Also, wenn

es weiter nichts ist

Einige literarische Überlegungen über

einige literarische Überlegungen

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2012.

(ENDFASSUNG: 2015)

 

Sichel, im Jauchenrauch

hängend im Ziegenstall,

dein – wie des Keuschlers auch –

Lied ist der Wetzsteinschall.

Theodor Kramer, Sichellied.

*

I: Der schwache Krimi

II: Die blöde Liebesgeschichte

III: Die schlechte Satire

IV: Der falsche Mix

 

I: Der schwache Krimi

Also, eines muss dir von Haus aus klar sein: Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. O. K.?! Da ist für dich keine Umkehr mehr drin. Kein Ausstieg möglich. Mitgefangen – mitgehangen. Verstehst du? – Gut. – Setz dich! Und sag nachher nie – hörst du: nie! -, du habest das nicht gewusst! So sind die Modalitäten nun einmal, klar?! – Gut. Dann unterschreib‘ das … da, hier!“

Die Deckenlampe gab widerwillig ihr nacktes Licht ab, und der billige Kugelschreiber krakelte schnörkelig und nervös über das halbwegs weiße Papier.

Fehlte bloß noch, dass er sein Todesurteil mit Blut quittieren hätte müssen. Denn zumindest sein Todesurteil war das doch wohl, was er da unterschrieb … Oder?!

Er grinste, unbemerkt vom wichtigtuerischen Großkotz, in sich hinein,während er unterschrieb. Faust und so … (Mephisto: Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.)

Dann, fast freundschaftlich: „Hier, nimm!“

Der Wichtigtuer drückte ihm eine abgegriffene Schnapsflasche in die Rechte. Drängte ihm den Fusel förmlich auf. Wie bei einer Werbung, wie bei einer Rekrutierung, dachte er. Dann trank er ein paar große Schlucke. O Gott, das Gesöff schmeckte ja noch schlechter, als er befürchtet hatte.

Lass noch was drin – für die andern!“

Der Großkotz lächelte unschön und entblößte sein entzündetes Zahnfleisch, in dem ein paar handverlesene gelbe Stummel steckten.

Aus. Nein. Albtraum hin oder her. So nicht! So wirklich nicht!

*

Man versank förmlich in den gepflegten Lederfauteuils. Die Martinis waren so nobel wie die ganze Atmosphäre hier. Es war die nicht zu schummrige, überaus elegante Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. Aus dem Hintergrund zwirbelte sich dezente Klaviermusik zu ihnen herüber. Tatsächlich, da saß ein graumelierter Pianist mittleren Alters vor seinem Steinway & Sons und schlug in durchaus geübter Weise einen swingenden Gershwin in die Tasten („Oh, Lady Be Good“). Gar kein übler Job, denn der Klavierfritze da machte, dachte er.

Der schwarzgekleidete Arsch, der auf ihn übrigens nicht den so fürchterlichen Eindruck machte, wie es nach Harrys übertriebener Beschreibung zu erwarten gewesen wäre, kam erfreulicherweise gleich auf den Punkt: Das Geld.

Das gefiel ihm.

Und auch die Höhe des Betrags löste in ihm durchaus angenehme Gefühle aus.

Ja, sagte er. Und: Gut.

Der Schwarz-Arsch reichte ihm, schon im Aufstehen, die Rechte.

Während sich also der, bleiben wir dabei: weniger schmierige Mittelsmann erhob, flüsterte er noch im Abgang: Morgen, 22 Uhr, wie ausgemacht. Und: Vergessen Sie Ihr … Werkzeug nicht!

Nachdem der andere sich entfernt hatte, bestellte er noch einen Martini.

Hm. Ja, das klingt doch schon recht manierlich. Oder?! – Aber …, nein, doch nicht …

*

Die Straße floss dunkelmetallig unter der einzigen Lichtquelle dahin, die vor dem an sich unbeleuchteten globigen Haus zu sehen war. Eine scheußliche alte Peitschen-Leuchte, wohl noch aus den 1950er Jahren. Vom Regen, der am späten Nachmittag eingesetzt, inzwischen jedoch wieder zu fallen aufgehört hatte, zeugten nur noch ein paar irgendwie lächerliche, weil deplatziert wirkende kleine Pfützen. Und eben die dunkelmetallige Farbe des Asphalts.

Ein leichter Spätsommerwind durchknisterte die angedörrten Zweige der wenigen niedrigen Büsche, die auf der einen Seite des geschlossenen massigen Holztores ihr irgendwie krankes Dasein fristeten.

Auf der anderen, der linken Seite, neben der breiten Toreinfahrt, kauerte ein Steinquader, dessen Zweck nicht ersichtlich war. Der ihn indes trotzdem – oder gerade deshalb? – interessierte: ein Granitblock.

Richtstätte! Genau, eine Richtstätte … Er musste lächeln.

Dann kam das dunkle Auto. Lichtlos und beinahe ohne Geräusch.

Den Schuss spürte er zwar, aber doch nicht so stark, wie er es immer erwartet hatte.

Nein. Das ist es auch nicht. Obwohl … – Nein! Warum müssen die niedrigen Büsche beim Tor angedörrt sein und ihr irgendwie krankes Dasein fristen?!

Außerdem: Die Erwähnung des Steinquaders, der womöglich auf eine Richtstätte hindeutet, ist schon mehr als bizarr! Nein, bitte! Also alles, was recht ist!

Recht schön fand ich allerdings die dunkelmetallig fließende Straße mit der einzigen Lichtquelle. Aber – sonst?! Ich meine – da kann man ja gleich – – –

Nein!

*

Der Abend hatte sich eben erst herausgeschält aus dem rosawüsten Sonnenuntergang mit ein paar pseudo-dramatisch zerfetzten Wolken, die allem Anschein nach das Lager einer abgetakelten Mätresse imitieren wollten. Er spürte den pelzigen Belag auf seiner Zunge. Und außerdem taten ihm die Augen weh. Wahrscheinlich waren sie gerötet. Scheiß-Conjunktivitis!

Er sah auf die billige Armbanduhr an seinem linken Handgelenk.

Dann hörte er das Auto herankommen.

Der Schlag wurde geöffnet. Jemand stieg aus.

Haben Sie Feuer?“, fragte eine heisere Stimme mit fremdländischem Akzent.

Während er sich zu dem zur unangenehmen Frage gehörenden breitschultrigen dunklen Mann umwandte, flopte der Schuss auch schon durch den schallgedämpften Lauf der 38er Smith & Wesson.

Aber ich“, sagte der Killer.

Er hingegen drehte sich final um seine eigene Achse, bevor er voll auf den Gehsteig klatschte.

Doch da war er ohnedies schon tot.

Ja, das könnte noch am ehesten was werden. Oder? Allerdings: Wie führen wir jetzt einen neuen Helden ein? Mal nachdenken …

**

II: Die blöde Liebesgeschichte

Während er ihr durch das immer noch straffe Goldhaar strich, verwandelte sich, von den beiden fast unbemerkt, das Panorama vor dem großen Mittelfenster des Salons wettertechnisch in ein langsam aber sicher immer bedrohlicher werdendes Szenarium. Der leichte Regen, der sich schon am frühen Nachmittag angekündigt hatte durch ein paar Tropfen, die in eine beinahe schweißtreibende Schwüle gefallen waren (begleitet von einigen kecken blitzenden Vorboten künftiger Wetterunbill), war kontinuierlich zu starkem Niederschlag angeschwollen. Es dunstete und dampfte. Schließlich schien die Luft Anstalten machen zu wollen, sich sukzessive nur noch ungern atmen zu lassen.

Sie rügte seinen Griff in ihr leuchtendes Geflecht durch ein leichtes Zusammenziehen der Brauen über ihrer immer noch reizenden Nase. Ansonsten freilich ließ sie die fast schon intime Begegnung zwischen seiner geübt zugreifenden Hand und ihrer gewohnt tadellosen Frisur zumindest fürs Erste noch zu. Noch.

Noch ein wenig Tee?“, fragte Jean, der alte Diener, und entschärfte so die Situation.

Fern grollte erster Donner.

Ja, bitte“, antwortete Marie-Louise versonnen.

Mir noch einen Sherry“, befahl Graf Moritz kurz angebunden und sichtlich missgelaunt ob der Störung durch den salbungsvollen Domestiken.

Gewiss.“ Das alte Faktotum entfernte sich schlurfenden Schritts.

O Himmel! So ein Schmus! Nein, bitte! Da ist ja der Wetterbericht noch das Erotischste dran!

*

Wo warst du so lang?“ Der grobe Vater, betrunken wie meistens (und das nicht erst in letzter Zeit), musste zweimal hingreifen, bis er ihr Handgelenk endlich erwischte. „Schlampe!“, stieß er wütend und spuckend hervor. Während er versuchte, ihr eine ‚runterzuhauen, rutschte er jedoch in der beachtlichen Rotweinlacke aus, die er zuvor im Suff fabriziert hatte. (Oder war es seine eigene Pisse? Egal.) Da lag das alte fette Ekel also in der Scheiße.

Dieses Bild hat Symbolgehalt, dachte Sybille. Da lag der Vater auf dem verdreckten Küchenboden. Der grobe Vater, der sie, seit sie sich erinnern konnte, stets geschlagen und misshandelt hatte – wenn er ihr nicht sogar noch Ärgeres antat! Und er tat ihr Ärgeres an! Der Unmensch, der ihre Mutter auf dem Gewissen hatte und den kleinen Max, ihren schwächlichen Bruder. Und auch sonst war da noch so manches in sein derbes Kerbholz eingeritzt. Er war zwar ihr leiblicher Vater, aber zugleich ein Monstrum! Oh, wie sie ihn –

Nein. Aus!

*

Ach! Waren das Zeiten gewesen, heitere und unbeschwerte Zeiten, damals, als er just aus Heidelberg – oder war es Göttingen? Egal, egal -, damals also, als er in den Semesterferien wieder einmal nach Hause gekommen war aufs elterliche Landgut. (Oder doch aus Königsberg?) Heitere unbeschwerte Zeiten, ja. Ährengold überall und Kühemuhen. Und die Luft voll Lebensduft.

Und jetzt das! Heiraten hatte sie müssen!

Seine Nelly! Heiraten!

Noch dazu – den Beppo! Beppo, seinen Busenkumpel von dereinst!

Ach, Nelly! Warum ausgerechnet Beppo, den Intimus durch all die goldenen Jugendjahre! Den tollpatschigen Gefährten bei so vielen gemeinsamen Abenteuern, die fast immer irgendwie katastrophal geendet hatten … , aber insgesamt kurios waren auf eine ganz spezielle Weise! Auch die Unternehmungen, die eher schon erotisch-schlüpfriger, durchaus amouröser Art gewesen waren! Jaja: durchaus schlüpfrig …!

Nelly! Seine Nelly! Seine angebetete Cousine Nelly!

Engelbert warf sich auf die dunkelrote Chaiselongue und bedeckte das Gesicht mit dem erstbesten Polster, dessen er habhaft werden konnte. Er weinte. Heiße, bittere Tränen flossen aus seinen blauen Augen.

Dann schlug die alte Standuhr. Es war fünf Uhr nachmittags.

Nein. Am besten, wir ersticken den blöden Arsch gleich mit dem Polster! Das wird nichts!

*

Rosenöl. Ja, nach Rosenöl roch alles. Dieser so Vieles verheißende Duft nach Rosenöl lag in der Luft. Else musste vor kurzer Zeit noch im Raum gewesen sein, bestimmt! Und das Aroma, das er so gut kannte, hatte sich noch nicht verflüchtigt …

Er war eigentlich besser mit den Ohren als mit der Nase. Das Olfaktorische lag ihm nämlich gar nicht so besonders. (Auch das Optische war nicht unbedingt sein Metier. Kurzsichtigkeit, eine genetische Geschichte. Hatte durchwegs alle Männer der Familie heimgesucht.) Die Ohren aber, die Ohren – tipp topp! Und sogar die Nase tat mit, ging es um ihr Parfüm. Rosenöl.

Else …“, flüsterte er.

Er wusste, dass niemand sonst im Raum war, dennoch sah er sich rasch um, als gewärtige er jederzeit, überrascht zu werden.

Jetzt hätte er bloß noch erröten müssen, dann wäre das Bild eines schmachtenden Jünglings perfekt gewesen. Und in gewisser Weise war er ja sogar ein schmachtender Jüngling; eben schon etwas in die Jahre gekommen; ein etwas älterer Jüngling.

Aber – durfte man mit über-sechzig nicht mehr schmachten?

Na, eben.

Aha, da sind wir der Sache schon näher. Oder? Recht hübsche Konstellation. (Fragt sich nur: Wie alt ist die Rosenöl-Schönheit?)

**

III: Die schlechte Satire

Kronsteiner wischte sich einen Brioche-Brösel aus dem linken Mundwinkel. (Warum eigentlich immer wieder Brioche?) Er griff zur Kaffeeschale aus altem Meißener Porzellan, ja, einer aus dem Service mit den blassrosa Blümchen und den sich in Ellipsen überschneidenden dünnen Goldlinien. Hagelzucker lag rund um den Teller. Er köpfte das Vierminutenei gekonnt mit dem kleinen Messer. Ja, so sollte es sein. Ihm waren diese Modeneuheiten verhasst – zumindest belustigten sie ihn bloß: Warum sollte er plötzlich eines Eierschalensollbruchstellen-Verursachers bedürfen? Waren seine Kräfte schon derart dahingeschwunden? Tat es das Messerchen nicht mehr?!

Kronsteiner lachte auf. Ein wenig Bitterkeit freilich lag in seinem Lacher.

Er streute Salz in die Eierwunde, aus der ihm ein dunkelgelbes Dotter, kernweich, entgegenglotzte.

Ja, so war das Leben.

Gar nicht so übel – fürs Erste! Aber vielleicht schaffen wir’s noch toller?

*

Gaukelei! Alles Gaukelei!

Gischtkind musste lächeln. Es war sein altgewohntes, eben das bekannte Gischtkind-Lächeln, das er da aufsetzte. Es verzaubere, so hatte Elvira dereinst gesagt, sein braungebranntes Sommergesicht.

Kunststück. Das alte Mädchen verfügte, wenn überhaupt, dann bloß über Herbst- und Wintergesichter. Ab dem Frühjahr setzte ihre Physiognomie praktisch ersatzlos aus.

Gischtkind griff zum Brandyglas und begann es systematisch zu schwenken. Dann erst setzte er das kristallen-bauchige Trinkgefäß an die genussvoll gekräuselten Lippen.

Gischtkind war, und dazu bekannte er er sich auch (vollinhaltlich, Herr Rat!), hedonistisch veranlagt. Das hatte Gischtkind schon vom alten Gischtkind, seinem Opa, übernommen. Unsportlich, ein wenig zur Faulheit neigend, aber hedonistisch. Durch und durch. Ja.

Gaukelei! Was sollte ihm dieser läppische Brief?! Kein Wunder, dass es mit der Post bergab ging. Bei solchen Sendungen!

Gischtkind trank erneut und schenkte sich aus der Kristallkaraffe nach.

Ja, das hat was! Nur – muss der unbedingt Gischtkind heißen?!

*

Karaoke! Ja, war er denn ein Teenager?! Nicht genug, dass er in diese saublöden Discos ging – ihr zuliebe! Aber sich mittels Playback-Gesangs auch noch zum Hampelmann machen? Nein, das war zu viel! Er musste sie ohnedies irgendwie loswerden. So ging das nicht mehr weiter.

Wenn es nur das Geld wäre, dachte Hugo, damit hatte er noch die wenigsten Probleme. Davon war genug da. Aber dieses unsinnige Gequietsche und das aufreibende Gerammle, das notwendigerweise dauernd zu erfolgen hatte (mein Gott, man war ja nur einmal jung; stimmt nicht, er war es zumindest schon das zweite Mal!)

Sie musste aus seinem Leben verschwinden. Ruhe hatte wieder einzukehren.

Er sollte Petra schleunigst abservieren.

Pscht, Gedanken!, dachte er, sie kommt.

Hm. Auch nicht so übel. No …

*

Himmel, gab das wieder einen Fleck! Sie war nun mal ein kleines Ferkel. (Auf das kleines legte sie allerdings Wert!) Sie brauchte nur einen roten Saft zu sehen, von weitem, schon hatte sie einen Fleck ab. Und naturgemäß trug Gabriele immer weiße Blusen und Hosen, wenn es irgendwo in der Umgebung Fruchtsäfte, Rotwein oder dunklen Tee gab. (Es gab ohnedies dauernd …)

Du hast da eine erstaunliche Affinität, Kind!“ Das hatte schon Onkel Ferdinand festgestellt. Und der stellte ansonsten selten irgendetwas fest.

Kaum kommst du her, ist das Malheur auch schon passiert“, setzte er die Predigt fort.

Wozu gibt es denn Fleckputzmittel?!“, so hatte dann meist Tante Trude das ungeschickte Mädchen getröstet. „Schau, den Ferdl krieg‘ ich nicht mehr weg – das ist ein echtes Unglück! Aber sonst …“

Man hatte ausgiebig gelacht. Auch Onkel Ferdinand.

Dann war er vom Heuboden gefallen. In der Sommerfrische. Und weil er unbedingt der Zenzl, der grenzdebilen drallen Magd, hatte nachsteigen müssen – im Wortsinn und über eine morsche Leiter.

Jaja, der Onkel Ferdinand.

Er sei ein Schlawiner, hatte es immer geheißen, familienintern.

Und sie, Gabi, sie war nun eben die befleckte Empfängnis seiner Lieblingsschwester.

Aha! Das wird ja langsam … Also –

**

IV: Der falsche Mix

Ja, die Zeit versprach mehr, als sie dann würde halten können.

Zu stark lasteten Erwartungsdruck und Leistungszwang auf Politik, Wirtschaft und Finanzwesen. Zu viel war durch viele Jahre versprochen worden, besonders im Westen und zu Lasten der Armen und Ärmsten anderswo und – was sich jetzt immer stärker bemerkbar machte – auch im engsten Umfeld. Die Zeiten der dicken Zigarrenringe, die übrigens, wie sich nun im Nachhinein langsam erst herausstellte, auch bloß mit der heißen Luft der Überzeugungskraft vollgepumpt gewesen waren, die Zeiten also waren vorbei. Jetzt ging es, wie es irgendein ansonsten eher kleingeistiger Oppositioneller so bildhaft ausdrückte, ans Eingemachte.

Und damit war nicht Omas Marmelade gemeint, auch nicht ihre sauren Gurken.

Ihm freilich war nicht nach bangen Wirtschaftsgedanken zumute. Er hatte sie wiedererobert, sie, die sein Leben in Wahrheit – auch die Zeit seiner familiären Abwesenheit hindurch – stets bestimmt hatte als außerordentliche Triebfeder.

Jetzt war er zurückgekommen.

Und jetzt würde ihn nichts mehr daran hindern, sie wieder zu erobern, die sich – das wusste er – für ihn (nur für ihn!) aufbewahrt hatte. Innerlich. Auch wenn sie nach außen hin die Frau eines anderen geworden war. Der dicke Krummbiegel war indes keine Konkurrenz. Und auch, dass sie diesem halbblinden Grottenolm vier Kinder geboren hatte, tangierte ihrer beider Verhältnis nicht.

Dass sie noch nichts von seiner Rückkehr ahnte, schon ein bisschen mehr.

Doch er wusste alle guten Winde auf seiner Seite.

Haben Sie Feuer?“, fragte die dunkle Gestalt mit dem fremdländischen Akzent und dem abstoßenden Fuselatem.

Mit einem Mal erinnerte er sich.

Ja, die rötlichen zerfetzten Wolken vor dem Panorama des mit einem Donnerschlag jäh zunichte gemachten Sonnenuntergangs. Die dunkelmetallige Straße und die Lichtpfützen an der von Efeu umrankten Ziegelwand …

Nein, aber eine Tasse Tee können Sie haben!“ Sein Schlag fuhr dem Fremden, der mit allem, nur damit nicht gerechnet hatte, wie ein faustgewordener Blitz in die Innereien.

Ja, ja, dachte er, während seine Füße, dabei über den am Boden liegenden Unhold hinweg schreitend, sicher ihren Weg fanden.

Unrecht Gut …

Links hinten bellte ein Hund zum halbwegs vollen Mond.

E N D E

Literatur (Auswahl):

Carlo Bohländer/Karl Heinz Holler/Christian Pfarr , Reclams Jazzführer. 5. Aufl. Stuttgart 2000.

Erwin Chvojka (Hg.), Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte. Drei Bände, 3. Bd. Wien 1987.

Elisabeth Frenzel, Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 4. Aufl. Stuttgart 1992.

Nigel Groom, Parfum. Von Chanel Nr. 5 bis Trésor. Köln 2000.

Internet.

Erich Trunz (Hg.), Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. München 1999.

Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur. 7. Aufl. Stuttgart 1989.

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