Bloß ein leiser

Vorgeschmack

 

Eine Geschichte über Träume,

letzte Worte und dann doch

nicht geschriebene Memoiren

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

(ENDFASSUNG: 2016.)

 

 

 

Und der Wert des Traumes für die

Kenntnis der Zukunft? Daran ist

natürlich nicht zu denken. Man

möchte dafür einsetzen: für die

Kenntnis der Vergangenheit. Denn

aus der Vergangenheit stammt

der Traum in jedem Sinne.

Sigmund Freud, Die Traumdeutung

*

 

 

Wieder der Traum

Kurios das. Wieder der Traum. Wieder dieser Traum. Da sitzt er, Michael (aber eigentlich: Goethe), da sitzt er also, eingehüllt in den schwabbeligen, seit Jahren schon ein wenig ausfransenden Morgenmantel, da sitzt er denn, behäbig und altersfiligran zugleich, im schon ziemlich zerschlissenen Ohrenstuhl, und vor ihm, halb kniend, halb hingekauert, seine Schwiegertochter Ottilie. Und er, mit beinahe schon ersterbender Stimme: „Nu, Frauenzimmerchen, gib mir dein Pfötchen.“

Ja. In der Tat – noch eine der (diesmal sogar eher) glaubhaften Varianten unter Goethes letzten Worten. Der Alte im Lehnsessel, vor ihm die früh, nämlich mit 34 Jahren schon, verwitwete Schwiegertochter, Ottilie, eine geborene von Pogwisch. Zu ihr, die den Schwiegervater innigst verehrt und ihm treusorgend den Haushalt führt, hat Johann Wolfgang all die Jahre einen guten Draht gehabt, zu ihr schon. Weniger zum enttäuschenden Sohn, zu August; dem Versager, dem früh dahingegangenen; dem so viel weniger Talentierten. Jaja. Kinder …

Dieser, also, Michaels Traum, widerspiegelt nur eines der vielen überlieferten, mehr oder minder hübschen Bilder von Goethes letzter Stunde, in der er angeblich mehr oder minder gewichtige letzte Worte von sich gegeben haben soll, damals am 22. März 1832 um 12 Uhr mittags. Dort im Haus am Frauenplan zu Frankfurt am Main.

Zwar konnte sich nachher der behandelnde Arzt, der Hofmedicus Dr. Carl Vogel, an nichts Gesprochenes mehr erinnern, das der fast 83jährige Greis, der sich schon einige Tage unwohl gefühlt hatte und ernstlich krank gewesen war, in seiner Gegenwart von sich gegeben hätte; wohl aber habe Goethe, des Sprechens also nicht mehr mächtig, mit dem Arm etwas in die Luft gezeichnet, Buchstaben. Vogel meinte, später danach gefragt, ein W erkannt zu haben … (Nachzulesen in Rüdiger Safranskis Biographie „Goethe. Kunstwerk des Lebens“ [München 2013].)

In einer recht originellen Variante, die auf Goethes Diener Friedrich Krause zurückgeht, spielt wiederum der Botschamper (pot de chambre = Nachttopf) eine gewichtige Rolle: Nach ihm, so Krause, verlangte der Geheimrat und ehemalige Minister, immer noch amtierende Dichterfürst und Denktitan nämlich dringend, als es endlich ans Sterben gehen sollte. Dann habe er das so nützliche Gefäß an sich gedrückt, ganz zärtlich. Und sei friedlich verschieden.

Freilich hält sich die populäre „Mehr Licht!“-Äußerung immer noch hartnäckig und behauptet sich weiterhin im Ranking der angeblichen Abschiedsworte des deutschen Großdichters an Welt, Nachwelt und Universum. Besonders in ihrer pathetischen, weil latinisierten Form: Plus lucis!, die naturgemäß ja auch mehr hergibt.

Ob der Sterbende indes dem Diener tatsächlich befohlen habe, die Fenster im Schlafgemach zu öffnen – es war, wie erwähnt Mittagszeit -, und daher nach mehr Licht im zuvor abgedunkelten Raum verlangte? Oder ob es sich womöglich, noch einen Grad esoterischer, auf irgendeine stärkere Helligkeit in einer anderen Welt bezog, die Johann Wolfgang von Goethe just geschaut haben mochte, als er gerade hinüberglitt? Wer weiß das schon so genau …

Mehr Licht. Egon Friedell und Alfred Polgar erklären in ihrem berühmten, im Rahmen des Neujahrsprogramms 1908 im Wiener „Cabaret Fledermaus“ uraufgeführten „Goethe“-Sketch (durch den Mund des vom Dichter in Hinblick aufs Abitur albträumenden schlechten Schülers, dem am nächsten Tag ein Goethe-Rigorosum bevorsteht) das finale Genie-Wort mit dem eher banalen Wunsch des Klassikers nach mehr Milch für seinen Kaffee, weil er ihm zu dunkel gewesen war und er ihn eben heller bevorzugte …

Wie dem auch immer sei. Michael, immerhin erst 75, träumt die Szene in Goethe-Pose im Lehnstuhl quasi nach; so wie man einen Witz nacherzählt oder den Inhalt eines Gemäldes versucht, mit Worten wiederzugeben. Und noch mehr: Ähnlich wie in Hamlets böser Pantomime („Das Schauspiel sei die Schlinge, / in die den König sein Gewissen bringe …“), treten nun die Verwandten in Erscheinung, allesamt nach seinem Zaster gierend, und umtanzen nachgerade Rumpelstilzchen-artig den Ohrenstuhl, in den sich der Alte erschöpft geschmiegt hat. Und was ihn, den Traum-Michael (als Uralt-Goethe), am meisten überrascht: Auch Schwiegertochter Aglaia – die angeblich ach so Gute! – streckt ihre mit einem Mal raffgierigen und besitzergreifenden Hände nach seiner Habe aus!

Furcht und Schrecken! Da erscheint sogar sein längst schon zu Tode gekommener Sohn Adrian, um ebenfalls, gleich linkisch wie lüstern, in diesem nichtswürdigen Ballett der Erbschleicher nach Besitz (nach seinem Besitz, wohlgemerkt!) mitzutanzen … (Er, Michael, ist sich – im Gegensatz zu Hamlets Onkel – indes keines gravierenden Unrechts bewusst [schon gar nicht dem toten Sohn gegenüber!], das dazu angetan sein könnte, sein Gewissen wesentlich zu beschweren. Außerdem ist er überhaupt nie ein Freund des Tanzes gewesen.)

Adrian, aufstrebender Chemiker und talentierter Erfinder wie sein Vater; ja, doch, fast so genial wie Michael selbst! Aber eben bloß fast so … Da geht er wieder, hängender Schultern, dem begossenen Pudel (nein, nicht dem mephistophelischen!) gleich. Und in seinem Schlagschatten: Sybille, die gebieterische Geliebte, die – zumindest Michaels Ansicht nach – ohnedies an seinem tödlichen Unfall schuld gewesen ist, damals, in der schnurgeraden Allee …

Der Ärgste unter den Argen aber, der Erzerbschleicher sozusagen und Erzschelm (um hier en passant an den populären Barockprediger Abraham a Sancta Clara zu erinnern), ist – wie so oft im wahren Leben – sein abgefeimter Enkel Nicky, dieser fürchterliche Nichtsnutz und Taugenichts. Endlich sieht sich der unmoralische Schlingel in seinen eindimensionalen, ganz und gar aufs Geld zentrierten Begierden knapp vor dem so lang schon anvisierten Ziel: Der Schoß, in den er diesmal gelangen will, ist der enorme Besitz, das Riesenvermögen, des möglichst bald abkratzenden Großvaters (oder mindestens der Löwenanteil daran).

Ja, doch: Sein Berufswunsch soll lieber heute als morgen, allemal jedoch endlich in Erfüllung gehen: Erbe sein! Erbe beinahe unfassbarer Besitzungen. (Dabei ist es damit auch wieder nicht so weit her, weiß Michael. [„Was die Leute bloß immer haben …“])

Genau, ein Unglück kommt selten allein: Nicky ist dabei dicht gefolgt von Esther, seinem Schlangen-gleichen Schwester-Biest. Halleluja!

Nicky. Nikolaus. Der Enkel als Ekel.

In der Tat: ein trauriger Fall von Wohlstandsverwahrlosung.

Zwar erst an die dreißig Jahre alt, aber schon ein ausgemachter Filou. Ein Weiberheld und Trunkenbold, exzessiver Spieler mit der unsäglichen Tendenz zu fulminanten Dauerverlusten. Dazu, damit es auch ja ausgibt, noch ein aggressiver Krakeeler und permanent streitsüchtiger Trottel, dem die imposante, eine Zeit lang sogar konsequent in einem snobistischen Fitnessstudio antrainierte Muskelmasse mehr als nur einen Touch von bodygebuildetem Athletentum verleiht. Kurz: ein unter Umständen durchaus Angst einflößender Tunichtgut.

Aber (angeblich) charmant.

Nicky hat mehrere Studienrichtungen eingeschlagen und wieder abgebrochen und war schon in einigen Jobs erfolglos; deshalb möchte der Scheißkerl jetzt eben am liebsten als Berufserbe reüssieren und mit Opas hart erarbeitetem Geld nur so um sich werfen, dass es eine Freude ist! Himmel, auch!

Und das alles lieber heute als morgen heute als morgen heute als morgen. (O das hatten wir schon schon schon …)

Der Traum sickert (nach einigen Schleifen, in denen er sich – wie gewohnt – wiederholt) in eine Art von Realität im Halbschlaf. Gedrosselte Sinnes-Kräfte, mentaler Standby-Modus quasi. Michael ist noch nicht ganz wach, er ist jedoch auch nicht mehr so ganz der Traumdramaturgie unterworfen … Und so harrt er, ziemlich passiv und hilflos, der Dinge, die da noch kommen würden.

Dann: Lichtwechsel. Einige wenige Verzerrungen, nein: Klarheit eher. Jetzt: Glasklarheit, sozusagen und absolute Kontur. Nichts Nebliges mehr. Klarheit und Bitterkeit. Klare Bitterkeit.

Dann – da: Erneutes Hineinfallen in den Traumschlaf. Diesmal ist es allerdings um einiges seichter als zuvor, das Becken, in dem die Traumsauce träge vor sich hin stagniert wie zu dick geratene Linsensuppe (er hasst Linsensuppe). Ein Traumbiotop, das da eher schon zähflüssiger Gülle gleicht; oder dem Scheißsaft, der in einer unappetitlich schlierenden Jauchengrube in Zeitlupe vor sich hin zirkuliert. Vermutlich, um den horriblen Eindruck des Mahlstroms zu verschleiern, den die schreckliche Kuhle in Wahrheit darstellt. Schicksal der Nachtperson, die der Schlafende nolens volens ist, wenn er das Überschwappen der tödlichen Grütze auf sein gemartertes Haupt schließlich als unabwendbar eingesehen hat. Und keine Hoffnung in Sicht.

Dann – da: Dr. Eckermann. Der papierene Dr. Johann Peter Eckermann. Goethes minder ausgestattetes Alter Ego der alten Tage. Saftloser Famulus, Mensch gewordener „Faust“-Wagner und schlurfender Schleicher zu mitternächtlicher Studierzeit. Devot bis zu tragikomischer Unterwürfigkeit hin, aber innerlich kochend vor Eifersucht, weil er nicht auch vorkommt im bizarren Reigen der potenziellen letzten Worte des Meisters!

Doch – die Schleife schleift ihn weiter …

Und: Sogleich verflüchtigt sich das Goethehafte wieder, und das Bild verwandelt sich erneut ins rein Interfamiliäre, ins Michaelige. Und die Haus-Lemuren umwuseln mit einem Mal und beinahe possierlich tuend den alten Herrn, der im Traum selbstredend altersmäßig unbestimmt ist; wie ja alles, was mit Zeit zu tun hat (auch mit Lebenszeit) im Traum eine andere Bedeutung, Intensität und Qualität aufweist. (Sogar der Umstand, dass der Mensch nur über das mit Sicherheit verfügt, was bereits gewesen ist [nur über die Vergangenheit also, weder über Gegenwart noch Zukunft! {Hier sei auf Sigmund Freuds „Traumdeutung“ verwiesen!}], spielt in der Traum-Realität keine so bedeutende Rolle wie in der des Wachens.)

Da – Nicky! (Und noch eine typische Schleife!)

Ja, Nikolaus, der infantile Infant, giert förmlich nach den – zumindest seiner Meinung nach – schier sagenhaften Besitzungen des Alten, die da in diversen Stiftungen schlummern, in Finanzparadiesen deponiert sind und sich stetig auf den verschiedensten Konten irgendwo auf der Welt vermehren. (Und ihm in der Beschränktheit seines ewigen Kindseins als riesige Haufen, ja: als unfassbare Halden, bestehend aus meterhoch aufgetürmten, faustgroßen Karfunkelsteinen, blendenden Monsterdiamanten, als schiere Mauern von verführerisch schimmerndem Gold und anderem Firlefanz [sic!] erscheinen mögen.)

Egal, ob es die Immobilien und Ländereien des alten Krösus sind oder sein mehr als bloß imponierender Wagenpark mit den eleganten Buicks und den gepflegten Thunderbirds, den Geländewagen der Sonderklasse oder gar mit den paar überaus aparten Lamborghinis und Ferraris („Mir kommt alles, nur kein Porsche in die Garage!“, lautet immer noch der kolportierte Wahlspruch des diesbezüglich überaus wählerischen Michael, der jetzt gerade in einen fruchtlosen Traum-Dialog mit dem Enkelsohn eintritt), einfach alles möchte sich dieser beschissene Traum-Nikolaus unter den Traum-Nagel reißen; und das am besten sofort … (Was Michael, da es sich schließlich um seinen Traum handelt, nicht tangieren muss: Nicky giert geradezu nach des Großvaters Reichtum – indes tut er das in ihrer beider Realität und nicht in seinen [Nickys] Träumen. Nickys eigene Träume sind nämlich vergleichsweise inhaltsschwach; so wie sein Schlaf, bedingt durch den ständigen Alkohol-Abusus und den gewohnheitsmäßigen Gebrauch diverser Rauschmittel möglicherweise mitunter todesgleich sein mag, doch mit Sicherheit weder leicht noch tief.)

Und wieder wird der Traum dünnsuppig. Fast ist der Schlaf nun zur Gänze aus den müden Greisengliedern und sogar aus dem schweren Kopf des Alten verschwunden. Nebelschwaden ziehen erneut durchs Bild, und fetzig-schlieriges, mehrheitlich jedoch dunkles Gewölk zeigt sich; alles ohne klärende Begrenzungsstriche. Ausmaßlos, sozusagen, weil ungewiss.

Dann: Esther, das Lotterweib. Ja, doch! Auch Nickys Schwester Esther, wenig jünger nur als er, aber ebenso ziel- und richtungslos, geht es um seriöse Berufsaussichten, tut es schier spielend dem wenig älteren Bruder, diesem opportunistischen Schwerenöter, gleich; wenn sie ihn nicht hin und wieder sogar noch übertrifft und überflügelt an Niedertracht, die sie geschickt als Zuwendung und Fürsorge dem Opa gegenüber camoufliert … Nachtvogel wie der nichtsnutzige Bruder, Vampir im Mehrfachsinn des Wortes; doch weniger Blut- als Geldsaugerin.

Leicht verhurt schon (leicht verhurt, wenn so etwas überhaupt möglich ist …), aber blendend (sic!) aussehend, super-affengeil und megaphat; und unschuldig, kein Wässerchen zu trüben imstande; ohne sonderliche Schwierigkeiten sogleich Mittelpunkt jeder Fete und Zentrum jedes halbwegs animalisch-erotisch aufgeladenen Festes; von den mit Testosteron aufgeladenen Männern aller Altersklassen längst heiß ersehnt. Und: Quasi ein viel-frequentierter Hauptbahnhof jeden Schlafzimmers – oder jeden Hinterhofs, wie auch immer. (Selbstredend: heiß begehrt von den entsprechend dummen, aber ausreichend mit Taschengeld versehenen jungen Männern und, natürlich, von den reichen alten Säcken.)

Absahnerin, Einstreiferin und Ausgeberin in einem; eine Fick- und Geldmaschine in Personalunion. Die zum optimalen Bumsobjekt gewordene Platin Card. Aber auch die geborene Femme fatale; und dann wieder (zumindest in Spuren noch) eine süß-prickelnd wirkende Lolita mit Sonnenbrille, Coca-Cola-Flasche plus Strohhalm und knacksenden Chips (ganz nach Vladimir Nabokov); eine dekadente Messalina und die Heilige Maria, gleichzeitig: so dauerbrünstig und so unbefleckt, in einem; Lucrezia Borgia und unschuldig wirkender süßer Teufelsbraten mit einem speziellen Zungenvibrato sogar im Bereich der unschamhaften Schamlippen (klein wie groß) … Dabei, zu allem Überfluss, sogar – in Maßen – beliebt, man höre und staune, bei den Geschlechtsgenossinnen, die (noch) nicht ganz so durchtrieben sind wie dieses rothaarige Koital-Luder der Sonderklasse.

Ja, Esther ist eine Art personifizierter Traum im Traum; auch wenn das dann schon eher in Richtung Albtraum geht. Feucht immerhin und zu feuchtem Gefühl führend, spielerisch … Sie evoziert (zumindest in den nervösen Traumschleifen des alten Großvaters, von denen wir hier reden) einiges an Phantasmagorien. Ja, doch: Sie entspricht im weitesten Sinn höchst sinnlichen Darstellungen diverser verbotener Lüste (und ihrer auf schönem Fuß folgenden strengsten Bestrafungen, demonstriert durch nicht minder pittoreske Wiedergaben der passenden Martern und Peinigungen nach erfolgreich erfolgten Ekstasen. Das alles ist irgendwie bitter-süß, süß-sauer – fast schon ein wenig sado-maso … Aber allemal ziemlich geil! (Mit dem Pinsel des Hieronymus Bosch festgehalten …)

Und Aglaia? Hm. Über all dem nämlich, beinahe wie selbstverständlich, ruht der Segen der früh verwitweten Mutter, der Segen von Michaels Schwiegertochter Aglaia. Sie, die taffe Frau Geschäftsführerin der Seniorenresidenz „Abendglanz“, sie hat so gut wie alles im Griff. So wie sie ihren – früh bei dem vorhin erwähnten selbst-verschuldeten Verkehrsunfall ums Leben gekommenen – Mann, Adrian, immer (beinahe) im Griff gehabt hat.

O ja. Sie hat ihn ziemlich fest im Griff gehabt, den begabten Adrian. O ja! Bis sich dieser, total betrunken, während eines seiner zahlreichen Nebenweiber – die betreffende Schickse heißt übrigens Sybille – gerade gleich intensiv wie oral innerhalb seines Hosentors (Ja! Jaja!! Ja!!!) zu Gange ist, wenig elegant, aber letal um einen Alleebaum gewickelt hat. Damals.

Fest im Griff. Auch ihn, doch, doch! Auch und gerade ihn, Michael, hat Aglaia fest im Griff. Ihn, den 75 Jahre alten studierten Chemiker und Gründer der international agierenden „Firlefanz“ Ges.m.b.H. & Co.KG/Corp. etc. Ihn, den überaus erfolgreichen Erfinder und, aus diesem Umstand sich ergebend, auch den in Maßen sogar kunstsinnigen Krösus und Zikus-Liebhaber; den überaus freigebigen Mäzen (ja: nicht nur mittleren Ausmaßes); den allseits geachteten und hochgeschätzten Sozial-Zampano und angesehenen Meister der karitativen Innovationen auf verschiedensten Gebieten. Ihn, den Steuer-schonenden Menschenfreund gar.

Kein Scherz. Indes: Die „Firlefanz“-Werke haben ursprünglich eher harmlose Scherzartikel und diverse Utensilien für Schießbuden, für Zirkusse oder für Glückshäfen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks hergestellt: kleine plüschige Äffchen, dickpelzige Bären, auch kitschige Papierblumen und Barbie-Puppen-ähnlichen Krimskrams; bald freilich, nach einer quasi epochalen Erfindung Michaels im Kunststoffbereich, auch (und zuletzt: hauptsächlich) sauteure Rüstungs-kompatible Geräteteile.

So ist es gekommen, dass die „Firlefanz“-Group bald schon zu den absoluten internationalen Marktführern auf den betreffenden Sektoren strategischen Materials aufgeschlossen hatte und ein echter global player geworden war. Ein Umstand, an dem hat sich bis heute nichts geändert hat; auch nicht übrigens, seit Michael das operative Geschäft vor einigen Jahren schon seinen engsten Mitarbeitern im Management (mithin einer entsprechend international ausgerichteten Führungsmannschaft) übergeben hat.

Und der (im Übrigen noch recht rüstige) Greis sowie seine Familie können längst schon bequem von einem Bruchteil der anfallenden Dividenden und Vermögenszinsen leben.

Doch in Wahrheit ist Aglaia, die ohnedies nur zum Zeitvertreib (und, zugegeben, auch aus ein wenig Empathie heraus! [Oder ist es Sadismus?!]) die Geschäftsführung der noblen Residenz „Abendglanz“ inne hat, gar nicht zufrieden mit sich und ihrem Leben. Ach ja: Das vornehme Altenhaus „Abendglanz“ gehört seinerseits übrigens wiederum zu einer internationalen Kette von Seniorenheimen, die allesamt von Michaels „Firlefanz“-Group und ihren diversen Tochterunternehmen finanziert werden – von Florida bis Schanghai, von Ibiza bis Helsinki, von Berlin und Wien bis in die Vereinigten Emirate – und gleichsam als weltumspannendes Myzelium mehr oder minder dubioser Firmenkonstruktionen am internationalen Senioren-Markt mitmischen; teils real, teils virtuell, schön ausgewogen. Finanztechnisch, wie auch die internationalen Chemie- (und Waffenzuliefer-)Betriebe Michaels allesamt im Off-Shore-Bereich – Panam et cetera – angesiedelt. Man versteht …?! (Nein, noch ärger!)

Da läuft alles wie am Schnürchen. Da muss sie nichts belasten. Nein, nein … Da braucht sie über nichts frustriert zu sein (wie sie beispielsweise nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes Adrian vor mehr als zehn Jahren zunächst einmal geglaubt hatte, die ganz große Trauer zelebrieren zu müssen; auch wenn ihr Angetrauter durchwegs ein wahrer Scheißkerl gewesen war die meiste Zeit). Da gibt es auch keine Berge von Unannehmlichkeiten. Nein, das macht ihr alles keinerlei Kopfzerbrechen.

Da sind allerdings ganz andere Dinge, die ihr schlaflose Nächte bereiten: Ihre Situation, die sie nicht selten als ziemlich unbefriedigend empfindet; obwohl sie, wie man so schön sagt, alles hat, was man sich im Allgemeinen nur wünschen kann: Erfolg, Attraktivität, Reichtum, Ansehen, den Neid ihrer Umgebung. Und, wie gesagt, nirgendwo Berge von Unannehmlichkeiten, mit denen sonst doch die meisten Menschen zu kämpfen haben. Nein, keine Berge.

Freilich, besonders der Lebenswandel ihrer Kinder sorgt bei Aglaia inzwischen bereits für wahre Gebirgszüge an Sorgen. Ja, Nickys unstete, von Fall zu Fall sogar regelrecht kriminelle Entwicklung (als ob er das nötig hätte, der immer noch total verzogene Bub!) gibt der ewigen Mutter, die nun auch schon an die 55 Jahre alt ist, zu denken (als ob sie das nötig hätte, arme Haut, die sie ist, und immer noch für jedes und alles verantwortlich, wie es aussieht!).

Nicky. Das eine Sorgenkind.

Doch auch das, was Esther anscheinend – ihre bisherige Karriere legt zumindest eine solche Vermutung nahe – unter Lebensgestaltung versteht, geht Aglaia gewaltig gegen den Strich. Esther also – das andere Sorgenkind. (Gott sei Dank hat sie nur die beiden Kinder …)

Und zu allem Überfluss ist da noch die Gewissheit, dass sie da (das ist ihr übrigens durchaus einsichtig) letzten Endes allein durch muss. Das sind nun einmal ausschließlich ihre Malaisen; die gehen niemand anderen etwas an. Denn auch der sonst so geschickte Anthony Quitt, der mit seinen 48 Jahren noch relativ junge Vorstandvorsitzende bei „Firlefanz“ (zuvor Michaels rechte Hand) und überdies Aglaias Lover seit einigen Jahren schon, kann ihr dabei mit all seinem Geschäftssinn und seinem unleugbar alerten Auftreten nicht helfen. Immerhin, seine Erscheinung, die ist immer noch perfekt. Da legt er Wert darauf wie vor Jahren schon; und er beherrscht nach wie vor das überlegene Lächeln, den federnden Schritt und – wie er es das bloß macht? – sogar den Trick, bis spät in den Abend seine Anzüge falten- und überhaupt tadellos zu halten. (Nur ihr kann er – O-Ton: „Bei aller Liebe …“ – nicht helfen. „Sorry!“)

Immerhin. Immerhin versteht sie ihr Handwerk, die Altenbetreuung; und auch sonst hängt Aglaia keineswegs gedankenlos in den Strudeln der Zeit herum wie irgendein dummer Internet-Teenie, schwankend zwischen Facebook und Twitter. Da hat sie andere Sorgen (siehe oben!); und zudem verfügt sie immer noch über eine ausreichende Portion Erdung.

Ach ja: Und da ist auch noch Michael. Ja, sie verehrt ihren Herrn Schwiegerpapa. Sie schätzt ihn, den alten Michael, und sie weiß, dass auch er ihre Sympathie zu schätzen weiß. Zudem versteht sie es, ihn richtig zu nehmen – wie es Ottilie von Goethe beim alten Geheimrat gehalten hat, dort am Frauenplan zu Frankfurt am Main. (Nun, die Pogwisch war, zugegeben ziemlich verschossen in den stattlichen Minister; so weit ist es bei ihr, Aglaia, und dem alten Generaldirektor natürlich nicht. Nie. Und außerdem: Wir leben, bitte sehr, nicht in der deutschen Klassik.)

Ottilie – Pardon, natürlich Aglaia! -, Aglaia also weiht den Patriarchen auch sukzessive in die Methoden der Altenpflege ein, zur Zeit natürlich nur theoretisch, weniger praktisch; denn noch hat Michael erfreulicherweise alle Tassen im Schrank und ist auch physisch durchaus auf der Höhe, bedenkt man sein Alter. Ja, geistig wie körperlich ist der Generaldirektor in Pension für seine 75 Jahre sozusagen: topfit.

Doch der gewesene Experte in Fragen der angewandten und theoretischen Chemie, der geniale Erfinder und Entwickler sowie der erfolgreiche Geschäftsmann ist allein schon im eigenen Interesse und was die Befindlichkeit seiner Person betrifft neugierig auf Methoden und Techniken, wie sie Medizin, Psychologie und Krankenpflege für den einmal altersschwach gewordenen Menschen, den Senilen, vielleicht auch Dementen oder gar mit der Alzheimerkrankheit Gesegneten, so in im Angebot haben. Und natürlich interessiert es ihn, wie man, womöglich als einmal selbst davon Betroffener, optimal darauf reagiert. (Dass er da zu großem Teil im eigenen Interesse nachfragt, ist ihm vermutlich selbst gar nicht bewusst …)

Ja, doch, da kann es nur von Vorteil sein, dass seine Schwiegertochter Aglaia bestens und fundiertest ausgebildet ist in den wichtigsten Fragen der Altenbetreuung und der Palliativmedizin – und noch darüber hinaus auch psychologisch geschult. Doch, doch: Das hat sie wirklich alles von Grund auf gelernt und studiert (mit geziemenden Abschlüssen und diversen akademischen Würden); auch wenn sie sich bald schon fast ausschließlich für den Bereich Management auf diesem Gebiet der medizinischen Organisation zu spezialisieren angefangen hat. (Vermutlich: kluge Voraussicht. Oder: instinktiv richtig?)

O ja. Aglaia wirkt schon von Beginn an, gleich nachdem sie damals ihren (inzwischen, wie erwähnt, unvorsichtigerweise verstorben) Mann geheiratet hat, mit Leidenschaft als kaufmännische Direktorin der bestens eingeführten Residenz „Abendglanz“. Somit, wie übrigens auch im gediegen aufgemachten Werbematerial nachzulesen ist, das allenthalben zur Lektüre aufliegt, „an der überaus wichtigen Stabsstelle innerhalb der international agierenden Kette gehobener Seniorenhäuser, der auch dieses gepflegte und nach den modernsten Richtlinien der medizinischen wie organisatorischen Erkenntnisse geführte Haus angehört“. (Dass sie ihre Rolle der bald schon zur zweifachen Mutter Gewordenen dabei weit weniger professionell spielte, sei bloß der Vollständigkeit wegen erwähnt, soll indes nicht als Vorwurf gemeint sein.)

Ums Geld, also um ihr durchaus fürstlich zu nennendes Salär, ist es dabei, wenn überhaupt, dann bloß in zweiter Linie gegangen. Als Schwiegertochter Michaels hat es ihr ohnedies a priori an nichts gemangelt. (Zudem waren auch ihre Eltern, vorher schon, durchaus nicht zu den Hungerleidern zu zählen gewesen.)

Dass sie stets das Sagen gehabt hat, lässt sie allerdings bis heute auch die Manager-Kollegen immer wieder spüren; und sogar der ärztliche Leiter des renommierten Seniorenheimes „Abendglanz“, Primarius Sigmund Felix Otternfreud, hat immer wieder einmal einiges einzustecken im Umgang mit der grauen Eminenz Aglaia. (Nur die Bewohnerinnen und Bewohner der Nobelunterkunft für gestopfte alte Säcke und sieche Schreckschrauben dürfen sich nach wie vor Aglaias ungeteilter Aufmerksamkeit und ihrer ganzen Zuneigung sicher sein; unabhängig davon, ob sie es überhaupt noch bemerken oder nicht.

Die von allen verehrte Frau Direktor hört sich geduldig alle Beschwerden an (auch wenn die nicht selten oftmals hintereinander und inhaltsgleich, ja in identischer Wortfolge von den alten Leuten abgesondert werden wie bei einem verbalen Springbrunnen mit Druckabfall), hat für jeden ein offenes Ohr und verspricht sogleich Abhilfe – vorausgesetzt, dass es auch ihr nötig erscheint. Andere, die nur aus Langeweile heraus an allem und jedem etwas auszusetzen oder zu mäkeln haben, versteht sie, charmant hinzuhalten. Grosso modo sind somit alle zufrieden, bis dann schließlich der Tod (irgendwann einmal) anklopft …

Nur Aglaias Geliebter, der Vorstandsvorsitzende der „Firlefanz“, DI Anthony Quitt, mokiert sich gelegentlich über ihre mehr als bloß penibel exekutierte Arbeit im „Abendglanz“, besonders wenn sie, diesbezüglicher Agenden wegen, die Welt durchfliegt; fühlt sich der zwar begabte, im Grund jedoch in erster Linie raffgierige Technokrat doch nicht selten hintangesetzt und mit vermeintlich zu wenig Obsorge und Zuwendung beschenkt.

Doch gegen den Freiheitsdrang und den Willen zur Selbständigkeit, aber auch gegen die durchaus pedantische Art und Weise der tagtäglichen Pflichterfüllung an der Menschheit, wie sie seine große Liebe (so apostrophiert er seine Aglaia immer noch!) nun einmal praktiziert, kommt er eben nicht an. Und: Was tun dagegen, wenn da doch Empathie waltet … (Ob es freilich tatsächlich die große Gefühlsintensität ist, die den Beweggrund für Aglaias ach so menschenfreundliches Tun bildet? Wir können es nicht beschwören. [Wie gesagt: Da spielt mit großer Sicherheit auch eine gehörige Portion Sadismus mit hinein!] Aber – was soll’s?!)

Fest steht, dass sich Aglaia in Permanenz auf dem totalen Selbstverwirklichungstrip befindet, wie es Nicky auszudrücken pflegt (dem das Engagement seiner Mama ziemlich auf den Sack geht). Und dass sie sich einsetzt rund um die Uhr, tut ihr noch am ehesten gut. (Hier übrigens treffen einander Opas Traum und das, was wir (unvorsichtigerweise und einigermaßen gedankenlos) Realität nennen, quasi aufs Neuralgischste.

Also, Traum hin, Realität her: Für den sukzessive zum Greis heranreifenden Michael ist just seine Schwiegertochter die längste Zeit schon einerseits das wichtigste verbliebene Tor zur Welt der pulsierenden Jugend (Jugend hier als etwas vager Zustand und ganz in Relation zu ihm und seinem ebenso vagen Alter gesehen); denn, wenn solches vielleicht in anderen Konstellationen auch naheläge, hier verbietet es sich: Mit den Enkeln kann er über solche Dinge nicht reden. Einerseits.

Zum anderen dient Aglaia ihm, wie schon angesprochen, jederzeit und wenn immer er sie braucht, als überaus kompetente Auskunftsperson, dreht es sich um Fragen der speziellen Seniorenmedizin, der Heilung beziehungsweise Linderung der diversen altersbedingten Beschwernisse und Molesten, des palliativen Bereichs also; sowie überhaupt als gern konsultierte Fachfrau in Sachen Senilität et cetera. Denn hier liegt ein überaus wichtiger Schmerzpunkt Michaels, sein Angstzentrum, wenn man so will.

Und die – übrigens noch sehr attraktive – Frau schildert immer wieder und gleich rücksichtsvoll wie geduldig (vielleicht mitunter sogar etwas zu genüsslich) ihrem Schwiegervater in familiärer Vertrautheit, was ihn womöglich noch so alles an altersbedingten Behinderungen erwarten werde; und sie verspricht dem Greis, der sich zur Zeit im übrigen noch weitgehend und durchaus guter Gesundheit erfreut, ein ums andere Mal, sich seiner anzunehmen, sollte er ihrer später dann in zunehmendem Maß bedürfen.

Sie verfügt selbstredend seit Jahren schon über diverse testamentarische Vollmachten seinerseits und hat auch vor, Michaels Wünschen generell (soweit dies nicht etwa ihrer eigenen Planung grob zuwiderlaufen sollte) und weitestgehend zu willfahren.

Der Alte wiederum weiß, dass er sich auf Aglaia ebenso generell und weitestgehend verlassen würde können. („Nu, Frauenzimmerchen …“) Nur, dass sie selbst auch sehr exakte Vorstellungen von der Interpretation seiner Festlegungen hat, das weiß er naturgemäß nicht …

*

Es ist gut für Michael und seine mentale Balance, nicht alles zu wissen, was in Aglaias Kopf so vor sich geht. O ja. Doch eine Ahnung davon, dass sie ihm letzten Endes einen dicken Strich durch seine Rechnung machen werde, hätte selbst einen wesentlich misstrauischeren Alten umgehauen.

Und dass ihm (der er doch stets beseelt war von größtem Vertrauen auf entsprechende Loyalität) auch Anthony Quitt, den er mit so viel Sorgfalt – wie ein Gärtner, könnte man sagen – im Monster-Betrieb groß werden lassen und den er auch privat gefördert und unterstützt hat (nicht zuletzt pekuniär großzügig gedüngt und finanziell reichlichst begossen, sozusagen) wie nur, in den Rücken fallen werde, wird ihn später dann sprachlos machen und wütend! Hätte er doch so etwas nie und nimmer vorhersehen wollen!

Je näher sich der Chef und sein wichtigster Manager (auch privat) gekommen sind, umso schmerzhafter wird der Treuebruch auf den genialen Erfinder und Chemiker, den erfolgreichen Geschäftsgründer und Generaldirektor i. R. dann in der Tat wirken. Dieser unsägliche Treuebruch, begangen vom wichtigsten und vertrautesten, vom lange Zeit hindurch engsten Mitarbeiter! O ja, Michael wird Anthony gleichsam aus seinem Gedächtnis zu löschen versuchen. (Wenn so etwas bloß möglich und machbar wäre!) Und wenn er könnte, würde er ihn wohl auch aus seinen Träumen verbannen! (Aber so weit sind wir noch nicht. Gemach!)

Fortsetzung folgt!

 

Die Crux des Ghostwriters

Pardon! Spät, aber doch. Jetzt komme ich erst dazu, mich als Ghostwriter des genialen Erfinders und Chemikers, des erfolgreichen Geschäftsgründers und Generaldirektors i. R., kurz: des 75jährigen Michael also, vorzustellen. Aber der kleine Goethe-Exkurs und auch die Minimal-Synopsis der Familie meines Auftragsgebers, die schienen mir erzähltechnisch immerhin wichtig zu sein. Und hoffentlich waren sie auch ein bisschen unterhaltsam. Ein wenig amüsant zumindest. Oder?! – Na, eben.

Das mit dem Memoiren-Schreiben hat ja überhaupt so seine Tücken.

Ist der Fortschritt schon und beinahe immer eine zweischneidige Angelegenheit, wie sehr dann erst die Rückschau! Und außerdem: Wenn man für jemand anderen die Lebenserinnerungen verfasst (übrigens: die mit Abstand verlogenste Form von Biographie, die man sich vorstellen kann), erlebt man nicht selten zwischendurch seine blauen Wunder. Da segelt man gleichsam in Permanenz zwischen Szilla und Charybdis. (Um hier die Assoziation zu Homers „Odyssee“ herzustellen; was leicht als ein Nachweis meiner blendenden Allgemeinbildung missverstanden werden und mir somit [zugegeben: weitestgehend unverdiente] Anerkennung einbringen könnte.)

Leute, die einen Fremd- respektive Lohnschreiber (oder eben einen Ghostwriter) engagieren, damit der dann meist ehrfürchtig und devot (oder ehrfürchtig und devot wirkend) ihre Lebenserinnerungen zu Papier bringe, sind grosso modo von enormer Eitelkeit bestimmt; sonst täten sie es ja nicht. Aber immerhin lassen sie sich (und ihrem Ego) in beinahe grenzenloser Aufgeblähtheit den skriptoralen Spaß auch einiges kosten. Und das freut dann wieder den Ghostwriter, der deshalb auch, also in Hinblick auf ein möglichst saftiges Honorar, die Ausritte der meist senilen Heldinnen und Helden weitgehend ergeben und stillschweigend über sich ergehen lässt. (Als je härter sich seine Haut dabei erweist, umso besser ist es für sein Gemüt!)

Zum Beispiel: Manche, deren Reminiszenzen man zwecks Erstellung eines womöglich zuletzt noch in elegantes Leder (mit Goldlettern) gebundenen und auf Bütten gedruckten Buches schnäuzen soll, wissen einfach alles besser. Gut, sie waren dabei, als die Dinge passiert sind; aber – haben sie deshalb wirklich um so viel mehr Ahnung davon? Zu genaue Kenntnis trübt letzten Endes nicht selten den Überblick!

Reminiszenz. Ich musste da in meiner Funktion als Memoiren-Sklave vor Jahren einmal die Bekanntschaft eines oberbayerischen Wurst- und Fleischwaren-Großfabrikanten machen, dessen protzige Betulichkeit (o welche Kombination!) mitunter schon durchaus pathologische Ausmaße annahm. Nicht nur, dass dieser Bursche – ich glaube, er hieß Wanninger (ja, wie der Buchbinder in Karl Valentins legendärem Telefon-Sketch [Helmut Bachmaier u. a. {Hg.}, „Karl Valentin: Sämtliche Werke in acht Bänden {plus Ergänzungsband}“, München 1992 ff.]) –, also nicht nur, dass er allen Ernstes davon überzeugt war, sozusagen die Würscht‘ schlechthin erfunden zu haben, mischte er sich auch auf Teufel komm ‚raus ständig in meine, ob der flachen Ereigniskurve seiner irdischen Karriere ohnehin recht beschwerliche Memoiren-Produktion ein. Sogar seinen wirklich saublöden Titelvorschlag wollte der 150-Kilo-Lackel partout durchdrücken: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Immerhin konnten wir uns schließlich auf die elegantere Formulierung „Es geht um die Wurst“ einigen.

Allerdings, die Recherchen waren kalorienreich.

Oder. Ein alter, furchtbar jähzorniger und unerhört reizbarer, jedoch – wie er dauernd und mit vor Stolz schier geschwellter Hohlbrust hervorhob – hochdekorierter Fliegergeneral, dessen Geschichte ich vor Jahren (am Beginn meiner diesbezüglichen Karriere) aufzeichnen hätte sollen, nörgelte an allem und jedem herum, was ich für seine Vita so zurecht-formulierte. Dabei war es schon schwer genug gewesen, den eher unsicheren Kantonisten, der bei den Nürnberger NS-Kriegsverbrecher-Prozessen gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen und der Hinrichtung entgangen war, möglichst wenig als einschlägig belastet darzustellen; besonders, was etwa sein durchaus enges Verhältnis zum Führer Adolf Hitler und zum ganzen verbrecherischen Nazi-Regime betraf.

Ich hatte den – zugegeben: gutes Geld verheißenden – Job durch einen ehemaligen Kommilitonen ergattert. Dem wiederum war daran gelegen, dass sein (was weiß ich) Großonkel, eben der besagte wahnsinnige Bombergeneral, endlich zu seinem heißersehnten Erinnerungsbuch kommen möge. Immerhin winkte ihm, meinem eher flüchtigen Bekannten, (hoffentlich schon bald) ein nicht unbedeutendes Erbe. (Gut, für mich gab es auch einen hübschen Vorschuss, immerhin.)

Das war in den 1970er Jahren, und ich hätte die Marie tatsächlich gut gebrauchen können, aber der enervierende Träger aller möglichen Eisernen und sonstigen Kreuze (wahlweise mit oder ohne Eichenlaub) ging mir derart auf die Nerven; besonders, wenn er permanent mit seinem Rollstuhl, eine Sturzkampfmaschine imitierend (Brrm, brrm, brrm! Fffttt! Ffffttt! Peng!), durch die in altdeutschem Stil eingerichtete Vier-Zimmer-Wohnung düste.

Da kündigte ich ihm die Feindschaft auf, indem ich ihm irgendwann, als er sich wieder einmal besonders penetrant aufführte, das zu diesem Zeitpunkt bereits auf gut 200 Seiten Nazi-Kriegsgeschichte angewachsene, mit der Schreibmaschine getippte Manuskript (Computer gab es bei uns hier noch nicht) schließlich – im übertragenen Sinn natürlich nur – um die greisen Fledermausohren schlug.

Freilich, der flüchtige Bekannte, der das Nicht-Geschäft vermittelt hatte, grüßte mich seither nicht mehr; obwohl er schließlich die Erbschaft doch noch glücklich antreten durfte …

Memoiren schreiben: Das bedeutet Knochenarbeit. Denn obwohl die Leute es selbst nicht zu Papier bringen können, was sie angeblich selbst erlebt haben, so reden sie dir nicht nur im Faktischen, sondern auch in stilistischen Dingen und formalen Abläufen wahnsinnig gern dazwischen. Und dabei geht es ihnen doch einzig und allein darum, möglichst gut vor denen dazustehen, die sie dann erst recht ignorieren und den mühsam erarbeiteten, schriftstellerisch aufgemotzten und drucktechnisch aufbereiteten Erinnerungs-Scheiß ohnedies nicht lesen. (Warum auch? Die sind ihrerseits doch mit ihrem eigenen Wust an Reminiszenzen beschäftigt – und damit, möglichst gut beim allgemeinen Human-Ranking auszusteigen …)

Da bemühst du dich, aus einem faden 08/15-Leben eine erregende Biographie zu formen, die sich außerdem, wenn das Büchlein fertig ist, womöglich noch als spannende Lektüre erweist. Hoffentlich atemlos können die lieben Anverwandten dann die zwischen zwei Buchdeckel gepresste Abfolge kolossaler Ereignisse verfolgen, und mit verschwitzten Händen beobachten sie (oder auch nicht) im Nachhinein gleichsam hautnah und dennoch fußfrei den heroischen Einsatz des Vaters, Großvaters, Onkels et cetera, während der, wo, wann und warum auch immer, irgendwelche Kastanien aus den glühenden Kohlen der Zeitläufe holt …

Doch der mittelmäßige und weitgehend uninteressante Grottenolm, der weder Großwildjäger noch Abenteurer, nicht Weltreisender oder Entdecker und auch nicht Buscharzt oder Bezwinger irgendeines Achttausenders gewesen ist, will mit dir um noch mehr Superlative ringen, als du ohnedies schon zusammen-phantasiert hast; weil er einfach noch strahlender sein möchte, als du ihn ohnedies schon, weitestgehend abseits jeglichen Wahrheitsanspruchs und aller Realität, darzustellen versucht hast: als eine Art Herkules, Columbus, Albert Schweitzer oder Charles Darwin – oder, am besten, als alle zusammen und in einem.

Das geht ans Eingemachte. O ja.

Und vor allem: Nur selten vermag man sich gemeinsam mit dem Abzubildenden (zumindest über eine gewisse Strecke, eine Zeit lang, in einigen Punkten einer möglichen Annäherung) tatsächlich in das Gefühl eines seelischen Gleich- oder zumindest: Ähnlich-Klangs hineinzudenken oder hineinzufühlen; und so etwas wie mentale Koinzidenz zu empfinden.

Wie gut hatte es da doch – um ihn noch ein Mal hier vorkommen zu lassen – der großartige Alfred Polgar, dieser sogenannte Meister der kleinen Form, als er in den Jahren 1937/38 seine einfühlsame, überaus menschliche, sprachgewandte und blendend formulierte Biographie der Dietrich schrieb, „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Vor Jahren in New York wieder aufgetaucht, ist das Manuskript (geschuldet der Dankbarkeit für erhaltene Hilfe in der Nazizeit) erst kürzlich herausgekommen. Und Polgars subtiler Text, der Privates diskret und Künstlerisches mit viel Sachverstand schildert, ist sogar dort, wo er merkbar schmeichelt, Unvorteilhaftes unterdrückt und weitestgehend das Schöne und Einmalige hervorhebt, keine billige Eloge auf eine quasi unsterbliche Diva, auf einen unitären Star; es ist die liebevolle und lebensvolle Beschreibung eines außergewöhnlichen Menschen. (Ulrich Weinzierl [Hg.], „Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, Wien 2015.)

Polgar verehrte und liebte (gewissermaßen), das merkt man bei der Lektüre, sein zu beschreibendes Objekt. Dennoch liest sich die Beschreibung des Objekts – objektiv.

Polgar hatte es gut mit dem Blauen Engel.

Doch diese Exemplare sind rar.

Überhebliche Nazi-Generäle, stumpfsinnige Wursterzeuger, abgehalfterte Malergrößen oder längst ausgeschriene Opernsängerinnen, die man als Ghostwriter zu konterfeien hat, sind meist höchstens anstrengend; doch weitgehend unerquicklich.

*

Michael allerdings, das kann ich nach den wenigen Zusammenkünften, die es gegeben hat, durchaus und ehrlich sagen, Michael machte auf mich den Eindruck, man könne ihn ohne große Probleme porträtieren.

Doch unser diesbezügliches Streben sollte lediglich zu einem Fragment führen.

Freilich war das allemal besser als manche beschissene Vollendung. Allemal.

Fortsetzung folgt!

 

Effektiver als die Kalaschnikow!

Michael, reden wir bitte in Erzähldeutsch! – „Gewiss. Nur dachte ich, es wäre eigentlich Ihre Aufgabe, mein Leben in gutes Erzähldeutsch zu übersetzen …“

Das war wohl mehr als bloß ein leiser Vorwurf. Doch – was soll es?!

Träume. Im Allgemeinen vergaß er, besonders in seinen jungen Jahren, Träume rasch. Wenn er aufwachte, schlichen die Traumgebilde heimlich und auf leisen Sohlen davon. (Wenn sie nicht ohnehin schon verschwunden waren …) Ja, in gewisser Weise hätte er annehmen dürfen, gar nichts geträumt zu haben. Es hätte, für ihn, den noch jungen Pessimisten vielleicht am besten so ausgedrückt: die Leere der Nacht die des Tages ersetzt …

Doch war Michael sogar von dieser Überlegung gleichsam meilenweit entfernt; ihn interessierten Träume schlichtweg nicht. (Und mit Tagträumen, diesen halbwegs sterilen Zwitterdingern, erfunden von schläfrigen Poeten und lebensschwachen Schwärmern, mit Tagträumen hätte man ihm erst gar nicht zu kommen brauchen.)

Denn er hielt wenig von Unkonturiertem.

Was wichtig war, war handfest sowie registrierbar; und es warf Schatten.

Zudem musste es stofflich sein; egal, ob es sich dabei um Festes, Flüssiges oder Gasförmiges handelte. Die Farbe? Die spielte weiter keine besondere Rolle. Oder – vielleicht doch? Rot hatte er besonders gern. Kräftiges, fleischliches, blutiges Rot.

Bei den stofflichen Sachen waren ihm die Pulverisierten Angelegenheiten die liebten.

Michael war immerhin Chemiker.

Doch Chemiker, das war er ja nicht von Geburt an. (Vermutlich ist niemand ex ovo Chemiker.

Von Haus aus war Michael am ehesten noch Taufschein-Katholik und Linkshänder.) Nein, nein! Schon der kleine Michi war selbstredend ein kluger Kopf (altklug nannte man damals, in den 1940er Jahren, diese Form kindlicher, indes schon ein wenig erwachsen klingender Statements, wie sie der Bub von sich gab). Und seine Eltern förderten seine Talente, obschon sie die Richtung längst noch nicht zu erkennen vermochten, in die das gehen würde.

Vater Guido war im Jahr 1945 zwar ziemlich versehrt aus dem Weltkrieg heimgekehrt, hatte jedoch – nicht zuletzt dank seiner mit beiden Beinen im Leben stehenden Frau Theresia – schon bald wieder ins Berufsleben zurückgefunden. Er konnte nämlich bei seinem alten Arbeitgeber, dem Lieferanten und Kleinunternehmer Engelbert Otto Wessely, anheuern, der schon wieder seine Klientel belieferte: in diversen, zaghaft neu erstehenden Vergnügungsparks, auf Jahrmärkten, die freilich gegenüber der Vorkriegszeit (allein, was ihre Größe betraf) stark reduziert erschienen, und in ähnlichen, langsam wieder erwachenden Dorados von Freizeit und Illusion. Womit? Mit mehr oder weniger geschmackvollem Kleinzeug, wie Papierblumen, Pappmaché-Figuren (für Schießbuden), spaßig geformten Luftballons und ähnlichem Krimskrams. Schließlich, als den alten Wessely, der immer für reichliches Essen und Trinken zu haben gewesen war, in den mittleren 1960er Jahren dann der Schlag traf, verkaufte die Witwe Wesselys, die blonde Frau Olga, die kleine Firma an den Guido.

Das erste, was der tat, war, sich einen stillen Teilhaber mit einigem Kapital in die Firma zu holen und den recht brav florierenden Betrieb hundertprozentig umzustrukturieren; und zuletzt auch werbewirksam (wie er nicht zu Unrecht meinte) umzubenennen. Die Namensidee stammte dann eigentlich von Guidos Frau, Michaels gar nicht so unwitziger Mutter Theresia: „Firlefanz“.

Kein Wunder, dass just dieses (zugegeben ein wenig plüschige) Metier später dann auch zum existenziellen Einstiegs-Szenario Michaels wurde; obgleich ihm seine Eltern – und sie mussten sich das mehr oder weniger vom Mund absparen – ein durchaus effizientes Chemiestudium, das er übrigens in Rekordzeit absolvierte (samt einem Jahr, schon als Graduierter, in den USA), ermöglicht hatten. Später würde er, das war zwischen ihm und den darob beglückten Eltern ausgemacht, (übrigens gar nicht ohne Lust) den „Firlefanz“-Betrieb übernehmen. Ehrensache!

Ein illustrativer Einschub. Bei seinen Mitschülern und überhaupt in unserem alten Gymnasium – ich war ein paar Klassen unter Michael und kannte ihn daher immerhin vom Sehen (außerdem unterrichteten uns in manchen Fächern dieselben Professoren) – machte sich der zukünftige Global-Player meist zu Zeiten der hiesigen Frühjahrs- und Herbstmesse beliebt: Da verteilte er, zumal in seiner Klasse (aber auch an andere Schüler sowie an den Lehrkörper und sogar an den Elternverein), Freikarten für das Autodrom, die Geister- und die Hochschaubahn, für die diversen Karusselle et cetera.

Sein Vater Guido, der sich des Werbewerts solcher Aktionen für sein eigenes Geschäft durchaus bewusst war, hatte ihn mit entsprechenden Karten-Kontingenten der Kollegenschaft ausgestattet; denn der alte Hase kannte, allein schon berufsbedingt, die meisten der Betreiber dieser Anlagen und die Unternehmer auf dem Vergnügungspark schon seit vielen Jahren; manche von ihnen waren längst zu Freunden des rundum beliebten Geschäftsmanns geworden.

Ob die Vroni Kracher, die schon einigermaßen rundliche, gesetzte Chefin der Geisterbahn sowie mehrerer Stände, an denen gesponnener Zucker feilgeboten wurde, ob Toni Prozoy, der langjährige Meister über das altmodische Panoptikum, ob Helga und Erich Mausberger mit ihrer stets top-gepflegten Achterbahn oder Isidor Buchinger, der einflussreiche Ringelspiel-Besitzer, der Jahre später zusätzlich mit der ersten ambulanten Striptease-Show punktete: Der alte Guido war mit allen gut. Und die Vertreter des fahrenden Volkes ihrerseits behandelten den verlässlichen Papierblumenerzeuger, den geschickten Fertiger der Äffchen- und Bären-Gesichter sowie den sorgfältigen Puppenhersteller auch, nach entsprechend langer Bekanntschaft, als einen der Ihren.

Das war gar nicht so selbstverständlich, hielt man just in den Kreisen der Marktfahrer, Schaubudenbetreiber und Ringelspielbesitzer doch ziemlich auf Tradition. Da gab es tatsächlich eigene Hierarchien; und die Schausteller-Familien verfügten über recht strenge Rangordnungen innerhalb ihrer Dynastien. Ja, doch: Man war stolz auf sich und die Vergangenheit als gehobener Hutschenschleuderer und Vergnügungs-Entrepreneur. Veronika Krachers Vater zum Beispiel soll angeblich noch mit dem legendären Joseph Pujol, dem aus Marseilles stammenden ungekrönten König der Pétomanen, der überaus raren Meister-Furzer, befreundet gewesen sein; davon zehrte man im Hause Kracher noch Generationen lang.

Ja, so war das gewesen.

Nach dem Studium blieb Michael, dem angehenden Chemiker, die Freude am Milieu erhalten. Die Schaustellerei, überhaupt das Zirzensische, die prickelnde Atmosphäre zwischen Spiegelkabinett, Autodrom und Geisterbahn, in der Nähe von Panoptikum, Karussell und Hochschaubahn, das ließ seine Sinne vibrieren, machte ihn in gewisser Weise high, ja: Das alles turnte in an. Das versetzte ihn sogar in eine kribbelige, unternehmungslustige Stimmung …

Und als sein Vater einige Jahre später starb, wuchs Michael ohne Schwierigkeiten in seine chemisch-schaustellerische Doppelfunktion hinein.

Der Herr Doktor experimentierte gern herum; egal, ob es um neue Äffchen mit Fellen von Feldhasen beziehungsweise Chinchillas, kleine Bären aus kuscheligem Plüsch oder um Imitationen von Barbie-Puppen ging: Für Michael waren es in erster Linie neue Zubereitungsmöglichkeiten – er nannte sie ein wenig tiefstapelnd (und ähnlich einer wacker-verlässlichen Seminarbäurin im Rahmen einer feschen Urlaub am Bauernhof-Aktion) Rezepte – der Trägersubstanzen für die Affenköpfe und Bärenantlitze oder für die so typischen Schöngesichter der seit 1959 erst in den USA, bald schon international beliebten Puppen von Mattel, die ihn herausforderten.

Denn er war nun einmal ein genialer Erfinder.

Dabei galt Michaels Ehrgeiz jedoch nicht unbedingt und um jeden Preis der völlig eigenständigen Erfindung des Neuen; auch wenn er, wie jeder schöpferische Mensch, Künstler wie Techniker, zunächst sehr wohl darauf aus war, aus sich heraus die eine oder andere echte Novität zu schaffen, eben zu er-finden oder aus dem unendlichen Pool quasi noch ungeborener menschlicher Ideen aufzuspüren (und zu gebären). Nein, er kombinierte durchaus auch, wenn es praktikabel war, bereits Vorhandenes mit eigenen Innovationen. Und letztlich glaubte er auch an die Sinnhaftigkeit der schöpferischen Zerstörung, wenn es darum ging, Neues zu kreieren. (Er tat das, lange bevor der Begriff in der Wirtschaftswissenschaft en vogue wurde. [Siehe dazu: Daron Acemoglu/James A. Robinson, „Warum Nationen scheitern“. Frankfurt am Main ²2014.])

Ja, Michael war Innovator, ständig dem Neuen auf der Spur, und Eklektiker, wenn es dafür stand, Brauchbares, das schon vorhanden war, mit eben diesem Neuen zu kombinieren. Sein Eklektizismus (wenn er denn solchem anhing) erschöpfte sich daher niemals im stumpfsinnigen Aneinanderfügen vorgegebener Ideen, Elemente oder Systemteile, sondern ordnete sich stets dem Ingenium unter. Kurz: Michael war Erfinder. Sogar seiner Selbst, wenn es denn sein musste.

Freilich, an der – fast schon einen zweiten Prometheus erfordernden – Tatkraft, mittels derer er alles hätte neu und gleichsam aus dem Nichts gestalten können, an der gebrach es sogar ihm, Michael. Doch immerhin war der überaus findige, längst über putzige Schießbuden-Trophäen in Form von fellumgrenzten Äffchengesichtern, plüschigen Bärenantlitzen und reichlich bizarren (quasi über-amerikanischen) Barbie-Puppen-Imitaten weit hinausgewachsene Techniker bald schon auf dem Weg zu seinem chemischen Erfolgsrezept. (Auch wenn er es selber noch nicht ahnte …)

So kam er eines schönen Tages dann auf eine völlig neuartige Verbindung auf Zellstoffbasis, die dem sonst im Allgemeinen verwendeten Pappmaschee einiges an Haltbarkeit und Flexibilität in der Anwendung voraus hatte. Und wenn man bei den auf der Kirmes geschossenen Äffchen oder Kunststoffblumen diese Eigenschaften auch nicht unbedingt voraussetzte (wozu auch, der Schrott landete ohnedies bald im Müll), so tat sich alsbald eine völlig andere Verwendungsmöglichkeit auf: nämlich in der internationalen Waffenindustrie!

Und das große, das wirklich große Geschäft hob an.

So hart Michael inzwischen schon als Geschäftsmann geworden war und so zynisch er über andere zu urteilen und fremde Unglücke zum eigenen Vorteil auszunützen gelernt hatte, so amüsant blieb er in seinen (zum Teil durchaus humoristischen) Äußerungen und schlagfertigen Aperçus. Dies brachte ihm den – vermutlich denn doch leicht übertriebenen – Ruf ein, ein charmanter Mann zu sein, half indes in erster Linie, die oben angesprochenen mentalen und seelischen Defizite zu kaschieren, die sich Alltags-bedingt eingeschlichen hatten: eben die Härte und den Zynismus im Umgang mit Konkurrenten; aber auch mit guten Bekannten und gar nicht so selten sogar innerhalb der Familie.

Doch, wie angedeutet, verpackte er diese Untergriffigkeiten meist immerhin witzig. (Ja, er hatte, um hier kurz bei Prof. Freud zu verweilen, solcherart selbst sein Vergnügen daran; und wäre es bloß die „Lust […] aus erspartem Hemmungsaufwand“, die sich seiner angesichts der Manipulierbarkeit und Dummheit seiner Mitwelt immer wieder bemächtigte. [Ausführlicher bei Sigmund Freud, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Der Humor“, 5. Aufl. Frankfurt am Main 1999.])

Michaels Verhalten anderen gegenüber konnte mitunter tief verletzend sein, fand indes stets lautstarken Zuspruch seitens der Nicht-Betroffenen. (Wenn Michael etwa, ging es um einen gerade Nicht-Anwesenden, den altbekannten Scherz wiederaufnahm, dieser oder jener sei bloß die aufgezogene Nachgeburt, während die dummen Eltern das Neugeborene versehentlich weggeworfen hätten …)

Er machte sich zwar auf diese Weise nicht nur Freunde; doch immerhin bewies er immer wieder aufs Neu: Mutterwitz. (Die Mutter war es schließlich doch auch gewesen, die den Namen für den väterlichen Betrieb vorgeschlagen hatte, nämlich „Firlefanz“!)

Dann traf der begabte Michael seine (zugegeben: reichlich blasse) Henriette. Und leider imponierte das humoristische Talent des Jungakademikers und Nachwuchschemikers just dessen Schwiegereltern in spe nicht besonders. Nein, die in ihrer Pseudo-Vornehmheit schon ein wenig lächerlich wirkende Sippschaft konnte mit diesem männlichen Mitbringsel ihrer reichlich verzogenen Tochter Henriette einfach nichts anfangen: Mutter wie Vater Zunder-Löschthal schien der junge Erfinder und Geschäftsmann nämlich nicht so recht Familien-kompatibel.

Wollte man korrekt sein, so war es weniger der Vater, der (in Maßen) namhafte Meteorologe Univ.-Prof. Dr. Hans-Claus Zunder-Löschthal, als vielmehr die Mutter, Claire, eine geborene Punz-Breithfurter (von Taggergruen), die sich eine wesentlich stärker glänzende Partie für ihre älteste Tochter, eben für Henriette, vorstellen hätte mögen. Doch – so argumentierte der akademische Wetterfrosch Zunder-Löschthal schließlich zwischen zwei tiefen Zügen aus seiner dicken Zigarre sowie ein paar Schwenkern französischen Cognacs, ansonsten jedoch in Eile, in Hinblick auf den am Abend zu erfolgenden Opernbesuch – einmal müsse schließlich angefangen werden damit, das schon leicht modrige Dreimäderlhaus zu lüften. Henriette verfügte nämlich immerhin noch über zwei weitere Schwestern im längst heiratsfähigen Alter, nämlich Bernadette und Eliette; und die erwiesen sich als um einiges resistenter, was die Chance betraf, sich an den Mann bringen zu lassen. (Was Bernadette merkbar zu dumm war, schien Eliette ebenso merkbar zu wenig attraktiv zu sein. [Oder war es umgekehrt?!])

Kurz, die Zunder-Löschthals spendeten ihren Segen und begaben sich, vom väterlichen Zigarrenrauch und einer Cognac-Wolke umgeben, zu Georges Bizets „Carmen“.

Und man heiratete.

Die Ehe zwischen Henriette und Michael wurde allgemein als glücklich bezeichnet. Ein Sohn und Stammhalter (wie sich der [zumindest in Maßen] stolze Schwiegervater Hans-Claus Zunder-Löschthal auszudrücken beliebte, ein Sohn also, benannt Adrian, entspross der Verbindung ja immerhin. Doch – durfte man tatsächlich von einer glücklichen Ehe sprechen?

Nun, glücklich, das war sie nur bedingt.

Denn so wenig sich der Erfinder und Chemiker etwas aus übermäßigem Alkoholkonsum oder gar aus dem Qualmen von dicken Zigarren oder – um Himmels Willen! – aus Opernaufführungen machte, so sehr verfiel er regelmäßig dem Charme anderer Frauen. Ja, Michael ging in Permanenz fremd. Er fickte alles, was – sozusagen – nicht in bestens gesicherte Verließe gesperrt, argusäugig bewacht oder angenagelt war. Und was altersmäßig (übrigens: in beide Richtungen) einigermaßen vertretbar zu sein schien.

Als Henriette schließlich („viel zu früh!“) einem zwar angeborenen, doch die längste Zeit von Mediziner-Seite her falsch interpretierten Herzleiden erlegen war, versandete seltsamer Weise der sexuelle Heißhunger des verhältnismäßig jungen Witwers. (Vermutlich hatten ihm die zahllosen Affären in erster Linie dazu gedient, seine Frau beziehungsweise seine Schwiegermutter zu demütigen. Wer weiß. [Sind wir Freud?])

Doch knapp vor Henriettes Heimgang hatte noch die Vermählung des Sohnes und Fußstapfentreters (als Chemiker und Erfinder) Adrian mit Aglaia stattgefunden. Und zwei Seelen hatten einander da gefunden – die Michaels und die der jungen Schwiegertochter. In allen Ehren war man sich nun tatsächlich zugetan, wie es so etwas sonst und in aller Regel kaum gibt. (Man erinnere sich an Alt-Goethe und Schwiegertochter Ottilie!)

Für die Kinder Nikolaus und Esther, die wiederum dieser jungen Ehe alsbald entsprossen, war der Opa denn auch immer da, wenn sie etwas brauchten.

Und sie lernten alsbald, immer etwas zu brauchen.

Letzten Endes sollte jedoch der sozusagen zweifache Verkehrsunfall des Vaters, bei dem neben Adrian auch Blasengel Sybille zu Tode kam, alles verändern. Das Verhältnis zwischen Michael, dem alternden Patriarchen, und der immer noch sehr attraktiven Aglaia, der treusorgenden Schwiegertochter und jungen Witwe, intensivierte sich noch mehr; und der parasitäre Zug der Kinder begann schön langsam, bedenkliche Ausmaße anzunehmen.

So war das eben.

Doch die Geschäfte florierten; nicht zuletzt geschuldet der Tüchtigkeit, die Michaels rechte Hand, der aufstrebende Diplomingenieur Anthony Quitt, an den Tag legte. Den Quitt hatte sich der Alte mit einigem Geschick in die Geschäftsleitung geholt; und der gleich umsichtige wie strebsame Techniker Quitt sollte bald auf die mit Abstand einflussreichste Position bei „Firlefanz Ges.m.b.H. (et cetera)“ vorrücken. (Dass DI Anthony Quitt, wie das Leben nun einmal so spielt, auch nur ein geld- und machtgeiler Sack, noch ein wenig später dann den in der Tat horriblen Treuebruch seinem Förderer gegenüber begehen würde, hätte wohl niemand vorherzusehen vermocht: Nämlich sich unter Mitnahme diverser Gelder und wichtigster geheimer Unterlagen sowie der Chef-Tochter Aglaia auf die Bahamas abzusetzen…)

*

Das wären nur einige der recht prallen Fakten für ein hübsches Memoiren-Projekt. O ja, doch, doch. (Ich war durchaus zufrieden, denn die Quellenlage war gut. Also versprach die Arbeit eine rundum angenehme zu werden, zumal sich auch Michael recht gern der immerhin im selben Gymnasium verbrachten Schulzeit entsann, und es grosso modo und darüber hinaus manchen geselligen Anknüpfungspunkt gab.)

Ja, da wären durchaus pralle Fakten für das Erinnerungsbuch vorhanden gewesen, das da entstehen sollte.

Sie wären.

Aber es sollte eben alles ganz anders kommen.

Fortsetzung folgt!

 

Großvater und Enkel. Ein Brief

Der Abschiedsbrief Nickys, adressiert an seinen verehrten Opa.

Ach, Opa! Du wunderst dich vielleicht, einen Brief von mir zu bekommen? Wo ich dir doch nie etwas geschickt habe, schon gar keine Postsendung. Dazu war ich nicht geschickt genug. (Ich weiß: ein schwacher Witz. Verzeih!)

Aber einmal muss ich es doch sagen. Und um es persönlich zu gestehen, dir persönlich zu gestehen, fehlt mir der Mut. Also, dann eben auf diesem Weg …

Ich habe immer so werden wollen, wie du immer warst! (Was uns zuletzt verbunden hat, war einzig dieses dumme immer … Zu mehr hat es von meiner Seite her leider nicht gereicht. Und jetzt: Jetzt reicht es mir!)

Ich habe immer so werden wollen wie du. Nicht wie mein Vater Adrian, der ja seinerseits schon eine – zugegeben: eher schwache – Imitation deiner Person und deiner Persönlichkeit gewesen ist; und gewaltig sowie permanent darunter gelitten hat. (Ich habe meinen Erzeuger, deinen Sohn Adrian, in frühen Jahren verloren. Und wir haben, aus verständlichen Gründen, über diesen Punkt nie gesprochen. Aber – was hätte er auch sagen sollen?!)

Jetzt war also mein alter Herr schon eine billige Nachbildung deiner Strahlefigur gewesen; welche Chancen im Nachahmen hätten sich mir da überhaupt noch eröffnen können? Mir, dem Enkel?!

Beim besten Willen – keine! Nichts!

Ja, Opa, ich habe dich geliebt. Dich, den unnahbaren Patriarchen. Den allseits verehrten (oder besser: angebeteten!) Chef, den unumstößlichen pater familiae! Einen zweiten Abraham! (Wobei ich nicht einmal dessen Isaak [auf Enkelbasis] jemals zu werden ich würdig gewesen wäre … Ich, das schwarze, verlorene Schaf …)

Ja, Opa, ich habe versucht, dich zu imitieren. Deine Kleider habe ich angezogen, heimlich, als Kind … Und wenn du außer Haus warst. Und auch sonst niemand in der Nähe. Deine schönen, feinen Hemden und deine eleganten Hosen und Jacketts, sogar deine Wäsche und deine Strümpfe und deine glänzenden Schuhe. Und alles war mir klarerweise viel zu groß! Es umschlotterte förmlich das ganze Gewandt meinen schmalen Körper, sodass ich nicht einmal als eine missglückte Karikatur deiner selbst durchgegangen wäre …

Ja, Opa, auch deine Stimme habe ich nachgemacht. Jede Nuance, dein Atmen, dein Räuspern (bevor du zu einer längeren und meist besonders wichtigen Passage deiner Rede ansetztest), deine Pausen sogar. O diese Pausen! Diese so eminent wichtigen Pausen! Das Tonbandgerät meines Vaters Adrian, ein schon ein wenig altersschwacher Apparat der Marke „Stuzzi“, und ein nicht minder altes nierenförmiges Mikrophon dienten mir, dem Buben, als – ich gebe es ja zu – kaum taugliche akustische Ausrüstung für meine diesbezüglichen Studien. Und alles, um möglichst ähnlich zu sprechen, zu artikulieren wie du …

Ja, Opa, auch deine Gesten habe ich nachzuahmen versucht. Und sogar deine Mimik. Natürlich – vor dem Spiegel. Stundenlang vor dem Spiegel. Wie ein Schauspieler oder wie eine Filmdiva, was weiß ich.

Und fotografiert habe ich mich dabei. Mit der Polaroid-Kamera, die du mir geschenkt hattest zu einem Geburtstag.

Und, wie gesagt, außerdem alles mittels Tonbandgerät aufgenommen.

Und später hab ich dann sogar Videos gemacht von diesem unwürdigen Spiel, für das ich mich heute noch schäme! O ja! Dieses unwürdige Spiel, das letztlich freilich allein nur mich so entwürdigt hat …

Kein Mensch hat davon gewusst – außer Esther. Natürlich. Vor der war kein Geheimnis sicher. Keine Schweinerei entging ihr. Auch nicht meine brennende Obsession. Und diese brennende Obsession warst du, Opa!

Denn sie hat mich dabei erwischt, schon ganz früh.

Dann musste ich sie klarerweise einweihen in den verrückten Mummenschanz. Erst hat sie gelacht wie nicht gescheit. Dann freilich fand sie selbst Gefallen an der skurrilen Sache. Und so hat daraufhin sie die Fotos und später dann die Videos gestaltet nach ihren kranken Vorstellungen. Ja: Kamera und Mikrophon und Regie – alles Esther. Ich war der Arsch dabei. Ich war der perverse Enkel, der seinen geliebten Opa nachahmte, imitierte, inhalierte …

Denn sie war in Wahrheit genauso verliebt in dich, Opa! Ja! Genauso verliebt wie ich!

Esther war fasziniert von dir, und sie hat dich geliebt und verehrt. (Nicht Vater Adrian und auch nicht Mutter Aglaia. Nein, dich, Opa!)

Nur hat sie es genauso wenig wie ich nach außen hin gezeigt.

Doch sie war entschieden kreativer als ich. O ja, viel kreativer!

Und sie hat überhaupt die besseren Ideen gehabt, das drastischere Vokabular, den direkteren Zugang. O ja, sie war darin beinahe genial …

Und sie war eine Meisterin im Umsetzen dieser ihrer wahnwitzigen Ideen.

Ich war bloß der Knecht. Der Leidensknecht.

Und bald darauf musste ich sie – verkleidet als du – ficken. Ficken und beschimpfen und demütigen und schlagen und –

Es war furchtbar. Aber es war zugleich herrlich. Herrlich!

Es war so geil, und gerade weil es so abstoßend und zugleich so faszinierend war, schlug es stets aufs Neu ein wie eine Bombe, wenn wir es miteinander trieben.

Als ein Teil von dir.

Verzeih, Opa! Bitte, verzeih!

Aber es muss einmal ausgesprochen werden. (Zumindest für mich ist es wichtig.)

Wie du diese meine Offenbarung aufnimmst, bleibt freilich dir überlassen …

Verzeih mir, Opa! Entschuldige bitte diese Enthüllung. Und entschuldige, dass ich in Zukunft nicht zur Verfügung stehen werde – wem und wofür auch immer.

Dein verzweifelter Nicky.

Fortsetzung folgt!

 

Esther singt ihren Song

Esther. Sie war ein Flittchen. Auf höherem Niveau. Aber ein Flittchen, immerhin.

Das erinnert an Alfred Polgars „Gesang mit Komödie“, diese brillante Prosa, in der es eingangs heißt: „Von der Stimme sage ich nur so viel: ,Eigentlich ist sie ein Mezzosopran.‘ Das kann man ohne besonderes Risiko von jeder Altistin sagen.“ (Alfred Polgar, „Gesang mit Komödie“, in: Harry Rowohlt [Hg.], „Alfred Polgar. Das große Lesebuch“, 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2014.)

Und Ihr Flittchen-Sein konnte einfach nicht bestritten werden.

Unmöglich.

Esther war eine Schlampe, ohne Frage. Und sie würde eine bleiben, egal auch, wo sie in Zukunft ihre luxuriösen Zelte aufschlüge. Esther war eine Edelnutte.

Ja: Es haftete Nickys Schwester etwas gleichsam auf Ewigkeit vorherrschendes, etwas bleibend Halbseidenes an. Ob sie nun tatsächlich nymphoman veranlagt war oder bloß von außergewöhnlich starkem, übergroßem Sexualdrang geleitet: Sie war in diesem Punkt mindestens schwer gestört.

Auch wenn die durchwegs extrem teuren Seelen-Designer, die man hinzugezogen und konsultiert hatte, längst schon Esthers psychisches Unterfutter nach allen Regeln ihrer Kunst erforscht hatten; und anschließend hoch und heilig versprachen (gegen entsprechendes Honorar, versteht sich), weiterhin wenigstens an der glitzernden Karosserie ihres Trieblebens herumzutüfteln und sie quasi auf den Status Sozial-tauglich hintrimmen zu wollen.

Sie frequentierte fremde Betten wie ein ordinärer Bazillus die schlecht gereinigten Gläser in einem einigermaßen verkommenen Wirtshaus; Esthers Abschussliste männlicher (wie weiblicher) Sexualpartner war tatsächlich respektabel; und obschon sie es keineswegs auf das Sammeln irgendwelcher Trophäen anlegte, hätte dieses Register zweifelsfrei und ohne weiteres für eine zweite diesbezügliche „Don Giovanni“-Arie gereicht.

Ja, Esther sang ihr Lied.

Und sie war – in mehrerlei Wortsinn – beinahe in aller Munde.

Esther leuchtete wie einer dieser phosphoreszierenden Schwämme an alten, grau-bemoosten Gespensterbäumen, die da neben einem schaurigen Moor gewachsen sind. Wer nächtens daran vorbeiging, der war selber schuld, wenn ihn der Teufel holte oder das Finanzamt.

Und: Esther war in ihrer Unberechenbarkeit durchaus berechenbar.

Es ging ihr nämlich nicht so sehr um Geld und Macht – über Zaster und Marie verfügte sie immerhin a priori in reichem Maß; und die totale Dominanz über ohnedies leicht beherrschbare Schlappschwänze zu haben, reizte sie eigentlich auch gar nicht.

Es ging ihr vielmehr um die zeitlich eng begrenzte reine Befriedigung einer in Wahrheit unstillbaren Gier. (Esther war intelligent genug zu wissen, dass ihr noch so wüstes sexuelles Trieb-Treiben letztlich stets gleich enden musste und ihr erneut bloß die traurige Gewissheit bringen würde, dass ihr fad war.)

Esthers Körper war ihr Kampfgerät. Krieg um des Krieges willen. Kampf um des Kampfes wegen. L’art pour l’art. Ficken um des Fickens willen. Bumsen als Selbstzweck. Mit roten Ohren, steifen Nippeln und dampfender Möse. Ihr Einsatz war darum das einzig wirklich Echte an ihr. Und ihre Risikobereitschaft glich daher der eines Kamikaze-Fliegers, der mit sich längst im Reinen war, bevor er sein Kampfgerät bestieg. (Wie gesagt: Ihr Körper war ihr Kampfgerät.) Und: Der Kamikaze-Flieger Esther kannte sein Körper- und Seelen-eigenes Zentrum – und liebte die Zerstörung. Vor allem: die eigene. Aber auch die anderer.

Esther würde sich eines weniger schönen Tages zu Tode ficken. Oder an irgendetwas sterben, trotz aller Hygiene. Oder sonst wie umkommen beim Geschlechtsverkehr, beim Blasen oder beim Sich-Lecken-Lassen. Egal, ob Cunnilingus oder Fellatio, passiv oder aktiv – Hauptsache: geil! Vielleicht aber würde sie in der Folge krepieren, weil einer ihrer Bettgenossen sich in sie tatsächlich verliebte; oder wegen der Eifersucht eines anderen; oder, weil nun einmal fast alle Fanatiker irgendwann an ihrem Fanatismus zugrunde gehen mussten …

Ja, ihr Abgang war programmiert, auch wenn er zuletzt seltsamer Weise im Dunkel liegen sollte. (Doch passte auch das wiederum zu ihr.)

Anders als ihr geliebter (sic!) Bruder, dessen Tod sich durchaus öffentlich vollziehen würde, vermochte ihr Hingang, allem Anschein nach: irgendwie in durchaus taugliche Nebelschwaden gehüllt, lange Zeit im Ungewissen zu bleiben. (Und als man schließlich doch noch Genaueres eruiert hatte, interessierte das alles niemanden mehr. Da war das finale Schicksal dieses Bums-Geräts längst schon kein Hype mehr.)

Fortsetzung folgt!

 

Ein eigenartiges Ende

Ich spreche ganz zum Schluss mit einer der Hausangestellten (denn die wissen meist am besten Bescheid, wenn es wo menschliche Ungewissheiten und familiäre Geheimnisse gibt).

„Also scheen, bitte. Die Sache is rasch zu End erzählt“, sagt Marija, das brünette, rundliche Hausmädchen aus Bosnien (sie ist lediglich beleidigt, dass ich sie so spät erst in diese Geschichte eingeführt habe; jetzt, wo ohnedies schon beinah alles aus ist …). „De Frau Aglaia und ihr Herr Lover, der Diplomingenieur Quitt, de haben si auf de Bahamas auf und davon gemocht. Jo, nach Nassau. Wo ihr Geld eh schon dringlich auf ihnen gewartet gehabt hat.“

Aha. Und ihr Dienstgeber, der alte Herr Michael?

Pause. Dann: „Dass seine Schwiegertochter und sein Geschäftsführer durchgebrannt sind, hat natürlich den Herrn Generaldirektor mehr als wie nur sehr geärgert! Wietend war der Herr Generaldirektor! Wietend!“

Hm. Das kann man verstehen …

Na, und Nicky und Esther?

Marija schaut aus ihren großen dunklen Augen ein wenig abschätzig, bevor sie antwortet. „Wissen Sie, was …“ Und nach einer weiteren kurzen Pause fährt sie fort: „Der Herr Nicky und die Frau Esther? Also, der Herr Nikolaus hat sich aus dem Fenster gestürzt! Von ganz oben! I denk: Der war bestimmt high … und besoffen wahrscheinlich ah … Und sehen Sie, er war auf der Stelle tot, der Herr Nicky!“

Ja, und Esther?

„Und die Frau Esther? Jo, die ist verschwunden. Weg. Und auch am Handy nicht zum Erreichen …“

Hm, und der alte Herr?! Was ist weiter mit –

„Da Herr Generaldirektor, der hoben gleich den Dr. Ebenseer rufen lassen, einen von seine Rechtsanwälte, und dann hot er das Testament noch einmal abgeändert.“

Aha. Und jetzt?

Marija macht wieder eine ihrer Kunstpausen. Dann, mit einigem Stolz in der Stimme: „Jo, und jetzt? Jetzt bin i die Alleinerbin!“ Pause. „Gell, do schaun S‘?!“

Sie lächelt, dass das Gold in ihrem Mund nur so aufblitzt.

Ja, da schau‘ ich.

Doch Marija redet weiter: „Dann hot der Mirko, wos mei Lebensgefährte is, dann hot der Mirko also dem olten Herrn … die Luftzufuhr obgedreht.“

Ich verstehe nicht gleich und schaue vermutlich belämmert drein.

„Jo, den Sauerstoff hot er ihm zugeschraubt …, bei seinem Gerät. Und a bisserl am Hols hot er ihn druckt, glaub i … I wor ja net dabei …“

Doch dann, recht fröhlich und aufgekratzt: „Ober – jetzt brauchen mir ihn eh nicht mehr, den olten Tyrannen! Denn fir uns olle fangt jetzt hoffentlich a scheenere Zukunft an …“

Ob man der goldenen Marija und ihrem tatkräftigen Freund und Landsmann Mirko das tatsächlich wünschen soll? Ich bin mir da nicht so sicher.

Aber ich muss mich ohnedies erst mit der neuen Pointe abfinden. Denn die ist, glaube ich, nicht von mir.

Außerdem – und jetzt lege ausnahmsweise einmal ich eine Kunstpause ein – weiß ich nicht, was aus dem ganzen Memoiren-Projekt jetzt werden soll … Marija, wenn sie wirklich erben sollte, wird ja kaum ein Interesse daran haben, dass ich das geplante Buch fertigstelle. Und ihr mörderischer Mirko wohl auch nicht. (Da mag ihr Deutsch noch so schlecht sein.)

Meine zwei Vorschüsse habe ich immerhin kassiert. Aber, irgendwie geht mir das Ganze schon gegen den Strich, ich meine –

Und überhaupt – dieses Finale?! Ich hätte mir eigentlich eher etwas vorgestellt in Richtung Ottilie von Goethe plus dem alten Geheimrat …, oder so ähnlich … („Nu, Frauenzimmerchen, gib mir dein Pfötchen“ …)

Oder: Diener Fritz Krause bringt den pot de chambre.

Oder: Er zieht die Jalousien hinauf (respektive öffnet die Fensterbalken).

Mehr Licht, sozusagen …

Aber – so?!

Nun, ist eben Schicksal.

 

E N D E

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