A c h t u n d d r e i ß i g e r

oder

Das Tribunal

Eine Bargeschichte

 

von

BERND SCHMIDT

© by Bernd Schmidt, 2003

Körblergasse 37

8010 Graz

AUSTRIA

 

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Johann W. von Goethe, „Faust I“

*

Also immer nach dem Grundsatz der

klassischen drei Bestandteile eines Cocktails:

Basis, „Modifier“ und „Flavouring agent“.

Charles Schumann, „American Bar“

*

 

I

Hallo, Dolly! Wieder einmal was los, wie?!“ – Und doch: etwas gedrückte Stimmung, scheint mir … Na, möglich, dass ich mich irre … – „Ah, Dolly, weißbeschürzter guter Geist aus der schönen Weststeiermark, schwirrst wieder in den von dir so hoch verehrten Wintergarten ab? Viel Stress heute? – Ach, es geht noch, na ja, ist ja noch nicht einmal acht Uhr abends. Doch was nicht ist, kann noch werden … Ich wünsche es dir jedenfalls. Ciao!“ –

Entschuldige, bitte, du! Aber die Dolly kenne ich schon seit Jahren, ja, wirklich! –

Manfred mixt. Wie immer. (Ist schließlich seine Aufgabe, der er – zugegeben – mit Engagement nachkommt.)

Für mich? – Eine Margarita.

Ja, und was nimmst du? – Aha, du hast dich noch nicht entschieden. Bitte, lass´ dir ruhig Zeit. Gerade an einer Bar soll man sich immer Zeit lassen. Dazu geht man schließlich in eine oder an eine Bar. Wer es eilig hat, der ist dieserorts ohnehin fehl am Platz. Dem Eiligen, dem Hastenden, dem bleiben die wahren Freuden dieser Lokation der Muße a priori verschlossen.

An den Ort, den die Bar beschreibt, sollte nur gehen, wer Zeit hat – und diesen Zustand des Zeit-Habens auch genießt. Das beginnt beim Eintreten, ergänzt sich durch das Erklimmen eines Hockers, setzt sich fort über den mit Kalorien drohenden Griff in die Schale mit den gesalzenen Erdnüssen oder in die mit den Kartoffel-Chips, reicht hin bis zum gezielten Hineinlangen in die Zigarettenpackung, zum Ergreifen des Feuerzeugs oder der Zündholzschachtel, zum Herausholen von Zigarren oder Zigarillos und dem gekonnten Entflammen des Feuers. Dazwischen: die Bestellung. Das Ritual endet fürs Erste einmal mit dem – bei aller Dezenz doch ein bisschen neugierigen – Schweifen des Blicks in die Runde …

Es lässt sich verdammt gut abschalten hier, hier im spiegelnden Rund der Flaschen – Rum (Bacardi, Havana Club, Myers´s, Pott, Stroh), Absinthe, Cognac (Bisquit, Courvoisier, Hennessy, Rémy Martin), Aguardente, Metaxa *****, William´s, Aquavit, Gin, Wodka (Absolut, Smirnoff, Stolichnaya, Wyborowa), Whisky und Whiskey (Lagavulin, Glenfiddich, Oban, Ballantine´s, Chivas, Dimple, Grant´s, Teacher´s, Wild Turkey), Tequila (Almeca, Olmeca, Sierra), Likör (Bols, Spitz & Co.) …, alles mal vier, fünf, sechs, versteht sich! Angesichts der Shaker, Mixing glasses, Blender, Wooden Muddler et cetera, der diversen Mess-Utensilien, der Früchte, Zuckerkaraffen und Sirupflakons, der Gläser, Löffel und Messer ist gut sein.

Manfred ist da – er ist klarerweise fast immer da, es sei denn, er hat seinen freien Tag oder Urlaub. Ja, oder der Kerl macht gerade eine Rechnung fertig, holt für spezielle Rauchwünsche die Zigarrenbox her oder, was weiß ich, geht aufs Klo. Darf er wohl auch einmal. (Ist mir indes – und zugegeben – bisher noch gar nie aufgefallen …)

Dann ist da dieser irgendwie seltsame dicke, verschwitzte Typ mit den beiden jungen Männern in Armani-Anzügen. Dann der Vertreter – oder ist der nicht Pilot, genau, Privatpilot, hat er mir selbst einmal in einer getränkereichen Nacht erzählt. – Servus, alter Freund! – Wenn ich nur wüsste, wie er heißt … – Nicht zu vergessen: die nicht mehr ganz junge Soubrette, also besser: Ex-Soubrette … St. Pölten, glaube ich, wie St. Pölten längst noch keine Landeshauptstadt war … Oder Baden bei Wien? Und ihr Ehegespons; er ist Geschäftsmann, denke ich. No, natürlich die schrullige Alte, die man öfters hier sieht und die wieder einmal leicht hinüber ist. Ach, die vier von diesem Manager-Seminar, das im Hotel tagt, zu dem die Alkoholoase gehört, und die um die langbeinige, prallbusige Rothaarige buhlen. Nun ja, sie baggern die aparte, auffällige, nur ein wenig grelle junge Dame jedenfalls ganz gehörig an – oder vielleicht eher ungehörig?! – Junge Dame? Na, so jung ist die auch nicht mehr …

Ja, und du. Und dann noch ich.

Sonst noch wer?

Doch, der Nachtportier ruft etwas herüber, was wie „Genau, ein Freitag war ´s“ klingt, und die junge, erst kurz angestellte Serviererin – sie heißt, wenn ich mich nicht irre: Heidi – fragt den Manfred um irgend eine Auskunft. – Aha, du bestellst also einen Mojito. Die Minze duftet bis an den Tresen heran, herrlich …

Es ist erst kurz vor acht Uhr abends, also keineswegs etwas so Ähnliches wie Hochbetrieb.

Und doch.

Also, ich sage, es ist ein Schuss gewesen. – Nein, das war bestimmt kein Sektkorken. Hör´ einmal, Manfred lässt doch keinen Sektkorken knallen – bei seiner diesbezüglichen Übung! Das macht vielleicht unser Hausmeister zu Silvester, aber nicht Manfred. Nein, nein, das war ein Schuss, da bin ich mir wirklich ganz sicher! Er klang nicht sehr laut. Aber es war ein Schuss. Ich bin mir da zu hundert Prozent sicher. Und hundert Prozent sind sogar in dieser prozentreichen Umgebung hier sehr viel …

Ich erkenne doch einen Schuss und kann ihn vom Knallen eines Sektkorkens unterscheiden. – Ob es ein Revolver war oder eine Pistole? Also, Waffenexperte bin ich natürlich keiner. Aber ein Schuss, ein sozusagen solistisches Geräusch, das war es. Da bin ich mir – wie gesagt – total sicher. Ein endgültiger Schuss aus einer Handfeuerwaffe … Total sicher!

Anders verhält es sich bei Farben. Da kann man mir gleichsam ein optisches X für ein U vormachen – besonders in der Dämmerung. Ein blauer Grünton ist da für mich bald eher ein grüner Blauton. Oder umgekehrt. Und auch die Schattierungen von grau, ockergrau, anthrazit, grauschwarz, schwarzbraun, lehm-schleimig, dunkel-kotig et cetera verleiten mich immer wieder zu Fehlangaben. Leider.

Mit meinen Ohren indes ist alles in Ordnung. Tatsache. Ein Schuss ist ein Schuss, und ein Knall, zumal der einer Champagner- oder Sektflasche, ist nun einmal ein Knall. Obwohl es, zugegeben, auf die Lautstärke ankommt, die gerade in der Umgebung herrscht. Wenn beispielsweise ein Schuss bei starkem Straßenlärm abgefeuert würde, könnte auch ich fehl gehen in der Annahme, ob es tatsächlich ein Schuss gewesen sei – oder etwa eine Fehlzündung.

Doch an der Bar bei Manfred herrscht gegen acht Uhr abends kein solcher Lärm – wie vielleicht zur Rushhour auf dem Bahnhofgürtel … Und auch ein Knallkörper, wie sie vornehmlich zum Jahreswechsel und sehr zum Leidwesen mancher Leute und ihrer Haustiere in Massen eingekauft und in der Folge eingesetzt werden, klänge wiederum anders.

Ob der Schuss aus einem der näher gelegenen Zimmer stammen könnte, fragte auch ich mich sogleich. Doch schied diese Möglichkeit nahezu hundertprozentig aus. Einerseits: Wer sollte sich wohl in diesem vornehmen Vier-Sterne-Hotel erschießen? Andererseits: Wer würde hier jemand anderen erschießen? Und doch – ausschließen kann man letztlich gar nichts …

Na und dann war ohnedies alles klar – als der Mann nämlich stöhnend an die Bar getorkelt kam, sich die stark blutende Verletzung an seiner linken Brustseite mit einem ehemals weißen Taschentuch abpressend.

 

II

Die Gegend zwischen Birkfeld, das zum Bezirk Weiz gezählt wird, und Vorau, im Bezirk Hartberg gelegen, gehört, so sagen Kenner, zu den schönsten der Oststeiermark. Naturgemäß hängt so ein Kompliment mit den Sehgewohnheiten und den Vorlieben der Leute zusammen, die es äußern. Auch ob man die Gegend zum ersten Mal bewusst erlebt, schon einigermaßen gut kennt oder gar durch Jahre und womöglich auch zu verschiedenen Jahreszeiten aufgesucht hat, spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Denn der Wald sieht im Winter, wenn er verschneit ist, anders aus, als wenn man ihn, beispielsweise als Schwammerlsucher, im Sommer oder Frühherbst durchstreift. Und der Frühling mit seinen sehnsuchtsvollen Düften erzeugt wieder andere Empfindungen im aufmerksamen Betrachter des natürlich Schönen.

Zwischen Birkfeld und dem Sommerfrischenort Miesenbach, der wiederum, schlampig gesagt, auf halbem Weg gegen Vorau liegt, gab es vor nicht einmal hundert Jahren noch eine ganze Reihe von kleineren und größeren Mühlen, deren Räder besagter Miesenbach in Bewegung setzte. Sogar Doppelmühlen, also solche mit zwei Mühlrädern, waren in Gebrauch. Heute sind, wenn überhaupt, bloß Ruinen davon übrig; sie zeugen indes immer noch von viel technischem Wissen und der früheren Bedeutung, die sie in dieser pittoresken Gegend hatten.

Während der gegen 1230 von einem gewissen Hartnid von Ort angelegte Markt Birkfeld heute besonders mit seiner Pfarr- und Dekanatskirche der beiden Großheiligen Petrus und Paulus aufwartet, ist die architektonische Attraktion des Marktes Vorau eindeutig sein Stift. Das Kloster der regulierten Chorherren, dem heiligen Augustin geweiht, das vom Traungauer Marktgrafen Ottokar III. 1163 aus Dankbarkeit über die Geburt seines Erben gestiftet worden war, gehört – nach einem langwierigen, grundlegenden und großzügigen Ausbau im 17. und 18. Jahrhundert – zu den imposantesten barocken Sakralbauten nicht nur der Steiermark. Und während sich die Kunsthistoriker und Liebhaber der Malerei zum Beispiel an den Bildern und Fresken des berühmten Johann Cyriak Hackhofer aus Tirol, die in erster Linie am eigenen leiblichen Wohl Interessierten hingegen gleich in der Stiftstaverne delektieren, erfreut die Bücherliebhaber die reichhaltige Bibliothek, die über 18.500 Bände verfügt, und eine Kuriosität einmaliger Art aufweist: Zwei parabolisch gehöhlte Schallmuscheln an den beiden Saalenden ermöglichen das Hören und Verstehen sogar von geflüsterten Worten von der jeweils anderen Seite. Somit werden durch die Sprechenden die Lesenden nicht gestört. Nur wer die schier heilig anmutende Ruhe in einer altehrwürdigen Bibliothek zu schätzen weiß, wird dieser sinnreichen Erfindung auch den ihr gebührenden Respekt zollen. Die Vorauer Stiftskirche ist übrigens dem heiligen Thomas geweiht, die Marktkirche dem heiligen Ägydius. Auch dieses Gotteshaus weist eine große und bedeutende Arbeit Hackhofers auf: das Deckenfresko von 1708. Dass sich auch der Künstler des öfteren einen ausgiebigen Schluck in der Stiftstaverne vergönnte, was beinahe den Zeitplan seiner Malereien durcheinander gebracht haben soll, gehört zwar ins Reich der Anekdote, bleibe indes nicht unerwähnt. Hier her gehört wohl auch, dass er angeblich nicht selten und vorgebend in der Kirchenkuppel an den riesigen Fresken zu werken, nur seine Stiefel ans Gerüst genagelt habe, um etwaige inspizierende Patres von seinem tatsächlichen Aufenthaltsort abzulenken: dem Weinkeller …

Vergleichsweise bescheiden gegen all diese Pracht sind die Sehenswürdigkeiten in Miesenbach, dem schmucken Kirchweiler am Fuß der „Wildwiesen“, der wie Vorau zum Bezirk Hartberg gehört. Den 1416 erstmals urkundlich erwähnten Ort beherrscht die Pfarrkirche der heiligen Kunigunde, ein ursprünglich gotischer Bau, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts freilich barock umgestaltet worden ist und, wie allgemein gebräuchlich, inmitten des alten Friedhofs liegt.

Hier finden sich die Namen der alteingesessenen Familien des Ortes: Hirzabauer, Paunger, Weissenbacher, Narnhofer, Schneeflock … Und am Sonntag strömen die Miesenbacher – manche vor, manche während, andere wieder nach der Messe – in die Gasthäuser des Ortes, die sich ab den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts meist in stattliche Pensionen verwandelt haben. Denn der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen der ganzen Region. Angeblich war der Gemeinde vor einer Landtagswahl sogar ein Skilift versprochen worden, dessen Installation indes – so wurde gemunkelt – am Fehlen tatsächlich geeigneter Hänge scheiterte; oder am Wahlausgang.

Hans Schneeflock war meist schon vor der Messe in einem der Gasthäuser.

Das würde sich aber schlagartig ändern.

Denn das erste und letzte Mal, dass wir Schneeflock sahen, war an der Bar Manfreds, in die er getorkelt kam. Eine eben erlittene Schusswunde versuchte er dabei mit einem ehemals weißen – sozusagen: schneeweißen – Taschentuch abzupressen. Notdürftig und erfolglos, wie wir hier sogleich anmerken müssen. Dann brach er tot und in sich zusammen.

Aus den Boxen der CD-Anlage ertönte gerade – und durchaus dezent – „My Baby Just Cares For Me“ von Nina Simone, die, sich wie gewohnt gekonnt selber am Piano begleitend, souverän ihre Combo anführte. Simone, bürgerlich Eunice Waymon, die diesen Hit 1966 komponiert hatte, war übrigens vor kurzer Zeit erst und knapp siebzigjährig gestorben.

 

III

Für eine Margarita mischt der gute Barmann, so zumindest schreibt es Charles Schumann vor, zwei Zentiliter Zitronensaft, zwei Zentiliter Cointreau (oder Triple sec) mit vier Zentiliter Tequila. Im Shaker schüttelt er diese Zutaten auf Eiswürfeln kräftig, bevor er alles in die vorgekühlte Cocktailschale mit dem typischen salt edge, dem pikanten Salzrand, abseiht. Ich mag sie ohne das Eis, und Manfred weiß und respektiert das.

Sie sehen ein wenig altklug aus der jungen Wäsche: Renate, die forsche, gar nicht unattraktive dunkelblonde Designerin im Look des Aufbruchs, Claudia, das dunkelhaarige Fraumädchen mit den Minibrüsten unter der roten Seidenbluse, und dieser dürre, doch ein wenig kränklich wirkende Patrick mit aschblonder Mähne, Jusabbrecher, der sich, als ein sich selbst durch Larmoyanz verhindernder Dichter, am Dichten hindert. Der ach so eklatante Weltschmerz ist ihnen nicht von Haus aus in die in Maßen durchaus hübschen Gesichter geschrieben, die Anfang-Zwanziger strahlen sogar so was wie dunkel-gebrochenen Charme aus. Ihre Cocktails, Manfreds „Surprises“, können sie indes – wie fast alles andere auch – nicht wirklich genießen, weil sie eben nicht wirklich genießen können. Dass sie sich freilich ausgerechnet einen Tölpel vom Land haben finden müssen für ihr abwegiges Richterspiel … Und dass der rasch als „schuldig“ überführte Hans Schneeflock auch so hilflos agieren hat müssen, wie er es tat, hatte erst alles zur Katastrophe eskalieren lassen.

Doch immerhin haben sie es durchgezogen, ihr „Tribunal“. Beinhart.

Im Allgemeinen genügt ihnen das Hinterzimmer eines Gasthauses. Sie brauchen keinen besonderen Pomp und dekorativen Aufwand; keinen „Schnickschnack“, wie es Claudia nennt.

Ein beschissenes Zimmer. Ein Tisch. Ein paar Stühle. Das Bett als Anklagebank.

Jetzt freilich übertreiben sie es, zugegeben. Da haben sie den Johann Schneeflock aus Miesenbach im Bezirk Hartberg auf dem Bahnhof aufgegabelt. Ein paar Bier intus, der Depp, verstehst du? Klar. Und man kommt ins Reden. Man checkt nicht in einem Billiglokal ein, denn der Idiot hat ein paar Eurohunderter hinunterfallen lassen – beim Zahlen. Oha.

Nein, ein Mehrsternehotel muss es plötzlich sein, wo der Landarsch abserviert werden soll.

Die Szene ist dann dem entsprechend „filmreif“.

Man hat Sekt bestellt und Zigarren. Das Licht ist gedämpft.

Renate, die sich in rote Unterwäsche entkleidet, gibt die Anklägerin. Claudia, ganz in fast nichts außer schwarz, ist eine beinahe würdige Richterin. Und Patrick mimt den hin- und- hereilenden Pflichtverteidiger. Er hat immerhin ein paar Semester Jura studiert – allerdings und zugegeben hauptsächlich in einem der Gasthäuser in Uni-Nähe. Pflichtvorlesung: Entziffern der Getränkekarte, Praktikum: Krügelstemmen und Schnapsvernichtung …

Jetzt werfen sie dem Trottel irgendwas Stinkdummes vor. Ja, Hans Schneeflock soll angeblich einen Miesenbacher (oder Birkfelder oder Vorauer) „Hasen“ notgezüchtigt haben. Nein, nicht nur gevögelt, wogegen ja eigentlich wirklich nichts zu sagen wäre, sondern: vergewaltigt. Überfallen. Notgezüchtigt eben. Ja, und gleichsam als Draufgabe auch noch getötet. Verstümmelt sogar. Halb vergraben danach oder so. Noch dazu einen weiblichen Sommergast.

Vergewaltigt? Noch dazu einen weiblichen Sommergast? Hört, hört! Aha – beim Schwammerlsuchen um fünf Uhr früh im Wald neben einer Mühlenruine, halbwegs zwischen Miesenbach und Birkfeld? Wenn er nicht so betrunken wäre, müsste Hans ob dieser hanebüchenen Anschuldigungen direkt lachen. Er – und eine Frau vergewaltigen …

Erstunken und erlogen, diese Anklage, klar doch. Der Hans Schneeflock ist Ehemann und Vater von zwei kleinen Kindern, und wenn er seine Zenzi schon bescheißt am Waldfest oben auf der „Wildwiesen“, dann klarerweise mit einem einheimischen Dirndl. Und auch das nur selten, weil nämlich der Hans keiner ist von denen … Wirklich und wahrhaftig nicht!

Doch der Depp spielt mit, weil ja schließlich auch seine Manneskraft angesprochen wird und sein Image. Denkt er. Da zählt es schon was, wenn man als Zuchtstier gilt … Oder?!

Da hat ihn die Meute auch schon in der Zange. Sein Hosentür´l muss er aufmachen. Und Claudia greift sich seinen Schwanz, holt das verängstigte Ding heraus und spielt mit ihrer Rechten damit sehr gezielt. Renate spuckt sich in die linke Handhöhle und macht Claudias Muschi feucht. (Ja, sie ist Linkshänderin.) Patrick spritzt innerlich fast schon ab, springt indes dazu und drückt Schneeflocks jetzt ohnedies schon Harten hinein in die Spalte.

„War es so?“, fragt die „Staatsanwältin“, keuchend. – – –

„Mein Mandant ist selbstverständlich unschuldig!“, keucht seinerseits Patrick. – – –

„Abführen!“

Und Claudia schließt gleichsam nach diesem Schnellverfahren die Akte, die es nicht gibt.

Der Korridor ist mit einem rotem Teppich belegt. Aus dem Nebenzimmer kling leise der letzte Teil des Herbstsatzes aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.

Dann ertönt besagter Schuss. Und der „Delinquent“ stolpert, nachdem er immerhin zwei Mal dreizehn Stufen überwunden hat, tödlich getroffen an die Bar.

 

IV

Über den Mojito schwirren bekanntermaßen vielerlei Gerüchte durch die Welt- wie durch die Literaturgeschichte. Etwa, dass er eines der Lieblingsgetränke des Romanciers, Kriegsberichterstatters, Großwildjägers und Macho-Idols schlechthin, erraten: Ernest Hemingway, gewesen sein soll. Doch „Papa“ Hemingway hat, so sagt man, eigentlich alles gesoffen – Hauptsache, es war entsprechend alkoholhaltig. Egal auch, ob in „Harry´s Bar“ in Venedig oder in einer seiner Lieblingsabsteigen in Kubas Hauptstadt Havanna, zum Beispiel „La Bodeguita del Medio“ oder „El Floridita“.

Am liebsten würde man dem Literatur-Nobelpreisträger von 1954 zum Gedenken – ihn Wahrheit: allein schon aus touristischen Überlegungen heraus -, am liebsten würde man also Hemingways zugestaubte Gläserabdrücke überall präsentieren, rund um den Erdball. Denn in Spanien oder beim Skifahren in den Alpen wird er wohl auch hin und wieder einen gezwitschert haben, der ewig durstige Literat. Und sein Champagner-Konsum, etwa in New York, sei – so hört man – auch nicht ohne gewesen.

Da fährt die Eisenbahn drüber. Übrigens: Hätte es sich bei Hemingway um einen österreichischen Autor gehandelt, die Benennung eines Schnellzugs nach ihm wäre unausweichlich gewesen. Noch unausweichlicher freilich, hätte es sich bei Ernest Hemingway um einen österreichischen Komponisten gehandelt.

Zum Mojito benötigt man den Saft einer halben Limette, einen Barlöffel Puderzucker, sechs Zentiliter weißen Rum, Soda und einen Minzezweig. „Im großen Becherglas Zucker und Limettensaft gut verrühren. Minzeblätter mit Stößel zerdrücken“, empfiehlt Charles Schuman, „ausgedrückte Limette dazugeben. Mit crushed ice auffüllen, Rum dazu gießen und umrühren. Mit Soda abspritzen und Mit Minzezweig dekorieren.“

Einen Mojito zu trinken, war Hans Schneeflock indes in seinem ganzen Leben nicht in den Sinn gekommen. Und auch Ernest Hemingway war an ihm quasi kratzerlos vorübergeschrammt. Überhaupt war Lesen nicht unbedingt Schneeflocks Sache gewesen. Doch damit stand er keineswegs allein da, wie man weiß. Und wie beim Lesen war Schneeflock selig – pardon, ich respektiere das römische Denkerwort griechischen Ursprungs: de mortuis nil nisi bene! – auch beim Saufen kein wählerischer Zugreifer gewesen.

Anders verhielt es sich da mit Kommissar Knilch, der, begleitet von seinem Assistenten Paulaner, bereits nach kurzer Zeit am Tatort eintraf. Notarzt, Rettung, Polizeiarzt Anselmi („Sicher ist nur, dass er sich nicht selbst erschossen hat und dass die Tatwaffe eine Smith & Wesson, Kaliber 38, war.“) und der Trupp der Spurensicherung waren knapp vor dem, diesmal eine mittelgroße Zigarre (Cohiba) rauchenden Kriminalisten hier. Bald waren die Ermittlungen in vollem Gang. Da im Dienst, genehmigte sich Knilch bloß einen unalkoholischen Drink auf Orangensaftbasis, Paulaner griff überhaupt zum kohlensäurefreien Mineralwasser. Doch ansonsten war Knilch Genießer und Kenner. Der Hobby-Koch schoss beispielsweise stets beim Zubereiten den Burgunder zum Braten, den er auch später dazu zu trinken gedachte. Und war um gute Brände, beste Biere, optimale Weine bemüht – mit Lust und mit Erfolg. Ein nicht unansehnliches Bäuchlein, doch auch ein (vergleichsweise) intaktes Innenleben bestätigten – optisch wie internistisch gesehen – so denn auch die solcherart durchaus fruchtenden Bemühungen eines passionierten Gourmets von Rang.

Paulaner, zugegeben, ähnelte diesbezüglich eher dem Mordopfer, denn dass es sich in der Causa Schneeflock um einen Mord handeln müsse, stand – siehe oben – alsbald fest. Ja, dass dies ein Mord war, galt rasch als blutige Tatsache („… Kaliber 38 …“). Nur – wer hatte geschossen?

„Sie haben den – laut Ausweispapieren – ,Johann Schneeflock´ heißenden, nein: vormals geheißen habenden, also den hier nunmehr Toten nicht gekannt, Herr Manfred?“, fragt Knilch, beinahe schon überkorrekt, den bei aller Gelassenheit nun doch geschockten Barkeeper.

„Nein. Zumindest hier, an meiner Bar, da war er noch nie …“ Manfred mixt dem Kommissar nochmals etwas Unalkoholisches. – „Ein Mineral?“, bietet er, an Paulaner gewandt, dem ewig Zweiten, diesem allem Anschein nach tatsächlich andauernd Unbrauchbaren seine Dienste an. (Glauben Sie mir, Paulaner ist unbrauchbar. Andauernd unbrauchbar. Unbrauchbar in Permanenz. Fragen Sie bitte nicht, warum ich das weiß … Ich weiß es eben. Punkt um.)

„Ja, bitte“, antwortet der Assistent.

„Und von dort“ – Knilch weist in eine Richtung – „ist er zur Theke getorkelt …?“

„Wir haben das gesehen“, bestätige ich, zugegeben: ungefragt.

„Zu Ihnen komme ich noch“, kanzelt mich der Kriminalbeamte ab.

Das hat man davon, denke ich, wenn man helfen will. Ziemlich arrogante Bande das. Naja. Von unseren Steuergeldern können sie ja leicht arrogant sein, die Brüder …

„Sorry.“ Ich versuche etwas wie feine Ironie in meine Entschuldigung zu legen.

Du stößt mich an, flüsterst: „Halt den Mund! Bitte, bitte, halt den Mund! Sonst sind wir auch noch in dieser Geschichte drinnen …“

„Sind wir schon“, schnappe ich, ein wenig sarkastisch, zurück. „Ja, sogar mitten drinnen!“ Und was im Zimmer, einen Gang höher passiert ist, so denke ich mir, werdet Ihr Arroganzlinge auf diese Art und unter Anwendung Eurer inferioren Untersuchungsmethoden vermutlich ohnehin nie erfahren. Denn unser feines Tätertrio, Renate, Claudia und Patrick – ja wo ist es denn inzwischen, ha?! No, und der 38er?! – Eben.

 

V

Miesenbach. Das ist nicht tiefe Provinz. Und schon gar nicht: tiefste.

Denn: Provinz ist, wo man sich provinziell fühlt oder gibt oder …

Der alte Koren. Erstaunlich, dass man Hanns Koren, den – ohne Ironie – großen steirischen Kulturgestalter, Menschen und Politiker, der ein wahrhaft großes Bildungswerk hinterlassen hat, immer wieder (und zu Recht) den alten Koren nennt. Als wäre er Karl Mays „Old Shatterhand“ oder „Old Surehand“, also ein anderes durch „alt/old“ geadeltes „Greenhorn“. Und doch – das mit „Grün“, das hätte ihm vielleicht sogar gefallen, dem Hanns Koren … Der alte Koren also und sein Lebenswerk werden immer wieder an einem seiner Aussprüche gemessen: „Heimat ist Tiefe – nicht Enge“. Der hoch gebildete Kommunal- wie Landespolitiker, der ideenreiche, im Geistigen so risikofreudige Schöpfer und Verfechter des „steirischen herbstes“, Förderer des „Grazer Forum Stadtpark“ et cetera, dennoch für Tradition offene Volkskundeprofessor und Kulturmacher von Rang, der schlaue politische Fährtenleger in viele Richtungen, der Brückenbauer zwischen Gestern, Heute und Morgen, der uneitle Freund der Künstler und Künste, volkstümlich, ohne jemals volkszudümmeln, Papa Koren also, der allerdings – soweit ich unterrichtet bin – kein Cocktailtrinker, sondern Freund des guten steirischen Weißweines war, kannte Miesenbach. Der hat praktisch alles gekannt, der Papa Koren. In der Steiermark und im „Trigon“-Raum, in diesem Quasi-Altösterreich zwischen Steiermark, Slowenien und Italien, und überhaupt –

Ich sollte zum Wichtigen kommen.

Die Rosi, die Schneeflock Rosi, dem Hans seine Witwe also, musste naturgemäß erst einmal über ihre Witwenschaft aufgeklärt werden. Ein wenig auch, wie es dazu gekommen war. So unerwartet, urplötzlich und gleichsam: aus heiterem Himmel …

Da schien der Gendarm Franz Oberkofler der rechte Vermittler zu sein. Ja, der konnte schon immer so salbungsvoll sprechen und außerdem auch salbungsvoll auftreten. Kunststück: Er war das uneheliche Kind von einem Pfarrer und dessen adretter Wirtschafterin, aus den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts … Und aus der Gegend.

Die Steiermark ist weniger kompliziert, als man des öfteren annehmen könnte.

Franz Oberkofler, an der Tür des schmucken, in Blumen schier gebetteten Reihenhäuschens läutend. Rosi, geh, kimm he do! Nochmals es versuchend: Na, kimm scho! Sakra! Kimm!

Rosi Schneeflock, die sich noch ein paar blondgefärbte Haarsträhnen aus dem Gesicht gewischt und, in den Spiegel im Vorzimmer blickend, bemerkt hatte, dass ihr der Eyeliner zerronnen war, wegen ihrer Konjunktivitis: I kimm scho! Nur mit da Ruah´! Und ibahapt – Sie hatte die Eingangstür erreicht und sogar geöffnet Ja, der Franz! Servas, du! Was –

Franz Oberkofler, dienstlich, dennoch auch emotional vermittelnd; immerhin hatten sie vor Jahren, aber vor der Rosi ihrer Schneeflock-Zeit, einmal über ein halbes Jahr etwas miteinander gehabt, sehr intensiv sogar: Griass Di! Du –

Rosi: Griass di! Jo, nochha kimm eini!

Franz : Moanst? Jo, waun ´st moanst, daun kimm i eini!

Drinnen, im gemütlichen Wohnzimmer (wie aus dem Otto-Katalog), bei Kaffee, selbstgemachtem Topfenstrudel und Hausschnaps, klärte dann der Gendarm die fesche Jungwitwe Rosi, so schonungsvoll er es nur zu tun vermochte, über fast alles auf – zumindest über den Tod, der so rasch den Menschen Johann Schneeflock angetreten hatte.

Keine Details übrigens über die schaurige Tat, wie ihm der Birkfelder Postenkommandant ausdrücklich eingebläut hatte. Der hieß übrigens auch Oberkofler. Franz.

Doch so ist die Steiermark.

Es mag eine Dienstübertretung sein – zumindest sieht es, streng genommen, wie eine aus. Aber dass der Oberkofler Franz seine Uniform auszog und der, in der Zwischenzeit auch schon nackten Schneeflock Rosi beistand in dieser schweren Stunde des Alleinseins, denn das wäre sie ja wirklich gewesen!, das wird doch – allein schon angesichts des vielen Hausbrandes, den die beiden zuvor konsumiert hatten – kaum jemand wirklich kritisieren können. Außerdem: Die beiden Schneeflock-Kinder schliefen tief im Obergeschoss. Und der Mond sah, fast schien er friedlich zu scheinen, durch das Fenster herein, das offen stand, als wollte es diese wunderschöne Juninacht unbedingt ins Haus hereinlassen.

Xandi und Andrea hießen die Kinder – das heißt: sie tun es immer noch, klar doch. Übrigens, als ihnen die Mami gesagt hatte, dass der Schneeflock Hans, also ihr Papi, im Himmel sei und voraussichtlich nicht mehr heim kommen würde, waren sie zunächst ein wenig traurig.

Später dann kauften sie sich jedoch für die paar Euro, die ihnen der freundliche Herr Gendarm, über dessen Anwesenheit sie sich zunächst ein bisschen gewundert hatten, beim Frühstück gab, zwei große Portionen Eskimo-Eis. Und lutschten das wohl schmeckende Gefrorene mit Genuss auf dem nur kurzen Schulweg.

Wie gesagt, so unkompliziert kann die Steiermark sein.

VI

Dass Patrick und seine beiden Genossinnen, Renate und Claudia, schließlich überhaupt – wenn auch nur im übertragenen Sinn – gefasst und von Knilch überführt wurden, hat wiederum einiges mit Manfreds Bar zu tun. Du erinnerst dich, wir waren ja beide anwesend – an diesem denkwürdigen Abend …

Ein paar Wochen nach der Tat tauchte das Dreigespann nämlich wieder einmal an der Theke auf und bestellte vier Drinks. Der vierte war für einen Begleiter männlichen Geschlechts, der Aussprache nach aus der Weststeiermark und allem Anschein nach schon ziemlich „drüber“. Manfred schwankte merkbar innerlich, ob er dem späten Gast überhaupt noch etwas geben sollte. Immerhin waren ihm die drei anderen Nachtschwärmer oberflächlich bekannt. Also wollte er kein Spaßverderber sein und schenkte ein (drei Manhattan, ein Bier).

Dann, nach zwei weiteren Auffüllbestellungen, zahlte Patrick, und das Quartett wandte sich – entsprechend illuminiert – an den jungen Nachtportier und fragte, ob die zwei vor Tagen schon reservierten Zimmer auch tatsächlich frei wären.

„Reserviert auf -?“, fragte der freundliche Mann hinter dem mit Prospekten bestückten Rezeptionstisch mit Computern und – Schirmen anderer Art: Das Haus warb nämlich auch per Regenschirm mit Emblem seiner selbst für sich. Und natürlich für G*.

„Regenmacher, Patrick Regenmacher“, sagte Patrick Regenmacher.

Nun, wenn ich Patrick Regenmacher heiße und in mindestens einen unaufgeklärten Mord verwickelt bin, dann lasse ich nicht reservieren. Oder zumindest nicht unter meinem realen Nachnamen. Gut, Renate Ohrvogel oder Claudia Bleimantel hatten eben auch nicht gerade die Namen, deren Trägern oder Benutzern man, nach Nennung derselben, a priori Vertrauen entgegen gebrach hätte. Ja, vielleicht – dachten wir im Nachhinein – waren gerade ihre verqueren Namen (zumindest) teilweise Schuld an ihrer verqueren Veranlagung. Ich bitte dich, wer heißt schon Regenmacher, Ohrvogel oder Bleimantel?!

„Ja, da ist es. Zimmer 20 und 20 A, wie besprochen, Herr Regenmacher.“ Und Nachtportier Julian übergab Patrick die beiden Schlüssel, nachdem der Ex-Jurastudent das entsprechende Anmeldeformular unterschrieben hatte.

Die Peinlichkeiten, die in der Folge mit Franz Sudi aus Köflach. passierten, wollen wir uns ersparen; auch nähere topografische und historische Anmerkungen zur 12.000 – Einwohnerstadt mit dem immer noch bedeutendsten Braunkohlevorkommen Österreichs. Die barocke Pfarr- und Dekanatskirche ist übrigens der hl. Magdalena geweiht. Es lief im Großen und Ganzen auf die Tortur des Hans Schneeflock hinaus, und auch die Folgen waren sehr ähnlich.

Statt dessen ein spezielles Manhattan-Rezept von Charles Schumann. Folgende Zutaten werden im Rührglas auf viel Eiswürfeln kräftig verrührt, um dann in vorgekühlten Cocktailschalen abgeseiht und mit der obligaten Stielkirsche serviert zu werden: vier Zentiliter Canadian Whisky (Manfred verwendete diesmal Seagram´s V. O.), ein Zentiliter Vermouth dry, ein Zentiliter Vermouth rosso, Dashes Angustura und die Kirsche.

Die Folgen waren sehr ähnlich, sagte ich. Ähnlich ist nicht gleich.

Und auch die Besetzung rund um Manfreds Tresen und in der in dieser Nacht fast überquellenden Bar war nicht gleich. Die Seminaristen vom letzten Mal fehlten und auch ihr prallbusiger Mittelpunkt. Die Alte, wie fast immer „hinüber“, hingegen war da – und glücklich, hatte sie zuvor doch glatt gut 20.000 Euro im Casino eingestreift …! Dann –

Knilch und sein Kompagnon, Paulaner, hatten sich eingefunden. Privatim, versteht sich. Und Manfred servierte dem Kommissar eine seiner speziellen Kreationen: „Das Lächeln des Wolfi B.“ (Dieses Rezept wird natürlich nicht verraten!) Paulaner genehmigte sich einen Mojito – wohl weil er auf deinen neidisch war?! – Übrigens streckte uns Knilch, außer Dienst ein recht leutseliger und gebildeter Mensch, der gern zwischendurch Goethe, Heine, Busch oder Brecht zitierte, Ringelnatz, Tucholsky und Kästner und sogar Jandl kannte, freundlich die Rechte entgegen. Auch wenn wir zur Aufklärung des Schneeflock-Falles bis dato kaum wirklich Ersprießliches beisteuern hatten können. Doch, Hand aufs Herz, was ist schon so besonders ersprießlich an einem scheußlichen Mord?!

Da – ein Schuss! Und diesmal war ich mir sicher: Es war ein Revolver … Kunststück, hatte ich doch quasi hautnah den Ermittlungen in Sachen Johann Schneeflock beigewohnt … Und schon schwankte eine weststeirische Jammergestalt an die Bar. Mit einem blaugestreiften Taschentuch versuchte Franz Sudi, den Blutstrom zu stoppen. Und da Patrick diesmal schlecht gezielt hatte, sollte der 40-jährige Angestellte der Graz-Köflacher Bahn, Vater einer zehnjährigen Tochter und Inhaber eines Kredits bei der Raiffeisen-Landesbank, überleben!

„Zwanzki aund zwanzki A“, stammelte er immer wieder. „Zwanzki aund -“

Knilch hatte sofort Notarzt, Polizei und sogar – auf der Privatnummer – Polizeiarzt Dr. Anselmi verständigt. Im Nu nahm alles seinen für Sudis Gesundheit letzten Endes durchaus positiven Lauf.

Da tauchte Dolly auf, du erinnerst dich an sie? Genau, die ich vor Wochen begrüßt hatte, als sie kurz an der Bar vorbeigekommen war. Sie, ebenfalls aus der Weststeiermark stammend, enträtselte die seltsame Aussage Sudis. „,Zwanzki aund zwanzki A´, des hoaßt -“ sie korrigierte sich errötend auf Hochdeutsch – „das heißt: ,Zwanzig und zwanzig A´, also Zimmer 20 und 20 A …“ Dolly deutete einen Knicks an.

Am solcherart entschlüsselten Tatort fanden die Polizeibeamten erstaunlicherweise drei Drogenleichen vor. Eine männliche und zwei weibliche. Patrick, Renate und Claudia hatten sich nach der „Gerichtsverhandlung“, diesem elenden Mummenschanz von „Tribunal“, den goldenen Schuss verpasst.

Denn ohne Drogen geht in dieser Stadt eben gar nichts mehr.

Wir? Wir haben den doch ziemlich großen Wirbel abgewartet und dann noch in Ruhe einen Mojito beziehungsweise eine Margarita genommen. Und ausnahmsweise griff ich zu einer „Cohiba“. Mitgebracht. Für alle Fälle.

Dann hat uns Manfred einen Kalaschnikow „aufgedrängt“. Eine seiner superben Eigenkreationen.

Und nächstens wieder, an Manfreds Bar …

F i n
Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*