D a s

Malheur

oder

Wenn der Mehlwurm geigt

und der Mehrwert steigt

Eine absonderliche Begebenheit,

aufgezeichnet von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2016.)

 

 

 

 

 

(…)

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

(…)

Christian Morgenstern, Der Lattenzaun

*

Kurios

das, dachte er. Kurios. Gut, ein Haus ohne Dach – so etwas soll es schon mal geben. Zum Beispiel in Havanna, wo die beiden, alle Jahre mit größter Sicherheit wiederkommenden gewaltigen Stürme (Hurrikane, verbunden mit verheerenden Regenfällen) die alten, nicht selten ohnedies schon ziemlich baufälligen Gebäude reihenweise abdecken, dass es tatsächlich keine Freude mehr ist …

Aber – ein Haus ohne Keller, Fundament und Parterre?! Ein Haus, dachte er, das mit dem ersten Stock beginnt?! So was hatte er noch nicht gesehen.

Kurios.

Nun ja, die Architektur.

Und Groll machte sich in ihm breit. Altbekannter Groll.

Ein schwebendes Haus. Oben gehalten von einem Geschwader riesiger Hubschrauber und mittels überaus dicker Stahltaue …, oder sonst irgendwie. Vielleicht auch durch Kräne? Denn das Haus war ja enorm hoch, und sein Ende, wenn es denn überhaupt über ein solches verfügte, blieb tagein, tagaus (und auch nachts, natürlich) in den Wolken verborgen. Oder zumindest – im Unklaren

Es war eine Art Turmbau zu Babylon, dachte er. Ja. Aber, wie gesagt, un-verankert, somit also nicht befestigt im Boden. Also doch wiederum auch kein Turmbau; zumindest keiner im herkömmlichen Sinn. (Als ob der biblische Turmbau zu Babel ein Turmbau im herkömmlichen Sinn gewesen wäre; diese hoffärtige Konstruktion der Arroganz; diese derartig aufwendige Blasphemie, die mit noch nie dagewesenen Mitteln gegen einen nichts desto trotz übermächtigen Gott anzukämpfen versuchte; diese architektonische Anmaßung!)

Ja, ja, ja – der Babylonische Turm.

Dass Jahwe mit der Verwirrung der Sprache die Erbauer des frevlerischen Machwerks bestraft (und die Vollendung des im Wortsinn Himmel-stürmenden Architektur-Ungetüms verhindert) habe, kann in der Genesis (1. Buch Moses, 11) nachgelesen werden: „Alle Welt hatte nur eine Sprache und dieselben Laute“, heißt es da. Und die ingeniösen Babylonier werden sogar zitiert: „,Auf! Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht!’“ Sie wollten also ein Bauungetüm! Und das missfiel Gott aus irgendwie verständlichen Herrschergründen; weshalb er beschloss: „,Wohlan, lasst uns hinabsteigen! Wir wollen dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Rede des anderen versteht!‘ Und der Herr zerstreute sie von da an über die ganze Erde hin; sie hörten mit dem Städtebau auf.“

Freilich, nicht für immer, wie wir wissen.

Hohe kirchenähnliche Bauwerke waren allerdings, schon zu biblischen Zeiten und auch später immer wieder, durchaus Usus. Und dass heute „der Tempelturm Etemenanki des Mardukheiligtums (Esaglia) von Babylon“ als „Urbild“ des Turmbaus zu Babel gilt, verrät ihm außerdem bereitwillig das Lexikon. Dass jedoch die Sprache der Architektur immer noch, bis in unsere Tage hinein, weitgehend unverstanden bleibt, hängt wohl in der Tat mit dem damaligen anmaßenden Geschehen rund um die so eklatant nach oben hin tendierende Stadtentwicklung in Mesopotamien zusammen.

Aber vielleicht waren auch damals schon die Grundstückpreise so horrend.

Hier nun aber – ein schwebendes Haus.

Frei (?) schwebend.

Gab es das denn überhaupt?! War so etwas möglich?! Ja: Durfte es so was geben?!

Das konnte denn doch bloß ein Traum sein!

Aber dieser Traum verfolgte ihn sein ganzes Leben hindurch.

Der Traum und der durch den Traum ausgelöste Groll allem gegenüber, was nur irgendwie (und sei es peripher) mit Architektur zu tun hatte.

Und sein Schicksal wollte es, dass just er immer stärker mit dem Bauwesen in Kontakt kommen sollte. Als wäre das Leben nicht schon so schwer genug.

Dabei war es weniger die Angst, sich gerade dann unter dem schwebendes Haus zu befinden, wenn es irgend einmal ‚runterdonnern würde (und es würde irgend einmal ‚runterdonnern, das war klar); nein, diese Angst plagte ihn nicht – oder bloß ein wenig. Es war vielmehr der ursprüngliche, irgendwie ewige Horror – sozusagen ein timor per saecula saeculorum – vor dem herabstürzenden, aus seinen (wie auch immer beschaffenen) Aufhängungen fallenden Gebäude. Denn wenn der kühne Bau, der da gut neun, zehn Meter vom Erdboden entfernt, in der Luft hing, ‚runterrasseln würde, löste das schon einen ziemlichen Krach aus! Lärm. Staub. Blut. Geröll. Gekreische. Schreie. Tränen. Abgetrennte Gliedmaßen. Ausgetretene Gehirne. Zerquetschte Eingeweide. Diverse Detonationen. Druckwellen. Zerberstende Fensterscheiben im Umkreis. Freiwerdende Chemikalien. Dämpfe. Chaos.

Gut, wer sich just unterhalb aufhielt, unter der schwebenden Masse, der war ohnedies verloren. Platt. Bestenfalls ein bizarres Abziehbild.

Er entsann sich (nicht im Traum selbst, sondern mitunter nach dem Erwachen) des blöden Witzes vom Elefanten und vom Krokodil. Da steigt also der Elefant dem Krokodil versehentlich auf das lange, mit scheußlichen, gefährlich aussehenden Zähnen bewehrte Maul, dass dem Süßwasser-Reptil nur so die Augen herausquellen vor Überraschung und Schmerz. „Da schaust du, wie?“, fragt der Elefant mit verbindlichem Lächeln.

Nun ja. Das Krokodil, ein aus der Ordnung der Panzerechsen stammendes, als Lederlieferant beinahe schon ausgerottetes Reptil, das man ein wenig sarkastisch wohl auch als Taschen- oder Schuhtier bezeichnen könnte, rekrutiert sich – wenn es nicht Ergebnis gezielter Züchtung ist – aus den Familien der Alligatoren, Gaviale sowie Echten Krokodile (Crocodylidae). Neben der Länge ist es die Form der Schnauze, durch die sich allein schon die elf Arten der Gattung Crocodylus von einander unterscheiden.

Den, der einem dieser Tiere zwischen die Zähne geraten ist, brauchen indes solche zoologische Feinheiten nicht mehr zu interessieren: Sein Los ist a priori besiegelt – es sei denn, er heißt „Crocolile Dundee“ (oder Paul Hogan) und agiert im gleichnamigen australischen Film (Regie: Peter Best) aus dem Jahr 1986.

Denn wer mit weniger Fortune und auch ansonsten eher unbedarft mit einem der schwergewichtigen Schuppentiere ringt, hat mit einem ähnlich letalen Kampfausgang zu rechnen wie der antike Priester Laókoon aus Troja, der gemeinsam mit seinen beiden Söhnen von zwei Schlangen im Auftrag der Griechen und ihrer Götter ermordet wurde. Davon zeugt bekanntlich die eindrucksvolle Marmorplastik der drei Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos (Mitte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts). Übrigens ist allein schon daraus ersichtlich, wie gefährlich das Ringen sein kann. Wovon wiederum der US-amerikanische Autor John Irving (Garp; Owen Meany; In einer Person et cetera) ein Lied zu singen weiß, das neben der eleganten Sportart auch meist strophenweise furzende Hunde, zottelige Bären und in Büscheln wachsende weibliche Achselhaare zum Inhalt hat.

Doch hat das, zugegeben, mit dem Haus ohne Fundamente, ohne Keller und ohne Parterre nur am Rand zu tun. Leider eigentlich.

 

Damit

wir indes auch den Mehlwurm und den Mehrwert kurz gestreift hätten, gleich hier, am Anfang also, eine diesbezügliche Erläuterung. Oder Fußnote. Oder Anmerkung. Heißt es doch so verheißungsvoll im Untertitel dieser Geschichte (der, genau genommen, ja ein oder-Titel ist):

Wenn der Mehlwurm geigt,

und der Mehrwert steigt …

Der Mehlwurm gehört in die Gattung der Schwarzkäfer und ist, streng genommen, die Larvenform dieses meist schwarzbraunen, 14 bis 23 Millimeter langen Vorratsschädlings in Getreideprodukten. Der Mehlkäfer kommt in drei heimischen Arten vor. Dass er – oder seine Larve – geige, mag als dichterische Freiheit durchgehen. Wie wir wissen, sind ja auch die Grillen (Grabheuschrecken, Grylloidea) nicht wirklich des Violinspiels mächtig. Oder doch nur in den seltensten Fällen. Viel mehr reiben die zur Fortpflanzung bereiten Grillenmännchen, um die Weibchen auf sich aufmerksam zu machen, eine gezähnelte Schrillleiste an der Unterseite des einen Flügels an eine glatte Schrillkante am Innenrand des anderen Flügels. Dieses (im Allgemeinen als angenehm empfundene) Zirpen also ist es, was die Grillendamen dem Liebeswerben der geilen Männchen gegenüber geneigt machen soll – und was die Poeten in romantische Stimmung versetzt, worauf hin sie des Heimchens in lyrischer Form gedenken und es in mehr oder minder gelungene Verse versetzen, gereimt oder ungereimt. Am Ende erinnern uns die geigenden Grillen dann an in Bernstein gegossene Schrammel-Quartette oder sonst irgendwie fossile Paganinis.

Mehr oder minder gelungen also.

Mehr oder minder – damit wären wir dann (und noch dazu recht elegant, wie uns scheint) auch schon beim Mehrwert gelandet.

Karl Marx formuliert in seiner „Arbeitswerttheorie“ politisch-ökonomisch den Mehrwert als Teil der Wertmenge, den ein Lohnarbeiter durch seine Tätigkeit produziert und der über den Ersatz des Wertes seiner Arbeitskraft und der eingesetzten Produktionsmittel hinausgeht. Somit als die für den Kapitalismus spezifische Form des Mehrprodukts.

Verkürzt gesagt, bedeutet das allerdings auch, dass Mehrwert entsteht, wenn der Arbeiter mehr leistet, als dann durch den Lohn entgolten wird.

Am bösen Ende der Ausbeutung ergibt sich dann: Je mehr (und länger) zum selben Lohn gearbeitet wird, umso größer ist der Gewinn des Unternehmers. Und umso stärker und rascher nimmt der Unwille der Ausgebeuteten zu. Ergo: Umso näher rückt der Termin der nächsten Arbeitsniederlegung, der nächsten Revolution und des nächsten Umsturzes. Denn die Laternenpfähle sind schon wieder viel zu leer und sehnen sich förmlich nach überheblichen Klassenfeinden, sturen Kapitalisten und sonstigen uneinsichtigen politischen Kontrahenten und Gegnern, die man an ihnen aufknüpfen könnte (und womöglich auch sollte) …

Da loben wir uns freilich das gemütvolle Geigen des Mehlwurms. Dem geht jedweder Mehrwert vermutlich am Arsch vorbei.

Gut so.

Indianer

waren in der Tat lange Zeit hindurch richtiggehend Seines. Kulinarisch nämlich.

In einer Zeit, in der man hier bei uns den Ausdruck political correctness noch nicht kannte (geschweige denn angewandt hätte), aß er leidenschaftlich gern „Indianer mit Schlag“. Aber auch „Mohr im Hemd“. Doch besonders die „Indianer mit Schlag“ hatten es ihm, dem kleinen pausbäckigen blondhaarigen Buben der aufkeimenden 1950er Jahre, schier angetan. Diese Indianer waren ein zweigeteiltes rundes Teiggebäck, zwei gebackene Schalen aus Mürbteig, in Schokolade getunkt und in erster Linie – süß. Ja, die so beliebten „Indianer mit Schlag“ waren sozusagen zuckersüß. (Und vermutlich überaus schädlich. Doch achtete man den Zucker damals noch hoch und machte ihn nicht für dies und das verantwortlich wie später dann, hatte die Menschheit doch lange genug darben müssen und hungern und vermeinte nun, sich das Leben zurecht ein wenig versüßen zu dürfen …)

Die „Indianer“ waren also süß. Obwohl ihr Schokoladenüberzug dunkel war. Süß wie, ja, wie eben nur „Indianer mit Schlag“ sein konnten; und den späteren Diabetes wohl wert. (Auch der Schlagobers, der sie umrahmte, war gesüßt. Patzig und süß. Wenn schon, denn schon.)

Gut, auch die gelben Creme-Schnitten waren süß oder die weißgefüllten Schaumrollen, dann natürlich die Dobosch- oder gar die Malakoff-Torte – all das war süßer noch als süß! Und auch der delikate Mokka von Meinl, den seine Eltern so gern tranken, war während des Ziehens mit einer Prise Zucker versetzt worden.

Nicht zuletzt die von Omi gebackenen Kokosbusserln und die weihnachtlichen Vanillekipferln, dann die dem Fasching geschuldeten Punschkrapferln, die geburtstäglichen Schokoladenkuchen und Sacher-Torten aus der dafür berühmten Konditorei in nächster Nachbarschaft und die schokoladenen Likörfläschchen der Wiener Firma Hofbauer, die er persönlich als Christbaumbehang favorisierte, sie alle waren picksüß.

Für ihn sollten die Fünfzigerjahre dieses kuriosen 20. Jahrhunderts stets verbunden bleiben mit Süßigkeiten. Und mit Pastellfarben. Weniger mit dem Nierentisch und mit dem Petticoat, eher, später dann, mit Elvis Presley, Rock ’n‘ Roll und erstem – immer noch ziemlich manierlichem – Aufbegehren gegen die elterliche Machtfülle (gegen das Establishment), gegen religiöse Unterdrückung und traditionelle interfamiliäre Dumpfheit …

Der Zucker war zumindest ein Katalysator der Fünfziger.

Diese 1950er Jahre hielten sich noch an den Nachkriegswahlspruch: Man kann nie wissen, wann es – wieder einmal – aus sein wird. (Nicht nur, wie im Wiener Lied, mit ana Musi und an Wein …) Also, lassen wir es uns heute noch gut gehen, so gut es eben geht …!

Immerhin waren just tausend Jahre wie im Flug vergangen, ein Weltkrieg hatte gewütet, die Judenverfolgung und das inhumane Naziregime waren kaum vorüber; und der sogenannte Kalte Krieg spaltete den Erdball strategisch in eine Ost- und eine Westhälfte, entsprechend den politischen Hemisphären Kommunismus und Kapitalismus. Und über allem hing drohend die Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung gigantischen Ausmaßes.

Man bedurfte des Zuckers.

Die frühen Exemplare des sogenannten Typus Manager erlagen der bis dato unbekannten Managerkrankheit, und vereinzelt gab es schon die ersten adipösen Vielfraße. So einer schob dann, meist nicht ohne Stolz, seinen gewaltigen Bauch, den man ein wenig neidvoll, doch stimmig bildhaft Backhendlfriedhof nannte, vor sich her und in Richtung Herzinfarkt.

Wenn es um eine adäquate farbliche Entsprechung dieser allgemein ziemlich ambivalenten Haltung ging, die da einigermaßen labil zwischen Genussfreude und Existenzangst schwankte, musste man gerade zu zwanghaft zum Couleur-Begriff Pastell greifen. Die ästhetisch ziemlich grenzwertigen Kaffee- oder Tee-Service der 1950er können daher als beredt-bildhaftes Beispiel für diese, insgesamt zwischen Traum und Albtraum hin- und hergerissene Ära gelten. Doch waren die weihnachtlichen Likörfläschchen in Staniolpapier (mit den verkleinerten Originaletiketten versehen – wie Alkoholproben für Liliputaner) und die üppigen Portionen „Indianer mit Schlag“ letztlich auch nicht besonders nachhaltig; auch wenn man diesen Ausdruck längst noch nicht verwendete. Ergo musste er sich neue Idole suchen. Manche andere Buben fanden die bei Karl May. Er tat sich da jedoch ein wenig schwer damit.

Winnetou

interessierte ihn nämlich nur ganz kurz. Dieser sonderbar abgehobene Naturbursch indianischer Abstammung mit den angeblich (glaubte man seinem Erfinder, Karl May) so wunderbaren schwarzen Haaren, der diverse Fährten und Spuren lesen konnte und noch über allerlei andere Fertigkeiten im Bereich der angeblich so hehren Jagdkünste verfügte, blieb ihm sonderbar fremd. Ja, gewiss, ein kühner Krieger (was sollte denn das wieder?!) und eleganter Reiter mochte der wohl gewesen sein; und vor allem so enorm edel. Doch was konnte er damit schon groß anfangen? Und dass sich Winnetou droben, auf dem Firmament, wie unten, in den Gefilden der Steppe, der Gräser und Farne, optimal zurecht fand, half ihm bei der Bewältigung seiner eigenen Orientierungsprobleme im Wortsinn keinen Schritt weiter.

Gut, dass diese famose Rothaut aus einer einzigen Spur schon ersehen konnte, dass da zwei Leute nach einander gegangen seien (oder gar, dass einer den anderen getragen habe – von wegen stärkerer Einbuchtung im Boden!), das imponierte sogar ihm, dem am sogenannten Wilden Westen nur marginal interessierten Zwölfjährigen. Immerhin dachte er erheitert, wie die Spur wohl aussähe, die sein damals noch relativ schmaler Vater, mit der ziemlich korpulenten Mutter auf dem Rücken, hinterlassen hätte …!

Die Apachen und die Sioux, die Schoschonen, Komantschen et cetera, sie mochten durchaus über einigen Reiz verfügen. Aber durch die Augen Karl Mays gesehen, das zeigte sich für ihn schon nach wenig intensiver Lektüre von „Winnetou“ (I bis III), gaben sie ihm nichts, was ihn wirklich fesseln hätte können. Übrigens, für die deutschen May-Filme der 1960er (mit Pierre Briece, Lex Parker, Karin Dor und Konsorten) war es noch zu früh; und als die dann kamen, war sein Interesse an diesem Genre kaum mehr zu wecken. Auch John Wayne, Glenn Ford, James Stewart und der ganze US-Western ließen vor- wie nachher weitestgehend kalt.

Später dann, Sergio Leones Filmsprache (vor allem gepaart mit der exquisiten Musik von Ennio Morricone), überhaupt der sogenannte Spaghetti- oder Italo-Western, von „C’era una volta il west“/„Spiel mir das Lied vom Tod“, aber auch „Die glorreichen Sieben“, über „Django“ bis hin zu Quentin Tarantinos Homage darauf, „Django Unchained“ (freilich noch viel, viel später!), – das vermochte ihn dann schon eher anzusprechen. (Nun ja: Tarantino eigentlich weniger. Er hielt den Burschen schlicht für einen Blutrünstling …)

Oder aber: das mehr Indianische, à la Kevin Costners „Dances with Wolves“/„Der mit dem Wolf tanzt“. Ja, doch … zumindest, wenn er einmal anthropologische Regungen in sich spürte und ihnen nachgab.

Oder Michael „Bully“ Herbigs „Schuh des Manitu“, wenn ihn unbändige Lust an (auch und vor allem: gediegen-albernem) Witz überkam.

Am Buben war die Indianer-Phase jedoch unwiederbringlich vorübergeschlichen.

Nein, für Karl May mochte er sich nicht erwärmen.

Auch wenn ihn der doch ziemlich bizarre Lebenslauf und das dauernde Geflunker dieses – mindestens: – geschäftstüchtigen Burschen, später dann, als er mehr darüber gelesen hatte, irgendwie faszinierten. Und dass Doktor May so unterschiedliche und doch wohl durchaus intellektuelle Leute wie etwa Arno Schmidt, George Grosz, Hans Wollschläger und Konsorten posthum für sich einzunehmen imstand gewesen war. Alle Achtung!

(Weniger überraschend fand er hingegen, dass sich Mays Zeitgenosse Doktor Peter Rosegger für den beredten Schummler und bramarbasierenden Schilderer nicht unternommener Reisen so sehr zu erwärmen vermochte; zwei stolze Doctores honoris causa unter sich …)

Doch ansonsten ließen ihn Old Shatterhands Pseudo-Gedankenschwere, Kara Ben Nemsis (und Hadschi Halef Omars) sinnfernes Geschwafel, aber ebenso das permanent und penetrant hinter allem Gesagten (oder Verschwiegenen) lauernde Pseudo-Christliche und auch das leicht wie Spitzen-Klöppelerei durchscheinende Homoerotische im bizarren Blutsbrüder-Verhältnis zwischen dem gewieften weißen Salon-Schläger und der edel-urwüchsigen Rothaut weitgehend kalt. Übrigens auch das – zwar hochgepriesene, doch an sich sinnlose – Geballere mit Winnetous exquisiter Silberbüchse, mit dem legendären Henrystutzen und mit dem gewaltigen Bärentöter, allesamt im Hause May in Form von guter deutscher Wertarbeit vorrätig, nämlich aus der Büchsenmacherei des Oskar Max Fuchs in Kötzschenbroda stammend, war ihm im Grund genommen scheißegal. Punkt um. Howgh.

Nicht wesentlich besser vollzog sich übrigens sein Eintritt in die Welt der Oper (und allgemein ins Universum der Musik). Gerade die Sache mit dem Musiktheater ihm näher zu bringen, hatten sich eine leicht verhuschte Tante und ihr ziemlich snobistischer (Akademiker-)Gatte zur Aufgabe gemacht. Also luden sie ihn, wir sind wieder am Ende der 1950er Jahre, des öfteren ins Opernhaus, meist sogar zu Premieren, ein und vermachten ihm schließlich sogar ihr Abonnement im Musikverein, indem sie die zwei Plätze für zwanzig Jahre im Voraus sündteuer berappten. (Vielleicht hoffte man von verwandtschaftlicher Seite her auch, dass ihn allein schon das Vorhandensein eben einer zweiten Karte für diverse hohe Kunstgenüsse später dann zu einer adäquaten fixen Bindung an ein weibliches Wesen von entsprechendem Niveau veranlassen könnte … Die Bachbahnen und Flussbetten, auf denen interfamiliäre Denkströme dahinplätschern, sind bekanntlich schwer nachzuvollziehen.)

Also musste er sich, was ihm ganz besonders in der Pubertät ziemlich gegen den Strich ging, entsprechend herausputzen, um mit Tante Irmi und Onkel Bobby, in passender Weise und dem Anlass gerecht werdend adjustiert, zum Fest für Richard, egal ob Wagner oder Strauss) Giuseppe Verdi, Georges Bizet, Giacomo Puccini oder Ruggiero Leoncavallo zu schreiten.

Einigermaßen angenehm empfand er noch die dazwischen gestreuten Operettenpremieren: Bei Paul Abraham, Fred Raymond oder Nico Dostal fand er sich allein schon rhythmisch (und besonders angesichts des knackigen Balletts! [Pubertät …]) wesentlich besser und zeitgemäßer aufgehoben. Später erst freilich war er sogar dankbar für die frühe Begegnung mit der Musik, als er sich als weitgehender Gourmet wie Gourmand auf dem musikalischen Sektor fühlen konnte. Als einer, der von Barockmusik und Klassik bis Hip-Hop und Rock, von Jazz bis Musical zumindest ein wenig mehr als viele andere mitbekommen hatte und daher auch verstand – und der sich fast überall im Akustischen ein bisschen daheim vorkommen durfte.

Mit der Musik verbunden war nach wenigen Jahren auch schon das Tanzen. Und obwohl er bald lieber an einer Theke lehnte und ein paar Drinks hinunter schwappen ließ – angeblich spielten ihm zumeist die Musiker zu wenig gut -, als dass er selbst das viel zitierte Tanzbein schwang, waren ihm Bälle, Kränzchen und Redouten nicht unangenehm. Galt es dabei doch immerhin, mit dem ach so anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen.

Und das klang – zumindest – einigermaßen verheißungsvoll.

(Auch wenn die Verheißungen nicht selten leider bloß solche blieben; und sich die Realität weit weniger positiv entpuppte. Nun ja …)

Was ein paar feuchte Träume anzudeuten imstand gewesen waren und einige geile Ballettnummern im Opernhaus verheißen hatten, sollte endlich in greifbare Nähe rücken. (Dass die Mädels ihrerseits vermutlich nicht minder verschwitzt dessen harrten, was da angeblich nun bald kommen würde, konnte er freilich nicht ahnen. Ja, ja, Frauen und Männer! Von der Venus … und vom Mars … und so …)

Ja, die Mädchen

waren da schon ein wesentlich ergiebigeres Feld als die bloß theoretische Beschäftigung mit ihnen. Diese, also die Theorie, vollzog sich per Lexikon oder mittels Bravo. Auch in „Kienreichs Lesezirkel“, der wöchentlich neu mit Revue, Quick, Bunter Österreich-Illustrierter oder Neuer Revue aufwartete. Und, ein besonderer Glücksfall, vielleicht ergatterte er auch mal einen Blick in den ach so berüchtigten Playboy. (Ein in der Familie fast schon als Libertin geltender Onkel hatte mal ein Heft von einem USA-Aufenthalt mitgebracht. Die reguläre Deutschland-Ausgabe des Herrenmagazins gab es übrigens erst seit 1972.)

Aber, wie gesagt – alles mehr oder minder graue Theorie.

Doch die Mädels in natura eröffneten einem schon ein recht ergiebiges Feld. Und sie sorgten alsbald auch für ein ziemlich bedeutendes Problem. Denn obschon er sich gar nicht so blöd anstellte und relativ rasch eine gewisse Technik im Anbaggern, Anbraten und Aufreißen der jungen Damen herausgefunden hatte (und zudem auch im Umgang mit älteren Semestern keine schlechte Figur machte), ergab sich nicht selten eine andere, kaum minder große Schwierigkeit: Wie wurde man die Biester wieder los – bei einigermaßen gutem Wind?!

Zwar hatte sein Vater bei einem der kuriosen Gespräche von Mann zu Mann durchblicken lassen, dass man ja nicht gleich die ganze Kuh kaufen müsse, wenn einem der Sinn stünde nach einem Glas Milch (oder was). Und dass im Übrigen, bitte sehr, auch noch andere Mütter schöne Töchter hätten. (Es stünden einem zudem fast alle Betten der Welt offen …)

Doch was er da so ganz genau damit gemeint hatte mit den Kühen und den Müttern, der Herr Papa, respektive was für den Sohn aus diesem fraglos richtigen Sachverhalt dann für Schlüsse zu ziehen wären, blieb leider weitgehend im Dunkeln. (Die in Klammer erwähnten fast alle Betten der Welt blieben ohnedies in diesen Klammern und weiters unbesprochen.)

Ach ja. Die ominösen Gespräche über heikle Fragen, geführt zwischen den Generationen, schienen überhaupt und durch die Bank wenig ergiebig zu sein, und die erhoffte Erkenntnis-Ausbeute blieb meist weit hinter den Erwartungen zurück.

Immerhin gewöhnte er es sich – bei aller Verbindlichkeit – an, nach Möglichkeiten zu trachten, aus den aktuellen Nummern auch wieder ‚rauszukommen. Frei nach Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“ sollte das Haus, in dem er sich aufhielt, zumindest auch über eine Hintertür verfügen. Man konnte ja nie wissen.

So traf er zwar immer wieder auf hübsche und begehrenswerte Frauen (ja, sogar auf Schönheiten) und hatte auch in den meisten Fällen sein durchaus intimes Vergnügen mit ihnen. Sein einmal gewecktes Misstrauen indes stand der tatsächlich gültigen Wahl der einen, der Richtigen (und zwar für immer) im Weg. Für immer eben.

Er würde bestimmt dereinst als Hagestolz enden. (Auch das Abonnement im Musikverein war ausgelaufen.)

Doch was sollte es?

Er

machte seinen Weg, doch, doch. Auch wenn uns das im Rahmen dieser Geschichte nicht umfassend interessieren muss. (Er war Agrarier. Genügt das?! O. K.) Schließlich dreht sich, was hier beschrieben wird, nicht um ihn, sondern um ein architektonisches Phänomen.

Und zur Architektur pflegte er zwar ein bestimmtes Verhältnis, doch war es die längste Zeit hindurch ein Verhältnis auf Distanz – gewesen.

Man könnte sagen: Mit der Baukunst hatte er noch weniger fixe Berührungspunkte als mit den Frauen, ging es ums Endgültige, ums Bleibende.

Zwar kannte er lange Zeit schon einige Techniker des Hoch- wie Tiefbaues persönlich und war auch mit ein paar in Maßen prominenten Vertretern der Architektur recht gut. (Wie man halt jemanden kennt oder mit ihm recht gut ist …) Doch vermied er – vielleicht instinktiv? – all zu intensive Gespräche über architektonische Fragen meist; obschon ihm Ästhetik, Stilprobleme sowie Bau- und Kunstgeschichtliches durchaus am Herzen lagen. Doch, doch. (Zudem stellte sich meist bald heraus, dass unter Gesprächen über Architektur in Wahrheit solche über die Pläne und Ideen der betreffenden Bekannten gemeint waren, nicht etwa solche über allgemeine Fragen und Probleme des weitverzweigten Faches.)

Vielleicht gingen ihm die meisten der (fast ausschließlich schwarz gekleideten) Vertreter ihrer Zunft auch nur auf seine landwirtschaftlichen Nerven. Vielleicht aber überkam ihn tief im Inneren eine Art Grauen, wenn er mit ihnen zu tun hatte? Gut möglich …

Vielleicht wollte er jedoch auch bloß keinen permanenten Streit vom (Latten-)Zaun brechen. Wohl ahnend, dass mancher von den Brüdern, so wie es Christian Morgenstern so hübsch formuliert, alsbald „nach Afri-od-Ameriko“ entfliehen würde …

Nein, er erwärmte sich weder für die ach so epochalen Bauwerke eines Frank Lloyd Wright oder Ludwig Mies van der Rohe, empfand die meisten Bauten des Jugendstils in ihrer überfloralen Behängt- und Umzweigtheit eher abstoßend als lieblich und flüchtete sich insgeheim gern zu Gotik und Romanik – allein aus Angst schon vor der Überfülle der Renaissance oder gar des Pompösen, mit dem ihn alles Barocke zu erdrücken und zu erschlagen drohte … All das indes nahm er noch gnädig hin, und sogar über Backstein-Putzigkeiten und Stahl-Beton-Experimente, diverse Auswüchse der sogenannten Neuen Sachlichkeit und vorher schon: über weitgehend Hässliches, das manche Gründerzeitbauten an sich hatten, und das Wiener Ringstraßen-Geprotze, über all das also sah er gnädig hinweg und hielt es zur Not irgendwie aus, wenn auch betäubt, zugegeben, und benebelt bis zur Ohnmacht; verglichen mit der hinterfotzigen Hinfurzerei der selbsternannten Bau- und Gutmenschen des 20. Jahrhunderts wie Friedensreich Regentag Hundertwasser und Konsorten: Sie kotzen ihn regelrecht an, die Pseudo-Weltverbesserer in ihrem sinnleeren Protest gegen die angeblich so inhumane gerade Linie!

Sie waren ihm ein Greuel, die Maler, die sich als Architekten gerierten; ganz so, als ob nicht ihre Malerei größtenteils schon genug der Zumutung sei! Verdammt: Ging es dabei nur ums Geld? Um den (ohnedies zweifelhaften) Ruhm? Um Bedeutung? Um Geltungssucht?

Waren diese Brüder schlicht und ergreifend – krank?!

Da konnte er in der Tat ausrasten! Zum verbalen Berserker mutieren!

Diese großmäuligen, spitzzähnigen, fanatisch kläffenden Promenaden-Mischungen aus Rumpelstilzchen und Don Quixote, die da beispielsweise eben der altbewährten Geraden, die sich im Umgang mit diversen Materialien und in statischer Hinsicht unleugbar immerhin durch die Zeiten bewährt hatte, den Kampf ansagten! Vermutlich – um als originell zu gelten … Er konnte sie einfach nicht leiden! Noch mehr: Er empfand sie als überflüssig.

Nicht dass ihm kurvige Freiheit nichts bedeutet hätte und seine Ästhetik am gewagt Neuen keinerlei Ergötzen gefunden hätte; ganz im Gegenteil! Nur die leere Attitüde, das bloß vorgeblich Innovative, innerlich indes Hohle und Altbackene mancher dieser selbsternannten Baugenies (und ihrer meist von jeglichem Intellekt noch weiter entfernten Entourage) verletzte sein Empfinden zutiefst. Ja, diese Kerle waren ihm am meisten zuwider!

Da ließ er, sonst durchaus konziliant, keine Gnade walten.

Warum auch?!

So kam es, dass in seinem Beisein Fragen der Architektur kaum emotionslos erörtert werden konnten. Und wenn er gewahrte, dass sich jemand tatsächlich aus Dummheit oder fehlender Recherche wegen für ein angeblich so großartiges Projekt eines angeblich so großartigen Künstlers einsetzte, wurde er bissig bis zur Unfreundlichkeit.

Das führte seltsamerweise dazu, dass man ausgerechnet ihn, den bodenständigen, wenn auch erstaunlich vielseitig interessierten Agrarfachmann, (warum wohl? aus Bosheit?!) sogar in Architektur-Juries wählte. Da hatte er dann in diversen angeblich hochkarätigen Foren zu sitzen, wenn es um sensible Bauvorhaben ging. Und sein Sitz und seine Stimme zählten.

Das verschlechterte seine Beziehung zur Architektur und besonders zu den Architekten und den die Architektur auf so üble Weise mitbestimmenden Künstlern nur noch mehr. Ja, das Bauwesen vermochte, in ihm nicht selten quasi psychosomatische Beschwerden auszulösen.

Zwei, drei Architekten hätte der ansonsten als eher sanftmütig Bekannte liebend gern erwürgt, mindestens jedoch ihre (in seinen Augen missglückten) Bauwerke niederbrenne oder sprengen lassen. Und auch manche selbsternannte Baumeister, in Wahrheit nicht selten bloß mittelmäßige bis schwache Acryl-Pinsler und Ytong-Hauer, wünschte er die Pest an den Hals. Oder sonst was Feines. Je nach Stimmung.

Er trug langsam aber sicher den Keim anarchistischer, durchaus gewaltbereiter Gegnerschaft zum gängigen Geschmack in der sogenannten Architektur in sich. Und er fühlte sich zudem nicht mehr als soziales Wesen. Nein, er hätte ein zerstörerischer Terrorist sein können!

So glich er zumindest einer wandelnden Zeitbombe. (Was freilich niemandem auffiel.)

 

Seltsam

erschien es ihm dann freilich doch. Dass nämlich tatsächlich ein solches Haus ohne Keller und Parterrebereich gebaut worden war. Noch dazu: Es war plötzlich da. (Trotz Jury-Uneinigkeit, trotz Veto seinerseits …) Es war ein Skandal.

Und dass es eines Tages schließlich oben losgeschnitten (oder sonst wie losgemacht), nach allen Regeln der Fallgesetze ‚runterdonnerte.

Er befand sich natürlich nicht unterhalb des herabfallenden Gebäudes. Er ging sein Leben lang nicht einmal unter aufgestellten Leitern oder angelehnten Stangen hindurch, die als Warnung vor Dachlawinen dienen sollten. Nein. Da hatte er eine intuitive Scheu davor. (Während ihn wiederum schwarze Katzen oder die Zahl 13 nicht weiter tangierten …)

Außerdem verließ er, eingesponnen in seiner Architekturphobie wie ein langsam immer giftiger werdendes Insekt, die eigenen vier Wände tunlichst gar nicht mehr.

Auch stimmte es, was einige verbliebene Mahner und Skeptiker schon währen der Planung dieses verrückten Bauprojekts gesagt hatten. Ja, so etwas gehörte sich eben nicht. Und man sollte doch bloß mal an den legendären biblischen Turmbau zu Babylon denken. Der habe, im Unterschied zum vorliegenden Bauwerk, immerhin (noch) ein Fundament besessen … Und trotzdem sei er – – –

Aber, so sind sie eben, diese Fortschrittsgläubigen, die auf die Zukunft schwören – um jeden Preis. Selbst um den der Zukunft.

Als kostete die Errichtung eines Hochhauses um Nennenswertes weniger, wenn man sich die Auslagen für Fundamente, Keller und Parterre sparen könnte! Die Aufhängung musste zudem immerhin um einiges teurer sein – egal, ob da oben permanent gigantische Transporthubschrauber in der Luft stünden und ihre gewaltige Last im Schlepptau trügen, oder man eine andere (womöglich noch bizarrere) Form der Befestigung gewählt hätte.

Es ging da wohl hauptsächlich um die angebliche Originalität. (Die Stadt wollte vermutlich was gelten innerhalb des ständigen penetranten Wettstreits der Kommunen um irgendeinen sinnlosen Design-Lorbeer oder ähnlichen Humbug.)

Nein, das konnte nicht gut gehen!

Doch zeigte es sich, dass die Welt so überhaupt nicht beeinflussbar war durch den vielzitierten Hausverstand; aber auch nicht durch den gewaltigen Grad seines sukzessive aufgebauten Hasses auf leere Bau-Theorien und eitle After-Künstler.

Von seinen Träumen ganz zu schweigen.

Er hätte es den Verantwortlichen sagen können, aus seiner reichen Traumerfahrung heraus.

Oder aus den Prophezeiungen der Indianer. Ob mit oder ohne Schlag.

Aber die Verantwortlichen handelten – wie meistens – verantwortungslos.

So kam es also, wie es hatte kommen müssen.

*

Und nun, hört man, ist eine neue Dummheit in Planung. Er zumindest hat schon davon geträumt: Es geht um eine Art überdimensionierter Bücherwand, die irgendwie an einer Seite des Universums befestigt wird. Einige Dutzend Meter über dem Erdboden. Mittels irgendwelcher neuartiger Dübel in den nicht-vorhandenen Wänden verankert.

Wenn diese Stellage dann eines schönen Tages ‚runterbricht …

No, das wird wieder was werden.

 

E N D E 

 

Literatur (Auswahl):

Fritz Baumgart, DuMont’s kleines Sachlexikon der Architektur. Köln 1978.

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt am Main 1971.

Rolf-Bernhard Essig/Gudrun Schury, Karl-May-ABC. Leipzig1999.

Olaus Faber, Das babylonische Handbuch der Sprache. Von Zungenbrechern, Schwiegermuttersprachen und Freud’schen Versprechern.Frankfurt am Main 2008.

Vinzenz Hamp/Meinrad Stenzel/Josef Kürzinger (Hg.), Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Augsburg 1994.

Internet.

Thomas Koebner (Hg.), Filmklassiker. 4 Bände. 4. Aufl., Stuttgart 2002.

Stefan Link, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. 11. Aufl., Stuttgart 2002.

Margareta Morgenstern (Hg.), Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band. 16. Aufl., München 1985.

Bernd Schmidt, Hotel ohne Klo. In: Kivi. Erzählungen, Aphorismen und ein Dramolett. Graz 2002.

Seemanns Internationales Architektur-Lexikon von A bis Z. Wien 2004.

Alexander Ulfig (Hg.), Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 2. Aufl., Köln 2001.

Hermann Wiedenroth/Hans Wollschläger (Hg.), Der Rabe XXVII. Zürich 1989.

Günter Wöhe/Ulrich Döring, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 21. Aufl., München 2002.

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