Bei Mühle

gibt’s

kein Schach

Ein Hör- und Störspiel

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2010/2011,

(ENDFASSUNG: 2016)

Die Dame gewinnt meistens.

Jean Dufresne, Kleines Lehrbuch

des Schachspiels.

*

Die Mühle stand sperrangelweit offen.

Meister Cornille saß auf einem Sack mit

Gips, den Kopf in die Hände gestützt,

und weinte. Er war kurz vorher nach

Hause gekommen und musste wohl

festgestellt haben, dass jemand während

seiner Abwesenheit bei ihm ein-

gedrungen war und sein trauriges

Geheimnis entdeckt hatte.

Alphonse Daudet, Briefe aus meiner Mühle.

*

STIMMEN, MUSIK & GERÄUSCHE:

SIE, ER: „natürlich“, mit wenig Nachhall.

Mehrere andere, sogenannte GEGENSTIMMEN:

teils mit Hall, teils „trocken“ (= „ohne Raum“,

wie ein akustischer Radiergummi wirkend, das heißt: Quasi alle

Geräusche im Hintergrund, auch Musik et cetera, ausblendend, wobei

dies ebenfalls zum Teil verzerrt und entstellt geschieht.)

Diverse Personen (Xerxes, Jean Dufresne, Jack The Ripper, Inspizient,

Tontechniker et cetera): als Stimmen mit wenig bis viel Hall.

Musik: teils natürlich, teils unnatürlich, „gesampelt“; mit Überschneidungen;

Kinderchöre; Schlager; Militärmärsche; schräge Dorfmusik;

Classic-Jazz; Sinfonisches; Synthesizer-Klänge et cetera.

Geräusche: Möwengekreisch, Pistolen-Schüsse; Vogelgezwitscher,

Spechtklopfzeichen und Eulenrufe, Katzen-Miauen, Hunde-Bellen et cetera.

*

PROLOG:

Dörfliche Musik à la Nino Rota – leicht schräg

(wie zu einem Begräbnis in einem – nicht gedrehten –

Film von Federico Fellini). Motiv: „Es klappert

die Mühle am rauschenden Bach …“

Die Musik wird allmählich leiser.

1. MÄNNLICHE STIMME (Normal): Richtig, nichts ist, wie es scheint …, und alles scheint, als ob …, und nur so … und nicht anders … In Wahrheit freilich bewegt sich diese durchaus obskure Welt, dieser angeschlagene Planet, diese Erdkugel, vollgeräumt mit ihren bizarren Kuriositäten, scheußlichen Absonderlichkeiten und selbstverschuldeten Ungereimtheiten, munter weiter durch ihr krummes Kontinuum aus Raum und Zeit, als handle es sich bei dieser Erdkugel um eine just eben herabfallende Eiskugel! Die Zeitlupe wird zum Brennglas … Traurig, aber wahr. Ja: Um eine in diesem Moment herabfallende Eiskugel handelt es sich, um eine ergo durchaus ersetzbare – jeder-Eis-zeit ersetzbare Eiskugel!

WEIBLICHE STIMME (Normal): Ersetzbar?! Entsetztbar! Entsetzlich!

2. MÄNNLICHE STIMME (Normal, leicht betrunken): Ersetz-Bar?! Auf in die Ersetz-Bar!

1. MÄNNLICHE STIMME (Normal): Ersetzbar! Sag‘ ich ja gerade. – Und doch: Doch alle Hoffnung, alle Hoffnung lebt immer wieder auf, lebt auf von Neuem und stirbt, stirbt, wenn überhaupt, zuletzt erst …, gemeinsam mit der guten alten Hoffnung! Zuletzt …, irgendwann, irgendwann … Und was hören wir aus all dem, aus all dem heraus? Richtig, es ist ein ewiges Geklapper! Ein Geklapper, dem Geklapper der Mühle gleich, dem dort, dem Geklapper der Mühle, der Mühle am rauschenden Bach … Am rauschenden (leiser werdend, ersterbend, während die Musik wiederum lauter wird) Ba ba ba bla bla bla …

Musik bleibt leise. Sehr harte Sprach-Atmosphäre, quasi ohne Hall.

XERXES: Mein Leiden beweine, weinend steig zum Haus hinauf!

Mein Leid, mein Leid bewein ich laut!

Entgegenschrei mir meinen Schrei!

Dem Leid des Leides leidgen Gruß!

Wehklagt vereint des Jammers Schrei!

CHOR: Otototoi!

Schwer lastet auf uns dein Geschick,

Ach, und es schmerzt im Tiefsten.

Kein Toitoitoi dir hülf –

-e!

CHORFÜHRER: Nicht ist es ein Remis. Weit und breit.

Und auch keine Pattstellung seh ich hier.

Geschweige denn – Aussicht auf Sieg

irgendwo in Sicht!

Nein! Vielmehr: Schach – und Matt!

S o lautet hier dein Los!

Ach! Otototoi!

XERXES (Laut, doch schon leicht verzerrt):

Hinschwindet die Kraft mir in Mark und Gebein!

Keine Kraft mehr in Kreuz und Steiß!

Und seh ich dort die Getreuen des Volks –

Zeus, hätte doch fern mit dem anderen Heer,

Mit den Toten zugleich

Mich begraben, des Todes Verhängnis!

(Quasi aus der Rolle, ohne Verzerrung, fast ehrlich) Ihr müsst verzeihen, Herrschaften! Aber das Regieren war ohnedies nicht gerade meine K ö n i g s d i s z i p l i n –

WEIBLICHE STIMME (Normal): – sagte der K a i s e r.

Musik endet abrupt mit einem abgestoppten Beckenschlag. –

Normale Atmosphäre, leicht hallig nur.

INSPIZIENT: (im Gespräch) … und, wichtig!, ausschließlich Chilipulver verwenden! Nicht Cayennepfeffer oder gar Curry! Chili! Klar? Gut abgelegene Steaks und Chilipulver –

TONTECHNIKER: (genervt) Chilipulver! O. K. Chili!

I.

Erst wie im Prolog:

Dörfliche Musik à la Nino Rota – leicht schräg

(wie zu einem Begräbnis in einem

– nicht gedrehten – Federico-Fellini-Film).

Motiv: „Es klappert die Mühe am …“

Das wird nach etwa 40 Sekunden leiser. Dann: Kurze Stille.

Ein kurzer, spitzer „Juchezer“ (Minijodler) / Break /

Das Stimmen eines Symphonischen Orchesters.

Beginn des „Donauwalzers“ von Johann Strauß Sohn.

(Insgesamt circa 270 Sekunden.)

In die Musik hinein, die langsam ausgeblendet wird:

SIE: Es geht gar nicht um Schuld –

ER: – und Sühne …

SIE: Es geht auch um kein Prinzip. Es geht –

ER: – prinzipiell …

SIE: – es geht darum, dass irgendwann alles zu Ende sein m u s s ! Irgendwann heißt es nun einmal: Das Spiel ist vorüber! Egal, um welches Spiel es sich auch immer dabei drehen mag: ob um „Schach“, um „Mühle“, um „Halma“ oder „Xerxes“ –

ER: – oder um die Liebe …?!

SIE: – oder um „Mensch, ärgere dich nicht!“ … (Auf seinen Einwurf reagierend) Ja. Auch wenn es um die Liebe geht, dieses „seltsame Spiel“ … (Musik: kurze Einblendung: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel …“; H. Greenfield/R. Siegel, gesungen von Conny Francis) Sie geht irgend einmal zu Ende. Glaub‘ es mir doch! Sie hört, verdammt noch mal, sie hört irgendwann auf … Wie die längste Schachpartie.

ER: (Pathetisch) Ach, warum nur, warum muss auch die Liebe zu Ende gehen! Oh, warum?! (Keck) Wäre es nicht schöner, sie bliebe ewig grünen?!

SIE: Das hast du schön gesagt. Für solche Ausdrücke könnte ich dich umarmen … Und doch: Das Spiel ist vorüber! Aus die Maus! Es geht –

SIE: (Mehr für sich) Umarmen. Und tut es doch nicht … (Anderer, gereizter Tonfall) Es geht auch nicht ums I c h oder ums D u . Es geht –

ER: (Aufgekratzt) Genau! Es geht um – n i c h t s.

ERSTE GEGENSTIMME (trocken, der Geräusch-Hintergrund ist jetzt ohne jeglichen Hall): Verzeihung, ist der schwarze Läufer auf c 8 frei?

ER: Nein, bedaure. Aber nehmen Sie vielleicht … den Turm auf g 5! Ah! Wissen Sie was? Bedienen Sie sich doch einfach selbst!

ERSTE GEGENSTIMME: Nein, danke. Dann komme ich lieber morgen wieder. Dann wird ja der Läufer von c 8 vielleicht – (Er wird erwürgt, röchelt, aber nur kurz. Der akustische Hintergrund lebt wieder auf.)

ER: Wie Sie es wünschen, ganz nach Belieben. – (Begreifend) Oh, tot!

SIE: Schon wieder …

ER: (Als wenn nichts gewesen wäre) Und fühlen Sie sich überhaupt wie zu Hause.

Geräusch: Schuss aus einer Pistole. Hall. Viel Hall!

SIE: (Unbeeindruckt davon) Es geht gar nicht um Schuld –

ER: (Ebenso) – und Sühne …

Musik endet abrupt. Mit einem „Tirilö“ in der Piccoloflöte.

 

II.

Diverse Klänge & Geräusche: Möwengekreisch, Gemurmel, Gläserklingen.

Dann plötzlich Stille – und ein Kinderchor: „Alle Vöglein sind scho-o-n da …“

Chor wird kontinuierlich leiser. Dann:

Geräusche des Kopulierens. Ächzen, Stöhnen, Quietschen der Bettfedern.

Dann erneut Stille. Entflammen der „typischen“ Zigarette danach aus den 1960er Jahren.

Erneute Stille. Dann erst wieder Hintergrundgeräusche: Möwengekreisch.

1. INSTRUKTOR: (Stoisch) Qui cupit egregium / scachorum noscere ludum,

Audiat; ut potui, / carmine composui.

2. INSTRUKTOR: Wer das vornehme Spiel der Könige kennen lernen möchte,

der höre her. So gut ich es kann, fasse ich es in einem Gedicht zusammen.

ER: (Gemeinsam mit Ihm) Nicht nötig! Danke! Herzlichen Dank!

SIE: (Gemeinsam mit Ihr) Danke schön! Nichts für ungut – aber wir –

1. INSTRUKTOR: (Leicht beleidigt) Ach, Sie glauben also, dass Sie das Spiel schon beherrschen?! No, ja …

2. INSTRUKTOR: (Ebenso) Aber – auf I h r e Verantwortung!

SIE: (Mit leicht sinnlich belegter Stimme) Bin ich am Zug?

ER: (Sich räuspernd) Oh!- (fast verbindlich) Ja, du bist am Zug.

SIE: (Immer noch ein wenig sinnlich) Ah …

ERSTE GEGENSTIMME (Trocken): Musste das sein? Ich meine – (Hintergrundgeräusche leben kurz wieder auf)

ZWEITE GEGENSTIMME (Trocken): Das würde ich nicht tun, ich meine: Das würde ich nicht getan haben. Es geht mich ja nichts an, aber – (Hintergrund ist wieder da)

SIE: (Spitz) Richtig: Es geht Sie nichts an.

ERSTE & ZWEITE GEGENSTIMME: (Trocken) `tschuldigung! Man wird doch noch – (Hintergrund lebt wieder)

ER: Nein! Man wird doch nicht! Hören Sie: Hier spielen w i r ! Ist das klar?!

ZWEITE GEGENSTIMME: (Trocken) Wie?! Was?! – Ach, was … (Hintergrund lebt wieder auf: Kinderchor.)

ER: Mühle!

Geräusch des auf das Brett gestellten Steins.

ER: Du hättest doch auf den freundlichen Kiebitz hören sollen, hm?!

SIE: Nein. (Ihn imitierend) „Hören Sie: Hier spielen wir! Klar?!“ (Beide lachen.) Wusstest du eigentlich, dass der Kiebitz zur weit verbreiteten Familie der Charadriidae gehört?

ER: (Verblüfft) Donnerwetter!

SIE: Ja, da staunst du … Die Charadriiden werden übrigens auch Regenpfeifer genannt und sind Watvögel.

ER: Wie viel Watt?

SIE: (Rümpft hörbar die Nase) Die Regenpfeifer kommen in circa siebzig Arten vor, und zwar auf sumpfigen Wiesen, in Hochmooren und an sandigen Ufern. Der Kiebitz ist eine etwa 32 Zentimeter große Unterart.

ER: Der Kiebitz von vorhin war aber wesentlich größer … Und außerdem ist Kiebitzen keine Unterart, sondern eine Unart!

SIE: Sagte ich doch schon!

ER: Oh – du auch?! – Schau, ich zieh‘ –

SIE: Ist gut. – Da! Den Turm bist du los!

ER: Geschenkt! Ich habe –

Kinderchor erstirbt. Möwengekreisch. Dann plötzlich Stille.

 

III.

Klangkulisse: wie zuvor. Dann plötzlich Stille. Räuspern, Husten à la Spike Jones.

Kinderchor: „Weißt du, wie viel’ Sternlein steh-he-hen …?“

Wird kontinuierlich leiser.- Später wieder dörfliche Blasmusik.

Was JEAN DUFRESNE sagt, wird mit Hall unterlegt.

SIE: – noch einen, ich weiß. Aber-

ER: (Satt) Weißt du auch, wie viel’ Sternlein steh-he-hen?

SIE: (Ein bisschen gelangweilt) Wie kommst du d a drauf?!

ER: (Forsch) Rate mal …

SIE: (Kokett) I c h soll raten, warum d u auf eine so dumme Frage kommst?!

ER: (Wieder einlenkend) Nein – wie viel’ Sternlein steh-he-hen …? – No, wie viel’ …?!

SIE: (Fast beschämt, aber – glücklich) Unendlich viel’, nehme ich an. Unendlich viel’ … Zu Hauf alles, und dann die gerade erlöschenden Sonnen und die schon erloschenen Sonnen und die weißen Zwerge und die schwarzen Zwerge …-

ER: (Wieder gesättigt) Und das befriedigt dich?! – Schach.

SIE: (Betroffen) Ooops! – Wie kannst du mit mir Schach spielen und mich gleichzeitig mit dieser blöden „Wie-viel’-Sternlein“-Frage sexuell irritieren, beflügeln und ergo ablenken?! Eine kosmische Ungehobeltheit ist das, mein Bester!

ER: Erstens ist die Frage nicht dumm. Kosmisch – vielleicht, aber dumm – nicht. Da dreht es sich, zweitens, ganz simpel um „Multi-Tasting“. Bitte, Multi-Tasting, meine Bestie! – Napoleon, zum Beispiel, also Napolein, der hat angeblich drei oder vier Sachen gleichzeitig machen können. Voll konzentriert – also … quasi … Und Caesar auch, der hat einen Brief diktiert, einen gelesen und einen aus dem Lateinischen übersetzt – oder so … Angeblich …

SIE: Aha. Caesar hat einen Brief aus dem Lateinischen übersetzt – in welche Sprache denn, du Schlaumeier?! Caesar war Römer! – Den Läufer bist du jetzt aber los.

ER: Danke! Ich hab’ es gerade bemerkt.

DRITTE GEGENSTIMME (trocken): Darf ich mir Ihren Würfel ausborgen – nur für kurze Zeit? Meiner ist gefallen – ist mir heruntergefallen …, auf den Boden …, der Würfel …, auf den dunklen Boden …, gefallen … „Alea iacta est“ …, und so weiter …, immer weiter in die dunkle Dunkelheit gerollt … Ja, er ist – weg …

ER: Alea iacta est“? – Lieber Herr, bedaure, aber wir spielen nicht mit Würfeln.

DRITTE GEGENSTIMME: War ja bloß so eine Frage. Vielleicht ein anderes Mal … Danke! – (Beiseite) Wie komm’ ich jetzt über den Rubikon?! (Hintergrund lebt wieder auf – jetzt indes erneut die dörfliche Begräbnismusik à la Nino Rota.)

SIE: Schach!

VIERTE GEGENSTIMME (trocken): Das sieht verdammt schlecht aus! Eine Zwickmühle, sozusagen …

SIE: Sie irren sich – beim Schach gibt’s keine Mühle!

ER: … und bei Mühle gibt’s kein Schach!

VIERTE GEGENSTIMME: Pardon, ich wollte mich nicht einmischen! – Wissen Sie, für mich ist Schach überhaupt so eine Art „Terra incognita“ … (Hintergrund lebt wieder auf.)

SIE: Die Einsicht kommt zu spät. Er hat sich gerade eingemischt. – (In Richtung Vierter Gegenstimme) Und warum wollen Sie dann überhaupt spielen, wenn Sie’s ohnedies nicht begreifen?!

VIERTE GEGENSTIMME: Warum ich spielen will? No, ich verliere eben gern …

ER: Beim Schach.

VIERTE GEGENSTIMME: Beim Schach? Nein –

JEAN DUFRESNE: (Mit Hall) Gestatten? Dufresne, Jean Dufresne. Schachexperte. Also – das Schach-B i e t e n: Ein König, dem Schach geboten wird, s t e h t im Schach. Der Spieler, dessen Heer der bedrohte König angehört, hat je nach Umständen d r e i verschiedene Arten der Abwehr. Entweder ist es ihm möglich, den Schach bietenden Stein zu schlagen, oder den König aus dem Schach auf ein ungefährdetes Feld zu stellen, oder endlich einen Stein so zu ziehen, dass derselbe die Richtung der Schach bietenden Figur auf den König unterbricht. Letzteres Verfahren nennt man „Schach d e c k e n“.

VIERTE GEGENSTIMME: (Als hätte er den Einwurf Dufresnes nicht vernommen) Nein. Ich verliere eben gern – die Übersicht.

SIE: (Zu Jean Dufresne) Danke, Monsieure Dufresne! Besten Dank für Ihre tiefschürfenden Ausführungen zum Schach-Bieten! – (Wieder zur Vierten Gegenstimme) Aber, hören Sie, zum Verlieren, zum Verlieren, dazu bedarf es doch erst gar keiner „Terra incognita“?! Ich sagte: „Schach!“ – Und: Matt! Das war’s auch schon! – (Zu IHM) Und du hast es doch verstanden! Oder?! Bitte!

JEAN DUFRESNE: Und ob er es verstanden hat! – (Zu IHM) Sie haben doch -?! – (Befriedigt) Dann kann ich ja wieder gehen …

VIERTE GEGENSTIMME: (Trocken) Oh! Die „Terra incognita“ ruft, und die Wüste lebt! Also- (Die Hintergrundgeräusche leben wieder auf)

ER: Schach … Tatsächlich, du schlägst mich! Matt! – Alle Achtung! – Revanche?!

SIE: Klar doch! Immer …

Geräusche des Figuren-auf-einen-Haufen-Werfens, das wie das grobe Abladen

von Kohlenstücken klingt. Wird mehrmals wiederholt (seriell). Dann das

Geräusch des neuerlichen Aufstellens der Figuren. Dörfliche Begräbnismusik

endet, zuvor kontinuierlich leiser werdend.

 

IV.

Klangkulisse: Erneut Beginn des Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“.

Dann Möwengekreisch, das sukzessive leiser wird.

SIE: Jetzt habe also ich W e i ß. (Übergangslos) Hast du mich damals eigentlich betrogen mit Clara, meiner jüngeren Schwester?

ER: Und ich S c h w a r z. – Äh, Clara?! Tatsächlich – sie hieß … – Clara hieß sie?! Berührt. Clara – die Weiße … Nun, ich …, ich weiß nicht mehr so recht … Ob blond, ob braun, ich liebe alle Fraun … – Berührt habe ich sie also?! – Hm. Ich bin mir mit einem Mal so ganz und gar nicht mehr sicher …

SIE: (Belehrend) „Wenn ein Spieler einen Stein ergreift oder auch nur berührt, um ihn zu ziehn, muss er ihn ziehn.“ Das sagt zumindest Jean Dufresne.

ER: Jean Du-

SIE: -fresne, ja. In seinem Schachbuch. Ich werde dir Herrn Dufresne vorstellen -bei Gelegenheit, wenn er wieder einmal vorbeischaut! – Also, weiter: „Wenn ein Spieler einen Stein ergreift oder auch nur berührt, um ihn zu ziehn, muss er ihn ziehn. Pièce touchée, pièce jouée. Ebenso muss er einen Stein des Gegners schlagen, den er berührt, um dies zu thun. Ein vollendeter Zug darf unter keinen Umständen wieder zurückgenommen werden“ –

ER: – sagt Jean Dufresne?! Versteh‘: Aug um Aug, Stein um Stein … Und wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit – … Übrigens, Clara? Was ist mit –

SIE: – also, i c h habe dich sehr wohl betrogen. Und i c h, ich weiß noch, mit w e m …, obwohl die Sache kaum der Rede wert war … (boshaft) Mit deinem sogenannten Freund, mit diesem schmierigen Francesco …

ER: (Eher gelangweilt) Ah …, mit Franz-Ferdinand?! Hm. (Man hört das Aufsetzen der Figuren, wenn sie die Positionen wechseln. Es klingt, wie Soldatenstiefel auf einem nassen Exerzierfeld.)

ERSTE GEGENSTIMME (trocken): Erlauben Sie, dass ich was sage? Also, d e n Zug hätte ich nicht gemacht –

ER: S i e spielen ja auch nicht … Und daher ist es völlig belanglos, welchen Zug Sie gemacht h ä t t e n – oder nicht … Außerdem: „Ein Zug darf unter keinen Umständen wieder zurückgenommen werden“, sagt Dufresne.- Stimmt’s, Liebling?!

SIE: Exakt, Schatzi! Darf nicht!

ERSTE GEGENSTIMME: Da haben S i e allerdings auch wieder recht … (Der akustische Hintergrund lebt wieder auf.)

Musik: Franz Liszt, „Les Preludes“, sukzessive lauter werdend.

Fadet nach circa 140 Sekunden aus.

ER: Also, mit Franz?! Und ganz ohne – Liszt. (Er lacht gequält) Hahaha! Eine Geschmacksverirrung! Eine Geschmacksverwirrung pur …

SIE: Du sagst es, Liebster! Ein Versager, dieser FF, ein Versager – in jeglicher Hinsicht! Ein Parvenü, ein Geck, ein verhinderter Snob! Nicht einmal ein Dandy – ach was! Da hätte ich ja gleich und von Haus aus bei d i r bleiben können …

ER: Nun ja, man hörnt –

SIE: – und wird gehörnt … (Anderer Tonfall) Er hat mein Flehen erhörnt … (Erneut andere Akustik) Und die Rösselsprünge sind wie die von Einhörnern …

ER: Wie romantisch … (Andere Akustik, mehrere Echos) Schach!

SIE (Spitz, mit Echo): Oh! Oh! Oh! (Wieder normal) Aus dem Hinterwald …

ZWEITE GEGENSTIMME (Trocken): Hm … Allerhand, aus der Hinterhand, das … Ich muss schon sagen …

FÜNFTE GEGENSTIMME (Mit Hall und schrägen Gitarren-Akkorden unterlegt): Cool! Ist ja cool! Hört mal, spielt Ihr da – „Domingo“? (Musik und Hall bleiben.)

SIE: Erstens heißt das, was Sie vermutlich meinen, D o m i n o und nicht D o m i n g o, also: Domino! Und zweitens –

ER: – spielen wir nicht Domino.

SIE: Und auch nicht Santo Domingo, genau. – (Belehrend) Santo Domingo heißt die Hauptstadt der –

ER: – (Ebenso) Dominikanischen Republik. Übrigens die erste dauernd bewohnte spanische Siedlung auf dem Boden des damals neuentdeckten Doppelkontinents Amerika. Santo Domingo wurde anno 1496 gegründet –

FÜNFTE GEGENSTIMME (Klangarrangement wie oben): Ja! Ich weiß! (Singt) Von Fernando, Alfredo und José! La-la-laa-la-la-laa-la-lalaalalalaala –

SIE: Quatsch! – Also, Santo Domingo wurde anno 1496 gegründet und zählt 1,6 Millionen Einwohner. Im Jahr 1930 allerdings ist die Stadt durch einen Hurrikan weitgehend zerstört worden …

FÜNFTE GEGENSTIMME (Wie oben): Wow! Kein Domingo … (Verstummt. Geräusche wie zuvor)

ER: Hm … Domingo …

SECHSTE GEGENSTIMME (Trocken): In Linz müsste man sein …

SIE: Also – S i e haben Nerven …

ER: Genau! Nerven! Donnerwetter! – Ein echter Draufgänger …

SECHSTE GEGENSTIMME: (Trocken) Was nur alle gegen Linz haben … (Der Hintergrund lebt wieder auf.)

Musik: Vanda Jackson interpretiert „Santo Domingo“

(B. Olden/J. Relin)/Refrain.

SIE: Hm …

STIMME DES 1. VERHINDERTEN LYRIKERS (Mit leichtem Nachhall, Vogelgezwitscher im Hintergrund):

Auch der Zitron-

enfalter

wirkt als System-

erhalter.

Wenn zwischen Dunkel – Helle

der Flügelschläge schnelle

Abfolge –

… äh …

STIMME DES 2. VERHINDERTEN LYRIKERS (Wie oben): Ja! Jetzt stehst du an mit deinem saublöden Beinahe-Enjambements! Dummer kleiner Reimeschmied! (Klatschen einer Ohrfeige!) Idiot!

ER (Stille ringsum, ziemlich trocken): Aber, aber, meine Herrschaften! Wenn schon die Schmetterlinge das System erhalten müssen, was können wir bei so viel Gaukelei denn dann noch erwarten, bitte sehr?!

Musik von vorhin setzt wieder ein, wird nach circa 120 Sekunden ausgeblendet.

 

V.

Klangkulisse/Musik: Das Stimmen eines Sinfonischen Orchesters. Dann: Stille.

Applaus, wie beim Auftreten des Dirigenten. Dann aber keine Musik, sondern

Vogelgezwitscher mit Spechtklopfzeichen, das kontinuierlich leiser wird.

STIMME DES 1. BOTEN: (Schnarrend, hohl) Monsieur Dufresne lässt folgendes ausrichtet: Erstens – er ist momentan verhindert. Zweitens – er kommt indes später. Und drittens – Folgendes, was schon in den „Carmina Burana“ steht:

Der Bauer schlägt aus dem Stand sowohl nach rechts als auch nach links,

wenn er schräg vor sich einen Gegner sieht.

Und wenn es ihm einmal vergönnt ist, das Ende des Bretts zu erreichen,

übernimmt er das Amt einer Königin.

Vordem ein Mann, jetzt eine Frau, dient er dem König als wilder Vollstrecker,

befiehlt und herrscht, nimmt von hier und entkommt von da.

STIMME DES 2. BOTEN: (Eventuell wechseln sich die Sprecher auch per Vers ab)

Stat pedes, et dextra rapit et de parte sinistra,

Quem sibi diversum cernit et oppositum.

Et si quando datur tabule sibi tangere summa,

Regine solitum preripit officium.

Vir factus mulier regi ferus arbiter heret,

Imperat et regnat, hinc capit, inde labat.

Starker Musikakzent aus Carl Orffs „Carmina Burana“-Vertonung.

STIMME SANCHO PANSAS: Platz da! Macht Platz für meinen Herrn! Platz für Ritter Don Quijote von La Mancha! Platz!

STIMME DON QUIJOTES: (Leise zu Sancho Pansa) Ruhig! Ruhig, Sancho! Wir sind doch in cognito … (Rosinante schnaubt, der Esel Sanchos fällt ein.)

STIMME SANCHO PANSAS: Sorry, Sherlock -äh, Don!

STIMME DON QUIJOTES: (Irritiert) Sherlock?! Aber, Watson! – Herrlich, diese Aussicht! Und die Idylle! Im Hinderungsgrund allerdings die Windmühlen … Ach! Weh mir! Immer diese verfluchten Windmühlen! Diese vermaledeiten Windmühlen! Grässlich! – (Umschwung. Sich beinahe anbiedernd, zu IHR und IHM) Meine Dame, mein Herr! Lassen Sie mich Sie beglückwünschen! Ja, beglückwünschen! (Verlegen) Beglückwünschen …, nämlich …, nämlich … (Einfall) Ach ja: zu d i e s e r Aussicht! Schön haben Sie es hier –

SIE: Danke, Herr – – – Mit wem haben wir das Vergnügen?

ER: (Spitz) Wenn es denn überhaupt ein solches werden sollte?!

STIMME DON QUIJOTES: Oh! Pardon, ich vergaß, mich vorzustellen: Konrad Zobel, Mühleninspektor. Ich muss Ihre Mühlen überprüfen. Auf den rauschenden Bach hin und am laufenden Band …

Musik: „Es klappert die Mühle …“, instrumental, originell gesetzt. Wird alsbald leiser,

dann von erneutem Vogelgezwitscher und Spechtklopfzeichen abgelöst.

ER: Bitte, tun Sie, was Ihnen Ihr Dienst befiehlt …

STIMME DON QUICHOTES: Ist die Aussicht noch so nobel, einmal kommt der Konrad Zobel! – (Fast bescheiden) Ist von mir …

SIE: Ja, nur zu! Überprüfen Sie! Reimen Sie! Seien Sie Zobeljäger u n d Kosak! Im Mai … Tandaradei! – (Anderer Tonfall) Im Ernst: Unsere Mühlen sind gut in Schuss!

Es ertönt ein Pistolenschuss.

SIE: (Anzüglich) Und überhaupt ist bei uns so ziemlich alles gut in Schuss … Nicht wahr, Schatz?!

Es ertönt ein weiterer Pistolenschuss.

ER: Ich glaube kaum, dass den Herrn Mühleninspektor ausgerechnet u n s e r Liebesleben interessiert … Ich meine, wir wollen da nicht unsere sexuellen Aktivitäten und Vorhaben ausbreiten vor Herrn Zwiesel … !

STIMME DON QUICHOTES: Zobel, bitte! Konrad Zobel! Nicht Zwiesel …! Zobel!

ER: Und überhaupt …, erotisch … (Leiser werdend) Über … Oh! …

SIE: (kichert, ihn entlarvend) Unser L i e b e s l e b e n ?! – Dass ich mich nicht –

STIMME DON QUIJOTES: (Hellhörig) No …, wer weiß, wer weiß … (vertraulich) Eigentlich heiße ich ja Don Quijote … Aber wer will schon „Don Quijote“ heißen, heutzutage?! Und noch dazu – so ganz ohne Sancho Pansa oder Doktor Watson –

STIMME SANCHO PANSAS: Hier bin ich doch, Don! Sherlock! Ich –

STIMME DON QUIJOTES: Jaja, mein Guter! Aber so ganz ohne Dulcinea und ohne meine Mancha?! (Seufzt tief.)

ER: (Ungeduldig) Pardon! Sie schweifen meines Erachtens ab, Herr … Zw … Zobel oder Don Quijote … Haben Sie nicht gesagt, sie seien gekommen, um die Mühlen zu kontrollieren? Oder? U n s e r e Mühlen, wohlgemerkt?! Und diese, diese u n s e r e Mühlen zu kontrollieren, sei, so sagten Sie vorhin, Ihre Aufgabe, wenn ich Sie daran erinnern darf! Oder?! War das eine Finte? Eine Fint-Mühle, sozusagen?! Hahaha!

SIE: (Sich auf den Kalauer beziehend) Oh, der ist süß …! – Ja, Don, Sie müssen den etwaigen Fehlern nachspüren! Seien Se ein Sherlock Holmes! Und Sie müssen natürlich auch dem möglichen Falschspiel S c h a c h bieten! Und Einhalt! Und Paroli!

ER: (Leicht ironisch) Und außerdem: Gottes M ü h l e n mögen ja langsam mahlen, Sie indes sollten freilich nichts desto weniger einen Zahn zulegen, mein Herr! Also, Don Quijote, Sie Zobel, walten Sie Ihres Amtes! Sonst wird noch die Milch sauer!

Andalusische Gitarren-Musik löst die Geräusche ab. Dann kurze Stille.

 

VI.

Die Vier Stimmen Der Königlichen Reiter nähern sich –
in Pseudo-Qadrophonie. Musik: Franz von Suppé, „Die leichte Kavallerie“/
Beginn des Hauptthemas. Dazu Geräusch: kontinuierlich lauter werdendes
Pferdegetrappel und -gewieher. Dann Scharren der Hufe et cereta.
Die Stimmen sind nicht trocken, aber auch ohne zusätzlichen Hall.

ERSTE STIMME: Hüh! (Lauter) Hüh!

ZWEITE STIMME: Hott! (Lauter) Hott!

DRITTE STIMME: Stop! (Lauter) Stop!

VIERTE STIMME: Brrr! (Lauter) Brrr!

STIMME DON QUIJOTES: (Beinah schon jovial) Danke, meine Herren! Danke! Danke auch Euch, Ihr lieben Pferde! – So da sind Tick, Trick, Track und Quack! – (Beiseite) Nur – (wie im Comic) Schluchz! – meine gute alte Rosinante ist nicht dabei …

ROSINANTE: Bis du blind, alter Depp?! Da bin ich doch die ganze Zeit schon!

STIMME DON QUIJOTES: Oh, da bist du ja, mein altes Mädchen! (Geräusch eines Kusses.)

ERSTE STIMME: Anlässlich ihrer Krönung befiehlt die Königin, dass der Captain Macheath sofort freigelassen wird!

PFERDE: (Jubeln wienerisch wie Fiaker-Gäule und wiehern.)

ZWEITE STIMME: Gleichzeitig wird er hiermit in den erblichen Adelsstand erhoben –

PFERDE: (Jubeln preußisch und Wiehern.)

DRITTE STIMME: – und ihm das Schloss Miramare bei Triest sowie eine Rente von zehntausend Pfund bis zu seinem Lebensende überreicht.

PFERDE: (Jubeln französisch und Wiehern.)

VIERTE STIMME: Den anwesenden Brautpaaren lässt die Königin ihre königlichen Glückwünsche übersenden. Und je ein Bussi!

PFERDE: (Erneutes, laut aufbrandendes italienisches Jubeln und Wiehern.)

ER: Gerettet, gerettet! Ja, ich fühle es, wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten!

SIE: Dank Bertolt Brecht und allen, von denen er abgeschrieben hat, Du bist gerettet!

Nun braust Orgelmusik (Toccata aus der 5. Symphonie von
Charles-Marie Vidor) auf, die nach circa 130 Sekunden darauf wieder leiser wird.

STIMME DON QUIJOTES: So nimmt denn alles seinen Lauf, nur die Gerechtigkeit, wie mir scheinen will, nicht so ganz … Und doch:

Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde

Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt.

Bedenkt das Dunkel und die große Kälte

In diesem Tale, das von Jammer schallt.

Starker Orgelakzent. Kurze Stille.

 

VII.

Die Stimme von Jack The Ripper ,,kommt” näher.

Musik: aus Richard Wagners „Tannhäuser”-Ouvertüre,

nach circa 160 Sekunden leiser werdend. Plötzlich ein typischer Spike-Jones-Abschluss.

Später, unter den Klängen der Franz von Suppéschen „Leichten Kavallerie“,

tritt erneut der Schachexperte Jean Dufresne auf.

STIMME DON QUIJOTES: Hahahaha! Hahahaha! Dass ich es und mich noch fasse! Hahahaha! Haha- (Im Lachen innehaltend) Wissen Sie was? Ich gehe jetzt – und komme ein anderes Mal wieder! Tschüs!

SANCHO PANSA: Adieu! Buenas Dingsda … Aires!

ER/SIE: Ist gut! Lassen Sie sich nur Zeit!

ER: Also, heute geht es da ja zu wie in einem Bienenstock! – Wer ist denn diese finstere Gestalt? Für Onkel Dagobert ist er zu groß, und e i n e n Don Quijote hatten wir doch gerade eben schon …?! Also, wer bitte, um alles in der Welt, ist –

JACK THE RIPPER: Hallo! Ist das hier das berühmte Hörspielstudio „Zur frohen Wiederkäu”?

SIE: Was – Jack?! Du?!

ER: Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wer ist denn diese finstere Gestalt? Für Onkel Dagobert ist er zu groß, und e i n e n Don Quijote hatten wir doch gerade eben schon …?! Also, wer –

JACK THE RIPPER: Hi! Babe! – Hallo! Ist das hier das berühmte Hörspielstudio „Zur frohen Wiederkäu“?

SIE: Nein, Jack! Jack-Darling, unser Studio heißt „Zur frohen Wiederkehr“! – Aber sag’, was treibst du so? Und wie geht es dir? Nach so langer Zait, da wir –

ER: Also, wer bitte, um alles in der Welt, ist -? (Direkt an Sie) Willst du uns nicht miteinander bekannt machen, Liebling?

SIE: (Eher kühl) Mein E r und zugleich E x – und das ist Jack the Ripper!

JACK THE RIPPER: (Wenig interessiert) Hallo, Ex!

ER: (Entsprechend kühl) Hallo! Sie sind also der g r o ß e J a c k –

JACK THE RIPPER: Pst! Nicht zu viel Reklame! Seit Frank Wedekind, dann seit Sir Arthur Conan-Doyle und besonders seit Alban Berg kann ich mich vor Kundschaft ohnehin schon kaum mehr retten …! Das hat man dann von seinem Renommee! – Es ist nämlich so: Alle überkandidelten Weiber wollen von mir gemordet werden … Schrecklich! Einfach-

ER: (Ironisch) In der Tat! Welch tragisches Schicksal, Herr … Ripper!

SIE: (Mütterlich) Du packst das schon, Jackie! Du –

JACK THE RIPPER: (Zweifelnd) Hm … (Mit Hintersinn) Das sagt sich leichter, als man’s tut, Darling! Allein schon der Aufwand! Und dann immer diese Sonderwünsche! Ach –

JEAN DUFRESNE: (Sehr gelehrt, mit leichtem Berliner Dialekt) Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich erlaube mir, folgende Vorausschickung zu machen: In dem vorliegenden Werke, das für Anfänger und geübtere Spieler bestimmt ist, habe ich die E l e – m e n t e des S c h a c h s p i e l s sehr ausführlich behandelt.

SIE: Ja, s e h r ausführlich, in der Tat! – Aber, darf ich bekannt machen: der berühmte Jean Dufresne aus Berlin!

ER: Erfreut! Sehr erfreut! Endlich kann ich-

SIE: Übrigens, darf ich nun auch d i e beiden Herren mit einander bekannt machen? Jack the Ripper, ein … äh, ein – äh – Ripper, und Jean Dufresne, ein renommierter Schachmann, Schach-Experte und Autor aus Berlin, 1829 bis 1893. Gewesener Journalist, Schachmeister!

JACK THE RIPPER: Sehr angenehm! Ripper!

JEAN DUFRESNE: Ebenso, ebenso – Dufresne, Jean Dufresne! – (Fortfahrend) Dann folgt eine gedrängte Darstellung der Theorie der Eröffnungen, deren jede von ihr angehörenden Partien begleitet ist. Letztere enthalten –

JACK THE RIPPER: (Mit plötzlichem Interesse) Eröffnungen?! Sie sagten – Eröffnungen?! Tatsächlich – Eröffnungen?! (Kurz diabolisch, ganz Chirurg) Eröffnungen … des Brustkorbs, … der Bauchhöhle … (Leicht echauffiert schon) Vagina … Eierstock …, Gebärmutter …! Ach! (Wieder abgekühlt) Wir …, wir wollen dann doch mal sehen, was hinter der Stirn sitzt … – Sie, verehrtester Monsieur Dufresne, das interessiert mich … Was halten Sie davon, gehen wir auf einen kleinen Drink ins Café ums Eck?

DUFRESNE: Ja, warum nicht?! Ums Eck ist immer gut! Ja! Genau!

Geräuschvoller Abgang, in den sich die üblichen Spike-Jones-Klänge mischen.

ER: Die beiden wären wir los!

SIE: Hm. Komisch, ich habe immer gedacht, dass Jean Dufresne, der bekannte Autor des „Kleinen Lehrbuchs des Schachspiels“, zuletzt taub gewesen sei …

ER: Das muss sich dann wohl wieder gelegt haben …!

Starker Orgelakzent wie am Ende von VI.

 

VIII.

Stille. Ticken einer alten Turmuhr. Stille.

Dann: Scharfer Orgelakzent: c “‘ (tutti + gequetschte „vox coelestis“ –

als wenn die Klang-Geschichte schon in „cornu“ hinüber flösse …).

Andeutungsweise „Es klappert die Mühle am …“ in einer erstaunlich

trockenen“ Version – für F-Maultrommel. Circa 200 Sekunden, dann leiser werdend,

doch immer noch nicht ganz ersterbend.

 

EPILOG:

Die Musik ist nun halllos und steril, fast unwirkliche „eindimensionale“ Kunsttöne,

wie etwa die eines Synthesizers. Die Sprech-Stimmen klingen wieder normal.

Langer Piepston, ständig oszillierend, später leiser werdend.

SIE: Taub … und blind … Blind. Wie der gewiefte neue blinde Friseur des Kaisers –

ER: die neuen Kleider! Das waren doch die neuen Kleider und kein neuer blinder Friseur! Kein Friseur! Und schon gar kein tauber –

SIE: Doch. Und w i e der blind war, der Friseur. Und neu … Gut, taub nicht, das stimmt … Aber neu und blind! Der neue Friseur des Kaisers … Und er lobte auf beinahe schon unverschämte Weise des Kaisers kleinen eleganten zeitgemäßen Kopf. Dieser Kopf, so schleimte der neue blinde Friseur des Kaisers, dieser Kaiserkopf sei total à l a m o d e …

ER: „À la mode“?! So schleimte der neue blinde Friseur des Kaisers?

SIE: Genau, „total à la mode“ …, so schleimte er, der neue blinde Friseur des Kaisers. Dieser kleine elegante zeitgemäße Kopf müsse es einfach jedem angetan haben, der ihn sähe …

ER: Und weiter? Was geschah mit dem schleimigen neuen blinden Friseur des Kaisers?

SIE: Erst wurde er vom Kaiser in den höchsten Tönen (Musik: Man hört höchste Töne) total extraordinär und auf das Außerordentlichste belobigt und –

ER: Ja, was weiter?! Was geschah –

SIE: – und dann auch noch mit einer üppigen Cremetorte beschenkt. Mehrlagig und mit viel Schlagobers … und Früchten … oben drauf … – Doch der Friseur verhungerte.

ER: Er – verhungerte?!

SIE: Ja. Er verhungerte. So ist es.

ER: Aber – warum?! Ich meine –

SIE: Der neue blinde Friseur des Kaisers, der dessen kleinen eleganten zeitgemäßen Kopf sozusagen über den grünen Klee gelobt hatte, dieser Schleimer!, der neue blinde Friseur des Kaisers verhungerte. Weil er nämlich die üppige Cremetorte –

ER: – die mehrlagige üppige Cremetorte, mit viel Schlagobers und Früchten oben drauf –

SIE: – weil er nämlich die üppige Cremetorte partout nicht finden konnte auf der extraordinären langen hübsch gedeckten Tafel in all ihrer gigantischen Pracht …

ER: Erlaube, aber – ist diese Geschichte nicht irgendwie traurig?!

SIE: Oh, ja … Eine irgendwie traurige Geschichte von Überfluss und Mangel, sozusagen.

Orgelmusik: Charles-Marie Vidor, Toccata aus der

5. Symphonie (circa 200 Sekunden).

ERSTE GEGENSTIMME (trocken): Die Könige und Kaiser fallen! Die Steine bersten!

ZWEITE GEGENSTIMME (trocken): Die Throne stürzen! Die Kegel purzeln!

DRITTE GEGENSTIMME (mit Hall): Hinweg alles! Die Mauern sinken! Die Würfel sind gezinkt! Kein Wunder kann uns mehr retten! –

Oder?!

INSPIZIENT (zerknirscht): Meine Damen und Herren! Als Inspizient komme ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, dass unsere Technik total im Arsch ist … Wir können nicht einmal mehr das Licht abdrehen!

CHOR: Das Licht?! (Grässliches, höllisches Gelächter, mit Hall) Hahahaha!

Hahahahahahahaha!

ERSTE GEGENSTIMME (mit Hall): General!

ZWEITE GEGENSTIMME (mit Hall): Pause!

DRITTE GEGENSTIMME (trocken): Generalpause!

Generalpause.

CHORFÜHRER: Wenn der König,

dem Schach geboten wird,

in keiner der drei angeführten Arten

verteidigt werden kann,

ist er matt gesetzt,

und der Führer des Heeres,

dem er angehört,

hat die Partie verloren.

Die Stellung,

in der der König

dem gebotenen Schach erliegt,

heißt Matt oder Schachmatt.

XERXES: Nun schrei entgegen mein Geschrei.

CHOR: Oah! Oah!

XERXES: Wehklagend wegelagernd schreite zum Palast!

CHOR: Io! Io! Persis‘ Land, dein Weg ist schwer!

XERXES: Durchjammert alle Straßen!

CHOR: Durchjammern freilich! Oh! Oh!

Duchjammern die leeren Straßenzüge …

Ach käme uns bessere Kunde! Doch sooo -!

XERXES: Ihr klagt, zu weicheren Weg gewöhnt!

CHOR: Io! Io! Persis‘ Land, dein Weg ist schwer!

Die Mühlen mahlen langsam, und niemand hier,

dem wir Schach bieten könnten.

Oder – bloß Dame … Halma vielleicht …?!

CHORFÜHRER: (Beherzt) Mensch, ärgere dich nicht!

XERXES: Weh mir! Mit stolzen Geschwadern,

Weh mir! Mit Schiffen des Meeres getilgt

Und Richthofens Schiffen des Himmels, des Roten Grafen.

Zudem im Quantennebel krummer Zeitkurven gefangen …

CHOR: Laut nachjammernd, Herr, geleiten wir dich!

Auf, auf! Zur allerletzten Rochade!

Musik-Akzent in Form von effektvollem Orgelgebraus

bei vollem Nach-, Ober-, Unter- und Seitenhall.

Dann: erneut Generalpause – – -.

Ein Kinder-Glockenspiel intoniert zaghaft ein paar Takte von

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach …“

 

E N D E

 

Quellen & Literatur (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Hermann Breitenbach (Hg.), Publius Ovidius Naso: Metamorphosen. Stuttgart 1988.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee. Ein Besuch bei Einstein. München 2009.

Alphonse Daudet, Briefe aus meiner Mühle. Stuttgart 1986.

Karsten Diettrich (Hg.), Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper. In: Das Bertolt Brecht-Buch. Frankfurt 1972.

Jean Dufresne, Kleines Lehrbuch des Schachspiels. 6. Aufl. Leipzig o. J. (1892).

Wolf Hartmut Friedrich (Hg.), Aischylos: Die Perser. In: Aischylos. Sophokles. Euripides. Die großen Tragödien. Düsseldorf 2006.

Matthias Hackemann/Ulrike Brandt-Schwarze (Hg.), Carmina Burana. Lieder aus Benediktbeuren. (III, 210.) Köln 2006.

Internet.

N. N., Das Buch der 555 Spiele. Der kreative Freizeitspaß für zuhause und unterwegs. Stuttgart o. J.

 

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