Auf der Flucht

von

BERND SCHMIDT

© 2016.

Kennen Sie die Syrer?“ – „Ja. Aber nur flüchtig …“

Darf man sich diesen Wortwitz überhaupt leisten – angesichts des millionenfachen Leides, des massenhaften Mordes und der anderen Verbrechen, die in Syrien tagtäglich verübt werden. Angesichts eines Problems, das andernorts, nämlich bei uns, als Flüchtlingsproblem bezeichnet wird – womit nicht so sehr die Lage der Flüchtlinge als vielmehr unser durch sie erzeugtes Unbehagen gemeint zu sein scheint.

Dem berühmten Diktum Kurt Tucholskys, Satire darf alles!, folgend, mag der saloppe Satz zwar gestattet sein; soll er doch auf eine unmenschliche Situation, auf ein immenses Unrecht hinweisen. Doch kommen einem sogleich Bedenken, die Humanität betreffend. Handelt es sich doch bei den betreffenden Menschen, die uns da flüchtig, nämlich als Flüchtlinge, begegnen, um Individuen, die um ihr Leben rennen müssen; aus Krieg, Verfolgung und Todesgefahr.

Da tun sich durchaus biblische Dimensionen auf, da spielt die Ur-Erinnerung an Kain und Abel hinein.

Hilfe wird hier zur Selbstverständlichkeit. Sollte man meinen.

(Wie zum Beispiel anno 1956, als der Ungarn-Aufstand tobte. 1968, als der Prager Frühling durch Sowjet-Panzer brutal niedergewalzt wurde. 1989, als schließlich der Osten wankte und mit ihm die marode DDR.)

Wir kennen die Syrer nur flüchtig.

Umso schlimmer erscheint die Art und Weise, in der man mit ihnen umgeht. (Und auch mit Afghanen, Pakistani und anderen Flüchtlingen.)

So traurig es ist: Die Syrer fliehen aus ihrer Angst – in die unsere.

*

Wert. Wert?

© 2016.

Kaum ein Wort steht heute so hoch im Kurs wie das Wort Wert.

Und dabei liegt gerade beim Wert meist der Wert alles andere als fest.

Wert soll beständig sein und verlässlich. Gut und schön – nur wenn eine Sache beständig von ihrem Wert verlassen wird – was dann?

Wie wichtig ist da echter Wert, wie notwendig echte Wertschätzung!

Doch da jeder den Wert anders einschätzt, ist es allgemein schlecht bestellt mit der Wertschätzung.

Das wirkt sich alsbald als Wertminderung aus.

Dann kehrt sich der Wert in Unwert.

Und Undank ist des Wertes Lohn …

*

Die Brunnen

© 2016.

Von den ausgetrockneten Brunnen waren erwartungsgemäß keine beglückenden, in ästhetischer Pracht empor-springenden und herrlich sprudelnden Fontänen zu erhoffen. Keine hübschen Wasserspiele; im Hintergrund vielleicht Georg Friedrich Händels „Wassermusik“ und ein paar amüsante pyrotechnische Attraktionen. Wenn gewünscht, noch ein wenig Ballett dazu: exotische Schönheiten, dunkle Gestalten, bunte Harlekins und schnippische Kolombinen, auch behäbige Pantaloni und halb-traurige Bajazzos …

Nichts von alle dem. Nein!

Da konnte man schon froh darüber sein, dass nicht Staub aus den verkalkten Düsen stob.

*

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