert sich endlich neu und mutig, aufatmend frei nach Jahren brauner Spießigkeit und duckmäuserischer Geistesenge im nationalsozialistisch-konformistischen Kleinbürgermief. (Bald freilich auch kontrovers und kämpferisch, sich verzettelnd im Kleinkrieg der politischen Ansichten und somit neue Geistesgräben ziehend, wie es indes im intellektuellen Bereich wohl nicht anders möglich ist. Dreißig Jahre Dichterliebe und Dichterkrieg in einem, wenn man so will.)

Jalta: Die Konferenz der Großen Drei auf der Halbinsel Krim dauerte von 4. bis 11. Februar 1945 und sollte die Neuordnung der Welt nach dem rasch zu beendenden Zweien Weltkrieg in die Wege leiten. Franklin Delano Roosevelt (der Jalta nur um zwei Monate überlebte), Jossif Wissarionowitsch Stalin und Winston Leonard Spencer Churchill berieten unter anderem über die Aufteilung der Staaten nach dem bevorstehenden Niederringen Hitler-Deutschlands und über die Gründung der Vereinten Nationen. (Der englische Spitzenpolitiker Churchill, anno 1953 dann mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und später auch als Maler anerkannt, verfügte übrigens über eine überaus schillernde und in der Gesellschaft New Yorks tief verwurzelte Mutter: Jennie Jerome, aus super-reichem US-amerikanischem Haus stammend, hatte im April 1874 Lord Randolph Churchill geehelicht. Und sie kreierte im selben Jahr, hochschwanger, im 1864 eröffneten „Manhattan Club“ einen legendären Cocktail namens – Manhattan. [Siehe: Marcus Reckewitz/Hannes Bertschi, „Safran, Sushi und Prosecco“; Charles Schumann, „American Bar“.])

Zu den prominenten Treffen mit weitreichenden Folgen gehört natürlich auch der Wiener Kongress (vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815), der unter der strengen Leitung durch Österreichs Außenminister Klemens Wenzel Lothar Nepomuk Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein tagte, tanzte und Unsummen an Geld verschlang. Die Parole lautete: Restauration, Legitimität und Solidarität …

Oder, über 160 Jahre später: Camp David, wo auf Vermittlung des Präsidenten der USA, James Earl „Jimmy“ Carter, Israels Ministerpräsident Menachem Begin und Ägyptens Anwar as-Sadat im September 1978 ein Rahmenabkommen über einen ägyptisch-israelischen Friedensvertrag abschlossen.

Lauter historische Ereignisse von einiger Tragweite. (Bei den literarischen immerhin von bemerkenswerter Ambition.) Hier, im vorliegenden Fall, hier freilich ist alles wesentlich profaner. Emmerich Nurmaier lenkt, zugegeben nicht voll-konzentriert, seinen alten klapprigen Dienst-Volvo mit überhöhter Geschwindigkeit durch die schöne Weststeiermark.

Da! Kreuzung in Sicht! Und doch – eine gar nicht einmal so unübersichtliche Stelle.

Indes: Von rechts naht sich mit hoher Geschwindigkeit ein dunkelblauer Sportwagen, und von hinten hängt plötzlich ein dicker dunkelgrüner Landrover an ihm und an seinem Volvo.

Und es kommt, wie es kommen hat müssen.

Crash.

Zusammentreffen. Kollision.

Karambolage.

Ja wer ist denn da zusammengefahren?

Im Volvo sitzt Emmerich, solo.

Im ältlichen Sportwagen der Marke Fiat befinden sich Emmerichs nichtsnutziger Neffe aus Melk, Victor Freudenthal, und diese Sarah Schwarz, die berüchtigte Mamba. (Victor hat nämlich seine Komplizin [und Geliebte!] dort aufgegabelt, wo sie von Emmerich aus dem Auto gewiesen worden ist. Ihre Funk-Verbindung war die ganze Zeit aufrecht; sogar während die Mamba und Onkel Nurmaier gebumst haben …)

Den alten, auch schon halbwegs lädierten Landrover, den chauffiert die Natter, Griseldis Schwarz, höchstpersönlich.

Der Zusammenprall, für den die Parzen da gesorgt haben, diese alten Strick-Vetteln des Schicksals, hexenartig und stets darauf aus, dem Menschen möglichst umfassenden Schaden zuzufügen, der Zusammenprall, also der ist tatsächlich weithin hörbar. Außerdem steigt nach kurzer Zeit eine schwarze Rauchsäule in den Himmel, bevor der Tank eines der Autos explodiert. (Oder explodiert erst der Tank, und dann raucht es rußig? – Egal.)

Und der Blech-, Blut-, Hirn- und Knochen-Salat ist in der Folge dann so unappetitlich wie unübersehbar.

Drei Menschen, nämlich Emmerich, Sarah und ihre Mutter Griseldis, sind auf der Stelle tot. Victor Freudenthal wird nach ein paar Stunden auf der Intensivstation des Universitäts-Klinikums Graz, wohin er in kürzester Zeit und per Hubschrauber transportiert wird, seinen schweren Verletzungen erliegen.

In Summe (und frei nach Jonathan Franzen [„Freiheit“, amerikanisch: 2010]): ein Fressen höchstens für einen eingefleischte Depressiven, den „kaum etwas so zufrieden“ stellen kann „wie eine richtig miese Nachricht.“

Was das einigermaßen divergente Quartett in sich einte: eine diffuse Suche nach dem Glück.

Doch so gesehen sind wir wohl alle dort, in der tiefsten Weststeiermark, verendet.

Oder es steht uns Ähnliches noch bevor.

Mit Sicherheit.

E N D E

Literatur & Quellen (Auswahl):

Thomas Bernhard, Meine Preise. Frankfurt am Main 2009.

Bibliogaphisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim (Augsburg) 2006.

W. J. Craig (Ed.), The Complete Works of William Shakespeare. London 1987.

Alexandre Dumas, Die drei Musketiere. Wien 1967.

Umberto Eco, Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana. Illustrierter Roman. München – Wien 2004.

Hubert Filser, Nobelpreis. Der Mythos. Die Fakten. Die Hintergründe. Freiburg im Breisgau 2001.

Jonathan Franzen, Freiheit. Reinbek bei Hamburg 2012.

Ders., Unschuld. Reinbek bei Hamburg 2015.

Manfred Geier, Die Brüder Humboldt. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg ²2009.

Günter Grass, Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung. (Spiegel-Edition) Hamburg 2007.

Ders., Katz und Maus. München 2014.

Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. 15 Bde. Leipzig und Wien o. J.

Heinrich Hoffmann, Struwwelpeter. Lustige Geschichten und drollige Bilder. Mainz o. J.

H. H. Houben (Hg.), Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 22. Aufl. Leipzig 1939.

Michel Houellebecq, Unterwerfung. Köln 2015.

Internet.

James Joyce, Ulysses. Frankfurt am Main 1975.

Otto Knörrich, Lexikon lyrischer Formen. Stuttgart 1992.

Stefan Link, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. 11. Aufl. Stuttgart 2002.

Manfred Lurker. Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart ²1989.

Thomas Mann, Der Tod in Venedig und andere Erzählungen. 4. Aufl. Frankfurt am Main 2012.

Ders., Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. Stockholm 1947.

Leo Melitz (Hg.), Die Theaterstücke der Weltlitteratur ihrem Imhalte nach wiedergegeben. Berlin und Leipzig o. J. (1893.)

Arthur Miller, Tod eines Handlungsreisenden. Frankfurt am Main 2008.

Konrad Nussbächer (Hg.), Deutsche Balladen. Stuttgart1967.

Ploetz-Redaktion (Hg.), Der große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. Datwn, Fakten, Zusammenhänge. 32. Aufl. Freiburg im Breisgau 1998.

Marcus Reckewitz/Hannes Bertschi, Safran, Sushi und Prosecco. Frankfurt am Main ²2007.

Joseph Roth, Radetzkymarsch. In: Romane und Erzählungen. Eggolsheim o. J.

Rüdiger Saframski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013.

(Felix Salten [?]), Josephine Mutzenbacher. Roman einer Wiener Dirne, von ihr selbst erzählt. O. O. O. J.

Charles Schumann, American Bar. The Artistry of Mixing Drinks. München ²1991.

Lilly Wildgans (Hg.), Anton Wildgans: Sämtliche Werke in 8 Bdn. Wien/Salzburg 1948.

Gero von Wilpert, Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch zur deutschen Literaturgeschichte. Stuttgart ³1988.

Ders., Sachwörterbuch der Literatur. 7. Aufl. Stuttgart1989.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*