D a s

Experiment

Eine in der Tat eher

ambivalente Geschichte

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

(ENDFASSUNG: 2016.)

Und so ist unsere Darlegung, bei gleicher

Chance für Gewinn und Verlust, von

unendlicher Überzeugungskraft, wenn

Endliches in einem Spiel zu wagen

und das Unendliche zu gewinnen ist.

Blaise Pascal, Pensées

*

Im großen und ganzen sind Bücher

tatsächlich weniger endlich als wir selber.

Sogar die schlechtesten überdauern ihre

Verfasser – hauptsächlich deshalb, weil

sie weniger Raum einnehmen als

diejenigen, aus deren Feder sie stammen.

Joseph Brodsky, Der sterbliche Dichter

*

Das Kloster

Es ist kalt. Eiskalt. Doch in gotischen Klöstern ist es meist kalt. (Auch schon im Herbst.)

Aber schließlich hat es doch wohl auch nicht der primäre Zweck dieser göttlichen Versuchsanstalten zu sein, irgendeine Art von Gemütlichkeit auszustrahlen. Nicht einmal Zuversicht ist da, strenggenommen, eingeplant in der zwar am besten alle Materie überwindenden, eindeutig himmelwärts strebenden, jedoch letztlich auf Düsternis zielenden Architektur.

Und die Bauweise selbst soll ihrerseits doch auch nur der zumindest halbwegs asketische, auf das Wesentliche reduzierte Ausdruck einer in erster Linie geduckten, gleichsam – um es quasi Garten-technisch auszudrücken: – zurechtgestutzten, ergo möglichst im freien Wachstum gehemmten und daher (im Optimalfall) weitestgehend in sich gekehrten Lebensweise sein. Hoch hinauf ragen da lediglich die Pfeiler.

Nicht die Gedanken.

Denen tut, ganz im Gegenteil, möglichst ständiges Beschnitten-Werden gut.

Dazu kommt noch die spezielle Architektur der ein wenig aus aller Geometrie gerückten Klosteranlage von Grandville sur Fichée: Zwar auf Basis einer (abgebrannten) romanischen Kirche erbaut, soll das Gotteshaus mit seinen, den Ordensregeln entsprechenden, notwendigen Nebengebäuden im weitesten Sinn wohl Bauwerke an größeren, den Dominikanern verbundenen Orten – wie zum Beispiel Toulouse – imitieren. Vermutlich allerdings verhindern das eher geringe Ingenium des hier für alles verantwortlichen Baumeisters, eines gewissen Vincent de Aquère (in manchen Urkunden auch als Ferquère notiert), sowie permanente Geldnot letztlich eine optimale Ausgestaltung des Baues; vielleicht kann sich der Architekt auch nicht entscheiden, ob er die zunächst südländisch-gotische Kathedrale von Saint-Étienne oder doch die romanische Basilika von Saint-Sernin zum Vorbild nehmen soll … Und so verfügt Grandvill sur Fichée zum Beispiel neben dem Hauptturm noch über einen leicht verkümmerten Zweitturm, der alles andere denn eine gotische Zier darstellt; und das, obwohl beide Vorbild-Kirchen in Toulouse bloß je einen Turm aufweisen. (Am gelungensten seien noch die Wasserspeier von Grandville, behaupten böse Zungen; deren bizarre Gesichter habe man nämlich den Mitgliedern des ursprünglichen Kapitels nachempfunden …)

Auch der körperlich wie geistig längst schon hinfällig gewordene Prior teilt die Auffassung von der eigentlich wünschenswerten Unterdrückung (um nicht zu sagen: Knechtung) der ohnedies nicht selten zum Wankelmut neigenden Schar der Gläubigen (wie übrigens auch der Versammlung der Patres), von der weiter oben die Rede gewesen ist; er spricht es allerdings nicht offen auf, so schlau ist er immerhin noch … Jaja, Prior Étienne des Phalles, der strenge, beinahe schon weltabgewandte (leider indes kaum weiser gewordene), längst größtenteils überlebte und total verbohrte Klostervorsteher von Grandville sur Fichée, hat sich noch im Griff. Deshalb wird sein Tun, dort in Mittelfrankreich, zwischen den Flüssen Allier und Loire, in der Nähe von Bourges, auch weitgehend toleriert. Er wird zudem erstaunlicherweise ständig als Prior wiedergewählt, sodass – wenn überhaupt – dann ohnehin nur der Bibliothekar und Archivar des Konvents der Dominikaner, Bruder Echnaton, weiß, das wievielte Mal Étienne die (eigentlich auf jeweils drei Jahre begrenzte) Würde eines Klostervorstehers schon innehat; aber es findet sich angeblich kein anderer für den Posten; und insgeheim fürchtet man den ehemaligen Inquisitor immer noch.

Nun, Étienne ist ein wahres Relikt noch aus früheren Zeiten; aus Zeiten der heiligen Inquisition und des erbitterten Kampfes gegen Häretiker und Ketzer, vornehmlich gegen die Katharer und Waldenser; später wohl auch gegen vermeintliche Hexer und Hexen … Und wenn er über mehr Intelligenz (oder Protektion) verfügte, würde er ohne Zweifel auch noch lautstark mitreden bei angeblich so wichtigen Fragen des Glaubens; auf dass man das Kirchenvolk noch effizienter knechte und klein halte. (Jaja, das Zurechtstutzen und Beschneiden, das lag auch den Dominikanern sozusagen im Priesterblut.)

Ketzer. Was hat es mit ihnen auf sich? Warum fürchtet man sich sogar entre nous, innerhalb des Klerus, so sehr davor, womöglich noch für einen solchen gehalten zu werden?

Sind das nicht im Grunde bloß Leute, die ein wenig gegen den religiösen Mainstream anschwimmen? Von Eifer beseelte Neuerer und alt Hergebrachtes variierende Interpreten vorgegebener Texte und eingeübter Haltungen? Von ihrer Idee Durchdrungene?

Nein! Eben, deshalb sind sie ja auch so gefährlich: Weil sie im Unterschied zu den alles geist- und widerspruchslos nach-blökenden Lämmern auch hin und wieder auf-meckern!

Allerdings: Nicht immer werden die Neuerer (besonders, wenn es um die Kreation strengerer Bestimmungen oder um die Festlegung diverser Regelungen und sogenannter Glaubenssätze geht, die noch abstruser sind als ihre Vorgänger-Bestimmungen) indes von den Vertretern der Tradition gemaßregelt. Nein, ganz im Gegenteil! Etwa in der Frage der schwer (wen überhaupt) verständlichen Erbsünde weisen schon früh die Veränderer wie der Scharfmacher Augustinus die moderateren Traditionalisten ihrerseits in die Schranken. Und siehe da: Plötzlich gilt, basierend auf dem angeblichen Fehltritt des menschlichen Stamm-Elternpaares Adam und Eva, jeder Mensch als mit dem Makel des peccatum originale behaftet! (Dass alles das dann ganz eng mit der Sexualität verbunden ist, darf freilich nicht wundern. Denn damit lässt sich immer leicht Eindruck schinden und zumindest Kleingeld verdienen, geht es um Knechtung, Bestrafung, um Zurechtstutzen und Beschneiden – bildlich wie realiter. Anm.)

Étienne des Phalles, weitschichtig zwar verwandt mit dem eher liberalen, recht geistreichen Literaten Roger Comte Bussy-Rabutin, ist ein ziemlich anachronistisches Mahnmal, das an einen meist durchaus unrühmlichen Aktionismus der römisch-katholischen Kirche erinnert. (Einen Aktionismus übrigens, an dessen Folgen sie noch einige Jahrhunderte lang zu würgen haben wird; allein schon, was ihr Image betrifft. Anm.)

Kurz: Dürfte Étienne bloß als eine Nebenfigur aus einem Roman seines Verwandten Bussy-Rabutin gelten, alles wäre leichter. Aber so: Étienne des Phalles lebt (zumindest: weitgehend noch) tatsächlich, ist Prior von Grandville sur Fichée und brütet über skurrilen, (wohl zurecht summa summarum) verbotenen und geradezu schaurig-abartigen Dingen, die er zu allem Überfluss sogar, dank seiner Macht und seines Einflusses, in die Tat umzusetzen trachtet!

So gesehen, ist der Prior sogar eine Gefahr; ein gefährlicher Dominikaner, allemal.

Sein Lebenshöhepunkt, so hat er auch selbst bisher immer gedacht, sei mit Sicherheit die oben erwähnte Zeit als strenger Inquisitor gewesen. Doch falsch: Sein negatives Meisterstück steht noch aus! Und sogar in der absoluten Scheußlichkeit, um die es dabei gehen wird (wie immer man das auch zu drehen und zu wenden bestrebt ist), in der absoluten Scheußlichkeit spiegeln sich ja erst die Verwirrtheit und die Abartigkeit, kurz: das Böse seines Geistes wider; und letztlich die einer ganzen grosso modo mehr als bloß aufgeheizten Epoche.

Eigentlich hätte er, denkt Étienne mitunter, in erheblich früherer Zeit einen noch besseren Dominikaner abgegeben – etwa einen nach dem Zuschnitt des berühmt-berüchtigten Bernard Gui, am Beginn des 14. Jahrhunderts. Was ist doch dieser (aus Royère stammende) glänzende Inquisitor in Toulouse und spätere Bischof in Spanien und, nach Frankreich zurückgekehrt, noch später dann im Languedoc wirkend, für ein Mordskerl in Kutte gewesen! Unbeirrt. Stur. Verbissen. Ja, unbeirrt, stur, verbissen und – beseelt …! Im besten Sinn das, was über die Dominikaner gerne gesagt wird: Sie seien Domini canes, also Hunde des Herrn … (Der deutsche Erzähler Stefan Andres wird Jahrhunderte später über die gefährliche „schwarzweiß gescheckte Schlange der Dominikanermönche, diesen psalmodierenden Tausendfüßler“ berichten. [Stefan Andres, El Greco malt den Großinquisitor. München 1992.])

Ja, der gleich vorbildhafte wie gefürchtete Kardinal, Erzbischof von Sevilla, Fernando Niño de Guevara! Oder der gestrenge Bernard Gui! Der war so ein Hund des Herrn! Alle Achtung!

Allein schon, wie dieser Meister der Inquisition mit den Waldensern verfahren ist, das hat Kraft gehabt und Verve! … Ja, besonders Verve – in mancherlei Hinsicht …! Immerhin landeten viele der Anhänger dieser (zugegeben: häretischen) Glaubensrichtung, die auf einen reichen Kaufmann aus Lyon im 12. Jahrhundert namens Valdes (Valdesius, auch Waldes) zurückgeht, im wahrsten Sinn des Wortes – im Feuer. (Gut, warum verteilt jemand wie dieser gestörte Monsieur Valdes auch sein Geld unter den Armen, anstatt sich damit ein schönes Lotterleben zu machen und zu saufen, zu fressen und zu huren wie mancher andere Kleriker [etwa der große Augustinus in seiner Jugend]?!)

Aber jetzt? Die Inquisition dümpelt bloß noch lau vor sich hin. Rom, wo auch der Ordensgeneral der Dominikaner seinen Sitz hat, ist (wie meistens) weit, und jeder obliegt in erster Linie seinen egoistischen Eigeninteressen.

Und doch – was sind das für Burschen gewesen: der unerbittliche Bernard Gui, später dann der Heinrich Kramer mit seinem Malleus maleficarum, dem achtunggebietenden und furchteinflößenden Hexenhammer von 1489.

Oder der gerissene deutsche Ablassprediger Johannes Tetzel, der Intimfeind des nicht minder gerissenen deutschen Reformators Martin Luther!

Und Ètienne denkt im Schnelldurchlauf noch an andere prominente Mitbrüder und Vorgänger im Orden: an Albertus Magnus, Thomas von Aquin, an Meister Eckhart und Heinrich Seuse; auch an Hieronymus Savonarola oder aber an – Giordano Bruno. (Gut, der ist ja schließlich zuletzt dann selbst durch die Inquisition umgekommen. Selber schuld …)

Jetzt ist, zugegeben, auch Prior Étiennne längst ein Schatten seiner selbst, ein altes unnützes Wrack. Unschön, unnütz und inhaltslos. Und sogar Alexandre Le Clercque de Violette, der ihm stets gewogen ist, sogar der Provinzial in Toulouse also, macht sich schon Sorgen und weiß nicht, wie lange er Étiennes Extratouren gegenüber dem gestrengen Ordensmeister in Rom noch notdürftig decken kann; denn – bei Gott! – auch die Kirchenschiffe haben Ohren! (Nicht nur der Hof König Ludwigs …)

Ja, er ist sukzessive zu einer Gefahr geworden – für sich und andere. Und der weitgehend gestörte Prior muss sich das selber immer wieder und aufs Neu eingestehen, obwohl ihm das verständlicherweise sehr schwer fällt. (Doch: Was fällt ihm denn überhaupt nicht schwer?!)

Fest steht: Prior Étienne des Phalles ist weitgehend dement. (Das stellt er freilich nicht selber fest, das merken bloß die anderen.[Oder?!]) Er ist längst kein sprudelnder Quell der obskuren Einfälle und genialer Meister der dialektischen Winkelzüge mehr, sondern verkommen zu einem unnützen Restbestand an Hirn- und sonstigen -Zellen, der sich dauernd wiederholt. Wiederholt. Wiederholt. Wiederholt wiederholt. Dieses Repetitorium der Dummheit und Einfallslosigkeit hält ihn gleich einem Hamsterrad gefangen. (Glauben das jetzt die anderen von ihm, wenn sie über ihn nachdenken? [Oder?!])

Und dabei ist doch gerade das geistreiche und wortgewandte Predigen und Missionieren seit den Zeiten des genialen Ordensgründers, des spanischen Geistlichen Dominicus (circa 1170 – 1220), das Um und Auf bei den Dominikanern.

Ein kurzer, hoffentlich zweckdienlicher Rückblick: Anno 1215 approbiert Bischof Fulko von Toulouse den oben erwähnten Spanier Dominicus und sechs seiner Gefährten als Prediger-Gemeinschaft, mit dem deklarierten Ziel, die Häresie zu bekämpfen. Ein Leben als Wanderprediger, im religiösen Dienst und im theologischen Studium wird ab nun zu ihrer hervorragendsten Aufgabe, bis Dominicus im Jahr 1217 seine Getreuen (in Erinnerung an das Beispiel Jesu Christi) gleichsam als missionierende Jünger in die Welt sendet …

Er selbst geht nach Italien, erst nach Bologna und dann sogar nach Rom.

Es entstehen frühe Konvente, und zu Pfingsten 1220 findet die erste Generalversammlung des Ordens statt, die einen Ordensgeneral einsetzt – erst auf Lebenszeit, später auf sechs Jahre befristet.

Toulouse, die südfranzösische, äußerst pittoreske Stadt, gelegen an der Garonne und am Canal du Midi, mit ihrer Kathedrale Saint-Étienne, an der man (insgesamt) 500 Jahr lang herumbastelt, und der älteren, romanischen Basilika Saint-Sernin, die, wie der Name sagt, dem heiligen Märtyrer Saturnius geweiht ist, wird und bleibt französisches Zentrum der Dominikaner, die mitunter auch (nach der ersten ihrer Kirchen, St. Jakob in Paris) Jakobiner genannt werden. Das Bild der Brüder im weißen Habit und im Überwurf, genannt Skapulier, über denen zum Ausgehen noch eine schwarze Kutte mit Kapuze getragen wird, prägt sich bald allenthalben als eines tätigen Glaubens und kritischer Predigt ein. Nebenbei soll auch noch der gemeinsame Chorgesang erwähnt sein, den die Patres und Fratres pflegen; dabei ist etwa Dauer-Prior Étienne des Phalles im entfernten Grandvill sur Fichée allerdings kein stimmliches Vorbild.

Eines freilich hat die Dominikaner als zweiten Bettelorden neben den Franziskanern groß, einflussreich und mächtig werden lassen: ihre erfolgreiche Theologie der Ketzerbekehrung. (Welcher Euphemismus! Gemeint ist natürlich deren effektive Ausschaltung und Elimination. Anm.) Gestählt im Kampf gegen die Katharer und Waldenser, sind sie, die domini canes also (siehe oben! Anm.), bald maßgeblich in der Inquisition beschäftigt. Sie werden rasch schon zu Gottes listenreichen, auch die Sophistik nicht scheuenden Semantikern unter dem Dominikanerkreuz, wie sie es, anlässlich des Kreuzzugs von 1208, auf Befehl von Papst Innozenz III. sich und ihrer Sache vorangetragen haben … (Ach ja, da ist auch noch, erstaunlich genug, ihre im weitesten Sinn demokratische Verfassung anzumerken.)

Glanz und Leistung des Ordens der Dominikaner ändern indes nichts an der Tatsache: Prior Étienne ist, obwohl noch gar nicht so alt, leider längst schon im Verblöden begriffen. Bald womöglich und zu allem Überfluss auch noch ein sabbernder Greis. Aller möglichen Stützen dann zudem bedürftig. Einer, dem man bestenfalls allgemeine Schonung seiner kranken Glieder und seines nicht minder angeschlagenen Geistes anempfehlen wird. (Ist er doch seiner weitgehenden Hinfälligkeit wegen jetzt schon in peinlichster Weise in fast allen Dingen des täglichen Lebens auf seinen treuen Mitbruder Pater Jérôme angewiesen.)

Jérôme!

Wo ist Jérôme, dieser Hohlkopf? (Ètienne denkt das naturgemäß auf Französisch.)

Étienne blickt unwillig hinter sich ins Halbdunkel des Kreuzgangs, eines architektonischen Relikts aus der Romanik. Schwer, düster und doch fast heimelig – für den Prior. Heimelig durch jahrelange Vertrautheit. Auch wenn sich ihm die Perspektiven mitunter verschieben, wie er meint, und aus dem Altgewohnten mit einem Mal Neues, vielleicht sogar: Erschreckendes formen.

Wo ist Jérôme?

Er hört keine Schritte hallen. Jaja, seine fast gänzliche Taubheit … Eingepackt ist er seit geraumer Zeit schon in flaumige Watte, was die Akustik betrifft. Abgeschottet solcherart – fast. Irgendwie sogar schon abgestorben, halbwegs tot, mindestens …

Immerhin: Glockenklang, bildet er sich ein, noch zu hören. Manchmal. Leise. Glockenklang.

Und im Gespräch mit Pater Jérôme ist er zudem noch geübt. Noch. Das Gespräch ist freilich längst auch schon zu einer Art Ritual geworden, es gehört zu ihnen, wie seine Hammerzehe zu ihm gehört. Seit Jahren: Hammerzehe, Gespräch, Glockenklang. Ansonsten: Watte.

Und was gehört wird, wird nicht so sehr tatsächlich gehört, als vielmehr – halluziniert.

Und sonst? Leere.

Ja, im Gespräch mit Pater Jérôme, da glaubt er, seine glänzende Rede und auch die – aus verständlichen Gründen weniger glänzenden – Antworten des Jüngeren noch zu vernehmen. (Aber vielleicht bildet sich Étienne das auch nur ein? Vielleicht bildet er sich auch Jérôme bloß ein, wie man sich eine Farbe, einen Hauch, eine Flüstern einbildet? Und, letzte Konsequenz: Am Ende bildet er sich womöglich auch sich selber bloß ein?!)

Ein wehleidiges Lächeln erweicht kurz seinen ledrigen Greisenmund und lässt eine Vielzahl winziger Falten und Fältchen erblühen auf der sonst kahlen Gesichtsflur. Dieser Mund, der früher einmal – freilich, vor sehr langer Zeit muss das gewesen sein – durchaus lüstern gewölbt hatte sein können. Als ein weicher Kontrast zum damals noch energischen Kinn.

Wie ist es gekommen (und vor allem: wie anfänglich beinahe unbemerkt), dass die dereinst vollen Lippen nunmehr ein dunkler Strich sind, dass der alte Mund dermaßen lustlos eingefallen und faltig wirkt? Dass sich der ganze Schädel schon so präsentiert, als schließe er formal-folgerichtig ein Totengerippe nach oben hin ab?

Dabei zählt Étienne gerade einmal sechzig Jahre. Und doch ist er ein Greis. Ein Greis in all seiner Hinfälligkeit. Und das Ärgste an der ganzen Erscheinung (er sieht kaum jemals noch genau in einen Spiegel, er weiß es einfach), findet er selbst, ist dieser Mund; ein Maul, ganz von der Art einer langsam ausfransenden, ergo schlampig ausgeführten Kleidernaht. (So sieht er sich zumindest … Und darauf kommt es schließlich an.)

Aber auch die eingefallenen glanzlosen Augen. Und die überdimensioniert scheinenden Ohren des dem Tode schon Nahen. (Auch wenn es, nebenbei, noch lange nicht so weit sein wird, Anm.). Ach ja, und die Hammerzehe. (Aber hatten wir die nicht schon?!)

Richtig – die Zeit macht es, die Zeit …

Jetzt folgen die üblichen Gedankensprünge. Denn Étienne des Phalles gebietet nur mehr über Restfunktionen seines Hirns, das seinerseits, bildlich gesprochen, bestenfalls noch zum Hoppeln in der Lage ist, wie es ansonsten im Allgemeinen bloß Hasen und Kaninchen zu tun pflegen … Hoppelgedanken. Unstet und fahrig. Hoppelgedanken. Geistig rudimentär, bloß noch schmal-bemessener hoppelnder Gedankensprünge fähig … Haken schlagend und unstet. (Wie? Was war da? Wer – [ach ja: Dominicus, der spanische Ordensgründer … und Rom und Toulouse … Bernard Gui … Aber: Hatten wir das nicht schon alles?!)

Und wieder einmal zieht sein bisheriges Priesterleben als streitbarer Dominikaner an seinem (halbblinden) Erinnerungsauge vorbei; zittrig, wie jetzt schon alles an ihm und in ihm zittrig ist. Zittrig und fahl und durchscheinend.

Ja, früher einmal … Étienne, der glänzende Dialektiker und immens bibelfeste Verfechter einer, nämlich seiner Meinung über das Göttliche und (im Gegensatz dazu, pfui Teufel!) das Weltliche. Obschon, er ist sich stets seines Status‘ als in der Welt stehender Mönch bewusst und akzeptiert daher auch, dass man sich mit dem Weltlichen in gewisser Weise zu arrangieren hat. Man muss da sogar bei mancher Ausschweifung mittun; und sei es als Tarnung. Immerhin. (Die Lippen sind damals noch geschwungen, der Mund wirkt lustvoll gewölbt, sinnlich … Und das Auge funkelt, die Ohren sind klein – und auch die Hammerzehe befindet sich erst im Frühstadium. O ja, auch sonst wölbt es sich in ihm und an ihm mitunter und spannt, verlangt solcherart nach Entspannung

Genug! Man ist ein kraftvoller Dominikaner (ein junger Hund von einem Mann), später dann wohl auch ein strenger Inquisitor und schließlich kein – Häretiker … Nie und nimmer!

Gedankengehoppel: Ach! was setzt er in seiner Zeit als Inquisitor doch alles durch …! Sogar die Prominenz kann nie sicher sein vor seiner machtvollen Kritik. Und besonders bei Frankreichs König Ludwig XIII. darf er stets mit einem offenen Ohr rechnen. (Dieser Herrscher ist eben nicht dumm!)

Außerdem hat das Wort des Priors Étienne des Phalles immerhin – und so weit sich das sagen lässt bei einem wie Richelieu, einem derart von den Schwankungen seiner Stimmungen Abhängigen also (und längst nicht so geradlinig und zielstrebig, wie viele immer denken) – nicht zuletzt beim Kardinal selbst einiges an Gewicht.

Doch jetzt ist Richelieu, der mächtige, gestrenge, eigensinnige, unberechenbare und summa summarum gefürchtete erste Minister Frankreichs schon lange tot. Und auf seinen Nachfolger seit dem Jahr 1643, auf diesen Giulio Mazzarini aus Pescina bei L’Aquila in Italien, auf Kardinal Jules Mazarin also, wie er sich nennen lässt (wohl weil es eleganter klingt), auf den Mann im Staat, der, wie es aussieht, den Absolutismus gleichsam erst erfunden hat, auf ihn ist, so scheint es dem misstrauischen alten Prior von Grandville sur Fichée, kein rechter Verlass … (Aber hat er das nicht schon vorhin …?!)

Kein Verlass auf so jemanden. Charakterlich. Aber auch was die Physiognomie betrifft. Und Étienne des Phalles, der Prior des Dominikanerkonvents von Grandville sur Fichée, hat in genug Visagen geblickt in seinem Leben; zumal während seiner Karriere als Inquisitor. O ja. Genug finstere Gesichter hat er gesehen; halbwegs zerstörte Antlitze; heimtückische und verschlagene; harmlos wirkende (o Kunst der Verstellung, Camouflage des Herzens!) und einfach scheußliche Fratzen. Dummdreiste und feist-aufgeschwemmte, hager-asketische und beängstigend irre dreinschauende; hohlwangige und aufgeblasene Gesichter.

Ja, doch!

Und dieser Anblick grenzenloser Hässlichkeit (aber auch unbeschreiblichen Leidens und unsagbarer Furcht) hat sich in sein Inneres eingebrannt. Unveränderbar. Nie mehr zu beseitigen. (Die Visagen lassen ihn daher auch in seinen Albträumen nicht mehr los …)

Und doch, dieser italienische Intrigant, dieser Kardinal Mazarin, ist ihm unheimlich. Und das, weil auf den hinterlistigen Burschen eben kein Verlass ist! Kein Verlass! (Aber, das hatten wir jetzt ja tatsächlich -)

Dabei stört es Étienne noch am wenigsten (zugegeben, es stört ihn naturgemäß, aber, bitte schön, was soll man da schon machen?!), dass dieser Mazzarini, ohne jemals zum Priester geweiht worden zu sein, die Kardinalswürde erlangt hat. Nein, also nein! Da gäbe es allenthalben viele ähnlich gelagerte Beispiele, die womöglich noch gravierender sind; außerdem könnte ihm, Étienne, dieser Aspekt des Weltkirchlichen überhaupt egal sein. Da soll sich, wenn sie will, die Kurie in Rom drum kümmern! Und auch Neid ist es natürlich keineswegs. (Er wäre ohnedies nie zur Wahl gestanden für so ein Amt …)

Aber dass dieser in Geld und Ansehen schwimmende Emporkömmling und Machtmensch durch und durch (dann, ab 1659 würde er sich sogar zu allem Überfluss Herzog von Nevers nennen können, bevor er zwei Jahre später sterben würde, Anm.), quasi aus dem Nichts kommend, so glorreich zum ersten Mann im Staat aufgestiegen ist, das ärgert den alten Dominikaner. Immerhin. Aus dem Nichts. Aus dem italienischen Nichts.

Étienne hält in seinem Gedankenchaos kurz inne. Wo ist er gerade gewesen? Ach – Ja!

Doch, doch Étienne hat grosso modo stets in seinem Leben Haltung, nämlich: dominikanische Haltung bewiesen. Und auch die notwendige Festigkeit im Glauben. Und vor allem: die Kraft. Die Kraft nämlich, gegen die Feinde der Kirche mit Verve aufzutreten.

Mit Verve und ohne Pardon.

Just diese Haltung hat ihn wohl auch ohne gröbere Blessuren die Herrschaft des – zumindest im Vergleich zum aktuellen Italiener – großen Kardinals Richelieu überdauern lassen. (Zugegeben, Étienne [wie übrigens viele andere auch, egal aus welchem Stand] hat ihn gefürchtet, diesen schlau-hinterhältigen Armand Jean du Plessis, Herzog von Richelieu, der von 1624 an bis zu seinem Tod im Jahr 1642 als Erster Minister den Absolutismus in Frankreich und in der Folge davon die französische Vorherrschaft in Europa etabliert! Richelieu, den kühlen Verstandesmenschen und eiskalten Exekutor imperialer Macht, der im Inneren des Landes die Hugenotten aus das Brutalste entmachten lässt und im Äußeren die Stellung des Staates insbesondere gegen Habsburg erfolgreich auszubauen versucht. Der große Kardinal, der einerseits den langwierigen Krieg mit Spanien forciert, anderseits die glorreiche Académie française gründet. Anm.)

Und auch Richelieu ist, wenn man es genau betrachtete (und Étienne betrachtete das, da er ganz gut mit ihm ausgekommen ist, eben einmal genau!) – – – aber: Was hat er gerade denken wollen? (Oder hat er es nicht schon früher gedacht? Er wiederholt sich anscheinend schon wieder … Schon wieder eine … Denkschleife …, eine dumme Denkschleife …, eine …!)

Doch, ja, jetzt hat er es wieder! Seine – also Étienne des Phalles‘ – Haltung, sie würde, wenn alles weiterhin so läuft, wie es zu laufen scheint, auch die vor einigen Jahren nun einmal angebrochene Ära Jules Mazarins überdauern. Man wird sich damit arrangieren. (Und er, hier, als Prior von Grandville sur Fichée, ist – bei Gott! – leidlich weit weg vom Schuss! Wo ist Paris?!) Fazit: Auch wenn er den widerlichen Italiener nicht leiden kann, der da gemeinsam mit der Witwe Ludwigs XIII., dieser bigotten Anna d’Autriche, im Louvre die Regierungsgeschäfte führt für den jungen Ludwig nach eigenem Gutdünken, wird er ihn und seine Machtausübung irgendwie überstehen. (Nur dass der nach imperialer Größe sowie allem nur möglichen Einfluss geile und in allen gängigen Intrigen überaus kundige Träger geistiger wie weltlicher Würden die alte Königsmutter in ein paar Jahren sogar wird heimlich ehelichen, dass hätte dem an sich für jede Böswilligkeit offenen Dominikaner-Prior vermutlich gefallen, wäre er in dieses sowohl auf menschlicher als auch auf diplomatischer Ebene beeindruckende Kabinettstückchen eingeweiht gewesen … Immerhin, Mazarin würde anno 1661 sterben, die resolute Königinmutter fünf Jahre später. Man musste also bloß ein wenig auf die biologischen Abläufe und Folgerichtigkeiten vertrauen! Anm.)

Aber es bleibt dabei: Étienne mag diesen Kardinal Mazarin nicht. Er kann ihn nicht leiden. Und muss doch immerhin, ergibt sich (freilich: selten genug) die Notwendigkeit dazu, so tun, als gehöre er ohnedies unverbrüchlich zu des Premierministers Getreuen. Das macht sich eben immer gut, und so diplomatisch muss auch ein alter Provinz-Prior sein. Und: Allein schon eben als Vorsteher eines Konvents, als Dominikaner und Mann des Glaubens und folglich auch der Ordnung, darf er sich keine Ressentiments leisten (oder zumindest anmerken lassen)!

Aber, er mag ihn nicht! (O, haben wir das nicht schon …, vorhin …? Egal.)

Dem alten Kirchenmann schwindelt mit einem Mal.

Zudem wird es ihm heiß und kalt, heiß und kalt.

Étienne lehnt sich kurz an eine der steinernen Säulen und wischt sich den kalten (oder heißen?) Schweiß, der ihm in Perlen auf der Glatze steht, zu der sich seine hohe Stirn, von ein paar Haarbüscheln umwuchert und von tiefen Falten durchfurcht, nach hinten wölbt.

Ja, da sind sie immer wieder, die Träume, die Albträume. Immer wieder, wie schon durch die letzten Wochen und Monate. Träume und Albträume … Da wanken die Mauern des Klosters, Grandville sur Fichée droht zu fallen, einzustürzen, zusammenzubrechen … Ein Sausen ist in der Luft, ein apokalyptisches Gesirre, wie vor einem zu erwartenden Donnerschlag, wuchtiger und lauter hallend als alle Donnerschläge, die man bisher jemals vernommen! (Aber: Ist er, Prior Étienne, nicht fast taub?! – Egal!) Ein Sausen …

Durch Wochen und Monate schon …, immer diese Träume und Albträume. Von Zusammenbruch und Ende …

Und dann die Zweifel, die ihn allenthalben überkommen, abseits des Gebets, der Messfeiern und des Chorgesnags (den er kaum hören kann); immer öfter indes sogar während –

Das Pochen in seinem fast kahlen Kopf mit den bizarren paar hellen Haarbüscheln, das Pochen unmittelbar unter der Schädeldecke. Dieses Gefühl der Leere, das abgelöst wird von einem des übermäßigen Angefülltseins, ja: dieses Gefühl der schieren Verstopfung. Sein Kopf ist verstopft! (Womit freilich?! Womit nur?! O!)

Es ist ohne Zweifel – Furcht. Ja. Die unbestimmte Furcht, sein Pensum nie und nimmer erfüllt zu haben … Insbesondere, was den ständigen Kampf gegen die Häresie und das Ketzertum betrifft. Außerdem, mea culpa, mea maxima culpa!, den so wichtigen Einsatz gegen die Hexer und Hexen nicht zu vergessen! (Denn just die sogenannte Hexenjagd steht in der Zeit des 15. bis ins 17. Jahrhundert in enger Beziehung zu den verschiedenen Häresien; was für die Inquisitoren ihr Geschäft zwar nicht einfacher macht; ist doch der Kampf gegen das Ketzertum eine weitgehend innerkirchliche, die Hexenverfolgung jedoch in erster Linie – rein juristisch gesehen – eine letztlich staatliche Angelegenheit, wenngleich dem Klerus dabei eine bedeutende Rolle zufällt. Anm.)

Dann noch etwas: die schrecklichen Zweifel. Zweifel. Überall Zweifel! Jetzt quasi, wo es langsam aber sicher ans Ende seines Lebens gehen mag, jetzt scheinen sie ihm besonders furchtbar! Hinderlich in allem, in all seinen Bestrebungen! Verderblich, hinderlich und furchtbar! Zweifel!

Nämlich: Ob sein Weg der richtige gewesen ist? Ob er sein Feuer der rechten Sache zu Ehren entzündet hat?

Noch etwas. Nämlich jetzt die Frage aller Fragen: Ist alles tatsächlich so, wie es die Schrift sagt? Ist tatsächlich kein Zweifel möglich an Gottes Wegen? Seinem Streben, Weben und Beben? (Und an Gott selbst? – O Gott! Schrecklicher Gedanke! Schrecklichster Gedanke überhaupt!)

Er fährt sich durch die geringen, wirren Reste seines Haupthaares, das seine gelblich-weiß-graue Gesträubtheit auf drei, vier Inselchen (Schädeldeckeneilande) in die spärlichen Lichtstrahlen zaust, die allenthalben von brennenden Kerzen verströmt werden oder die vom wenig durchschlagskräftigen, schon herbstlich-schwachen Morgenlicht durch das bunte Fensterglas träufeln. Die Gedanken des alten Priors Étienne des Phalles sind so wirr wie sein spärlich noch verbliebenes Haar, nur um einiges gefährlicher. (Denn: Welche tatsächliche Gefahr würde schon von Greisenhaar ausgehen?! Nun, ja …, man kennt, besonders in Frankreich, immerhin schon Fälle … [Also, wenn es darum geht: Man kennt ganz allgemein immer irgendwo schon irgendwelche Fälle! Anm.])

Ja, wenn er in einer anderen, in einer früheren Zeit lebte! Damals, als die Inquisition noch ernst genommen wurde … Eine Art zweiter Bernard Gui (oder ein Parallel-Gui), ein zweiter gefürchteter Inquisitor von Toulouse …! (Gui? Den haben wir sicherlich schon …)

Da schlurft ein anderer, (für Hörende:) wohlbekannter Schritt durch das überhallige Kirchenschiff, hin zum halb-überdachten Kreuzgang. Ein Schritt, zu einem gehörend, den es auch fröstelt, obwohl wir erst den Herbst schreiben. Den Herbst 1650.

Pater Jérôme nähert sich von den Priesterstallungen her, von dort also, wo die Patres untergestellt sind und nächtens ruhen, wenn sie nicht gerade zu beten die Pflicht haben alle vollen Stunden. Oder Segensgesänge zu wiehern, ihr Seelenpensum erfüllend. Rituell und – weil Übung den Meister macht. (Weil der Meister freilich dann wiederum gezüchtigt werden muss – durch Übung.) Bevor sie erneut beim gemeinsamen Chorgebet zusammentreffen.

Der alte Prior spürt den sich nähernden Ordensbruder mehr als er, schwerhörig wie er nun tatsächlich einmal ist, seinen Schritt wirklich erlauschen könnte. Er spürt den Jüngeren, den Getreuen. Er erahnt ihn (wenn man so will). Ihn, das Werkzeug seiner verderblichen Pläne.

Es ist so weit. Heute wird er Jérôme in Kenntnis setzen darüber, was er da vor hat. Vor hat – mit des anderen Hilfe. Denn auf den Schultern des Jüngeren wird zu großem Teil die Last der Durchführung dieses so wichtigen und gewichtigen Projekts letztlich dann liegen.

Und wohl auch die Gewissensnot, wenn es denn –

Er wird ihm endlich seinen Plan eröffnen, denkt Dominikaner-Prior Étienne des Phalles. Ja, jetzt wird er den treuen Knecht in seine Absichten einweihen. Jetzt. Denn jetzt gerade scheint dem verwirrten Alten der Zeitpunkt günstig.

Und: Ein günstiger Zeitpunkt für eine so wichtige Enthüllung und einen daraus resultierenden Auftrag an den anderen ergibt sich womöglich nie mehr …

Die Mätresse

Daunenfedrig und warmweich schmiegen sich die Decken des königlichen Bettes hier, im Pariser Louvre, um den zwar (langsam, doch kontinuierlich) schon etwas zur Fülle neigenden, freilich zur Zeit noch durchaus jugendlich spannkräftigen und knackigen Körper der Olympia von Soissons. Und die langjährige Freundin des französischen Königs Ludwig XIV., die schon im Jahr 1647, eben von Rom nach Paris gekommen, der Mutter Ludwigs vorgestellt und bald zu einer Gespielin aus Kinder- und Jugendtagen geworden ist, genießt noch immer alles hier: natürlich besonders den Sex mit dem jungen Monarchen (auch wenn sie es nie zur Maitresse royal en titre, sozusagen: zur offiziellen Mätresse des Herrschers, bringen würde), die ansehnliche Stellung bei Hof und das fast schon karnevaleske Treiben. Dieses Ausreizen der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der ständig wechselnden Erfolgsaussichten durch ein an sich überaus formelles und strenges Ritual, das sogar die Vergnügungen zeitlich eng bemisst; die dauernde Jagd nach neuen Chancen und Herausforderungen, dreht es sich um die Zuneigung des Monarchen oder gar um die Vorbereitung weiterer Karriereschritte.

Zwar haben die Wände Augen und Ohren, doch sogar die als ziemlich akkurat geltende Königinmutter, die über allem und jedem wachende Witwe nach Ludwig XIII., Anna d’Autriche, begnügt sich damit, zu wissen, mit wem es ihr seit jeher sexuell überaktiver Sohn da nächtens so treibt, noch dazu: oft genug in rasch wechselnden Konstellationen.

Die aus Spanien stammende, habsburgische Mutter des Königs hat immerhin bis zu dessen Volljährigkeit (die schon mit 13 Jahren erfolgt ist) anno 1651, gemeinsam mit dem Premierminister, mit dem schier allmächtigen Kardinal Jules Mazarin, die Regierungsgeschäfte für den jungen Ludwig geführt. (Und bis 1661, bis zum Tod des Kardinals, wird der Nachfolger Richelieus Ludwigs wichtigster Berater bleiben.)

Ansonsten freilich lässt Ludwig, der ab 1661 bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1715 ganze vierundfünfzig Jahre lang allein über Frankreich gebietet, überhaupt keinen Rat von außen mehr zu. So beruft er, dessen absolute Macht letztlich auf einer sukzessiven Entwicklung durch Jahrhunderte basiert, zum Beispiel keine einzige Versammlung von sogenannten Notablen ein, eines der Treffen also, wie sie etwa in England üblich sind und die Königsmacht immerhin wenigstens symbolisch kontrollieren. (Anm.)

Außerdem, was die Erotik betrifft: Verbieten kann sie dem jetzt knapp zwanzigjährigen Louis ohnedies nichts von seinen diesbezüglichen Launen und Lüsten, selbst wenn sie danach strebte. (Zu deutlich schwebt Anna da vermutlich noch das Beispiel der eigenen Schwiegermutter, Maria von Medici, vor Augen, die anno 1617 vom ebenfalls noch jungen und von ihr bevormundeten Ludwig XIII. ziemlich unsanft aus der Machtposition der de-facto-Regentin entfernt [und, ab 1624, durch Kardinal Richelieu ersetzt] worden ist … Anm.)

Der Louvre bildet das bald aus allen Nähten platzende Zentrum der Macht, ist die Spielwiese der Intrigen und der Inbegriff des mit seinem Prunk und Pomp protzenden Hofstaats. Wo dieser Reichtum bereits verspielt worden ist – egal, ob im Sinn des Wortes, ob im übertragenen – oder vom enormen persönlichen Aufwand, den das Dazugehören bedeutet, aufgebraucht, dort wirkt eben Camouflage; Pomp auf Pump. (Erst im Jahr 1682 wird sich der Hof dann nach Versailles begeben: mit Königsfamilie, Mätressen, mit Erzieherinnen und Lehrern, Handwerkern, Köchen und Offizieren, mit einem Heer von Bediensteten und diversen Adabeis und Parasiten et cetera. Am finanztechnischen Problem, dass in Permanenz zu wenig Geld in die Staatskasse fließt – nicht zuletzt, weil nicht einmal Kleinadelige besteuert werden! -, ändert das nichts. Im Gegenteil: Der neue Hofstaat ist noch teurer als der alte. Und auch eine durch und durch extraktive, auf die möglichst restlose Ausbeutung der Ressourcen zielende Wirtschaft fordert à la longe ihren Tribut. Anm.)

Der Hof, dieses bizarre Konglomerat aus Menschen mit völlig widerstrebenden Vorstellungen und Hoffnungen, von geringen wie höchsten Begabungen; dieses scheinheilige Konstrukt, geprägt von skurrilen Launen und unheilvollen Süchten, bedrängt durch manche psychische Abgründigkeit, diverse Perversitäten und verbrecherische Anlagen; diese Ansammlung von Menschen, von denen manche in wenigen Jahren schon durchaus obskuren Afterreligionen und widerlichsten Formen schwarzer Magie anhängen werden; kurz: der Hof, dieser Daseinsbrei, den ein zum Teil durchaus ungesunder, selbstzerstörerischer und einem eigenen, reichlich verschrobenen Ritual, nämlich dem sukzessive selbst auferlegten Zeremoniell, unterworfener Klüngel bestimmt und ausmacht. Für sich getriebene Treiber.

Versailles. Gewiss, Versailles wird kein Ausweg sein. Und doch: Dort wird Ludwig XIV. alsbald aus dem alten kleinen Jagdschloss seines Vaters, das dieser früh schon zu einem Gebäudekomplex größeren Ausmaßes ausbauen hatte lassen, schließlich den international führenden Aufenthaltsort des Adels gestalten, der sich fürderhin in seinem Glanz und in seiner (nicht selten fadenscheinigen) Pracht zum unerreichbaren Vorbild ähnlicher Anlagen in ganz Europa auswächst. Mit einem noch größeren Heer an meist namenlosen Domestiken, Zofen und Köchen, Kellermeistern und anderem Gesinde und mit seinen Hierarchien von ganz oben bis ganz unten. Mit Diplomaten und Dilettanten, mit Taugenichtsen, Genies und Blendern, mit Scharlatanen und originellen Köpfen … (Man wird später schätzen, dass der Hofstaat insgesamt 20.000 Personen umfasst habe.)

Ein Ort, der eines Sonnenkönigs, als den ganz Europa Ludwig längst schon – wenn vielleicht vielerorts auch nur zähneknirschend – unbestritten akzeptieren muss, wohl würdig ist. (Auch wenn die Bezeichnung ursprünglich auf den tanzfreudigen Teenager Louis zurückgeht, der einmal anlässlich einer höfischen Ballettaufführung überzeugend die alles be- und umstrahlende Sonne darzustellen gehabt hat. Und wenn mit der Zeit die Perle in dieser höfischen Austernschale, nämlich Ludwig selbst, le Roi-Soleil also, dann schon ziemlich malad und von seiner engsten Umgebung nur mehr mit äußerster Kraftanstrengung noch in der gewünschten Fasson zu halten sein wird. So wird der König etwa, was allerdings zu Lasten seines Leibarztes Anton Pierre Dionis geht, angeblich einer verfehlten Therapie wegen alle seine Zähne einbüßen. Und der bekennende Genussmensch wird solcherart einen Großteil seines langen Herrscherlebens, zumindest was die Kultur des Essens betrifft, ziemlich bemitleidenswert dahindarben … Anm.)

Übrigens auch die in ihrer Prachtentfaltung schier überbordende Hofhaltung, übersiedelt vom vergleichsweise bescheidenen Louvre nach Versailles, bringt den Staat fast an den Rand des finanziellen Ruins. Doch wird das die dann auch längst nicht mehr so knusprige Olympia nur mehr aus der Ferne, nämlich von ihrem anno 1680 (nach der großen Giftaffäre ein Jahr davor) unfreiwillig gewählten Exil in Spanien beziehungsweise in den Spanischen Niederlanden aus, beobachten. Ausgeschlossen von der Tafel, auch vom geliebten Spieltisch und – vor allem – längst schon vom Bett ihres Freundes Louis, der jetzt gerade, während draußen der Morgen rötet (oder bläut, wie auch immer), recht friedlich da neben ihr liegt.

Jetzt ist sie erst einmal am Ziel ihrer Wünsche: Der Jugendfreund und Gespiele der Kindertage, Europas prächtigster Herrscher, eben Ludwig, hat dem Vorschlag von Olympias Onkel, Kardinal Mazarin, zugestimmt, sie im Jahr 1657 mit einem 22jährigen, doch schon Waffen-erprobten, honorigen und wohlsituierten Offizier, nämlich mit dem Grafen von Soissons, Eugéne-Maurice de Carignan-Savoyen, zu verheiraten; übrigens ein strahlendes Fest, um das sie, die früher lediglich eine der berüchtigten, Mazarinetten genannten sieben Nichten des Kardinals Mazarin gewesen ist, tout Paris (zumindest der ganze Hof in seiner gesamten selbstgefälligen Schnöseligkeit) beneidet hat!

Und jetzt ist sie, die ihrem Mann in ein paar Jahren schon (als vierten Sohn) einen einzigartigen großen Feldherren, einen von wahrlich europäischem Format schenken wird: nämlich den Prinzen Eugen, jetzt also ist sie bereit, auch als Mätresse dem jungen Franzosenkönig immer wieder ihren Dank abzustatten. Sie ist etwa gleich alt wie Ludwig, wobei ihr tatsächliches Geburtsdatum nicht bekannt ist. Ja, sie dankt ihrem Louise mit der ganzen Inbrunst ihres knackigen Körpers. (Zuvor hat sie es geschickt verstanden, sich zu zieren, wenn es tatsächlich ans Allerheilgste gehen hätte sollen …)

Dankbar ist sie. Oder etwa nicht?

Dankbar – dafür, dass sie am Hof groß werden hat dürfen? Dass sie als Ludwigs Gespielin schon von Kindesbeinen an die königlich-kindischen Launen und die Attitüden seiner früh erwachten Selbstüberschätzung (und seiner ebenso früh erwachten Libido) erleiden hat dürfen? Und die Maßregelungen durch die – bis jetzt noch – regierende Königinmutter, Anna d’Autriche, die – noch – gemeinsam mit Kardinal Jules Mazarin, dem ersten Minister, die Regierungsgeschäfte für Ludwig führt; gemeinsam mit Mazarin, der seit Jahren (und kürzlich zudem noch steinreicher Herzog von Nevers geworden) der würdige Nachfolger seines Förderers und Vorgängers Richelieu und mehr als bloß die graue Eminenz im Louvre ist?

Aber, hat es ihr tatsächlich viel genützt, dass er ihr leiblicher Onkel ist, der große Kardinal und erste Staatsminister? Julio Mazzarini, der aus dem Abruzzen-Kaff Pescina bei L’Aquila stammend, in Frankreich kometenhaft Karriere gemacht hat; gleich einfallsreich wie skrupellos? Und der ihr, gleichsam im Gegenzug, die ihre, was den Platz als potenzielle Gemahlin an der Seite Ludwigs betrifft, aus realpolitischen Erwägungen heraus verbaut hat?! (Denn sie hätte das Zeug zur Königin gehabt! Das ist sie sich immer noch sicher.)

Doch. Zugegeben, Onkel Mazzarini hat auch für sie, entsprechend seinen eigenen Vorstellungen von Macht und ihrer notwendigen Absicherung, die optimalen Verbindungen hergestellt – und die optimale Verbindung, nämlich eben die vorhin erwähnte, mit Eugen Moritz, dem Grafen von Soissons de Carignan-Savoyen (auch: Eugéne-Maurice de Savoie-Carignan oder Eugenio Maurizio di Savoia-Carignano). Doch, ja, das ist durchaus eine blendende Partie! Zudem pflegt ihr durchaus karrierebewusster Mann verwandtschaftliche Beziehungen zum halben europäischen Hochadel: Eugen Moritz‘ Großmama, Catharina, ist eine Tochter des spanischen Königs Philipp II. gewesen; und die Verwandtschaft von Olympias Schwiegermutter, Maria von Bourbon-Condé, der Tochter des Karl von Bourbon, Grafen von Soissons, repräsentiert ältesten französischen Adel … (Außerdem: Der junge Gatte erfreut sich zudem des unumschränkten Vertrauens seines Königs, der ihn bald darauf schon nicht nur zum gehörnten Ehemann macht, sondern ihm auch gleich nach der pompösen Hochzeit im Jahr 1657 die einträgliche Stelle eines Generalobersten der Schweizer und Graubündener Soldtruppen überträgt. Und nach dem Pyrenäen-Frieden [1659] im bis dahin immer noch schwelenden Krieg mit Spanien, diesem beschwerlichen Erbe der Politik von Kardinal Richelieu, erhält Eugen Moritz dann das Gouvernement des Bourbonais, später auch das der Champagne. Eine Hand wäscht die andere. Anm.)

Was will man mehr?! Zumindest für ihre Eltern, ihre Mutter Hieronyma, die Schwester des Kardinals Mazarin, und ihren Vater, Baron Michele Lorenzo Mancini, die, seien wir ehrlich, ziemlich erdnahe Menschen sind, mag das alles sehr wohl der himmelhohe Gipfel und der glänzende Endpunkt gewesen sein dessen, was man, nun einmal mit dem Makel einer eher geringen Abstammung behaftet, überhaupt erreichen hatte können (in diesen Zeiten); aber für sie? Für sie, die sogar –

Hatte sie nicht eigentlich nach Mehr gestrebt?! Hm.

Freilich: Eine ihrer Schwestern, Maria (auch Marie genannt), ist zwischendurch dem König (und vermutlich sogar seinem Herzen) noch näher gewesen als sie. Die ernstere, stille Maria Mancini ist zudem nicht eingebunden gewesen ins frivole Treiben der insgesamt sieben Mazarinetten. (Hier alle auf einmal: Anna Maria und Laura, die Töchter der Kardinal-Schwester Laura Margaretha und ihres Mannes Girolamo Matinozzi, sowie die Mancini-Mädchen Laura, Hortensia, Maria Anna, eben besagte Maria und Olympia selbst.)

Wenn Marie, besonders im Jahr 1658, als Kardinal Mazarin und Anna d’Autriche schon alle diplomatische Hebel in Bewegung setzen, um für Ludwig die Ehe mit der habsburgischen Prinzessin Marie Thérèse von Spanien allen Widrigkeiten zum Trotz doch noch einzufädeln, dem Herzen und dem Bett des Königs möglicherweise auch am nächsten gewesen sein mag, der Traum von einer Zukunft als Gattin an seiner Seite hat sich aus eben den angegebenen dynastischen Erwägungen heraus eben auch für sie nicht erfüllt. Wie Jahre zuvor schon –

Im Jahr 1660 findet die prunkvolle Königshochzeit dann auch statt, die zugleich den Krieg zwischen Frankreich und Spanien auch symbolisch beendet, der seit 1635 geherrscht hat. (Maria Theresia/Marie Thérèse von Österreich [beziehungsweise Spanien] ist die Tochter des spanischen Königs Philipp IV. und der Isabella von Borbon, der Tochter des französischen Königs Heinrich IV. Sie und ihr Zukünftiger sind Cousine und Cousin von väterlicher wie von mütterlicher Seite her … Anm.)

Mazarin fürchtet übrigens von allen seinen exaltierten Nichten just die stillste, Marie, am meisten; wenn eine, dann könnte sie seinen Pläne doch noch durchkreuzen. (Immerhin hat sie Louis allen Ernstes vor zwei Jahren noch [1658] heiraten wollen!)

Maria Manzini wird daher sicherheitshalber im Jahr 1661 dem Lorenzo Onofrio, Fürsten von Colonna, als Gemahlin zugewiesen, was zugleich den Beginn einer unglücklichen Ehe bedeutet. Denn der nach außen hin glänzende Connetable von Neapel, zu dessen gleich reicher wie vornehmer römischer Familie immerhin ein Papst – Martin V. – sowie eine prominente Dichterin, nämlich die Machesa Vittoria Colonna, und ein nicht minder berühmter Poet, der Kardinal Pompeo Colonna, gehören, wird sich sehr bald als eifersüchtiger und brutaler Ehemann erweisen.

Kein Wunder, dass sich Marie, als gerade ihre blonde Schwester Hortense, die Schönste der Mazarinetten, die ebenfalls 1661, und zwar mit Armand Charles de Meilleray [Herzog von Mazarin] vermählt worden ist, in Rom weilt, gemeinsam mit dieser auf und davon macht! Ruhelos kehren die zwei Abenteurerinnen in Männerkleidern auf verschlungenen Pfaden nach Frankreich zurück, wo sich Marie schließlich, nach rastlosem Hin und Her ein Kloster zum Aufenthalt wählen wird. Immer noch hoffend, ihr König werde sie eines Tages zurückholen; und alles werde so werden wie damals, vor 1658, als sie und Ludwig – dieser offiziell quasi schon auf der Werbungsfahrt und in Erwartung der spanischen Infantin Maria Theresia, die der junge König in Bordeaux treffen soll – ihre schönsten Stunden in Saint-Jean-d’Angély nahe Brouage zugebracht haben; dort, wo die ausgedehnten düsteren Salzsümpfe im Nordwesten der Cognac-Region der sonnigen Charente einen starken Kontrast bieten. (Anm.)

Olympia seufzt und wischt sich eine widerspenstige schwarze Locke aus dem Gesicht, das von einer Sorgenfalte gefurcht scheint, die es erst zu glätten gilt.

Gut, sie muss sich daheim, im familieneigenen Palais ihres Mannes (im Hôtel de Soissons), tagein, tagaus mit ihrer Schwiegermutter, der streitsüchtigen und besserwisserischen Marie von Bourbon-Condé, herumschlagen. Aber dem Gezänk, in das meist auch noch ihre Schwägerin Louise-Christine von Soissons-Carignan einmischt, die von ihrem Mann, dem Markgrafen Ferdinand Maximilian von Baden, in Paris zurückgelassen worden ist, entkommt sie durch abendliche Feste bei Hof – und manche nächtliche Freuden an des Königs Seite. (Wenn er sich nicht just mit einer anderen aus dem reichen Sortiment der allzeit vorhandenen und dazu bereiten Damen abgibt; etwa mit der Herzogin Louise de La Vallière, seiner langjährigen Favoritin und Maîtresse en titre. Wegen des Geplänkels zwischen Olympia und just der La Vallière werden die aufmüpfige Nichte des Kardinals und ihr Mann Eugen Moritz anno 1665 sogar kurz in Ungnade fallen und für ein Jahr auf ihre Domäne in die Champagne verbannt werden … Später wird dann die unersättliche Françoise de Montespan, die sich selbst Athénaȉs nennt, zu Ludwigs Favoritin aufsteigen und dem König vorsorglich und sukzessive eine Schar von Kindern bescheren, von denen der lendenstarke, in diesen Dingen sogar treusorgende Monarch sechs sogar legitimiert. Und zuletzt wird es dann Françoise d’Aubigué, Marquise de Maintenon, sein, die, zunächst als Kinderfrau der bei Hof wenig beliebten Montespan, allmählich zur unentbehrlichen Ratgeberin Ludwigs heranreift; bis sie es, Beständigkeit siegt, nach dem Tod der Königin Maria Theresia [im Jahr 1683], sogar zur – wenn auch heimlichen – Ehefrau des Sonnenkönigs bringt … Anm.)

Was soll es? Erstens kann sie das alles nicht ahnen, und zweitens: Auf diese Weise kann, wie die Dinge jetzt, Anfang der 1660er Jahre, liegen und so lange Olympias Einfluss wirkt, doch immerhin manche familiäre Unbill ausgeglichen werden. (Und auf ihre Kinder wird auch weiterhin im Hôtel de Soissons [zumindest vom Personal] recht ordentlich geschaut, wie zänkisch die Bourbonen-Oma und die Schwägerin Louise-Christine auch immer sein mögen.)

Freilich, dass sie, Olympia, in wenigen Jahren (exakt: 1663, Anm.) den erfolgreichen Feldherrn und glänzenden Diplomaten, eine Strahlefigur Europas der nächsten Jahrzehnte schlechthin, nämlich Eugen von Savoyen in die Welt gesetzt haben wird, mag sich kaum zwanzig Jahre später allerdings als elementarer Nachteil für Frankreich herausstellen. Doch daran wird wiederum nicht sie, die ihrem König loyal ergebene Mätresse und Freundin, die freilich auch strebsame, wenn nicht sogar machtbewusste, intrigante und selbstsüchtige Frau, die Schuld tragen, sondern eben der prunksüchtige und egozentrische Ludwig selbst; nämlich durch seine uneinsichtige Haltung ihrem Sohn Eugen selbst gegenüber! Auch ein Monarch vom Format ihres Louis sollte sich militärische Jungtalente nicht a priori zum Feind machen (nur weil er mit deren Müttern gebrochen hat)! So was tut nun einmal nicht gut!

Freilich: Warum weigert sich der Zukunfts-Ludwig denn auch so strikt, das Talent des Zukunfts-Eugen anzuerkennen und den aufstrebenden Offizier in sein Heer aufzunehmen? Warum muss sich der längst schon als Sonnenkönig auf dem ganzen Kontinent anerkannte Herrscher der Franzosen denn auch durch diese engstirnige Haltung ausgerechnet ihren, Olympias, Sohn zum Todfeind machen? Indem er ihn gleichsam in die Arme (und in die Armee) der Habsburger treibt, wo sich der junge Mann als erstes gleich anlässlich der 2. Türken-Belagerung Wiens anno 1683 mutig (und äußerst karrierefördernd) hervortut?

Das alles weiß Olympia, wie gesagt, noch nicht; und sie denkt es daher auch nicht.

Nein. Noch gelten ihre Gedanken näherliegenden Dingen.

Besonders jetzt, da sich das königliche Bettzeug daunenfedrig und warmweich an ihren üppigen Körper schmiegt. Noch tut sie, was sie tut, in erster Linie aus – sexueller – Lust heraus, aus der üppigen Fülle ihrer Fraulichkeit; und wohl nicht zuletzt, um ihre Position am Hof zu stärken. Denn diese Dinge gehören irgendwie alle zusammen … Das, nämlich ihre dominierende gesellschaftliche Stellung auszubauen und zu sichern, wird ihr für viele Jahre auch gelingen; bis sie sich freilich, spielsüchtig wie sie in vielerlei Hinsicht ist, durch eigene Maßlosigkeit und Ignoranz die Huld des Monarchen verscherzen wird.

Doch davon ist längst noch nicht die Rede: Immerhin gehört Olympia seit kurzem als Obersthofmeisterin der unscheinbaren jungen Königin, Maria Theresia von Spanien, die ihrem Ludwig im Laufe der Zeit brav sechs Kinder gebären wird, zur Spitze des adeligen Dauerkarnevals, wie er hier, im Louvre, tobt – bei Spiel, Alkohol, Tanz und Liebe.

Ja, Olympia trägt sogar den pompösen Titel einer Surintendante und wird ehrerbietig Madame la Comtesse genannt …

Sie grinst, dann muss sie gähnen.

Ludwig XIV. neben ihr, der spätere Sonnenkönig, schnarcht. Kein Wunder – man hat es ziemlich handfest und lendenintensiv getrieben.

Das Experiment

Pater Jérôme bringt zwar nichts allzu leicht aus der Fassung. Doch was ihm der greise Prior Étienne des Phalles, sein allmählich auch nur mehr aus Haut und Knochen bestehender, merklich weniger würdevoll als eher schon ausschließlich skurril wirkender Chef, zu so früher Stunde – jetzt beginnen draußen sogar die ersten unter den wetterfesteren Vögeln, noch einigermaßen zaghaft ihr Lied in die herbstliche und dementsprechend kühle Morgenluft hinein abzusondern –, also, was ihm sein Boss da so mir nichts, dir nichts eröffnet, das wäre glatt dazu angetan, einen umzuhauen.

Gut, das weiß Jérôme aus eigener Erfahrung: Dominikaner zu sein, bedeutet ein wenig anders zu ticken, als es die Mitglieder der meisten übrigen Orden tun. Auch (oder gerade) in dieser so angespannten, brodelnden, irgendwie vor einer Explosion stehenden Zeit.

Doch immerhin: Was dieses früh-gealterte Gerippe, dieser eigenbrötlerische Prior Étienne des Phalles, da vorhat, übersteigt ohne Frage das normale Maß an Eigenart noch erheblich.

Außerdem: Diesmal fährt der alte, nicht zu Unrecht als komischer Kauz verschrieene Dominikaner und Ex-Inquisitor in seiner Bizarrerie (bei der längst nicht mehr klar ist, ob es sich um beinahe schon ekstatische, übersteigerte Frömmigkeit oder, ganz im Gegenteil, um ekliges Teufelszeug eines ihm innewohnenden After-Geistes handelt, der womöglich längst schon von Étienne Besitz ergriffen hat) in der Tat recht ordentliche Geschütze auf.

Wobei der, wenn man es recht bedenkt: immer noch schlaue Fuchs das Ungeheuerliche seiner Rede, geschmückt durch die erstaunlicherweise allemal vorhandenen Reste der da und dort durchblitzenden durchaus beachtlichen Rhetorik des ehemaligen peinlichen Befragers, gleich einem unausweichlichen Trommelfeuer ins Ohr und Herz seines Untergebenen pflanzt. Neben jeder Menge Spucke, die er ungebremst seinen beinahe gänzlich zahnlosen Mund passieren lässt. (Wir wissen, das Bild mit dem ins Ohr und ins Herz gepflanzten Trommelfeuer ist schief; aber wer würde angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten wohl noch auf die Schönheit der Metaphern achten?! Anm.)

Prior Étiennes Plan in wenigen (und nicht so aufgeblähten) Sätzen.

Er, Étienne des Phalles, der Prior von Grandville sur Fichée, habe gehört, dass es ganz in der Nähe kürzlich eine menschliche Zwillingsgeburt – und Mehrlingswürfe seien, das wisse Pater Jérôme selbst (als der übriggebliebene Teil eines solchen familiären Gespanns) wohl am besten! -, kurz also, er wisse davon, dass sich ganz in der Nähe kürzlich eine solche Zwillingsgeburt zugetragen habe.

Jérôme auf den Tod seines Zwillingsbruders anzusprechen, ist ein fieser Schachzug. Wenn das Ètienne so geplant hat, mag das genial wirken; wahrscheinlicher jedoch ist, dass es dem alten Sack bloß herausgerutscht ist wie manches andere, was er so dahin-brabbelt.

Nun wirst denn also du, Jérôme, auf den ausdrücklichen Wunsch deines Priors, also meiner Wenigkeit, und den des ganzen Konvents von Grandville sur Fichée (selbstverständlich überaus diskret!) versuchen, den Eltern – es sind übrigens bloß mehr oder minder verarmte Kleinadelige aus der Gegend hier – ihr eben erst geborenes Brüderpaar um ein paar Groschen abzukaufen. Und wenn du ihnen irgendetwas vorlügen musst, denk‘ daran, dass es schließlich zu einem guten Zweck und zu einem höheren Ziel geschieht … Dann werden wir die beiden Knaben, um solche handelt es sich nämlich, taufen und in der Abgeschiedenheit des Konvents aufziehen.“ (Denn kaum etwas eignet sich ähnlich vorzüglich, um Menschen – und wenn es sein muss: für immer – verschwinden zu lassen, als obskure Verließe und kaum genutzte Kellerräume, zumal in alten Klöstern. Leben darin doch [zumindest neben schaurigen Schatten der Vergangenheit auch] Lügen, jede Menge Lügen … Anm.)

Wozu?, denkt der jüngere Dominikaner irritiert, sagt jedoch vorsichtshalber nichts. (Er weiß, dass Étienne immun gegen intellektuelle Argumente ist, wenn er sich einmal etwas in den alten Dickschädel gesetzt hat … Übrigens: Was das Belügen der armen Eltern betrifft, hegt Jérôme etwas differenziertere Ansichten. Er duldet nämlich die Lüge im Grund genommen gar nicht, auch wenn er ihren Wert als Mittel zum Zweck sowohl in kirchlichen als auch in weltlichen Bereichen nicht leugnen kann. Allein schon seine mitunter aufblitzende Beziehung zur Sprache zeigt den Dominikaner-Pater als sensibilisiert, was das fragile Verhältnis zwischen moralischer und linguistischer Ebene betrifft, wenn es just um die Lüge geht. Anders gesagt: Er würde die Eltern der Zwillinge lieber nicht [und schon gar nicht so dreist, wie es der halbwegs demente Prior Ètienne von ihm verlangt] belügen, was die Zukunft ihrer Kinder betrifft. Aber er weiß, dass er es letztlich tun wird: aus Gehorsam – und aus Neugier auf die weitere Entwicklung. Denn Lügen, das ist dem Geistlichen klar, sind nie Endpunkt, sondern fast immer Beginn, manchmal wohl auch Katalysator, weiterer Entwicklungen. Anm.)

Aber hör‘ weiter!“, fuhr indessen Étienne des Phalles in seinem Sermon fort. „Dann wirst du, Jérôme, natürlich mit meiner Hilfe und unter meiner Obhut und Verantwortung, die beiden Knaben also hier, im Kloster, mit aller gebotener Sorgfalt großziehen. Natürlich, dabei sollen und werden dir (was weiß ich) Ammen, Pfleger, diverse Kinderfrauen et cetera behilflich sein. Aber, jetzt kommt es: Du wirst den kleinen Jean-Paul und den ebenso kleinen Jean-Henri, denn auf diese hübschen Doppelnamen werden wir die beiden Racker taufen, du wirst jeden – vom anderen gesondert, allein für sich – erziehen! Ja, die beiden werden keinen blassen Schimmer davon haben, wer sie sind und wie es mit ihrer Abstammung aussieht. Besonders, dass sie über einen Bruder, einen Zwillingsbruder sogar, verfügen, wird ihnen verborgen bleiben. Ist das klar?! Nichts sollen sie wissen! Nochmals: Nichts! Weder über ihre Herkunft, noch davon, dass sie quasi doppelt vorhanden sind!“

Jérôme zögert immer noch mit seiner Reaktion. Einerseits will er sich nicht den Unwillen des in letzter Zeit oft ziemlich heftigen Vorgesetzten zuziehen; anderseits beginnt ihn, er muss das zugeben, das Experiment selbst zu interessieren. (Lügen hin, Lügen her …)

Doch dann lässt der verblödete Prior Étienne des Phalles die ganze Katze aus dem unsauberen Sack: Pater Jérôme werde den einen, Jean-Paul, zu größter Gottesfurcht, keusch und gläubig erziehen und solcherart optimal für den Priesterberuf vorbereiten. Den Zwillingsbruder, Jean-Henri, hingegen müsse der untergebene Ordensbruder unbedingt „zu einem kleinen Filou, ja, zu einem geilen Böcklein“ (und des senilen Dominikaners Stimme vibriert in einer skurrilen Art von rudimentär, in lächerlichen Resten noch verbliebener Wollust) großziehen, „damit er zuletzt dann wie geschaffen sein wird für das Lotterleben bei Hof!“

Ètienne macht eine Kunstpause und schnauft laut auf, sodass es im Kreuzgang widerhallt.

Na, was sagst du, Bruder Jérôme?! – Ja, und nach circa zwanzig Jahren entlassen wir dann den ehedem kleinen Jean-Paul und seinen Zwillingsbruder Jean-Henri hinaus in die schlechte Welt. Mit unseren besten Wünschen für die Zukunft. Amen.“

Das alte verblödete Ekel grinst zahnlos und hämisch vor sich hin, ganz Selbstgefälligkeit.

Aber“, entfährt es da dem bisher konzentriert und ruhig Zuhörenden.

Kein Aber!“ Die Stimme des Priors schwillt ärgerlich zu grollendem Krächzen an. „Wir werden natürlich von ferne beobachten, wie sich unsere Erziehung auf das Bubenpaar ausgewirkt hat und was weiter aus dem frommen und gottgefälligen Jean-Paul und seinem liederlichen und totaliter verderbten Brüderchen Jean-Henri so wird …“

Die Zwillingsbrüder, die Lüge. Letztere, einmal quasi kunstvoll in die Wege geleitet, egal eben, ob schnöden Mammons wegen oder, um einen gesellschaftlichen Vorteil zu erzielen: Sie geht Pater Jérôme allemal noch mehr gegen den Strich als das ganze verdammenswerte Experiment selbst. Er leidet darunter. (Nicht dass er glaubte, die Wahrheit sei ein derartig schützenswertes Etwas, dass deshalb allein schon jeglicher Streit für sie nobel wäre, billig und recht. Nein, er kennt sogar die in der Tat wahren Lügen, die hinter den angeblich wahren Wahrheiten [und nicht zu selten!] stehen; aber es widerstrebt ihm, selbst unter dem Deckmantel sophistischer Spiegelfechterei aus dem berühmten X ein nicht minder berühmtes U zu machen. Auch Bedeutung, Meinung, Text und Kontext [und was die Linguistik noch so alles an Gegensatzpaaren und sprachlichen Abschattierungen bieten mag] machen ihm nicht zu schaffen; nein, das tangiert ihn alles nicht sonderlich.

Es ist vielmehr die ursprüngliche Rede-Unschuld, mit der er sich hier aufs Ärgste konfrontiert sieht. Eine Unschuld, die ihre Qualität aus der vollkommenen Entsprechung mit dem Vertrauen des Gesprächspartners schöpft. Dieser Unschuld, das merkt er, beginnt er gerade, angesichts des perversen Auftrags seines Oberen, verlustig zu gehen.)

Eine Schweinerei ist es, das weiß Jérôme genau, eine Schweinerei gegenüber den Buben; den in Not lebenden Eltern. Und der Deal? Ein Verbrechen. Nichts weiter als ein Verbrechen.

Doch das Experiment nimmt seinen unschönen Lauf; und das entgegen aller angeblich christlichen Nächstenliebe.

Aber auch prinzipiell läuft hier alles gegen jede Sitte und gegen jedes Ehrgefühl; ja, gegen alles, was man mit Moral umschreiben könnte. Denn just die Moral wird hier aufs Ärgste kompromittiert und pervertiert. Zur After-Moral.

Warum? Damit einem fehlgeleiteten Greis noch einmal in seinem (längst unnützen) Leben ein Beweis seiner Tauglichkeit auf dieser untauglichen Welt ermöglicht werde? Um diesem verbohrten Trottel ein einziges Mal noch – das aber mit Verve, Tschinderassa und Hopphopp! – das Gefühl von Macht zu geben? Den Schein von Einfluss auf den Gang der Dinge?

Nachher wird sich zumindest Pater Jérôme Vorwürfe machen.

Er wird seine jämmerliche Haltung auch nicht bloß auf die Schwäche des Fleisches zurückführen; denn dazu ist er immerhin zu intelligent.

Aber Ausreden werden es allemal sein, auf die er schließlich verfällt. Und eine Tat wird dennoch von ihm verlangt werden, zuletzt. (Soviel sei hier schon verraten. Anm.)

Spieltische und Lustgemächer

Jean-Paul und Jean-Henri. Warum gerade ersterer zum – in Maßen immerhin – glaubensfesten, freilich mönchisch (dominikanisch) konsequenten, zumindest nach außen hin hundertprozentig gottesfürchtigen jungen Mann heranwuchs, während sein Zwillingsbruder Jean-Henri dem Willen Prior Ètiennes und den Plänen des gemeinsamen Mentors, Pater Jérôme, entsprechend zu einem Ausbund an (beinahe schon halluzinierten) Ausschweifungen und Wunschvorstellungen enorm plastischer weltlicher Gelüste heranreifte – und nicht umgekehrt? Laune des Glücks (oder Unglücks), Schicksal oder Zufall? Wir wissen es nicht.

Fest steht indes, dass beide ihre jeweilige Richtung überaus konsequent beschritten.

Jean-Paul wurde also zu einem im Glauben weitgehend sicheren Mann Gottes. Einem ganz kleinen (so kam es ihm zumindest vor). Einem Männlein Gottes vielleicht. Einem Gotteszwerg. Und: Er wurde dabei von ungeheuerlichen Albträumen geplagt; gerade so, als ob sein junges Leben dort fortsetzen sollte, wo das des verrückten Priors und Ex-Inquisitors Étienne, der, seit Zeiten immer wieder gewählt, dem Kloster Grandville sur Fichée vorstand, gerade eben endgültig begann aufzuhören … (Wovon er sich indes keine Vorstellungen zu machen getraute, weil er den Zustand des alten Priors, den er zudem nur ein paar Mal in den zwanzig Jahren seines unfreiwilligen Aufenthalts hier, in diesem alten Gemäuer, überhaupt zu Gesicht bekommen hatte, genauso für gottgegeben [und folglich auch gar nicht weiter diskutierbar] hielt wie das Wetter, päpstliche Anordnungen oder Verdauungsprobleme.)

Er machte jedenfalls die schlimmsten Schrecken durch, die man sich denken kann, beinahe so schlimm, als dass daraus eine Art pervertierter Ekstase entstehen und sich herausbilden hätte können. (Obschon er da beschämt und weit abgeschlagen verbleiben musste im Schatten der großen Mystikerinnen und Mystiker; so herrliche [und durchaus erotisch gefärbte] Ekstasen, wie sie etwa Theresa von Avila, Mechtild von Magdeburg oder diverse Kolleginnen und Kollegen zu verzeichnen hatten, blieben Jean-Paul versagt. Seine Stimme im Chor der besonders ekstatisch-geilen Nonnen und der erigiert nach Maria schmachtenden Mönche nahm sich vergleichsweise mickrig aus; zudem war es ihm auch nicht vergönnt, zum Exempel in die delikate Mystik der Vorhaut des Herrn Jesu Christi vorzudringen, zumal dargeboten als Verlobungsring für auserwählte Jesusbräute. Doch vielleicht war das auch besser so; wer weiß, ob er ihn überhaupt ertragen hätte, diesen Ansturm übersteigerter Lust, der, so paradox es klingen mag, ja erst aus der strikten Ablehnung der Sexualität und aus der Verdammung des Körpers beziehungsweise seiner Organe als Jauchengruben und Fäkalplätze entstehen hatte können. Just diese strikte Ablehnung freilich der Sexualität und die Verdammung des Körpers hatte – laut Meinung der Kirchenväter – unbedingt beobachtet zu werden.)

Es waren Eindrücke und Bilder, in denen ihm immer wieder die Hölle plastisch vor Augen geführt wurde; freilich nicht so sehr als ein gottferner (und daher [geistig] unerquicklicher) Ort der Trauer und Leere, sondern als eine farblich und inhaltlich an Foltergräuel und körperliche Peinigung gemahnende Location des Widerwärtigen. (Solche Abbildungen hatte ihm sein eifriger Lehrer in alten Codices und Folianten nachgeschlagen und – offensichtlich nicht ohne Lust – gezeigt. [Irrtum: Bei Jérôme war es tatsächlich die Pflichterfüllung.])

So ängstigte sich Jean-Paul tagsüber, aber noch mehr des Nachts; und erst recht in seinen allzu plastischen Träumen! Nicht nur, dass er jedes Mal danach, frühmorgens, in Schweiß gebadet erwachte von all dem Spuk, nein, sogar sein bisschen verbliebene Lebenslust in den (halbwegs) hellen Zeiten des Tages hielt sich solcherart in engen Grenzen.

Er fühlte sich ausgelaugt, krank, ja: elend.

Ganz anders war die Kindheit und Jugendzeit, wie man sich gut vorstellen kann, bei Jean-Henri verlaufen. Für den Zwillingsbruder galt es schließlich, später dann ein- und hinabzutauchen in die Glitzerwelt des Hofes, wo Spiel, Spaß, Tändelei und Intrige regierten nach einem alles ordnenden Ritual. Und dazu war ganz anderes Rüstzeug vonnöten.

Dank seiner Munterkeit, seines Merkvermögens und seines aufgeweckten Geistes – auch hier hatte Pater Jérôme, das Vorhandene unterstützend und entsprechend ausbauend, durchaus gute Arbeit geleistet! -, dank seiner Munterkeit also schien Jean-Henri beinahe perfekt auf die neuen Aufgaben vorbereitet zu sein. Außerdem war der adrette junge Mann durchaus imstande, sich rasch auch auf unvorhergesehene Ereignisse einzustellen; dort, sozusagen: blind oder zumindest automatisch zu reagieren, wo tatsächlich Neuland herrschte und womöglich die eine oder andere Falle lauerte. Egal, ob in Form einer hinterhältig gestellten Fangfrage oder eines weibliche Schönheit mehr entblößenden denn verhüllenden Dekolletés.

Er tat, was er tat, mit der Forschheit des unternehmungslustigen und neugierigen Burschen, des knapp über Zwanzigjährigen also. Und Jean-Henri fühlte sich, aufgewachsen letzten Endes in einem Verließ (wenn auch mit einigem Luxus [selbst wenn ihm weder die Begriffe Verließ noch Luxus etwas sagten] ausgestattet), auch nicht als albernes Landei, weil er eines war, sondern bloß, weil Pater Jérôme ihn wiederholt auf diesen, seinen Status aufmerksam gemacht hatte – mit aller Konsequenz. (Wie hätte er aber auch seine Position selbst einschätzen können, da ihm doch absolut keinerlei persönliche Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung standen?! Denn das, was ihm der Pater zum Lesen gegeben hatte, war etwas anderes; auch wenn er, zugegeben, auch daraus etwa hatte lernen können …)

Also eroberte sich der junge hoffnungsvolle Neuling Schritt für Schritt an Terrain in dieser gleißenden Welt des Scheins. (Und musste bald erkennen, dass just das Licht bloß ein recht sparsam eingesetztes Instrument war in den Gängen und Nischen des Louvre, wie auch später dann, als man von hier nach Versailles übersiedelte. Es war so, als gelte es, die oberflächlich elegante, in Wahrheit jedoch durchaus unsichere und brüchige Epoche nicht über Gebühr auszuleuchten. Jedenfalls mochte für den Unachtsamen hinter jeder Ecke eine unangenehme Überraschung lauern; und mancher Hals- wie Beinbruch … Anm.)

Doch grosso modo gefiel Jean-Henri das Leben, hier bei Hof. Und besonders die schön herausgeputzten Frauen – ob sie nun gewaschen waren oder nicht – faszinierten den jungen Mann; aber auch die Atmosphäre rund um die Spieltische übte einen besonderen Reiz auf ihn aus. Da, wo ein paar Würfelaugen oder diverse Kartensymbole zwischen Glück und Unglück, zwischen Gewinn und Verlust entschieden, war eine so eigenartige Spannung spürbar: Das alles elektrisierte ihn, brachte seine Nerven zum Vibrieren und sog sich in den Fasern seines Inneren fest. Ja, es war – er kannte es nur noch nicht als Phänomen – Sucht. Konnte zumindest zur Sucht werden.

Dabei diskutierten die Gäste nicht selten über Gewinn-Theorien (besonders die, denen, wie es schien, das Glück absolut nicht hold war), und mancher entpuppte sich als – zumindest – dilettierender Mathematiker. Und auch die wirklichen, die anerkannten Denker, Philosophen und Rechengenies, sie hatten quasi die Pflicht, das Ihre beizutragen zum Thema.

Einige Jahre zuvor hätte Jean-Henri womöglich sogar den großen Philosophen, Physiker und Mathematiker Blaise Pascal selbst so manche Nacht am Spieltisch angetroffen. Hätte, wie gesagt, und in zweifacher Hinsicht bloß konjunktivisch. Denn Pascal (sehr viel später dann gar zu einer Programmiersprache geschrumpft), der eminente Kopf, litt nämlich in jungen Jahren schon an einer seltenen schweren und äußerst schmerzhaften Krankheit, die ihm einen Aufenthalt bei Hof in der hier obwaltenden Lautstärke und Sinnenflut mit Sicherheit unmöglich gemacht hätte. Da konstruierte er lieber Rechenmaschinen – wenngleich naturgemäß noch ohne Gedächtnis und längst nicht programmierbar – und tüftelte an komplizierten Gottesbeweisen.

Doch, sozusagen: im Geist war Pascal mit dabei an den Spieltischen. (Und das nicht, weil er etwa auf das Glücksspiel an sich so sehr erpicht gewesen wäre, sondern weil ihn die mathematischen Probleme dahinter faszinierten. Wobei der Mathematiker und Philosoph besonders in Sachen Wahrscheinlichkeit vom banalen Spielverlauf auf das immerhin eminente Verhältnis zwischen Menschlichem und Göttlichem schloss. Übrigens: Auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die sich mit der Gesetzmäßigkeit zufälliger Ereignisse beschäftigt, würde viel später, zur Grundlage der mathematischen Statistik werden – und solcherart ihre Unschuld verlieren. Anm.)

Dann freilich widerfuhr Pascal im Jahr 1654 sein Damaskus, seine an den biblischen Saulus erinnernde Wandlung, die er in der Schrift Das Memorial (enthalten in den Pensées sur la religion) schildert. Und ein Jahr später wird sich der 1623 in Clermont-Ferrand geborene Denker gänzlich von der Welt abwenden und in die Klostergemeinschaft der streng-religiösen Nonnen von Port-Royal zurückziehen. (Doch im Streit der angeblich so weltgewandten Jesuiten, die Pascal a priori nicht hatte ausstehen können, mit den von ihm bevorzugten Jansenisten muss er sich noch einmal exponieren. Schließlich löst der König von Frankreich das Kloster Port-Royal auf, und auch der Papst bezieht entschieden Stellung gegen die Lehre des holländischen Bischofs Cornelius Jansen, wie der sie in seinem posthum erschienenen Werk Augustinus vertreten hatte. Für Papst Urban VIII. ein gefundenes Fressen für Interdikt und Verfolgung … Und Blaise Pascal stirbt anno 1662 in Paris. Im Jahr 1669 werden übrigens, ebenfalls posthum, Pascals Pensées erscheinen, diese feinen, geistreichen [fiktiven] Dispute über die Beziehung zwischen Mensch, Kosmos und einem [möglichen] Gott. Anm.)

Als der junge Jean-Henri de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux (zumindest glaubte er, so zu heißen und von dort zu kommen), zugegeben: damals – mindestens in der Theorie, nämlich durch seinen dominikanischen Erzieher Pater Jérôme – schon einigermaßen verderbt, in die angeblich so glänzende Hofgesellschaft am Louvre zu Paris eingeführt wurde, da war der berühmte Physiker, Mathematiker und Philosoph also schon seit zehn Jahren tot. Pascals Ruhm wirkte indes weiter, hatte er – mit anderen Mathematikern gemeinsam – doch, eigentlich zur Eindämmung der für manche Adelige verheerenden Glücksspielmanie, die am Hof grassierte, die Wahrscheinlichkeitsregel aufgestellt. (Jetzt verloren die Knallköpfe zwar weiterhin ihre feste und bewegliche Habe sowie ihr Vermögen, aber findige Mathematiker konnten ihm Nachhinein beweisen, warum es so und nicht anders hatte kommen müssen …)

Pascals Regel ging von der Überlegung aus, dass zunächst einmal Gewinn und Verlust im Spiel Chancen-gleich seien. (Das war wohltuend un-metaphysich und ließ sich durchaus mathematisch beweisen …)

In der Folge sollte das so wichtige Wahrscheinlichkeitskalkül jedoch nicht nur Blaise Pascal und seine prominenten Kollegen (etwa Pierre de Fermat, den Chevalier de Méré und Cristiaan Huygens) beschäftigen, sondern immerhin auch in den Nouveaux Essais des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz Erwähnung finden.

Außerdem jedoch stellte Pascal, der eine recht prominente Nonne zur Schwester hatte, nämlich Jacqueline, und über den Vater, Étienne, in den Beamtenadel hineingeboren worden war, eine (zumindest für damalige Verhältnisse) erstaunliche Balance zwischen Wissenschaft und Religiosität her; und das in einer Zeit, da sich das wissenschaftliche Weltbild in einem fundamentalen Umbruch befand. Die Methode der Scholastik erwies sich als überholt, und eine neue Mathematik, nämlich die analytische Geometrie, trat der Physik helfend zur Seite.

Schließlich freilich waren es Geistesgrößen wie Blaise Pascal, die so manchen wichtigen Denkanstoß gaben – auch außerhalb des rein Wissenschaftlichen. Und noch etwas: Von seinen spielsüchtigen Zeitgenossen damals freilich unbeachtet, können seine spieltheoretischen Modelle bis heute auch ganz allgemein zur Grundlage rationaler Entscheidungen unter Unsicherheit herangezogen werden. (Anm.)

Doch soll hier, am Rande, auch auf Pascal, den quasi skeptischen Gottesbeweiser, kurz hingewiesen werden. Die Pascal’sche Wette hatte gegenüber den bis dato fruchtlosen Versuchen philosophischer Gottesbeweise den Vorteil der einigermaßen lockeren Anwendbarkeit. Und: Pascal formulierte (für seine Zeit recht kühn), dass es – ungeachtet der (nicht beweisbaren) Existenz Gottes – zumindest von Vorteil sei, ein gottesfürchtiges Leben zu führen und so gegebenenfalls als Lohn himmlische Seligkeit entgegennehmen zu dürfen. (Denn unter bestimmten Voraussetzungen wären sogar die Beweggründe für ein gottgefälliges Leben unerheblich; einschließlich der Existenz Gottes …) Quasi nach dem Grundsatz, wenn es nichts nützt, so schadet es nichts, böte also ein sündenfreies Leben mehr Chancen auf Gewinn als ein lasterhaftes; denn die paar irdischen Vergnügungen, um die man als ordentlich lebender Christenmensch auf diese Weise käme, die fielen kaum ins Gewicht (glaubte zumindest der Denker).

Jean-Henri ging es, wie den meisten mehr oder weniger leidenschaftlichen Spielern freilich nicht um die Wahrscheinlichkeit von Gewinn oder Verlust in der Theorie, sondern um den Gewinn oder um den Verlust in der Praxis. Und auch Pascals in den (weitestgehenden fragmentarischen) Pensées dargelegte Argumente, warum es vorteilhaft sei, an Gott zu glauben, auch unter Einbeziehung der Möglichkeit seiner Nicht-Existenz, kümmerten den jungen Adeligen und seine lebenslustige und genusssüchtige Clique kein bisschen. Man lebte in die Nacht hinein und ließ auch schon mal fünfe gerade sein. (Was dem Mathematiker in Blaise Pascal vermutlich überhaupt nicht gefallen hätte. Auch posthum nicht.)

Doch auch sonst tut sich einiges.

Man schreibt das Jahr 1673. Und der später so glänzende Feldherr sowie vermutlich Europas einflussreichster Diplomat, Prinz Eugen von Savoyen, ist gerade einmal zehn Jahre alt. Da passiert es: Der Gatte Olympias, Eugen Moritz, Graf von Soisson und Dreux (zur Erinnerung: mütterlich aus dem Haus Bourbon kommend, väterlich als Sohn des Thomas Franz, Prinzen von Carignan, wiederum über dessen Vater, Herzog Karl Emanuel I., mit Savoyen, über die Mutter, Catharina, eine Tochter des spanischen Königs Philipp II., mit den Habsburgern verwandt), Eugen Moritz also ist eben auf dem Weg in den Holländischen Krieg. Ein Jahr zuvor noch hat er sich unter dem berühmten Marschall von Turenne bei Charleroi wacker geschlagen; jetzt ist er also auf dem Rückweg von Paris nach Westfalen; er erkrankt und segnet bald darauf in Unna das Zeitliche.

Zwar gibt es, wie in dieser Zeit üblich, gleich Gerüchte über eine etwaige Vergiftung des Eugen Moritz. Doch fördern auch genaue Untersuchungen, die sogar der König selbst in Auftrag gibt, kein diesbezügliches Ergebnis zu Tage. Immerhin, ein leiser Verdacht gegen seine Witwe, Olympia, die Nichte des ehemaligen Kardinals Mazarin, die langjährige Obersthofmeisterin, die Surintendante der Königin Maria-Theresia, die gleich gefürchtet ist, wie sie beneidet wird, ein Hauch eben des Verdachts der insgesamt unbeliebten Madame la Comtesse gegenüber bleibt. (Außerdem wird ihr Name wenige Jahre später öfter in den Akten der – auf den Rat des einflussreichen Kriegsministers François-Michel Le Tellier, des Marquis de Louvois, hin – eingerichteten Sonderkommission, genannt Chambre ardente, erscheinen. Und nicht zuletzt dieses Misstrauen zerstört dann in der berühmten Giftmord-Affäre rund um die der Hexerei bezichtigte Catherine Monvoisin, genannt La Voisin, und ihre finsteren Magier-Gefährten, mit denen Olylpia geraume Zeit schon nachweislich engen Kontakt gepflegt hat, schließlich das länger schon angeknackste Vertrauensverhältnis zu Ludwig XIV. endgültig: Die ehemalige Gespielin der Kindertage und spätere Mätresse wird 1680, die drohende Verhaftung vor Augen, für immer ins Exil gehen. Anm.)

Doch jetzt ist es noch nicht so weit. Olympias Stellung, zwar längst nicht mehr so glänzend wie vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, ist immer noch eine einflussreiche. Jetzt wäre womöglich der Weg für den jungen Jean-Henri frei zur allemal noch attraktiven Olympia von Soissons. Oder? (Hat nicht etwa ihre Schwester Marie eine sehr intensive Beziehung zum König gehabt, vor 1660? Hat sich nicht ihre andere Schwester, die schöne Hortense, die Herzogin von Mazarin, sogar einen Berberprinzen als mehr oder minder heimlichen Liebesgespielen gehalten? Waren nicht die Mazarinetten in der sogenannten besseren Gesellschaft immer noch als legendäre höfische Partyluder nur in allzu guter Erinnerung?)

Nein. Für Olympia (die ihm, zugegeben, als um gut ein Dutzend Jahre ältere Frau denn doch auch schon etwas zu abgegriffen wäre) käme er vermutlich gar nicht in Frage. Wie auch. Und: Was ist er denn, und was hat er?! Er, aus verarmtem Provinzadel stammend, aus welchen Gründen auch immer nicht von den eigenen Eltern, sondern im Kloster Grandville sur Fichée aufgewachsen und von einem schrulligen Pater namens Jérôme erzogen? Er, Jean-Henri de Clairemont-Frême aus Lussac-les-Châteaux, einem Flecken in der Nähe besagten Klosters, zufällig auch dem Geburtsort der Marquise de Montespan, der langjährigen Mätresse des Königs?

Doch vielleicht die anderen ganz großen Frauen im Dunstkreis des Herrschers? Dass sie alle um einiges älter waren als er, wäre noch zu ertragen gewesen: Augen zu und durch! Aber: Wer war er tatsächlich, verglichen mit ihnen allen?! Ein Nichts!

Außerdem: Warum, bitte, sollte sich beispielsweise eine Françoise de Rochechouart de Mortemart, Marquise de Montespan, die sich in jungen Jahren den zauberischen Phantasienamen Athénaȉs gegeben hatte, überhaupt für das unbekannte, weitgehend namenlose – war kennt schon Jean-Henri de Clairemont-Frême, der auch selber kaum wen kennt, hier im Louvre? – und noch ziemlich unbeholfene, knapp 20jährige Landei interessieren?! Da mögen seine Haut noch so zart und seine Lenden noch so stark sein … (Außerdem: Sie hatte vermutlich genug zu tun mit der Zukunftsvorsorge für die Kinder, die sie mit dem König hatte und von denen sechs sogar legitimiert wurden im Lauf der Zeit.)

Oder die langjährige Maitresse royal en titre, dereinst eine der einflussreichsten Damen am Hof, die immer noch strahlend schöne Louise Françoise de la Baume Le Blanc, Herzogin von La Vallière und Vajours (meist bescheiden Madame de Vallière genannt)? Die Offizierstochter aus Tour mit der kometenhaften Karriere, die über das Bett des Königs und die Stellung einer Ehrendame der Henrietta von England, der ersten Frau des schwulen Königsbruders Philippe de Bourbon, des Duc d’Orleans, geführt hat? (Sie wird übrigens, realiter längst schon abserviert von Ludwig XIV., im Jahr 1674 schließlich bei den Karmelitinnen von Foubourg Saint-Jacque in den Schoß der Kirche finden … Anm.)

Oder gar die fromme, stets schwarz gekleidete Françoise d’Aubique, Marquise de Maintenon? Just sie, die obendrein, Jahrgang 1635, die Älteste der Damen war, just sie sollte sich für den jungen Habenichts aus der Provinz interessieren? Diese von einem hugenottischen Vater und einer katholischen Mutter abstammende, zunächst von der neuen Favoritin Ludwigs, der Marquise de Montespan, geförderte und hauptsächlich als Erzieherin von deren unehelichen Königskindern eingesetzte, immer so auffallend ernste Frau? (Die Maintenon, Witwe nach dem bekannten, alten und kränklichen satirischen Schrifsteller Paul Scarron, wird sie sich, ehrgeizig und zielstrebig, bei Hof weitestgehend unverzichtbar machen und nach dem Tod der Königin Maria Theresia (oder Marié Thérèse) schließlich, 1683, König Ludwig XIV. sogar zur morganatischen Ehe mit ihr überreden. Als heimliche Königin überlebt sie Louis, der anno 1715 das Zeitliche segnet, sogar schließlich noch um vier Jahre. Anm.)

Nein, so viel Realist war der junge Jean-Henri aus der Provinz jetzt schon, dass er sich keine Protektion von so hoch oben erhoffte! Aber wie wäre es eine Ebene darunter?

Er denkt an eine oder einen der legitimierten Sprösslinge der Montespan: Könnte man sich da nicht, quasi unter Anspielungen auf die alte Nachbarschaft der Eltern, dort in Lussac-les-Châteaux, ein wenig einschleimen? Ja, wie wäre denn das?

Nein, die waren doch allesamt zu jung; sogar der Älteste von ihnen, Louis August, der Duc du Maine, immer noch um gut fünfzehn Jahre jünger als er, Jean-Henri! Ein Kind noch!

Da kam ihm abermals der Zufall und, in gewisser Weise, Olympia Mancini, die umtriebige Gräfin von Soissons, oder, exakter, deren Familie zu Hilfe; in Person ihrer jüngsten Schwester, Maria Anna, meist Marianne genannt, beziehungsweise deren Mannes, Godefroy Maurice de La Tour d’Auvergne, des mächtigen und angesehenen Herzogs von Bouillon. Doch da die beiden, die seit 1662 miteinander verheiratet waren, hauptsächlich aufgrund der einigermaßen liberalen Gesinnung der für Kunst, Musik und Literatur begeisterten Marianne den Hof die meiste Zeit mieden, kam die Unterstützung in seinem weiteren Karrierestreben für den jungen Jean-Henri über einen etwa gleichaltrigen Neffen des Herzogs, einen klugen und gewandten Mittzwanziger, mit Namen Philippe de La Tour d’Auvergne, zustande. (Philippe war der Sohn von Godefroys jüngstem Bruder, dem früh verstorbenen Sébastien, und dessen Frau Isabelle, übrigens einer aus dem Hause des Marschalls von Turenne stammenden Dame, die jedoch nach dem Tod des Gatten Äbtissin eines Klosters in der Nähe geworden war. Anm.)

Philipps Onkel, Godefroy, seinerseits ein Neffe des Marschalls und selbst ein tüchtiger Offizier, war in erstaunlicher Weise seiner Schwägerin Olympia ähnlich: In seiner Jugend ein begeisterter Tänzer, gewiegter Spieler und wohl auch Trinker, sah er sich in der Lage, dem sympathischen, strebsamen und recht geschickten Jean-Henri de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux in mancherlei Hinsicht einen wohlgemeinten Ratschlag zu erteilen. Und zum charmanten Cicerone sollte dem von seiner Anlage her anscheinend amüsanten Jean-Henri eben der quirlige Neffe des Herzogs dienen, besagter Philippe. Ging es doch darum, sich einen möglichst prominenten Platz innerhalb der eitlen Hofgesellschaft zu ergattern; denn die Hackordnung war streng, und der natürlichen Fressfeinde gab es genug. Ja, da konnte Flexibilität durchaus von Nutzen sein.

Man musste nämlich zunächst einmal die Hierarchie, wie sie in diesem aufgezwirbelten Biotop herrschte, verinnerlichen; man brauchte zudem ein gehörig ungehöriges Maß an Ellenbogentechnik und ein ausgeprägtes intrigantes Gespür. Gewissen war da schon weit weniger gefragt …

Ellenbogentechnik und Gespür, lauter Dinge, in die den jungen Jean-Henri der gewissenhafte Erzieher, Pater Jérôme, bestenfalls theoretisch einweihen hatte können. Von der gewinnbringenden, praktischen Anwendung des solcherart erworbenen Grundwissens verstand der brave Dominikaner freilich in der Tat kaum etwas. (Wiewohl er, was dem jungen Mann freilich unbekannt war, in der separat durchgeführten Erziehung seines Zwillingsbruders Jean-Paul sehr wohl auch praktische Erfahrung einzubringen imstand war: Ging es da doch um vergleichbar Einfaches, nämlich um die Einübung in das Gute …)

Ja, etwas Besseres als diesen Philippe de La Tour d’Auvergne und das Ehepaar Godefroy und Marianne im Hintergrund hätte dem unerfahrenen Provinz-Edelmann nicht passieren können! Egal, ob im Ballsaal bei diversen musikalischen Aufführungen, meist Balletten, oder am Spieltisch, ob bei erotisch-amourösem Getändel im Park oder bei den ausgiebigen Trinkgelagen in den diversen Zimmern: Der durchaus geeichte Philippe nahm den sympathischen Freigeist – den zu einem solchen hatte Pater Jérôme seinen Schützling schließlich erzogen! – gern und für diesen überaus nutzbringend unter seine Fittiche.

Bald war Jean-Henri in eine muntere Clique integriert, die sich ständig neue Späße ausdachte, keinem noch so bizarren Abenteuer aus dem Weg ging und die Nächte am Pariser Hof, hier im Louvre, so richtig genoss.

Philippe führte dem neugewonnenen Freund natürlich auch so manche schöne junge Dame zu (und manche reiche etwas ältere, wie noch zu sehen sein wird), während Maria Anna, auch Marianne genannt, höchstpersönlich (schließlich war sie früher einmal ja auch eine der berüchtigten Mazarinetten gewesen …), den gelehrigen Adepten in die Winkelzüge des Kartenspiels einweihte. Das Trinken lernte er von selbst.

Doch in der Zeit, da ihr Mann seinen militärischen Obliegenheiten nachgehen musste, frönte Marianne meist der Jagd; vor allem jedoch gab sie, was die persönliche Zusammensetzung betraf, durchaus intellektuell zu nennende Gesellschaften in Château-Thierry. Das Schloss war ein Zentrum der aktuellen kulturellen Strömungen, und – anders als bei Hof (im Louvre und bald dann auch in Versailles) – herrschte eine weitestgehend liberale Haltung, auch wenn man vorsichtig genug war, keine königsfeindliche Stimmung aufkommen zu lassen.

Ja, Marianne machte den jungen Jean-Henri hier mit wirklichen Geistesgrößen bekannt; mit kritischen Denkern, mit Gelehrten und Literaten, wie etwa dem damals schon sehr prominenten Fabeldichter Jean de La Fontaine, den sie und ihr Gatte zudem finanziell förderten. Der vielseitige Autor, der bald darauf unter anderem auch das Libretto zu Jean-Baptiste Lullys Oper „Daphné“ (von 1674) schreiben würde, war nämlich ebenfalls nicht besonders Hof-affin; doch ein eminent kluger und geistreicher Kopf.

Zurück zu den höfischen Unterweisungen. Philippe, der hilfsbereite und geschickte Neffe des Herzogs von Bouillon, unterrichtete Jean-Henri natürlich gewisser Maßen auch in der Kunst des höfischen Multitasting: So schön und begehrenswert konnte kein Weib sein, so Gewinn-versprechend kein Blatt und so süffig kein Wein – das Wichtigste durfte dabei nie aus den Augen verloren werden, nämlich die Chance zu möglichst attraktiven Intrigen! Denn sie waren es, die einem später und in Zukunft dann ein ständiges Weiterkommen sicherten. Galt es doch, Stufe für Stufe die Leiter des gesellschaftlichen Erfolgs zu erklimmen.

Dass es sich zudem um einen erregenden Streifzug durch schwüle Boudoirs, eine spannende Expedition durch das gefährliche Gebiet des Glücksspiels und um ein – gleichfalls das Straucheln niemals ausschließendes – durchaus feuchtes Pensum in Sachen Trinkfreudigkeit handle, wurde dem jungen Land-Adeligen alsbald einsichtig. Und Jean-Henri holte sich seine ersten einschlägigen Krankheiten, verlor entsprechend viel Geld und musste die üblen Folgen so manchen Rausches hinnehmen. Aber er lernte viel dabei.

Seine Instruktoren, Philippe und die Clique, standen ihm indes wacker zur Seite, und auch der Protektion durch Herzog Godefroy Maurice und die Herzogin Maria Anna von Bouillon durfte er sich weiterhin gewiss sein.

Und dann, sozusagen zu allem Überfluss, machte Jean-Henri de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux durch seinen Freund Philippe auch noch die Bekanntschaft der zwar schon ein wenig angejahrten, doch immer noch attraktiven Hortense de Badaudeu van Hoochen, der Witwe nach dem steinreichen niederländischen Tuchhändler Herman van Hoochen. (Hermans Vater Pieter Christiaan war in engem geschäftlichen und auch persönlichem Kontakt mit den Eltern von Godefroy Maurice, also mit dem alten Herzog von Bouillon, Frédéric Maurice de La Tour d’Auvergne, und seiner Frau Éléonore, einer geborenen de Bergh, gestanden …)

Die unternehmungslustige Hortense, etwa so alt wie (oder ein wenig älter als) Olympia de Soissons, fand den feschen Jean-Henri sogleich zum Anbeißen süß. Und so kam es, dass der junge Mann aus der zentral-französischen Provinz über kurz oder lang ausgesorgt hatte. Denn die kluge und kultivierte Hortense ließ ihrem jungen Liebhaber sämtliche Freiheiten; vorausgesetzt nur, dass auch er sich an die (sexuellen) Abmachungen zwischen ihnen hielt und stets für sie bereit war, wenn sie es wünschte …

Dass er seinerseits schon bald zum Spielball einer anderen Intrige werden würde, merkte er erst später. Zu spät. Und auch sie sollte mit Olympia von Soissons zu tun haben … Und sie würde mit dem Untergang des aufstrebenden Höflings Mitte der 1680er Jahre enden. (Anm.)

Pater Jérôme tötet den alten Prior

In ihrem unverantwortlichen und unmoralischen Experiment am lebenden Objekt hatten der verschrobene Dominikaner-Prior und Ex-Inquisitor Étienne des Phalles und sein devoter Handlanger, Pater Jérôme, herausfinden wollen, wie sich ein möglichst bald nach der Geburt von den Eltern und der Familie getrenntes Zwillingspaar unter so völlig anderen als den üblichen Gegebenheiten entwickeln würden. Eines der beiden Kinder – im vorliegenden Fall war es Jean-Henri – sollte Pater Jérôme möglichst liberal, ja: abseits strenger moralischer und schon gar religiöser Regeln aufziehen. Der andere, Jean-Paul, hingegen würde die strengste sittliche Erziehung erfahren, die man sich nur vorstellen konnte; ja, er hatte quasi auf einen gottgefälligen Lebensweg hingeführt zu werden. Ohne Wenn und Aber. Am Ende würde, so vermutete der verbohrte Prior Étienne in seiner Verblödung, der Wunsch des Buben oder jungen Mannes stehen, den Priesterberuf ergreifen zu dürfen.

Dies hätte für den alten Geistlichen, der von ärgsten seelischen Ängsten geplagt wurde, die längst schon ein pathologisches Ausmaß erreicht hatten, vermutlich eine Art von Gottesbeweis dargestellt. Denn in Wahrheit ging es bei dem ganzen inhumanen Experiment doch um ein Mittel, sein, Étiennes, eigenes Seelenheil zu sichern, das er, bedrängt von zunehmend starken Albträumen und Vorstellungen einer schier exorbitanten, von Schmerzen aller Art geprägten Hölle, längst verloren glaubte.

Gleichzeitig zweifelte der senile Dominikaner überhaupt an Gott – oder seiner bisherigen Vorstellung von ihm. Er verzweifelte an seinem Beruf, an seinem Leben, an seinem Daseinssinn. Sogar die ach! so großartige Inquisition schien im bald schon als Mumpitz.

Jérôme wiederum, der Pragmatiker, machte mit, weil er wohl wusste, dass der Alte ohnedies nicht ablassen würde von seinem einmal gefassten Plan; und sei der noch so abstrus und bizarr. (Ja, und wenn nicht er ihm hülfe, so täte das eben ein anderer Knecht in dominikanischer Mönchskutte [oder Soutane]. Am Furchtbaren des Experiments würde das nichts ändern, und auch nichts am traurigen Schicksal, das die beiden Zwillingsbrüder nun einmal erwartete. Und: Das Ganze schien, so inhuman es immer auch sein mochte, wissenschaftlich von Interesse zu sein …)

Jetzt waren über zwanzig Jahre ins Land gegangen. Und aus Jean-Paul war ein schüchterner Frömmling geworden, der sich zähneklappernd vor Lebensangst in den geräumigen Schoß der Mutter Kirche sehnte. Das und nichts anderes konnte er sich als Ziel vorstellen. Und nirgendwo anders war für ihn Geborgenheit (und wohl auch Sicherheit vor seinen Ängsten, die ihn wie in Schüben übermannten) möglich und denkbar.

Hätte er Blaise Pascal und dessen Wahrscheinlichkeitsregel zu Rate gezogen – er kannte allerdings weder den Philosophen und Mathematiker noch dessen Überlegungen -, hätte er, egal, wie immer auch sein Umfeld und sein Milieu beschaffen gewesen wäre, sich quasi für alle Fälle zu einem tugendhaften Leben entscheiden können und für Gott; ob es den nun gab oder nicht. (Vermutlich wären die Anlagen zum gläubigen Menschen bei ihm ohnedies [rein genetisch schon] stark genug ausgebildet gewesen; wodurch es ihm a priori erspart geblieben wäre, sich mit Fragen der Theodizee oder überhaupt der Wesenheit [der An- wie der Abwesenheit] Gottes herumzuschlagen. Warum sollte er …?! Anm.)

Aber – Jean-Henri? Der war auf dem besten Weg, ein liberaler Hurenbock zu werden, nicht ohne intellektuelle Interessen und Anlagen zwar, doch jetzt schon, nach kurzer Schnupperlehre am Hof, merkbar oberflächlicher und seichter geworden. Und er hätte, inmitten seiner mit bitterer Armut kämpfenden echten Familie und aufgewachsen in den ärmlichen klein-adeligen Verhältnissen, in die er hineingeboren worden war, vermutlich den selben Weg beschritten, wäre ihm dazu – auf welche wunderliche Weise auch immer – eine Möglichkeit geboten worden. Dazu hätte es der gezielten Erziehung zum Libertin gar nicht bedurft, der ihn der Dominikaner Jérôme im Auftrag des verrücken Priors von Grandville sur Fichée, dieses geistig total angeschlagenen Étienne des Phalles, unterzogen hatte.

So waren am Ende der gesetzten Frist von zwei Jahrzehnten, die der Versuch dauern hätte sollen, die eigentlichen Veränderungen also weniger an den unfreiwilligen Probanden, an Jean-Henri und Jean-Paul, festzustellen, als vielmehr an den beiden Gestaltern und Arrangeuren der ausgesprochen amoralischen Versuchsanordnung, an Jérôme und an Étienne. Hatte dieser auch mehr als noch vor über zwanzig Jahren unter seinen Albträumen, Schreckens-Halluzinationen und Horror-Phantasmagorien zu leiden, so machte jenem noch stärker als zuvor sein schlechtes Gewissen zu schaffen. Längst nämlich hatten bei Pater Jérôme Mitleid mit den unglücklichen Zöglingen und echte Bestürzung über sein eigenes Tun überhand genommen. Auch nützte es ihm kaum mehr etwas, sich auf den eigentlichen Verursacher all dieser Schrecklichkeiten, auf den senilen Prior Étienne des Phalles, auszureden. Er hatte das Böse getan all die Jahre hindurch. Er, Jérôme, hatte zwei unschuldige kleine Kinder manipuliert von Anfang an; hatte sie verführt und angelogen, bei allem, worum sie ihn gefragt hatten all die Zeit. Er hatte in zwei harmlose Menschen den Keim des Bösen, des Perversen, des nicht ihrer Natur Entsprechenden gesenkt und abgewartet, was daraus würde und wie sich das alles noch entwickeln könnte.

Da gingen also nicht Jean-Paul und Jean-Henri, die – jeder auf seine Art – seelisch unerhört malträtierten und geschundenen beziehungsweise auf etwas elegantere, vermeintlich angenehmere Art manipulierten Zwillingsbrüder, so besonders verändert (also anders, als sie sich unter anderen denkbaren Umständen, einfach der adäquaten Entwicklung innerhalb ihrer Familie entsprechend, modifiziert hätten) aus dem Versuch hervor. Nein, es waren die beiden vermessenen Experimentatoren selbst, die da zuletzt weitestgehend geschädigt und höchst mitgenommen dieser schauerlichen Dauerretorte entstiegen.

Doch jedes Experiment hat einmal ein Ende. Als der schlotternde Jean-Paul schließlich tatsächlich die Weihen erhalten hatte und Pater Jérôme von Jean-Henris Eroberung der ältlichen, doch überaus reichen Hortense de Badaudeu van Hoochen vernommen hatte, schien ihm der Zeitpunkt gekommen zu sein, die traurige Sache von sich aus für beendet zu erklären.

Was sollte es noch? Der eine Bruder würde ein seelisch verkrüppelter Priester werden; und seine eigenen Probleme künftig, so weit dies möglich wäre, auf seine Gläubigen überwälzen. Der andere, der allem Anschein nach das bessere (zumindest: das angenehmere) Los gezogen hatte, würde beweisen, dass mit Geld und leidlich guten Anlagen hinieden – sogar bei Hof – ein angenehmes Leben immerhin möglich sei. Egal, ob mit einer eigenen Familie im Hintergrund oder als hedonistischer menschlicher Solist.

Darum war es doch gegangen: Herauszufinden, ob sich zwei menschliche Wesen, ohne jedes Erbarmen dem Schoß der Familie entrissen, so wesentlich anders entwickeln würden als zwei weiterhin im familiären Netz geborgene. Oder ob womöglich allein die Erziehung, die ihnen offerierten Möglichkeiten, Werte und Aussichten schließlich ihren Lebensweg bestimmten. Und nicht so sehr das – zufällig durch die Familie, biologisch also – zugewiesene Milieu.

Was half ihm, dem inzwischen ebenfalls gealterten Jérôme, indes diese Erfahrung?

Einen Furz. (Und nicht einmal einen heiligen Furz.)

Doch Étienne, der inzwischen einiges über 80 Jahre alte, längst freilich schon geistig weggetretene Alt-Prior, wollte das nicht glauben. Er beharrte vielmehr darauf, dass just die Erziehung quasi in Einzelhaft Jean-Paul und Jean-Henri zudem gemacht hätten, was sie nun einmal geworden seien: ein gottergebener Priester und ein gewiegter, liberaler Lebemann. Vielleicht sogar mit der Anlage zum Wüstling. Das und nichts anderes!

So kam es zum Streit. Zum Streit zwischen zwei Dominikanern.

Und der Streit eskalierte schließlich zum Kampf. Zum Kampf auf Leben und Tod. (Wobei der eine der Kontrahenten, zugegeben, sich ohnedies schon mehr drüben als noch hier aufhielt.)

Und so erwürgte Pater Jérôme zuletzt das scheußliche Ekel, den verrückten Prior. Mit wenig Anstrengung, dafür jedoch mit viel Widerwillen.

Und nicht einmal im Affekt, sondern völlig klar im Kopf.

So klar, wie er vermutlich noch nie in seinem Leben gewesen war.

Der brave und der schlimme Bruder

Doch es hatte ja ein Davor gegeben – auch wenn sich Jean-Paul daran kaum mehr als schemenhaft erinnern konnte. (Übrigens: Seinem Bruder Jean-Henri erging es da ähnlich, nur spielt es für ihn kaum eine Rolle. Nein, der zweite der Zwillingsbrüder nahm das alles um einiges leichter; dafür hatte schon die ziemlich raffinierte Ausbildung durch Pater Jérôme gesorgt. Und die folgenden höfischen Exerzitien noch viel mehr …)

Jean-Pauls Leben verlief, verglichen mit dem seines Zwillingsbruders Jean-Henri (wenngleich er selbst [aus verständlichen Gründen] nie in der Lage war, diesen Vergleich anzustellen), beinahe in nicht selten enervierender Ruhe und Besinnung. Kontemplation lautete das Zauberwort, dem der eifrige Dominikanerpater und Erzieher im Fall des um ein paar Minuten älteren der beiden Brüder sozusagen alles andere in seiner Pädagogik unterordnete.

Einerseits glaubte Pater Jérôme, damit den kleinen Jean-Paul am ehesten zu einem frommen, gottesfürchtigen und braven Burschen formen zu können; so sollte später dann ein ebenso frommer, gottesfürchtiger und braver Mann aus ihm werden. Einer, der am besten jeglichem Vergnügen – und somit wohl auch jeglicher potenziellen Versuchung zur Sünde – abhold sein würde; kein aufmüpfiger Zweifler oder alles und jedes hinterfragender Kalkulierer also. Nein, ein ehrliches, einfaches Gemüt. Ein Mensch, der Gott ihm Kleinen und ihm Naheliegenden suchte – und mit ein wenig Glück vielleicht sogar fand. Kein intellektueller In-Frage-Steller und Tüftler, ständig irgendeinem Geheimnis und womöglich gar dessen Entschlüsselung auf der Spur. (Einer, der – ohne sie zu kennen – nach Pascals Theorie lebte.)

Kurz: ein kreuzbraver Kerl eben.

Allein schon deshalb achtete Pater Jérôme so streng darauf, dass die beiden Brüder mit einander nie in Kontakt treten konnten. Sie sollten (darin lag wohl ein wichtiger Teil der ganzen Infamie dieses Experiments) von Anfang an und weiterhin nichts von einander ahnen.

Also wusste Jean-Paul de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux (wie sein falscher, von Jérôme gewählter Name lautete) nichts von seinem Bruder; nicht einmal, dass es einen solchen überhaupt gab, hatte ihm Pater Jérôme erzählt. Auch über sich selbst war ihm kaum etwas bekannt; es gab ihn, das musste wohl reichen. Und: Er wusste den eigenen (den, wie gesagt, falschen) Namen.

Und der eigenartige Pater war gleichsam seine einzige Bezugsperson, hier im dunklen Kloster von Grandville sur Fichée, sah man von der alten breitbusigen Amme und einer jungen, durch eine Hasenscharte entstellten Kinderfrau am Anfang seiner Karriere einmal ab. (Übrigens verfügte auch Jean-Henri über zwei ähnliche Exemplare; nicht über dieselben – aus Vorsicht!) Doch wie hätte ihn das alles hier verwundern sollen, wusste er doch nichts von anderen Möglichkeiten; von Familie, Kindheit, Jugend und Erwachsen-Werden draußen, in der Welt. (Denn auch von einer solchen anderen Hemisphäre war ihm naturgemäß nichts bekannt …)

Doch auch später verschwieg ihm (und natürlich auch dem Bruder Jean-Henri) der pflichteifrige Dominikaner alles, was seine Abstammung betraf. Die Eltern, in Wirklichkeit aus verarmtem Landadel stammende, rechtschaffene, jedoch wenig lebensbegabte Menschen, die nicht gelernt hatten im Mainstream zu schwimmen, sich ein Vermögen anzuhäufen, indem sie andere rechtschaffene, jedoch noch weniger lebensbegabte Menschen beschissen, um es sich gut gehen zu lassen … Ja, Jean-Jeacque de Rugefort und seine Frau Mathilde (von wegen de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux!) aus einem Dorf, das in der Nähe des Klosters lag, waren unbedeutend, ehrlich und brav. Aber weitgehend arm und unscheinbar.

Deshalb hatten sie auch, schweren Herzens, in den Deal mit dem verrückten Prior Étienne vom Kloster Grandville sur Fichée eingewilligt; kam das Geld, das er ihnen für die Zwillingsbrüder Jean-Paul und Jean-Henri aushändigte doch immerhin den übrigen ihrer Kinder zugute; und da waren noch fünf hungrige Mäuler zu stopfen: das der aufgeweckten Juliette, der ältesten aus der Kinderschar, dann das von Hector, von Maurice sowie von Hortense und das der stark gehbehinderten Colette.

Einen eminenten Punkt im Erziehungsplan der – an sich durchaus aufgeweckten – Brüder stellte die entsprechende Lektüre dar. Die war nun einmal sehr wichtig! (Und dass sich Pater Jérôme und der Prior darüber nicht bloß einmal beinahe in die Haare bekamen, kannte schon seine guten Gründe: Nämlich was und wo welcher der Buben lesen, wann und wie mit welchen Büchern er in Berührung kommen sollte?)

Für Jean-Paul kamen da hauptsächlich (leider meist reichlich fade) Heiligen-Viten und sonstiges sakrales Biographie-Zeug in Frage. Und während Pater Jérôme für Jean-Henri früh schon die Giftschränke der klostereigenen recht gut bestückten Bibliothek öffnete, fiel für den braven Jean-Paul weiterhin gleichsam die leicht angesäuerte Schonkost ab. Der Bruder, der zur Liberalität erzögen werden sollte, durfte also in frühen Jahren schon auf pikante Beispiele sogenannter galanter Literatur zurückgreifen und wurde bald selbstverständlich – zumindest in vertretbarem Maß – sogar mit dem Werk kritischer Philosophen konfrontiert; so las Jean-Henri etwa die „Essays“ des Michel de Montaigne, das „Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam und sogar Zeitgenössisches, so die ganz frühen Traktate des Baruch de Spinoza. Außerdem bekam er in typischen Lesebeispielen manchen prall-geilen Dichter der Antike vorgesetzt, wie Ovid und Sempronius. Gleichzeitig mussten für den armen Jean-Paul (der zu allem Überfluss der um einiges intelligentere der beiden Buben war!) weiterhin die biederen Landheiligen in ihren wenig erregenden Werdegängen genügen. Und wenn sich Jean-Henri mit Vorliebe an den satirisch-unartigen Episoden aus François Rablais‘ „Gargantua und Pantagruel“ und ähnlich amüsanter Lektüre vergnügte, gab es für Jean-Paul das dem heranzuzüchtenden edlen Gottsucher adäquate Routineprogramm: nicht zu blutrünstige Märtyrer-Geschichten und Legenden diverser nicht allzu spektakulärer Bekehrungen.

Oberste Maxime war dabei, zwar Jean-Pauls Leselust zu wecken; dabei sollte der Knabe (und später der Teenager) jedoch keinesfalls besonders betroffen oder gar zu stark erregt werden. Denn bei aller Liberalität des Unterfangens, die Jérôme und sein Chef, Prior Étienne, im Falle des Jean-Henri anwendeten, blieben sie beim angehenden Priester immer noch durchaus Dominikaner (Hunde des Herren, Kollegen, also) und mutierten nicht (direkt) zu gottlosen Lustmolchen … Die Lektüre dufte den armen Kerl daher unter keinen Umständen allzu sehr aufwühlen. Und wenn doch, dann ausschließlich im Sinne der alten Kirchenväter Augustinus & Co., wenn es nämlich um die Erweckung ekstatischer Nebenerscheinungen der innigsten, gleichsam asketischsten Frömmigkeit ging, um das Vergnügen in Gott also.

Ganz konträr dazu führte der Pater den anderen Bruder, Jean-Henri, durchaus zielgerichtet in die recht leicht zu erlernende Kunst der Masturbation ein. Auch der geistigen. Warum auch nicht … Sogar die Literatur der lange Zeit im Geruch mindestens der Konspiration beziehungsweise einer fast unmittelbaren Nähe mit respektive zu den Katharern stehenden Troubadours fand Eingang in den Lehrplan, den Pater Jérôme für den jungen Mann erstellte.

Während sich Jean-Henri allem Weltlichen gegenüber öffnete und das Elegante und Galante antizipierte (sowohl aus Büchern als auch aus oft recht witzigen Gesprächen mit dem Lust-Theoretiker Jérôme schöpfend), war für den Bruder auf dem Glaubens-Trip die karge Suppe der Enthaltsamkeit und des gottgefälligen Darbens angerichtet.

Und wenn sich für Jean-Henri sogar die Fenster (allerdings: immer noch mit gleichsam leicht beschlagenen Scheiben) zu mancher kleinen Hoffart und mittelprächtigen Eitelkeit öffneten und sogar in nervöser, kribbelnder Bereitschaft das Tor zum unsittlichen Tun (als Vorstufen zu diversen fleischlichen Genüssen, die mit einiger Sicherheit die nähere Zukunft noch bringen würde) einen Spalt breit aufgestoßen wurden, hatte sich die Frömmigkeit des bedauernswerten Jean-Paul nach Möglichkeit immer noch ständig zu steigern; durch ermüdende Einübungen in die Entsagung, durch quälendes Kasteien, ermüdendes Fasten und eine unsinnige, ständig aufs Neue zu trainierende innere Einkehr.

So sollte der junge Mann zum asketischen Gottsucher heranwachsen. Und der Weg dahin schien Prior Étienne wie Pater Jérôme am ehesten durch eine weitestgehende geistige Ausgeglichenheit gewährleistet zu sein. (Sie hätten ohne Zweifel auch riskiert, dass Jean-Paul sukzessive zu einem ausgewachsenen Trottel mutierte. Denn der Zweck heilige, glaubten sie, die Mittel. Ihre Mittel. [Was bei einem derartig perversen Zweck erstaunlich anmutet …])

Das unsägliche Experiment, dem Jean-Paul unterworfen war, glich nicht selten reiner Tortur. Und wenn man es genauer betrachtete, konnte vermutlich auch die Aufzucht seines Bruders Jean-Henri nicht unbedingt gesund sein … Nun, ja. Zumindest hatte sie ihre halbwegs angenehmen Seiten (fand der Proband, der freilich auch wiederum nichts anderes kannte).

Für Pater Jérôme bot der tagtägliche Umgang mit zwei an sich schon so grundverschiedenen Charakteren, wie sie die beiden Buben nun einmal von Haus aus aufwiesen, und ihre ganz unterschiedliche Weiterentwicklung eine fast schon geistig überwältigende Herausforderung: In Anwandlungen von einer Art Ich-Seins-Spaltung seines eigenen Ego sah er die beiden, die einander nie würden kennenlernen, als eine einzige Person! Als einen über-kompletten biologisch-geistigen Doppel-Kosmos nahm er sie dann wahr; freilich, in ihrer Golem-Artigkeit auch als eine Art Super-Homunculus. Gemeinsam mit ihm: ein Borderline-Monster.

Und in der Tat hatten die beiden Menschenkinder, die man da so brutal und gefühllos ihren Eltern allzu früh entzogenen hatte, mehr von Über-Menschen in sich, als dass sie bloße Geschöpfe gewesen wären. Einem willkürlichen pädagogischen Martyrium ausgeliefert und auf diese Weise zum Spielball eines verrückten Alten und seines willfährigen schwachen Knechtes geworden, trügen sie allerdings – das spürte Pater Jérôme mehr in sich, als er es hätte faktisch erklären können – als eine Art Rache für das erlittene Unrecht den Stachel des Untergangs auch und gerade ihrer angeblichen Meister in sich. Ja, seine und seines Anstifters Hybris würde womöglich sogar alle vier in dieser inhumanen Versuchsanordnung aneinander geschweißten Elemente wie in einer alles vernichtenden chemischen Reaktion beseitigen.

Das Fazit des Experiments wäre demzufolge – der Untergang aller daran Beteiligten. Und für den verblödeten Prior Étienne wie auch für ihn, Pater Jérôme, würde sich der vermeintlich bequeme Sessel des Beobachters final in einen durchaus heißen Stuhl verwandeln; aus der weitestgehend ungefährlichen Rolle des am Geschehen, es zwar fördernd und möglicherweise sogar beschleunigend, jedoch keineswegs darin involvierten Katalysators sollte also nichts werden. Vielmehr würde die Devise lauten: Mitgefangen, mitgehangen …

Ja, der Ausgang könnte übel werden. Und der Schuss nach hinten losgehen.

So weit waren die Dinge freilich noch nicht gediehen. Und in der Realität war den beiden Zwillingsbrüdern jeweils weiterhin nicht das Geringste vom Vorhandensein eines zweiten Bruders bekannt. Überhaupt, dass es außer Jérôme, dem hin und wieder auftauchenden Prior und ein paar Mägden, die sich sporadisch zeigten, noch andere Menschen ringsum geben könnte, kam den beiden Knaben und später den beiden jungen Männern kaum in den Sinn. Denn andere menschliche Lebewesen waren ihnen ja nicht weiter bekannt.

Erst als ihr Instruktor ihnen von draußen erzählte – dem einen mehr als dem anderen, Jean-Henri eher galant-pikante weltliche Dinge, Jean-Paul mehr heiligen Zuckerguss – und ihnen auch ihre Lektüre zumindest die Ahnung und Andeutung einer Außenwelt vermittelte, setzte sich eine gewisse Sicherheit in ihnen fest, dass es da noch etwas geben musste, was sie allerdings noch nicht kannten; aber (vielleicht) einmal kennen und erfahren lernen würden.

Ach ja: Zu allem traurigen Überfluss befand sich über Jahre die Räumlichkeit, die der jeweils andere halbe Zwilling bewohnte, wenige Meter nur von der Zelle des menschlichen Pendants entfernt. (Nur dass die Kemenate Jean-Henris ein wenig wirtlicher war, bevor der zum späteren liberalen Leben auserkorene Bub überhaupt in einen anderen Trakt des Klosters verbracht wurde, wo es noch um Grade gemütlicher war. Denn dort wurde die Versuchsanordnung für den eifrigen Adepten allen weltlichen Genusses dann sogar um durchwegs recht knackige weibliche Demonstrationsobjekte erweitert. Anm.)

Schließlich freilich waren die Lehrzeiten beider Zwillingsbrüder zu Ende. Und man entließ die jungen Männer. Den keuschen und den im Umgang mit Huren erprobten …

So unterschiedlich ihre Ausbildung gewesen war, so unterschiedlich verliefen die weiteren Lebenswege (worauf zum Teil ja schon eingegangen worden ist).

Wenige Jahre später erwürgte Jean-Paul den letztlich doch eher zwielichtigen Pater Jérôme. Und der mit seinen gut dreißig Jahren immer noch jungendlich wirkende, tiefgläubige, ja: brave Jean-Paul tat dabei ganze Arbeit. Ihm selbst kam es so vor, als wäre er nur deshalb auf die Welt gekommen, um diese Tat zu begehen. Sie schien ihm nämlich – nützlich. Und in Wahrheit würdig und recht, billig und heilsam … Ja, diesen Pater Jérôme umzubringen schien nur folgerichtig zu sein. Und – unumgänglich notwendig. Und: gottgewollt!

Er hätte auch den alten unnützen, verwirrten und hinfälligen Prior Étienne des Phalles umgebracht, wenn ihm da nicht schon ein anderer zuvorgekommen wäre.

Und Jérôme? Der schien ihn, nach anfänglichem Erstaunen, das seinem von Angst verzerrten Gesicht abzulesen war, sogar allmählich und sozusagen mit den letzten Atemzügen zu verstehen: Das Experiment war, wie er es von Anfang an geahnt hatte, nicht nur unmoralisch und verderbt; es war ein Frevel gewesen. Ein Versündigen gegen Gott (wenn es ihn gab) oder gegen die Natur oder das Universum. Eine unverzeihliche Untat. Am Leben und seinem Sinn.

Ja, es hatte so enden müssen, wie es nun endete.

Und zuletzt würde der Strudel alle hinunterziehen in den Orkus.

Alle.

Den Anfang hatte das Ende schon gemacht mit dem Mord am senilen und verrückten Abt. Immerhin, den alten Narren aus dieser Welt zu schaffen, das hatte er, Jérôme selbst, zuletzt als seine höchste Aufgabe angesehen: als Sühne und Bestrafung in einem.

Ja, dieser fürchterliche Étienne hatte sich wider alle Moral erhoben (mit ihm, Jérôme, als – zugegeben: nur zu willfährigem! – Werkzeug), also sollte er folgerichtig auch unvorbereitet und ohne die Chance auf eine seinem Glauben entsprechende Möglichkeit der Verzeihung (wenn es die denn überhaupt geben könnte …) von hier verschwinden.

Er sollte ausradiert werden. Verderben. Vermodern.

Doch das war längst fast schon Geschichte. (Immerhin Wochen schon her.)

Jetzt freilich war er, Jérôme, dran …

Dass ihn just sein früheres Opfer umbringen würde, auf dessen Erziehung er immerhin soviel Sorgfalt angewandt hatte, schien dem verdrehten Pater letztlich irgendwie passend. Ja.

Dann spürte er den Stahl, den ihm sein Adept im Priestergewand zwischen die Rippen applizierte. Dann der Schnitt durch die Kehle. Ja, da gehörte die Klinge hin. Da war es gut.

Er blutete wie eine Sau. Und ein unaufhörlicher Strahl schoss aus der getroffenen Schlagader.

Dann vermutlich würde auch Jean-Paul selbst den Tod finden, dachte der Pater, der sich seltsamer Weise zunehmend ruhiger fühlte, während ihm langsam die Sinne schwanden. Dann legte sich tatsächlich eine Art Watteschleier auf ihn und um ihn, der ihn empfindungslos mache und weitestgehend unempfindlich. Stumpf, und dennoch alles um sich herum einigermaßen klar registrierend. (Oder bildet sich das [bereits] wer anderer ein?!)

Etwas Seltsames lag in dieser Ambivalenz. Es kam ihm (oder dem anderen) paradox vor – wie ein warmer Kälteschauer oder aber wie eine kalte Hitzewelle … Er beobachtete sich dabei, wie er da Stück für Stück überschnappte.

Und das gefiel ihm sogar irgendwie ganz gut.

Jetzt, das fühlte ein Teil seiner Selbst (wenn es nicht tatsächlich dieser andere war, dieses zweite, abgespaltete Ich), fanden die Elemente wieder einigermaßen richtig zu einander.

Und wenn er es gekonnt hätte, wäre er vermutlich in unbändiges Lachen ausgebrochen. Aber – er hatte sich das Lachen längst schon abgewöhnt. (O! Anm.)

Ja, so musste es wohl sein.

Und auch der quasi amoralische Zwillingsbruder, Jean-Henri, würde nicht unbeschädigt davon kommen. Gewiss nicht!

Wohl ja auch er a priori nichts dafür gekonnt hatte, wie alles gekommen war.

Doch das war nicht mehr seine, Jérôms, Sache. Und er (und nicht der andere) drehte nunmehr sterbend die Augen über.

Es war allerdings auch nicht Jean-Pauls Angelegenheit, der sich nach den Ereignissen der letzten Stunden plötzlich den weiteren Anforderungen, die da womöglich noch auf ihn zukommen würden, nicht mehr gewachsen sah.

Er blickte auf seine blutigen Hände, in denen immer noch der Dolch lag. Dann warf er das Instrument angeekelt zur Erde.

Die Messe, den als so etwas oder zumindest als etwas Ähnliches war ihm sein Tun zunächst noch erschienen, die Messe – mit Opfer und Wandlung – war vorbei. Das Opfer vollbracht. Die Wandlung glücklich verrichtet.

Es war vorbei.

Doch nun ergriff ihn etwas, das alles andere als der Zustand der Ekstase sein konnte.

Nein, es war etwas, das eher einem Schüttelfrost ähnelte; nur viel stärker.

Ihm schwindelte.

Nach einigen Minuten wurde es wieder besser.

Jean-Paul bestieg hastig, so schnell er in seiner Aufregung konnte und ihn seine Füße trugen, den linken, den missratenen, den verkrüppelten Turm der Klosteranlage und sah noch einmal von oben in den kleinen grünen Innenhof, dort, neben seinem ehemaligen Gefängnis.

Dann sprang er.

Olympias Ränke (von Brüssel aus)

Warum sollte die Katze das Mausen lassen, bloß weil sie im Exil saß? So wenig luxuriös waren übrigens ihre diversen Unterkünfte gar nicht, zudem handelte es sich längst nicht um irgendwelche schmuddelige Verstecke im herkömmlichen Sinn. Außerdem: Was wäre schon herkömmlich, hätte es mit der alles andere denn mit normalem Maßstab zu messenden Olympia Mancini, Gräfin de Soissons, zu tun?

Ludwig XIV. war es lediglich darum gegangen, die einstige Freundin und Mätresse möglichst weit, auf alle Fälle aber aus seiner nächsten Nähe zu wissen; freilich nicht darum, sie zu vernichten. Dazu waren die beinahe familiären Bande denn doch zu eng, und dazu war dann auch die frühere Stellung der Nichte des Kardinals zu prominent gewesen.

Und auch das Andenken an ihren toten Gatten, den 1673 verstorbenen, durchaus erfolgreichen hohen Offizier, stets einsetzbaren Untergebenen und tauglichen Gouverneur Eugen Moritz, der sich dem König gegenüber in der Tat immer als loyal erwiesen hatte, galt es zu pflegen.

Also, Olympias Unterkünfte waren keine kargen Behausungen; auch wenn die Luxus-gewohnte, zugegebener Maßen, in Zukunft auf manche Annehmlichkeiten Pariser Zuschnitts verzichten musste. (Immerhin wandelte sich gerade zum Beispiel der hygienische Standard an der Seine; und alsbald verfügte nicht bloß der Sonnenkönig über eine kupferne Badewanne. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten sollte sogar ein Riesenanteil der Wasserversorgung in früher durchaus vernachlässigte Bezirke, wie eben die persönliche Sauberkeit, gelenkt werden. Aber auch einer einigermaßen hygienischen Entsorgung menschlichen Abfalls in verschiedener Art und Form galt alsbald mehr Augenmerk. Und so ging man in Versailles auch diesbezüglich völlig neue Wege; kurz: Sogar das höfische Pinkeln hinter irgendwelche Paravents hatte bald einmal sein Ende. Anm.)

Immerhin musste die prominente Exilantin Olympia de Soissons freilich doch hin und wieder Abstriche im Wohlleben hinnehmen und auf gewohnte Bequemlichkeiten verzichten. Doch grosso modo fand Olympia immer wieder Mittel und Wege, es sich auch auf ihrer Odyssee durch Teile Europas und, wieder sesshafter geworden, in Spanien oder später dann in den Spanischen Niederlanden, durchaus zu richten.

Auf der Iberischen Halbinsel zum Beispiel gelang es ihr, sich bei der (übrigens aus Frankreich stammenden) Gemahlin des geistig beschränkten Königs Karl II., bei Marie Louise von Orléans, einer Nichte Ludwigs XIV., beliebt zu machen. Doch leider, die junge Frau starb plötzlich, und aus der bereits in Aussicht gestellten einflussreichen Stellung bei Hof wurde für Olympia nichts.

Um die Jahreswende von 1690 auf 1691 wandte sie sich deshalb dann ein wenig frustriert nach Brüssel, wo sie sich indes von Neuem zu arrangieren wusste; hier stellte man Olympia sogar das ansehnliche Schloss Tervueren als Wohnsitz zur Verfügung.

Und gar eine Wiederaufnahme des glanzvollen Lebens erwartete sie sich vom neuen Statthalter der Spanischen Niederlande, vom bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, mit dem sie zeitweise in engem Kontakt stand.

Eine endgültige Sanierung zumindest ihrer finanziellen Situation erfolgte freilich erst Ende 1697, als ein Vergleich die längeren und enervierenden familiären Auseinandersetzungen nach dem Tod der Schwiegermutter, Marie von Bourbon-Condé, von 1692 beendete. Olympia erhielt dabei immerhin eine einmalige Zahlung von 40.000 Talern und eine jährliche Pension von 40.000 Franken zugesagt. Sie trat daher Schloss Tervueren im Folgejahr gegen eine Jahresrente von 2.000 Talern an den Generalstatthalter der Niederlande ab. (Die Umrechnung der damaligen Währungen untereinander – Taler, Franken, Gulden et cetera) – ist zur Not zwar möglich, in heutige Einheiten jedoch äußerst problematisch. Nicht zuletzt, weil frühere Währungen auf Realwerten [Gold, Silber] basierten, heutige, etwa der Euro, indes auf Regierungsbeschlüssen und Ähnlichem, also gewissermaßen virtuell sind. Arbeitskraft und Verdienst heranzuziehen oder gar den Brot- oder sonstigen Lebensmittelpreis, ist ebenfalls kaum zulässig, denn auch den Grundlagen dieser Preisvereinbarungen lagen damals ganz andere Parameter zugrunde, als wir sie heute akzeptieren müssen und kennen. Einerseits mögen 40.000 Taler immerhin eine hübsche Summe gewesen sein, selbstverständlich unvorstellbar als Lohn für die lebenslange Schufterei eines Unterprivilegierten; anderseits hatte Olympia bekanntlich vor ihrer Flucht ihre Preziosen zusammenraffen müssen, um nicht in Spanien oder in den Niederlanden dann ohne etwas dazustehen. Und wie schwer Gold, Schmuck, Geschmeide und Juwelen zu verkaufen waren, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin konnte sich die Gräfin von Soissons auch, nachdem sie in Ungnade gefallen war, immer noch eine vergleichsweise recht aufwendige Lebensführung leisten. Anm.)

Wichtig war: Olympia intrigierte munter weiter vor sich hin. Denn: Wenn der Kreis von Schleimern und Ohrenbläsern um Ludwig XIV. der einstmaligen Intimfreundin des Königs auch alles Mögliche hatte nehmen können, ihre Lust an Kabalen mit Sicherheit nicht. Und das blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1708 so.

Obschon sie ihm nie eine besonders liebevolle Mutter gewesen war, konnte sich Olympia nun in zunehmendem Maß an den Heldentaten (besonders gegen die Türken, aber auch gegen die Franzosen) und an der geradezu schwindelerregenden Karriere ihres Sohnes Eugen von Savoyen erfreuen, der inzwischen einer der einflussreichsten Männer in Wien geworden war. Es hatte Olympia zwar nicht gelingen können, den jungen, wenig attraktiven Eugen bei ihrem Aufenthalt in Spanien standesgemäß zu verheiraten, wie es ihr vorgeschwebt war; doch machte der gewandte Sprössling auch so seinen Weg – und das in bald schon atemberaubender Weise; als genialer Offizier, aber auch als nicht minder begabter Diplomat. Einziger Schönheitsfehler: solches allerdings im Lager der Feinde Frankreichs …

Und dann, im Jahr 1703 zum Präsidenten des Hofkriegsrates ernannt, war der einst von Frankreichs König Ludwig XIV. als Offizier verschmähte Savoyer längst schon einer der wichtigsten Diplomaten und Politiker Europas. Zudem einer der reichsten unter den Mächtigen, ein bedeutender Kunstliebhaber und geradezu verschwenderischer Bauherr.

Aber das Intrigieren war ihrer kreativen Natur vermutlich bis zuletzt das eigentliche Pläsier der nun tatsächlich merkbar gealterten Olympia. Und darin konnte sie immerhin eine jahrzehntelange praktische Erfahrung nachweisen.

Olympia hatte gleich eifersüchtig wie skandalträchtig mit der damaligen Maitresse royal en titre, der mächtigen Herzogin Louise Françoise de La Baume Le Blanc, besser bekannt als Madame Le Vallière, gehadert und ihrer Dienstgeberin, der Königin Maria Theresia, gegenüber die Affäre des Königs mit der Schönen publik machen lassen; was ihr und ihrem Gatten Eugen Moritz prompt ein Jahr Verbannung in die Champagne eintrug. Sie hatte den armen Ehemann außerdem in ein Duell mit dem Herzog von Navailles eines Streits wegen gedrängt, den sie mit dessen Gattin angefangen hatte; ebenfalls aus Eifersucht. So riskierte sie sogar eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen ihrem Mann und dem König, der Eugen Moritz bis dato immerhin stets sehr geschätzt hatte.

Aber auch mit der Marquise de Montespan, der wunderlichen Athénaȉs (eigentlich: Françoise de Rochechouart de Mortemart) focht sie ihren Strauß aus, was für sie schließlich den überaus schmerzlichen Verlust der Stellung einer Surintendante und des wohlklingenden Titels einer Madame la Comtesse bedeutete. (Denn die Montespan hatte dem lendengewaltigen König immerhin mehr als eine Handvoll zunächst unehelicher Kinder geschenkt, von denen Ludwig allerdings sechs, wie schon ausgeführt, sogar legitimieren ließ. Anm.)

Dabei verlor jedoch nicht nur Olympia selbst ihren Machteinfluss bei Hof, nein, im Jahr 1773 verfügte Ludwig zudem, dass ihr Sohn Eugen den geistlichen Beruf ergreifen solle. (Es kam freilich, wie hinlänglich bekannt ist, anders. Und im später so berühmten und populären Prinzen Eugen sollte dem Sonnenkönig einer seiner potentesten militärischen Feinde erwachsen.) Kurz: Was Intrige, schlechte Nachrede, Indiskretion und gefährlichen Klatsch und Tratsch betraf, da verstand Olympia ihr Handwerk tatsächlich aufs Beste; auch wenn mancher Schuss dabei nach hinten losging und sie sich selbst schwerst beschädigte.

Dass sich die ansonsten mit allen Wassern gewaschene Mazarin-Nichte Olympia dem Zug der Zeit folgend auch mit weitgehend lichtscheuem Gesindel einließ, ging es um die Verfolgung ihrer Ziele, und manchem obskuren Aberglauben anhing, führte – neben dem schon erwähnten Verdacht, sie habe ihren Gemahl vergiften lassen – letztlich wohl auch zum Entzug jeglicher königlicher Huld; und begründete die unversöhnliche Haltung Ludwigs ihr gegenüber, immerhin einer seiner ersten Liebhaberinnen und der Freundin aus Kindertagen.

Aber warum ihre – noch dazu aus dem fernen Brüssel gesponnene – Intrige gegen den weitgehend harmlosen Jean-Henri de Clairmont-Frême aus Lussac-les-Châteaux? Warum eine schließlich tödliche Intrige gegen dieses weitestgehend harmlose Landei, das angeblich aus der zentral-französischen Provinz stammte?

Bei der Beurteilung dieses Casus muss man Olympias ins Paranoide gehende Egomanie bedenken. Alles, was sie und ihre Position betraf, hatte sakrosankt zu sein; oder zumindest musste es ihr so scheinen können. Denn die Wirklichkeit sah längst schon ganz anders aus; wie sich schon nach ihrer Flucht anno 1680 schnell gezeigt hatte, als man sie zwar in Spanien wohlwollend aufnahm, ihrer bald darauf erfolgten Abreise vom Hof indes keine wesentlichen Hindernisse in den Weg legte. Man brauchte sie in der Tat nicht allzu dringend …

Nein, im Gegenteil: Überall, wo Olympia ihre Zelte abbrach, ging ein freudiges Raunen durch die betreffende Gesellschaft, die nirgendwo den Eindruck einer betroffenen Gesellschaft vermittelte. Denn so wenig sie am Hof Ludwigs echte Freundschaften gepflegt hatte, so wenig entsprach es ihr später, obwohl die Verhältnisse für sie längst nicht mehr rosig waren, sich etwa neue Freunde zu schaffen. Und so war man allenthalben im Gegenteil stets froh, diesen gesellschaftlichen Spaltpilz wieder los zu sein.

Kaum anders als in Madrid verhielt es sich in den Spanischen Niederlanden, wo sie schließlich, in Brüssel, ihr Domizil aufschlug. Denn auch hier war Olympia weniger beliebt als geduldet.

Freilich war ihr, dank eines immer noch bestens funktionierenden Netzwerks, nicht verborgen geblieben, dass sich ihre Schwester Maria Anna und deren Mann, Godefroy de La Tour d’Auvergne, der mächtige Herzog von Bouillon, des weitgehend unbekannten und unbedeutenden jungen Jean-Henri de Clairmont-Frême annahmen. Auch dass ein Neffe des Herzogs, Philippe de La Tour, dem etwa gleichaltrigen Neuling bei der notwendigen Einführung in die Pariser Hofgesellschaft behilflich war, hatte man der misstrauischen Exilantin brühwarm zugetragen. (Ihr selbst war der zwar recht attraktive, aber in Summe dann doch wenig auffallende Landadelige einmal, Anfang oder Mitte der 1670er Jahre, vorgestellt worden; doch erstens hatte sie damals ganz andere Sorgen gehabt, und zweitens konnte sie sich nun wirklich nicht jeden unter den vielen Schnöseln merken …)

Freilich, wenn sie sich mit Marianne und ihrem Gatten früher auch immer recht gut verstanden hatte, missfielen ihr grundsätzlich Winkelzüge, bei denen sie nicht selbst mitmischen konnte. (Vielleicht hatte sie auch bloß instinktiv etwas gegen den feschen Jean-Henri de Clairmont-Frême [der in Wahrheit de Rugefort hieß, Sohn eines gewissen Jean-Jacque und einer Mathilde]?! Passte er ihr einfach nicht ins Bild? War er, wie es so schön heißt, nur zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht?!)

Somit war (rechnet man dann noch die oben erwähnte paranoide und weitestgehend egozentrische Haltung Olympias dazu) Jean-Henris Untergang im Grund genommen bloß eine Frage der Zeit.

Inwieweit sein Los allein dadurch ein noch schlimmeres gewesen sein sollte, dass just Olympias jüngste Schwester, Anna Maria, und deren Gatte, der Herzog von Bouillon, sich – warum auch immer – als Förderer des jungen Jean-Henri aufspielen hatten müssen, sei freilich dahin gestellt. Und auch, dass er (angeblich) ausgerechnet aus Lussac-les-Châteaux stammte wie ihre alte Rivalin, die Marquise de Montespan, hätte allein vielleicht auch noch nicht zu seiner Vernichtung geführt. Doch alle Komponenten zusammen waren dann doch zu viel für die früher so erfolggewohnte, langsam jedoch merkbar vom Glück verlassene, für die einstmals so fraulich-erotisch strahlende Nichte des legendären Kardinals Jules Mazarin.

Olympia war stinksauer.

Diesmal, man schrieb das Jahr 1685, wäre es nachweislich Gift gewesen, das dem angeblich so gewandten, aufstrebenden Jean-Henri von Mörderhand in den Wein gemischt worden war. Doch versuchte erst gar niemand nachzuforschen. Zu wenig prominent war das Opfer.

Wie gesagt, das Gift wirkte. Prompt.

Und Olympia von Mancini-Soissons weilte zur Tatzeit (ebenso nachweislich) in Brüssel.

Das Finale

Viel war passiert. Oder wenig? (Verhältnismäßig und in Relation zur Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschenwurms: sowohl als auch …)

Und doch blieb weitestgehend alles beim Alten. Denn die wahren Veränderungen müssen ohnedies erst nachher hineininterpretiert werden; weshalb sich die sogenannten Spät- oder Nachgeborenen auch nachweislich leichter damit tun.

Was die weitgehend unglücklichen Fallbeispiele Jean-Paul und Jean-Henri betrifft, hatten es die dreisten Dominikaner, Prior Étinne und Pater Jérôme, als völlige Dilettanten im soziologischen Bereich nicht einmal zu einer einigermaßen fundierten Dokumentation der streng getrennten Aufzucht zweier Zwillingsbrüder gebracht, einer Dokumentation zumindest, die einigermaßen wenigstens den wissenschaftlichen Ansprüchen ihrer Zeit gerecht werden hätte können.

Zudem wäre die Veröffentlichung der Ergebnisse des Experiments ohnedies höchst gefährlich, zumindest kompromittierend für die Beteiligten gewesen. Dass die dann auch noch tot waren, nahm sich, so gesehen, dann fast wieder als glückliche Fügung aus.

Doch so ist das ja meistens. (Und sogar, wenn noch Bedeutenderes vor sich geht, sieht es wenig später oft so aus, als habe ohnedies die meiste Zeit gleichsam historische Windstelle geherrscht.)

So bleibt am Ende zu tun, was im Allgemeinen fast immer am Ende zu tun bleibt: Schuttmassen müssen beseitigt werden, manche Taten anders dargestellt, als sie sich in Wahrheit ereignet haben, und die geschichtlichen Gegebenheiten beschönigt.

Der angerichtete Schaden wird außerdem und wenn es dazu überhaupt eine Möglichkeit gibt, irgendwie (wenn auch bloß ansatzweise) wiedergutgemacht; zumindest in materieller Hinsicht.

Ja, und ein paar Memoiren, die gegebenenfalls die handelnden Personen oder ihre Erben kompromittieren könnten, versucht man zumindest für einige Zeit zurückzuhalten.

Doch bald schon ist ohnedies über alles das Gras der Geschichte gewachsen. (Eine Metapher, die jetzt irgendwie verwandt zu sein scheint mit der von früher, als von historischer Windstille die vorlaute Rede war.)

Gras gewachsen. Wie über die Gräber der dereinst handelnden Personen.

Und wir? Wir Heutigen?

Nun, wir stochern eben ein bisschen herum in den alten Sachen. Pietätlos, aber mit merkbarer Freude an der Indiskretion.

E N D E

Quellen & Literatur (Auswahl):

Daron Acemoglu/James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014.

Stefan Andres, El Greco malt den Großinquisitor und andere Erzählungen. München 1992.

Barbara Beck, Vom Königsbett zum Schafott. Frauen als Opfer von Intrigen. Augsburg 2011.

Bibliographisches Institut, Weltbild Taschenlexikon. 10 Bde. Mannheim 2006.

Max Braubach, Prinz Eugen von Savoyen. 4 Bde. Wien 1963 ff.

Joseph Brodsky, Wie Bücher zu lesen sind. In: Der sterbliche Dichter. Frankfurt am Main 2000.

Michael Bruce/Steve Barbone (Hg.), Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Studienausgabe. Darmstadt 2013.

Monika Buschey, Leidenschaft und Inspiration. Geliebte, die Geschichte machten. Stuttgart – Zürich 2001.

Alain Corbin, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Frankfurt am Main 1988.

Karlheinz Deschner, Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums. 11. Aufl. Düsseldorf – Wien 1974.

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum (Ersten) Weltkrieg. München 1927 ff.

Fanny Frohmeyer (Autorenkollektiv), Geschichte in Augenblicken. Merkwürdigkeiten, die die Welt bewegten. Berlin 2007.

Theodore Gabriel/Romald Geaves, …ismen. Religionen verstehen. München 2007.

Henry Glass, Weltquell des gelebten Wahnsinns. Skurriles aus der Welt der Wissenschaft. 2. Aufl. Zürich 2009.

Nicholas Henderson, Prinz Eugen. Der edle Ritter. Düsseldorf 1986.

Eckhard Henscheid/Gerhard Henschel/Brigitte Kronauer, Kulturgeschichte der Missverständnisse. Studien zum Geistesleben. Stuttgart 1997.

E. T. A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi. In: Der Sandmann (…) Berlin 2011.

Douglas R. Hofstadter, Gödel, Escher, Bach. Ein endloses geflochtenes Band. Stuttgart 1979.

Lancelot Hogben, Mathematik für alle. Einführung in die Wissenschaft der Zahlen und Figuren. Köln 2003.

Internet.

Wolfgang König (u. a., Hg.), Taschenbuch der Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsmathematik. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2003.

Konrad Kramar/Georg Mayrhofer, Prinz Eugen. Heros und Neurose. St. Pölten – Salzburg – Wien 2013.

Michel de Montaigne, Essais. Frankfurt am Main 1998.

Klaus Möckel, Die Gespielinnen des Königs. Frankreichs berühmteste Mätressen. Berlin 2010.

Hans-Joachim Neubauer, Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Akt. N.-Aufl. Berlin 2009.

Heinrich Pleticha (Hg.), Weltgeschichte in 12 Bänden. Gütersloh 1996.

François Rabelais, Gargantua und Pantagruel. München 1951.

Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität. 2. Aufl. (Ergänzte Neuauflage.) Hamburg 2003.

Dies., Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum. 9. Aufl. Hamburg 2011.

Arnim Regenbogen/Uwe Meyer (Hg.), Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg 2013.

Enrico Riparelli, Christliche Häresien. Von den Anfängen der Kirche bis ins 20. Jahrhundert. Berlin 2008.

William Ritchey Newton, Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenklönigs. 2. Aufl. Berlin 2014.

(Donatien Alphonse François) Marquis de Sade, Die hundertzwanzig Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung. München 1999.

Hilde Schmölzer, Phänomen Hexe. Wahn und Wirklichkeit im Lauf der Jahrhunderte. Wien 1986.

Hermann Schreiber, Mätressen der Weltgeschichte. Augsburg 2003.

Franz Schupp, Geschichte der Philosophie im Überblick. 3 Bde. Augsburg 2012.

Patrick Süskind, Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich 1985.

Klaus Thiele-Dohrmann, Eine kleine Geschichte des Klatsches. Der Charme des Indiskreten. Düsseldorf 1995.

Klaus Völker (Hg.), Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androidem und liebende Statuen. München 1971.

Ewald Wasmuth (Hg.), Blaise Pascal: Pensées. Über die Religion und über einige andere Gegenstände. Wiesbaden 2001.

Harald Weinrich. Linguistik der Lüge. 7. Aufl. München 2006.

Friedrich Weissensteiner, Prinz Eugen von Savoyen. Kühner Schlachtenlenker und Kunstmäzen. In: Klein und berühmt. Wien 2006.

Ders., Liebe in fremden Betten. Große Persönlichkeiten und ihre Affären. Wien – Frankfurt am Main 2002.

Peter V. Zima, Moderne/Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. 3. Auflage. Tübingen 2014.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*