Das Problem

oder Der Zauberwald

Eine leicht ironische Betrachtung,

ja, nachgerade fast schon ein

Märchen …

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

In Eudoxia, das sich nach oben und nach

unten erstreckt, mit verwinkelten Gassen,

Treppen, toten Enden und Elendshütten, wird

ein Wandteppich aufbewahrt, auf dem man

die wahre Form der Stadt betrachten kann.

Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte

*

Kurz und gut: Jeder sah im Roßberger Nichts

das, was ihm oder einer Gruppe, der er

angehörte, nahestand, etwas bedeutete oder von

ihm und der Gruppe erhofft, gewünscht oder

immer schon angestrebt worden war.

Bernd Schmidt, Der Berg

*

Natürlich

Natürlich, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist Ihnen eine Geschichte lieber, in der sich etwas – möglichst: etwas Grundlegendes! – ereignet, also eine Geschichte, in der etwas geschieht; als eine, in der nichts anderes vor sich geht als die Zeit. Denn schließlich glaubt jeder, der sich einmal (leichtsinnig genug …) zum Lesen entschlossen oder durchgerungen hat, dann sehr wohl ein Recht darauf zu haben, durch eine Handlung unterhalten zu werden. (Zumindest durch eine scheinbare Handlung, fiktiv wie der Friede auf der Welt oder die Rechtschaffenheit der Menschen …)

Aber: Was tun (und worüber schreiben und berichten), wenn sich ausnahmsweise einmal so gut wie nichts tut? Wenn es gleichsam nichts Nennenswertes zu erzählen gibt?

Tja … Hm …

In der Tat …, da haben wir ein Problem …

Gut, ein bisschen was des Erzählens Wertes findet sich doch immer noch. Und wenn man es dann zudem – vielleicht mehr oder weniger geschickt – ein wenig aufbauscht und zurechtmacht, wird womöglich sogar eine recht hübsche Geschichte daraus.

Wir wollen mal sehen.

*

Nicht selten kommt es vor, dass man lange Zeit gar nicht bemerkt, was sich im nächsten Umfeld befindet oder, sozusagen: was es unmittelbar vor der eigenen Nase so gibt, von dem man all die Zeit praktisch keine Notiz genommen hat. Ein schönes Ornament, ein hübscher Torbogen, ein ausgefallener Giebel, diverser architektonischer Zierrat oder erstaunliche Schnörkeleien: Man glaubt, den oft passierten Straßenzug, das idyllische Gässchen, den altbekannten Platz oder die durchaus gängige Passage längst gut zu kennen; doch mit einem Mal erst fällt einem das betreffende Detail ins Auge.

So war es auch mit dem nun zu beschreibenden Waldstück, und das, obschon es über durchaus beträchtliche Ausmaße verfügte. Zudem war es ein in der Tat interessantes Terrain.

Jedenfalls gab es irgendwie barock (und auch ein wenig orientalisch) anmutende Ruinen und Gebäudereste auf diesem etwa 2000 Hektar umfassenden Areal, das man gut und gern als kleinen Urwald hätte bezeichnen mögen. Als kleinen Urwald, ja.

Siehe da: Bald nach der zufälligen Wiederentdeckung wurde über das Wäldchen mit den Häuserresten auch schon gemunkelt, und im Nu kamen die erstaunlichsten Gerüchte auf. Es dauerte nicht lang, so drang die Kunde von diesem bisher anscheinend mehr oder weniger vernachlässigten Teil der Stadt auch zu den Behörden vor.

Und so beauftragte der Bürgermeister – beziehungsweise die von ihm als dafür zuständig erklärte Magistratsabteilung – vorsichtshalber eine Historiker-Kommission mit der Erforschung des bisher (warum auch immer) allem Anschein nach völlig im Dunkel der Stadtgeschichte ruhenden Gebietes im Südosten der Kommune.

Solche Kommissionen, also Gremien von Geschichts- wie auch Kunstgeschichtsforschern, Architekturhistorikern, Forensikern sowie Kolleginnen und Kollegen aus verwandten aber auch aus nur peripher betroffenen Gebieten der Wissenschaft (sogar Juristen, die womöglich [warum auch immer:] unklare Besitzverhältnisse zu klären hätten), tagten damals praktisch in Permanenz. So viel gab es nämlich, angeregt allein schon durch die allenthalben florierenden Restitutions-Prozesse, zu erforschen und zu ergründen. (Denn an die Stelle des Vertuschens alter Sünden und Unmenschlichkeiten, das sich lange Zeit hindurch durchaus bewährt hatte, war neuerdings quasi ein geschärfter Blick getreten. Unter dem Druck der breiten Öffentlichkeit wurde, spät aber doch, manches endlich für aufklärungsbedürftig erachtet und als Ungereimtheit bezeichnet. Begünstigt auch durch das Beispiel US-amerikanischer Rechtsauffassung [etwa im Verbraucherschutz, und hier durch Milliarden-Klagen] musste von Seiten der Obrigkeit zuletzt tatsächlich etwas zur Erhellung diverser Herkunftsrätsel getan werden; etwa, was die Deszendenz von arisierten oder sonst irgendwie entwendeten Immobilien, von widerrechtlich in Besitz genommenen Kunstwerken und gestohlenen Wertgegenständen betraf. Wie schon gesagt: spät aber doch …)

Nein, es handle sich, so viel stand bald fest, um kein belastetes Terrain, somit – zum Exempel – nicht um die Anlage eines bisher unbekannten (oder der Einfachheit halber vergessenen) Konzentrationslagers aus der Nazi-Ära, über dessen Existenz durch all die Jahre, sollte sie früher einmal doch allgemein bekannt gewesen sein, nunmehr all die Zeit geflissentlich und einvernehmlich geschwiegen worden war. (Man kennt das ja.) Nein, dem war im vorliegenden Fall nicht so; eine erste Erkenntnis, die den Stadtoberen und seine Berater, wie man sich denken kann, merkbar aufatmen ließ …

Bald schon traten jedoch im Zusammenhang mit dem Waldgebiet Details zu Tage, die dennoch irgendwie beunruhigend wirkten und überdies zu mancherlei Spekulationen Anlass boten. So verfügten die Ruinen der ehemaligen Siedlung, die da, um- und teilweise auch überwuchert von Bäumen und Strauchwerk verschiedenster Art, langsam erst und bei genauerer Untersuchung ihre Ausmaße und Kubaturen freigaben, allesamt über keinerlei Unterkellerung. Übrigens, eine entsprechende Kanalisation, die bei der Größe des Areals immerhin zu erwarten gewesen wäre, fehlte ebenfalls ganz. Auch Hinweise auf eine vormals irgendwann vielleicht funktionierende Wasserleitung oder gar auf Telefonanschlüsse oder eine früher einmal vorhandene Stromzufuhr gab es nicht.

Besonders die zunächst als irgendwie orientalisch eingestuften Bauwerke – ja, sie muteten tatsächlich zumindest entfernt maurisch oder osmanisch an -, schienen durch und durch aus Sand zu bestehen: Sie glichen Gebilden oder Artefakten, die wie überdimensionale Sandburgen beschaffen waren; Sandburgen, wie sie am ehesten noch (ebenso überdimensionale) Kinder hier geformt und zurückgelassen haben könnten …

Ja, doch: Riesen beziehungsweise deren spielfreudige Nachkommenschaft, mochten da am Werk gewesen sein; vorausgesetzt, man akzeptierte überhaupt die Möglichkeit der Existenz von solchen märchenhaften Lebewesen. Noch dazu in nächster Nähe der Stadt … (Vielleicht waren die Sandburgen achtlos liegengelassen worden, weil die Riesenkinder die anfangs so große Freude am Spielen mit den phantasievollen Gebilden verloren hatten, aus welchen Gründen auch immer. Womöglich, weil irgendwelche ruchlose und kampflustige Feinde in das vormals so friedliche Gebiet eingefallen waren [am Ende: noch riesigere Riesen?]. Doch, wie gesagt, darüber gaben die Chroniken keinerlei Aufschluss.)

Fest stand: Es gab Wald. Viel Wald. Sehr viel Wald.

Urwald fast schon.

Nun, an Rodung desselben war kaum zu denken (oder gar an Bodenspekulation!), standen doch dummerweise wieder einmal Kommunalwahlen vor der Tür. Und da galt das Wahlvolk im Allgemeinen als sensibel; besonders, was Umwelt-, Natur- und Tierschutz betraf …

Es gab Wald, belebten Wald. Viel belebten Wald. Sehr viel belebten Wald.

Und bald schon fanden die Botaniker und Zoologen, aber auch die Bakterien- und Virenforscher sowie diverse Paläo-Analytiker aus anderen Spezialgebieten, die vorsichtshalber engagiert worden waren, um den Geschichtsforschern, Kunsthistorikern und Architekten, den Forensikern und so weiter zuzuarbeiten, durchaus Erstaunliches heraus. So etwa, dass eine ganze Reihe seltener Vögel, aber auch eine Anzahl rarer Nagetiere, Wirbelloser sowie Amphibien und sogar spezielle Insekten hier (und ausschließlich hier!) kopulierten, nisteten, warfen, laichten oder sich sonst irgendwie vermehrten; die flogen just in diesem Areal, hüpften, schlichen, glitten, schwirrten und krabbelten.

Zum Exempel: der blaubrüstige Inselsegler (aus der Familie der Turmfalken, Falco tinnunculus), das gelb-gegürtelte Wiesel (aus der Gattung Mustella frenata), dann eine recht bizarr gemusterte Otternart, die aufs erste Hinsehen (und Hinbeißen) der Kreuzotter (Vipera berus) ähnelte; außerdem vier leicht skurril wirkende Froschklassen, die der Subspezies der Laubquaker (aus der Unterabteilung der Froschlurche) anzugehören schienen; wobei eine dieser Kröten übrigens von wenig bis gar nicht in die heikle Materie Eingeweihten leicht mit dem Madagska-Frosch (Boophis ankaratra) verwechselt werden hätte können! Außerdem kamen noch mehrere rare Wildbienenarten, wie die Muschelhummel und die Wegwespe, ins Spiel. Und noch einige erstaunliche Spinnen und Weberknechte sowie Vertreter einer attraktiven grün-schillernden Libellenart.

In üppiger Weise präsentierte sich jedoch auch die Pflanzenwelt dieses speziellen Groß-Biotops. Da wucherten urwüchsige, dem Zinnkraut verwandte Schachtelhalme (Equiseta), da strahlten neben farbenfrohen Kreuz- und Lippenblütlern (Cruciferae und Labiatae) auch einige hübsch blühende Kleesorten (Trifolium beziehungsweise Faboideae) und eine erstaunliche Distelart (angesiedelt zwischen Mariendistel [Silybum marianum], Silberdistel [Carlina acaulis] und Kugeldistel [Echinops]), die ansonsten überhaupt nur in den Anden anzutreffen war. Da entfalteten schier dämonisch wirkende Korbblütler ihre Kelche, spreizten gelbe, rote, orangefarbene, violette und weiß-blaue Orchideen ihre Blütenvielfalt in die Lüfte und züngelten sogar ein paar durchaus appetitlich anzusehende Exemplare von Fleischfressern vor sich hin … Zwei invasive Birkenarten und ein ebenfalls immigrierter, jedoch in der Zwischenzeit längst steinalter Ahorn stellten die Forscher zudem vor die schwierigen Fragen des Warum und vor allem: des Woher?

An Boden-Spekulation und andere Mauscheleien war – und das zu erfahren, bedeutete für die Rechtschaffenen unter den Bürgern, die solches und ähnlich dunkles Tun vorsichtshalber schon wieder einmal befürchtet hatten, immerhin eine Erleichterung -, an Boden-Spekulation und andere Mauscheleien war also a priori nicht zu denken; und den Wald zu roden wäre ohnedies politischem Harakiri gleichgekommen. Das sorgte zwar kurz für ein paar Sorgenfalten bei Bürgermeister und Stadtsenat (sowie bei ein paar stets im Hintergrund lauernden Lobbyisten und potenziellen Investoren und anderen Dunkelmännern).

Doch dann freute man sich höhererseits, erst gar nicht Gefahr laufen zu müssen, schon wieder irgendwelcher krummer Geschäfte wegen verdächtigt werden zu können. Denn allein, die eher düsteren und früher deshalb wohl auch weitestgehend gemiedenen wild-romantischen Gefilde hier zum neuen Naturschutzgebiet zu erklären, also das verfügte über wesentlich mehr Charme ; außerdem strahlte es erheblich mehr Wahl-Werbewirksamkeit aus!

Mit einem Wort: Es war gut so.

Beim „Lederhaas“

Beim „Lederhaas“ ging es kaum jemals besonders vornehm zu. Das war wohl schon immer so gewesen, und daran würde sich auch in Zukunft nie etwas entscheidend ändern. Nein. Nein, der „Lederhaas“ galt Verwöhnten und in der Gastronomie immerhin einen gewissen Komfort Suchenden in der Tat als kein lohnender Ort der Einkehr – weder, was die eher scheußliche Innenarchitektur des inferioren Lokals betraf, noch in Bezug auf Küche und Keller.

Dies sei gleichsam zur Warnung vorausgeschickt.

Zudem firmierte das „Gasthaus Lederhaas“ weder als renommiertes Haubenlokal, noch war es ein ausgesuchter Promi-Treff. im Gegenteil. Wer oder was sich beim „Lederhaas“ traf, gehörte eher schon zur Schicht der wenig bis gar nicht Bemittelten und zählte sich eindeutig den Unbetuchten zu. Von anderen, von sogenannten Besitzenden, wären die Exemplare der menschlichen Spezies, die man hier, beim „Lederhaas“, meist antraf, vermutlich größtenteils als Ausschussware oder gar als menschlicher Sondermüll angesehen worden. Doch, doch. Vorausgesetzt, die Besitzenden hätten überhaupt Lust empfunden, zum „Lederhaas“ hineinzuschauen – etwa wie in ein leicht obszönes Kuriositäten-Kabinett, in eine Hominiden-Menagerie oder in einen Zoo für gleichsam Urzeitliches.

Die Stammgäste waren zum Gutteil langzeitarbeitslose Frauen und Männer sowie andere arme Teufel beider Geschlechter und aus allen Altersgruppen, die sich mit prekären Arbeitsverhältnissen, miesest entlohnten Praktika oder enervierenden Teilzeitjobs recht und schlecht über Wasser zu halten versuchten. Dazu kamen noch ein paar merkbar ausgemusterte Sozialhilfeempfänger, eine Handvoll Pensionistinnen oder Klein- wie Mindestrentner und ein paar ausgesprochene Alkoholiker, allesamt im fortgeschrittenen Stadium, die der alte Ludwig Lederhaas aus Gutmütigkeit nicht selten sogar über ihren zu erwartenden baldigen finalen Abgang hinaus anschreiben ließ.

Freilich gab es – vom Standpunkt des anthropologisch interessierten Beobachters aus betrachtet – auch ein paar durchaus exquisite Exemplare. Etwa den Prof. Antoine, einen im Dauersuff befindlichen, angeblich dereinst gewesenen Gymnasiallehrer für Englisch und Französisch, der glaubte, hinter das Geheimnis von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ gekommen zu sein – allerdings nur und ausschließlich in der englischen Fassung. Leider hielt er sich bisweilen selbst für das von ihm überaus verehrte bilinguale Dramatiker-Genie … Allein dieser seltsame Umstand und seine, zugegeben, etwas zweifelhaften Einsichten in das Phänomen des Absurden Theaters schienen seinen bereits erreichten Status des Alkoholismus klarzumachen: Der gute Mann stand längst kurz vor dem Delirium tremens.

Just für den Beobachter des weniger gepflegten, des eher schon ungeschönten, weitgehend ehrlich Menschlichen, des sozusagen Sub-Sozialen, tut sich hier ein wahrer Born auf; einem Reservat nicht unähnlich oder einem Naturschutzgelände – allerdings eher ohne Schutzfunktion. Denn im „Lederhaas“ herrscht naturgemäß das Gesetz der freien Wildbahn.

Für den interessierten Betrachter menschlicher Interaktion auf erdigem Niveau ist es daher im „Lederhaas“ gut sein. Und hier, im höllischen Qualm, den die letzten Freiraucher, ihre ohnedies schon angegriffenen Lungen gleichsam in Permanenz dem griffigen Ambiente des Wirtshauses zuliebe verleugnend, und in einem nicht minder merkbaren, aber ohne Zweifel gemütlichen Fusel-Duft, hier kann sich der Autor folglich auch der Haupthandlung dieser Geschichte entgegen-mäandrieren.

Als dann: Auch eine alte Frau namens Anna Pachernegg traf man bisweilen im Gasthaus „Lederhaas“ an. Dann aß besagte Frau Pachernegg meist ein kleines Gulasch, nach Art des Hauses und im Gedenken an des Wirtes längst schon verstorbene Mutter vom alten Lederhaas persönlich zubereitet, und eine sogenannte Kaisersemmel, wozu sie ein Viertel vom Blaufränkischen aus dem Burgenland zu trinken pflegte. Fast immer leistete ihr ein kleiner Bub, der Florian hieß (der Nachname tut nichts zur Sache), mit seinem gleich zotteligen wie anhänglichen, schon in die Jahre gekommenen Mischlingshund, der seltsamerweise auf Zerberus! hörte, dabei Gesellschaft. Florian, von seiner – es sei hier bloß angedeutet: unglücklichen – Mutter benannt nach dem heiligen Feuerlöscher (und, wie der spitzfindige Volksmund es ausdrückt, dem Verschoner des eigenen und Anzünder des jemand anderem gehörenden Hauses), Florian war im Grund genommen ein guter Bub. Dafür, dass er immer wieder mit seinem gleichaltrigen, indes ziemlich liederlichen Cousin Eberhard verwechselt wurde, konnte er schließlich nichts. Solche Fälle von irritierendem Doppelgängertum sind, wie man weiß, gar nicht so selten anzutreffen in unseren romantischen Breiten.

Die alte Frau Anna Pachernegg lud Florian in aller Regel auf ein Wiener Schnitzel mit Erdäpfeln und gemischtem Salat (oder, alternierend: auf Pasta asciutta oder Cordon bleue) sowie auf eine Cola oder ein Kracherl ein. Und Zerberus bekam vom alten Lederhaas persönlich seine spezielle Schüssel mit frischem Wasser; und meist auch ein paar der von diesem braven Tier so sehr geschätzten Hundekekse. Und Anna Pachernegg, die alte Frau Anna Pachernegg, sah mit gütigem Blick auf Florian und Zerberus und auf ihr Achtelglas.

Da, in solchen Momenten also, war sie durchaus zufrieden mit sich und mit ihrem Leben.

Da war sie im Einklang mit allem.

Anna Pachernegg. Wer war sie?

Jedenfalls war sie nicht immer schon die alte Frau Anna Pachernegg gewesen. Wie denn wohl auch?! Und: Natürlich gab es vor vielen Jahren, vor vielen Jahrzehnten, vor sehr vielen Jahrzehnten einmal auch ein Kind namens Anna Pachernegg. Und diese kleine Anna spielte vermutlich gern – egal, ob im Wald, auf der Wiese oder auf einem Sandstrand.

Genau, daher auch die Sache mit den Sandburgen.

Doch so etwas vergeht. Nur der Sand bleibt.

Vielleicht wurde sie, die Frau Anna Pachernegg, die damals noch Regelforst geheißen hat, später dann eine berühmte Ballerina, eine Prima Ballerina, ja: die Prima Ballerina?! – Nein, doch eher nicht. Ihr fehlte es nämlich an Rhythmusgefühl fürs Tanzen. Auch fürs Ballett.

Nein. Wurde Anna nicht Biologin und Zoologin? Genauer: Affenforscherin auf Borneo? Oder Sri Lanka? Oder sonst wo …?!

Nein, auch das nicht.

Sie wurde Schachmeisterin im Mittelgewicht? – Ah, auch nicht.

Oder: Aus ihr wurde später eine aparte Sekretärin? Vielleicht auch eine weniger aparte Sekretärin …? Oder sogar eine sehr aparte Chefsekretärin und bald schon die überaus aparte Zweitfrau des alternden Chefs? (Von irgendwo muss ja der Name Pachernegg kommen …)

Oder sie avancierte zur frustrierten Kassiererin bei Billa oder Spar? Lidl? Oder sonst wo …?!

Vielleicht war Frau Anna Pachernegg (oder Regelforst) auch im schulpsychologischen Dienst tätig?

Oder bei der Meteorologischen Anstalt?

In der Rauschgiftprävention?

Kinderärztin?

Logopädin?

Sennerin beim Stadttheater?

Irgendwann jedenfalls landete die Frau Pachernegg, zu dieser Zeit wohl schon: die alte Frau Anna Pachernegg, dann im Gasthaus „Lederhaas“. Denn irgendwann landet so gut wie jeder im Gasthaus „Lederhaas“. Jeder zumindest, den es im Leben irgendwie erwischt hat. (Und davon, dass es die alte Frau Anna Pachernegg im Leben irgendwann erwischt hat, müssen wir nolens, volens ausgehen.)

Und da gab es dann auch bald schon das recht wohlschmeckende Nostalgie-Gulasch mit der Rundsemmel und das Achterl Blaufränkischen aus dem Burgenland für die alte Frau Pachernegg; dann natürlich auch den Buben Florian, samt seinem treuen Hund Zerberus.

Das alles also.

Anna Pachernegg. War sie am Ende die Tochter des riesenhaften Sandburg-Architekten Joachim Regelforst, dem die Stadt die rätselhaften Ruinen verdankte? – Nein, sie war doch eher zierlich. Aber – – –

Oder war die ganze Sandburgen-Architektur bloß ihr Traum gewesen – von klein auf? Waren diese ruinösen Gebilde zu Sand gewordene Kleinmädchen-Träume? Vorspiegelungen der Seele? Nächtliches Verdauen all des tagsüber im schieren Übermaß Aufgenommenen? (Zwar nicht für die Zukunft [quasi prophetisch] tauglich, doch immerhin wesentlich für die Verarbeitung der Vergangenheit, wie es schon Sigmund Freud so richtig ausführt.)

Ja …, vielleicht – wirkt der Traum der alten (ehedem einmal jungen) Frau Anna Pachernegg immer noch nach? Vielleicht lebt er weiter, der Sandburgen-Traum?

Und wo, so fragen wir, sind ihre, also der Frau Pachernegg, einst so furchterregend riesengroßen Spielkameradinnen und -kameraden aus der Sandburg-Zeit? Oder sind die – zumindest der Anna Pachernegg – ohnedies nie furchterregend riesengroß erschienen, weil sie ja selber furchterregend riesengroß gewesen ist, dereinst?! Damals – als alles noch so leicht war und flockig …, flaumig und ein wenig überzogen mit Kindheitszuckerguss …?

Damals, als es die Ängste längst noch nicht gab. Ja, als eine Zeit herrschte, eine Zeit ohne diese unbändige Furcht.

Ohne Angst vor dem Morgen, immerhin.

Aber auch vor dem Heute und vor dem Gestern.

Keine Angst.

Vor nichts Angst und vor niemandem!

Ja, doch. Sandburgen im Wald zu bauen, das war ihre Passion gewesen. Von klein auf. Umgeben von allen diesen tiefen Eindrücken, die hier auf alle Sinne wirkten: Des Greifens und Begreifens, des Sehens und Hörens (um jeden Geräusches teilhaftig zu werden im Spiel, mit Leichtigkeit …), des Riechens … O all die olfaktorischen Überraschungen, die es da gab! Und natürlich, besonders schön, des Schmeckens, wenn sie, sie und die anderen Kinder, hin und wieder sogar von den frisch gebackenen Sandkeksen kosteten (die schmeckten allerdings nicht besonders gut …), vor allem aber, wenn sie alle gemeinsam von den verschiedenen Beeren und Früchten kosteten …, auch von dem einen, dem besonderen Baum (der angeblich groß machte, wenn man von seinen Nüssen aß!) … Es war einfach – riesig gewesen. Und sie waren – Riesenkinder

Ja: Darin bestand Annas und ihrer Freunde Freude.

Mutter und Vater (Mütter und Väter, auch Omas und Opas) sahen, wenn sie Zeit hatten, mit Vorliebe den Kindern beim Wachsen zu. Wenn sie Zeit hatten, wie gesagt; und sie nahmen sich gern die Zeit. (Sogar der Riesenarchitekt und Grundstückseigner Joachim Regelforst, der vielbeschäftigte Mann.)

Und die Riesenkinder, die sie, Anna Regelforst, spätere Pachernegg, und ihre Freundinnen und Freunde, bald darauf schon waren, hatten die meiste Zeit rote Backen vor Aufregung und rote Ohren.

Voll konzentriert waren sie: aufs Wachsen, aufs Riesig-Werden …

Ja, doch. Sandburgen zu bauen im Wald, das war ihre Passion gewesen.

Und der riesenhafte Vater, der große Sandarchitekt Regelforst, dem zudem das waldige Areal (20 Quadratkilometer!) mit all den seltsamen Tieren und Pflanzen und Gerüchen gehörte, mit dem eigenartigen Himmel und der so ganz speziellen Luft, mit dem Sand und dem Ziegelstaub, die tatsächlich nach Sand und Ziegelstaub rochen …, der Vater sah ihr, der kleinen großen Anna, gern beim Spielen zu und beim Sehen und beim Hören, beim Riechen und Schmecken und Greifen … Der Vater, der Grundherr, Bauherr und Architekt in einem – und Parfumeur des Lebens.

Nun, sie ist längst tot, die alte Frau Anna Pachernegg (geborene Regelfrost).

Und der große Grund mitsamt den Sandburgen-Ruinen, dem kleinen Urwald und seinen Geheimnissen – samt blaubrüstigem Inselsegler, gelbgegürteltem Wiesel, den speziellen Lurchen und grün-schillernden Libellen sowie den bizarren Lippenblütlern und dem speziellen Klee – ist, wie testamentarisch und unter Mithilfe des Notars Dr. Bruno Silberschlaf festgelegt, auf Florian (sein Nachname tut weiterhin nichts zur Sache) beziehungsweise bis zu seiner Volljährigkeit auf dessen gesetzlichen Vormund übergegangen. (Der Vormund, der war, richtig, Dr. Silberschlaf.)

Die Erscheinung

Florian (der hier auch weiterhin ohne Nachnamen bleiben soll!) also hatte von der alten Frau Anna Pachernegg den Wald mit den Riesensandburgen geerbt. Und er wuchs heran – Florian, nicht der Wald. (Oder? – Doch! Natürlich der Wald auch.)

Und da –

  • begab es sich,

dass nämlich

das mit seinen über 2000 Hektar durchaus beachtliche Waldareal, das von den Bewohnern der Stadt (wie schon ausgeführt) bisher seltsamerweise weitgehend gemieden sowie nur mit gemischten Gefühlen und ausgesprochen ungern durchquert worden war, gleichsam mit einem Schlag lokale, ja: sogar regionale Berühmtheit erlangte. Als Ort nämlich, an dem eine echte Erscheinung stattgefunden hatte!

Und das gleich mehrmals.

Damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen können: Es war keine Marien-Erscheinung gewesen, die da vor sich gegangen war und stattgefunden hatte. (Nicht einmal eine manipulierte …) Nein, vielmehr hatte sich, sozusagen: aus heiterem Himmel (!), der Geist der verstorbenen alten Frau Anna Pachernegg – oder etwas Ähnliches (vielleicht indes auch etwas vollkommen Anderes …) – gezeigt. Manifestiert. Unaufdringlich, wie es schien, doch bestimmt und in sich ruhend. (Wie von sich selbst überzeugt; doch das haben angeblich Erscheinungen ja so an sich, das kennzeichnet sie gleichsam und macht sie aus.)

Weiter: Und dieses Wesen offenbarte der Stadt, dem Land und dem Bund, auch der Europäischen Union sowie dem gesamten Erdkreis, allerdings ausdrücklich ohne jeglichen urbi et orbi erteilten Segen, in der Folge dann, was zu tun sei, um den bevorstehenden Untergang der Welt, des Alls, des Universums (oder aller Universen) doch noch abzuwenden.

Ja, das war sozusagen das Wesentliche an diesem Wesen.

Es waren in schlichte Worte gekleidete Ermahnungen und relativ simple Tipps, die von der Erscheinung ausgegeben wurden. (Wenn man überhaupt von Worten sprechen konnte, denn in gewisser Weise redete die Erscheinung [oder redeten die Erscheinungen] weniger selbst, als dass sie vielmehr die als Beobachter Teilnehmenden beziehungsweise die anwesenden spiritistischen Medien [ähnlich wie bei einem groß angelegten Channeling] sprechen ließen; was dann meist eher mehrdeutig auszufallen pflegte in alter Pythia-Manier.)

Vergleichen könnte man die Hinweise der Erscheinung, besonders, was ihre Brauchbarkeit und Anwendbarkeit in Hinblick auf den aus den Darlegungen zu filternden allgemeinen (wie besonderen) Nutzen betraf, vielleicht am ehesten mit den Artikeln und Beiträgen, wie man sie von alten Almanachen des Bürgertums oder von den nützlichen Bauernkalendern unserer ländlichen Vorfahren her kennt. Auch bei denen überwog bekanntlich eindeutig das Praktische und eher Leicht-Verständliche gegenüber dem Streng-Philosophischen oder gar Ideologischen. Ja, da war manches deshalb auch schon in die Form des simplen Sinnspruchs oder der unschwer aufzufassenden Sentenz verpackt und entsprechend dem Zweck eher holzschnittartig formuliert, zumindest ohne viel skriptoralen Aufwand.

Über die Art und Weise der Erscheinungen selbst gab es übrigens sehr unterschiedliche Berichte; wie sie vermutlich auch tatsächlich von verschiedenen Beobachtern und Zeugen unterschiedlich wahrgenommen wurden. Auch, wie sehr jemand bereit war, an das zu glauben, was es da angeblich zu sehen und zu hören, zu riechen oder zu schmecken oder gar zu berühren gab, beeinflusste stark die Wahrnehmung (oder eben die Nichtwahrnehmung).

Einige, die von dem berichteten, was sich da gerade eben vor ihnen (und wohl auch mit ihnen) abgespielt hatte, waren noch Stunden und sogar Tage nachher beinahe aus dem Häuschen. Und besonders Enthusiasmierte sprachen begeistert von einem überirdisch blauen Licht, das sie, sogleich nach seinem Auftauchen, schier unwiderstehlich in seinen Bann gezogen habe.

Andere wiederum meinten, einen veritablen Strahlenkranz wahrgenommen zu haben; einen Strahlenkranz, in dessen Zentrum sich eine eher nebulöse Gestalt unklarer Deszendenz und variablen Ausmaßes befunden hätte.

Eine dritte Gruppe wiederum berichtete über Ereignisse, die in erster Linie akustisch zu erfahren und zu erleben gewesen seien. Und eine vierte versteifte sich sogar darauf, etwas überaus Intensives gerochen zu haben; und das die ganze Zeit über, solange das Phänomen (denn um ein solches musste es sich zwangsläufig doch wohl handeln) anhielt.

Auch von etwas Festem, Stofflichen war lang und breit die Rede. Von etwas Metallischem vielleicht sogar; oder von etwas in Holz Gehaltenem? – Nein, aus Elfenbein war es, wie der Glanz doch wohl eindeutig bewiesen habe! – Aber was! Aus Alabaster war das Ding! – Nein, nein! Es war mit Sicherheit aus Horn! – Aber, gewiss doch aus – – –

Nein, widersprachen andere sogleich, wenn überhaupt (!), dann sei da etwas Feinstoffliches gewesen. Etwas Feinstoffliches, ganz bestimmt!

Wieder andere meinten, vielleicht habe es sich um einen Mantel oder eine Stola, gehandelt? Eventuell auch um einen Umhang. Und von einer Art Kutte, von einem Ornat, wussten wiederum die Mitglieder der nächste Gruppe voller beinahe religiöser Ergriffenheit zu erzählen. Ja, ihnen sei das, was da – unter Umständen – gewesen sei, wie etwas Filziges, auch Pelziges, nein, eher schon etwas Felliges oder Häutiges vorgekommen!

Und – das sei jetzt besonders auffallend gewesen! – gesprochen habe es.

Nein, geraunt, sagten andere. Genuschelt. Gesungen.

Ja, eine Art einstimmiger Chor sei es gewesen, brachte es ein alter Musiklehrer dann auf den Punkt. Auf den Kontrapunkt, sozusagen. „Unisono. Und in G-Dur.“

Gab es eine Botschaft? Ja, habe die Erscheinung eine spezielle Mitteilung abgesondert? Eine Forderung gestellt, vielleicht: ein Ultimatum?

Nun, auch da gingen die Meinungen der Augen-, Ohren- und Nasenzeugen ziemlich stark auseinander. So viel schien jedoch festzustehen: Es sei da zumindest etwas gefordert (oder immerhin angeregt) worden, nämlich von Caritas sei die Rede gewesen (wenn es denn eine Rede gegeben habe), von einer Caritas nämlich, die unbedingt erheblich zunehmen müsse! Und um ein notwendiges Mehr an Empathie und auch an Toleranz habe es sich gedreht. Andernfalls wäre es um die Welt geschehen.

Dann wäre es das also gewesen …

Gut. Da war etwas gewesen: eine weiße (oder blaue, rötliche, orangefarbene, goldene …) Gestalt oder eine Erscheinung eben (einigen wir uns darauf, bitte! [Vielleicht sogar die alte Frau Pachernegg?! Wenn man sich nur daran erinnern könnte, wie die ausgesehen hatte bei Lebzeiten …]). Oder aber: ein Engel …?! Ein – Wesen?!

Nein, nein, nein! Leute! Einer der apokalyptischen Reiter war es, nur halt ohne Pferd …?!“ So begehrte einer der von der Erscheinung Heimgesuchten in einer der Diskussionen erregt auf. Und Diskussionen gab es eine Zeit lang andauernd welche.

Und, wie man sich leicht denken kann, sehr zur Besorgnis des Herrn Bürgermeisters und seiner Entourage. (Sodass man schon daran dachte, etwa das Versammlungsrecht neu zu interpretieren oder entsprechende Vorsichtsmaßnahmen ähnlicher Art zu treffen. Zumindest die Rathauswache wurde mit Gummiknüppeln ausgerüstet und verstärkt.

[Freilich: Alles das hatte äußerst diskret und unter weitestgehender Wahrung der demokratischen Grundrechte et cetera zu geschehen …)

Ja, irgendetwas musste da in der Tat gewesen sein. Allemal.

Aber was? Eine Reinkarnation? Eine Wieder-zu-Fleisch-Werdung? Eine Auferstehung (oder gar eine Himmelfahrt)?

Oder doch eher bloß eine Stimme, wie der alte Musiklehrer, der übrigens Moritz Odysseus Brehm hieß, gemutmaßt hatte; wenn auch Stimmlage, Timbre und Intonation im Ungewissen bleiben mussten. G-Dur, immerhin, das wusste man jetzt. (Aber: Hatte das nach Tenor geklungen? nach Bariton? oder Bass? Vielleicht nach Sopran? oder gar nach Mezzo? War es ein Alt gewesen? Digital verzerrt? Ja, hatte es überhaupt nach etwas geklungen?!)

Doch – wie gesagt – auch bloß ein Licht wäre möglich gewesen, eine Flamme, ein Feuerschein, im Fall der Fälle sogar – eine Lichtlawine … – „Nein! Ich bleibe dabei: Es war ein Schatten!“ – „Bestimmt nicht: Es war ein Nebel! Ein Nebelstreif!“ – „Haha, warum nicht gleich der Erlkönig?!“ – „Nichts gegen den Goethe!“ – „Ach, Schubert, hör doch auf …!“

Dann eine völlig neue Facette in der ganzen (zugegeben: langsam aber sicher unter ziemlichem Niveauverlust leidenden) Diskussion: Bei der Erscheinung habe es sich eindeutig um Zerberus gehandelt, den nunmehr irgendwie verklärten, weil nämlich vor einiger Zeit schon verstorbenen, zotteligen, treuen Hund des Knaben Florian (dessen Nachnamen wir – et cetera …). Ganz sicher! Von der Erscheinung sei daher auch mit Sicherheit zu sagen, sie habe leise gebellt (so, wie man sich eben denken könne, dass tote Hunde bellten).

Nein, fast schon wieder irgendwie freundlich geknurrt habe Zerberus, meinte wer anderer, dem eben Gesagten teils zustimmend, teils widersprechend; und ebenso freundlich die Zähne gefletscht habe er, der vormals so treue Begleiter …

Doch just dieser ausgefallenen Interpretation der Erscheinung wollte man allgemein eher schon gar nicht Glauben schenken, traute man doch denen nicht über den Weg, die sie vortrugen. Nein, auf die Aussage solcher Menschen konnte man sich einfach nicht verlassen, handelte es sich bei ihnen ja um ehemalige Gefährten der alten Frau Anna Pachernegg (und des Buben Florian) aus dem, zugegeben: wenig gut beleumundeten Gasthaus „Lederhaas“. Und schließlich gäbe es immerhin noch Grenzen. Besonders solche, die irgendwelchen Erscheinungen gegenüber gezogen werden mussten. Und das sogar dann, wenn die sich in der Mitte eines dunklen Legendenwaldes ereigneten, die Erscheinungen …

Ja, doch! Irgendetwas war da mit Sicherheit vor sich gegangen! Irgendetwas hatte geblinkt, geleuchtet oder gewabbert! Hatte gezirpt, gesummt, gesirrt oder auch geröhrt! Hatte sich süß angehört und glockenhaft oder vibrierend, solcherart erinnernd an Vibraphon- oder Marimba-Klänge; anderseits musste es dunkel-dröhnend getönt gewesen sein, ganz so wie übervoller Orgelklang! Ja, doch! Irgendetwas hatte auch gefurzt, geduftet oder gestunken, je nachdem! War süß, salzig, bitter oder pikant gewesen (süß-sauer?) … Ja, verdammt: Irgendetwas gab es da, irgendetwas musste es einfach geben!

Oder?!

Eines war freilich sicher: das Unbehagen.

Und das blieb, wie man das von ähnlichen Ereignissen her ohnehin schon zur Genüge kennt.

Das Unbehagen breitete sich aus, überdeckte eine Zeit lang sogar die Furcht vor der Wirtschaftskrise und die Scheu vor den vielen Asylsuchenden aus Afrika (oder sonst woher). Dieses Unbehagen ließ kurzfristig sogar die immer stärker werdende Verärgerung über die Innen-, die Außen- und die Welt-Politik sowie über das Wetter mit seinen Kapriolen vergessen. Schon längst an der Schwelle zur Hysterie, nahmen die Menschen ganz im Gegenteil die gewohnten Unbilden gewissermaßen fast als Erleichterungen wahr und auf.

Außerdem machte sich allmählich die Überzeugung breit, wie sie einer der ehrenwerten Wutbürger pointiert ausdrückte: „Da war uns doch, bitte sehr, der leicht verdächtige Wald vorher wesentlich lieber! Samt den bösen Riesen mit ihren überdimensioniert riesigen Kindern, die dereinst da gehaust und ununterbrochen ihre riesigen blöden Sandburgen gebaut haben mochten …, ohne Keller, Stromleitung und Installation …“

Und was, bitte, soll dieser pseudo-religiöse Schmus überhaupt?“, fragten, schon ein wenig genervt, die vergleichsweise liberaler Eingestellten unter den Bürgern. „Von wegen Ermahnungen zu mehr Caritas, Empathie und Toleranz?!“ – „Wer hat denn, bitte, das Recht (und von wem ist es ihm übertragen worden, woher ist es über ihn kommen und von ihm übernommen worden), uns etwas diesbezügliches vorzuschreiben?!“,warfen andere ein. – „Wer darf sich in unsere seelische, in unsere mentale Befindlichkeit einmischen, ungefragt (und ohne jegliche Legitimation)?!“ So grübelte eine dritte Gruppe.

Und einer spuckte verächtlich aus. (Er war aus der „Lederhaas“-Runde gekommen.)

Der allgemeine Tenor lautete: „Ja, wo sind wir denn?!“

Ein eher trauriger Nebeneffekt bestand darin, dass sich ab nun so gut wie niemand mehr so recht erfreuen wollte an diesem neuen Naherholungsgebiet. Und das, obwohl es beinahe alle zwischendurch doch so gern frequentiert hatten; mit Stolz im zwischendurch sogar gemeinschaftlich pochenden Herzen. „Geh’n wir Sandburgen schauen!“, so hatte es geheißen. – Ja! Geh’n wir! Kommt!“ – „Au, fein! Auf zu den Riesensandburgen!“ – Und: „Wow, sind die riesig, diese Haufen …!“

Doch jetzt? Jetzt machte man lieber einen möglichst großen Bogen um das Areal. Nein, das brauchte man hier nicht.

Caritas, Empathie, Toleranz

Als sich die Ermahnungen der Frau Pachernegg (wenn es denn wirklich ihre waren; vielleicht waren es ja wrklich die des toten Zerberus? – Egal!), als sich die Ermahungen touristisch also eher als hemmend auszuwirken begannen, wurde die Erscheinung – bitte, fragen Sie nicht: wie? – aus dem Sandburgen-Wald-Programm gestrichen.

Die Bezeichnung Pachernegg-Wald blieb dem Gestrüpp freilich noch eine Zeit lang erhalten. So viel Pietät musste wohl oder übel sein. (Freilich, vom Werbe-Technischen her würde mit dem Terminus [und mit dem durch ihn beförderten Begriff bei einem etwaigen Benchmarking] mit Sicherheit nicht viel zu holen sein …)

Was also blieb, war der halbwegs struppige Urwald.

Und: Die Stadt war wieder um eine Attraktion reicher, die ihrer Mittelmäßigkeit entsprach. Ohne Erscheinung, egal ob visuell, hörbar, olfaktorisch bemerkbar, haptisch wahrnehmbar oder mit Vanille-Geschmack. Immerhin mit halbzerstörten Riesen-Sandburgen, mit Gelbgürtel-Wiesel und grün schillernder Libelle, mit Wegwespe, Otter und Co., mit ausgefallenen Kreuz- und Lippenblütlern et cetera.

Man ging, auch in Kreisen des Tourismus, zur Tagesordnung über. Die neuen schönen bunten Prospekte verhießen Erholung pur in unberührter Natur. Gesichertes Wissen gab es über die Wesen, die hier womöglich dereinst gehaust hatten, nach wie vor nicht. Und so wurden den Riesenkindern und ihren Sandburgen lediglich ein paar Zeilen gewidmet, marginale Fußnoten, sozusagen.

Vergleichsweise mehr gaben da noch der blaubrüstige Pseudo-Turmfalke und das gelbgürtelige Wiesel her; aber auch der spezielle Weberknecht und die grün-schillernde Libelle waren nicht ohne …

So wie das Pachernegg-Wäldchen mit seinen versteckten Sehenswürdigkeiten, den märchenhaften Sandburgen und ihrem legendenumwobenen Drumherum, vor allem jedoch mit all den herrlichen geschützten Pflanzen und Tieren, für die in der Folge durchaus instruktive Lehrpfade eingerichtet wurden mit übersichtlichen Schautafeln und entsprechender pädagogisch-didaktischer Begleitmusik, binnen kurzer Zeit zur überaus gern besuchten Attraktion geworden war, erlangte es nun seinen touristischen Wert langsam zurück. Ja, nun wurde es auch für die kommenden Zeiten – natürlich: ohne störende Erscheinungen und Verkündigungen! – ein Must für jeden Besucher der Stadt; und für die Bewohner ohnedies.

Nach Jahren, der kleine Florian (wir weigern uns weiterhin standhaft, seinen Schreibnamen zu verraten!), Florian also aus der „Lederhaas“-Zeit, war längst schon erwachsen und selbst zum Bürgermeister der besagten Kommune gewählt geworden (wobei der inzwischen schon greise Dr. Bruno Silberschlaf als Berater in Wahrheit die Fäden im Hintergrund gezogen hatte), wurde das Areal – und das schien nur recht und billig – nach dem aktuellen Besitzer (ein wenig verschlüsselt, zugegeben) in Floriani-Grund umbenannt. Immerhin hatte das Areal der junge Besitzer der Stadt offiziell gestiftet.

Später dann freilich, als der Bürgermeister (gemeinsam mit Dr. Silberschlaf) irgendwelcher dubioser Machenschaften überführt, in einer Nacht- und Nebelaktion nach Australien oder wo anders hin (?) ausgewandert war, schlug sein rasch gekürter Nachfolger abermals eine Umbenennung des Gebietes vor; und siehe da, man einigte sich, Parteien übergreifend und durchaus konsensual, erstaunlich rasch und erfolgreich um einen hübschen Kompromiss bemüht, auf die Bezeichnung Zauberwald. Das klang unverfänglich.

Und etwas Zauberisches hatte dieses Stück Urwald ohne Zweifel an sich.

Nur: Die – zugegeben, von Anfang an von den meisten Gelehrten der verschiedenen Sachgebiete belächelte – These von den Riesenkindern, die dereinst hier ihre Sandburgen gebaut hätten (da alles noch vom Urmeer umflossen und umtost gewesen sein musste), sie hatte klarerweise den wissenschaftlichen Prüfungen nicht standhalten können. Ähnlich wie auch die zwischenzeitlichen angeblichen Erscheinungen der alten Frau Anna Pachernegg (oder des Hundes Zerberus) bald schon ins Reich des Märchens verwiesen wurden.

Nein, das alles war außerdem nicht so recht Tourismus-kompatibel.

Eingang in die Legenden fanden die alte Frau Anna Pachernegg, aber auch der Knabe und spätere Bürgermeister mit Vornamen Florian, dann natürlich die recht obskuren Erscheinungen und vor allem die Sandkuchen-Burgen der ominösen Riesenkinder (von findigen Werbefachleuten sogleich als Sandburger zur nunmehr durchaus tauglichen Marke gemacht) freilich nichts desto trotz.

Nun, den Libellen, dem Wiesel und den Spinnen, auch den Fröschen, Schlangen und Weberknechten, den Schachtelhalmen et cetera war das ohnedies egal.

Sie trieben aus, blühten und spendeten ihre Früchte.

Und sie kopulierten, nisteten, warfen, laichten, sie flogen, hüpften, schlichen, glitten, schwirrten und krabbelten, dass es eine Freude war.

E N D E

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