Das Autogramm

oder

Sicher in den Außentaschen des Grauens

 

Ein (Theater-)Histörchen

von Bernd Schmidt

 

© by Bernd Schmidt, 2003

 

 

Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,

Over many a quaint and curious volume of forgotten lore – ( …)

Edgar Allan Poe, “The Raven”

*

Das Haar würde genauen Aufschluss darüber geben,

welche Drogen sie wie oft und in welchem Umfang

genommen haben mochten. Ich glaubte allerdings

nicht, dass Napoleons Penis ebensoviel mitzuteilen

hatte, obwohl ich seinen Bekenntnissen gerne

einmal lauschen würde.

Ronald K. Siegel, „Der Schatten in meinem Kopf“

*

Manche ekelte es. Andere schienen wiederum verwirrt. Die ohnedies schon länger vor sich hingedöst hatten, wurden von ihren Sitznachbarn leicht (und aus dem Schlummer) gestupst. Es war schließlich endlich wieder einmal was los im kleinen Stadttheater zu S***! H., der greise, dennoch immer noch enorm eitle Schauspieler – wäre er dereinst in W*** geblieben, längst schon Ehrenmitglied des ehemaligen Hoftheaters, das seinen unzweifelhaft zweifelhaften Ruf indes durch die Zeiten und die mit ihnen zusammenhängende mannigfaltige Unbill einiger(mittel)maßen zu retten imstande gewesen war -, H. hatte beim eben erst verklungenen Satz des, wir müssen es zugeben: ohnedies schon recht schäbigen Abonnement-Klassikers doch tatsächlich seine Oberkieferprothese ins Parkett gespuckt. In – was angesichts der doch schon etwas wackeligen Konstitution des greisen Mimen erstaunlich schien – weitem Bogen.

Unruhe machte sich breit, derweilen H. seinen Minimonolog weiterlispelte.

Der Altenpfleger M., geübt im Umgang mit sämtlichen Formen gängiger Prothetik und wohl auch in der Handhabung von einigen ausgefalleneren Spielarten – wobei „ausgefallen“ hier nicht im Wortsinn verstanden sein möge! -, M. also schnappte sich das Halbgebiss, das einige Handbreit neben seinem Platz in der fünften Reihe gelandet war wie ein weißblinkendes UFO. Er steckte es in die Sakkotasche ein.

M. hatte auch sogleich einen Plan. Nach Beendigung des Stückes wollte er sich von H. die Prothese in der Kantine signieren lassen. (Die Krankenkasse des Prothesenspuckers würde ohnehin für einen neuen Kaubehelf aufkommen.)

Und seine Autogrammsammlung hätte auf diese Weise eine echte Trophäe mehr aufzuweisen. Ein krönendes Zentrum. Nein, das war doch eher –

Doch sollten sich dem Plan zunächst – und überhaupt – einige Widrigkeiten entgegenstellen. Ja, letztlich sein Scheitern bewirken. Aber, langsam. Und der Reihe nach.

*

S*** ist zwar eine blühende Stadt. Doch scheint durch alles Blühen immer wieder der dünne Humus durch. Kurz – S*** ist und bleibt Provinz. Als H. vor gut 60 Jahren hier, am Stadttheater, anheuerte, war S*** längst schon Provinz. Nun, und jetzt, jetzt, nach den vielen Jahrzehnten, galt dies nicht minder. Und nur die braunschleimige Lurach schien tatsächlich freiwillig durch diese blöde Stadt zu fließen. Wiewohl: Vielleicht freute sie sich, möglichst rasch dahin zu sein? Hinter ihr die Sintflut …

Provinz – na ja. Hm.

Also, was ist schon s o schlecht an der Provinz? So dachte H. allvormittäglich, wenn er in der ersten Konditorei der Stadt seinen Kaffee schlürfte sowie ein Kipferl mit Butter und die lokalen und regionalen Zeitungen und Magazine konsumierte. Hin und wieder sogar die FAZ und den SPIEGEL.

Hier kannte man H. Alle Welt – was als Floskel in S*** an der Lurach, zugegeben, ein bisschen großsprecherisch wirken mochte –, jeder also kannte den alten Protagonisten. Sein Faust vor gut dreißig, sein Hamlet vor vierzig und sein Lear vor zehn Jahren hingen förmlich noch als Reserve-Aura an seinem leicht abgeschabten schwarzen Mantel. Den roten Schal, damit einem zweiten Aristide Bruant beinahe gleichend, um den Hals geworfen, den schwarzen Schlapphut verwegen ins Gesicht (oder aus dem Gesicht heraus?) gedrückt, hätte er einem Plakat von Toulouse-Lautrec – kürzlich erst – entstiegen sein können. Andere wiederum nannten den würdigen alten Herren gar einen toughten Typ. Naja. De gustibus non est disputandum

Immerhin: H. zeugte von Flair. Oder wie man halt schon so dahin plappert, jungmäulig.

*

„Nur über meine Leiche!“, hatte Olga, des späteren Altenpflegers M. Schwester, mit ihm den kargen Haushalt teilend, gesagt. Damals vor mehr als zwanzig Jahren. Als M. den Mittelfußknochen samt – nicht dazu gehöriger – Achillessehne angeschleppt hatte. Quasi: den Anfang schaffend für seine bis dato doch recht ansehnliche Sammlung organischer und anorganischer Außergewöhnlichkeiten. Teils makabre Körperpartikel, ansehnliche und weniger ansehnliche Muskelpartien, Organstücke, Nägel, Haare …

Da schwammen die Zähnchen (Milch- wie Nachher-), Blasen, Nieren und die Blinddärme in Formalin, lagen die Rippchen, Handballen, Zehen und Fingerleins wie Schwammerln in Rexgläsern. Auch die Überreste seiner Schwester hatte M. mit nicht geringem Aufwand solcherhalben konserviert. Haut und Haar, sozusagen. Ihre Stimme zudem auf Tonband.

*

Das Schönste freilich waren die Teile der sogenannten Prominenten. Und – in einer Sondersektion seiner kuriosen Sammlung -: die Prothetik.

Was hatte sich M., Kind, ewiges Kind, das er geblieben war, was hatte sich M. gefreut über das Schambein der greisen Sopranistin Charlotte K. ! Wie war ihm förmlich das Herz übergegangen angesichts der Milzreste des hochver(s)ehrten Tenors F. Der hatte allerdings das hohe F. immer wieder einmal verfehlt, der F. War irgendwie doch nicht so gut, der F.

Die künstliche Herzklappe erst vom Komiker P. und der nicht mehr intakte Schrittmacher vom verstorbenen Bassbariton S.! Schicksalsstunden der Anatomie und der Pathologie. Und natürlich auch der Prothetik.

Woher er die raren Stücke bezog? Aus der Pathologie. Dort hatte M. nämlich seinen „Treuen Eckehart“ – in persona des anatomisch-pathologischen Gehilfen J. Und dieser ehemalige Klassenkollege aus dem Conrad-von-Hötzendorf-Gymnasium zu S*** versorgte M. stets mit bestem „Frischfleisch“, wie er die diversen Leichenschnitzel wenig pietätvoll zu nennen pflegte. Schmatz.

Und jetzt: H.s Oberkieferprothese! Bald schon mit Unterschrift, mit Autogramm …

Morgen, das hatte ihm der senile Schauspieler versprochen, nein: das hatte M. ihm abgerungen!, morgen also würde er, H., sie unterschreiben, autorisieren gleichsam, die Prothese. Nicht heute, nach dem Schock – und schon gar nicht hier, in der Kantine, wo alle …

Wo? Oben, im Rossberg-Hotel mit Lurachblick wollten sie einander um zehn Uhr vormittags treffen. Pünktlich.

*

Der Mime war in den „Standard“ vertieft, als ob er solche falsch verstandene Imagepolitur überhaupt noch nötig gehabt hätte. Vor sich den großen Braunen und abgesprengte Krumen und Krusten von Kipferl-(oder Nussbeugel- ?)Resten.

„Nehmen Sie Platz, Herr …“

„M.“, sagte M. Dem gelangweilten Kellner rang er etwas Aufmerksamkeit ab und vermochte so, seine Bestellung, einen Cappuccino (mit Milchschaum, sonst wär´s ja eine Melange!), los zu werden.

Dann erschoss ihn H.

Ohne Federlesens. Ja, das war wie Mir-nix-dir-nix gegangen. Und ohne Schalldämpfer.

„Wem darf ich den Cappuccino verrechnen“, fragte der Kellner gelangweilt.

„Ihm da, dem Tölpel“, antwortete H. Dann erhob er sich und tat den roten Schal um. Der Kellner applaudierte, immer noch (oder schon wieder?) gelangweilt. Der alte Mime drückte sich den Hut ins (oder aus dem Gesicht?) und verschwand aufrechten Ganges.

Einen Blick sandte er zum Abschied über die Lurach, die man von da oben sehr schön sieht, und seufzte: „Eigentlich eine schöne Stadt, dieses S***. Wirklich eine schöne Stadt …“

f i n

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*