A v i s o

o d e r

Das Wurzelwerk ruft.

(Vorwiegend zwergenhaft)

Angeblich ein Märchen,

sicherlich indes:

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2009/2011

Es ist keine Überraschung, auch aus der

Psychoanalyse zu erfahren, welche

Bedeutung unsere Volksmärchen für das

Seelenleben unserer Kinder haben.

Sigmund Freud, Märchenstoffe in Träumen

*

Die burlesken Effekte, die ein Märchen

hervor bringt, das die Taten eines furcht-

losen Helden erzählt, sind vielleicht am deut-

lichsten im „Märchen von einem, der auszog,

das Fürchten zu lernen“ erkennbar.

Maria Tatar, Von Blaubärten und
Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen

*

Die Masken waren, wenn es solche überhaupt gegeben hatte (vermutlich ohnedies nicht) längst schon gefallen. Der Wald glomm in Erstarrtheit. Auch wenn er an sich vor geraumer Zeit schon abgestorben schien. Tot. Verdorrt. Verrottet. Doch im Wurzelwerk glühte es wohl noch. Tief drinnen. Ein wenig zumindest … Anders gesagt: Ein paar – hauptsächlich ohnedies bloß mentale – Myzelien glosten wenig aussichtsreich vor sich hin. Nichts Trüffelartiges zwar, aber immerhin (zumindest im weitesten Sinn) steinpilzähnlich oder eierschwammerlartig oder dem Hallimasch verwandt, der – falls Sie es nicht wissen sollten, jedoch immer schon einmal erfahren wollten, zu den Lamellenpilzen gehört … Also, wie auch immer, jedenfalls: Ständig troff feuchtes Erdreich vom höher gelegenen Steilweg herab. Der Grad endgültiger Verwesung schien zwar längst erreicht, hatte das idyllische Geviert indes noch nicht von allem anderen, drum herum Gelegenen final abgegrenzt.

Stopp! Also, bitte sehr, so beginnt man kein Märchen! Verdammt noch mal! – Oder – doch?!

Die Masken waren lieblich anzusehen, und das kleine Mädchen flog förmlich von einer zur nächsten, lüpfte voller Übermut hier und da eine der Larven; und schien entzückt, gewahrte sie, dass sich dahinter abermals eine Maske befand – und so weiter, und so fort: Maske hinter Maske hinter … Wie die bekannten russischen Puppe-in-der-Puppe-in-der-Puppe-Puppen …

Ihre dunklen, klugen Kinderaugen leuchteten. Smaragden gleich. Glänzenden Edelsteinen.

Kakao schwappte über, die Kinder bissen in appetitliche Krapfen und bemerkten mmmeist zu spät erst das Austreten der Mmmarmelade – fast immer am ihnen abgewandten Ende der konditoralen Köstlichkeiten. Konfetti lag, mindestens: zentimeterdick, auf den dünengleichen Perser-Teppichen; Girlanden wanden sich an der hohen Decke entlang, bis hin zum Stuck; japanische Lampions gaben schönes, buntes Licht; und nur der Mond, der durch eines der hohen schmalen Fenster schien, wirkte ein wenig zu fahl in diesem insgesamt unwirklichen Bild schier unbegrenzt-bunter Kinderfreude.

Da wusste das kleine Mädchen, Zentrum ihres Kindergeburtstags, noch nicht, dass die Waldfee just zur selben Stunde beschlossen hatte, ihre Eltern zu sich zu nehmen.

Für immer.

Stopp! Bitte nicht! Nein! Kein Märchen mehr mit Verkehrs- oder sonstigen Unfällen! Reicht es nicht, dass sich die Eltern – wie gewöhnlich – gestritten hatten? Dass des Mädchens Geburtstag wieder einmal quasi bloß als eine Art Ausrede für einen faulen Waffenstillstand herhalten musste? Ja, dass dieses hübsche, begabte, intelligente und aufgeweckte Kind ohnedies schon die längste Zeit diesem dummen Paar bloß als Vorwand dazu diente, weiterhin zusammenzubleiben? Aus Bequemlichkeit oder Ignoranz heraus oder wegen seiner permanenten Ideenarmut? Und wegen des idiotischen, verklausulierten und paragraphenreichen Ehevertrags, vor dessen Konsequenzen sich beide fürchteten? – Danke.

Dritter Versuch.

Sie beobachtete mit Freude, wie sich ihre neuen Freunde in dem großen Aquarium tummelten. Seit ihr Vater die Querzahnmolche aus dem Laboratorium vom Institut, in dem er arbeitete, nach Hause mitgebracht hatte, waren sie ihre absoluten Lieblinge. Da mochte Coco, die nach der französischen Modeschöpferin Coco Chanel benannte kastanienbraune Spanieldame, noch so launige Sprünge machen, Ludwig und Riko, die beiden blitzgescheiten knallbunten Papageien aus Brasilien, lustig kreischen und mit den Flügeln schlagen, oder die beiden Katzen Mirco (weiß) und Ala (schwarz) um ihre Beine streichen – zwar vernachlässigte sie keines ihrer Haustiere, doch Augen hatte sie beinahe nur für die fünf aus dem Haus Axolotl.

„Ambystoma mexicanum“ lautet, falls Sie auch das interessiert, die wissenschaftliche Bezeichnung des mexikanichen Wassermolchs. Doch Axolotl klingt eigentlich ohnehin exotisch genug, finde ich. (Ein Lexikon gibt mir Auskunft, dass Axolotl im Aztekischen so viel wie Diener des Wassers bedeute.) Übrigens: Freilebend gäbe es diese kuriosen Viecher nur mehr in den Xochimilco-Seen in der Nähe von Mexiko City, hatte ihr Papa erzählt, selbst längst schon ein bisschen axolotiert, sozusagen. (Wie übrigens alle im Institut. Man konnte sich der Ästhetik und der unglaublichen Fähigkeit quasi ewiger Jugend dieser sympathischen Dauer-Larven kaum entziehen …) Und, o ja!, sie waren schon erstaunliche Tiere! Behielten sie doch, so hatte Papa dem Mädchen – übrigens heißt sie Marianne – erklärt, ein Leben lang, im Axolotl-Fall bedeutet das bis zu zwölf Jahre, ihre Larvenform bei und pflanzten sich in diesem Stadium sogar fort! Sie könnten angeblich sogar verlorene Gliedmaßen, Organe und sogar Teile des Gehirns neu bilden und regenerieren. Was vermochte es da, bitte schön, noch Abenteuerlicheres zu geben, als so einen hübschen Schwanzlurch (oder eine Schwanzlurchin)?

O.K. Auch dieser Ansatz bleibt, bei allem Sympathischen, das ihm immerhin inne wohnt, irgendwie in sich selbst – stecken.

Als dann, Nummer vier.

Rossbacher, die pädophile Sau, streunte schon, Unruhe in der Unterwäsche, seit Stunden (ihm erschien die Zeit bleiern, würde er später zu Protokoll geben) im nahen Stadtwäldchen umher. Es wäre dem alternden Ungustl auch nicht weiter aufgefallen, dass da die rote Mütze und der blauweißgrüne Schal des Mädchens (Marianne) im Dickicht, das der Wald an dieser Stelle – wie unwillkürlich – bildete, hing und sich im Wind schaukelte wie ein buntes, in Seenot geratenes Segelschiff. Doch der letzte Strahl einer untergehenden Sonne fiel auf Kopfbedeckung und Halstuch und tauchte das Idyll wie in goldenes Licht … Dies blieb nicht zu übersehen, zumalen just Rossbacher längst schon die Geruchsspur jungen Fleisches in seine – zugegeben eher unschönen – Nüstern eingesogen hatte.

Sein Jagdtrieb war entflammt.

Die „Wild“-Sau in seinem Gemächt regte sich.

Derweilen bewirtete Xaver, ein gutmütige Dolm aus der Reihe der erstaunlich muskelstarken Holzfällerburschen (sagen wir es gerade heraus: ein wahres Unschuldslamm), das Mädchen, das sich im grünen Tann fährtentechnisch vertan hatte (ohne Freytag & Berndt-Atlas, GPS und so). Ja, und jetzt hatte der braungebrannte, knapp zwanzigjährige Lackel mit seinem rotgrünblaugestreiften Kurzarmhemd das weitgehend schutzlose Kind im Himbeergebüsch aufgefunden; mit einer geringfügigen Blessur am linken Bein, die immerhin ein wenig blutete. Mittels recht guten Milchkaffees, den er nicht ungeschickt aus einer alten Kanne ins schmucklose Geschirr aus abgegriffenem Augarten-Porzellan geträufelt hatte, gelang es ihm alsbald, die erschöpfte Marianne zu laben.

Auch wenn die Holzfällerhütte, aufs erste Hinsehen, wohl gemerkt!, ziemlich baufällig wirkte, strahlte sie doch eine gewisse Heimeligkeit aus. Ja, doch: sogar Charme. Und auch der dunkelmehlige Reindling, mit reichlich Butter, Eiern, mit Rosinen und Honig zubereitet, harmonierte zum Milchkaffee aber schon so was von wie! (Xavers Mutter war nämlich eine 1-A-Köchin – und stammte aus Kärnten!)

„Ich bin der Xaver“, eröffnete der junge Holzhacker dann doch irgendeinmal die – grosso modo bruchstückhaft bleibende – Konversation.

„Ich heiße Marianne“, sagte das blondhaarige Mädchen und zog ein wenig Röte auf, die ihren dreizehn Jahren immerhin zustand. „Und der Reindling ist Spitze!“

Cool, dachte Xaver.

Cool, dachte Marianne.

Wollt Ihr wissen wie’s weiter geht? Gut. Ich auch. Denn immerhin ist das ja ein Märchen.

*

Alsdann. Marianne wurde sukzessive ein wenig älter, und Xaver bat seine Mutter noch um den einen oder anderen Reindling, sodass Mutter Xaver alsbald ziemlich neugierig wurde, wer denn da so ein besonderer Bewunderer ihrer Backkünste sei …

Rossbacher, das pädophile Unding, war noch einmal davon gekommen. Quasi mit einem blauen Aug’ (das ihm einer der ihn aufgreifenden Polizisten im Zug der Amtshandlung geschlagen hatte); angestellt war vom Herrn Triebtäter diesmal ja in der Tat nichts worden.

Marianne und Xaver? Kein Wunder, dass sich das Pärchen nach ein paar Jahren allmählich auch sexuell entsprechend näher kam. Beinahe vergessen waren alsbald die kastanienbraune Spanieldame Coco und die übrige Menagerie; sogar die Axolotl-Partie hatte gewaltig an Prestige eingebüßt; Marianne machte sich inzwischen kaum mehr was aus den vormals doch so hoch begehrten Amphibien.

Nun, so spielt das Leben – eben.

Und auch in einem Märchen muss man nicht selten neue Prioritäten setzen.

E N D E

 

Literatur (Auswahl):

Ulf Diederichs, Who’s who im Märchen. Düsseldorf 2006.

Sigmund Freud, Märchenstoffe in Träumen. In: Gesammelte Werke. Frankfurt am Main 1968.

Sigrid Früh (Hrsg.), Frauen-Märchen zum Erzählen und Vorlesen. Krummwisch bei Kiel 2006.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. 2 Bde. O. O., o. J. – Zur Problematik der Werkausgaben der KHM-Edition siehe auch Heinz Rölleke (Hrsg.), Die Märchen der Brüder Grimm. München und Zürich 1985.

Jörg-Michael Günther, Der Fall Rotkäppchen. Juristisches Gutachten über die Umtriebe der sittenlosen Helden der Brüder Grimm, zur Warnung für Eltern und Pädagogen. Frankfurt am Main 1990.

Gunther Klosinski, Wenn Kinder nach dem Bösen fragen. Antworten für Eltern. Freiburg im Breisgau 2006.

Manfred Kluge (Hrsg.), Die Brüder Grimm in ihren Selbstbiographien. München 1985.

Jeffrey M. Masson, Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. Reinbek bei Hamburg 1986.

Heinz Rölleke (Hrsg.), Die Märchen der Brüder Grimm. München und Zürich 1985.

Ders., Die wahren Märchen der Brüder Grimm. Frankfurt am Main 1989.

Ders., Grimms Märchen. Frankfurt am Main 1985.

Bernd Schmidt, Die gestiefelte Katze. In: Achterbahn. Erzählungen. Graz 2000.

Ders., Blut ist im Schuh. In: Kivi. Erzählungen, Aphorismen und ein Dramolett. Graz 2002.

Gabriele Seitz (Hrsg.), Brüder Grimm. Im Himmel steht ein Baum, dran häng ich meinen Traum. München 1985.

Maria Tatar, Von Blaubärten und Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen. Salzburg 1990.

Hans Traxler, Die Wahrheit über Hänsel und Gretel. Die Dokumentation des Märchens der Brüder Grimm. Reinbek bei Hamburg 1997.

Renate Wahrig-Burfeind, Wahrig. Illustriertes Wörterbuch. München 2001.

Michael Wittschier, Es wa(h)r einmal. Märchen-Philosophie. Düsseldorf 1997.

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