Das Zillertal

ist der Vater

aller Dinge

Burleske Geschichte einer Farce von

Bernd Schmidt

© By Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2014)

Bauernknabe:

Vater, es wird nicht gut ablaufen,

Bleiben wir von dem Soldatenhaufen.

Sind euch gar trotzige Kameraden;

Wenn sie uns nur nichts am Leibe schaden!

Friedrich Schiller, Wallensteins Lager

*

Erster Teil

Anmerkung zu den Personen des Ersten Teils:

Günther Zwirbelfest, an die Vierzig, frustrierter Literat und in verschiedenen Gattungen dieser Kunst wenig erfolgreich (eher schon erfolglos) tätig. Er ist ein über die Maßen grüblerischer Skeptiker. Ein weitgehend Verlorener … Mehr muss man vermutlich gar nicht über ihn wissen.

Seine Frau Gerlinde, ein paar Jahre jünger als er, ist im Grund eine seelensgute Person – und eine arme Haut. Gebunden an ihren insgesamt unverstandenen Mann (den auch sie nicht begreift, so wie er seinerseits naturgemäß sie nicht verstehen kann), verzweifelt sie sukzessive am Leben; was sich meist in einer merkbaren Verbitterung – oder aber in einer quasi alles überkompensierenden Freundlichkeit – äußert. Dann strahlt sie beinahe schon dümmlich vor sich hin. Außerdem tut sie alles, um ihren Mann zu unterstützen, obgleich (oder weil?) sie sich der Nutzlosigkeit ihres Tuns bewusst ist – oder die Aussichtslosigkeit einer Besserung der Situation immerhin mit großer Traurigkeit bemerkt. Vor dieser Folie muss ihr über-zwirbeltes Auftreten dann für die sie umgebende Menschheit umso unverständlicher wirken.

In der 3. Szene tritt die Pause auf. Und ein. Sie ist jung und knackig.

Der alterslose (unsterbliche!) Heraklit gesellt sich in der 4. Szene zu dieser an sich schon ziemlich komplexen personellen Konstellation. Er ist zwar ein Phantom – genauer: ein altgriechisches Phantom – und wird wahlweise auch Herr Raklit genannt; was a) Resultat eines Hörfehlers, b) Raffinement (Heraklits oder Zwirbelfests oder aber des Autors der Farce) oder c) schiere Irreführung bedeuten könnte. Wer weiß das schon so genau …

In der siebten Szene treten noch zwei Soldaten-Maden in Erscheinung. Es sind wie Mumien bandagierte Statisten (Stuntmen), deren Auftreten – oder besser: Aufkriechen – in Art von Karikaturen an soldatische Bewegungen erinnert.

Erste Szene.

Zwirbelfest allein.

Nacht. Nur ganz wenig Licht, das vom eingeschalteten Laptop auf dem riesigen Schreibtisch ausgeht, vor dem Günther Zwirbelfest eingeschlafen ist. In sich gesunken. Leise klassische Musik, vielleicht Mozart, der wie Beethoven klingt, wenn ihn Schubert zitiert … (Kurz: à la Ö 1). Die Erste Szene ist eine, die dem mäßig erfolgreichen Dramatiker Günther Zwirbelfest einmal – ausnahmsweise – nicht seine Frau Gerlinde macht. Sonst besteht nämlich allem Anschein nach ihre Hauptbeschäftigung tatsächlich darin, dem ohnedies schon ziemlich depressiven Schriftsteller aus zufällig just irgendwo herumliegenden Fäden einen Strick zu drehen; und sei es bloß ihr enervierender Kinderwunsch. Zwirbelfest seinerseits möchte nämlich lieber keine Kinder in die Welt setzen. (Kinder und andere kleine Tiere, wie er gerne Bertolt Brecht zitiert, machen ihn zudem nervös.)

Mehr Licht. (Freilich nicht auf Goethes ausdrückliche, jedoch nicht wirklich verbürgte letzte Anordnung hin. Immerhin – es wird!)

Im Hintergrund ahnt man eher, als dass man es tatsächlich sieht, einen riesigen, bis in den Schnürboden hinauf reichenden grellbunt bemalten Prospekt: eine überaus scheußlich-kitschige Ansicht des Zillertals und der die grünen, von einem Bächlein durchzogenen Niederungen umschließenden, womöglich zu allem Überfluss auch noch schneebedeckten Gebirgszüge. Auf dem Prospekt steht der Titel des Theaterstücks, „Das Zillertal ist der Vater aller Dinge“, vermerkt, nämlich gemalt in den leuchtenden Lettern der 1950er Jahre.

Was man auch nicht sehen (höchstens erahnen) kann, ist eine knapp hinter dem Bereich des riesigen Schreibtisches (siehe dazu: Zweite Szene!) beginnende und zu ihm hin abgeschrägte Ebene. Sie würde den gesamten Bühnenboden einnehmen, wenn es sich tatsächlich um eine Bühne handelte. Von oben könnte man – vorausgesetzt, man könnte etwas sehen … – bemerken, dass Linien in den Boden gezogen sind, nein, besser: Schützengräben. Es handelt sich um Vertiefungen, die, stark vergrößert, aussehen wie die von oben betrachteten Glühfäden eines alten Kochers; oder wie die Brennspiralen unter einer Ceran-Kochplatte (wenn das überhaupt Spiralen sind?!), während gerade die Kochhitze langsam und kontinuierlich ansteigt … Doch weil es dunkel ist, sieht man das alles ohnedies kaum.

Deshalb steht es ja auch hier geschrieben.

Denn was man nicht sieht, kann man immerhin lesen.

Zweite Szene.

Zwirbelfest allein.

Immer noch Nacht. Etwas mehr Licht. Musik wie bisher.

Der Autor Zwirbelfest erwacht vor seinem eingeschalteten Laptop. Auf dem großen Arbeitstisch – neben Büchern, einer nicht angeknipsten Schreibtischlampe, einem Mobiltelefon und diversem technischen Kram – eine Batterie leerer und/oder halbleerer Schnaps-, Wein- und Bierflaschen. Volle Aschenbecher überall, vereinzelt noch glosende Zigaretten-, Zigarren- und Zigarillo-Kippen. Rauch und eine Luft zum Schneiden (O-Ton Gerlindes aus dem Off, mit Hall). Doch jetzt ist er allein. Gottlob. Allein … Mutterseelenallein. Oder, um hier den genialen Georg Kreisler zu zitieren: „Allein wie eine Mutterseele“ …

Er liebt es, allein zu sein. (Nun – ja …)

Dritte Szene.

Auftritt der Pause.

Wieder etwas mehr Licht. Die Musik bleibt vorläufig noch, doch wird sie kontinuierlich leiser; vermutlich besteht eine obskure und unklare Relation zwischen Licht und Musik.

Zwirbelfest ist erwacht und schreibt etwas auf dem Computer. Er hält inne, drückt den Speicherbefehl und nickt (ein wenig selbstzufrieden). Er steht auf, nimmt eine Flasche Cognac, schenkt sich ein und trinkt mit Genuss. Er schenkt nochmals ein und wiederholt das Trinkritual. „Ahhh!“

Ja“, sagt er hierauf und setzt sich wieder vor den Laptop.

Dann tritt wer ein: eine Pause nämlich. Die Pause setzt sich auf ein Netz von Notenzeilen, das auf den Boden gemalt ist und worauf nun ein Spot fällt. Die Pause schweigt. (Wie man der von ihr gewählten Position entnehmen kann, handelt es sich um eine ganze Pause.)

Zwirbelfest: „Jaja … ,Das Zillertal ist der Vater aller Dinge‘! Punkt! Das ist es …“ Er erhebt sich irgendwie gelöst und munter von seinem Schreibtischsessel. Der Drehsessel dreht sich nun, beschwingt und unbelastet, auf seiner Achse; und der Autor geht ebenso beschwingt umher. (Just, dass er nicht zu tanzen anfängt …) Dann sagt er: „Jetzt lassen wir am besten den gestrigen Tag und den vorgestrigen Tagtag und den vorvorgestrigen Tagtagtag Revue passieren! Genau! Und das – zurück bis in die Antike! Zurück bis zum Treffen mit unserem alten“, er macht eine kleine Pause, wobei er ermunternd zur hübschen Pause auf dem Boden blickt, dann ironisch: „Freund Heraklit! – Diesem blöden Zwerg Bumsti aus Ephesos!“ Die Pause erhebt sich und geht, lasziv, sich dehnend und streckend wie eine Katze, auf ihn zu, küsst ihn leidenschaftlich – und geht wieder ab. (Ja, sie geht auch ihm ab. Sehr sogar.)

Draußen zucken Blitze. Wenn es ein Fenster gäbe, würden die Blitze vor demselben zucken. Doch es gibt keines. (Zumindest sieht man es nicht. Also: ein unsichtbares Fenster …?! Vielleicht. Doch auch daran gilt es, sich langsam zu gewöhnen.)

Vierte Szene.

Darin tritt Heraklit auf.

Das Licht wird noch eine Spur heller, die Musik erstirbt.

Jetzt sieht man den schrägen Boden und ahnt (zumindest) die Schützengräben.

Der eben erwähnte Heraklit tritt auf und in Erscheinung. Doch sagt er weder heureka, was ohnedies nicht ihm, sondern seinem Kollegen Archimedes (richtig, das ist der mit dem Prinzip!) in den antiken – und folglich längst schon toten – Mund gelegt wird, noch panta rhei, das zwar tatsächlich auch von ihm stammen soll, aber eben auch unausgesprochen bleibt.

Er und Zwirbelfest reichen einander die Hand. Der Autor bietet dem Philosophen etwas zu trinken an, doch Herr Raklit winkt ab. Er sieht sich genauestens um und setzt sich schließlich auf einen der bequemeren Stühle (nicht, ohne ihn vorher betulich abzuwischen).

Zwirbelfest schweigt. Auch Herr Raklit schweigt. Zunächst. Dann entnimmt er den Säcken seines langen hellen Leinenmantels ein Glas und eine Flasche Retsina. Er schenkt sich ein und trinkt schließlich ein Gläschen vom selbst mitgebrachten Harzwein. (Seit Sokrates und der Sache mit dem Schirlingsbecher sind die alten Griechen, zumal die Philosophen, nämlich vorsichtig geworden beim Akzeptieren ihnen angebotener Getränke durch Fremde.)

Fünfte Szene.

Darin Auftritt Gerlindes. Die Vorigen.

Noch mehr Licht. Plötzlich ein Paukenwirbel. Dann volles Licht. Paukenton aus. Stille.

Gerlinde tritt auf: „Oh, Gott! Schaut es hier aus! Und erst der Gestank!“ – Als sie Heraklit gewahrt, fragt sie, an Zwirbelfest gewandt, doch in den Raum hinein: „Wer ist denn das?“

Sechste Szene.

Das Licht bleibt, wird jedoch gelblich und wechselt bald darauf in Orange über. Stille.

Gott!“, sagt Zwirbelfest mit festem Ton. Dann fährt er fort in der Vorstellung: „Das ist – Gerlinde.“ Wie zur Bestätigung des eben Gesagten weist er, zu Heraklit gewandt, auf seine Frau und ergänzt: „Meine Xanthippe.“ Muntere (vielleicht: böhmische?) Musik setzt ein.

Heraklit nippt weiter am Wein, schenkt sich nach, trinkt. Nickt dabei wohlwollend zum Gruß. Gerlinde geht ab. (Naja …) Dann sagt Heraklit: „Das Zillertal ist der Vater aller Dinge.“

Siebte Szene.

Die beiden Soldatenmaden erwachen zum Leben. Die verbliebenen Vorigen erstarren.

Das Licht spielt jetzt ins Rote hinein. Schlachten-Musik und entsprechender Lärm. Rauch. Gestank nach Blut und Boden. Und Tod.

Diverse zusätzliche Scheinwerfer gehen an, rot-, grün-, gelb- und blau-leuchtend. Zuletzt allein grelles Weißlicht. Die beiden dicklichen, wie Mumien verpackten, doch recht beweglichen Soldatenmaden werden sichtbar, da der Bühnenboden zu diesem Zweck langsam gekippt wird: Eine Hydraulik (die Schwester der Dramatik) hebt ihn an und zieht ihn in Richtung Vertikale, vor den „Zillertal“-Prospekt. Keine Angst, die, wie erwähnt, stark Mumien ähnelnden, bandagierten Männer sind gesichert! (Außerdem handelt es sich, wie auch schon ausgeführt, um Stuntmen!) Sie kriechen – also quasi in der Luft – und versuchen, einander einzuholen; obwohl klar ist, dass sie einander die ganze Zeit nicht sehen können. (Warum ist das eigentlich klar? – Ich weiß auch nicht …) Das geht jetzt eine Zeit lang so, dazu Lichtzerhacker, Musik, Schlachtenlärm, Gestank – wie gehabt.

Gerlinde ruft (aus dem Off:) „Schaltet doch jemand den Gestank aus! Bitte!“ Es geschieht.

Die beiden Maden kommen einander immer näher – und verschmelzen miteinander!

Aber das sieht man schon wieder nicht mehr, weil das Licht bis auf die Notbeleuchtung knapp zuvor gnädig abgedreht worden ist.

Die Musik verändert sich nunmehr; sie wird zugleich irgendwie überlagert und auch lauter: Jetzt ist der „Sirtaki“ aus dem Filmepos „Alexis Sorbas“ zu erkennen. Das Licht, ein warmer Gelbton, kommt langsam wieder und wird kontinuierlich stärker. Zwirbelfest und Herr Raklit lösen sich aus ihrer Starre und beginnen, erst langsam, dann immer schwungvoller und ungestümer zu tanzen.

Musik endet mit dem Black Out.

Zweiter Teil

Warum eigentlich in einem Bierzelt?! Warum musste Zwirbelfest ausgerechnet hier, zwischen all diesen gröhlenden und schunkelnden, verschwitzten halb- oder ganz-besoffenen, größtenteils und weitestgehend hässlichen Kerlen sitzen und ihren vollbusigen, ordinären Weibern in ihren geschmacklosen Dirndl-Imitationen?! Dass die Damen vollbusig waren, störte ihn naturgemäß noch am wenigsten. Aber dass sie derartig ordinär wirkten, diese drittklassigen Prolo-Katzen, mit ihren vormals über-rot geschminkten, nun längst schon total verschmierten breiten Mündern und dem Bierdunst, der ihnen aus allen so bereitwillig und offenherzig zur Schau gestellten Poren strömte! Nun ja – das hatte schon wieder beinahe was Faszinierendes an sich! Und erst die geschmacklosen, meist nicht im Geringsten irgendwie künstlerisch gestalteten Tattoos sowie die billigen Nasen-, Ohren- und Lippenringe aus Edelstahl! (Wahrscheinlich noch das einzig Edle an ihnen …!)

Sie schienen ihm wie verzerrte, übel karikierend überzeichnete Vestalinnen; wie ein Abglanz antiker Bewahrerinnen des Herdfeuers also. Und das wiederum, das Feuer, hatte der eine oder andere von ihren ebenso ins Fratzenhafte hin deformierten Begleitern, ein entfesselter Proletheus sozusagen, gestohlen, weil es eben so Usus war. Jetzt sonnten sie sich in irgendeinem Abglanz und gaben sich der Freude hin, so tolle Surrogate zu sein wie nur …

Ach ja, diese männlichen Begleiter, allesamt Proleten. Proleten von der Stange. Vom Fließband. Auswurf. Fehlware. Ohne Individualität. Dafür ausgestattet mit bizarren Andeutungen von nur schwach wachsenden schräghaarigen Schnurrbärten. Solche selbstgefälligen Säcke – mit ihren bläulich oder braun verschwimmenden Alkohol-Augen, den scheußlich gegelten Haaren, den ebenfalls üblen Tätowierungen auf den muskulösen Ober- und Unterarmen, die ihnen aus den (über der Brust schon gefährlich spannenden) blau-weiß oder rot-weiß karierten Kurzarmhemden schwollen, mit ihren Scheiß-Piercings und – besonders – mit ihren geifernden Mäulern, aus denen ihnen permanent der Bierseim quoll und auf die ledernen, die säulenhaften Oberschenkel halb freigebenden Beinkleider troff. Zu alle dem noch ihre dicken, unappetitlichen, gelben, von hässlichen wertlosen Ringen verunzierten Finger, zwischen denen ewig zumindest ein Glimmstängel stak.

Manche von ihnen waren übrigens nicht in dieses lächerliche pseudo-rustikale Outfit gequetscht, sondern trugen ausgewaschene, löchrige Jeans und irgendwelche unmögliche ärmellose Oberhemden. Geschmacklose Glitzer-Kettchen und sonstige blinkende Schmonzes-Accessoires rundeten das vermeintlich stylische Bild aufs Fürchterlichste ab.

Ihre weibliche Begleitung hatte, in diesen speziellen Fällen, immerhin auch des total nachgeahmt Ländlichen entraten und sich für ähnlich abartige, weitgehend aus dem obligaten groben blauen Stoff gefertigte Bekleidungsteile entschieden, denen zumeist etwas desolat Angeknabbertes oder sonst wie Durchlöchertes eignete; was jedoch auch keinen wesentlichen Gewinn an Eleganz ergab. (Donnerwetter, diese fast blanken Busen waren in der Tat schier erdrückende Argumente für den Vorteil, keinen Geschmack zu haben …!)

Wie ihre Weiber stanken auch die Männer-Schweine intensiv nach Bier und dazu nach Rest-Urin, weil sie vermutlich nicht einmal richtig pissen konnten – vor lauter Durst und Gier!

Apropos Pissen. Wo blieb denn Heraklit so lange? War der immer noch am Klo? Der hatte wohl eine noch schwächere Blase als Zwirbelfest selbst. (Und das sollte immerhin etwas heißen!) Also, Heraklit war beim Schiffen. Gut. Und er, Günther Zwirbelfest, würde auch bald wieder gehen müssen. Ja, so sah es aus.

Da gewahrte er eine blöde grinsende Kellnerin. Oder war es Gerlinde, seine Ehefrau, die da heranschaukelte? (Nein, das war in einer anderen seiner Geschichten.)

Noch ein Bier, Günther?“, fragte die allem Anschein nach grenzdebile Servicekraft. (Vollbusig, blond und – war sie nicht doch seine Frau?! – Egal.)

Ja. Nein – zwei“, verbesserte sich der schon ziemlich betrunkene Autor. „Mein Freund Heraklit trinkt sicherlich auch noch eines …“

Zwei Biere also, eines für Dich und eines für Herrn Raklit. Ist gut“, sagte die Kellnerin Gerlinde und entschwebte.

Warum hatten sie sich auch ausgerechnet daher begeben müssen, in diese Volksmusikveranstaltung im Bierzelt Swoboda? Er hasste Volksmusik. Er hasste Bierzelte. Und er hasste den alten Swoboda. Ach, ja, und die „Zillertaler Schürzenjäger Revival Band“ hasste er ebenfalls. Diese fragwürdige Formation aus dem Bereich der sogenannten volkstümlichen Musik feierte angeblich irgendein Auftritts-Jubiläum. Ja, da hing doch auch das scheußliche Riesen-Transparent im Hintergrund des schäbigen Podiums. Und diese Dreckskulisse erinnerte ihn zu allem Überfluss entfernt an einen Bühnen-Prospekt. (Vermutlich hatte er sich den irgendwann einmal einfallen lassen – doch: wofür? Er wusste es aufgrund des vielen Bieres, das er schon intus hatte, und wegen der vollbusigen, vulgären, dabei jedoch irgendwie verhuschten Weiber beziehungsweise ihrer schon ziemlich aggressiv aus den bösen, eifersüchtigen – zumindest: argwöhnischen – und vom reichlichen Alkoholkonsum verschleierten Augen funkelnden männlichen Begleitaffen nicht mehr …) Ach so, da stand es ja sogar aufgemalt auf die reichlich brüchige Leinwand: Den fünfzehnjährigen Bestand besagter „Zillertaler Schürzenjäger Revival Band“ galt es zu begehen! Begehen. Wie ein Verbrechen. Eine Serie von Einbrüchen. Vergewaltigungen, Nötigungen, Körperverletzungen, Morde und Totschläge inklusive. Sie begingen den fünfzehnjährigen Bestand. Ja: eine Drohung, in der Tat! Oder sollte es am Ende gar nicht Bestand heißen, sondern vielmehr: Beistand?! Oder – – – was weiß ich …?!

Heraklit hatte darauf bestanden, dass just er, Zwirbelfest, ihn hierher begleite! Hierher, jaja! Hierher, auf diese großartige Veranstaltung in diesem riesigen Bierzelt! – Nein, so ganz allein getraue er, Heraklit, sich wirklich nicht unter die Leute! Nein! Da käme er sich wie ein Asylwerber vor, ein ungebetener Gast bloß, ein Fremder oder ein Eindringling … Die vielen Menschen, die ihm so fremde, ohnehin schon a priori abweisend erscheinende Stadt … und die für ihn so vollkommen neue, so unübersichtliche Umgebung … Ja, neu! Unbekannt! Unübersichtlich! Feindlich fast! Also, das …, das alles da: Es erschiene ihm förmlich wie ein neues Zeitalter, bitte sehr! Eine unbekannte Ära zumindest! Erschreckend und neu sei das alles für ihn! Und dann, im Vertrauen, er, Heraklit, kenne hier doch wirklich niemanden … Nur ihn, Günther, ja, ihn kenne er! – „Ich steh‘ auf volksdümmliche Musik!“, hatte der alte Grieche gefeixt, wieder einigermaßen fröhlich und vor sich hin lachend. „Besonders auf die Zillertaler! Das Zillertal ist der Vater aller Dinge, ist das klar?!“

Und da saß er, Zwirbelfest, nun also, zwischen angesoffenen vulgären Idioten. Ihre Vulgarität hatte dabei freilich nichts Exemplarisches an sich; obwohl auch vulgäres Auftreten durchaus als ein Beispiel von Mensch-Sein interpretiert werden kann. Als ein wenig beglückendes, zugegeben, aber immerhin als ein Hauch von dem, was schließlich über dem Ganzen liegt. Und das ist, wir müssen es akzeptieren (ob wir wollen oder nicht), nun einmal längst nicht bloß Angenehmes, Ansehnliches, Schmackhaftes, Wohlklingendes, Wohlriechendes und insgesamt ästhetisch Ansprechendes.

Nein, vieles in unserem Dasein ist gleichsam Bierzelt, ist „Zillertaler Schürzenjäger Revival Band“ und vollbusiger Abschaum, angepierct und zutätowiert auf immerdar.

Da kam Heraklit von den Toiletten zurück.

Gepflegt, eure Anlagen! Donnerwetter!“ Er konnte sich kaum halten vor Ergriffenheit.

Dann gaben sich Günther Zwirbelfest und sein Gast aus Griechenland – soweit sie dazu noch in der Lage waren, denn das viele konsumierte Bier und auch die unzähligen Schnäpse, die sie unvorsichtigerweise zwischendurch gekippt hatten, taten langsam aber sicher ihre merkbare Wirkung –, also, dann gaben sich Zwirbelfest und Herr Raklit zum Teil sogar ziemlich tiefschürfenden Gesprächen hin. Man könnte sagen: Die beiden versuchten, zumindest ansatzweise (die Betonung liegt auf ansatz, weniger auf weise) zu philosophieren. Da ihr Diskurs sozusagen step by step (oder peu à peu) eher schwerverständlich wurde, was sich weniger aufs Inhaltliche, sondern in erster Linie wohl aufs Phonetische bezog!, sei hier nur quasi die Quintessenz dieses insgesamt durchaus intensiven Gesprächs wiedergeben:

. Wir Menschen begehen immer wieder einen gravierenden Denkfehler, indem wir Frage und Antwort, Ursache und Wirkung (oder Folge), Anfang und Ende sozusagen miteinander verwechseln. Nicht so sehr, weil wir womöglich gern das sprichwörtliche Pferd von hinten aufzäumen wollten, sondern weil unsere Denk-Richtung allem Anschein nach (und ohne Rücksicht auf die etwaige Nützlichkeit dieser Methode!) eben streng final, also zum Fluchtpunkt Ende hin, ausgelegt ist. Folglich scheint sie einen Anfang vorauszusetzen, egal, ob es einen solchen tatsächlich gibt oder nicht. Diese Form des Denkens betreiben wir schon aus lange geübter Tradition, vielleicht auch aus einem irgendwie mystischen Ritual heraus. Und übrigens unbeeinflusst davon, dass diese Vorgangsweise immer wieder einmal sogar mit ernsten, ja: gewaltigen Behinderungen und Unannehmlichkeiten verbunden sein kann.

. Die Vorstellung von Grund, Ursache und Anlass, von Folge und Resultat et cetera hängt außerdem elementar mit unserer Erzähltradition zusammen. Und die ist – siehe Bibel, diverse Schöpfungsgeschichten und Mythologien! – nun einmal linear angelegt (und ausgelegt); vom Chaos zum Kosmos, sozusagen, vom Nichts zur Ordnung; am besten immer durch die Hand (und Vorstellung) eines Gott-Schöpfers, den sich die Menschen letztlich zum Zweck der eigenen Erschaffung erschaffen haben … (Womöglich noch nach ihrem Ebenbild!)

. Da ist dann folglich wenig oder gar kein Platz für Spiraliges, für Quergedachtes, für Diffuses oder vermeintlich Unordentliches, das obendrein den als Regulierung eingeführten – weil als notwendig erachteten – Fluss der Zeit außer Kraft setzen könnte (oder sogar müsste). Da ist dann jedoch auch herzlich wenig von Phantasie die Rede. Und auch das Element des Miteinander fällt zugunsten strenger Hierarchien wenn überhaupt – dann bloß mager aus.

. Oder, gleichsam als Gegenentwurf: Wir wagen es, d o c h (und sei es bloß zwanghaft und aus schlechtem Gewissen – wem auch immer gegenüber – heraus) innovativ zu sein, und konstruieren tatsächlich zuerst ein Finale; wogegen an sich, wie gesagt, auch gar nichts spräche. Dann erst schaffen wir den folgerichtigen (sic!) Beginn dazu! Das Prinzip ist übrigens altbekannt: Wir verhielten uns darin wie jemand, der ein Rätsel erfindet, das ja in Wahrheit auch bloß die Auflösung seiner selbst ist … Übrigens muss der Autor eines Kriminalromans auch nicht erst mühsam den Täter herausfinden: Er denkt sich vielmehr und klarerweise zuerst mal den möglichst gefinkelten Tathergang samt (am besten:) genialem Möder aus und widmet sich erst dann dem geschehenen Mord und dessen möglichst glänzender Auflösung! Nicht zu vergessen: Sogar die Wahl der (ebenfalls möglichst schlauen!) Methode bei den späteren Recherchen richtet sich nach dem – längst vorher projektierten – Ausgang der Geschichte. Sonst könnte es womöglich passieren, dass einmal der Erfinder = Schreiber (vielleicht weil er zu dumm ist), selbst auf keine Lösung käme!

. Wie verhielte es sich also, würde die Maxime allgemein gelten: Alle Dinge entwickeln sich vom Ende her und zum Anfang hin?! – Hm. Das würde mit uns, quasi den schon längst Verbildeten und geistig Deformierten, nur schwer funktionieren. Unsere (durch Religionen und Mythologien, durch Gebräuche, Traditionen, Stile und Moden, aber auch durch die gängige Politik und die ebenso gängigen Methoden zur Ausübung von Macht, ja, sogar durch die gängige Philosophie) eingeübten Überlegungen – im Sinne von alltäglichem, quasi praktischem Denken – schaffen sich nun eben zunächst bestimmte, in den meisten Fällen längst normierte Abfolgen; also Ordnungen, die (aus welchen Gründen immer, zum Teil vermutlich alte Tabus und längst nicht mehr nachvollziehbare Interdikte oder Privilegien betreffend) usuell beim Anfang beginnen und zum Ende führen, mit ihm aufhören. Diese Methode widerspricht ganz klar, zugegeben, der oben angedeuteten (und wohl insgeheim ersehnten), dass sich nämlich die Dinge besser vom Ende her zum Anfang hin entwickeln sollten. Leider.

. Und doch, vermutlich lässt sich so und nur auf diese Weise, also im gewohnten Denken von einem Anfang zu einem Ende hin, die Illusion vom Fortschritt am Leben erhalten! Und auf sie hin scheint wohl auch alles angelegt zu sein, was wir Leben nennen.

. Ebenso vermutlich kann dann allerdings auch der Krieg, also dieses ansonsten nach allem praktischen Verständnis am leichtesten als das Destruktive schlechthin zu erkennende und zu enttarnende böse Element, weitgehend widerspruchslos zum so wichtigen Motor des sogenannten Fortschritts erklärt werden. Und auch wenn weder (subjektiv vielleicht noch am ehesten, objektiv sicherlich gar nicht) Gutes noch Angenehmes oder gar Edles unter den Bedingungen solch einer Entwicklung entstehen, geschweige denn: der Krieg als Impulsgeber positiven Gestaltens gelten kann, bleibt die Illusion eben des Fortschritts voll gewahrt …

. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“: Der dem Heraklit von Ephesus zugesprochene (oder angedichtete) Satz funktioniert somit ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt des von Alpha nach Omega hin Denkens. Und die immer wieder verwendete Parole erscheint weder moralisch besonders hochstehend noch die Humanität fördernd; kurz: Sie hat rein nichts Erhebendes an sich. Sie erscheint irgendwie verständlich wohl am ehesten noch unter dem Aspekt (kriegerischer oder kampfsportlicher) Ertüchtigung aus Selbstzweck heraus. Allerdings wirft der Krieg immerhin für einige am Rande Beteiligte nicht selten Erhebliches ab. (Ob das freilich ganz allgemein genügt, um sein Auftreten und Vorhandensein zu rechtfertigen und ihn solcherart zu legitimieren, bleibe dahingestellt.)

. Dass alles immer weitergehen muss – denn auch das beinhaltet das Wort Fortschritt nolens, volens -, ergibt sich zwangsläufig aus der (fragwürdigen) Qualität der Endlichkeit alles Irdischen. Und diese Endlichkeit setzt sich wiederum aus den Faktoren zusammen, die erst ihren Bestand elementar ermöglichen; unter anderem sind dies just die Obsoleszenz, die Abnutzung, der Verschleiß, die Krankheit, die Hinfälligkeit und der Tod.

. Fassen wir das Paradox unter diesem Aspekt – und, zugegeben, nicht sonderlich optimistisch (zumindest im landläufigen Sinn) – zusammen: Da der Tod somit den Beginn bedeutet, wird er solcherart letztlich zum einzigen Sinn des Lebens!

. Der Zweifel darf dabei, quasi als Stachel bleiben; wie Großmutters Stricknadel, mit der sie in unseren Kindertagen noch in den Kuchen gestochen hat, um zu überprüfen, wie weit denn der Backvorgang schon gediehen sei.

(Wenn der wenig glückhafte Literat Günther Zwirbelfest und sein altgriechischer Freund Heraklit nicht schon zu betrunken gewesen wären ((und sie über Umberto Ecos feine Sammlung „Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften“ zu diesem Zeitpunkt schon in deutscher Übersetzung (((natürlich vom famosen Burkhart Kroeber wiederum in elegant-penibler Art und Weise angefertigt))) verfügen hätten können, wer weiß, ob nicht auch noch Überlegungen, betreffend die – angebliche – Notwendigkeit des Schaffens von Feindbildern, in das ohnedies schon ziemlich ausufernde Gespräch im Bierzelt eingeflossen wären …)

Dritter Teil

Anmerkung zu den Personen des Dritten Teils:

Churchill, Roosevelt, Stalin und Hitler sind Karikaturen; überzeichnet, doch weniger witzig als bösartig. Ihre Lächerlichkeit entspringt ihrer Betulichkeit (im Fall Hitlers: seiner Verrücktheit), die wiederum etwas Bedrohliches in sich trägt: Machtgier und Lust am Herrschen. Sie sind Lemuren, Dämonen, vielleicht oder Teufel – hier als zahme politische Haustiere verkleidet. Wenn sie dann ganz gestorben sind, wird man sie ausstopfen, damit die Kinder sie streicheln können; zumindest insgeheim. Denn auch die nächste Generation soll sich, bitte schön, gefälligst an ihre Beherrscher gewöhnen!

Churchill ist sehr dick, versoffen und im weitesten Sinn sogar originell.

Roosevelt sitzt im Rollstuhl und tut konziliant.

Stalin wirkt verschlagen, irgendwie plump, als ob er den Verbrecher in sich erst gar nicht verbergen möchte.Er ist außerdem größenwahnsinnig.

Hitler ist überhaupt ein Idiot.

Der Dritte Teil der Farce spielt im Bühnenbild, wie wir es vom Anfang des Ersten Teils her kennen. Allerdings ist der Raum gleichzeitig das Tiefkühlfach des schon ziemlich alten großen Kühlschranks (Miele) aus dem Besitz des Autors Günther Zwirbelfest. Er hat ihn vor einiger Zeit von seinem reichen, aber knausrigen Großonkel Theobald geschenkt bekommen – wie die meisten abgelegten Apparate und Elektrogeräte in seiner, zugegeben, reichlich heruntergekommenen Wohnung. (Deren Zustand übrigens auch Gerlinde immer wieder beanstandet und, traurigen Gesichtsausdrucks, zu beklagen nicht müde wird.)

Statt des Schreibtisches von früher dominieren nunmehr ein riesiger Konferenztisch sowie eine schrecklich protzige Sitzgarnitur aus Leder(-Imitat) den vorderen Bühnenraum. Der Prospekt im Bühnenhintergrund ist zerfetzt, doch noch erkennbar: Das Zillertal ist der Vater aller Dinge. (Der am Ende des Ersten Teils in die Vertikale gekippte Bühnenboden fehlt nunmehr.) Vor dem Tisch, etwas nach links versetzt, prunkt ein großes Schild auf einer Stange (wie ein riesiges Hinweiszeichen, das zum Beispiel eine Zollstation anzeigt): Konferenz in Teheran, 28. November bis 1. Dezember 1943.

Um den Tisch sitzen vier Personen. Da sind zunächst, richtig, die Großen Drei: Winston Churchill, Franklin Delano Roosevelt und Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin. Als vierter Mann (mit dem Rücken zum Publikum, wenn es bei einer Prosa ein solches gäbe, also besser: zum Leser hin) sitzt erstaunlicherweise auch Adolf Hitler dabei! Der Führer scheint sich – wieder einmal – in einem unbemerkten Augenblick herangeschlichen zu haben, denn jetzt verscheuchen die drei anderen Machthaber ihn, ziemlich hysterisch und aufgeschreckt wirkend, von seinem okkupierten Platz. Hitler, mit den Händen fuchtelnd und insgesamt verärgert, zischt im Abgehen böse: „Wartet nur! Wenn ihr da bloß nicht das falsche Schwein schlachtet!“

Churchill schüttelt verärgert denn großen Kopf, sodass seine wabbeligen Kinne wackeln, nimmt eine Flasche von einem Beistelltisch und schenkt sich einen großen Brandy in sein Glas. „Verdammt“, presst er zwischen den Zähnen hervor. „Das, was wir zuvor und viel zu lang verabsäumt haben, müssen wir jetzt kompensieren! Durch Härte!“

Sie sagen es, Winston“, pflichtet ihm Roosevelt bei, während er ihm durstig seinen leeren Schwenker hinhält. Churchill, während er nun auch dem Kollegen einschenkt: „Aufs Wohlsein!“

Churchill: „Ja, jetzt gilt es, Deutschland zu bestrafen! – Prost!“ Er schenkt sich und Roosevelt erneut ein, sie trinken.

Roosevelt: „Deutschland bestrafen, ja! Korrekt! Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können, Winston!“

Stalin nimmt sich inzwischen selbst eine Flasche Wodka von besagtem Tischchen, schenkt ein und prostet den beiden anderen Politikern zu, bevor er ex trinkt: „Prost, die Herren!“ Dann schenkt er sich erneut ein. „Wir werden Deutschland bestrafen! Das steht fest! Was wir können, werden wir tun, und mit Freuden! – Prost!“

Churchill: „Also, Herrschaften! Dann ist so weit alles klar?“ Er schaut aus seinen kleinen Augen über den dicken Tränensäcken erwartungsvoll in die Runde.

Der Präsident der Vereinigten Staaten nickt aus seinem Rollstuhl heraus. „Ja, die westallierte Invasion findet im Mai 1944 in Frankreich statt -“

– und die sowjetisch-polnische Grenze legen wir, wie vereinbart, auf der Curzon-Linie fest!“, wirft Stalin ein und wirkt dabei ziemlich stolz – auf sich selbst. An Churchill gewandt: „Lieber Winston, das war ja immerhin Ihr Außenminister, der die im Jahr 1919 vorgeschlagen hat, George Curzon, nicht wahr?!“

Worauf Churchill verbindlich nickt, „in der Tat, lieber Iossif, in der Tat … George Lord Curzon, der ehemalige Vizekönig von Indien …“ Er schenkt sich nach; ganz in Gedanken an die anscheinend wesentlich besseren welthistorischen Gegebenheiten (damals, nach dem 1. Weltkrieg …) und wie in die kindlich-rosige Erinnerung an längst abgelegte Zeiten versunken. Dann süffelt er genüsslich.

Den ebenfalls durstigen Kollegen Roosevelt, der ihm erneut sein leeres Glas hinhält, hält er kurz hin (haha!), dann schenkt er ihm ebenfalls reinen Brandy ein. (Oder ist es nicht vielmehr Whiskey? Egal.) „Wenn wir schon den Anfängen nicht haben wehren wollen – “, er stockt überrascht und korrigiert sich, „nein, nein!, nicht haben wehren können -“

Roosevelt, am Glas nuckelnd: „- so wollen wir jetzt wenigstens den Sieg -“

Stalin, er hat sich inzwischen nochmals und reichlich vom Wodka bedient: „- auskosten! Koste es was es wolle! Prost!“ Sie trinken alle drei.

Prost! – Ja, und die Oder ist die neue polnische Westgrenze“, erinnert der dicke Brite, immer noch ein bisschen in den Gefühlen der ach so glorreichen Vergangenheit schwelgend, die beiden anderen an anscheinend schon Ausgemachtes.

Und Deutschland teilen wir auf!“, steuert der Amerikaner sein politisches Scherflein bei.

Genau“, klinkt sich Churchill nochmals voller Tatendrang ein, „wobei eine Zweiteilung in Nord und Süd erfolgen soll. Der Süden wird mit Österreich und Ungarn zu einer Donauföderation zusammengeschlossen!“

Das ist längst noch nicht fixiert, Winston!“, entgegnet Roosevelt kopfschüttelnd, der plötzlich einigermaßen aufgeregt und weit weniger konziliant als üblich wirkt.

Genau“, schließt sich Stalin (in Wahrheit: lang schon mit dem Imperialisten aus den USA im Bunde!) polternd an. „Nix ist fix – nur die Zerstückelung Deutschlands, die schon!“

Hm …“ Churchill zuckt mit den breiten Schultern (und obwohl ihm um Polen im Herzen leid ist). „Noja, wenn Ihr meint, liebe Freunde …, Franklin, Iossif …“ Man schenkt nach und trinkt erneut. „Und, meine Herren“, schließt Winston Churchill vorläufig die Konferenz, „wir sehen uns spätestens am 4. Februar 1945, also in etwas mehr nur als in einem Jahr …, in Jalta, auf der Krim! Ja, dann treffen wir drei wieder zusamm …“

Um die siebente Stund, am Brückendamm“, ergänzt Stalin gutgelaunt.

Am Mittelpfeiler“, gibt Roosevelt, ebenfalls wieder besänftigt, seinen diplomatischen Senf dazu ab.

Ich lösch die Flamm“, beeilt sich Churchill zu versichern.

Ich mit“, pflichtet Stalin rasch und diabolisch grinsend bei. „Ich komme von Norden her.“

Und ich vom Süden“, sagt der Amerikaner.

Und ich vom Meer“, ergänzt nun Churchill, über das ganze feiste Gesicht grinsend wie ein fetter Vollmond.

Jaja, die Burschen haben ihren Theodor Fontane gelernt!

Epilog oder Ist Zwirbelfest verrückt?

Zwirbelfest weitgehend allein. Nur die Pause kommt einmal ganz kurz herein.

Zwar bedarf der Epilog keines neuen Raumes, dennoch nimmt er einen solchen ein. Ergo kommt auch er nicht ohne Bühnenbild aus, wenngleich es sich um das schon früher einmal gehabte handelt. Ist das so weit klar? Und schwaches Licht. – Schwaches Licht!, hab‘ ich gesagt! Schwaches Licht erst, das dann allmählich stärker wird. – Danke. Gut so.

Also: Noch Dunkelheit. – Langsam, bitte! Gemach! Und nicht stolpern! – Da, der Laptop auf dem Schreibtisch, wo zwischendurch Teheran war. Draußen die Gewitternacht. Die Blitze vor dem Fenster. (Wenn ein solches vorhanden gewesen wäre.) Die leeren, vollen und halbgeleerten Flaschen auf dem Arbeitstisch. Die übel überquellenden Aschenbecher mit den Relikten von Zigarettenkippen, halb nur zu Ende gerauchten Zigarren und Zigarillos. Der Gestank und die Reste alten Qualms. (Aus der Erinnerung klingt Gerlindes Ruf aus der Ersten Szene, wo sie aus dem Off zu vernehmen gewesen war: eine Luft zum Schneiden!) Überhaupt ein bisschen Verwesung, wenn ein bisschen Verwesung möglich wäre … Neutrale Musik.

Was? Was – was?! – Ach so … Ja, neutrale Musik! Also, am besten: etwas Klassisches, so Klassik-Sender, Ö1. – Ja, genau! Auch ein wenig Jazz und hinterfragte Unterhaltungsmusik! – Wie? – Ja! Richtig! Eben … Bach, Beethoven, Brubeck …, das Übliche.

Und der Autor: Günther Zwirbelfest. Wieder einmal eingeschlafen in seinem einsamen Suff. Vor sich das leuchtende Rechteck des Monitors. Bläulich und leer – bis auf die Funktionsfelder: Datei Bearbeiten Ansicht Einfügen Format …

Starker Musik-Akzent. Das Licht spielt ins Psychedelische (1970/80er-Disco!). Dann: abrupt andere Musik – vielleicht: „Rollings Stones“ oder gar à la Heavy Metal -, die kurz lauter, akzentuierter, fast schon penetrant erklingt. Sie wird indes rasch wieder leise und schwenkt zuletzt, sich dabei überlagernd, in Klassik ein (Franz Liszt: „Le Preludes“).

Stimmen von verschiedenen Raumpunkten her:

Das Zillertal ist der Vater aller Dinge!

Jawohl, Herr Raklit!

Verstanden!

Abtreten!

Abrupte Stille, Halbdunkel.

Die Pause lugt vorsichtig auf der linken Seite in die Bühne, die keine ist. Leise Musik, Robert Schumann, Fritz Kreisler oder so. Die hübsche Pause schüttelt angesichts Zwirbelfests den Kopf und geht anscheinend betrübt ab. (War sie, eine Art Verdoppelung Gerlindes, sein Schutzengel? Das muss – wie so viel anderes auch – offen bleiben …)

Zuletzt, bevor es ganz aus ist, stellt sich freilich noch die Frage, auch wenn sie (unter uns gesagt) nicht wirklich von elementarer Bedeutung sein mag: Was ist mit Günther Zwirbelfest los? Lässt sein ganzes Verhalten nicht doch auf Verrücktheit schließen?

Allerdings: Was ist wohl das Verrückte an ihm?

Dass er an einem Theaterstück (genauer: an einer Farce) über – ja, worüber denn eigentlich?! – schreibt (oder besser: zu schreiben herumprobiert)?

Dass diese Theater-Burleske den kuriosen Titel „Das Zillertal ist der Vater aller Dinge“ trägt?

Oder dass er, gemeinsam mit einem – womöglich imaginären, nämlich von ihm selbst und zu diesem Zweck erschaffenen – Bekannten, mit dem Herrn Raklit, ein sogenanntes Konzert der „Zillertaler Schürzenjäger Revival Band“ besucht, dort viel Bier und Schnaps trinkt, über das Niveau der Veranstaltung sowie der anderen Besucherinnen und Besucher beziehungsweise das der Anhängerschaft der sogenannten volkstümlichen Musik im Allgemeinen schimpft, eine Kellnerin namens Gerlinde trifft und für seine Frau hält et cetera …?

Also, was davon macht ihn zum potenziellen Geistesgestörten?

Dass er sich mit Churchill, Hitler, Stalin, Roosevelt und Konsorten auseinandersetzt und mit dem legendären griechischen Philosophen Heraklit über Anfang und Ende schwafelt?

Nun, das sind doch alles keine wirklichen Anhaltspunkte, die auf eine Störung seines Geistes hinwiesen oder eine Beeinträchtigung von Zwirbelgeists Denkvermögen nahelegten. Oder?!

Und auch der Titel seines geplanten Stückes, die Parole gleichsam, „Das Zillertal ist der Vater aller Dinge“, mag unter Umständen einigermaßen speziell, vielleicht sogar bizarr wirken; aber tun das nicht viele andere Titel und Parolen auch?!

Nein, Günther Zwirbelfest ist nicht verrückt.

Auch wenn seine Frau Gerlinde das mitunter behaupten mag.

Sie ist eben überfordert.

Denn so viel wirft Günthers Schriftstellerei leider auch nicht ab. Im Gegenteil … Seine finanzielle Situation, die ist, im Vertrauen gesagt, ziemlich beschissen … Und die Aussichten auf Besserung sind zugegeben – mäßig …

Weder sind seine Theaterstücke und Bühnenwerke der Renner; geschweige denn seine Film-Drehbücher … Und auch das, was er an Texten für Kabarett und Kleinkunst so schreibt …, oder die Entwürfe, die er für Radio und Fernsehen erarbeitet …, ja, sogar seine Beiträge in Form von Kommentaren, Glossen und Satiren in Printmedien et cetera, sie bringen nicht allzu viel ein. Nein. Insgesamt ist Zwirbelfest nicht besonders gut im Geschäft.

Da hat nun, um finanziell etwas beizusteuern, seine Frau – und das muss man Gerlinde in der Tat hoch anrechnen! – eben (zumindest vorübergehend) einen Nebenjob angenommen.

Ja, im Gastgewerbe.

Sie kellnert.

*

Und der Autor: Günther Zwirbelfest. Wieder einmal eingeschlafen in seinem einsamen Suff. Vor sich das leuchtende Rechteck des Monitors. Bläulich und leer – bis auf die Funktionsfelder: Datei Bearbeiten Ansicht Einfügen Format …

 

E N D E

Literatur (Auswahl):

Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner. Berlin 2012.

Michael Bruce/Steven Barbone (Hg.), Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Darmstadt 2013.

Johann Berger, Paradoxien aus Naturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Germering bei München 2005.

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in zehn Bänden. Mannheim 2006.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee. Ein Besuch bei Einstein. München 2009.

Denis Diderot, Jakob und sein Herr oder Der Glaube an das Walten des Schicksals. Zürich 2009.

Umberto Eco, Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften. München 2014.

Eckhard Henscheid/Gerhard Henschel/Brigitte Kronauer, Kulturgeschichte der Missverständnisse. Studien zum Geistesleben. Stuttgart 1997.

Internet.

Konrad Nussbächer (Hg.), Deutsche Balladen. Stuttgart 1977.

Der Große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. 32 Aufl. Freiburg im Breisgau 1999.

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013.

Friedrich Schillers sämmtliche Werke. 26 Bände. Wien 1816 f.

Franz Schupp, Geschichte der Philosophie im Überblick. Drei Bände.Hamburg 2003.

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