Als wär’s

haltbar

 

Sehr kurze Geschichten 

von

 Bernd Schmidt

 

© by Bernd Schmidt, 2009 ff.

(ENDFASSUNG: Graz 2016)

 

 

 

 

Was ist eine „Kurz-Kurzgeschichte”?

Die Ökonomie der Form ist sicherlich

mehr als ein bloßes Zugeständnis an

ein mit Informationen übersättigtes

Publikum. Sie ist eine Zuspitzung

der literarischen Kürze, eine Form

äußerster Konzentration. Als Haupt-

charakter des „Kleinen“ tritt das

„Plötzliche“ hervor (…)

Aus dem Klappentext zu Robert Shapard

und James Thomas (Hrsg.), Plötzliche

Geschichten. Amerikanische Short-

Shortstories.

 

*

 

Hugo

Als Hugo, der edelmütige Dorfmetzger, beim Arbeiten in seinem Garten irrtümlich einen Regenwurm mit seiner Harke zweigeteilt hatte, erwog er zunächst eine Selbstanzeige bei der Ortssektion des Tierschutzvereins. Doch dann erinnerte sich Hugo, irgendwo gelesen zu haben, dass halbierte Regenwürmer – zumindest zu einem Teil – weiterzuleben vermöchten, indem sie den verlorengegangenen Rest ihrer selbst irgendwie regenerierten. Also beließ er die beiden Teile Wurm in ihrem nunmehrigen Zustand. Doch war ihm für heute die Lust an der Gartenarbeit vergangen. Also verzog er sich ins Haus, wo er seine Frau Gertrud in flagranti mit dem Messner Schorsch überraschte. Ohne mit der Wimper zu zucken, erstach er das in ehebrecherischer Verknüpfung seiner nackten Leiber verschlungene Paar mit dem schärfsten der Messer, über die er verfügte.

Man verstand die Handlungsweise des sonst als durchaus besonnen geltenden Fleischhauers allgemein im Dorf.

 

Keep Smiling!

Er war ohne Zweifel der Gartenzwerg mit dem pfiffigsten Gesichtsausdruck, Emil, aus einer Zwergenbrennerei in Premstätten bei Graz. Ein 1950er-Jahr-Modell, auf das Hannibal Guggenberger auch entsprechend stolz war. Emil galt als Glanzpunkt seiner über hundert Zwerginnen und Zwerge sowie eine Handvoll Fliegenpilze und Tiere umfassenden Sammlung. Doch seit einiger Zeit bemerkte Guggenberger, dass sich der Ausdruck, den Emil zur Schau stellte, irgendwie zu verdüstern schien. Ja, es war da ein harter Zug um seinen Mund, und seit letztem Dienstag gruben sich auch zwei Zornesfalten tief in das Antlitz der kleinen Schrebergartenfigur, die doch früher so viel Ruhe und Gelassenheit ausgestrahlt hatte. Emil, wie er so, die Arme auf seine Sense gestützt, den Grashalm zwischen den Lippen, in die Weite sah, gefestigt innerlich und ruhend auf Stand- und Spielbein, Emil war beeindruckend, ja. Doch jetzt signalisierte er eindeutig Missmut.

Seltsam, dachte Hannibal Guggenberger, seltsam. Sehr seltsam. Was konnte bloß diese Verstimmung im Gesicht des Zwerges verursachen?

Als er am nächsten Tag den Garten inspizierte, glaubte Guggenberger, den Grund zu Emils mittelfristiger Verstimmung erraten zu können: Da lag der kleine Kopf Bennos, der Zwergenneuerwerbung, zwei Meter vom nunmehr kopflosen Rumpf entfernt im Gras. (Er hatte Benno aus dem Jahr 1972 und aus Gräfenroda in Thüringen, einen „Hartbranntwichtel“, wie man die Gartenzwerge in der DDR nannte, unlängst erst auf der Gartenzwerg-Tauschbörse in Wiener Neustadt gegen Gabriel und Lieselotte, sein Pärchen aus dem Westerwald, Brennjahr 1980, eingetauscht.) Emil hingegen strahlte wieder wie ehedem vor sich hin. Ein Bild guter Laune und pfiffiger Sicherheit, wie er da so, auf die blutige Sense gelehnt, ins Weite schaute.

 

Jimmy

Als Jimmy, der noch relativ junge rauschgiftsüchtige Maler, dem der dauernde Umgang mit den Drogen die eigenen Zähne relativ früh dahingerafft hatte, begann, die Dritten als bevorzugtes Motiv für seine Bilder zu verwenden, hätte niemand in Santa Monica und Umgebung – er wohl am allerwenigsten! – erwartet, welch kolossaler Erfolg ihm daraus erwachsen würde. Doch die Leute rissen sich um Jimmys Zahnersatzkunst, und die recht naturalistisch dargestellten Gebisse strahlten in der Tat einen (zugegeben: ein wenig morbiden) Charme aus. Vielleicht waren es indes auch die ziemlich grellen Farben, die er bei seiner Kunstentfaltung verwendete, und die irgendwie psychedelisch anmutenden Arabesken und Ornamente, die den Hintergrund der großformatigen Acrylbilder ausmachten, die so besonders gut ankamen.

Jimmys Prothesenbilder blieben jedenfalls der Renner einiger Saisonen schlechthin; und das in der schnelllebigen Kunstepoche des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ja, man lud den dental-prothetischen Malartisten sogar nach Sausalito ein, wo sein originelles Oeuvre, quasi im Schatten San Franciscos und der Golden Gate Bridge, entsprechende Resonanz erfuhr. (Galerien in Los Angeles rissen sich ohnedies schon um ihn.)

Jimmys dralle Freundin Polly trällerte es spitzzüngig in die kalifornische Sonne: „Endlich wieder was zum Beißen, Darling!“

 

Die Kurfürsten

Da Georg Wilhelm S. aus einer wohlhabenden – um nicht zu sagen: reichen – Familie stammte, erfüllte ihn sein Besitz erst gar nicht mit besonderem Stolz. Dennoch gab es ein paar Stücke etwa in einer seiner Sammlungen (da nun einmal das Sammeln eine seiner wenigen Leidenschaften war), die ihm in der Tat viel bedeuteten. Dazu gehörte eine wertvolle Faksimile-Ausgabe der Schedelschen Weltchronik (Nürnberg 1493), die unter anderem eine Darstellung der sieben Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des Kaisers enthielt. Groß war seine Überraschung, als er eines Tages bemerken musste, dass zwei der Fürsten in dem Bild fehlten. Zwar fand er sie – zugegeben: erleichtert – in einem anderen Folianten, nämlich einer faksimilierten Edition des Weißkunig, zwischen den Holzschnitten wieder, die Kaiser Maximilian I. als Meister aller Handwerkstätigkeiten und Künste beweisen. Wie man S. im Verlag, der die besagte Ausgabe herausgebracht hatte, erklärte, galten die beiden Kurfürsten als ausgesprochen reiselustig und seien auch anderenorts öfters schon „vagabundierend aufgegriffen“ worden.

 

Gregors Opa

Als Gregors Großvater auf die Frauenkleider im Schrank seines Enkels aufmerksam wurde, ahnte er mehr, als dass er es gewusst hätte: Da war was im Busch. Immerhin war Gregor in seinen bisherigen zwanzig Jahren Daseins kaum jemals irgendwie oder mit irgendwas besonders aufgefallen. Erst ein durchschnittlicher Schüler, hatte er sodann die kaufmännische Lehre immerhin leidlich erfolgreich abgeschlossen und arbeitete jetzt schon geraume Zeit (und zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten) im Modehaus Frenzl & Frenzl. Zu Kleidern schien er indes bisher – über die rein berufsbedingte Beschäftigung mit ihnen hinaus – kein intimeres Verhältnis gehabt zu haben.

Sollte der Großvater sich Gregors Vater oder Mutter anvertrauen?

Ja, das wäre wohl das Beste.

Also schlüpfte der Alte aus dem Ballkleid, das er gerade anprobiert hatte, und wischte sich Schminke und Lippenstift vom faltigen Gesicht.

 

Haltbar?

In seinem Innersten, von dem er im Grund kaum etwas wusste, war ihm seine Situation schon öfter als eigentlich unhaltbar erschienen. Doch so war es eben. (Und was war schon haltbar?)

Vermutlich dachten auch viele andere ähnlich wie er, ihre Situation sei unhaltbar. Einige seiner Freunde und deren Frauen dachten vielleicht nicht so; aber quasi im Großen und Ganzen empfanden wohl fast alle, zumindest zwischendurch, ähnlich wie er.

Was soll’s, mahnte er sich zu weniger gefährlichen Gedanken, die außer einem gewissen Verdruss ohnedies nichts zu bringen versprachen.

Dann sah er über die Veranda des Hauses, hin zu den Weinbergen, und gewahrte, dass es schon ziemlich dunkel geworden war.

Er nahm einen Schluck vom Selbstgekelterten, den er zuvor aus dem braunen, hübsch gebauchten irdenen Krug in sein Lieblingsglas gegossen hatte. Das Getränk mundete wie stets. Und seine Katze umschmeichelte, ahnend, dass es bald was Gutes zu fressen geben würde, seine schon ein wenig altersmüden Beine.

Was soll’s, dachte er, jetzt doch wieder heiterer gesonnen als noch vor ein paar Minuten, und erhob sich, um langsam ins Haus zu gehen.

Es fröstelte ihn dennoch. Ein wenig.

 

Beate

Dass sie im Grund nie etwas wirklich verstanden hatte, sollte sich jetzt erstaunlicher Weise gleichsam als Glücksfall erweisen. Zwar ging alles, wie es so schön heißt, den Bach `runter; doch auch das merkte Beate nicht. Im Gegenteil: Sie wiegte sich und ihr hauptsächlich übel riechendes Kind vielmehr in Sicherheit. Und als der Postbote mit dem handlichen Paketchen vor der Haustür stand, schien die Welt in der Tat noch in Ordnung. Dann ging indes alles fürchterlich schnell: Die Bombe im Paket zerriss nicht nur die vormittägliche Stille, sondern auch die Dreiergruppe. Es flogen, salopp gesagt, die Fetzen. Und bekanntlich lassen sich Blutflecken schwer aus weißen Tischtüchern (und überhaupt) entfernen.

Allerdings halte ich diese Episode innerhalb der vorliegenden kleinen Geschichtensammlung für eine – im weitesten Sinn – versöhnliche.

Oder muss tatsächlich stets ein angeblich Hoffnung verbreitender Schimmer über aller Prosa liegen?!

Wie auch immer: Ich vermeide die – ohnedies meist trügerische – Dum-spiro-spero-Attitüde und bin vielmehr mit der gewählten Letal-Variante durchaus zufrieden.

Außerdem roch das Kind in der Tat ziemlich streng.

 

Uroma

Als sie den hundertsten Geburtstag zu feiern gehabt hätte (dessen Begehen ihr selbst freilich längst nicht mehr in den Sinn gekommen wäre) und sich aus diesem Grund Vertreter der Stadt, der politischen Parteien, der Kirche, des Spar- und des Tierschutzvereins et cetera angesagt hatten, kalkten die Angehörigen den Kobel, der neben dem der fröhlichen Schweine lag und in dem sie schon seit vielen Jahren hausen musste, neu und statteten ihn überhaupt nobel aus. Auch die inzwischen zur mehrfachen Uroma Gewordene wurde gründlich gebadet, gekämmt und mit neuen Windeln gewickelt. Jetzt konnte das Fest beginnen.

 

Der Prügelknabe

Über längere Zeit hinweg schon musste ein Mann, in der Tat schmerzlich berührt, beinahe jeden zweiten, dritten Morgen bemerken, allem Anschein nach in der Nacht verprügelt worden zu sein. Nur konnte er sich an nichts erinnern. Seine blauen, grünen und verblassenden hellbraunen Flecken reichten ihm jedoch als eineindeutige Indizien für seine Annahme. (Die Tatsache, dass diese gewaltigen Prügeleien immer nach ausgedehnten Zechgelagen stattgefunden haben mussten, verblüffte ihn dabei weit weniger.)

Endlich wurde es ihm zu dumm und er wollte dahinterkommen, wer ihn denn da regelmäßig verbläute und versohlte.

Also setzte er sich bei nächster Gelegenheit ins Gasthaus, nicht ohne zuvor mit dem Wirt abgemacht zu haben, dass dieser ihm an diesem Abend, so schwer es (aus verschiedenen Gründen) auch beiden fallen würde, nur Wasser statt Schnaps kredenzen sollte.

So gegen zehn Uhr abends – der Mann tat zwar, als wäre er betrunken wie üblich, war in Wahrheit jedoch völlig nüchtern – kam ein Fremder an seinen Tisch und setzte sich unaufgefordert ieder. Auffallend an dem anderen Mann war, dass er ihm, dem so oft schon Geprügelten, von Statur, Gang, Kleidung und Antlitz zum Verwechseln ähnlich sah. Über kurz oder lang – er trank weiter Wasser, sein Alter Ego Schnaps – begann ihn der Fremde, erraten, zu verprügeln. Doch er hielt sich, nüchtern, wie er war, durchaus wacker: Während sein unbekannter betrunkener Kontrahent jede Menge von Hieben einstecken musste, ging er so gut wie ohne Blessuren aus dem nächtlichen Kampf hervor.

Umso überraschter war der Mann, als er am nächsten Morgen erwachte und an seinem ganzen Körper die Spuren einer gewaltigen Prügelei gewahrte.

Seither trinkt er abends wieder regelmäßig Schnaps.

 

Der Wein schmeckt süßherb

Der Wein schmeckt süßherb.

Die Hühner – verschiedener Sorten und Größen, auch ganz kleine sind darunter – rennen gleich neben der gewaltigen schiefen Bettstatt durcheinander und klettern, gemeinsam mit den kleinen Hunden, über Gestell, Decken und Polster; und hinten in der insgesamt niedrigen, dunklen Hütte, im engen Kobel, liegt die fette erschöpfte Muttersau und präsentiert den Ferkeln, elf oder zwölf an Zahl, ihre prallen Zitzen.

Die Männer sitzen im Freien auf abgeschabten Bänken und alten Stühlen, von denen der übelfarbige Anstrich längst schon fast zur Gänze abgesplittert ist. Einer, ein alt aussehender, indes noch jüngerer Mensch, rasiert jeden, der es will – oder auch nicht will. Er verlangt seinen Lohn dafür. Ich denke, ich werde ihm zum Dank für die Rasur später dann mit der schweren Hacke den Schädel einschlagen.

Der Wein schmeckt süßherb.

Einer der Männer sieht aus, als hätte ihn Franz Josef Degenhardt gemacht: Fremder mit dem Hinkefuß

Das Mädchen ist schön wie Mondlicht. Es ist zwar erst später Nachmittag, aber sie wirkt so durchscheinend wie Mondlicht. Ihr Gesicht ist Mondenschein. Ihre Augen. Sie ist keine zwanzig. Oder aber: Sie ist schon hundert Jahre alt … Ihr schwarzes Haar erzählt Epen aus Urzeiten, und ihre Augen schlagen die Lyra dazu … Der Wein … Der Alte hat sie mir angeboten, der Alte, der jetzt vertieft ist, hinter der Hütte, ins Melken seiner einzigen Ziege. Er hat sie mir angeboten, wie er sie jedem anbietet, der vorbeikommt.

Der Wein schmeckt süßherb.

Der Wein tut seine Wirkung. Die Gespräche draußen werden lauter, aggressiver.

Das große Bett, bevölkert von den Hühnern und den kleinen Hunden dazwischen, hat Hochzeit. Ich lege mich mit Anna (so heißt sie, die Mondlichtmilchige, angeblich) auf das Lager. Draußen fallen Tische und Bänke. Gejohle. Gefluche. Gepolter. Geschrei. Ich werde dem falschen Barbier nachher nicht mit der schweren Hacke den Schädel einschlagen müssen; ein anderer hat ihm schon (mit des Burschen eigenem Rasiermesser) die Kehle durchtrennt. Alles ist rot. Blut sprudelt aus der riesigen Wunde. Es wird indes weiter gejohlt und randaliert. Degenhardt singt mit seiner üblichen rauen Stimme.

Anna biegt und wölbt sich unter mir und stöhnt leise.

Der Wein schmeckt süßherb.

 

Nacht fällt über die obskure Raststätte. Tiefe dunkle Nacht.

Macht dann 120 Euro, sagt der Alte – recht sachlich.

 

Die Generalpausen

Ziemlichen (freilich: hauptsächlich internen) akademischen Wirbel löste die Diplomarbeit eines jungen Komponisten aus der Südoststeiermark aus, die dieser an der Grazer Kunstuniversität (KUG) einreichte. Das fünfsätzige Werk (samt musikologischer Beschreibung), betitelt „Das Nichts“, gerierte sich zu hundert Prozent als klang- und geräuschlos und war (zugegeben: recht puristisch) in Form von fünf Generalpausen notiert.

Zwar attestierte der Erstbegutachter eine gewisse Verwandtschaft zu Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“, diesem genialen, aus einer Improvisation des schon angegrauten Thomaners auf ein vom Preußenkönig Friedrich dem Großen vorgegebenes Thema hin entstandenen Spätwerk von 1747, und verwies (warum auch immer) auf den Schmöker des US-amerikanischen Physikers, Mathematikers und Computer-Philosophen Douglas R. Hofstadter „Gödel Escher Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band“ (1979); doch verweigerte er in der Folge dem „Nichts“ seine akademisch-künstlerische Zustimmung.

Der Rektor der Grazer KUG, selbst im Erststudium Naturwissenschaftler, versuchte sich als Mediator und schlug zunächst die Umbenennung des „Nichts“ in „Die Stille“ vor. Zudem erinnerte er an Beispiele aus der Tradition des „musikprotokolls“ im Festival „steirischer herbst“, da immer wieder auch experimentelle Musikwerke eingereicht und aufgeführt worden waren, die einer, so der KUG-Chef wörtlich: „Post- oder Retro-Avantgarde“ verpflichtet zu sein schienen.

Man vermochte sich nicht zu einigen.

Den akademischen Streithähnen kam indirekt ein Verkehrsunfall zupass, dessen Folgen der junge Komponist schließlich erlag.

 

Lesebändchen

Ja, das war noch Hamburg! Das gute, alte Hamburg, wie wir es gekannt und gemocht hatten! Mit seinen arroganten Senatoren und überspannten Konsuln an jeder Ecke. Mit der historischen Speicherstadt und den Nutten von Sankt Pauli. Zeiten waren das gewesen, Zeiten …

Er, Jan Koschinzky, war noch vom Alten, von Theodor Friedrich Brockenhausen V., als Drucker eingestellt worden. Von Brockhausen V. in persona! Und der Alte hatte auch verfügt, dass er, inzwischen alt geworden, solange es im gefalle und er Lust dazu habe, im Verlagshaus verbleiben dürfe. Zuständig für die Lesebändchen, die er zumeist gegen Ende des ersten Drittels der besonders hübsch ausgestatteten Bücher aus dem Riesenprogramm des Riesenverlags einzulegen pflegte. „Der Jan ist unser Talisman!“, pflegte er seine Entscheidung zu begründen, wenn es überhaupt jemand wagte, danach zu fragen.

Brockenhausen war dann, wie vielleicht erinnerlich, unter nicht ganz geklärten Umständen Mitte der 1980er Jahre verschieden. Es hieß, dass er anlässlich eines – in seinem Alter dann denn doch zu gewagten – Liebesspiels mit einer jungen Edelhure abgetreten sei; andere sprachen auch von einem außergewöhnlich heftigen Besäufnis anlässlich einer opulenten Familienfeier. Eine dritte Fama handelte von einer Kombination beider Ereignisse.

Jedenfalls fügte Koschinzky weiterhin die Lesebändchen in die schöneren Bücher, die das Verlagsprogramm immer noch zierten – als, zugegeben, ein wenig anachronistische Vertreter einer längst entschwundenen Buchkultur. Und Koschinzkys Posten war gleichsam auf immer Tabu und sakrosankt.

Dann war Jan eines Tages dem Dienst ferngeblieben. Und auch am nächsten Tag fehlte immer noch jede Spur von ihm. Dann fand man den alten Mann tot auf, mitten in Sankt Pauli, nahe „Schmidt’s Tivoli“.

Ach ja – drei Tage später brannte das Verlagshaus nieder.

So ein Omen.

Da war es dann auch kaum ein Trost, dass der Verlag in Wahrheit schon seit einigen Jahren eigentlich „Random House“ gehört hatte.

 

Über die Liebe, über den Hass

 Der Mann, nennen wir in Theobald Trinkwarther (er könnte freilich auch Georg Argswandler oder Herwig Runz heißen oder ganz anders …), der Mann also, um den es hier im ersten Satz geht, schrieb seinen Zähnen Liebesbriefe („Oh, du mein innigst geliebter Vierer rechts oben!“ – „Mein sehr hoch geschätzter, verehrter Siebener links unten, warum hast du plötzlich ein Loch? Oh, mein über alles Geliebter …!“).

Die Frau – N. N. – hingegen hatte alte Verwünschungen auswendig gelernt; was der blöden Vettel angesichts ihres belämmerten Geisteszustand, wie man sich denken kann, gar nicht so leicht gefallen war. Damit versuchte sie anschließend ihre Hausbank zu erpressen.

Dann gab es da dieses Kind namens Kevin, dass sein Bett gehasst hat. Aber schon wie …! Da hat es ihm mit dem Anpissen gedroht. Einfach so (und im Perfekt, nicht im Imperfekt.)

Sind das alles – Spinner? Oder ist ihr Verhalten so akzeptabel wie etwa das der internationalen Waffenlobby, der schwindligen Wallstreet-Strategen oder der globalen Ausbeuter von Arbeitskraft und Gesundheit der anderen weltweit?

Ach ja …, schwierig, schwierig. – Und was sagt Papst Franziskus dazu?

Und was – Angela Merkel?

 

 

E N D E

 

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