Das Mädchen

am Fenster

Eine Beinahe-Romanze

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

Finster ward’s, Liebste, du kannst mich nicht sehn;

fahr mit der Hand übers Haar mir, ich will was gestehn,

will dir’s gestehn, weil du niemals von mir was verlangst:

seitdem ich denken kann, immerzu hatte ich Angst.

Theodor Kramer, Geständnis

*

Da

war nichts. Nur Nacht, besser: später Abend. Knapp bevor der in die Nacht kippt.

Der junge Mann wollte einen Schluck nehmen aus der Dose mit Energy-Drink. Doch sie war leer. Er presste die silbern glänzende Aluminiumröhre ärgerlich zusammen und stopfte sie in den Abfallbehälter unter dem Abteilfenster. Der bordete schon fast über.

Der Zug der Regionalbahn hatte, jetzt, ein paar hundert Meter vor dem Hauptbahnhof, seine Fahrt verlangsamt. Der junge Mann sah zerstreut hin zu den uninteressanten Silhouetten meist schäbiger Bauten. Er sah ramponierte Häuser und ein paar zerzauste Spätherbstbäume vorbeiziehen. Dazwischen öde Lagerhallen. Schuppen. Einen Schrottplatz. Bahnhofsnähe eben. Eigentlich nichts Neues für ihn, weil er aus dieser Gegend der mittelgroßen Stadt kam.

Dann: ein etwas höheres Haus. Ein beleuchtetes Fenster. Im hellen Viereck gewahrte er eine Frau, nein: ein Mädchen, anscheinend badend. Oder besser: duschend.

Jedenfalls nackt.

Der Zug legte wieder etwas Geschwindigkeit zu, um endlich in den Bahnhof einzufahren.

Die Nackte war seinem Blick entrückt.

Doch auch der junge Mann war entrückt.

Wer mochte sie gewesen sein? Blödsinn – wie sollte er sie kennen?! Er kannte ja so schon kaum wen. Und dann erst eine Frau, die er nie zuvor gesehen hatte. Noch dazu: eine nackte Frau, die gerade duschte.

Ob sie schön war?

Auf alle Fälle war sie nackt gewesen.

Erst

fuhr er x-mal im Zug vorbei an dem Haus. Die ganze elende Strecke.

Erst nur abends, zur selben Zeit -, dann zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten.

Nichts. Kein Licht in irgendeinem der Fenster. Geschweige denn eine duschende Nackte.

Dann klapperte er die Route neben der Bahn zu Fuß ab. Bei Tag. Sah das abbröckelnde Mauerwerk, die schäbige Fassade sowie die gesprungenen und zersplitterten Gläser, dort, wo überhaupt noch Fenster im Gemäuer vorhanden waren.

Er befühlte sogar die rissige Wand, von der schon der Mörtel rieselte.

Er sah die Sprünge.

Er merkte den allgemeinen Verfall.

Ein unschöner Ort.

Traurig. Tot. Oder fast –

Nein,

da wohne längst niemand mehr. Eher unfreundlich sagte das der ältere Mann im abgewetzten Overall, der nach langem Klopfen an ein Fenster des niedrigen Nebengebäudes die verschlossene Tür einen Spalt breit geöffnet hatte. Widerwillig.

Vor gut zehn Jahren schon seien sie alle weggezogen. Alle. – Ein Mädchen? Er könne sich an niemanden erinnern von denen. Also auch an kein Mädchen. – Nein, da sei nichts. – Er? Er habe da seine kleine Werkstatt, wenn’s gefällig wäre …

Dann zog der Ältere die Tür zu und versperrte das Schloss hinter sich.

Ein

letztes Mal noch fuhr er mit dem Regionalzug an dem Haus vorbei. Das zu tun hatte er sich immerhin vorgenommen.

Dann würde er versuchen, die Sache zu vergessen. (War ja auch zu blöd.)

Einmal noch also an dem Haus vorbei.

Doch, ja, das Haus stand noch da. (Es hätte ihn nicht gewundert, wenn auch das Haus verschwunden wäre. Verschwunden wie die Badende.)

Das Gebäude sah so verwahrlost aus, wie er es auch unter Tag gesehen hatte, bei seinen Erkundungen. Jetzt, im Dunkelwerden des Abends, erschien es ihm jedoch nicht mehr ganz so abgerissen und baufällig.

Nein. Dunkel.

Und das Dunkel rundete die Kanten. Machte das Öde erträglich.

Alle Fenster, so weit es sich nicht ohnedies nur mehr um Höhlen handelte, blieben dunkel.

Was sollte er jetzt noch tun?

Er hatte auch das vergessen.

E N D E

 

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