Albrecher

und die Kichererbse

Eine Geschichte zwischen

Fiktionalem und Faktischem,

Poetik und Hermeneutik

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

Viele Studenten der Literaturwissenschaften,

etwa der Germanistik, haben sich für dieses

Fach aus dem schlichten Grund entschieden,

dass sie gerne lesen. Nicht wenige erleben

dann eine herbe Enttäuschung. Denn wenn

ihnen nicht bereits der Deutschunterricht die

unschuldige Lust am Lesen geraubt hat, die

Universität wird es gewiss tun.

Stefan Bollmann, Warum Lesen glücklich macht

*

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit

von heleden lobebæren, von grôzer arebeit,

von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,

von küener recken strîten muget ír nu wunder hœren sagen.

Das Nieblungenlied

*

Leere, Glück und Erhabenheit

Hätte Hanns Albrecher so etwas wie Leere oder Glück oder Erhabenheit überhaupt empfinden können, der Tod Sentas wäre ihm zumindest als eine weitere schmerzliche Zäsur in seinem Leben erschienen. (Für Leere wäre der Anlass vielleicht doch ein wenig zu geringfügig gewesen, oder?! Obschon, hatte ihn mit Senta doch immerhin einiges verbunden: knapp zwanzig Jahre des Zusammenlebens, einiges an gemeinsamer seelischer Weiterentwicklung [hoffentlich!] eine Menge zum Teil durchaus guter Gespräche … Nein. Lassen wir Leere, Glück – oder Unglück – und Erhabenheit lieber beiseite; und heben wir uns diese vergleichsweise hehren Begriffe für eine spätere, vielleicht bessere Gelegenheit auf. Senta war nun einmal tot. Ja.)

Senta war nun einmal tot. (Zumindest ging Albrecher davon aus.Vorläufig.)

Senta war nun einmal tot.

Ja, wenigstens darüber hätte es keiner Diskussion bedurft. Wenn sie nun einmal tot wäre, gälte es, sie nach den Möglichkeiten und Konventionen et cetera zu betrauern. (Dann ginge man am besten wieder zur Tagesordnung über. Dezent und pietätvoll.)

So wichtig, ihr diese Liebe also zu tun, jetzt, nachdem sie dahingegangen war, so wichtig sollte sie für ihn nämlich immerhin gewesen sein, all die Jahre …

Doch – ein Aber. Hatte Albrecher den Tod seiner Frau – sie war doch seine Frau gewesen?! – überhaupt mitbekommen? Oder glaubte er am Ende immer noch, jeden Moment könne sich die Tür öffnen, Senta träte ein und alles wäre wie immer; oder besser: wie früher? (Und nichts also hätte sich ereignet …?)

Oder: Hatte er sie in Wahrheit nicht längst schon verloren gehabt? Worauf sie, sozusagen: der Ordnung halber, jetzt auch noch gestorben war? (Sie war erschossen worden.)

Oder, eine andere Variante: Sie würde ihrerseits – aus welchem Grund auch immer – keinen Wert mehr darauf legen, zu ihm zurückzukehren und folglich auch gar nicht zur Tür hereinkommen wollen; selbst wenn sie noch lebte? (Und es eine Tür gäbe – für sie …)

Fragen, Fragen. Fragen über Fragen.

Immerhin, Dr. Hanns Albrecher, so viel stand nun einmal fest, Dr. Albrecher sah sich gleichsam außerstande, nach all den Tiefschlägen, Unglücken und Katastrophen seines bisherigen Daseins noch ein Gefühl wie Trauer (oder auch Glück oder Erhabenheit) in sich aufsteigen zu spüren. Es hätte sich für ihn ausgetrauert, wie es sich ausgeleert hätte, und wie endlich Schluss wäre mit Glück und Erhabenheit …

Allein, so ein Gefühl auch bloß im Ansatz zu merken, hätte ihm schon enormes Unbehagen bereitet. (Das einzige, was ihm nie Sorgen bereitet hatte, war seine finanzielle Situation.)

Er hätte – so sah es nämlich aus – erst einmal in sich gehen müssen. Weinen und flennen und plärren. Dann hätte er sich, wie es bei ordentlicher Trauer wohl üblich war, so richtig hundeelend zu fühlen gehabt et cetera … Immerhin, seine Senta, seine Kichererbse, war nicht mehr! War dahin! War tot! (Seltsam oder auch nicht.)

Dann hätte er sich angesoffen, gelesen, und wäre bockig geworden. (Ebenfalls seltsam oder ebenfalls auch nicht …)

Nein! Unmöglich! Das alles – mit Weinen, Flennen und Plärren, mit Trauer und Hundeelend -, das würde er sicherlich nicht bringen können! Das erschiene Hanns Albrecher quasi allein schon denkunmöglich. (Vermuten wir. Vielleicht jedoch irrten wir …)

Er vermochte sich, und das stellte gleichsam schon das Äußerste dar, was er im vorliegenden (Trauer-)Fall aufbieten konnte, lediglich einer gewissen Dumpfheit bewusst zu werden. Einer Dumpfheit, wie sie nach einem Verlust nichts Außergewöhnliches sein mochte; einer Dumpfheit also, wie sie ohne weiters auch bei anderen aufträte, unter Umständen. Und um einen Verlust musste es sich hier doch ohne Zweifel handeln.

Also trauerte er. (Oder auch nicht. Vielleicht aber war die Trauer auch bloß gespielt oder – Camouflage?)

Immerhin, wie gesagt, es gab da keine direkte Trauer; es war, das zumindest wollen wir Albrecher konzidieren, allerdings und immerhin Dumpfheit. Dumpfheit, wie nach einem gezielt erfolgten Schlag, der einen pointiert in die Magengrube getroffen hat; der einen jetzt und jetzt der sonst durchaus gewohnten Standfestigkeit (zumindest mochte sich eine solche ja im Falle kurzer Nüchternheit hin und wieder einstellen) berauben würde, ohne Frage; ohne einen freilich tatsächlich und völlig zu knicken.

Also: Treffen – ja, aber nicht umwerfen!

Treffen. Treffen ist – treffend. Durchaus. (Egal, wie real Albrechers Kichererbse, diese Senta, auch immer gewesen sein mag; ob es sie überhaupt gegeben hatte; ob es Albrecher – – -)

Wir wagen hier eine Prophezeiung: Das Äußerste, was passieren würde, bestünde darin, dass Albrecher an Kontur verlöre. Ja, er glitte förmlich in seine nächste dunkle Phase hinüber und hinunter. Und Albrecher wäre wieder einmal (mehr oder weniger) weg. Was ihn allerdings mit seiner Senta wiederum verbände, war es doch ihr sukzessives Transparent-Werden, das ihm – zunächst gar nicht so recht wahrgenommen – mit der Zeit immerhin zu schaffen machte, indem er darüber des öfteren in Gedanken verfiel und diesen Dämmerzustand bedauerte… (Die eigenen Dämmerzustände waren einem geläufig; das Verdämmern des Partners verstörte indes anfänglich doch ziemlich …)

Bei all dem bisher Gesagten muss vorsichtshalber darauf hingewiesen werden, dass Hanns Albrecher als das galt, was sie, die Leute hier, im Allgemeinen gern ein gestandenes Mannsbild nannten, hier, im Vorstädtischen, ländlich Angesäumten. Hier, wo die Stadt noch nicht gierig ihre Finger nach jeglichem Fleckchen Grün ausstreckte, sich der Bürgermeister und seine Schergen vom städtischen Bauamt (und von der Stadt- und Regionalplanung) noch nicht eine nach der anderen von den alten Schrebergarten-Kolonien einverleibt hatten oder solches vorhatten, um wieder einmal irgendeinen verwegenen Gürtel um die Kommune zu legen; ganz so, als ob die fossile Energie überhaupt nie versiegen und des ach so lustigen Autofahrens auf ewig kein Ende sein werde … Oh, ja: Hier gab es noch ein bisschen Wildwuchs, ein paar ungepflegte ehemalige Gemüsegärten, pralle Refugien für sogenanntes Unkraut samt Insekten; sogar ein paar fürwitzige Hanfplantagen und ein bisschen Freiheit.

Und das ehemalige Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“, das immer noch der alte Mirko Mirković führte – wie vor Jahrzehnten schon. Zugegeben, es war der „Rüssel“ nicht eben die allererste Adresse für Feinschmecker, Gourmets oder Spezialitäten-Genießer. Nein, das eher nicht. Aber seine Klientel hielt dem Mirko die Stange und suchte, wann immer sich eine Gelegenheit bot (und an Gelegenheiten war kein Mangel), seine Bruchbude auf.

Und das alles, obwohl er, der alte Mirko, längst schon ein mittleres Wasser-Reservoire in den Beinen aufwies und außerdem über einen elementaren Leberschaden verfügte. Er taugte immerhin – als kein Fels, wo momentan (noch) keine Brandung war …

Hier hatte Albrecher seine Senta kennengelernt, vor gut zwanzig Jahren. Im „Rüssel“.

Und hier hatte er sie das erste Mal seine Kichererbse genannt.

Der Anlass war so banal wie der Kosename. Kichererbse.

Ob der womöglich etwas mit G-Punkt oder mit Klitoris zu haben konnte?! Wer weiß …

Und solcherart war der Ausdruck Kichererbse dann doch wieder zu intim, als dass wir ihn hier näher erklären wollten. Konnten. Durften. (Tut uns leid. [Eigentlich auch wieder nicht …])

Da denke sich jeder gefälligst sein Teil.

Das Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“ war allerdings die Drehscheibe des – wenn auch geringfügigen – Geschehens, das hier im Krätzel stattfand und mitunter Platz griff. Hier saß man. Auch Hanns Albrecher saß, oft begleitet von seiner Senta; von seiner Senta, die daselbst zu einer – erst kaum merkbar, dann immer deutlicher – vernebelnden oder gar verschwinden Senta wurde. (Wir wissen, es bedarf einer ganzen Menge an Imagination, sich jemand vorzustellen, der oder die gerade vernebelt oder langsam verschwindet; oder gar den Fortgang von Vernebelung und sukzessivem Verschwinden selbst … Ja, ja, gewiss, gewiss …)

Doch auch ohne Senta herzukommen (oder später dann, als es sie nicht mehr gab) und mit Stephan Morgengruen allein (zu zweit) zu diskutieren, lohnte den Besuch des „Rüssels“. Zudem konnte Albrecher zu jeder Zeit erscheinen, denn Morgengruen war ohnehin zu jeder Zeit da, wenn Albrecher auftauchte. Morgengruen schien mit dem schmierigen Beisel symbiotisch verbunden zu sein. Saß meist still in seiner Ecke, Morgengruen, das längst schon ganz weiße Haar ein wenig zerzaust und die randlose Gelehrtenbrille auf der rötlich geäderten Nase; hinter sich die alte getäfelte, längst rissig gewordene, einstmals um einiges hellere Holzwand, als sie sich jetzt dem beobachtenden Blick offerierte, vor sich ein Krügel Bier und einen Doppelten aus Mirkos vermutlich unendlichem Fuselvorrat der ärgsten Sorte. Oder, saisonal variierend ein Gulasch zusätzlich und Semmeln oder Gefüllte dicke Paprika in roter Sauce.

Mirkos Fusel-Überfluss … Ja, Mirko stand für Wasser-Reservoir, Fusel-Überfluss und Leber-Endspurt. (Letzterer scheint vorhersehbar, die Sache mit dem Fusel ist, zugegeben, ein wenig metaphorisch gemeint, das Wasser in den Beinen ist allerdings wiederum echt.)

Manchmal kam Albrecher, übrigens auch er, schon weißhaarig und rotnasig, war Brillenträger wie Freund Morgengruen, wie erwähnt, mit seiner Kichererbse, mit Senta, ins Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“. Doch geschah dies eher selten: Senta wollte der Verfall, der den Gästen und Stammkunden hier so überdeutlich vor Augen geführt wurde (und dessen prozentuell hoher Anteil sie schließlich selber waren), nicht recht behagen. „Dass ich älter werde, merke ich auch ohne diese dreckige, verlauste Vorstadt-Winden“, pflegte sie zu sagen, wenn Hanns Albrecher seine Partnerin nicht und nicht zum Mitgehen animieren konnte. (Und dabei hatte er es wirklich gern, wenn sie an seiner Seite saß und ihr Getränk zu sich nahm.)

Anders Hanns Albrecher. Diesen Zustand des langsamen Er- und Verlöschens, wie ihn das Alter (seiner Bestimmung gemäß) nun einmal mit sich brachte, glaubte er im Verband eines (halb-)anonymen Gasthauses und seiner Besucher, semi-offiziell also, immer noch leichter ertragen zu können als zu zweit daheim. Es schien ihm ein durchaus fragwürdige Genuss zu sein, sich, als ein in die Senilität stolperndes Paar, gegenseitig in den eigenen vier Wänden beim Altwerden zusehen zu müssen. (Freilich, der Vorstellung einer so elementar vorhandenen gegenseitigen Liebe, die über Jahrzehnte Bestand gehabt hatte und auch jetzt, an der Stufe zum Tod, weiter wirkte, wie es etwa beim legendären antiken Greisenpärchen Philemon & Baucis der Fall zu sein schien, konnte sich auch der nicht selten zynische Albrecher nicht völlig verschließen. Ja, diese – weiß Gott: romantisch gefärbten – Liebe vermochte auch er klarerweise einiges abzugewinnen. Wenn er auch wusste, wie sagenhaft sie war …)

Richtig, dieses meist äußerst beschwerliche Alter, die senectus molesta, verglichen mit der freudvollen Jugendzeit, der iocunda iuventus, wie sie uns das berühmte Studentenlied Gaudeamus igitur schon so naseweis verkündet …

Und in Wahrheit ging es gar nicht so sehr um Alter oder Jugend: Es ging um die Angst vor dem Tod. (Und hier auch wiederum eigentlich nicht um die Furcht vor ihm, gesehen als Zustand, als vielmehr um die vor dem Sterben, also vor dem punktuellen Ereignis; wie es sich beim Pendant ja auch eher um die Geburt dreht als um das Leben. Oder?!)

Doch, wie gesagt, sukzessive – in dieser Geschichte geschieht, wie man merkt, fast alles sukzessive (aber ist das nicht überall so? Schauen Sie einmal nach …, am besten: bei sich selber!) -, sukzessive verblasste Senta, die Kichererbse. Ja, sie wurde kontinuierlich nebelartiger, konturloser, durchsichtiger; bis sie schließlich eines Tages ganz weg war, aufgesogen in ihrer Transparenz. (Stimmt nicht! Das bildet sich Albrecher nur ein. In Wirklichkeit – wenn es eine solche überhaupt gibt – ist sie erschossen von ihm aufgefunden worden. Tot. Aus. [Oder: Auch das ist falsch, und es hat sie wirklich gar nie gegeben? Und vielleicht auch Albrecher nicht? Und alles andere, einschließlich – – -? {Oder: Letztlich dreht es sich doch um Glück und Leere und Erhabenheit und Gulasch …?}] Ende!)

Später nahm Albrecher sie vorsichtshalber also nicht mehr in den „Rüssel“ mit; obwohl er sie mitunter, verschwommen zwar und nebelhaft, ohne nennenswerte Konturen, immerhin daheim, in seinen und ihren (?) vier Wänden allenthalben zu sehen glaubte.

Nein, er verzichtete darauf, sie mitzunehmen. Lud sie auch nicht mehr ein mitzukommen.

Man konnte schließlich nie wissen.

Doch das Böse schläft nicht. Und so, wie er vor einigen Monaten, betrunken wie meist, Senta/Kichererbse, als er spät nachts nach Hause kam, tot und in einer Blutlache vorfand, erschossen, geschah es ab nun jedes Mal. Er fand sie beinahe tagtäglich. Und in der durch den Tod wiedergewonnen Stofflichkeit. (Ja, ja …)

Jedes Mal von Neuem.

Doch das Böse schläft nicht. Und so, wie er vor einigen Monaten, betrunken wie meist, Senta/Kichererbse, als er spät nachts nach Hause kam, tot und in einer Blutlache vorfand, erschossen, geschah es ab nun jedes Mal. Er fand sie beinahe tagtäglich. Und in der durch den Tod wiedergewonnenen Stofflichkeit. (Ja, ja …)

Jedes Mal von Neuem.

Doch – – –

Ja, sie war wieder ausgesprochen stofflich geworden. In Karos, in schottischen Karos, präsentierte sich ihr Outfit, zum halb gestockten Blut passend. Direkt elegant.

Überaus stofflich also, wie sie da in der ausgedehnten Blutlache lag und mit starren Augen, irgendwie anklagend, zur Decke stierte …

Oder – (Oder -)

Doch – – –

Glück, Erhabenheit und Gulasch

Zwar verfügte Hanns Albrecher über eine Reihe von Vorlieben; wie ihm auch einige ausgesprochene Aversionen eigneten. Die meisten – sowohl von diesen, als auch von jenen – blieben freilich geheim; gut so. Sie gehörten ausschließlich ihm. Und er vermochte sie, nicht einmal mit seiner Senta (als die noch lebte – wenn es sie jemals gegeben haben sollte) zu teilen; ja, er konnte sie ihr nicht einmal mitteilen; weder die Vorlieben noch die Abneigungen. Es war ihm schlicht und ergreifend nicht möglich. Und zu teilen, das war überhaupt bei ihm keine Option. Albrecher war nun einmal ein Einzelkind gewesen; das wirkte ein Leben lang nach. Der Brei hatte immer ihm allein gehört, die Wurst und später das Bier nicht weniger.

Also war auch an Mitteilen nicht zu denken. Auch dabei sperrte sich sein Ego großteils.

Und dann war sie mit einem Mal ohnehin tot (oder fort; durch einen endgültigen Spiegel gegangen …). Die schon ziemlich peinliche, penetrante Frage nach dem Teilen, die sich dauernd gestellt hatte, war, wie so viele andere auch, solcherart quasi endgültig vom Tisch …

Fort. Weg. Aus. Tot.

(Aber das hatten wir ja schon.)

Mit dem Sauf- und Diskussionspartner Stefan Morgengruen war das Teilen da schon leichter. So teilte Albrecher mit Morgengruen immerhin die Vorliebe für das Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“ und seinen Wirt Mirko Mirković sowie die adrette Kellnerin Monique. Und (sehr wichtig!) – die Vorliebe für Thomas Mann.

Auch wenn Morgengruen – ganz konträr zu Albrecher, der ein ausgesprochener Freund der kürzeren Mannschen Prosa war – den Romanen des ohne Frage bedeutenden deutschen Erzählers (und Literaturnobelpreisträgers, 1912) bei weitem den Vorzug gab. Im Gegenteil: Albrecher fand (um hier nur einige Titel aus der Roman-Großproduktion des Deutschen herauszupicken) die „Buddenbrooks“ ziemlich altbacken, hatte sich mit dem „Zauberberg“ nie recht anfreunden können, und auch für den „Doktor Faustus“ erübrigte der Leseenthusiast nicht viel Interesse; auch wenn er, was Mann da so über das Leben, über die Wahrheit und vor allem: über die Kunst und den Künstler (wenn auch oft ziemlich schwadronierend) reflektierte, keinesfalls für falsch hielt oder diesbezüglich anderer Meinung gewesen wäre. Nein.

Und trotzdem, die Romane Thomas Manns fanden in Albrecher keinen Liebhaber. „Wenn schon unbedingt einen Mann-Roman, dann bitte einen vom immerhin wesentlich unterhaltsameren Bruder Heinrich“, pflegte er diesbezügliche Dispute im Keim zu ersticken. Ja, am pointierten „Professor Unrat“ oder am meisterlichen „Untertan“ konnte er sich richtiggehend delektieren … Da merkte er, bei aller sozialkritischen Problematik, auch den Unterhaltungswert positiv an. Doch des jüngeren Bruders Langprosa drang nicht zu Albrecher vor. Die war ihm schlicht und ergreifend zu kolossal, zu aufgebrezelt, zu sprachbarock

Thomas Mann als – immer noch und durchaus um Fülle wissender, ausschmückender – Meister der Ab- und Ausschweifung auch und gerade in der sogenannten kleinen Form, ja, den ließ er sich gerne gefallen. „Kurz mag ich den Mann“, lautete sein diesbezügliches Credo. (Wobei kurz bei Thomas Mann, wie angedeutet, immer noch reichlich wuchernd und in üppiger Fülle auftrumpfend sein konnte! Doch weiß man ohnedies: Auch die meisten Glaubensbekenntnisse griffen ausgesprochen – oder eben unausgesprochen – kurz, so wohl auch das Credo Albrechers in puncto kurzer Prosa bei Thomas Mann. Freilich, man lasse dem Mann Albrecher bloß seinen Glauben!)

Also, Novellen und Erzählungen wie „Der Tod in Venedig“, „Der kleine Herr Friedemann“, „Wälsungenblut“ oder „Tonio Kröger“ vermochten, Albrechers Leselust immer wieder aufs Neu zu kitzeln. Dass er freilich noch um einiges lieber die stets so erfrischende und zugleich aufrüttelnde, einmal dunkel verhangene, dann gleich wieder von Witz funkelnde, lebensvoll durchlichtete Kurzprosa des Franzosen Guy de Maupassant las, wollen wir hier nur am Rande erwähnen. Wie auch seine nie geleugnete Verbundenheit mit manchen nordamerikanischen Erzählerinnen und Erzählern, etwa mit Alice Munro, John Cheever oder Raymond Carver und T. C. Boyle. (Wobei er den zuletzt erwähnten Autor – erstaunlich genug! – auch als Romancier schätzte.)

Lesefreundschaft. Ja, das gibt es! Fest stand: Albrecher und Morgengruen, diese zwei schon ein wenig mehr als bloß mittelalterlichen (früher einmal hätte man vielleicht wohlwollend gesagt: gesetzten), durchaus kultivierten Männer, die stets sowohl einem niveauvollen Gespräch als auch einem weniger niveauvollen Getränk (und was anderes als niveaulose Gesöffe gab es im „Rüssel“ nun einmal nicht!) gegenüber aufgeschlossen waren, verband eine eigenartige Freundschaft. Nicht zuletzt vermutlich gründete die auf der unumstößlichen Tatsache, dass sowohl Morgengruen als auch Albrecher nun einmal leidenschaftliche Leser waren. Ja: Leseenthusiasten. Und das, obwohl sie beide vor Jahrzehnten Germanistik studiert hatten. (Hanns Albrecher nur kurz, Kollega Stefan Morgengruen immerhin bis zum bitteren Ende; der Titel seiner Dissertation lautete übrigens, pervers genug: „Goethe zwischen Spinoza, Kant und Lavater. Eine Eingeweidung“ …)

Nein, die Germanistik war im Grunde nichts für Albrecher gewesen. Keinesfalls. Und das hatte schon der noch leicht grüne, der aufstrebende studiosus, manchen Ideals voll und zu beinahe jeder Begeisterung fähig, denn auch schnell herausgefunden. Ihm war nämlich alsbald klar geworden, dass ihm, zum Exempel, das „Nibelungen Lied“ auch im mittelhochdeutschen Original nicht wesentlich spannender vorkam als in der neuhochdeutschen Fassung; und dass ihn Wolfram von Eschenbach oder Walter von der Vogelweide niemals besonders erfreuen würden … Aber auch Adalbert Stifter, in kleine Sezier-Portionen zerteilt, oder Peter Handke, üblicherweise und der Einfachheit halber gleich als Ganzes angebetet, würde nie Seines werden!

Albrecher sah sich darin mit dem von ihm sehr geschätzten Arno Schmidt eines Sinns, ging es um Stifter: Man musste den Oberplaner (der Autor stammte bekanntlich aus Oberpan im Böhmerwald) nicht über alles lieben; doch durfte man ihn ohne weiters für sich selbst nehmen; diesen Proponenten des sanften Gesetzes, dem – so Schmidt – „die Ablehnung artfremder klappernder Handlung“ wichtig war. Und zwischen einem Entschleuniger und einem Langeweiler bestand (zumindest für Hannes Albrecher) immer noch ein gravierender Unterschied.

Ach ja, Handke. Sogar nach nur mehr oder minder oberflächlicher Beschäftigung mit dem skurrilen Germanistik-Klüngel, wird es zu bemerken kaum verwundern, dass die so altklug und allwissend tuenden Sprachwissensschwafler – anstatt etwa auch diesen, ihren inferioren Secondhand-Goethe brav zu analysieren, zu sezieren (und gegebenenfalls: zu korrigieren) -, bloß in Ehrfurcht erstarrten angesichts der hier als Tiefe getarnten Langeweile. Zumindest, sollte man erwarten dürfen, könnte ihnen auffallen, dass da ein – oft in recht fragwürdiger Weise – moralisierender, früh schon gealterter und weitgehend von Lebensekel und Weltverdruss bestimmter Jünger der Larmoyanz emsig daran bastelte, aus sich einen kantigen Jahrhundertkopf zu schnitzen. Denk mal, wäre hier nicht bloß ein billiger Kalauer, sondern eine folgerichtige Aufforderung! Ja,denkt mal!

Wer erwartete, dass die anscheinend in stiller Übereinkunft ansonsten grosso modo alles Handkesche gottergeben adorierenden Literatur-Illuminati zumindest zu irgendwelchen Einwänden gegen ihn, nämlich dort, wo es nötig erschiene, bereit wären, der befand sich freilich alsbald in einem elementaren Irrtum: Peter Handke stand immer außer jedem Zweifel. Egal, was er an Absonderlichkeiten auch absonderte. (Den Zweifel hatte man allerdings sehr wohl an der Kompetenz der Damen und Herren Germanisten [und einer erklecklichen Zahl von willfährigen Literaturkritikerinnen und -kritikern in deren Schlepptau] zu hegen.)

Waren und sind Handkes literarische Hervorbringungen also – für die Sprachwissenschaft – sakrosankt, so musste und muss sich auch dieser Autor dennoch manche Kritik, berechtigte wie unberechtigte, von anderen Seiten gefallen lassen; wie es nun bei öffentlichen Menschen, die in der öffentlichen Meinung eine Rolle spielen, zu sein pflegt; und bei solchen, die von der Veröffentlichung ihrer Meinung außerdem noch dazu ganz gut leben.

Vielleicht schreckte manchen Germanisten die Möglichkeit, durch allfällige Schelte gegen ein Gebot der polical correctness zu verstoßen; würde er etwa Handkes mehr als eigenartige Rechtfertigung des serbischen Vorgehens im Jugoslawien-Krieg (Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, 1996) als das bezeichnete, was sie in der Tat ist: eine von von politischem Unverstand, der weit über Blauäugigkeit hinausgeht, zeugende Überflüssigkeit; wurden hier vom gepriesenen Dichter-Humanisten doch immerhin nachgewiesene Greueltaten und Kriegsverbrechen relativiert. (Von Peter Handkes Grabrede für den – vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten – ehemaligen serbischen Staatspräsidenten Slobodan Milošević im Jahr 2006 ganz zu schweigen.) So wurde Handke schließlich von anderer, weniger literarisch-fachlicher Seite beunflatet.

Albrecher erinnerte sich indes auch des ablehnenden Wortes, geäußert vom damaligen deutschen Kritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an Günter Grass, 1999. Zwar schätzte der gern rundum-schlagende Reich-Ranicki auch Grass nicht allzu hoch ein, doch „die Vergabe“ sei „immerhin das kleinere Übel gewesen“; noch schlimmer wäre es ihm erschienen, „hätte ,der dümmliche Peter Handke‘ den Preis bekommen.“ (Zitiert nach Hubert Filser, „Nobelpreis“, 2001.)

Doch grosso modo taten sich Literaturkritiker wie -professoren mit Leuten wie Handke schwer: Das Urteil wurde fast automatisch (auch) von Wahrnehmungen politischer und populär-soziologischer Beifügungen beieinflusst. Ja, aan tat sich eben mit den einmal zu Lieblingen Erkorenen auch fürderhin nicht selten schwer. Deshalb: Lieber keine Sprach- und Literaturwissenschaft also. Und: keine Germanistik mehr. Sollen die Damen und Herren doch weiterhin ihre Kämpfe ausfechten, hin- und hergerissen zwischen Poetik (also der Wirkweise des Textes) und Hermeneutik (Fragen der Textbedeutung) … Nein, keine Germanistik mehr für Hanns Albrecher. (Und das schon viel früher …) Denn was Albrecher an diesem Fach, dieser Papier gewordenen Afterwissenschaft, wie er sie gerne bezeichnete, dieser Germanistik, immer schon am meisten abgestoßen hatte, war ihr ständiger Versuch, ihm, Albrecher, hier (im Institut, im Hörsaal, im Seminar) das Faszinosum Literatur madig zu machen. Und dies mittels allerlei Taschenspielertricks semantischer, dramaturgischer oder syntaktischgrammatikalischer Art; mittel eiskalter Plot-Thesen oder unter Berufung auf De-, Post- oder überhaupt Konstruktivismus et cetera sowie mittels einer gefinkelten Vermengung von biographischen mit schreib-evidenten Fakten – bis hin zur jeweiligen Krankengeschichte des Autors. Albrecher wollte nicht zulassen, dass solcherart die lebendige, durchaus und absolut sinnliche Schreibe auf Teufel komm ‚raus zum gruseligen, knochentrockenen, fahl scheinenden, nackten Skelett namens Literatur-Theorie mutierte, nur damit sich die Gedanken-blasse Germanisten-Bande wohl und behaglich fühle. Und einen ‚runterhole.

Später, Jahre später las er beim amerikanischen Literaturwissenschaftler Jonathan Culler den bemerkenswerten Satz: „Literatur ist eine Tätigkeit, bei der Autoren versuchen, Literatur vorwärts zu bringen oder zu erneuern, und beinhaltet so immer auch implizit ein Nachdenken über Literatur selbst.“ (Jonathan Culler, Literaturtheorie“.)

Dies würde ihm, dem Jung-Studiosus, damals zwar auch nicht wesentlich weitergeholfen haben; aber gefallen hätte ihm das Kreistümliche – nein, besser: das Spiraltümliche – des einigermaßen flapsigen Gedankens. Doch so formulierte (und dachte) man hierorts in germanistischen Kreisen in den späten 1960er Jahren wohl nicht … (Jetzt haben wir nebenher verraten, dass sich Albrecher, der frustrierte Ex-Germanist, natürlich auch später noch mit Sprach- und Literaturtheorie beschäftigt hat! Ist eben passiert …)

Leichenschändende Germanistik? Nun, Vivisektion lag doch wohl nicht vor, oder?! Vielleicht nicht einmal Schändung … Aber eine Art von Sezieren war da schon zu bemerken.

Ja, doch: Ihm kamen die Germanisten überhaupt wie Pathologen der (literarischen) Sprache vor. „Glücklich, niemals einen lebenden Patienten sehen zu müssen, wirkt der forensische Mediziner vornehmlich im Keller, wo in den meisten Krankenhäusern der Sktionssaal liegt“, schreibt Henry Glass in seinem köstlichen Buch „Weltquell des gelebten Wahnsinns“.

Ja, da umstanden die weißbekittelten Germanisten dann wieder eine Leiche der Literatur, in den gierigen Händen die schon zum Schnipseln bereiten scharfen Skalpelle … Die Seele – sie war längst schon hinausgefahren aus irgendwelchen Öffnungen und irgendwohin unterwegs.

Nicht mit ihm!

Das Lesevergnügen war Albrecher heilig. (Auch wenn er alles andere denn unkritisch las und sich keineswegs ein X für ein U vormachen ließ!)

Und: Es ging ihm um den Moment, an den E. T. A. Hoffmann seine „Serapions-Brüder“ erinnern lässt, wenn der Einsiedler Serapion „alles selbst wirklich von seinem Berge erschaut“. Der Dichter ist der Schauende. Seine Interpreten? – Blinde! Ja, Blinde und Blindwütige! Außerdem: weitestgehend überflüssig, meist lediglich störend. (Albrecher verschloss sich aus reicher, nicht selten trauriger Erfahrung natürlich ebenso der Erkenntnis nicht, dass es sehr wohl auch Autoren gab, die rein gar nichts erschauten; die vielmehr ziemlich Geist-arm zu sein schienen. Ja, womöglich noch überhebliche Schmieranten, die, sagen wir es ruhig laut, taube Nüsse waren … Doch durfte man von ihnen nicht auf all die anderen schließen, deren literarische Äußerungen nun einmal tatsächlich Lesevergnügen bereiteten.)

Dabei gründete eben dieses, Albrechers Lesevergnügen keineswegs nur auf einer möglichst realistischen – oder handlungsintensiven – Darstellung; nein, er las auch weitgehend Zweckfreies, auch Nicht-Strukturiertes, und fühlte sich zum Beispiel durchaus zur Nonsens-Dichtung, speziell zum DADA, hingezogen oder konnte sich zumal mit Prosa anfreunden, die arm an Handlung daherkam, dafür jedoch Stimmungen und Schattierungen, Bildklänge und Abstufungen aufbot, um ihn zu bezirzen. Und er ließ sich bereitwillig anrühren! (Oh, ja!)

Noch etwas: Wenn schon infame Kritik (oder bodenlose Lobhudelei), dann bitte schön doch von Literaten an Literaten! Denn das war dann ja wieder erbaulich, wenn etwa das österreichische Ober-Scherzkeks, richtig: Franz Grillparzer, über Heinrich Heines beißende Ironie lamentierte. Oder wenn Karl Kraus ebenfalls diesen durch und durch kritischen, ja: quasi anti-romantischen Romantiker wüst beschimpfte: „Heinrich Heine hat der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.“ Oder wenn H. C. Artmann über Ingeborg Bachmann schlicht und ergreifend äußerte: „Die Bachmann is a arrogante Gurkn.“ Oder wenn Robert Gernhardt über den Kollegen Heinrich Böll herzog: „Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär‘ überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane.“

Hanns Albrechers Lektüre musste ihn ergreifen (nicht unbedingt im Sinn der deutschen Romantik, aber auch); sie musste ihm etwas vermitteln. Und das gelang mittels Mittelmäßigkeit nun einmal nicht … Er bedurfte bei seinen Leseexkursionen freilich der aufgeblasenen Haupt- und Staatsaktionen erst gar nicht. Und sogar, um ein Beispiel zu nennen, Victor Hugo ging ihm mit seinen überbordenden Anhäufungen an Handlungen – ob sie nun logisch, skurril oder überhaupt mehr oder minder unsinnig und unglaubwürdig waren (um hier Umberto Ecos diesbezügliche Kritik zu streifen) – ziemlich auf den Sack. Oder Charles Dickens‘ Sozial-Schwadroniererei (diesbezüglich hielt er sich an John Irvings lesenswerten Essay).

Zudem galt, wie gesagt, Romanen nicht unbedingt Albrechers Vorliebe …

Die Romane fungierten für ihn gleichsam als Opern, nur eben in der – ungesungenen – Literatur. Ja, sie wirkten auf ihn wie pseudo-dramatisches Musiktheater ohne Musik. Wie Opern eben, in denen die Tenöre doch auch sangen statt zu bluten; nur jetzt und hier im wahrsten Wortsinn sang- und klanglos. Der Roman bauschte auf, stemmte mitunter enorme Elemente über einander, formierte Angst-einflößende Trümmer zu wahren Turmbauten zu Babel und ließ zwischendurch auch wieder mal die Luft raus; wobei dann zumindest manches davon als heiße Luft enttarnt wurde. (Und der Autor womöglich als Schaumschläger …)

Kam ihm, um beim theatralischen Vergleich zu bleiben, das Schauspiel im Allgemeinen schon weitgehend fragwürdig vor, wenn die Darsteller im strengen Mieder von Rhythmus und Metrik (oder in anderer stilistischer Überhöhung und Kostümierung) daher zu stolzieren hatten, so camouflierte der Roman – respektive der Romanautor – nicht nur Lebenssituationen und Werdegänge, sondern gab, und das schien ihm von besonderer Niedertracht zu sein, auch noch vor, moralische Richtlinien vermitteln zu können. Quasi Regieanweisungen fürs echte Leben; als wäre die Kunst nicht just dieses Leben!

Es musste, so sagten wir oben eben, also durchaus nicht Handlung – von gemächlichem Fortschreiten der Ereignisse bis hin zu hektischer Action – im herkömmlichen (Erzähl-)Sinn geben, damit Literatur (oder ganz einfach Lesestoff) auf Albrecher attraktiv wirkte. Nein, ganz und gar nicht. Es ging ihm viel mehr um Erzähl-Stimmung, um das Erwecken von Interesse durch Assoziationen und angedeutete Erinnerungen, auch um Ahnungen und unklar, fast nebulös Belassenes im Strom des Narrativen.

Er schlug daher auch hin und wieder gern in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ nach, schmökerte in „Ulysses“ oder in „Finnigans Walk“ von James Joyce oder nahm – zumindest Teile von – Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zur Hand. Wie gesagt, er schlug nach, schmökerte, nahm zur Hand. Denn Albrecher ging es – außer bei Lyrik (oder wenn er, was eher selten vorkam, Theatertexte las) – nicht unbedingt darum, alles und das in voller Länge zu konsumieren. Ein Nebeneffekt: So blieben ihm sogar viele als eher schwer verdaulich verschrieene Autoren als Freunde. (Sogar die meisten Russen.)

Übrigens: Auch dort, wo Literatur danach strebte, tatsächliche Veränderungen der politischen oder sozialen Verhältnisse herbeizuführen und sich vom Schreiben gleichsam zum Tun hin bewegte, mochte sie seiner Meinung nach ihre Gültigkeit haben; auch wenn solches zu tun nicht unbedingt von ihr zu fordern sei. (Und Albrecher ihr diese Funktion auch keinesfalls zumaß.) Auch das politische Kabarett, das hier als Parallele erwähnt werden soll, benennt – in aller Ernsthaftigkeit, die sich hinter der humoristischen, satirischen Form verbirgt – Missstände, um sie womöglich zu beseitigen; ebenfalls etwas, das in der Realität kaum je durchsetzbar ist. Doch den Versuch, die Menschheit oder ihre Lebens- und Denkbedingungen zu verbessern, durfte Literatur allemal wagen! Denn im Vertrauen auf das Wort und seine Macht liegt zumindest Hoffnung begründet. Und die ist, angesichts einer immer gezielter und erfolgreicher betriebenen Verdummung der Massen, allemal gefragt!

Ein anderes Beispiel: Günter Grass beschreibt in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“, wie anno 1647 die aktuell bekanntesten und einflussreichsten deutschen Schriftsteller (sowie ein paar hoffnungsvolle Jungspunde) zusammenkommen. Dabei wollen sie beraten, was man von den Siegern nach dem nun hoffentlich bald absehbaren Ende des 30jährigen Krieges erbitten solle – humanitär, aber wohl auch intellektuell. Und was Simon Dach, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Andreas Gryphius und Co. da so vorschwebt, ist natürlich blanke Illusion; wie es sich für Fiktionalisten eben gehört. Doch man trifft zusammen, diskutiert, trinkt, isst, betet und/oder vögelt. Und hofft.

Aber die Germanistik? Die Germanistik, das stand für beide Freunde, für Hanns Albrecher und Stefan Morgengruen, fest, hatte wohl auch in der völligen Verkennung der (jeweiligen und der außer-historischen) politischen Situation alle möglichen Chancen, doch noch zu einer Wissenschaft zu werden, verpasst und verspielt. Dass sie sich zur Zeit des NS-Schreckensregimes gar noch zur Handlangerin des pseudo-germanischen braunen Getues machen ließ, unterstreicht a) die Charakterlosigkeit der meisten Beteiligten, b) die umfassende Arbeit Joseph Goebbels und seiner Nazi-Propaganda und c) die grundsätzliche Dummheit der Proponenten. Freilich, eine gefährliche Dummheit …

Verkennung der politischen Situation? Ja, die Sprachwissenschaft und die sie pflegten, hatten nicht einmal mitgekriegt, dass man längst schon das verquere und daher auch konsequent gescheiterte und immer wieder zum Scheitern verurteilte System des spätaufklärerischen Feudalismus (etwa noch der Goethe-Zeit) und seiner dünkelhaften, ja: blöden sogenannten Eliten durch ein – leider bloß erhoffter Maßen – intellektuell besser ausgestattetes demokratisches ersetzten hätte sollen. Was freilich dann auch nicht funktionieren konnte; ganz im Gegenteil: Die geringen intellektuellen Ressourcen wurden nun nur noch mehr verdünnt! (Allerdings verfügte, wenn das ein Trost sein mag, jeder Trottel nunmehr über dieselben Rechte … Das musste ja geradezu und zwangsläufig das geistige Niveau enorm heben, oder?!)

Es ging dem animierten Leser beim Lesen um – Freude; der Germanistik ging es jedoch um Ersatz der Freude durch – Analyse, durch Statistik, durch Autopsie. Statt Literatur zu genießen oder kritisch zu sehen, abzuwägen, vielleicht sogar formal oder auch inhaltlich abzulehnen, wenn dazu Gründe vorlagen, die stichhaltig waren, sollte eine Theorie her. Zu recht moniert der schon erwähnte Jonathan Culler die Schwammigkeit des Begriffs, wird er woanders verwendet und nicht in stringenten mathematischen Bezirken (als unverrückbarer Satz von Aussagen), sondern quasi als Kipferl zum Germanisten-Kaffee (© by H. Albrecher).

Und eine meist übelwollende Blutsverwandte der Theorie, nennen wir sie am besten gleich bei ihrem teuflischen Namen: die Interpretation? Die hatte, wir befinden uns immer noch in pathologischen Bezirken, möglichst steril und antiseptisch zu erfolgen. Und tot, fahl und schaurig unecht, so sei die zu untersuchende Leiche, die Literatur.

Um an Edgar Allan Poe zu gemahnen: Die Germanistik zog in der Rue Morgue ein …

Doch verlassen wir wieder den so ganz theoretischen Bereich der Literatur in ihrem nicht selten verqueren Verhältnis zu Sprache, Analysierbarkeit, Interpretation und Vieldeutigkeit (die fast zwangsweise in Vieldeutbarkeit mündet) – zugunsten der Lesefreude!

Stefan Bollmann, zwar selber Germanist, dennoch ein augenscheinlich immer noch der Freude fähiger (ergo linguistischem Gift gegenüber weitgehend immuner) Leser, schreibt in seinem essayistischen Buch „Warum Lesen glücklich macht“, die Interpretation verschleiere letztlich, dass es beim Lesen und bei der Literatur um mehr gehe, „als die Dichte eines literarischen Werks in die Kompliziertheit einer Theorie zu übersetzen“. Bravo!

Der US-amerikanische Autor T. C. Boyle springt ihm bei, wenn er anmerkt: „(…) offenbar haben die an ihren Bärten zupfenden Experten und auch die leidenden Schüler in unseren Lehranstalten eines aus den Augen verloren: dass Erzählungen zur Unterhaltung gedacht sind. Nicht als literarische Dokumente zum Zerpflücken durch Oberlehrer (…).“

Zauberwort Unterhaltung.

Respekt, bitte, vor dem Komischen!“, forderten Albrecher und Morgengruen folgerichtig. „Und keine Hoffart gegenüber der Satire und dem boulevardesken Lustspiel!“ Ja, sogar dem sogenannten Trivialen möge man, mit Verlaub, seinen Raum belassen. „Denn“, so die beiden Germanistik-geschädigten Bibliophilen und Leseliebhaber, „sogar manche Passage in Homers Werk oder in der Bibel ist kaum was anderes als eine ziemlich vulgäre Räuberpistole! Das ist weitestgehned effekthaschende, billige Trivialliteratur!“

Fazit: Literatur, bei Treibjagden geschossen (erlegt, gemordet, wie auch immer …) und dann nach Art des Hauses gebeizt, die lag weder Albrecher noch Freund Morgengruen. So war das nun einmal. Und just deshalb hatte Hanns Albrecher sich damals, als junger Student, auch sehr rasch und ziemlich angewidert von der Sprachwissenschaft (was zu sein die Germanistik auch damals kühn von sich behauptete) ab- und mit einigem Elan anderen geisteswissenschaftlichen Fächern zugewandt: der Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie. Auch wenn sich ihm alsbald sogar in diesen Disziplinen diverse gedankliche Verdrehtheiten und Bizarrerien offenbarten. Schließlich landete Dr. Hanns Albrecher als Lektor in einem durchschnittlich renommierten Kunstverlag. Was ihn indes à la longe auch nicht wirklich zu befriedigen vermochte.

Doch ermöglichte ihm schließlich die üppige Erbschaft nach einem aus heiterem Himmel aufgetauchten, den offiziellen Papieren nach soeben verstorbenen Onkel (oder Groß-Cousin, wie auch immer) aus den Vereinigten Staaten von Amerika ein absolut gesichertes Auskommen bis ans Lebensende. Dieser vor vielen Jahren ausgewanderte Verwandte, ein gewisser Bruno W. Engelhartinger (aus Albrechers mütterlicher Linie), hatte drüben irgendein gescheites Rotationsdruckverfahren erfunden oder entwickelt, dessen Patent ihn vor Jahrzehnten schon zum mehrfachen Dollar-Milliardär gemacht hatte. (Bravo, Onkel Bruno!)

Dass Morgengruen, den Hanns Albrecher zwar zu Studienzeiten nie persönlich kennengelernt hatte, sondern erst viel später dann, im „Rüssel“, die Germanistik durchgestanden hatte und trotzdem immer noch gerne las, sollte für den Freund für immer ein Rätsel bleiben; doch die schönen Gespräche und hitzigen Diskussionen mit dem trefflichen Mit-Zecher sogar ärgsten Fusels wollte er bald schon nicht mehr missen. Vielleicht just, weil die beiden Doctores dabei ziemlich verbissen stritten, sodass nicht selten die literarischen Fetzen flogen … (Gut, bei Thomas Mann waren sie sich, was Länge respektive Kürze betraf, weitgehend einig, und da schienen die Rayons auch ordentlich abgesteckt.)

Ach, die Sprachwissenschaft, insbesondere die Germanistik! Arm jeder, den sie krakenhaft umfängt, nur weil er sich als Literaturliebhaber zu erkennen gegeben hat! Da zappelt er nun in der Linguisten-Falle wie die Fliege im Spinnennetz. Denn die Germanistik geht nun zielgerichtet und verbissen daran, ihm seine unschuldige Freude am Lesen sukzessive zu rauben; mittels diverser heimtückischer Tricks und übler (schein)wissenschaftlicher Machinationen – etwa durch suggestive Textanalysen, grenzwertiger Methoden semantischer, grammatikalischer, syntaktischer oder gar ästhetischer Gewaltanwendung et cetera. (Man verzeihe diese kurze Klage-Wiederholung! Albrecher ist mitunter schon etwas vergesslich. Wir auch.)

Es wird schon stimmen, dass, vorsichtig geschätzt, 99,9 Prozent aller Literatur von den biblisch-legendären Tafeln mit den Zehn Geboten Jehovas oder dem weniger biblisch-legendären als juristisch bedeutsamen Kodex Hammurapi über Karl Marx, Karl May und Johann Wolfgang von Goethe bis zu Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling, zu Dan Browne, Rosamunde Pilcher und der UN-Menschenrechtskonvention – oder was wir sonst alles (und sei es noch so grenzwertig) – als Literatur (zumindest als geschriebenes Wort) gelten lassen wollen, schier gar nichts zur Beseitigung der Missstände auf Erden oder zur Verbesserung der Situation, in der wir uns alle befinden, beizutragen imstande ist. Außerdem: Vieles, was sich im Gilgamesch-Epos oder in der Edda, im Nibelungenlied, oder in der Illias und in der Odyssee finden lässt von permanent allzumenschlich re(a)gierenden Göttinnen und Göttern, Halb-Göttern, skurrilen Helden und anderen Hohlköpfen entspricht doch weitgehend dem ansonsten so giftig beschimpften und naseberümpften Literatur-Schund und ist letztlich – freilich durch Alter und wissenschaftliche Beschäftigung geadelter – Trivialschmus!

Doch immerhin mag die eine oder andere geschriebene und gedruckte Idee – klassisch per Buch, im sogenannten (und die längste Zeit entsprechend geschmähten) Schundheft, oder verpackt als Comic, womöglich auch als E-Book oder von Kindle digital verarbeitet et cetera – den einen oder anderen (auch die eine oder andere, selbstverständlich!) zu erfreuen; aufzuheitern; froh zu stimmen oder nachdenklich … Und das ist immerhin etwas. (Gewiss, auch diesen Gedanken hatten wir schon. Aber: Doppelt hält bekanntlich besser!)

Der Leser soll lachen, lächeln, weinen, mitzittern, mitleiden oder auch bloß ein (gutes) Gefühl beim Lesen entwickeln dürfen. Ohne notwendigerweise an das Gewicht oder die Geringfügigkeit des Plots, an den stringenten oder holprigen Erzähl-Rhythmus, an den ach so heiligen Motive-Katalog oder die geniale oder eher banale Brechung in der hinlänglich bekannten, ergo gängigen (oder just diesmal überraschend andersartigen) Stoffverarbeitung denken zu müssen! Auch jedwedes Ranking (oh Teufelszeug!) ist hier durchaus entbehrlich, und die Bewertung – oder besser: Abwertung – des Autors ist vollkommen überflüssig!

Dem Lesefreund muss außerdem nicht suggeriert werden, dass er, wenn er etwas Bestimmtes liest, gleich ein Trottel ist; wenn er solches selber merken sollte – nun ja, dann wäre das wohl kein so negativer Effekt …

Auch ob er sich in ein herkömmliches literarisches Muster hinein-gelesen (oder auch hinein-verirrt) hat, ob er dabei irgendwo in der Post-Post-Moderne gelandet ist oder in anderen, womöglich gar hermeneutischen Gefilden, soll dem Literaturgenießer egal sein.

Er möge sich wohl fühlen. Oder er sei gerührt. Bewegt. Belustigt. Fuchsteufelswild.

Alles andere ist Kacke! Germanisten-Kacke!

Allein schon die ständige penetrante Anbetung des sogenannten literarisch Ernsten, des Erhabenen in der Literatur, wie sie in Germanisten-Kreisen üblich ist, störte die beiden Leseenthusiasten über die Maßen. Ging es dabei doch – quasi allen Ernstes! – um einen Ernst, der, folgend einem strengen Germanisten-Gebot, in literarischen Erzeugnissen zu finden sei; die sich indes nicht selten alsbald als lediglich langweilig und inhaltsarm sowie oft genug als weitgehend spannungslos entpuppten. Hand in Hand damit erfolgte in aller Regel die weitestgehende Ablehnung alles Satirischen oder gar Unterhaltsamen. Witz, auch nur in einigen seiner vielen Bedeutungen, entsprechend also humour, Humor, Geist, Esprit et cetera (siehe: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“, 23. Aufl.), war zudem strengstens verpönt. (Vielleicht, weil vielen Sprachwissenschaftlern der Witz überhaupt fehlte?!)

Die ständige, penetrante Anbetung des ach so Ernsten, angeblich Hehren, vermeintlich Hohen! Sie desavouierte, gepaart mit der dauernden Beschimpfung des Satirischen und Humorvollen, letztlich freilich nicht die unterhaltsame Literatur, sondern die selbstgefälligen, hohlköpfig-bierernsten Literaturwissenschaftler und -kritiker selbst.

Welchen Reiz entströmten, verglichen mit manchem hochgelobten pseudo-intellektuellen Lufttext, da etwa Christian Morgensterns grazil irrlichternde „Galgenlieder“, Joachim Ringelnatzens gleich federleicht wie erdig versoffene Seefahrer-Gesängen oder Fritz Graßhoffs ehrlich verhurte „Halunken-Postillen“!

Ja, die beiden Greise waren sich einig in ihrer Verdammung der sogenannten Sprachwissenschaft. Besonders der Germanistik. Und in ihrer Vorliebe für das Gulasch.

Zwar durfte Mirko Mirković nicht eben als verlässlichster aller Hersteller dieser vergleichsweise göttlichen Speise gelten; doch im Verhältnis zu seinen diversen Gesöffen auf dem Bier-, Wein- und besonders auf dem ausgesprochenen Fusel-Sektor, da ließ sich sein Gulasch nicht einmal so ungenießbar an. Nein, es war im weitesten Sinn passabel.

Von Erhabenheit zwar meilenweit entfernt, doch auch nicht nach Leere schmeckend, verhalf Mirkos rötlich-schlieriges, recht intensiv riechendes Gulasch, wenn schon nicht zu Glück, so doch zu einer gewissen Sättigung. (Einem Zustand, der bekanntlich allem guten Ende durchaus verwandt ist.)

Erhabenheit, Gulasch und Ende

(Ja, natürlich! Natürlich wäre so eine saftige [Gulasch-]Handlung – Mord, Doppelmord, Totschlag, Doppeltotschlag und dann die Lehre daraus und die Leere später, pipapo et cetera -, natürlich wäre das alles schön [auch erzähltechnisch!] und von der Schreibtechnik her direkt verführerisch; wohl auch für die Leselust recht gut brauchbar; anstachelnd, womöglich … Aber: Woher nehmen und nicht stehlen?! Wir wollen ehrlich sein: Wir lügen lieber. Daher nur noch kurz die [wenig attraktive] Wahrheit: Das im Folgenden auftretende Ehepaar Helga und Ehrenfried Immermann ist tatsächlich stink-langweilig, kreuzbraver Durchschnitt und alles andere als ein Mörder-Pärchen. Leider – was da so alles erzählt werden wird, ein paar Zeilen weiter unten, ist somit auf eine andere Art unwahr als das meiste vom anderen. Wir weisen auf diesen Umstand ausnahmsweise explizit hin. Soll nachher niemand sagen, er sei – besonders, was das Ehepaar Immermann betrifft – womöglich bewusst in die Irre geführt worden. Uns ist allerdings durchaus klar, dass wir faktisch quasi eine Art Zwischendecke der Fiktion innerhalb der Gesamtfiktion einziehen, um das – warum auch immer – sozusagen: architektonisch auszudrücken. Danke für Ihr Interesse!)

Es gab eine ganze Reihe von komischen Vögeln im Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“. Immerhin hätten ja auch Hanns Albrecher und Stephan Morgengruen – zumindest für Außenstehende und aufs erste Hinsehen – alles andere als normal gewirkt. Freilich, Außenstehende kamen nun einmal nicht in den „Rüssel“, Außenstehende blieben, wie der Name sagt, draußen stehen … Doch im „Rüssel“, also drinnen, rieb man sich grundsätzlich nicht an Absonderlichkeiten. Im Gegenteil, man nahm sie an und hin; wenn sie einem überhaupt auffielen.

Im „Rüssel“ rümpfe niemand über den anderen die Nase; oder zumindest nur selten …

Angeführt wurde das Kabinett der Absurditäten (wie Albrecher und Morgengruen die leicht bizarre Gesellschaft in ihrem Stammbeisel entre nous gern nannten) stilecht vom Wirt selbst. Denn der wassersüchtige Leberzyirrhosant, Alkoholiker und früh schon im Dienste ergraute Kneipier Mirko Mirković gab nun einmal ein gewisses Level vor.

Aber auch die noch relativ junge Kellnerin Monique Knofelzaucher, ein sogar in Maßen adrettes Wesen mit roten Haaren, darin grün-blaue Strähnchen wucherten, verfügte über erstaunliche Qualitäten, die man ihr aufs erste Hinsehen vielleicht gar nicht zugetraut hätte: Monique war eine ausgesprochene Musikexpertin. Allerdings nicht etwa in Sachen Heavy Metal, Fusion, Hard Rock oder gar Hansi Hinterseer, sondern zutiefst hörselig, wenn sie daheim akustisch in Spätromantik, Symbolismus und in den Klängen vom Anfang des 20. Jahrhunderts badete. Ihr eindeutiger Favorit dabei seit Jahren schon war Claude Debussy. Und Monique erzählte Albrecher, der ihre diesbezüglichen Vorlieben damals schon seit einiger Zeit erkannt hatte (wir wollen nicht ergründen, wie …), dass sie gerade ein neues spannendes Buch lese; nein, keinen Krimi, sondern eine recht kuriose Biographie des bahnbrechenden französischen Komponisten in einer noch kurioseren, weil trilingualen Ausgabe; in deutscher, französischer und englischer Sprache. Dabei handelte es sich um „Claude In The Cloud“ des skandinavischen Musikwissenschaftlers Peer-Søren Stromkaart. Der (deutsche) Untertitel las sich besonders einnehmend: „Eine wolkige Annäherung an Debussy“ …

Monique lieh Hanns Albrecher das Buch, und auch er fand es interessant, obschon er bis dato keinen besonderen Draht zu Debussy finden hatte können (woran sich allerdings auch nun, nach der Lektüre, nichts entscheidend änderte). Nein, Albrecher neigte mehr zu Scott Joplin, Igor Strawinsky oder George Gershwin, aber auch den diversen Bachs, konnte sich indes durchaus auch für Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Nepomuk Hummel und die Wiener Strauß-Dynastie erwärmen. Komisch. (Warum eigentlich – komisch?!)

Natürlich gaben auch die anderen, die sich irgendwann, meist schon vor Jahren, den „Rüssel“ zur Stammkneipe erkoren hatten (oder einfach hier notgelandet waren, weidwund und flügellahm), zur kritischen Beobachtung einiges her an Staunenswertem. Es war ein immer wieder überraschendes Kaleidoskop der sich ständig überpurzelnden bunten Glassplitter des Menschlichen, das sich da zum voyeuristischen Durchschauen förmlich anbot; Durchschauen oder Durchschauen – das war hier die Frage … Nicht ganz ungefährlich, immerhin. So, als wäre das besagte eines von des Glasschleifers Coppolla teuflischen Instrumenten in E. T. A. Hoffmanns schaurig-schöner Erzählung „Der Sandmann“ …

Tatsächlich gab es immer wieder überraschende Kombinationen, neue, noch nie zuvor gesehene, oft zauberisch Spiegel-gebrochene Figuren und Ornamente, gebildet aus menschlichen Zustandsfacetten. Zudem blieb, da seit geraumer Weile im „Rüssel“ jeder jeden kannte, quasi alles in der Familie. Zumindest langweilig wurde es hier kaum jemals. (Außerdem waren alle Subjekt und Objekt zu gleich: Betrachter und Betrachtete. Reizvoll!)

Ob Alexander Hallwachs, der versoffene Briefträger, der, wie man munkelte, seine Wohnung mit Tausenden von Ansichtskarten, Briefen, aber auch mit (angeblich wichtigen) Einschreiben und amtlichen Zusendungen, kurz: mit allerlei Poststücken tapeziert hatte; oder die uralte Schnapsdrossel Lydia Bałođsynzkája, die, so ging die Mär, dereinst als polnisches Ballettwunder gehandelt worden war, noch in Warschau, in den 1960er Jahren, und – gefühlter wie ersehnter Weise – mit einem Bein schon beim Bolschoi-Theater in Moskau mittanzte; oder Gandolf Rosenberger, der schiefnasige gewesene Fliegengewichts-Champion, der bisher leider noch vor jedem Kampf gekniffen und sich sukzessive dem Suff ergeben hatte und nunmehr ziemlich erfolglos als Hobby-Imker und Kakteenzüchter sein Glück versuchte; oder der ehemalige Opernsänger Holger-Clemens von Caserlow aus Berlin, der an einem hohen C gleich mehrmals an einem Abend gescheitert, schließlich in eine Art stimmlosen Wahnsinn verfallen war und nun in gewisser Weise an der Flasche hing. (Immerhin sang er nicht mehr; wie auch Lydia nicht mehr tanzte, Gandolf nicht mehr boxte oder Alexander nicht mehr nicht zustellte.)

Ein besonderer Vogel unter den besonderen Vögeln war freilich Herr August, der ewige Jungdichter. Das war ein innerlich wie äußerlich dunkler Geselle, der in Wahrheit Widukind Mostler hieß und bisher so gut wie für nichts eine wirkliche Begabung zu zeigen imstande war. August hatte mit seinen schätzungsweise fünfundvierzig Jahren schon einiges hinter sich; so war er zum Exempel Studienabbrecher mehrerer Fakultäten, gescheiterter SPAR-Verkäufer, Ex-Reisender in Lesezirkel-Abonnements und außerdem unehrenhaft geschaßter Busfahrer-Aspirant der Städtischen Linien. Herr August dichtete meist im Slibo-Rausch und angetörnt durch diverse Billig-Drogen. Was? Na, so allerlei Sinnloses eben; das indes unter dem zusätzlichen Manko zu leiden hatte, auch nur irgendwie originell zu sein. Seinen (sagen wir vorsichtig: miesen) Schreibresultaten musste daher ihre Minderwertigkeit auch gar nicht erst per germanistischer Expertise nachgewiesen werden. Nein, man merkte Herrn Augusts Œuvre aufs erste Hinhören (oder -sehen) die weitestgehende Talentlosigkeit des Verfassers an. Dennoch galt er unbestritten als Hausdichter in Mirkos „Rüssel“, was über alle Beteiligten ziemlich alles aussagte: über Herrn August, sein Werk, Mirko Mirkoviċ und das heruntergekommene Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“ insgesamt.

Ein seiner – des Hausdichters – durchaus würdiges Hausgedicht bestand übrigens aus den Kapitelüberschriften der vorliegenden Albrecher-Geschichte, freilich fein säuberlich geschüttelt, gerührt und gemixt sowie in diversen Schrift-Typen, Schrift-Größen und Schrift-Graden auch schreibtechnisch quasi eine Wucht:

Leere, Glück und Erhabenheit

Glück, Erhabenheit und Gulasch

Erhabenheit, Gulasch und Ende

Leere, Glück und Erhabenheit

Glück, Erhabenheit und Gulasch

Erhabenheit, Gulasch und Ende

Ende, Gulasch und Erhabenheit

Gulasch, Erhabenheit und Glück

Erhabenheit, Glück und Leere

Ende, Gulasch und Erhabenheit

Gulasch, Erhabenheit und Glück

Erhabenheit, Glück und Leere

Ein spät-dadaistischer Scheißdreck, eigentlich der Erwähnung nicht wert, hätte das mehr als fragwürdige Dichtwerk nicht eines Tages quasi als Flugblattüberschwemmung das ganze Vorstadtviertel überflutet – aus gleichsam heiterem Himmel. (Doch der Himmel ist bekanntlich meist ohnehin nur mehr in der Redewendung heiter. Ansonsten dominieren ihn, wie man weiß, Bedecktheit und Düsternis.)

Nun, die angerichtete Umweltverschmutzung war dann nicht einmal so gewaltig, wie zunächst zu befürchten gewesen war und es geschienen hatte. Und als dann endlich die Sonne wieder schien (welch hübscher Verbal-Übergang. Geschienen – schien!), machten sich die Reste der Papierfetzen, es war ja erst Frühling, als Blumenersatz noch dazu recht passabel aus. (Auch wenn manche Leute angesichts des potenziellen Gefahrenherdes Papier grundsätzlich immer wieder die Angst überkommen mag. Deshalb wohl finden auch die vielen Bücherverbrennungen statt: Besonders manche Diktatoren spüren instinktiv den Zündstoff, der im gedruckten Wort verborgen liegt, und wollen ihn entschärfen, indem sie das Trägermaterial zum Brennmaterial erklären …)

Kurz: Es tat sich von Zeit zu Zeit etwas im schon ziemlich heruntergekommenen Wirtshaus „Zum schweinischen Rüssel“ des ebenfalls schon ziemlich heruntergekommenen Mirko Mirković und in dem von Claude Debussy vertonten Schatten der Kellnerin Monique. (O ja.)

Doch waren die oben genannten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft (noch relativ) harmlos einzustufen. Mein Gott, Leutchen eben mit ihren Marotten, Ticks und Eigentümlichkeiten, mit ihren Ängsten, Phobien und Neurosen … Doch weitgehend harmlos, ohne Frage.

(Achtung! Jetzt kommt die Unwahrheit!)

Nicht so jedoch verhält es sich bei Helga und Ehrenfried Immermann, die sich längst schon (zumindest in einigermaßen eingeweihten Kreisen) als „Bonnie & Clyde II.“ einen mehr als unrühmlichen Namen gemacht hatten.

Sie kamen zwar nur sporadisch in das ansonsten so harmlose Beisel, wo sie dann auch nicht weiters auffielen, sollen jedoch in Wahrheit die berüchtigten Rentner- und Jogging-Mörder gewesen sein, die eine Zeit lang die ganze Gegend in ihrem schlechten Atem hielten, bevor sie – – – (Halt!)

Wurden sie denn überhaupt – – – (gefasst)? Oder war alles ohnedies bloß eine Verkettung ungünstiger Missverständnisse, gebündelt zu Gerüchten – und nichts dahinter? Ein aus Bosheit oder Idiotie in die Welt gesetzter Verdacht, der lediglich von ein paar Medienhalbwahrheiten gestützt wurde und sich mittels Mund-zu-Mund-Behauptung eine Zeit hindurch recht überzeugend am Leben erhalten konnte, bevor er sang- und klanglos erstarb? (Außerdem: Wer weiß schon, ob da überhaupt irgendetwas dran war?!) (Richtig!)

Hm. Nun, die irgendwie bizarren Eheleute Helga und Ehrenfried Immermann waren ein durch tiefsten, beiden in schönster Harmonie gemeinsam innewohnenden Menschenhass zusammengeschweißtes Paar. Wobei der Hass wiederum aus einem Gutteil Langeweile, aus Spuren von Dummheit sowie vermutlich tatsächlich aus extrem schlechten (genetischen?) Voraussetzungen herrührte. Und wenn sie nach außen hin auch ganz nett taten, sie, die gar nicht unhübsche Sekretärin Anfang der Vierzig, und er, der der graumelierte, im weitesten Sinn sogar seriös wirkende Buchhalter, so hatten sie es doch mehr als bloß faustdick hinter den Ohren; und sie waren zudem mit allen unsauberen Wassern gewaschen. Bizarr eben. (Freilich, es gilt die Unschuldsvermutung.)

B & C II. verfolgten, so wollte es zumindest die Fama eine Zeit lang wissen, mit Vorliebe Pensionisten, aber auch kleine Kinder. Vor allem jedoch Jogger und Nordic-Walker passten angeblich hervorragend in ihr Beuteschema. Besonders die schweißtriefenden, die laufenden und mit schwindender Energie, aber in nie erlahmendem Gottvertrauen vor sich hin stapfenden Senioren mit ihren lächerlichen Stöcken und die meist schon grenzdebilen, allemal grenzsenilen Renner, sie waren ihre ausgesprochenen Lieblinge! Ihnen widmeten sie, ähnlich ambitionierten und auf flatternde Beute gierigen Insektensammlern, ihre besondere Aufmerksamkeit; und in alter, bewährter Manier der Naturwissenschaftler sollten die potenziellen Opfer erst getötet, dann – wenn auch nur im übertragenen Sinn – mittels Nadeln in hübschen Schaukästen präsentiert werden; bei B & C II. waren dies – wiederum: dicitur – CDs mit Digitalfotografien vom jeweiligen Tatort.

Als Arbeitsterrain bevorzugten die beiden Meuchler dabei die gängigen Jogging-Meilen (meist am frühen Morgen), aber auch Parks und kleine Waldungen (zu später Stunde); mitunter, wie im Falle Sentas, drangen sie allerdings auch in Häuser oder in die Hütten der Schrebergärten ein, um ihr gräßliches Werk zu vollführen.

Das ist eine widerliche Generation von Flüchtenden“, sagte Ehrenfried Immermann, alias Clyde II. immer wieder gerne.

Nur dass man bei diesen Mitläufern nie genau weiß, ob sie jemandem hinterherlaufen oder vor jemandem fliehen!“, ergänzte Bonnie II., wenn sie so redeten.

Genau! Vielleicht laufen sie hinter dem Glück her – und somit uns direkt vor Kimme und Korn“, resümierte Immermann.

Dann tranken sie. (Zum Glück für sie hörten die anderen ihr leises Gespräch nicht.)

Übrigens: B & C II. überflügelten ihre Vorbilder numerisch durchaus und brachten es binnen relativ kurzer Zeit auf gut dreißig Morde. Dennoch blieb ihre Popularität bescheiden; nicht zuletzt, da die öffentlichen Stellen (Polizei, Justiz und Politik) alles tunlichst zu vermeiden trachteten, was womöglich zu Panik oder gar Verlust des Vertrauens in eben die offiziellen Einrichtungen führen hätte können …

(Aus diesem Grund wurde der vorige Absatz auch gestrichen. Und: Versuchen Sie bitte, alles zu vergessen, was Sie bisher über das Ehepaar Immermann gelesen oder gehört haben! Schon in Ihrem eigenen Interesse … Selbstverständlich sind die beiden keine Mörder. Oder – zumindest bis jetzt noch nicht. Danke!)

Bonnie Elizabeth Parker und ihr Partner Clyde Chestnut Barrow hingegen, die zur Zeit der Weltwirtschaftskrise durch ihre Raubzüge und Verbrechen in einigen Bundesstatten der USA auf sich aufmerksam machten (darüber lässt sich jede Menge recht leicht er-googeln), gelangten sehr wohl zu erstaunlicher Popularität; zuletzt war ihnen, auch wenn sie sich nichts mehr davon abschneiden oder dafür kaufen konnten, sogar ein gewisses Maß an Mitgefühl sicher. Mitgefühl, das allerdings weniger ihren Verbrechen galt, die ohne Zweifel abgelehnt wurden, als vielmehr auf ihrer partnerschaftlichen Vorgangsweise gründete.

Der von ihnen selbst (zumindest mit-) aufgebaute Mythos des zusammengeschweißten Gangster-Pärchens, das immer bereit war, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen, verfing bei der breiten Öffentlichkeit; bei lauter Leuten, denen es im Grunde nicht viel anders erging, als es den beiden Verbrechern ergangen war, bevor sie sich auf ihren Weg machten und ihn dann konsequent verfolgten. Dabei schien beiden durchaus klar zu sein, wohin sie ihre Verbrechen zuletzt führen würden: Dass nämlich ihr gemeinsames Tun auch im gemeinsam Tod im Hagel von Polizeikugeln enden werde, stand immerhin fest.

Sie lieferten den Cops, geschickt, kühn und fintenreich, ein wahres Katz-und-Maus-Spiel.

Bis zum 23. Mai 1934, 9:15 Uhr. Da nämlich durchsiebten 167 aus Polizeiwaffen abgegebene Projektile das Pärchen beim Black Lake in Louisiana.

Man hatte das prominente Verbrecher-Duo in Clydes super-schnellem Ford V 8 (Modell 18, Baujahr 1932), mit dem er den Verfolgern bisher stets spielend entkommen war (wofür er sich sogar bei der Firma Ford per Schreiben bedankte, in welchem er den Wagen explizit lobte!) in einen Hinterhalt gelockt. Sonst hätten sie die Polizisten vermutlich nie (oder zumindest nicht so rasch) erwischt und ausgeschaltet…

Jetzt wurden sie selbst regelrecht hingemeuchelt. Chancenlos.

Doch die beiden Verbrecher wurden zum Mythos und reizten – in gewisser Weise, ein bisschen paradox sogar – zur Empathie. Und als US-amerikanisches Parade-Gangsterduo während der 1930er Jahre, als Legende gewordenes Paar „Bonnie & Clyde“, gelten die beiden bis heute als die vermutlich bekanntesten Outlaws während der Weltwirtschaftskrise; dieser Public Enemy Era, wie man die Zeit nachher auch gern nannte.

Ein wenig verwunderlich mögen die Popularität wie das Mitgefühl dabei wirken, hatten Bonnie Parker und Clyde Barrow doch bei diversen Einbrüchen und Raubzügen, wobei sie sich meist Lebensmittelgeschäfte, Tankstellen und kleinere Banken aussuchten, immerhin so nebenher auch vierzehn Morde begangen …

B & C II. wurden bis jetzt noch nicht gefasst. (Sehen Sie: Die wurden bis jetzt noch nicht gefasst. Also können sie auch keine Mörder sein! [Aber: Wer sind dann die beiden, Helga und Ehrenfried Immermann, die immer wieder mal im „Rüssel“ sitzen und zechen?! Sie sehen, wie Klatsch und Tratsch und Fama wirken …])

*

Quasi als Nachtrag sei angemerkt, dass Hanns Albrecher zu töten zunächst gar nicht in der Absicht des mörderischen Paares gelegen hatte – um wen es sich bei den beiden auch immer handeln möge (und woher wir das wieder zu wissen vorgeben). Doch da der betrunken nach Hause wankende Ex-Germanist, aktive „Rüssel“-Stammgast sowie Alkohol- wie Lesefreund zufällig Zeuge eines ihrer späteren Jogger-Morde (an dem weitestgehend unbeteiligten, ebenfalls betrunkenen Rauchfangkehrer Alois Preinsackl) geworden war, musste eben auch Albrecher daran glauben. (Obschon der total Besoffene ohnedies nichts mitbekommen hatte vom unfreiwilligen Abgang des Schornsteinfegers; in seinem Zustand. Schicksal.)

(Auch dieser Absatz wird polizeilich unterbunden. Danke!)

So gesehen hat alles dann doch wieder seinen Sinn.“ Das zumindest, schien es Albrecher (als er glaubte, dass es nun tatsächlich ans Sterben gehe und da lag, blutend und mit den tödlichen Immermann-Kugeln in der alten Brust), höre er von jemandem neben sich halblaut sagen. (Wer war es? Keine Ahnung …) Und: „Mein Herz ist klein, darf niemand hinein -“

Ja, das mit dem Sinn …, und mit der Metrik …, mit der Trivial- und Banalliteratur! Und besonders das mit der Leselust. Leselust! Lese-

Einerseits:

Ja. Natürlich – der Sinn. Ohne Sinn darf einfach nichts sein. Und – zugegeben – auch der Nonsnes ist zumeist konstruiert. (Überhaupt tut man gut daran, dem sogenannten Sponanen zu misstrauen – beziehungsweise der behaupteten Spontaneität!)

Anderseits?

Doch wie soll man da – womöglich lang und breit (und quasi germanistisch) – über den Sinn schwafeln, wenn man bald, todsicher, gleichsam von Sinnen sein wird, bitte schön?! Versetzen wir uns in die Situation des gerade, laut Fama, zu Tode kommenden Albrecher! (Als ob sein beinahe dauerndes Betrunkensein nicht schon schlimm genug wäre und sich negativ auf die Bereiche Sinneswahrnehmung, Sinnverarbeitung und Sinngebung auswirkte!)

Lasst mich doch ihn Ruhe!“, flehte Albechers nunmehr tatsächlich (?) toter Blick.

Endlich. In. Ruhe.

Na, gut. (Ein behördlicher Nachtrag: Auch für diese Passage gelangt das weiter oben zitierte Polizeiverbot zur Anwendung. Ein Nachtrag zum Nachtrag: Außerdem gilt, was das Ehepaar Immermann [B & C II.]betrifft, wie schon erwähnt, weiterhin die Unschuldsvermummung.)

*

Nein, nein“, sagte Albrecher zu seinem Freund Morgengruen, „ich bleibe dabei: Thomas Manns Novellen und Erzählungen – ja! Aber mein dezidiertes Nein zu seinen Romanen!“

Ach, du bist und bleibst ein Banause!“, erwiderte zwinkernd sein Gegenüber.

Geh, du – Germanist!“ Auf diese, ebenfalls nur halbernst gemeinte Beleidigung Albrechers blieb Morgengruen, innerlich kichernd, eine äußerlich merkbare Reaktion schuldig.

Sie tranken lieber weiterhin einträchtig Mirkos gefährlichen Fusel.

E N D E

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