Aber, wenn es

zu viel wird,

irgendwann

Zehn bizarre Beobachtungen

von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2009 ff.

(ENDFASSUNG 2013)

Mein Vater besaß zur Zeit meiner Geburt ein kleines Haus,

an das ein Gärtchen stieß, in welchem sich einige Fruchtbäume,

namentlich ein sehr ergiebiger Birnbaum, befanden. In dem

Hause waren drei Wohnungen, deren freundlichste und

geräumigste wir einnahmen; ihr Hauptvorzug bestand darin,

dass sie gegen die Sonnenseite lag.

Friedrich Hebbel, Meine Kindheit

*

Eins

Als ich mich schließlich doch noch entschieden hatte (übrigens: mit knapper Mehrheit), für mich zu stimmen, kam mir blöder Weise wieder einmal meine Geselligkeit dazwischen. Jemand grölte oder kreischte (ich glaube, Gerhard war’s …, oder Elsa? Vielleicht – Paula? Oder doch – Romy?! Nein, jetzt hab’ ich’s: Robert! Genau, Robert! Naja, ist ja auch egal, letzten Endes), jedenfalls grölte oder kreischte mir irgendwer irgendeinen Geistesfurz ins ohnehin längst schon halbtaube Ohr. Fuzzis, dumme Fuzzis. Alle samt. Und sonders. Allein – das Grölen war schon eine Zumutung! Und wenn sie nicht grölten (oder kreischten), waren sie eine ebensolche, weil sie ganz einfach immer eine Zumutung waren. Blöde Gänse! Arschgesichter!

Kurz, in dieser Ansammlung war es – und es schwamm mir mein Bierweinschnaps, quasi im Gegenzug, sogleich fort und davon, ungetrunken (oder kaum benippt), dass ich verärgert innehielt, um die beschissene Lage (innerhalb meiner Windeln und außerhalb, überhaupt also) zu sondieren. Und: Es war scheußlich!

Als dezente gotische Kringel (oder gar als überbordende barocke Floskeln?) taten sich, quasi gleichsam Ersatz für Angenehmes, die altbekannten Katarakte vor mir auf in ihrem widerlichen Urgesang und im Aufundab ihres verderbenbringenden Innenlebens … Dunkelrandig, leicht blutend und irgendwie krätzig, grindig und eiterschlierig, in ihrem elementaren, ungehemmt fortgeschrittenen Stadium einer eindeutig zielgerichteten (nämlich: tödlichen) Entzündung äußerst unschön und längst von innerem, unabwendbarem Verderben zeugend … Alles in allem: vorausgeworfene Schatten letalen Ausgangs.

Kurz und schlecht – ich hatte wieder einmal den Scherben auf. Und schon erscholl der längst bekannte hämische Kinderlied-Refrain:

„Bubi hat den Scherben auf, Scherben auf, Scherben auf!

Schreiten wir zum Hausverkauf, Haus-ver-kauf!“

Ja, so tönte es wie von einer alten, schon ziemlich eiernden Schallplatte herüber.

Die Nadel des antiken Grammophons mit dem bedrohlich riesigen Schalltrichter, die mich gleichzeitig – wie das wohl wieder gehen sollte?! – impfte (gegen Tetanus, Tinnitus und Hexenschuss), blinkte, auch wenn meine Blutstropfen ihre Spitze farblich abstumpften (hört! hört!).

„Bubi hat den Scherben -“

Irgendwo barst ein halbblinder Spiegel in längst abgeschlagenem Goldrahmen.

Aus dem Rahmen, aus dem Sinn …

„Bubi hat -“

Wenn man wie ich in seinem abgemagerten Lebenslauf schon so oft den besagten Scherben aufgehabt hat, sollte einen der Umstand eigentlich gar nicht mehr besonders aufregen. Aber sagen Sie das dem Rattenfänger vom Hameln. Der ist auch nicht erpicht darauf, sein Lebtag lang dort an der Weser keines Rattenkönigs ansichtig zu werden, nur weil das sagenhafte schwanztechnisch verzweigte Rattenknäuel anderswo sein Unwesen treibt. (Gut, der Vergleich hinkt. Außerdem ist der Wortwitz Weser und Unwesen ziemlich schwach. Doch auch der Rattenfänger hat zwei verschieden lange Beine. Dann gleicht sich alles wieder aus.)

Als ich mich, latzhosig und windelweich wie ich war, schließlich und nach langem Hin und Her doch noch entschieden hatte, mich der Ansicht einiger anderer anzuschließen und alles zum Kotzen zu finden, kotzte ich ausgiebig; und es ging mir tatsächlich für kurze Zeit besser.

Doch bald kamen auch schon die Zweifel wieder.

Also kotzte ich noch sorgfältiger und ausgiebiger als zuvor. Noch sorgfältiger und ausgiebiger. Oh, es war einfach himmlisch! Samt den üblichen rachegöttlichen Heerscharen und den vielen explodierenden Sternen rundum in meinem abgewrackten Brummschädel, der aus Bosheit immer dicker zu werden schien. Mein hybrider Hydroze-Phallus, dieser Hydrant.

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Und ich gedachte, solcherart weiterzumachen, bis nichts mehr von mir da sein würde.

„Ja, wo ist er denn?“, fragte der merkbar schwankende Ferdl-Onkel, den halbvollen Schwenker mit Cognac der Marke Remy Martin in der Rechten und den plötzlich Ich-leeren Raum betretend. Er war, wie meist, eine Art Traumbild. Interfamiliär hatten ihn insbesondere die Damen ohnedies immer für ein Bild von einem Mann gehalten, den hirngeringen, aber Weiber-affinen Grottenolm. Für mich? Ein Geistes-Camoufleur – nichts anderes! Nach seinem Tod hieß es, nur ja nicht allzu schlecht vom Ferdl-Onkel zu reden. Es gehöre sich eben so …

Also: „Ja, wo ist er denn?“, fragte der merkbar schwankende Ferdl-Onkel, den halbvollen Schwenker mit Cognac der Marke Remy Martin in der Rechten und den plötzlich Ich-leeren Raum betretend. (Nein, ich muss mich verbessern: Es war bloß Weinbrand der deutschen Destillerie Scharlachberg, kein Cognac. Wir hatten nämlich praktisch niemals Cognac im Haus. Wie praktisch. Und auch der Weinbrand war alsbald weg. Im Onkel Ferdinand drinnen.)

Ich hätte nie gedacht, dass man sich mit 102 Jahren noch derartig zu amüsieren vermöchte.

Zwei

Der Teppich war gemustert, was jedoch weiter als kein Kunststück gelten muss, da fast alle Teppiche gemustert sind. Der freilich war besonders geschmacklos. Doch lag das nicht am Muster, sondern allgemein an den Farben.

Irgendwie – ausgekotzt. Ja, der Vorleger sah ausgekotzt aus. (Oder angekotzt, je nach dem.)

Der Teppich hatte überhaupt nichts Angenehmes an sich. Weder fürs Auge, noch für die nackten Fußsohlen. (Obgleich niemand nackte Füße hatte, zumindest noch nicht.)

Also, da stand die schaurige Gruppe herum. Alle irgendwelche Gläser in den Händen und Teller mit Brötchen und Servietten. Abscheulich.

Und unten lauerte der Teppich.

Vielleicht hatte man den Teppich ausgelegt, eben weil er so verdammt angekotzt (oder ausgekotzt) aussah?

Vielleicht sollte just dadurch vermieden werden, dass die Leute zu viel konsumierten?

Vielleicht wollte man die Brötchen, Servietten und Gläser, die Flaschen mit Bier, Wein, mit Fruchtsäften, Mineralwässern und Schnaps für später retten (besonders den mehrere Jahre alten schottischen Malt-Whisky!), wenn die durch den angekotzt (oder ausgekotzt) wirkenden Teppich vertriebenen durch neue Gäste ersetzt worden waren, die man lieber mochte, durch charmantere, geistreichere, gebildetere? Solche, mit denen man sich besser unterhalten konnte und denen man die halbwegs erlesenen Speisen und die ziemlich gediegenen Getränke tatsächlich gönnte? (Sogar den Single-Malt …)

Wer weiß.

Bei den miesen Schnorrern, die da herumstanden, triefäugig und hirnlos, sollte der Kotzteppich jedenfalls ruhig seine Wirkung tun. Auf dass sie möglichst rasch das Weite suchten.

Erst galt es jedoch noch den Auftritt des ehemals kaiserlich-königlichen Bären mitzuerleben, der als nächste epochale Attraktion angekündigt worden war. Als Höhepunkt (und Abschluss) seines Auftritts verspeiste – das sollte sozusagen der Clou der Sache sein – der vormalige Bewohner der Karpaten, wie er so in seiner zotteligen Pracht, geschniegelt und gestriegelt aufgerichtet und auf seinen riesigen Tatzen ruhend und dabei salopp hin und her wippend, zu beinahe schon unwirklicher Größe aufgepumpt da stand, seinen Bärenführer. Mitsamt der von Messing glänzenden Aufschläge an dessen purpurner Pseudo-Uniform, mit gefärbtem Zigeuner-Schwarzhaar und reichlich Goldzähnen, mit Ohrflinserln und Haarpomade (die das gewaltige Tier, warum auch immer, an den wohlschmeckenden Waldhonig seiner Bärenkinderzeit irgendwo in Rumänien, Galizien oder in der Bukowina erinnerte).

Dann würde Dracula, so hieß der Bär, beklatscht und bejubelt wie immer, aus dem Salon geführt werden, zurück in seine geräumigen Stallungen, wo er auf seinen nächsten Auftritt und naturgemäß auch auf einen neuen Bärenführer warten würde, inzwischen umsorgt von Desdemona, seiner hübschen Bärendame aus Bulgariens Wäldern.

„No, ja …“, meinte Anatol Blaskowitz-Brumeau, schon ein wenig vom Champagner gezeichnet, „recht hübsch, der Dracula …“

„Hast recht, Anatol! Prost!“, pflichtete der ebenfalls schon leicht ramponierte Alexander „Gigi“ Orschowsky-Trinckberg von Zwunzsodel dem geistig minderbemittelten Freund bei.

„Trink nicht soviel!“, flüsterte Genia Großbrot-Palmrausch von Ginsterbraun ihrem heruntergekommenen Dauerbegleiter kurz angebunden (aber mit angestrengtem Lächeln um die mit reichlich Botox aufgespritzten Schmolllippen) zu. „Sonst gibt’s wieder einen Bahöl …“

Der kleine dunkelblonde Rudi von Hartmannsdorf-Heroldshausen, das jüngste der Gastgeberkinder, hob ein Schlüsselbeinchen auf, an dem noch ein paar Sehnenstückchen und Hautfetzelchen hingen, blutverkrustet, sowie ein bisschen ausgerissener Stoff von der roten Phantasie-Uniform des glücklosen Bärenführers, Reste also, die beim Abtransport der arg zugerichteten Leiche allem Anschein nach übersehen worden waren. Rudi wollte dereinst Arzt werden. (Lokführer war gestern gewesen. Kindliche Berufswünsche ändern sich eben.)

Mit einem Klatsch fiel ein silbernes Tablett mit vormals appetitlichen Sandwiches auf den penibel gebohnerten Parkettboden des Salons, etwa einen halben Meter entfernt vom berüchtigten Kotzteppich. Und eine Anzahl von Kristallgläsern folgte, den Brötchensturz klirrend in seiner Akustik akzentuierend. Der Domestik, der den peinlichen Zwischenfall verursacht hatte, erschoss sich, charmant lächelnd, mittels des handlichen Damenrevolvers, den er rasch aus dem uniformähnlichen Dienergewand gezogen und im Nu (freilich nicht ohne den entsprechend pathetischen Gestus) an die niedrige Stirn gedrückt hatte.

„A Sauerei kommt selten allein, net wahr?!“, kommentierte Anatol Blaskowitz-Brumeau belustigt Blutschwall und Hirnaustritt sowie die anderen unappetitlichen Nebenerscheinungen des eben stattgefundenen Domestiken-Suizids.

„Recht hast, Anatol“, pflichtete ihm Alexander Orschowsky-Trinckberg von Zwunzsodel bei.

„Trink bitte nicht soviel, Gigi!“, flüsterte Genia Großbrot-Palmrausch von Ginsterbraun in Richtung Orschowsky-Trinckberg. „Weißt ja …“

Drei

Sie war zu gut für diese Welt, und wohl auch zu hübsch.

Sie hieß Dagmar, hörte jedoch nicht auf diesen Namen. Sie hörte auf gar keinen Namen.

Sie war nämlich taub. Und stumm. Taubstumm. Aber sonst piekfein.

Blond. Blauäugig.

Sogar ihre funktionsfreien Ohrläppchen hatten es in sich. Und erst ihr süßer Mund, der fürs Sprechen untauglich war.

Ja, sie war schön. Über die Maßen schön.

Das hätte ich, der ich schüchtern aus meinem etwas zu großen (weil von meinem älteren Bruder Florian übernommenen) Matrosenanzug schaute, Dagmar nur allzu gern gesagt. Oder später einmal ins Stammbuch geschrieben. Aber ich konnte ja noch nicht so richtig und fehlerlos schreiben, und auch das Lesen bereitete mir noch einige Schwierigkeiten. Besonders die Unterscheidung diverser Buchstaben mit Unter- oder Überlängen und Auf- wie Abschwüngen. Wie gesagt, ich hätte Dagmar meine Verehrung gern bekannt gemacht. Am besten: ins Ohr geflüstert. Aber vor ihren Ohren – oder sogar: in sie hinein – hätte man ganze Blasmusikkapellen riesigen Ausmaßes aufmarschieren und -spielen lassen können, und sie hätte es nicht gehört. War sie doch, richtig, gleichsam ohrwascheltot, also taub.

Taub. Tot. Aber schön.

Und stumm.

Na, Ihr zwei beiden Hübschen?“, fragte die ältliche Tante Adelheid, sich zu uns Kindern beugend. Und das überstandene Fräulein lächelte bizarr, wobei die Lücke, die einen fehlenden Vierer (links oben) ersetzte, im Gesicht der faltigen Jungfernruine unbestimmter Jahresringe beinahe schon burschikos wirkte. Naja. Vielleicht auch bloß ein wenig gekünstelt?!

Dagmar lächelte, weil sie nichts verstand.

Ich zeigte der Tante meine Zungenspitze, die ich schlangengleich aus meinem Barockmund schießen ließ, und funkelte dazu ziemlich synchron mit den Augen.

Adelheid wies mich (belustigt) zurecht, indem sie mir kurz mit dem spindeldürren Zeigefinger ihrer Rechten vor der Nase herumfuchtelte. Zudem schüttelte sie ruckartig ihren Kopf wie ein schon etwas mitgenommener, ja: ausrangierter Buntspecht.

Tststst!“, machte die Tante, was den an sich schon irgendwie vogelhaften Eindruck, den sie ganz allgemein erweckte, noch zusätzlich verstärkte. Dann wandte sie sich von uns ab und neuen ersprießlicheren Opfern zu, die sie sich in aller Regel aus dem reichhaltigen Insekten- und Kleintier-Fundus erkor.

Magst du eine Malakofftorte?“, fragte ich Dagmar. Und während ich mit meiner runden, dicken Hand ihr hübsches Engelsgesichtchen zu den schier ungeheuerlich aufgetürmten Tortenstücken vor uns, auf dem großen Tisch in der Mitte des Salons, lenkte, um den Inhalt der Frage sozusagen optisch zu dolmetschen, nickte sie mit einem beinahe selig zu nennenden Ausdruck um die roten Lippen. Und ein Strahlen erfüllte ihre großen Blauaugen, in denen sich der just entflammte Kronleuchter wölbend widerspiegelte, dass es eine wahre Freude war!

Ach, wären wir doch bloß um ein paar Jahrzehnte älter!, dachte ich, während ich zwei Riesenstücke von der kalorien- und zuckerreichen Malakofftorte mit Schlagobers auf die zwei kleinen Teller mit feinem Goldrand lud, zwei Löffelchen und zwei Servietten ergriff und so schließlich tatsächlich ein wenig Kinderseligkeit herbeiholte.

Die taubstumme Cousine Dagmar schien meine beinahe schon amourösen Gedanken zu erraten, denn sie nickte errötend. Dann öffnete sie den Mund, aus dem indes kein Laut kam.

Jaja, hören würde sie dich dann trotzdem nicht, ätsch!, sagte meine eine innere Stimme zu mir, und ich wurde ein wenig traurig dabei.

Macht doch nichts, erwiderte meine zweite innere Stimme begütigend. Und: Hauptsache, es schmeckt!

Vier

Allgemeine Aufregung, doch immerhin in Grenzen. Noch in Grenzen. Aber man konnte nicht wissen; die Lage war allgemein angespannt genug. Und das ging nun schon einige Monate so mit der angespannten Lage. Manche hatten sich sogar daran gewöhnt; oder bildeten sich das zumindest ein. Tun konnte man, wie es schien, nichts dagegen. Blöde Situation.

Der Stein war, das konnte immerhin als sicher gelten, wohl alles andere denn zufällig durchs Fenster geflogen gekommen. (Wie ein Vogel im bekannten Kinderlied … mit einem Brief von der Mutter … im Schnabel …)

Also war die allgemeine Aufregung auch irgendwie berechtigt.

Gut, sie hielt sich ohnedies in Grenzen.

Nein, nein! Nicht etwa, dass sogleich an Revolution zu denken gewesen wäre (ja, vielleicht von ganz vorsichtigen oder gar verschreckten Gemütern …)!, aber merkwürdig war es schon, dass da, sie durchschlagend, ein Stein in der Größe einer Männerfaust durch eine der Fensterscheiben geflogen gekommen war. Die hohen Fenster des Salons, hier im ersten Stock des Schlosses, waren glücklicherweise in Segmente unterteilt, Rechtecke, jeweils etwa fünfundzwanzig mal fünfundvierzig Zentimeter messend und mit Blei (oder einem ähnlich dunklen Metall) verbunden. Also sollte die Reparatur des zerbrochenen Glases, das man durch ein neues ersetzen würde, keinen allzu großen Aufwand bedeuten.

Schau, schau“, sagte Onkel Philipp, während er sich, leicht paranoid, indigniert mit Zeigefinger und Daumen der gespreizten Linken ein unsichtbares Stäubchen vom rechten Frackärmel zu schnippen versuchte, „eine Botschaft vielleicht?!“

In der Tat: Der steinerne Wurfgegenstand war gleichsam in Papier gehüllt.

Anton, der im Dienst ergraute Domestik, hob das Geschoss mit dem Papier auf und strich den weißen Bogen glatt, nachdem er den Stein vorsichtig auf einen kleinen, goldfarbenen Empire-Tisch (mit hübschen elfenbeinernen Intarsien als Platte) gelegt hatte.

Viel Vergnügen beim Feiern!“, las Onkel Philipp, der sich das Papier von Anton aushändigen hatte lassen, unter Zuhilfenahme seiner dicken Lesebrille laut vor. „Und beutet uns nur weiterhin aus, Ihr adeliges Gesindel! Stumpfsinnige Schweine! Ihr idiotischen Blutsauger und Kapitalisten! Aber Irgendwann fahrt Ihr dann ja doch zur Hölle! Alle zusammen!“

Hm.

Was haltet Ihr davon, Hochwürden?“, fragte der Onkel mit bebender Stimme und blickte streng in die mit hochstieligen Champagner-Gläsern bewaffnete Runde.

Der junge Herr Pfarrer wurde rot. „I – i – ich?“, stotterte er. „Mit Verlaub, bloß weil da was von Hölle steht, soll ich sofort zuständig sein?! Also, bitte, gnädiger Herr -“, und indem er nervös sein widerspenstiges rötlich-braunes Haar zu glätten versuchte, setzte er ein fast schon devotes Lächeln auf, das durchaus ein wenig ins Dümmliche hineinspielte.

Da!“, unterbrach Philipp die potenziellen weiteren Ausflüchte des inferioren Geistlichen, der immerhin im Geruch stand, mit manchen der neumodischen, sogenannten solzialdemokratischen Gedanken zumindest zu spielen, „ein Post Scriptum: ,Wir sind überall!’“

So etwas!“ Der junge Lehrer Ernest Rosenberger schüttelte energisch das – zugegeben – wenig edel geformte Haupt mit dem fliehenden Kinn und wandte sich ostentativ vom Pfarrer ab. (Man konnte ja nie wissen …) „Jetzt fangt das bei uns also auch schon an!“

Philipp sah ihn nur kurz und zweifelnd aus seinen kleinen dunklen Mausaugen an, um sich sogleich wieder der größeren Gruppe verschreckter Gäste zuzuwenden.

Wo ist denn der Herr Polizei-Kommandant?“, fragte er nach einem raschen Rundblick.

Aber, Philipp, du weißt doch, wir haben ihn nicht eingeladen“, antwortete Edelgunde, seine Gattin, und trat nun aus dem Hintergrund,wo sie sich aufgehalten hatte, nach vor an die Seite ihres Gemahls. Das Steinattentat hatte sie merkbar erblassen lassen. „Wir zogen es vor, ohne ihn zu feiern; nach dem Festrausch vom letzten Mal, wo er alles -“

Genau, des Kommandanten Festrausch …!“ Philipp hielt Ausschau nach einem weiteren unsichtbaren Stäubchen an seinem Gewand, sah indes keines und musste sich folglich weiterhin zentral mit der unangenehmen Angespanntheit der dummen Situation abfinden.

Er nahm den Stein in die Hand und roch daran, als ob er sich solcherart olfaktorische Auskunft erhoffte. Dann legte er ihn wieder weg und steckte das Papier in die Brusttasche.

Und wenn es vielleicht bloß ein blöder Streich war?! Ein Studentenulk oder eine Mutprobe von ein paar dummen Buben …?!“ Balduin, der jüngere Bruder Philipps, sonst nie um Theorien verlegen, ging es, worum auch immer, meldete sich diesmal in eher kalmierender Absicht zu Wort. (Immerhin sollte man sich doch durch ein zerbrochenes Fenster und eine blöde Botschaft nicht das Abendessen vermiesen lassen, das wieder einmal exzellent zu werden versprach.) Er trank hastig seinen Champagner aus, bevor er sich von Anton nachschenken ließ.

Ein Streich bloß?!“, sinnierte Philipp. „Ein Studentenulk?! Eine Mutprobe?!“

Da entschärfte die Gesellschaftsdame der 16-jährigen Tochter des Hauses, Genoveva, die Situation. Fräulein Spindelding, ein grauhaariges, an sich nur wenig attraktives, sozusagen überschlankes, ganz in Schwarz gehaltenes Wesen nicht so recht deutbaren Alters und mehr Schatten als Werferin desselben, kam mit der Ankündigung aus der Küche, dass im gelben Zimmer das Abendessen eben angerichtet worden sei.

*

Einen tatsächlichen Zusammenhang kann man naturgemäß nicht herstellen zwischen den Ereignissen. Fest steht jedoch, dass die Kuhmagd Josefa in der Nacht eine Fehlgeburt erlitt.

Fünf

Den Zucker, bitte! Wie lang‘ soll ich dir denn mein Häferl noch hin halten?“

Der alte Prof. Dr. Wimmelrodt war verärgert. Nein, beim Jausenkaffee am Nachmittag, da kannte er nun einmal keinen Pardon.

Also, entschuldige, Emil!“, erwiderte, nicht minder gereizt, seine Frau Mathilde, „aber, deinen Zucker wirst du dir doch wohl noch selber nehmen können!“

Nicht am Nachmittag und nicht zum Jausenkaffee …“

Ich hab‘ vergessen – die Rituale …!“ In Mathildens Stimme klang, durchaus gewollt, ein kräftiger Schuss Ironie mit.

Nichts hat sich geändert, hier …“, strahlte Benno, der zu einem seiner seltenen Besuche aus der fernen Haupt- und Universitätsstadt zu Besuch angereiste wenig über zwanzigjährige Sohn, der, während er den Satz aussprach, hinter dem Rücken der übrigen Familie zärtlich die Hand seiner Lieblingsschwester Fanny drückte. „Auch Papas Aufbrausen und Mamas feine Ironie …“ (Und unsere Liebe, dachte er mit einem innigen Blick zur achtzehnjährigen Blondine an seiner Seite. Ja, Fanny war tatsächlich noch hübscher geworden in dem dreiviertel Jahr, das er nicht daheim gewesen war.)

Also, wie ist es so in D.?“, wollte die Schwester wissen.

Ja, erzähl schon!“, schloss sich Hugo, der sechsjährige Nachzügler nicht minder neugierig Fannys Frage an, aufgeregt auf seinem Sessel hin- und herrutschend – wie wenn er dringend aufs Klo müsste.

Sag schon, gibt es noch das ,Goldene Einhorn’“, wollte Vater wissen, „wo ich so viele Stunden glücklicher Studentenzeit beim Bier verbracht habe mit den Kumpanen …“ Wimmelrodt senior lächelte still-verklärt (beinahe schon senil) in sich hinein, erhellten Triefauges. Sie wollte und wollte nicht besser werden, diesmal, seine Conjunktivitis.

Und spielt noch die Militärkapelle im Pavillon im Stadtpark? Immer am Sonntag nachmittags war es … ,Glühwürmchen, Glühwürmchen, glimmre, glimmre …’“ Jetzt bekam auch Mutter feuchte Augen. Ganz ohne Entzündung.

Nun … Ja … und nein …“, antwortete Benno sibyllinisch.

Ja und nein?!“, fragte der Vater gereizt, sich mit dem blauen seidenen Taschentuch das tränende Auge reibend. „Was denn nun -?!“

Also“, hob der Studiosus an, „das ,Einhorn‘ gibt es freilich noch und auch die Biere werden immer noch ausgeschenkt; nur verdammt teuer ist das Lokal geworden …, wie alles in D.“ Er machte eine Pause. Dann fuhr er fort: „Und auch der Musikpavillon wird noch benutzt. Aber nicht von der Militärmusik.“

Sondern?“, fragte die Mutter.

Von ein paar Salsa-Bands …, und wahlweise spielt eine Dixieland-Kapelle auf …“

Kein Paul Lincke mehr?“, stieß Mathilde Wimmelrodt, dem Schluchzen gefährlich nahe, voller Trauer um ein verlorenes Gestern hervor. „Keine ,Glühwürmchen‘ mehr …“

Nein! Verdammt! Keine … Dingsda- ,Glüh‘-dingsda- …‘, … keine ,Glühwürmchen‘ mehr! Du hörst es doch, Mathilde!“, donnerte der cholerische Professor. Und sein gefährliches Auge begann auch noch zu zucken wie nicht gescheit.

Endlich allein.

Fanny schmiegte sich und ihren formvollendeten Körper an den geliebten Bruder Benno.

Sei meine Mulde, sei mein Hain …“, flüsterte sie zärtlich.

Sei meine Hütte, mein Gärtelein …“, setzte er ihr süßes Gedichtchen aus glücklichen Kindertagen fort. Und: „Sei mein Ein und sei mein Alls …“

Fall‘ dir gern um deinen Hals!“, vollendete Fanny das ziemlich alberne Versgewirks. (Aber innig war’s doch!)

Und sie liebten einander mit aller Inbrunst, die angeblich nur einem wirklich guten Inzest innewohnt.

Oh, du mein Einhorn!“, rief das Mädchen plötzlich ekstatisch (doch gedämpft) aus.

Oh, du mein Musikpavillon!“, flüsterte der junge Mann.

Hugo las unter der Decke eine der nur mittelguten Science-Fiction-Bildgeschichten. (Der Vater hatte ihm die Lektüre dieser schäbigen Comics ausdrücklich verboten.)

Und bald, wenn es erst ginge, würde er auch onanieren.

Sechs

Im Grund genommen war jede Kammer gleich gut geeignet, um für ihn zu einem endgültigen Abstellraum zu werden. Oder zumindest zu einem Abstellgleis. Auf Zeit. Diese Kammer hier, in der er sich gerade befand, wie eine jede andere anderswo.

Es mussten nur Enge und Dunkelheit herrschen. Dann passte es schon.

Und seine Aussichten sollten ihm nach Möglichkeit minimiert erscheinen. Je minimierter, desto passender! Am besten – Null!

Und (wichtig!): Nie sollte etwas darauf hindeuten, was man gern (und wohl auch ein wenig euphemistisch) Zukunft zu nennen pflegte.

Insofern waren die Aussichten ja eigentlich gar keine. Am ehesten noch: reduzierte Träume. (Doch auch das nur, wenn solche überhaupt jemals möglich gewesen sein sollten …)

Seine Umgebung musste karg sein, heruntergekommen aussehen und ärmlich wirken in der dauernden Düsternis, vielleicht sogar – nein, nein: ganz bestimmt! – bedrückend und bedrohlich in der alles umfassenden, umschließenden Dunkelheit und Fast-Schwärze.

Doch im Grund genommen taugte jede miese Kammer, jegliche inferiore Räumlichkeit dazu. Die passende Stimmung, geprägt durch weitgehende Zukunftsverneinung, ja: durch schiere Hoffnungslosigkeit, stellte sich sodann wie von selbst ein. Davon war er überzeugt.

So hatte er sich seine Nichtzukunft nämlich längst erträumt und düster ausgemalt in dunklen, erdigen, Keller-affinen Farben, die allesamt zu einem endgültigen Schwarz hin tendierten.

Auf der einen Seite hatte die Schwärze auf der Leinwand längst schon aufgegeben, noch auf einen Kontrast zu warten, der ihr gleichsam partnerschaftlich zur Seite stehen würde; helfend, schützend, bestärkend oder sogar manch Schlimmes abwehrend, das mit Sicherheit von außen drohte. Die absolute Mutlosigkeit, für die das Schwarz seit geraumer Zeit schon und durchaus offenkundig stand, war andererseits in ihrer erstaunlich arroganten Haltung doch auch wieder bloß das allzu deutliche Zeichen einer grenzenlosen Verlorenheit und einer übersensiblen Verletzlichkeit. Seelennacktheit. (Einem hochbarocken Heiligen Sebastian nicht unähnlich, an dem sich dann wieder einmal so mancher schwule Priesteranwärter nicht und nicht satt sehen würde können.) So frei all die widerstrebenden Gefühle auch immer liegen mochten, gebündelt – sozusagen – erschienen sie als wunde, immer aufs Neu zu verwundende Nervenenden.

Aber dann: Dann packte der Maler – in blankem Furor und irre dreinblickend (vermutlich, es war ja kein Zeuge anwesend …), den breiten Pinsel und warf förmlich wie eine biegsame Angelrute einen schwungvollen Haken in das großformatige Gemälde.

Ja! Jetzt troff das satte Gelb, als wollte es gischtend und schaumig das Weltall füllen, vom rechten oberen Rand gegen Mitte und missachtete dabei kühn jegliche frühere Vor- ja: Allmacht des Schwarzen.

Er trat zurück vom Großformat.

Die Krisis war, so schien es, fürs Erste überwunden.

Der Maler lächelte in Maßen glücklich (vermutlich, es war ja immer noch kein Zeuge anwesend …) und genehmigte sich einen Schluck vom Doppeltgebrannten aus der dickbauchigen Flasche aus grünem Glas.

Doch dann folgte nicht lange darauf das hellblaue und etwas später das violette Stadium.

Und erst dann fand der Maler zu seiner eigentlichen Berufung. Er wurde Testesser in Autobahnraststätten (Spezialgebiet: Gulaschsuppen) für einen deutschen Autofahrerklub.

*

Noch später fand man ihn schließlich erhängt in einem gänzlich schwarzen Abstellraum.

Ohne Abschiedsbrief. (Aber wer schreibt denn auch im Dunkeln?!)

Sieben

Zugegeben: Regenwindel war ein schlimmer Finger, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Und besonders, wie sich Regenwindel gegenüber Knurpf betragen hatte, stieß allgemein auf Unverständnis, ja: auf Empörung! (Auch wenn man, zugegeben, darüber lachen musste.)

Der arme, linkische Knurpf! Der keiner Menschenseele etwas zuleid tun konnte … Ganz im Gegenteil: immer für alle da, immer ein gutes Wort und eine helfende Hand für jede und jeden! Bitte, hatte Regenwindel just ihn zum Gespött der ganzen Belegschaft machen müssen?! (Die Sache mit dem fingierten Liebesbrief von der Schnepfhagen, der Chefsekretärin und – na, ja – Matratze vom alten Berger, war aber auch zu gemein! Ein eindeutiges amouröses Kärtchen an Knurpf! Noch dazu – von der Schnepfhagen! Haha! Hoho! Eine echte Gaudi! Gemein – aber witzig! Und erst der Rüffel, den die blöde Sache dem unschuldigen Knurpf eingetragen hat! Nein, diese Abkanzelung hatte sich der Arme wirklich nicht verdient! Beinahe gefeuert –

Restlos zum Überlaufen brachte das Fass allerdings erst die Sache mit Frl. Sonnenschlier. Ja, also, ab da war ganz allgemein der Ofen aus.

Agathe Sonnenschlier, diese scheue Freundlichkeit und diskrete Hilfsbereitschaft in Person, eine graue Maus der allgemein gern geübten Aufopferung et cetera, hatte Regenwindel nun tatsächlich und wirklich nicht das Geringste getan. Im Gegenteil: Obwohl ihr der Unhold immer wieder und mehr oder minder offen seine Ablehnung und Geringschätzung gezeigt hatte, begegnete sie dem Büro-internen Widersacher (zumindest nach außen hin) mit ruhiger Höflichkeit und unerregt wirkender Gelassenheit. Auch wenn es in ihr kochen mochte vor Ingrimm und aufgestauter Wut. (Hatte er sie nicht damals, vor fünf Jahren, anlässlich des unsäglichen Betriebsausflugs vor allen derartig bloß gestellt und herunter gemacht?! Dieser geschmacklose Unmensch!)

Und dann mischte Frl. Sonnenschlier dem Regenwindel irgendwas in den Kaffee. (Niemand hätte geahnt, dass die so bewandert war in pharmazeutischen Dingen und so …) Ja, und der Idiot trank das Zeug.

Jetzt ist es vergleichsweise angenehm im Betrieb.

Nur die zickige Schnepfhagen grüßt den armen Knurpf immer noch nicht zurück, wenn er sich tief verbeugt, jedes Mal bei ihrem Auftauchen.

Blöde Kuh.

Acht

Oxenkron würde mit Sicherheit wiederkommen. So viel stand fest. Und seine Wiederkehr würde blutig sein.

Sein erster Besuch, es war just vor ein paar Wochen gewesen, war uns wie das Aufflackern des reinen Bösen erschienen. Oh, ja, er war allen noch in nur allzu lebhafter Erinnerung – und das beschränkte sich nicht auf uns Kinder, nein, auch die Erwachsenen schauderte immer noch vor Oxenkrons fürchterlichem Anblick und seinem schier theatralischen Auftritt.

Doch Großvater hatte es geschafft, dem scheußlichen Ungeheuer mit Müh‘ und Not das alte, dunkle, hölzerne Kruzifix mit der archaischen gusseisernen Christusfigur vor die triefende Hakennase zu strecken – mit seiner zugegeben, bebenden Rechten! (Ihm nur nicht in die funkelnden Augen sehen! nur nicht in die teuflichen Augen!) Und Oxenkron hatte, bildlich gesprochen, den Schweif eingezogen. Ja, das verfluchte Monster hatte gekniffen. Noch einmal. Wohl das letzte Mal, wollte man den alten Aufzeichnungen Glauben schenken.

Denn Oxenkron würde wiederkommen. Das war sicher.

Ich möcht‘ es lieber nicht erleben“, sagte Großvater, behäbig mit dem stinkenden billigen Tabak seine Pfeife stopfend, bevor er (vermeintlich) zum Sterben in den Weinkeller stieg. Ein paar Viertel wollte er sich noch genehmigen. Und dann – pfüatigott!

Wie erschrak indes unser lieber Opa, als er – es war beim dritten Viertel – mit einem Mal in den dichten Rauchschwaden der alten Pfeife und einer nicht weniger qualmenden Kerze just sich vis à vis den hämisch grinsenden Erzfeind gewahrte.

Oxenkron?!“, entfuhr es Großvaters Kehle rasselnd. Dann hustete er, legte die Pfeife beiseite und tat, als ob er sich erheben wolle . (Hätte jemand die Szene als Beobachter verfolgt, Opas Überraschung wäre für ihn durchaus glaubhaft rübergekommen.)

Oxenkron?! Bist du’s?! – Ja, du bist’s!“ Der Alte grinste, indem er die Pfeife wieder in den Mund steckte, kräftig daran zog und eine gleich stinkende wie im dunklen Gewölbe mordsmäßig emporwuchernde Rauchwolke erzeugte.

Ja, doch! Wer denn auch wohl sonst?! – Ach, ja: Prost, Heinz!“, sagte sein Gegenüber und stieß freundschaftlich mit seinem Glas an das des alten Freundes.

Prost, Pieter! Auf dein Wohl, alter Schwede!“, erwiderte lächelnd der Großvater.

Holländer, immer noch Holländer“, korrigierte Oxenkron nachsichtig.

Hör, einmal“, begann Opa, nach einigen ausgiebigen Schlucken vom alten Wein und einer Pause, die durch das erneute Einschenken aus dem bauchigen Krug entstanden war, „es ist eine Schande, dass du dich in dieses Haus gleich einem Werwolf schleichen musst!“

Ach, was! Die paar Wochen bis zur Premiere im Pfarrsaal, also, die halte ich das schon noch durch … Vorausgesetzt, es gibt genug Wein! – Prost, Heinz!“

Ebenso prost, Pieter! – Und wie geht’s mit den Proben?“

Danke, es tut’s“, sagte Oxenkron. „Du hast doch selber ausgiebig Bühnenluft geschnuppert, nicht wahr …, vor Jahren, oder?!“

Ja, ich war das Eichhörnchen in ,Edelweiß und Almenrausch‘!“ Opas Stimme vibrierte voller Künstlerstolz. „Später sogar der Konrad in Raupachs „Der Müller und sein Kind“! Das waren halt noch Zeiten, damals …“

Sie saßen noch stundenlang im Weinkeller, die beiden alten Zauseln.

Dann brannte das Anwesen eines Nachts ab. (Doch zu der Zeit war der Opa ja schon zwei, drei Jahre im Altenheim in der nahen Bezirksstadt untergebracht.)

Neun

Die Rosl war alt und hatte neben anderen Flausen auch die im Kopf, immer zwei, drei Grade kleiner geschrieben (oder gesetzt) werden zu wollen als die anderen. Man wusste nicht, ob dieser Spleen der Ausdruck ihrer angeborenen Bescheidenheit oder vielmehr einer besonders raffinierten Form von Hoffart sei. Denn bekanntlich hängen diese sich nur scheinbar so diametral gegenüberstehenden Dinge enger zusammen, als man im Allgemeinen annehmen und glauben möchte …

Also, die Rosl hatte es gern klein. Um zwei, drei Grade kleiner als die anderen. Im Allgemeinen störte das auch gar nicht. Und sollte sie denn keine Freude haben, die Rosl?!

Zumal sie sich sonst ohne jede Widerrede in alles und jedes fügte, die Rosl, und für ihr Alter überhaupt noch für allerhand Sachen gut und heranzuziehen war, vor denen sich manche und mancher von den Jungen scheute; und daher wohl auch zu drücken verstand.

Ja, man sah der alten, ein wenig schrulligen Magd, als welche die Rosl gleichsam längst zur Familie gehörte, auch und gerade in Zeiten, da die früheren feudalistischen Hierarchien wohl auch längst schon aufgeweicht wenn nicht sogar vom neuen Geist hinweggeschwemmt worden waren, ihren Spleen gern nach. (Na, ja …, also, so gern auch wieder nicht …) Immerhin, Rosls Marotte wirkte sich im Vergleich weit weniger störend aus als das geradezu unverschämt zu nennende Begehren ihres Bruders, der am liebsten Letterngröße für sich beansprucht hätte! Und solcherart zu einer Schlagzeile geworden wäre:

Hias .

Doch daraus wurde schließlich auch nichts.

Zehn

Dass es der letzte Kuss sein würde – wer hätte das gedacht? Annika und Enrique wohl am allerwenigsten. Und doch, das mussten sogar die beiden Liebenden einsehen, auch der schönste Sommer würde einmal ein Ende haben.

Hatten sich noch ein paar Tage zuvor die vollen Ährenstände beinah als zu schwer erwiesen, als dass die strohigen Getreidestängel die goldene Last hätten auf Dauer tragen können (und dabei noch ins Wippen geraten beim geringsten Windhauch!), so lag nun eine merkbare Gereiztheit in der Luft. Die Natur schien sich gegen den alles bestimmenden Gang der Dinge, wie er nun einmal notwendig war seit jeher, stemmen zu wollen. Allein, es war aussichtslos.

Das in akkuratem Schönbrunngelb bemalte Schlösschen hinter dem nahen Mischwald lag noch im trägen Glanz der letzten Sonnenstrahlen dieses schönen Tages in einem ersterbenden Spätsommer, und ein paar Libellen kreisten über dem Weiher rechts, neben den Stallungen. Blaugrün, eigentlich smaragden, huschten ihre schmalen Körper in der rasanten Schlagfolge der überdimensionierten Flügel über die Wasserfläche, als wollten sie sich mit dem flüchtigen Bild des eigenen Schattens ein bizarres Fangenspiel liefern.

Annika sah dem Geliebten tief in die graublauen Augen und registrierte dabei leicht belustigt eine zweifache zaghafte Falte des Zweifels über seiner Nase. Doch hätte es auch ihre Nase, ihre Falte und ihr Zweifel sein können.

Der Sommer war, es ließ sich nicht länger verheimlichen, mehr oder minder vorbei; und mit ihm wohl auch ihr Glück.

Das brünette Mädchen seufzte.

Dann machten sich die beiden jungen Leute auf den Weg zurück ins Schloss, aus dem schon gedämpftes Stimmengewirr zu hören war. Ein zartes, hohes Kinderstimmchen löste sich gleichsam aus dem allgemeinen Geräuschteppich:

Bubi hat den Scherben auf …“

Enrique wischte sich verstohlen etwas aus dem linken Auge.

War wohl ein Staubkorn.

E N D E

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