A b e l s

Konterfei

Eine historische

Farce von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

damit das Blut aller Propheten, das

vergossen wurde seit Grundlegung der

Welt, gefordert werde von diesem

Geschlecht, vom Blut Abels an …

Neues Testament, Lukas, 11, 50 f.

*

Geschichtsschreibung ist Philosophie

des Geschehenen.

Egon Friedell, Kulturgeschichte der

Neuzeit

*

er wusste, dass nichts von alledem

erlaubt war, aber hinter dem Eisentor

ist es nicht einfach, in Ehren

zu bestehn.

Robert Musil, Der Mann ohne

Eigenschaften

*

1958, Wien:

Es war viel los auf dem Wiener Südbahnhof im Juli 1958. Der Wirbel, drei Jahre nach dem lang ersehnten Staatsvertrag und der damit verbundenen, endlich wiedererlangten Freiheit Österreichs, galt nunmehr jedoch nicht mehr primär der pompös umgebauten Riesenanlage des Südbahnhofs mit dem integrierten Ostbahnhof selbst, die ein Jahr zuvor eröffnet worden war, sondern war durchaus Alltag. Bahnhofsalltag und Großstadtalltag. Und doch warf der anhaltende Trubel in der Folge dann den jungen Mann aus der Provinz, Ulrich Abelmann, zunächst einmal fast um! Doch man gewöhnt sich schließlich an alles. Zumindest an vieles.

Die Massen von Leuten aus den verschiedensten Ländern – besonders des benachbarten Ostens. Die bunte, farbenfrohe Völkervielfalt gerade hier, im Bereich des modernen Riesenbahnhofs! Und erst das permanente Stimmengewirr! Zudem war das immer noch Neue überall als solches spürbar. Kein Vergleich zu seiner (wie er fand) denn doch ziemlich verschlafenen Heimatstadt Graz.

So würde er freilich erst Tage und Wochen später urteilen, wenn er sich schon ein wenig eingelebt hatte im schönen, pulsierenden Wien. Da, an der schönen blauen Donau, da war eben was los. (Auch wenn die Donau nachweislich eher nicht blau war. Egal.)

Kurz: Man spürte den Hauch der großen Welt. Er spürte. Zumindest gefühlsmäßig.

Besonders hier, auf dem riesigen Areal des Südbahnhofs, auf diesem Umschlagplatz mit den vielen Menschen. Und so sauber war alles. Noch. Elektrifiziert die Strecken – endlich! Noch dazu: ein Kopfbahnhof! Das hatte ihm, warum auch immer, lange schon imponiert. Kopfbahnhof. (Dass ein Kopfbahnhof zugleich auch ein Endpunkt ist, war ihm damals noch nicht aufgefallen … Das würde auch noch kommen. Keine Bange.)

Ulrich Abelmann, ein junger Student aus der Steiermark, war zwar schon, mit seiner Mutter Hannelore, einige Male in Wien gewesen, wo immerhin viele Mitglieder der weitverzweigten Familie lebten. Doch diesmal verwirrte ihn das Durcheinander besonders, wie es von draußen, durch das Abteilfenster, förmlich in den schon ganz langsam fahrenden, in den quasi ausrollenden Zug kroch.

Das eiserne Monster ruckelte nicht einmal (wie er es von Fahrten mit den steirischen Lokalbahnen in Erinnerung hatte, die großteils noch mit Kohle und Dampfkraft betrieben worden waren) im Gegenteil: Es stand gleich darauf endgültig still.

Hoffentlich würden ihn Tante Ida und Onkel Robert wohl auch vom Bahnhof abholen! (Zur Beruhigung: Sie warteten schon. Dort, in der riesigen Eingangshalle, in der Nähe des alten ebenfalls riesigen Löwen aus Stein, einer Reminiszenz an den Markus-Löwen von Venedig. Sein Zwilling stand übrigens in Laxenburg. Und dass die altehrwürdige Riesenskulptur – nach der Eröffnung des noch viel prunkvolleren Nachfolge-Riesenbahnhofs anno 2014 – dann erneut ihren Platz finden würde, soll hier auch angefügt sein. Ach ja, der alte Löwe – irgendwie erinnerte er Ulrich an seinen toten Vater. Obwohl er von Gilbert kaum eine echte Vorstellung hatte, war er doch kaum vier Jahre alt, als der Vater von den Nazis ermordet wurde.)

Auf der langen Fahrt im Eisenbahnzug von Graz hierher hatte er sich recht angeregt mit einem etwa gleichaltrigen Mitreisenden unterhalten, auch einem Studenten. Noch dazu mit einem, der, wie sich bald herausstellte, ebenfalls Grazer war. Sie hatten über beider Studien gesprochen, über Mittel- und Althochdeutsch, das sperrig-theoretische Gotisch; aber auch über Geschichte und Philosophie, ganz allgemein. Und Ulrich hatte dem Zufallsbekannten auch schon erzählt, dass er im Herbst vielleicht für zwei Semester an die Uni Wien wechseln wollte. Wegen der Germanistik hier, von der er schon viel Gutes gehört habe.

Der andere schwärmte allerdings mehr von den Vorzügen des steirischen Bieres im Vergleich mit dem in Wien und hatte, wie zum Beweis dessen, was er sagte, auch gleich einige Flaschen Puntigamer als Proviant mitgenommen, von denen er jetzt auch dem neuen Bekannten ein Gerät anbot, wie er es nannte.

Er, Gustav, ließ einige Sprüche ab, quasi im Gegenzug für Ulrichs Germansitik-Anmerkungen, nämlich über die heimlichen Tücken, die im Fach Maschinenbau lauerten. Auch die sauschwere Darstellende Geometrie, die nicht minder bösartige Materialkunde und andere potenzielle Hindernisse im Studium des Maschinenbaus an der Grazer Technischen Hochschule – so hieß die Anstalt vor ihrer viele Jahre später erfolgenden Erhebung in die Würde einer Universität – schilderte der Mitreisende da in eher düsteren Farben. Jetzt würde er jedenfalls erst einmal eine Woche Ferien in Wien einlegen und dann, mit Freunden, weiter nach Südtirol fahren. Sie wollten sehen, was da vielleicht so zu machen wäre … Überhaupt: Südtirol! Italien! Und die laxe österreichische Politik in der Südtirol-Frage.

Aber auch über ihre Hobbys sprachen die beiden jungen Männer. Über Musik zum Beispiel. Der andere, Gustav Kainersberger, schien da – zumindest in Ulrichs Augen – allerdings einen etwas speziellen Stil zu bevorzugen. Oder, pointierter gesagt, in einem beinahe schon erschreckenden geschmacklichen Ausnahmezustand zu verweilen.

Ulrich war nämlich ein ausgesprochener Swing-Fan (das habe er, hieß es in der Familie, von seinem Vater Gilbert geerbt), dazu mochte er eventuell noch ausgewählte Lieder von Franz Schubert und Robert Schumann, Klaviermusik von Franz Liszt und Frederic Chopin, aber auch Arien aus Oper und Operette sowie das klassische Wiener-Lied (und zur Not vielleicht die recht originellen Hervorbringungen des aus der Country-Music-Szene kommenden US-Rock-Stars Elvis Presley).

Den österreichischen wie auch den bundesdeutschen Schlager jedoch lehnte er durchwegs ab.

Sein neuer Bekannter hingegen schien nachgerade eine Vorliebe für gefühlstriefende Schnulzen und sogar für altbackene (revanchistisch anmutende) Soldatenlieder zu hegen, für diverse preußisch angehauchte Märsche und ähnlich spezielle braune Musik-Devotionalien, für allerlei Singsang von der schwarzbraunen Haselnuss und dem hübschen Mädchen in einem Polenstädtchen, kurz: Musiktrödel mit deutlichem Nazi-Einschlag. (Es hätte Ulrich nicht weiter gewundert, hätte dieser Gustav auch noch das Horst-Wessel-Lied angestimmt …)

Ja, das trübte ihr ansonsten grosso modo unterhaltsames Gespräch einigermaßen. Doch – was sollte es? Vielleicht würde man einander ohnedies nie mehr sehen in diesem Leben … (Auch was die kryptischen Südtirol-Bemerkungen zu bedeuten hatten, konnte sich Ulrich nicht so recht erklären …, und die laxe österreichische Politik in der Südtirol-Frage?!)

Zum Überlaufen brachte das Geschmacksfass allerdings dann eine Äußerung der eigenartigen studentischen Reisebekanntschaft zum Abschied: Er, Ulrich, solle die Ohren steif halten. Nun das war schon o. k. Doch dann, schon auf dem Perron, hatte Gustav, halbverdeckt zwar, aber immerhin, keck und dabei schmierig grinsend, die Rechte zum sogenannten Deutschen Gruß emporgereckt!

Das war Ulrich Abelmann dann doch zu viel. Denn dass der Kollege, wie er freudestrahlend erzählt hatte, bei einer schlagenden Studentenverbindung sei, hätte er ihm vielleicht noch als Privatsache durchgehen lassen. Aber – das hier? Hielt ihn dieser Schnösel am Ende auch für einen Neonazi?! Und vor allem: ihn, den Sohn eines Mannes, der in mehreren NS-Konzentrationslagern geschunden worden war, bevor man ihn schließlich in Auschwitz vergast hatte?

Da flogen spontan die Fäuste, und sogar die Rechte (sic!) Ulrichs streckte sich, nämlich mitten ins Gesicht dieses Reisegenossen Gustav, der ihm mit einem Mal als mehr als bloß widerlich vorkam (Grazer hin oder her). Gustav zerriss bei diesem Handgemenge Ulrichs gestreiftes Sommerhemd, wobei kurz ein relativ großes Tattoo sichtbar wurde: das Konterfei eines Gesichtes. Es war das von Ulrichs Vater Gilbert, gestochen von einem Tätowier-Künstler, vom alten Onkel mütterlicherseits namens Otto Heinrich Mohnmüllner. Und Tattoos waren in den säten 1950er Jahren längst noch nicht in; wie auch der Ausdruck in längst noch nicht in war … Und dann landete Ulrich beim annähernd gleich starken Kontrahenten einen Schlag auf der Nase, sodass Gustav zu allem Überfluss auch noch zu bluten begann, worauf hin er sich zusätzlich ziemlich in Rage steigerte.

Kurz: Der Streit eskalierte.

Im Nu bildete sich eine Menschenansammlung um die zwei sich balgenden jungen Männer, und da war auch schon die Polizei zur Stelle.

Die Beamten nahmen die Personalien auf. Nachdem sich bald herausgestellt hatte, dass die Blessuren geringfügig, ein Einsatz der Rettung somit nicht notwendig und auch umfassendere Amtshandlungen überflüssig waren, ließen sie die beiden Hitzköpfe – wohlweislich in verschiedene Richtungen – ziehen.

Ulrichs erregt vorgebrachter Hinweis auf den Hitler-Gruß, den sein Kontrahent ausgeführt hatte, wurde (war das jetzt typisch österreichisch?) als Lappalie abgetan.

Doch da erblickte Ulrich – Gott sei es gedankt! – auch schon Tante Ida und Onkel Robert, wie sie ihm vom Zugang zu den Bahnsteigen her zuwinkten. Vom Onkel des Spaßes halber auf die eben überstandene Intervention angesprochen, ob er etwa seine Aversionen gegen Wien schon am Südbahnhof auszuleben gedenke, musste Ulrich Abelmann lachen.

Und bald hatte er den unschönen Vorfall beinahe wieder vergessen.

Fortsetzung folgt!

Tomaszczuk, Fanny & Co.:

Jetzt erst erfolgte die große, durchaus herzliche Begrüßung durch die dralle Tante Ida. Ja, die war eindeutig um einiges rundlicher geworden seit ihrem letztem Besuch bei seiner Mutter in Graz, und auch der an sich eher klein-geratene Onkel Robert hatte ein wenig zugelegt um die Hüften.

Man freue sich unheimlich, und er müsse erzählen, erzählen!

Im neuen, hellblauen Opel-Rekord ging es in die Tabor-Straße in Wien-Leopoldstadt, wo das kinderlose Ehepaar Dr. Abelmann nun schon seit vielen Jahren wohnte.

Das Bild im Rückspiegel wurde anfangs immer noch vom neuen Südbahnhof dominiert. Kein Wunder also, dass es sich der Onkel während der Fahrt nicht verkneifen konnte, seinem leisen Groll über den protzigen Beton-Neubau – übrigens, wie der Onkel erklärte, nach Plänen des Architekten Heinrich Hrdlička – Luft zu machen. Er, Robert, habe zwar auch die Vorgängeranlage von Wilhelm von Flattich nicht durchwegs goutieren können und sogar an den Plänen für den Südbahnhof 1 von Matthias Schönerer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts einiges auszusetzen gehabt; aber diesmal hätten die Österreichischen Bundesbahnen und die Stadt Wien es in einem unsäglichen Schulterschluss architektonisch eindeutig zu weit getrieben.

Gut, meinte der Onkel, chauffierte (mitunter ein wenig riskant) und dozierte, nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich praktisch alle Wiener Bahnhöfe – Süd-, Ost- wie Westbahnhof – als durch teils gravierende Bombenschäden mehr oder minder unbrauchbar erwiesen. Wiederaufbau tat also erwiesenermaßen not. Und das erwies sich wiederum für die Bauwirtschaft, die Ministerien und die Bahnen als praktisch. So war praktisch allen geholfen …

Die Ergebnisse dieses so praktischen Wiederaufbaus fanden jedoch nur selten die volle Anerkennung (um nicht gar von Wohlgefallen zu reden) des kritischen Onkels. Vor allem das stillschweigende Schleifen des Ghega-Platzes vor dem früheren Bahnhofsgebäude, indem man einfach die überdimensionale neue Halle darübergestülpt habe, gehe ihm, Dr. Robert Abelmann, als Bürger, der sehenden Auges durch seine Stadt Wien zu lustwandeln gewohnt sei, gewaltig gegen den Strich.

Immerhin habe man – ohne jegliche historische Verantwortung walten zu lassen! diesen bedeutenden Techniker und Bahnbaumeister, Karl Ritter von Ghega eben, den aus Venedig stammenden genialen Ingenieur und Pionier des Eisenbahnwesens, kurz: den berühmten Erbauer der Semmeringbahn, so mir nichts, dir nichts ausgelöscht; zumindest, was seinen innerstädtischen Ehren-Platz betraf … (Ghega habe übrigens, so Dr. Abelmann quasi: der Vollständigkeit halber, zwischen 1855 und 1857 mit der Strecke Laibach-Triest sein zukunftsweisendes Projekt Südbahn abgeschlossen.) Also galt wieder einmal: Sic transit gloria mundi

Themenwechsel. Ja, doch! Sie erinnerten sich selbstverständlich noch lebhaft an diese leidige Geschichte, die für Ulrichs Vater dann so traurig enden sollte, nämlich in Mauthausen. Ja, doch. Onkel Robert denke noch oft an seinen älteren Bruder Gilbert. In Wehmut … Auch wenn er selbst, seinerseits also, relativ jung schon, Anfang zwanzig, in der Mitte der 1930er Jahre, von Graz zu Verwandten seiner jungen Frau, Tante Idas also, hierher nach Wien ausgewandert sei … Man habe jedoch lebhaften Kontakt gepflegt, auch weiterhin, mit dem Bruder Gilbert und den alten Eltern Abelmann. (Tante Ida nickte eifrig mit dem Kopf, den eine merkbar in falschem Blond gehaltene Dauerwelle zu zieren versuchte.)

Es war also folgendermaßen gewesen: Gilbert Abelmann hatte einen Sandkasten-Spielkameraden und späteren Schulfreund gehabt, einen Buben namens Hildebrand Kainsberger (gut, die Familie, die ursprünglich aus Marburg an der Drau stammte, hatte einen ziemlich deutsch-nationalen Hintergrund …). Lange Zeit jedoch waren die Nachbarskinder dort, in Graz-Waltendorf, quasi ein Herz und eine Seele gewesen. Jahre später hatten sie dann allerdings, es ging da um eine Frau (aber er, Robert Abelmann, wolle sich – Seitenblick zum 21jährigen Neffen – darüber lieber nicht näher auslassen), Jahre später also kriegten sich die beiden jungen Männer, Gilbert und Hildebrand, echte Gockel halt, in die Haare. Kurz: Es gab da ziemlich viel Stunk. Und die Freundschaft, die kippte klarerweise in Feindschaft um.

Ja, so war das damals, einige Jahre vor dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, der dann bekanntlich anno 1938 erfolgte.

Übrigens, auch politisch sei man sich zuletzt schon mehr als bloß uneins gewesen. Und, kein Wunder, nach dem Anschluss sollte Hildebrand Kainsberger, schneller als man bis drei zählen hätte können, schon in den Märztagen 1938 in SS-Uniform erhobenen Hauptes einherstolzieren wie ein Pfau. Er offenbarte sich so im Nachhinein auch noch als wackerer Illegaler, als einer also, der schon zu Zeiten des Ständestaats der damals verbotenen NSDAP angehört hatte.

Kainsberger wurde zudem bald schon ein ziemlich hohes Tier bei der SS und ließ sich später bereitwillig (mit Kind und Kegel) der Wachmannschaft des KZ Mauthausen zuteilen.

Und Ulrichs Vater Gilbert gehörte dann eines Tages zu den bedauernswerten Häftlingen.

Wie es geendet hat, wisse Ulrich ja.

Zugegeben: In der eigenen weitverzweigten Familie ist der Nationalsozialismus eigentlich kaum ein Thema gewesen. Ja, doch: Der schöne Edi, ein angeheirateter Cousin namens Brinkmann, mit seiner exaltierten Frau Irene (das war die mit den vorstehenden Hasenzähnen …), also, der ist immerhin in der Partei gewesen. Nichts Gravierendes allerdings, Wie beim schönen Edi Brinkmann überhaupt nichts besonders gravierend gewesen sei …

Und dann noch der auch eher entfernte Neffe Dieter, ein gewisser Brunnsteiner, der machte tatsächlich als SS-Offizier eine einigermaßen fragwürdige Karriere. Und war, im Vertrauen, ein Leben lang in erster Linie drum bemüht, seine homosexuelle Neigung zu verschleiern … Deshalb ja auch die Scheinehe mit der leicht nervenden Katharina aus der Kloos-Linie. Die sei übrigens eine überzeugte BdM-se gewesen (Bund deutscher Mädchen, schaltete sich ausnahmsweise einmal Tante Ida sachdienlich ein).

Daheim, in der geräumigen Wohnung der Wiener Abelmanns angekommen, trank man guten reschen Weißwein aus Niederösterreich. Die blonde Tante Ida hatte außerdem eine ganz vorzügliche Jause hergerichtet. (Gott sei Dank: Man kann sich jetzt immerhin wieder das eine oder andere leisten, nicht wahr?! Er, Ulrich, und seine Frau Mama und die Familie in Graz doch auch, oder?!)

Ulrich nickte. Er musste überhaupt viel nicken, wenn der eloquente Onkel so erzählte. (Auch die Tante nickte mehr, als sie etwas sagte. Die beiden schienen diesbezüglich gut auf einander eingespielt zu sein, der Herr Finanzreferent mit späterer Aussicht auf einen Sektionsleiter-Posten und seine Gattin.)

Und Onkel Robert erzählte wie ein aufgezogenes Blechspielzeug (wenn die damals schon hätten reden können), das – im Falle eines kunstvoll hergestellten Krokodils, per Feuerstein Funken stieben ließ und vor sich hin-ratterte, wenn man es nur entsprechend aufzog und losließ.

Denn natürlich hatte alles (nicht nur in der Familie Abelmann und ihren Seitensträngen, den Kleins, den Kaindls, aber auch den Bergers und den Blassmuths, den Mandelbaums und den Graubbachers, den irgendwie dazu-geheirateten Brinkmanns, den Brunnsteiners und Klooses et cetera) eine Vorgeschichte. Und die war einerseits relativ umständlich – zumindest verdeutlichte das die mäandrierende Erzählweise des Onkels -, zum anderen üppig.

Doch empfand Ulrich das alles keineswegs als uninteressant, war es immerhin verorrtet nicht nur in Graz und Wien, sondern auch in der schönen Bukowina, im Buchenland. Und von dort kamen sie schließlich allesamt her, die Abelmanns und die Kleins sowie die Kaindls, die Bergers und die Blassmuths, die Mandelbaums und die Graubachers … (Und Ulrich studierte nun einmal nicht nur Germanistik, sondern auch Geschichte.)

Bukowina. Dieses ferne Kronland mit seiner irgendwie magischen Hauptstadt Czernowitz, dort, am fernen Pruth gelegen … Fast schon, wo die Wölfe der Karpaten heulten (nein, wir wollen nicht übertreiben); aber immerhin, waren die verschiedenen Ethnien angehörenden Bewohner enger benachbart mit Rumänen und Ruthenen – so nannte man lange Zeit die Ukrainer – sowie mit den Russen als mit Menschen aus Österreichs Binnenland.

Die Bukowina, ein Landstreifen von 10.442 Quadratkilometern, galt zunächst als ein eher wenig attraktives Gebiet; dennoch wurden die internationalen diplomatischen Vorgänge im Vorfeld der entscheidenden Konvention von Kostantinopel anno 1775, die das Areal dnn an Habsburg band, streng beäugt. Nicht nur von Österreich selbst, sondern auch von Rumänien, Russland und sogar vom Osmanischen Reich.

Das Buchenland (wie das Stück Erde quasi in Übersetzung genannt wurde), gebirgig und waldreich, stellte sich insgesamt jedoch tatsächlich noch ziemlich zurückgeblieben dar. „Seit 1787 strömten, von Kaiser Joseph II. gerufen, auch deutsche Kolonisten aus der Pfalz, Schwaben, Hessen, dann aus dem Böhmerwald und der Zips (Slowakei), aus Bayern und aus den österreichischen Kernländern in das unterentwickelte und von Soldaten und Marodeuren verschiedener Nationen (Polen, Tataren, Schweden, Kosaken und Türken) verwüstete Waldgebiet (…).“ (Rudolf Wagner [Hg.], Alma Mater Franciaco Josephina (…). München 1975.)

Die Bukowina war a priori ein Vielvölkerstaat im Kleinen, wie Dr. Robert Abelmann das ganz richtig erkannte. Und wieder einmal referierte.

Doch ein, das musste man zugeben, weitgehend friedlich zusammenlebender. Mit Deutschen, Rumänen, Ruthenen, Polen, Juden …

Die Bukowina, Czernowitz …, ja, von dort sei die weit verzweigte Familie Abelmann (mit den oben erwähnten Seitensträngen) kurz vor beziehungsweise nach Beginn des 1. Weltkriegs (den man damals noch den Großen Krieg genannt hatte) hauptsächlich nach Graz, aber auch nach Wien, nach Steyr und nach Krems gezogen. Ein Großonkel von Robert und Gilbert Abelmann zum Beispiel, der bekannte Historiker Raimund Friedrich Kaindl – übrigens: einer der Begründer der (zugegeben: durchaus großdeutsch konnotierten) Volkskunde – habe 1915 einen Ruf an die Universität Graz bekommen, um fortan an der Karl-Franzens-Universität Österreichische Geschichte zu lehren. Hier, an der Mur, habe Kaindl – das wisse Ulrich ja bestimmt alles – mit seiner Familie gelebt und bis zu seinem Tod im Jahr 1930 auch sehr fleißig wissenschaftlich publiziert.

Überhaupt die legendäre Czernowitzer Uni, die „Alma Mater Fracisco Josephina“, die sogenannte deutschsprache Nationalitäten-Universität! Im Jahr 1875 wurde sie eröffnet und für diese hohe Schule hatte sich besonders der ortsansässige Anwalt und Rechtsgelehrte, der Rumäne Constantin Tomaszczuk, zudem ein einflussreicher linker Reichstags-Abgeordenter, stark gemacht. Der war dann auch der erste Rektor magnificus

Jetzt kam Onkel Robert, selbst höherer Beamter im Finanzministerium und (merkbar) begnadeter Hobby-Historiker, erst so recht in Fahrt. Und nach zwei, drei Vierteln guten, reschen, niederösterreichischen Weins war er dann überhaupt nicht mehr zu bremsen.

Da purzelten erst die quasi innerfamiliären Anekdoten aus ihm heraus – etwa die Storys rund um die schöne Cousine Fanny, die – na, sagen wir – einen etwas lockeren Lebenswandel geführt hatte, wie es hieß. Dann kamen jedoch auch die Angelegenheiten der Weltgeschichte zur Sprache. (Kunst- und Trinkpause.)

Also, die Fanny. Das war nämlich folgendermaßen gewesen: Erst, als blutjunge Frau noch, war die schöne Fanny mit einem Wachtmeister des Bundesheeres liiert, doch zerbrach das Verlöbnis, dessen handfester Unterpfand immerhin ein strammer, gesunder Bub war, leider bald schon. Darauf hin – und knapp bevor der Ständestaat beschossen wurde und die Jagd auf die sozialdemokratischen Arbeiter begann, kam noch schnell ein junger Sozialist zum Zug bei Fanny. Auch diese Liebesbeziehung blieb nicht ohne Folgen. Dann jedoch schwenkte die anpassungsfähige junge Frau zu den ständestaatlichen Hahnenschwanzlern hinüber, um allerdings, dreh um die Hand, mit einem illegalen Nazi anzubinden …

Nach dem Anschluss, verheiratet mit einem SS-ler, der wiederum später nicht aus Russland heimkehren sollte, wandte sich Fanny schließlich, zugegeben: schon ein wenig abgetakelt, nach 1945 einem – allem Anschein nach eher gutmütigen – US-amerikanischen Besatzungsoffizier zu. Und der recht wohlhabende GI, von dem sie in rascher Abfolge auch noch zwei Kinder bekam, nahm die schon einigermaßen verwelkende Vierzigern nach Beendigung der Besatzungszeit, 1955, mit sich in die Vereinigten Staaten von Amerika. Und in Chicago sollte die Familie Captain John Forthworth (oder so ähnlich) dann doch tatsächlich noch zu einigem Reichtum kommen. Alles in allem: eine Karriere …

Doch nicht ohne waren natürlich auch die Geschichterln aus der Geschichte, die der Wiener Juristen-Onkel aus dem Finanzministerium dem Grazer Jung-Historiker auftischte. Da ging es zum Beispiel – ein echtes Glanzlicht! – um den vermutlich berüchtigsten Hurenbock unter den Habsburgern, den schönen Erzherzog Otto. Der Bruder Franz Josephs und Vater des letzten Kaisers, Karls I., musste einmal sogar, so wusste es die Legende, nackt bis auf den Säbel und den Orden vom Goldenen Fließ, vor einem gehörnten Ehemann aus einem der Separees des angesehenen Hotels Sacher fliehen. (Otto wurde übrigens in noch jungen Jahren von der Syphilis dahingerafft.)

Überhaupt, diese Erzherzöge schmückten sich da in Wahrheit ja mit einem Phantasie-Rang. Eingeführt in Analogie zu den deutschen Kurfürsten (deren Titel immerhin auf ihre Funktion im Reich, nämlich bei der Wahl des Königs oder Kaisers, hinwies), war die den Mitgliedern des habsburgischen Erzhauses vorbehaltene Bezeichnung eher ein Pflanz. (Und wirkte sich auch in keiner Weise positiv auf die nicht selten wenig inspirierten Träger des Titels aus.)

Ah, jetzt war der Onkel in seinem Element. Mit vom Wein geröteten Wangen kam er auf den langjährigen, überaus kriegslüsternen Chef des Generalstabs, Franz Freiherr (ab 1918 Graf) Conrad von Hötzendorf, zu sprechen, einen engstirnigen, verwitweten k.u.k.-Feldmarschall; vor allem aber auf dessen skandalträchtige Liaison mit der wesentlich jüngeren Gattin eines Grazer Industriellen, nämlich mit der aus italienischem Kleinadel stammenden Gina (Virginia) von Reininghaus.

Der starrsinnige Militär, der bereits vor dem Attentat in Sarajevo, 1914, dem Kronprinz Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie zum Opfer fielen, hatte immer wieder und mit aller Vehemenz einen Angriffskrieg gegen Serbien gefordert. Und privat? Da stellte Conrad allen Ernstes ein Junktim zwischen seinem potenziellen Glück mit der sechsfachen Mutter Gina und dem Verlauf des Großen Krieges her! Im deutschen Generalstabschef, dem preußischen Generaloberst Helmut Graf von Moltke, der seinem obersten Kriegsherrn, Kaiser Wilhelm II., an Kriegsgeilheit in nichts nachstand, fand der im Dienst Ergraute übrigens ein durchaus passendes Pendant. (Conrad von Hötzendorf konnte seine Geliebte im Jahr 1915 immerhin ehelichen, und Kaiser Karl I. entließ den starrköpfigen Offizier dann endlich, 1917, doch noch aus seiner verhängnisvollen hohen Position. Der Krieg jedoch, der massenhaften Tod und so viel Leid über Millionen Menschen gebracht hatte, ging verloren.)

Hätte Onkel Robert Abelmann – aus welchen Gründen auch immer – eine Erklärung abgeben müssen, eidesstattlich oder sost wie, sie hätte etwa so ausgesehen:

Der Unterfertigte, Dr. jur. Robert Konrad Abelmann, Referent im hiesigen Bundesministerium für Finanzen, hält folgende Klarstellung für notwendig: Ich kam am 13. Mai 1913 in Graz, der Hauptstadt der Steiermark, zur Welt. Meine Eltern waren der Gymnasiallehrer und spätere Direktor Dr. Friedrich Abelmann, Professor für Deutsch, Geschichte und Geographie, und Frau Mathilde Abelmann, geborene Pfluglehner, Hausfrau. Ich hatte einen um drei Jahre älteren Bruder, Gilbert (* 1910), der ebenfalls Germanistik, Geschichte und Geographie studierte und das Lehramtsstudium absolvierte sowie die Doktorwürde in Philosophie erwarb, sowie eine jüngere Schwester, Hermine (* 1917), die, nach absolvierter Handelsschule, einen Kolonialwarenhändler namens Isidor Schnurrer heiratete. Beide sind jedoch bedauerlicherweise samt ihren Kindern Georg, Anna-Maria und Friedrich im Bombenhagel umgekommen, der Graz gegen Kriegsende 1944/45 heimsuchte.

Ich studierte von 1931 bis 1935 Rechtswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität in Graz, bin jedoch nach dem abgeleisteten Gerichtsjahr schon 1936 mit meiner Frau Ida, einer geborenen Schuster (* 1915), zu ihren Verwandten nach Wien gezogen, wo ich bald in der bestens beleumundeten Kanzlei Löwenthal, Grünberg & Partner als Rechtsanwaltsanwärter zu arbeiten beginnen konnte. Als die Firma knapp nach dem Abschluss Österreichs an das Deutsche Reich, 1938, arisiert worden war, gelang es mir, im Staatsdienst unterzukommen, und zwar im Finanzministerium (auch wenn das naturgemäß bis zum Kriegsende im Jahr 1945 den Reichsbehörden in Berlin unterstand).

Nach meinem Kriegseinsatz im Jahr 1940 in Frankreich, bei dem ich – erfreulicherweise nur mittelschwer – verletzt wurde, kam ich nach Wien zurück und war wieder an meiner vorherigen Dienststelle tätig.

Seit Sommer 1945 gehöre ich nunmehr dem Personal im neuorganisierten österreichischen Bundesministerium für Finanzen an.

Noch eine Anmerkung in puncto Angehörigkeit: Als Nicht-Mitglied der NSDAP gehöre ich vermutlich außerdem einer Minderheit in Österreich an.

Zu Österreich möchte ich noch sagen (auch wenn das meine persönliche Meinung ist und nichts mit meiner Position als Beamter im Ministerium zu tun hat): Die aktuelle politische Situation, knapp drei Jahre nach Unterzeichnung des Staatsvertrags und zumal auch die enge Verbundenheit mit der Bundesrepublik Deutschland, die Haltung des neutralen Staates Österreich im schwelenden Ost-West-Konflikt und der allenthalben merkbare wirtschaftliche Aufschwung, den unser Land nimmt, alles das ist, meiner Meinung nach, stark beeinflusst von der Revolution von 1848, von der darauffolgenden Restauration des Habsburger-Reiches sowie der Thronbesteigung Kaiser Franz Josephs I., vom schmachvollen Ausgang der Schlacht von Königgrätz anno 1866, dem ungeliebten Ausgleich mit Ungarn im Jahr 1867 und der ganzen, höchst eigenwilligen Attitüde des Fin de Siècle in philosophischer, künstlerischer und politischer Hinsicht … Dazu kommt, dass unsere Familie aus der Bukowina, diesem kleinen Kronland im Osten, knapp vor dem Ersten Weltkrieg, den man damals den Großen Krieg genannt hat, nach Wien gekommen ist, und wir hier …

(Einige Seiten Ermüdung später hörte auch diese Erklärung einmal auf.)

Fortsetzung folgt!

Ulrichs Wien, 1958 f.

Ulrich. Da war er jetzt also Student in Wien. Für ein Jahr immerhin, für zwei Semester. Germanist. Germanist an dem legendären Institut für „Deutsche Philologie“, das in Theodor von Karajan anno 1850 seinen ersten Ordinarius gefunden hatte.

Bald freilich musste Ulrich allerdings einsehen, dass die Germanistik in Wien in puncto Nationalismus der Grazer Karl-Franzens-Universität leider kaum nachstand.

Was den alten, ziemlich braunen Mief betraf, so wehte der in den universitären Bereichen an der Donau kaum weniger stark als an der Mur. Das sogenannte Alte Fach pflegte, so schien es, immer noch (und in Verbindung zur Volkskunde) verbissen die Wissenschaft vom Deutschtum; während die Kollegenschaft im Neuen Fach, laut Verbotsgesetz nach 1945 zwar zunächst von den extremsten Nationalsozialisten als Lehrer gesäubert, letztlich auch nicht viel zu bieten hatte. Und: Der braune Geist des (immerhin dauerhaft enthobenen) Josef Nadler schien all gegenwärtig.

Kein Wunder, dass Ulrich im Vergleich dazu die Enge am Grazer Germanistik-Institut (mit Alfred Kracher, dem bald schon zum Herrscher über das Mittelhochdeutsche, Althochdeutsche und Gotische avancierenden Intimus seines gewesenen Mentors Hugo von Kleinmayr, auch mit dem Ordinarius im Neuen Fach, Robert Mühlher, später dann noch mit Hellmuth Himmel & Co.) vergleichsweise wieder erträglich vorkam. Zwar waren hier allenthalben noch gar nicht so unerhebliche Reste vom nationalsozialistischen Un-Geist spürbar (hatte doch der Führer selbst Graz mit dem mehr als zweifelhaften Prädikat Stadt der Volkserhebung ausgezeichnet); doch schien sich – bei näherem Hinsehen – ohnedies ganz Österreich immer noch im angebräunten Glanz eines viel zu lange schon gepflegten Nationalismus zu sonnen, den man offiziell gern als die Traditionen pflegenden Konservatismus fehlinterpretierte.

Der Ausflug in die Wiener Germanistik war dennoch ein lohnender gewesen. Zudem lernte Ulrich in Wien – eher durch Zufall – auch noch ein anderes Milieu kennen, das ihn letztlich jedoch insgesamt er abschreckte; sodass er schließlich die vielbesungene Donau-Metropole ganz gern wieder verließ. Denn auch Wiener-Lieder müssen einmal ein Ende finden. (Hallo!)

Das besagte Milieu hatte er über die fesche Rosemarie und ihren schmierigen Zuhälter Adi, einen schlauen, jedoch nicht ungefährlichen Wiener Strizzi kennengelernt. Freilich, durch diesen leicht bizarren gesellschaftlichen Sidestep manövrierte sich der schon leicht frustrierte Studiosus zwischendurch auch in einige eigenartige Situationen, die nicht ungefährlich waren.

Egal, es ging letzten Endes dann ja doch noch alles gut aus.

Ob sich besagte Rosemarie tatsächlich nach der damals auch hierorts populären (übrigens: anno 1957 ermordeten) Rosemarie Nitribitt (recte: Rosalie Marie Auguste N.), dieser aus Düsseldorf stammenden Frankfurter Edelprostituierten mit Verbindungen zu hohen und höchsten Kreisen der bundesdeutschen Wirtschaft und Politik, so genannt hatte, wollen wir dahin gestellt lassen.

Fest steht, dass die Wiener Rosemarie in Wahrheit Monika Sedlaček hieß und bloß einen VW-Käfer fuhr; also mitnichten ein schwarzes Mercedes-Benz-Coupé, 190 SL mit roten Ledersitzen, ihr Eigen nennen durfte. Außerdem hatte ihr Adi verboten, sich einen kleinen Hund – der Vierbeiner der Nitribitt hieß übrigens Joey und gehörte der Rasse der Pudel an – zu halten. Und außerdem führte die Wienerin kein gefährliches Notizbuch mit allerhand Terminen, Namen und Telefonnummern …

Durch Rosemarie/Monika, die Pseudo-Nitribitt vom Gürtel, erfuhr Ulrich, der bisher, zugegeben, in sexuellen Dingen wenig Erfahrene, eine durchaus praxisorientierte Förderung seiner diesbezüglichen Anlagen. Und der Zuhälter Adi Schrammel, übrigens, ein entfernter Verwandter der berühmten Musikerfamilie, erlaubte ihm machen Einblick in eine spezielle Art der freien Marktwitrschaft, wie sie speziell im Rotlicht-Milieu praktiziert wurde (und wird).

Das Vertrauen des ansonsten, wie angedeutet, nicht ganz ungefährlichen Unterweltlers hatte sich Ulrich übrigens durch das Lösen der für ihn gar nicht so schwierigen Frage der Abstammung des besagten Adolf Schrammel erworben, der sich die längste Zeit im Unklaren darüber befunden hatte, ob er nun, quasi: linienmäßig, von Josef (1852 – 1895) oder von dessen Bruder Johann Schrammel (1850 – 1893) abstamme.

Die beiden Geiger (und Komponisten) hatten im Jahr 1878 gemeinsam mit dem Kontragitarristen Anton Strohmayer ein Trio gegründet, das anno 1884, ergänzt durch den Klarinettisten Georg Dänzer (meist auf dem in G gestimmten Instrument, dem picksüßen Hölzl), zum bald schon berühmten Schrammel-Quartett werden sollte. Ein Blick in die entsprechenden Pfarrbücher und Taufregister (und, nicht zu vergessen: die Kenntnis der Kurrentschrift!) halfen Ulrich, stante pede das in der Tat brennende Problem, Adis Deszendenz betreffend, zu lösen. Und der Student der Germanistik und Geschichte aus Graz hatte beim gewiegten Zuhälter solcherart fürderhin einen Stein im Brett.

Es wäre zwar reizvoll, diesen Erzählzweig jetzt noch munter weiter zu verfolgen (und diverse literarische Feuchtzonen zu durchwaten): die Wiener Damen und Herren Unterweltler, die Huren, das Milieu; aber auch das Wiener-Lied, die Schrammel-Musik … Überhaupt, Sinnenrausch und Todessehnsucht, der morbide Charme des Zentralfriedhofs, der Wiener Kanalisation und diverser katholischer Taufbücher … (Vielleicht könnte man nicht nur Parallelen ziehen zwischen der Donau-Rosemarie und der Frankfurter Nitribitt, sondern auch solche zu der kurze Zeit später international aktiv gewordenen und prominenten Berufskollegin in London, Christine Keeler. Der gelang es immerhin durch den Profumo-Skandal eine veritable britische Staatskrise auszulösen.)

Doch haben sich einerseits der Germanistik-Student Ulrich Abelmann und der Zuhälter Adolf Schrammel auf Verschwiegenheit geeinigt; was zu respektieren ist. Anderseits gibt der Autor dieser Geschichte zu bedenken, dass uns die Huren- und Unterweltsache(einschließlich Schrammel-Exkurs) vom eigentlichen Thema zu sehr ablenken könnte. Immerhin geht es hier doch in gewisser Weise – um Kain und Abel.

Außerdem hatte Ulrich schön langsam sowohl die dauernden Tiraden seines geschwätzigen Onkels Robert, dieses begnadeter Fabulierers und Hobby-Historikers, als auch die mehr als üppigen Kochkünste der liebenswerten blonden, dicklichen Tante Ida allmählich satt. Denn auch Verwandtenliebe konnte einen à la longue erdrücken.

Also verließ er nach knapp einem Jahr Wien. Reich an sehr divergenten Eindrücken und in der Gewissheit, noch einmal mit knapper Not und einigermaßen heiler Haut mancher Gefahr entronnen zu sein.

Bald schon hatten Ulrich Abelmann Graz und Mutter Hannelore wieder. Und bald schon würde er hier, an der Universitas Litterarum Carola Francisca, wie es ein Schriftband auf dem Hauptgebäude stolz verkündete, seine Studien beenden können, um als junger Gymnasiallehrer (und, fleißig war er ja gewesen!, als Doktor der Philosophie) auf die hoffentlich wissbegierige Jugend der 1960er Jahre (ff.) losgelassen zu werden …

Schon während er sich in der heißen Abschlussphase seines Studiums befand, war übrigens eine ganz besonders wichtige weibliche Gestalt (anfangs vielleicht gar nicht so auffällig, dann allerdings umso intensiver) in sein Leben getreten: Marianne Blüml, eine wohlgestalte Romanistin. Und die wohlgestalte Tochter eines Import/Export-Unternehmers entpuppte sich mit einem Mal als die Frau, auf die der angehende Herr Professor allem Anschein nach gewartet hatte.

Erst sprach man von Dante Alighieri und seiner „Divina Commedia“, bald schon kam man jedoch auch persönlich zur Sache. Ohne Unterwelt. Obschon –

Kurz: Die 1940 geborene Brünette mit der schlanken Figur und den dunkelbraunen Augen (und dem leichten Silberblick) hatte ihren Ulrich im Nu erobert. Nicht nur das: Auch mit ihrer Schwiegermutter in spe, mit Langzeitwitwe Hannelore also, verstand sich die junge Frau auf Anhieb. Wie übrigens nicht weniger leicht der junge, zukünftige Mittelschullehrer durchaus auf Gegenliebe bei Mariannes Familie stieß. So weit (und überhaupt) schien alles in Ordnung zu sein. Und das war es auch.

Im Jahr 1962 wurde dann geheiratet, und knapp drei Jahre später kam Tochter Eva, im Jahr 1968 dann Sohn Felix – Zitat Ulrichs, nach Jahren gerne immer wieder (auch unangebrachter Weise) angebracht: Unser 1968er! – zur Welt. Und 1970 würden dann Gerhard – mit ihm beschäftigt sich diese Geschichte in der Folge dann genauer -, drei Jahre später Tochter Ilse geboren (die leider im Jahr 1978 auf tragische Weise verunglücken sollte).

Vor Ulrich lag ein Lehrerleben mit den üblichen Hochs und Tiefs. Und mit der tiefgreifenden Einsicht, dass sich Dinge aus der Geschichte (und aus den Geschichten) zwar immer wieder annähernd gleich wiederholten, man daraus dennoch kaum wirklich etwas zu lernen vermochte. Historia magistra vitae est …Wer immer das gesagt hatte, es war im Grund genommen – Schwachsinn. (Aber, seien wir ehrlich, auch Ciceros Ausspruch aus den Tusculanae disputationes ergeht es kaum besser: Magistra vitae philosophia.)

Fortsetzung folgt!

Kainsberger und Zion:

Jahre später, immer wieder einmal.

Waren sie wirklich so anders?, dachte Harald immer wieder einmal. Und: Waren sie wirklich so anders, diese Kainsbergers und Konsorten?, so hatte schon sein Vater Ulrich immer wieder einmal gedacht. Immer wieder, eins ums andere Mal.

Waren sie wirklich solche fiesen Arschlöcher? Angefangen bei Großvater Gilberts bösem Konkurrenten – und Mörder, dieser miesen Type Hildebrand Kainsberger? Und: waren sie alle so mies? Die ganze Sippe?

Und die anderen, die ähnlich dachten und fühlten?

Schon Ulrich hatte versucht, einzuschränken. Zudem befürchtete er, der auch in Wien studiert hatte (von wegen brauner Mief …), dass man als Spätgeborener womöglich Gefahr laufe, gerade das sogenannte nationale Element in Österreich (mit ausgeprägtem Antisemitismus und Fremdenhass) überzubewerten. Tatsache indes war, dass es schon unter den Habsburgern gehörig herumgeisterte, im Fin de Siècle und um 1900. Aber auch nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit war es prominent vorhanden. Naturgemäß dann in der Zeit des Nationalsozialismus. Und wie war das dann – nachher? Bis hin zum zwielichtigen Polit-Magier, Spiegelfechter und besonders fürs Halbseidene talentierten Jörg Haider sowie zu Heinz-Christian Strache mit seiner FPÖ?

Und wie stand es ganz allgemein um den vielzitierten Antisemitismus?

Später ist es immer leichter, Strömungen zu konstatieren, Entwicklungen zu beobachten und dann, im Nachhinein, kluge Urteile zu fällen. Aber in der Zeit selbst. Wie war es beispielsweise möglich, dass der SS-Mann Hildebrand Kainsberger erfolgreich seinen privaten Kontrahenten Gilbert Abelmann als Juden bei der GESTAPO anzeigen konnte? Dass dies zur Verhaftung, zur Internierung im Konzentrationslager Mauthausen und letzten bitteren Endes dann zur Exekution Gilberts führte?

Die Wurzeln lagen naturgemäß tiefer, viel tiefer. Unter anderem schon in der höchst spannenden und ideologisch aufgeladenen Entwicklung des Frühchristentums im (bald schon ins Koma fallenden) Römischen Reich; aber natürlich auch im ach so katholischen Mittelalter, eieiner diesbezüglich in der Tat einer sehr dunklen Epoche. Mittendrin und meist als Leidtragende: die Juden.

Waren diese Juden in der Folge dann vielleicht gar Bankiers, so wurden sie wiederum nicht selten zum Spielball der Mächtigen, der Landesherren, hinauf bis zum Kaiser. Denn diese meist skrupellosen Mächtigen bedienten sich zum Exempel jüdischen Geldes und standen daher alsbald oft mit Millionen bei ihnen in der Kreide. Die minderbemittelten unter Davids Söhnen und Töchtern dräute, immer wieder einmal des Landes verwiesen zu werden, und Exodus folgte auf Exodus, ganz nach dem Beispiel des Alten Testaments.

Das späte 18. und das 19. Jahrhundert machte da – in Abkehr von den toleranteren Ansätzen unter Joseph I. – keine Ausnahme. Ablehnung, dann wieder, zwischendurch, Toleranz und damit verbunden: Verlockung der Assimilation. Auf diese Weise war während des 19. Jahrhunderts zwar ein dauernd virulenter Antisemitismus zu spüren, im Kontrast dazu gab es jedoch auch traumhafte Karrieren semitischer Mitbürger. (Meist allerdings erst, nachdem sie sich vom mosaischen Glauben endgültig und hoch-offiziell verabschiedet hatten, worauf durchaus prominente Beispiele hinweisen.)

Das Vorurteil freilich, das Vorurteil, es lebte munter weiter. Und mit ihm der halb-verdeckte oder sogar fast-offizielle Antisemitismus, der viele Jahre zuvor schon einmal im populären Bürgermeister Karl Lueger quasi seine Personifizierung gefunden hatte. (Wie Daniela Strigl in ihrer profunden Biographie der Marie von Ebner-Eschenbach „Berühmt sein ist nichts“ festhält, habe sich sogar Kaiser Franz Joseph persönlich gegen Luegers Nominierung ausgesprochen. Doch mit Unterstützung der Deutschnationalen schaffte es der geschickte, ursprünglich liberale, später christlichsoziale Kommunalpolitiker und Reichstagsabgeordnete schließlich nach der 5. Wahl, 1897, dann doch auf den Bürgermeistersessel – mit Billigung „von allerhöchster Stelle“. Und Karl Lueger blieb Bürgermeister von Wien bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Von vielen verehrt, vor allem von Kleinbürgern und kleinen Handwerkern, doch von intellektuellen Kreisen eher abgelehnt, wie das Beispiel der Ebner-Eschenbach zeigt. Siehe: Daniela Strigl, Berühmt sein ist nichts. Salzburg-Wien 2016; auch: Bruce F. Pauley, Eine Geschichte des österreichischen Antisemitismus. Wien 1993.)

Doch noch ein Aspekt ist hier zu erwähnen: Eine gewisse Neigung mancher Juden, besonders unter den Intellektuellen und Künstlern – zu erstaunlichen Formen des Selbsthasses. Unter den Konvertiten – etwa Peter Altenberg, der zu eier Art Welt-Toleranz fand – gab es viele, die sich in Selbstmitleid und Autoaggression übten. So etwa der hochbegabte, doch weitgehend gestörte Mediziner und Schriftsteller Otto Weininger, dessen ziemlich verdrehte prinzipielle Untersuchung „Geschlecht und Charakter“ sich als Rundumschlag auf das Weib wie auf das Judentum liest.

Irritierenderweise gehörte just Karl Kraus, der genial-spitzfedrige, nicht selten gar rabiate Kämpfer gegen die schludrige und politisch schleimende Journaille, gegen Sprachhudelei und politische Korruption, Karl Kraus, der ebenfalls zumindest zwischendurch mit seiner jüdischen Abstammung hadernde Satiriker, zu den wichtigen Befürwortern des kaum 20jährig durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Jungmediziners.

Wirkten da – zumindest in ihrem Unbehagen gegenüber der eigenen Abstammung – verwandte Seelen?

Doch auch Sigmund Freud sah, wie Selbstzeugnisse belegen, in seinem Judentum ein nicht unerhebliches Hindernis seiner Karriere. Und tatsächlich dürften ihm (weniger begabte) antisemitische Kollegen einen rascheren Aufstieg zur Koryphäe vermasselt haben.

Doch jetzt noch eine aktuelle Anmerkung zu Judentum, Deutschtum und zu globalen Nationalismen: Der jüdisch-deutsche Autor Maxim Biller lieferte im Jahr 2016 mit seinem voluminösen satirischen Roman „Biografie“ eine vordergründig zwar deftig-unterhaltsame, darüber hinaus indes immer wieder nachdenklich stimmende und berührende Familiensaga. Zugleich ist diese Revue bizarrer Typen so etwas wie eine gesellschaftliche Innensicht; übrigens, nicht nur aus jüdischem Blickwinkel heraus.

Auf der schnoddrig und absolut respektlos geschilderten, durchaus abenteuerlichen Odyssee bleiben sich die skurrilen Protagonisten, der in Permanenz geile Schriftsteller Solomon Karubiner und dessen nicht minder Sex-geladener, ihm zudem in Hassliebe verbundener neurotischer Jugendfreund, der reiche Erbe Noah Forlani, ihrer Wurzeln stets bewusst. Denn wenn die wilde Reise in dieser politisch völlig inkorrekten Schelmen-Prosa auch zwischen Berlin, Moskau und Tel Aviv, New York, Khartum, Prag und Dafur oszilliert, der Ausgangspunkt ist stets schmerzlich präsent: ein galizisches Kaff namens Buczacz.

(Weil die Welt nun einmal so klein und insgesamt so wenig koscher ist.)

In Vorwegnahme von später Gedachtem und Geschriebenem machte sich auch Harald Abelmann mitunter ähnliche Familiengedanken. Er konnte dabei auf den Erzählungen seines Vaters Ulrich aufbauen, der seinerseits wiederum aus dem reichlichst gefüllten, ja: schier unerschöpflichen narrativen Nähkästchen von Onkel Robert (und Tante Ida) aus Wien schöpfte, die beide leider schon vor längerer Zeit, nämlich in den 1970- und 1980er Jahren, verblichen waren und an die er sich selbst nur mehr recht dunkel zu erinnern vrochte. (Immerhin hatte Vater Ulrich zwei Semester hindurch, nämlich im Herbst/Winter 1958/59 sowie im Sommersemester 1959, in Wien studiert und bei der rundlichen blondierten Tante und dem nicht minder rundlichen Onkel gewohnt. So war die Tradition, sogar noch von Czernowitz her, lebendig geblieben – in Form von Geschichte und Geschichten.)

Aber auch bei seinem Gesprächspartner und bald schon: Freund, bei Harald Kainsberger, der – ganz anders als noch sein schlagwütiger Neo-Nazi-Vater Gustav (Südbahnhof in Wien, 1958!) – weder einer nationalen Burschenschaft angehörte, noch solchem Gedankengut anhing, rannte Helmut mit seinen diesbezüglichen Überlegungen erfreulicherweise durchaus offene Türen ein. (Darauf wollen wir jedoch später noch einmal kurz eingehen.)

Denn in Österreich ist auch die politische Einstellung nicht selten antizyklisch.

Zurück nochmals zu Hildebrand Kainsberger. Der war der typischer Spross einer deutsch-nationalen Familie aus der Untersteier gewesen, wie man das Gebiet der Südsteiermark nach dem durch den verheerenden Ausgang des Ersten Weltkrieges bedingten Verlust weiter Teile rund um Laibach/Ljubljana, Marburg/Maribor und Cilli an Jugoslawien im allgemeinen Sprachgebrauch zu nennen pflegte.

Dass sich der großdeutsch denkende Sohn großdeutsch denkender Eltern später, viele Jahre nach der Übersiedlung von Marburg an der Drau nach Graz (der – übrigens wie Ulrich – 1910 geborene Hildebrand war gerade vier Jahre alt gewesen), wo man in manchen Kreisen ebenfalls durchaus großdeutsch dachte und agitierte, dass sich Hildebrand also auch in Zukunft nicht änderte und im Gegenteil dem Gedankengut seiner Vorfahren treu blieb, war weiter nicht verwunderlich.

Dem irgendwie patriarchalisch-wotanhaft anmutenden Vater, Dr. Odilo Kainsberger, seines Zeichens Zahnarzt mit gutgehender Praxis, erst in Marburg, dann in Graz, und Mutter Hildegard, einer geborenen Rollett, war es recht, dass ihr Sohn, das einzige Kind noch dazu, mit den entsprechenden Idealen versorgt aufwuchs.

Sollte dieses, nach dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie als Deutsch-Österreich bezeichnete und gegenüber früheren Zeiten ziemlich minimalistische Staatsgebilde doch (das glaubte man, allgemein schon fühlen zu können) großen Zeiten entgehen gehen … (Und ein knappes Jahrzehnt später schon bastelte tatsächlich in München ein gescheiterter Künstler und frustrierter junger Weltkriegsveteran aus Braunau am Inn, nämlich Adolf Hitler, an einer neuen Ordnung basteln. Dass die zuletzt in eine kaum vorstellbare Götzendämmerung führen sollte, wer hätte es geahnt – außer ein paar Unverblendeten?!)

Nach der Matura hatte sich der angehende Studiosus Hildebrand hier, an der Mur, der Verbindung der Gothen angeschlossen, paukte brav und führte äußerst penibel seine Säbel-Exerzitien durch, um alsbald zwar kaum an Einsichten, immerhin an einigen Schmissen reicher zu sein, die sein eigentlich meistens leicht verbissen wirkendes Gesicht fürderhin zierten. Das hängt vielleicht mit seiner späteren SS-Karriere nicht unmittelbar zusammen (und auch nicht mit seinem fragwürdigen Aufstieg in die Reihen der Wachmannschaft im Konzentrationslager Mauthausen nach dem Anschluss von 1938), doch bezeichnend ist es immerhin. (Wie doch alles im Leben mit anderem in gewisser Verbindung steht. Oder?!)

Fortsetzung folgt!

1998, Graz:

Erst, wenn ’s aus wird sein / mit aner Musi und mit’n Wein …“ Dieses bekannte Wiener-Lied des – übrigens: in Graz geborenen – in den 1920er und 1930ern recht bekannten Komponisten und Pianisten Hans Frankowski (recte: Johann Edler von F.) auf den Text Franz Pragers gehörte zeit seines Lebens zu den Exemplaren dieses beliebten Genres, die Ulrich Abelmann viel bedeuteten (auch wenn der Swing-Anteil ein eher geringer sein maochte); besonders freilich jetzt, im eindeutig moribunden Zustand. Trifft doch die Grundaussage des herben Couplets eigentlich jeden, mit dem es ans letzte Ende geht.

Es ist, sozusagen, ein Letzen-Endes-Wiener-Lied.

Und mit Ulrich ging es ans Ende. Sein Lebensfaden zerfaserte zusehends.

Ach, ja: Der Klaviervirtuose und Tonsetzer Frankowski (nebenbei: einer der ersten Barpianisten Wiens, und zwar im Hotel Sacher) fuhr einen ziemlichen – fast möchte man sagen: typisch österreichischen – politischen Slalom. 1915, also noch zu Habsburgs Zeiten, zu den Hoch- und Deutschmeistern eingezogen, trat er im Jahr 1933 der NSDAP bei; um vier Jahre später zur austrofaschistischen Vaterländischen Front der Herren Engelbert Dollfuß, Ernst Rüdiger (Fürst) Starhemberg und Kurt Schuschnig überzuwechseln. (Das Überwechseln war damals überhaupt recht beliebt. So hatte etwa Heimwehrführer Starhemberg anno 1923 noch bei Adolf Hitlers Marsch auf die Feldherrenhalle in München teilgenommen.)

Retour zum todkranken Ulrich Abelmann, der mit seinem Lungenkrebs im Endstadium (mehr pro forma, da die Sache praktisch ohnehin längst schon entschieden war) zu ringen hatte, was das Zeug noch hergab. Ja, in seinem letzten Aufbäumen tat sie ihm gut, die bizarre Rhetorik (und Didaktik) des Wiener-Lieds; diese quasi kontradiktorische Methode der gleichzeitigen Erhebung und Zermalmung, der immerhin die Erbauung der Seele oblag. Dese bizarre Mischung aus Todessehnsucht und Lebensüberschwang … Es handelte sich dabei um ein schier alles überwältigendes, feierliches Schwarz-Weiß von fast schon tiefvioletter Vergänglichkeits-Beschwörung und zuckrig rosafarbenem Ewig- wie Seligkeits-Taumel auf hübschen hellblauen Wolkenbänkchen, mit vielstimmigen Engelschören, die stilsicher als Wiener Sängerknaben verkleidet waren, mit nicht minder stimmsicher wiehernden Lipizzanern und höflichen Bereitern (und Oberreitern), die mit Mozartkugeln um sich warfen …

Übrigens: Immerhin bewährt sich dieses pickig-kotzige Prinzip im Wiener Heurigen-Gesang schon durch die Jahrhunderte. Und es hat Habsburg (samt der kuriosen Kunstpfeifer-Historie à la Leibfiaker Joseph Bratfisch und Kronprinz Rudolf, einschließlich bitter-süßer Mary-Vetsera-Liebes-Tragödie …), den unsäglichen Ständestaat sowie die dunkelste Nazi- und die skurrilste Besatzungszeit überstanden; nicht minder den Wiederaufbau samt Wirtschaftswunder, sogar Bruno Kreisky und die 1960er, 1970er, 1980er und 1990er, ja, den EU-Beitrtitt und den riskanten Jahrtausend-Wechsel sowie – es sieht zumindest danach aus: – die Jetztzeit, einschließlich Wirtschaftskrise und Flüchtlingsmisere. Überstanden, wie gesagt, grosso modo einigermaßen unversehrt. Und das alles außerdem lange schon vor der Erfindung des Neurolinguistischen Programmierens (NLP).

Noch etwas: Der leicht defätistische Ausruf: „Ka Geld, ka Musi“ (weitgehend ungesicherten Ursprungs), er erfährt anhand der prominenten Weise vom Erst-wenn’s-aus-wird-Sein, die österreichweit und nicht ausschließlich an der Donau so gern geträllert wird, eine eminente Bedeutungsverbesserung: Steht da doch etwas für den (Wunsch-)Gedanken an den Tod und zugleich gleichsam für das Glück der Genügsamkeit.

Das hat Charme, das hat sogar – zumindest: ansatzweise – Größe.

Dagegen schon fast ordinär klingt es da, wenn der entsprechend finanziell Ausgeblutete mit letzter Kraft noch aus sich heraus röchelt: „Da habt’s mei letztes Grandl / und spielst ma harbe Tanz …“, um sich zuletzt, vermutlich Alkohol-verklärt, erst recht wieder sicher zu sein, dass „so ein Tag, wo wunderschön wie heute“, nie vergehen sollte. (Letzteres ist allerdings kein echtes Wiener-Lied, sondern stammt von den deutschen Künstlern Walter R. Rothenburg, Text, und Lotar Olias, Musik. Das G’stanzl vom „letzten Grandl“ war übrigens nicht einmal zu ergoogeln …)

Beinahe schon in Manier des großen René Descartes ließe sich allenfalls noch – freilich: i durchaus zweiflerischer Art – ergänzen: „Ich denke zwar, dass ich gewesen bin, also bin ich vermutlich tatsächlich gewesen …, vielleicht …“

Denn einerseits soll der so wunderschöne Tag möglichst nie vergehen; anderseits verkörpert bekanntlich allein der Zustand des Unbeständigen das eindeutig Beständige!

Wie auch immer, Ulrich war am Ende. Denn, im Jahr 1998 befand sich der 61jährige, krankheitsbedingt – wie gesagt: mit Lungenkrebs im Endstadium – bereits seit einigen Monaten in Frühpension.

Und da kam plötzlich dieser ominöse Brief von …, ja, von wem denn? Anonym, klar doch! Anonym. Der Inhalt jedenfalls war kurz und bündig:

Sehr geehrter Herr Prof. Ulrich Abelmann! Ich (wer ich bin, tut nichts zur Sache …) will es kurz machen. Da ich im Grunde genommen, nämlich: was meinen Gesundheitszustand betrifft, in der gleichen Situation bin wie Sie (obwohl ich schon etwas älter bin), Herr Professor, nur rasch so viel: Ihr Vater Gilbert Abelmann hatte, wie inzwischen allgemein bekannt sein dürfte, in den späten 1930er Jahren eine kurze, jedoch heftige Affäre mit einer gewissen Helga Maria Wiedermahl. Das spielte sich etwa eineinhalb Jahre vor dem sogenannten Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland ab (der durch eine halbwegs abgekartete Volksabstimmung völkerrechtlich abgesichert wurde; das aber nur so nebenbei). Besagte Helga ging aber sehr bald darauf mit Hildebrand Kainsberger, ihrem Verlobten von vorher, den Bund der Ehe ein. Nichts desto weniger war Kainsberger auf den ehemaligen Rivalen, auf Ihren Vater Gilbert, ziemlich sauer. Und der (unwissentlich) Gehörnte Siegfried sann auf Rache!

Das kurze, doch heftige Verhältnis Ihres Vaters mit Frau Wiedermahl war indes nicht ohne Folgen geblieben (auch wenn es Helga gelingen sollte, ihrem Ehemann das – wenn ich so sagen darf: – Kuckucks-Kind dieser Liebe geschickt als sein eigenes unterzujubeln). Und während Gilbert Abelmann Ihre spätere Frau Mama Hannelore (eine geborene Schmuntz) heiratete und bald darauf, nämlich auch noch im Jahr 1937, dann Sie, Herr Professor, das Licht der Welt erblickten, wurde ziemlich zeitgleich (oder ein paar Monate früher, egal) die nunmehrige Frau Helga Kainsberger ebenfalls von einem Sohn entbunden: Gustav.

Verehrter Herr Professor Abelmann! Ich darf Ihnen versichern, sozusagen: von Todgeweihtem zu Todgeweihtem, der üble SS-Scherge Hildebrand Kainsberger, der Mann, der Ihren Vater schließlich aus Hass und Rachegefühl heraus denunzierte, nach Mauthausen und später nach Auschwitz brachte und schließlich vergasen ließ (noch dazu unter dem glaubhaft geäußerten Verdacht, Gilbert Abelmann sei in Wahrheit Jude!), dieser üble Hildebrand Kainsberger wusste nichts davon, dass sein Kontrahent und nicht er der Vater Gustavs war!

Und doch, so verhält es sich: Der Neonazi Gustav ist – ihr Halbbruder! (Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Grund zur Freude für Sie sein wird?! Im Übrigen ist der demente Gustav seit einiger Zeit schon ein häuslicher Pflegefall …)

Doch nunmehr legen wir uns beide schön hin zum Sterben, wie es sich gehört. (Vielleicht ähnlich Margaretes Bruder Valentin im „Faust I“: Ich gehe durch den Todesschlaf / Zu Gott ein als Soldat und brav …)

XY

P. S.: Verzeihen Sie bitte die (zu?) vielen Klammern!

Ulrich Abelmann verbrannte, mit zitternden Händen, aber in guter Agentenmanier, den Brief, nachdem er ihn nochmals gelesen hatte, im Kamin. Und das faltige Gesicht des – obwohl erst knapp 61jährigen, jedoch todkranken und daher auch frühpensionierten – Gymnasiallehrers schien sich irgendwie zu entspannen. Ja, tatsächlich. Eine Art Entfaltung (zumindest einiger) der Furchen trat da ein, die ihm das Leben und seine Krankheit ins Antlitz geschnitzt hatte.

Dann sah er auf den aufschlussreichen Brief, der langsam, sich kräuselnd und zu Asche werdend, vor ihm dort, im Kamin verbrannte.

(Gut, wenn man einen hat, einen Kamin.)

Fortsetzung folgt!

Fauvistisches Finale, 2016:

Kein Wunder, dass Helmut Abelmann, wie es zwischendurch immer wieder vorkam, in einen längeren inneren Monolog verfiel. (Zu seinen bevorzugten Autoren gehörte immerhin Arthur Schnitzler …) Also monologisierte er so vor sich hin: Jetzt bin ich auch schon 46 …, und wir schreiben das Jahr 2016 … Die Kinder sind, so kann man sagen, erwachsen: Monique, die vermutlich lieber Chantal hieße, ist 19 und Kelvin 16 … Meine Frau Marlene, die schon all die Jahre ein wenig zur Fülligkeit geneigt hat, beginnt – jetzt, in ihren Wechseljahren – tatsächlich korpulent zu werden … Nein …, wir schlafen auch kaum noch mit einander … Warum nicht? Ja warum eigentlich nicht?! … Mein Vater, Ulrich, Jahrgang 1937, ist auch schon seit fast 20 Jahren tot … Mutter Gerlinde hat ihn immerhin die letzte, ganz von seinem Krebsleiden bestimmte Zeit aufopfernd gepflegt und ist ihm vor nunmehr 12 Jahren hinüber gefolgt) … Ja, der Vater hat das Tattoo, das Konterfei seines Vaters Gilbert, immer noch stolz auf seiner schmalen Brust getragen, dieses Werk von Onkel Otto Heinrich Mohnmüllner, diesem schrägen Vogel … O. H. M., der kaum renommierte Kunstmaler, wohl auch: Kunstfälscher, der recht geniale Nachahmer aller möglichen Stile, der indes schier begnadete Meister der Tätowierungen … Dieser Onkel ist zudem ein gerissener Lebenskünstler gewesen … Zwar mit einer Halbjüdin, Germaine, verheiratet, dennoch bei den Nazis nie in Ungnade gefallen, hat er sogar auf dem Berghof oben die Eva Braun, umgeben von den Lieblingshunden des Führers, abmalen dürfen … Schäferhunde, alles Schäferhunde, außer der Eva Braun, natürlich … Aber nachdem Großvater Gilbert in Auschwitz ermordet worden war, hat er Vater Ulrich das pseudo-fauvistische Konterfei nach Fotografien auf die Hühnerbrust appliziert …, weil der das so wollte … War immerhin mit drei Jahren schon Halbwaise geworden, der Ulrich, 1940 … Ja. Und mein Freund Harald Kainsberger, dieser tüchtige Kollege und außerdem mein wichtigster Mitarbeiter im Betrieb …, nun ja, der Harald hat bald schon herausgefunden, dass ich herausgefunden hab‘, was herauszufinden gewesen ist: Dass nämlich sein feiner Herr Papa und mein Vater einander gekannt hatten – nämlich von einer Eisenbahnfahrt nach Wien her, im Jahr 1958, die in einem veritablen Streit plus Schlägerei geendet hat … Ja, und dass sein feiner Herr Vater namens Gustav Mitglied bei einer schlagenden Burschenschaft gewesen ist (und dazu noch stolz darauf )… Und dass dessen Vater Hildebrand wiederum als einer der berüchtigsten und brutalsten SS-Schergen am grausamen, menschenverachtenden Geschehen in Mauthausen und später in Auschwitz Anteil gehabt hatte, am millionenfachen Mord im Auftrag eines wahnsinnigen Führers … Dass Hildebrand Kainsberger also für den Tod meines Großvaters Gilbert verantwortlich gewesen ist! … Gut, Harald hat die Haltung seines Nazi-Vaters erfreulicherweise nicht übernommen, und sein fieser Großvater ist – trotz aller Parteikonformität – später doch noch an der Ostfront zu Tode gekommen … Jaja, die Eifersucht, weil Gilbert dem Nazi kurzfristig die Braut, Helga Maria Wiedermahl, abspenstig gemacht hat … Dann hat er sich ohnedies rasch Oma Hannelore geangelt, erfreulicherweise … Und Fräulein Wiedermahl? Helga ist gleich schnell wie reumütig zu ihrem angeblich so tollen Bräutigam Hildebrand Kainsberger zurückgekehrt … Und dann ist ohnedies schon bald was Kleines gekommen … Ach, die Liebe …, und wo sie hinfällt! … Und Ulrich? So jung schon eine Halbwaise … Doch der den toten Vater inbrünstig verehrende Sohn, er lässt sich dann (von Mutter Hannelore quasi mild geduldet) mit knapp 20 ein Tattoo stechen: das Konterfei des Vater-Antlitzes, gestaltet von besagtem Onkel Otto Heinrich Mohnmüllner, dem sowohl Hitlers Hunde (samt Eva Braun) als auch in der Folge dann manchen Besatzungsoffizier und so manche Besatzer-Braut abmalenden Tausendsassa … Ja, und dann, nach dem Tod des tätowierten Herrn Papa anno 1998, wird das pseudo-fauvistische Bild in präparatorischer Klein- und Feinarbeit, gediegener Taxidermie nicht ganz unähnlich, auf Holz gespannt … Und …, und jetzt hängt der Opa – durch die Haut des Vaters, die Mohnmüllner in den späten 1950ern, teils nach dem Gedächtnis, teils nach Fotografien, zum so passenden Tattoo hin verschönt hat, signiert mit O. H. M. und pseudo-fauvistisch, weil der Fauvismus immer schon eine der Lieblings-Stilrichtungen des Künstlers gewesen ist, im Esszimmer …

Das also ist die Geschichte von Liebe, Eifersucht, die in Hass umschlägt, von Verrat, Denunziation und Grausamkeit. Die Geschichte von falschen Anschuldigungen und echten Irrtümern. Aber auch die Geschichte von engem, innerfamiliärem Zusammenhalt über Generationen hinweg, der geprägt war von einem gewissen (alt-)österreichischen Traditionalismus. Einer Rückbesinnung auf die Tradition also, die mit dumm-dreister Heimattümelei freilich weniger zu tun hat als vielmehr mit einem melancholischen Hang zum Gestern.

Und das, nicht, weil Österreich etwa unter den – weitgehend unfähigen – Habsburgern mit kriegshetzerischen Einfaltspinseln à la Generalstabschef Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf oder mit einem ebenfalls nicht besonders fähigen oder gar originellen Thronfolger (dafür freilich notorischen, ja: pathologischen Jäger) Franz Ferdinand d’Este so viel größer und bedeutender gewesen wäre, sondern, weil man eben, verdammt noch mal! eine Vergangenheit haben musste! (Mitunter sogar mehrere, durchaus divergente Vergangenheiten …)

Mein Gott! Hatte sich Mag. oec. rer. Dr. jur. Helmut Abelmann (Jahrgang 1970) der smarte Betriebswirt und Manager, nicht auch bald schon mit seinem neuen Mitarbeiter, mit MMag. Harald Kainsberger (Jahrgang 1975), bestens verständigen können – trotz beider Deszendenz? Und war Helmut nicht geradezu froh gewesen, als ihm der andere (als sie sich schon etwas besser kannten und nicht ohne gewissen Stolz) davon erzählte, wie er sich von der ewig-braunen Väter-Ideologie hatte sukzessive freimachen können.

Als vierter Sohn und Nachzügler noch dazu … Ja, doch, ihm, Harald, war es – anders als seinen drei Brüdern und der ältesten Schwester, Sieglinde – gelungen, den Mief endlich abzulegen und loszuwerden, der noch von Urgroßvater Odilo, Großvater Hildebrand und Vater Gustav Kainsberger herwehte all die Zeit. Ein Mief, der auch ihm, Helmut Abelmann, wohl nur zu gut bekannt und in Erinnerung sein müsste – als gleichsam Mit-Betroffener der politischen Untaten der Kainsberger und ähnlich gepolter Sippschaften!

Er, Harald, habe sich jedenfalls geweigert, in eine freiheitliche, deutschnationale, schlagende Verbindung einzutreten (wie es sein Vater Gustav als selbstverständlich vorausgesetzt hatte); und sogar das Wirtschaftsstudium, das er sich daraufhin mittels verschiedener Jobs selbst finanzieren hatte müssen, sei in gewisser Weise ein Protest gegen die Engstirnigkeit des ewig-gestrigen Zeugers gewesen. Denn der hätte ihn lieber irgendwo im juristischen Bereich gesehen (am Ende: mit Aussicht auf etwas Politisches, vielleicht sogar in einer rechtspopulistischen Bewegung?! Nicht auszudenken …).

Gewiss, seine Schwester Sieglinde, Baujahr 1962 und als Mädchen – nach Vaters verquerer Ansicht: ohnedies eine Schande! – das erstgeborene Kind, sollte wenigstens bald schon zu einem Freund aus nationalen Kreisen finden, zu einem gewissen Widukind Ruge (mit reichsdeutschem Anhang). Und auch Horst, Herfried und Hermann, die übrigen Kainsberger-Brüder, folgten Vaters brauner Spur. (Wenn schon nicht enthusiastisch, so zumindest gehorsam.)

Aber da er, Harald, nun einmal sozial (und politisch) anders gepolt sei, war sein Weg der des Aufbegehrens gewesen. Des Protests gegen das nach wie vor verbissen gehegte und gepflegte Gedankengut, wie es zumal sein Vater Gustav aus einer engstirnig auf ein mystisch-nebulöses Deutschtum fokussierten Sprachwissenschaft, eben seiner Engstirnigkeits-Germanistik, filtern wollte. (Ja, es sei hierzulande die längste Zeit hindurch beschämend schlecht um eine Wissenschaft gestanden, die sich in Wahrheit biederer Deutschtümelei verpflichtet sah. Und das sowohl, was das Grazer als auch was das Wiener Institut betraf. Aber – Blick auf Helmut – wem sage er, der Nichtexperte, das?!) Nein! Endlich ein Ende damit! Ende mit der Verehrung der NS-Vergangenheit von Uropa Odilo und Opa Hildebrand! Ende mit Vaters Neo-Nazi-Ballast! Endlich sich freimachen – zumindest ideologisch! (Haralds Brandrede klang zumindest sehr überzeugend. Inwieweit sie der Wahrheit entsprach, bleibe dahingestellt.)

Helmut konnte dem um fünf Jahre jüngeren Kollegen, dessen Bewerbung er kurze Zeit zuvor wärmstens befürwortet hatte, nur voll inhaltlich beipflichten. Wenngleich es ihm naturgemäß erspart blieb, die politische Haltung seiner eigenen Altvorderen, von Großvater Gilbert und Vater Ulrich (und noch weiter zurück, nach Czernowitz, respektive nach vorne, bis zu sich selbst) in Frage zu stellen. Nein, da musste man erst gar keinen gröberen Makel suchen.

Kurz: Helmut hatte in seiner Funktion in der Führung der Vita-Fort AG., eines internationalen, börsennotierten Agrar-Konzerns, für die Anstellung des intelligenten und alerten jungen Mag. Harald Kainsberger gestimmt. Ja, er hatte das Engagement des sympathischen Burschen sogar nach Kräften forciert. Man tue da einen guten Griff, äußerte er sich.

Doch auch über das Dienstliche hinaus herrschte zwischen den beiden Männern, Harald Kainsberger und seinem Vorgesetzten Helmut Abelmann, bald ein durchaus freundschaftlicher Ton. Zudem trennten sie nicht einmal musikalische Vorlieben oder Aversionen, wie sie etwa bei den Vätern, Gustav und Ulrich, auf der ominösen Zugfahrt anno 1958 nach Wien in so peinlicher Weise zu Tage getreten waren: Swing, Elvis und klassisches Wiener-Lied versus deutschen Schlager oder gar beschissenen NS-Gesang …

Privatim verstanden die beiden einander also wie dienstlich. Und auch in eher delikaten Fragen herrschte bald schon Gleichklang, etwa: Was die prinzipielle Positionierung des Konzerns betraf. Darin also, dass auch bei der vorgeblich so korrekten Vita-Fort längst nicht alles Gold sei, was da so verführerisch glänze. Besonders in Umweltfragen sowie bezogen auf den – nicht selten unklaren – Ursprung der zu verarbeitenden Produkte, den späteren Handel damit und die diversen börsentechnische Usancen. (Sie sprachen in diesem Zusammenhang gern von Börsen-akkurat, übrigens einer Worterfindung Haralds. Oder von Moral-elastisch, wie Helmut sich auszudrücken pflegte. Denn leider taten sich hier nicht selten Abgründe auf, wie es Abelmann, ein wenig pompös, zu definieren liebte.)

Gewiss gab es, auch wenn man ganz oben solches rundweg bestritt, gerade auch auf dem Lebensmittelsektor der global agierenden Firma sehr wohl dubiose Verbindungen etwa hin zu Nestlé (nämlich über die von diesem unersättlichen Riesen längst schon aufgesogenen Schweizer Schokolade-Herstellern mit Tradition, Lindt & Sprüngli …) Außerdem mischte die Vita-Fort gewaltig in der europäischen Saatgut-Produktion mit. Und überhaupt: Musste nicht jeder denkende Mensch merken, dass es in der internationalen Wirtschaft so nicht weitergehen könne? Und auch sonst. (Die Lunte war jedenfalls längst schon am Glosen …)

Aber, um es nochmals zu betonen, Abteilungsboss Helmut Abelmann und sein engster Mitarbeiter, der verlässliche und geschickte Harald Kainsberger, verstanden einander blendend. Und auch die beiden Familien traten alsbald in engeren Kontakt.

Dass Kainsberger seit längerer Zeit schon für einen US-Konzern spioniert, wird erst viel später (nach dem Ende dieser Geschichte) herauskommen. Auch dass er – noch später dann – in einem chinesischen Gefängnis landen wird.

Nun zum guten Ende also.

Jedenfalls: Wenn ein Familienmitglied im Hause Abelmann, etwa Helmut selbst, seine Frau Marlene oder die Kinder Monique und Kelvin (oder früher, als sie noch gelebt hatte, Helmuts Mutter Marianne), an dem Bild, das neben den vielen Fotografien im Esszimmer hängt, wenn also wer an dem überdimensionalen, alles dominierenden Bildwerk mit dem ledernen Passepartout im goldenen Rahmen, vorbei geht, dann verfolgt das eine Auge, das darauf ziemlich zentral abgebildet ist, den Betreffenden. Das wird zwar nicht direkt als unangenehm empfunden; aber so ganz ohne ist es auch nicht. (Und dabei verfügt das eigentliche Konterfei des erst in Mauthausen inhaftierten, zuletzt im Konzentrationslager Auschwitz vergasten Gilbert Abelmann über gar keine besonderen Dimensionen; zierte es doch als Tätowierung lediglich, bis zu dessen Ableben im Jahr 1998, die nicht allzu breite Brust seines Sohnes Ulrich …)

Nun, ob es wirklich eine so besonders gute Idee gewesen war, nach Vaters Tod, die Tätowierung auf Ulrichs Brust (mühsam genug!) abnehmen und auf Holz spannen zu lassen? Aber – schließlich war Onkel Otto Heinrich Mohnmüllner in der Tat ein genialer Maler – und Tattoo-Künstler – gewesen. (Auch wenn ihn die gängigen Kunstgeschichten geflissentlich übergingen und die Experten mehrheitlich totschwiegen.)

O. H. M. war immerhin noch einer der wenigen gewesen, die tatsächlich als Kopist und Fälscher den Fauvismus (wie auch viele andere an Stilen) gleichsam im kleinen Finger gehabt hatten. (Und wenn man schon den alten Ulrich Abelmann einzuäschern sich anschickte, so wollte die Familie wenigstens dieses besondere Bild Gilberts aufbewahren. In Ehren und zum lebendigen Angedenken an beide Abelmanns, sozusagen, an Vater und Großvater (Sohn und Vater), mochte es an die Wand gehängt werden, das seltsame Stück Pseudo-Fauvismus von Otto Heinrich Mohnmüllner (1898 – 1965).

Fauvismus? Die Bezeichnung geht auf die ersten ablehnenden Kritiken zurück, die diesbezügliche Arbeiten von Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Henri Matisse, aber auch von Karl Schmidt-Rottluff, Herbert Boeckl, Raoul Dufy oder von Franz Marc und August Macke als von fauves, von wilden Tieren geschaffen abqualifizierten.

Anders als etwa der Impressionismus und – etwas abgeschwächt – auch der Expressionismus brachte es indes der Fauvismus bisher zu keiner ordentlichen Renaissance. Und schon gar zu keiner, die O. H. Mohnmüllner betroffen hätte. (Manche Genies gehen nun einmal allem Anschein nach immer leer aus.)

Der Blick. Nicht alle, aber immerhin die Sensibleren spürten diesen leicht stechenden Blick im Rücken, dort, wo sich ihnen der Tattoo-Blick Gilbert Abelmanns hineinbohrte. Irgendwie vorwurfsvoll wirkte dieses Piksen. Doch wenn man sich rasch umdrehte, dann war da bloß das kaum deutbare (spöttische?) Lächeln um den Mund des längst toten Verwandten. (Soweit sich an fauvistischen Gesichtern Gefühlsregungen überhaupt so genau orten lassen …)

Freund Harald Kainsberger jedenfalls, der mit seiner Gattin Verena vor kurzer Zeit wieder einmal zum Dinner bei ihnen zu Besuch war, bat, sich auf die andere Seite des Esstisches setzen (oder mit seiner Frau den Platz tauschen) zu dürfen; er halte den Blick des tätowierten Vater-Konterfeis einfach nicht in seinem Rücken aus. Und man gestattete es ihm selbstredend. (Auch wenn man sich ohnehin darüber einig war, da man alles über die eigene Vergangenheit und die der Verwandten wusste, dass es keinerlei Sippenhaftung gäbe.)

Überhaupt – jetzt. Helmut Abelmann selbst, zwar nicht in nennenswertem Ausmaß vom intensiven einäugigen Blick der tätowierten (und abgezogenen) Vaterhaut gestochen wie viele andere, bemerkte mittlerweile auch schon, er befinde sich zusehends im Zustand des allmählichen Absterbens. Ja, und dieses Dahinwelken und Verdorren hatte irgendwann begonnen. Weitgehend unbemerkt. (Wenn nicht ohnedies schon bei der Geburt oder unmittelbar danach.)

Und jetzt – war er 46. Erst wanns aus wird sein / mit aner Musi und mit’n Wein. Genau, Hans Frankowski und Franz Prager, die hatten völlig recht. Nur: Im Unterschied zu Vater Ulrich (und dadurch: Großvater Gilbert) bliebe von ihm, von Helmut selbst, nicht einmal ein pseudo-fauvistisches Konterfei auf einem Stück Haut zurück. Nichts. Rein gar nichts.

Schon gar kein Tattoo mit stechendem Einaugenblick.

Gut, seinen desinteressierten Kindern Monique und Kelvin hatte Helmut vermutlich wenigstens portionsweise etwas von seinen Genen mitgegeben (oder hinterlassen, vererbt). Aber sonst? (Da herrschte wohl – man möge ihm den Kalauer verzeihen – genende Leere …)

Czernowitz und die Bukowina, Großvaters Mauthausen und Auschwitz, Vaters bis zuletzt misstrauisch beäugte Germanistik und die offensichtlich mehr sein Vertrauen erweckende Geschichte plus, ganz wichtig: die Vater-Tätowierung, der eigene betriebswirtschaftliche Werdegang, Familie und Karriere – alles dahin und alsbald dem Vergessen anheimfallend. (Von allem, was vor Czernowitz, Bukowina et cetera lag, ganz zu schweigen.)

Ja, er hatte nichts anderes zu tun – es blieb ihm gar nichts übrig -, als den Zustand des kontinuierlichen Absterbens zu akzeptieren. Ihn hinzunehmen.

Widerwillig, aber im Bewusstsein, dass es nun einmal keine Alternative gab.

Also sah er das Vater-Antlitz, dieses abgezogene Stück Haut, immer wieder an. (Meist ein Glas eines guten alten Malt in der Hand, als Stütze.)

Nun ja.

Zumindest Helmut mochte dieses Artefakt. Und er hätte selbst dann, seinen Mohnmüllner nicht hergegeben, wenn er ein attraktives Angebot für das Bild bekommen hätte. Doch diese Gefahr bestand realistischer Weise ohnehin nicht.

Nun ja.

E N D E

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