Als Frau Pechacek

ein Irrtum unterlief

Eine Schmonzette

von

Bernd Schmidt

 

© by Bernd Schmidt,

Graz, 2007/11

 

PASTOR: Sie haben sozusagen in wilder Ehe

gelebt.

PROFESSOR: Und unsere Kinder?

PASTOR: Bastarde. Alle zwölfe.

PROFESSOR: Das genügt.- Mütterchen, ich

gratuliere dir: Du bist die Erbin von einer

Million fünfhunderttausend Pesos!!!

MUTTER: Ich …???

PROFESSOR: Oder willst du bestreiten,

dass du zwölf unehelichen Kindern an

meinem trauten Herde das Leben ge-

schenkt hast??? Zwölf, Mutter!

Curt Goetz, Das Haus in Montevideo

oder Traugotts Versuchung

*

Frau Pechacek war über 40 Jahre hindurch Hebamme gewesen und genoss das grundsätzliche Vertrauen des ganzen Viertels. Sie war ihrer Umgebung außerdem die längste Zeit als eine stämmige und – summa summarum – grundehrliche Person erschienen, in den letzten Jahren freilich ein wenig greisenhaft, zusammengegangen, wie man sagte; mit einem kleinen, von schlohweißem Haar umflorten Gesicht und mit in dunklen Höhlen ruhenden, indes immer noch flink von rechts nach links und von links nach rechts blickenden Augen, denen nichts entging; und ziemlich runzelig war sie geworden. (Gut, sie ging wohl schon gegen die Neunzig, was eine gewisse Wackeligkeit auf den nunmehr dünnen Beinen durchaus rechtfertigte.) Eine grundehrliche Person war sie, die alte Frau Pechacek, hieß es allgemein, der so schnell keiner den Tod gewünscht hätte; der sie dennoch ereilte.

Auch den vormaligen Herrn Bürgermeister hatte sie, schon vor geraumer Zeit allerdings, ja, vor Jahrzehnten, ans Licht der Welt gezerrt; obschon sich der, so erzählte man sich, ziemlich dagegen gewehrt hatte. Aber vergeblich. Natürlich! Wo nämlich Johanna Hildegard Pechacek etwas Gebärenswürdiges erkannt hatte, wurde gefälligst auch geboren.

Oder man ließ es gleich. Oder besser: vorher.

Denn das kam aufs Selbe hinaus. Oder schließlich in die Selbe hinein.

(Die Selbe, ein ansonsten wenig bedeutungsvoller Fluss also, durchströmte, grau-grün-schlierig und eher gelangweilt, das wenig attraktive Städtchen, das – es klingt vielleicht blöd: – ergo an der Selbe lag.) Und das, was man anstatt der Geburt beschlossen hatte, wurde auch von Frau Pechacek erledigt. Früher, als es diese heute längst übliche Liberalität noch nicht gab. – Ich bitte Sie: Abtreibung als eine Möglichkeit der Geburtenkontrolle?! – Damals galt die Frau Pechacek für viele unglückliche Mädchen und nicht minder in Tristesse gefallene junge Frauen gleichsam als letzter Ausweg. Wenn alle Stricke gerissen waren, gingen diese nicht eben beneidenswerten Geschöpfe halt zur Engelmacherin. Und Frau Johanna Hildegard Pechacek, die reputierliche Hebamme, machte Engel zuhauf.

„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“, pflegte Frau Pechacek in solchen Fällen – nach dem Buch Hiob, 1, 21 – trostspendend zu sagen, ehe sie das in aller Unauffälligkeit entgegengenommene Trinkgeld mit einem gemurmelten „Vergelt’s Gott!“ quittierte.

Frau Pechacek war eine Seele von einem Menschen.

Die Föten gelangten anschließend in die Selbe. Diskret.

Und da lag sie nunmehr in ihrem Blut, die Frau Johanna Hildegard Pechacek. Ein ordinäres Küchenmesser, mit einer Schneidenlänge von nicht ganz dreißig Zentimetern und aus ihrem eigenen Besitz, stak in ihrer Brust. Links. Dort, wo früher ihr Herz immer so fleißig und anstandslos am Pumpen gewesen war.

Und keiner wusste so recht: warum.

Doch, einer schon: der Mörder. (Oder die Mörderin.)

*

Sie sei in ihrem Dasein schon ein Engel gewesen. Zumindest engelsähnlich, ja: engelsgleich, die Pechacek. Und der junge Seelsorger, quasi Pfarradjunkt und halbwegs schon gebenedeiter Gottesanlernling, kurz erst in Amt und Würden hineingesalbt, Hochwürden also senkte die Stimme und das von geweihtem Wasser just triefende Aspergill.

In nomine patris et filii et spiritus sancti. Amen.

Benedikt Augartner sprach gern lateinisch. Es ging ihm gut von der Zunge, das Lateinische. Im Priesterseminar schon war er dem Herrn Prof. Ignaz Zwirbler, dem Lateinlehrer, aufgefallen. Nicht nur wegen des eminenten Talents zur lateinischen Sprache, sondern auch ob seiner knabenhaften Anmut. Der gepriesterte Altphilologe Zwirbler wusste nämlich noch Bescheid über die Qualität der Paiderastía, der sogenannten Knabenliebe, wie sie im antiken Griechenland (nicht zuletzt aus pädagogischen und aus Gründen der Sinnstiftung von Gemeinschaft und Familie, zum Zweck der allgemeinen Stärkung des Wehrwillens und ganz allgemein der Tugenden) hoch im Kurs stand. Egal, ob man daraus im Nachhinein die Nähe zu Homo- oder Bisexualität ableiten wollte oder den Probanden sonst irgendwelche Abartigkeiten unterstellte, die Sache hatte ihre gute Tradition. Und Tradition hatte ihr Gutes, allemal. Und Zwirbler war durchaus eingenommen für Traditionen. Ganz und gar. Ja, doch: Dazu bekannte er sich. So war denn auch Benedikt, das kleine Lateingenie, eine Zeit lang sein ausgesprochener Favorit gewesen im Gymnasium und später dann im Priesterseminar.

War die Frau Johanna Hildegard Pechacek tatsächlich ein Engel gewesen?, dachte der Jungseelsorger, nun doch einigermaßen von Zweifel beseelt, bei sich, nachdem er eben die lateinischen Segensworte abgesondert hatte. Und: Was weiß ich selber von ihr? Ist Frau Johanna Hildegard Pechacek, die da von unbekannter Meuchlerhand hingemordete ehemalige Hebamme, tatsächlich so engelsähnlich, ja: engelsgleich gewesen, wie ich es ausgedrückt und dargestellt habe?! Und mit welchem Recht drücke ich das so aus und stelle es so dar?!

Errare humanum est, dachte Augartner sicherheitshalber, wobei er seine ansonsten so glatte junge Stirn runzelte. Und: De mortuis nil nisi bene. Das wiederum beruhigte ihn.

Und er schritt gen Pfarrhaus, wo Altvikar Felix Lurchler und Pfarrer Willibald Strache schon mit dem guten südsteirischen Weißen und der gefüllten Henne warteten, die Pfarrersköchin Hermine Unterstoder – mit Tränen in den Augen ob der auf so grausliche Art dahingeschiedenen Freundin Pechacek, dennoch jedoch vorzüglich – zubereitet hatte. Amen.

*

„Verflixt und zugenäht!“, entfuhr es Hofrat Olaf Birnreiter, als er endlich (und um viele Jahre verspätet!) doch noch auf das alte, beinahe schon vergilbte Testament seines Großvaters gestoßen war, hier, im hintersten Eck des Dachbodens der alten Jugendstilvilla.

„Da ist es! Da, im Dreck …“ Und er las, während er sich, ungeachtet des Staubes der Jahrzehnte, der zentimeterdick alles beschichtete, was an Unrat hier oben sukzessive zusammengerümpelt worden war in all der Zeit, auf eine der alten Truhen setzte, im Schein einer an einem Trambalken befestigten Funzel. Besser gesagt: Er überflog die Zeilen in der akkuraten Schrift seines Juristen-Großvaters. Gut, die umfangreiche Bibliothek des Rechtsanwalts hatte Birnreiter schon zu Lebzeiten des ein wenig versponnenen Theater- und Musikliebhabers geschenkt bekommen, an die achttausend Bände; zum Teil durchaus wertvolle Erstausgaben, viele mit persönlicher Widmung der Autoren … Aber jetzt, wie gesagt, Jahrzehnte nach Opa Engelbert Birnreiters Ableben, lag da das Testament, nach dem man, ob seines angeblich so brisanten Inhalts so lange gesucht hatte. (Und woran der Familienverband letztlich zerbrochen und einige intime Freundschaften auseinandergegangen waren.)

Also, hier stand klar und deutlich:

„Lieber Leser (wer auch immer),

zunächst keine Erklärung, warum ich mein Testament nicht bei einem Kollegen hinterlegt habe. Der Inhalt nämlich ist, so bin ich überzeugt, gewissermaßen durch seine Delikatesse, eigentlich Erklärung genug. Oder findet Ihr etwa nicht?

Ihr habt zu meinen Lebzeiten alle, je nach Leistung und Maß an Zuwendung Eurerseits, nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen schon Eure Anteile aus meiner Habe geschenkt bekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte: Du, Veronika, meine mich die meiste Zeit enervierende Ehefrau (nunmehr also endlich Witwe), die Villa, den ganzen Schmuck, die zwei Autos und ähnlichen Firlefanz; Du, Erich, nicht immer ein Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen hatte (meist eher nicht!), schweren Herzens, aber doch – die in aller Regel sehr gut gehende Kanzlei; Deine schwatzhafte Frau Angelika diversen teuren Fummel und etwas Aktienzeug; Euer Sohn, Olaf, mein Enkelsohn, in dem ich unter anderem recht schöne Anlagen zur Bibliophilie entdeckt zu haben glaube, meinen mir überaus wichtigen und sozusagen von mir auf immer ein lebendiges Zeugnis gebenden Bücherbestand; meine liebe Enkelin Carina die teure Plattensammlung und die zum Teil anerkannt guten Ölbilder aus meiner kleinen Sammlung sowie das wertvolle Geschirr; schließlich andere Dinge die weiteren Verwandten – sofern es sozusagen unumgänglich notwendig erschien. Doch das ist, wie gesagt, schon geschehen.

Alsdann, ich vermache den (in der Schweiz veranlagten) Hauptteil meines Barvermögens derjenigen Frau in der Verwandtschaft, die als erste ein uneheliches Kind zur Welt bringt.

Ich weiß nämlich, wie das im Allgemeinen ist, wenn jemand, ein Mädchen oder eine junge Frau also, in eine solche Lage kommt. Fragt mich nicht, warum ich es so genau weiß, doch glaubt mir einfach: Ich weiß, wovon ich spreche!

Und jetzt, direkt an meine liebe Enkelin Carina: Wie wäre es? Könntest nicht Du diese unglücklich Glückliche oder glücklich Unglückliche sein? Du kommst bald in das Alter … Und das Geld gehört Dir. (Über alles Nähere gibt ein in einem Bankschließfach hinterlegtes Papier Auskunft, wie auch über das Schweizer Geldinstitut und diverse Rechtsverbindlichkeiten. Die Adresse findet Ihr am Ende des Briefes.)

No, da schaut Ihr, was?

Dr. jur. Engelbert Birnreiter

Das war ja ein Ding! Da gab es also noch jede Menge Geld! Jetzt nach Jahrzehnten! Und am liebsten wäre es dem raffinierten Opa gewesen, wenn es an Carina gegangen wäre. Vorausgesetzt – sie hätte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht …

Aber – Carina war tot.

Wir kam der alte Fuchs indes auf die Idee mit der Klausel? Warum sollte ein weibliches Mitglied der Familie den Zaster nur dann bekommen, wenn da eine kleine Unmoral, ein kleiner Verstoß gegen die – zumindest damals – guten Sinnen vorgekommen wäre?

Jetzt erst fiel Olaf Birnreiter das Post scriptum am unteren Rand des Briefes auf:

„P. S.: Ihr wolltet wohl gerne wissen, warum ich gerade auf die Idee mit der ledigen Mutter gekommen bin? Du, lieber Leser, liebe Leserin, weißt vielleicht noch von meiner Vorliebe für die Musik, das Theater und die Literatur und in diesem Zusammenhang auch von meiner Jahrzehnte dauernden guten Bekanntschaft mit dem deutschen Komödiendichter Curt Goetz. Ich verrate als Hinweis nur noch so viel: „Das Haus in Montevideo“ …

EB

Richtig, der theaterbegeisterte Opa war in den 1930er Jahren mit dem Ehepaar Valerie von Martens und Curt Goetz irgendwo in Deutschland zusammengetroffen. Das prominente Duo war seit 1925 viel und sehr erfolgreich mit Goetz-Komödien auf Tour, bis die beiden im Jahr 1939 vor den Nazis nach Hollywood emigrieren mussten. Curt Goetz wurde dort übrigens Besitzer einer Hühnerfarm in der Nähe von Los Angeles, bevor das Paar 1945 über New York in die Schweiz reiste, um sein Domizil danach in Merligen am Thuner See aufzuschlagen. Der aus Mainz gebürtige Autor (Jahrgang 1888 und somit fast zehn Jahre älter als Opa) starb übrigens im Jahr 1960 in Grabs bei St. Gallen.

Ein wissender Griff in seine Bibliothek gab Olaf Birnreiter auch sogleich Aufschluss über die literarische Quelle der kuriosen Testamentsklausel: Im Goetz-Lustspiel „Das Haus in Montevideo oder Traugotts Versuchung“ aus dem Jahr 1953, seinerseits eine gründliche Umarbeitung und Erweiterung der kurzen Komödie „Die tote Tante“ (1924), geht es um einen äußerst sittenstrengen Gymnasiallehrer, dem Moral sozusagen alles bedeutet. Die unerwartete Erbschaft nach einer vor Jahrzehnten verstoßenen Tante stellt die Familie nun vor das Problem, nur eingelöst werden zu können, wenn ein junges weibliches Wesen aus der Sippe ein uneheliches Kind zur Welt bringt oder gebracht hat … Die Tante, die das Vermögen testamentarisch weitergeben möchte, hat nämlich selber unter der Schmach und Schande einer unehelichen Mutterschaft leiden müssen (der Grund ihres Auswanderns nach Südamerika) und rächt sich nun auf diese Art und Weise an den ach so sittenstrengen Anverwandten …

Gut, der (literarische) Coup war also von Curt Goetz, dem Freund des Großvaters aus alten Tagen. Aber was hatte das mit seiner, Olafs, verstorbenen Schwester Carina zu tun? (Dass die Erbschaft, um die es da ging, allem Anschein nach verloren war, tangierte Olaf am wenigsten; er selber brauchte das Geld nicht, er hatte sein Auskommen – und seine geliebten Bücher. Aber das Netz, das alles zusammenhielt, das wollte er finden, den Knoten lösen – oder, wie dereinst Alexander den gordischen, zerschlagen!)

Dann ging Hofrat Birnreiter, dem Bücherliebhaber, Junggesellen und pensionierten hochrangigen Veterinär im Landesdienst, ein Licht auf. Er rekapitulierte den Tod seiner Schwester, damals in den mittleren 1960er Jahren, knapp nachdem der Opa gestorben war. Und er erinnerte sich sogleich auch an die Mauern des Schweigens … Weder aus der Großmutter, Veronika, noch aus seinen Eltern, Erich und Angelika, war irgend etwas herauszubekommen gewesen, was das plötzliche Hinscheiden seiner älteren Schwester erklären hätte können. Und er? Mit seinen vierzehn, fünfzehn Jahren? Er stand total daneben. Trauerte um den Opa, mit dem er sich so gut verstanden hatte, vergrub sich in seine Bücher – wie auch später immer wieder. Und nahm alles andere, eben auch den doch irgendwie unerklärlichen Tod seiner Schwester Carina, als gegeben hin.

Es musste damals etwas Außergewöhnliches passiert sein. Aber was?

*

Irgendwie (wozu hat man denn Verbindungen? Na eben!) kam Birnreiter an Harald Wormser, der, er erinnerte sich dunkel an ihn, damals zumindest eine Zeit lang Carinas Freund gewesen war. Und da ging Olaf das zweite Licht in ziemlich kurzer Zeit auf.

Wormser hatte zwar zunächst von der Abtreibung nichts wissen wollen; und auch Carina hatte sich, so konnte der weißhaarige alte Herr, einiges wohl schon über die Siebzig, auch nach vielen Jahren glaubhaft versichern, irgendwie auf das Kind eingestellt und sogar darauf gefreut. Ja, sie und er, Wormser, wollten damals heiraten, auch wenn er längst noch nicht mit dem Maschinenbaustudium fertig war, und auch sie – – – Doch das Machtwort der Birnreiter-Eltern (und ein entsprechender Scheck der Fast-Schwiegermama) ließen ihn schließlich schweren Herzens das tun, was er dann auch tat: verschwinden.

„Glauben Sie mir, es hat mir unendlich leid getan … Ich war damals ein junger Mensch, unerfahren und schwach … Ich weiß, das ist alles keine Entschuldigung für meine Haltung und für unser Vorgehen“, stammelte Wormser, der Mühe hatte, nicht in Tränen auszubrechen, über seinen Kaffee mit doppeltem Cognac gebeugt.

„Und wer“, fragte Olaf Birnreiter scharf, „wer hat es gemacht?“

No, und so kam es, dass der bis dato (offiziell auch weiterhin) unbescholtene, kürzlich pensionierte Veterinär Hofrat Olaf Birnreiter, die Mordstatistik um einen Fall erhöhte. Er machte es diskret. Und er hinterließ keine Spuren. („Die Tat wurde mit ziemlichem Kraftaufwand, mit Entschlossenheit sowie, ohne Zweifel, mit einiger anatomischer Kenntnis ausgeführt“, stellte der zuständige Gerichtsmediziner in seinem Bericht fest.)

Aber, wie sagte doch der Jungpriester Benedikt Augartner bei der Beerdigung der alten Frau Johanna Hildegard Pechacek so falsch: „Sie war schon bei Lebzeiten ein Engel.“

Oder so ähnlich.

E N D E

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